Das Verhältnis von genetischer Fixierung und sozialer Bedingtheit aggressiven Verhaltens


Hausarbeit, 2002

22 Seiten, Note: -bestanden-


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Die Aggression als biologischer Instinkt
2.1 Die Art erhaltende Funktionen des Aggressionstriebes
2.2 Die angeborene Tötungshemmung
2.3 Das energetische Triebmodell

3 Die Aggression als Folge von Frustrationen
3.1 Die Grundannahmen der Frustrations-Aggressions-Hypothese
3.2 Die Zusatzannahmen der Frustrations-Aggressions-Hypothese

4 Die Aggression als Ergebnis von Lernprozessen
4.1 Das Modell des instrumentellen Lernens
4.2 Das Lernen aggressiven Verhaltens am Modell

5 Diskussion

6 Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Innerartliches Feindverhalten in Gestalt von Krieg und Aggression ist ein weitverbreitetes und nach wie vor aktuelles Phänomen in der Menschheitsgeschichte (Eibl-Eibesfeldt, 1986). Weil aber den Menschen auch der Wunsch nach Harmonie und Frieden innewohnt, drängt sich fast zwangsläufig die Frage auf, warum sich im Menschen überhaupt angriffsbereite Einstellungen entfalten, die unter gewissen Bedingungen die verschiedensten Formen feindseligen Verhaltens – ausgehend von der emotionalen Verletzung bis hin zur Schädigung oder Zerstörung von Gegenständen, Menschenleben, ja sogar ganzen Völkern – nach sich ziehen können.

Die wissenschaftliche Diskussion um den Ursprung menschlicher Aggression wird durchaus kontrovers geführt. Ethologisch und psychoanalytisch orientierte Forscher sehen aggressives Verhalten wegen der grundlegenden Natur des Menschen endogen verursacht (Vgl. Lorenz, 1984; Freud 1985). Andere beziehen die Rolle des Lernens und der Erfahrung menschlicher Umwelten bei der Entfaltung aggressiven Verhaltens in ihre Überlegungen mit ein (Vgl. Bandura, 1965; Dollard, Doob, Miller, Mowrer & Sears, 1970, Berkowitz 1993)

Im Rahmen dieser Arbeit werde ich zunächst drei wissenschaftliche Hauptpositionen zu diesem Thema darstellen.

Den Auftakt bildet dabei das Triebmodell von Lorenz (1984). Er kam nach zahlreichen Beobachtungen am Tier zu der Erkenntnis, dass aggressives Verhalten genetisch vorprogrammiert ist. Untermauert werden seine Untersuchungsergebnisse durch humanethologische Entsprechungen, die Eibl-Eibesfeldt (1985, 1986) u.a. in kulturvergleichenden Studien fand.

Dollard, Doob, Miller, Mowrer & Sears (1970) betrachten die Aggression hingegen als Folge von Frustrationen. Das von ihnen ausgearbeitete Frustrations-Aggressions-Modell werde ich anschließend schildern.

Den Abschluss meiner Darstellung wissenschaftlicher Befunde aus dem Bereich der Aggressionsforschung bilden die lerntheoretischen Ansätze. Bandura betont in diesem Zusammenhang besonders die Wirkung des Modell-Lernens. Beschrieben wird aber auch der Prozess des operanten Konditionierens aggressiver Verhaltenstendenzen. Dabei nehme ich Bezug auf die lerntheoretischen Erkenntnisse von Thorndike (1970).

Im dann folgenden Diskussionsteil vertrete ich die Ansicht, dass das Potential aggressiv zu handeln und der Ausdruck aggressiven Verhaltens angeboren sind, während die qualitative und quantitative Intensität, in der Aggressionen letztlich gelebt werden, erworben sind und nicht losgelöst vom sozialen Kontext, in dem sie auftreten, betrachtet werden können. Es erscheint mir daher sinnvoll, zu einer integrativen Betrachtung aggressiven Verhaltens zu finden, die allen Ansätzen gleichermaßen gerecht wird.

