Die Dreiteilung der Historie und Kulturkritik Nietzsches in den "Unzeitgemäßen Betrachtungen II"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

11 Seiten, Note: gut


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die monumentalische Historie

3. Die antiquarische Historie

4. Die kritische Historie

5. Schlussbemerkung

6. Literatur

1. Einleitung

"Leben - das heisst: fortwährend Etwas von sich abstossen, das sterben will; Leben - das heisst: grausam und unerbittlich gegen Alles sein, was schwach und alt an uns, und nicht nur an uns, wird. Leben - das heisst also: ohne Pietät gegen Sterbende, Elende und Greise sein? Immerfort Mörder sein? - Und doch hat der alte Moses gesagt: 'Du sollst nicht tödten!'"[1] So antwortet Friedrich Nietzsche (1844-1900) im vorgefassten Kommentar zu "Also sprach Zarathustra" (1883-1885) auf die grundlegende Frage nach dem Wesen des Lebens. Es ist das Gesetz des Lebens, dass neue Lebensinhalte sich nur dann durchsetzen können, wenn im gottlosen Zeitalter