2 Die Aggression als biologischer Instinkt

Aus ethologischer und humanethologischer Perspektive ist Aggressivität als ein aktives, aus inneren Antrieben resultierendes und damit angeborenes Verhalten zu charakterisieren. Zu den bekanntesten Vertretern dieser Ansicht zählt Lorenz. Er definierte die Aggression als einen „auf den Artgenossen gerichteten Kampftrieb von Tier und Mensch“ (1984, S. 9), „als Instinkt, (der) (...) wie jeder andere und unter natürlichen Bedingungen (...) lebens- und arterhaltend“ (ebd., S. 10) wirkt und demnach eminent wichtige Funktionen erfüllt:

2.1 Die Art erhaltende Funktionen des Aggressionstriebes

Erstens gilt es, die Individuen einer Art so gleichmäßig wie möglich auf einen ihren Bedürfnissen entsprechenden verfügbaren Lebensraum zu verteilen, denn nur so ist für das einzelne Individuum die optimale Nahrungsversorgung und die bestmögliche Aufzucht der Jungen gewährleistet. Die innerartlichen Territorialkämpfe beschreibt Lorenz (1984) eindrucksvoll am Beispiel der Korallenfische, die zwar nicht mit Artgenossen, wohl aber mit anderen nicht minder aggressiven Fischarten friedlich zusammenleben können, weil diese wegen ihrer andersartigen Bedürfnisse nicht als Nahrungskonkurrenten gelten.

Das Territorialverhalten macht natürlich für solche Tiere, die nicht territorial leben, sondern nomadenhaft organisiert sind, wie etwa die großen Huftiere, wenig Sinn. Trotzdem können auch hier Lorenz (1984) zufolge innerartliche Aggressionen beobachtet werden. Rivalenkämpfe haben dabei den Sinn, dass immer nur die stärksten Tiere einer Art zur Fortpflanzung kommen und entsprechend kräftige Nachkommen zeugen. Außerdem können kräftige Eltern ihre Nachkommen auch am wirkungsvollsten vor Fressfeinden schützen.

Viertens führen Aggressionen im Tierreich dazu, dass sich in der sozialen Organisation einer Art stabile Rangordnungen bilden, deren Sinn unter anderem darin besteht, dass unnötige Aggressionen zwischen unterschiedlich starken Individuen einer Art vermieden und somit schwache Tiere geschützt werden.

Auch Menschen reagieren u.a. dann aggressiv, wenn es darum geht, ein von ihnen genutztes Territorium zu verteidigen. Schon kleine Kinder verteidigen ihren Platz an der mütterlichen Brust und später auch ihren Sitzplatz am Tisch (Eibl-Eibesfeldt, 1985). Bei Erwachsenen geht der Abwehrkampf unter Umständen so weit, dass ein Buschmann, der auf fremdem Territorium jagt oder erntet „sicher sein (kann), daß ihn eines Tages ein vergifteter Pfeil treffen wird“ (Vedder, 1937, S. 435, zit nach Eibl-Eibesfeldt, 1986, S. 424). Da es dem Menschen aber bei seinen aggressiven Akten nicht um die Ausschaltung des Rivalen geht, gibt es auch subtilere Verfahren, ein Territorium zu verteidigen. Eibl-Eibesfeldt (1986) führt an, dass bei den Kukukuku in Papua-Neuguinea und bei den Eipo in West-Neuguinea die Gebeine der Verstorbenen, die auf Plattformen oder über hängenden Felsen bestattet werden, den Besitz der noch Lebenden bewachen. Auf die Weise werden zwar nicht alle Konflikte, wohl aber jene, die sich auf den Landbesitz beziehen, entschärft.

Kämpfe um die Rangordnung sind beim Menschen ebenfalls weit verbreitet. Dabei muss nicht unbedingt Waffengewalt zum Einsatz kommen, wie Eibl-Eibesfeldt (vgl. 1985, 1986) am Beispiel der auf den Vancouver-Inseln in Kanada lebenden Kwakiutl-Indianer zeigt. Die Häuptlinge verschiedener Stämme laden sich von Zeit zu Zeit zum sogenannten Potlatsch ein. Der Gastgeber rühmt dann seinen Reichtum und wie zum Beweis zerstört er seine Besitztümer, wirft sie ins Meer oder ins Feuer und beschenkt seine Gäste großzügig, dies jedoch nicht im Bestreben sie zu erfreuen, sondern in der Absicht sie zu beschämen. Das Geschenk wird so zur Waffe, zum Mittel zum Zweck, die eigene Vormachtstellung zu demonstrieren, ohne den Gegner wirklich zu verletzen.

Die Eingeborenen der Trobriand-Inseln bemühen sich, so viele und so große Yams-Wurzeln wie möglich zu ernten und stellen diese im Dorf zu Bergen aufgeschichtet zur Schau. Derjenige mit der größten Ernte und den schönsten Wurzeln wird vom Dorfoberhaupt prämiert und genießt das höchste Ansehen.

Diese und weitere von Eibl-Eibesfeldt (1986) beschriebenen Wettkämpfe führen zur Herausbildung einer Rangordnung, zu hierarchischen Rollensystemen, die bei Entscheidungsfindung und Aufgabenbewältigung Konflikte zu vermeiden helfen.

2.2 Die angeborene Tötungshemmung

Aggressionen könnten, selbst wenn sie im Dienste des Arterhalts stehen, bei Tieren mit spitzen Zähnen oder großem Geweih zu ernsthaften Verletzungen und letztlich zu einer Dezimierung der Art führen. Dieses Paradoxon wird im Tierreich dadurch gelöst, dass „der im allgemeinen nützliche, ja unentbehrliche Trieb (...) unverändert (...) belassen, für den Fall aber, in dem er sich schädlich auswirken könnte, ein ganz spezieller ad hoc gebauter Hemmungsmechanismus eingesetzt“ (Lorenz, 1984, S. 134) wird. Das heißt, Aggressionen zwischen Individuen einer Art werden durch ebenfalls instinktive Tötungshemmungen eingedämmt. Rangordnungskämpfe werden mit imposanten Drohgebärden eingeleitet. Lorenz (1984) beschreibt u.a. das Imponiergehabe der Knochenfische, die durch das Abspreizen der Flossen eine ausgeprägte Größe und Angrifflust demonstrieren, um den Gegner schon im Vorfeld eines Kampfes abzuschrecken. Kommt es dennoch zu einem Kampf, so nicht in der Absicht, den Gegner zu eliminieren, sondern um die eigene Überlegenheit unter Beweis zu stellen. Lorenz schildert in diesem Zusammenhang nicht nur den Maulkampf der Labyrinthfische, sondern auch den Geweihkampf der Damhirsche, bei dem (...) schließlich der gewonnen hat, der es länger aushält“ (1984, S. 139 f). Wird es dennoch für einen der Rivalen gefährlich, so kann er den Kampf mit einer Demutsgeste beenden. Wölfe etwa bieten ihrem überlegenen Gegner ihre ungeschützte Kehle dar, Hunde ihren nackten Bauch.

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Details

Titel
Das Verhältnis von genetischer Fixierung und sozialer Bedingtheit aggressiven Verhaltens
Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
-bestanden-
Autor
Jahr
2002
Seiten
22
Katalognummer
V24610
ISBN (eBook)
9783638274432
Dateigröße
529 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Verhältnis, Fixierung, Bedingtheit, Verhaltens
Arbeit zitieren
Anja Rosner (Autor), 2002, Das Verhältnis von genetischer Fixierung und sozialer Bedingtheit aggressiven Verhaltens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/24610

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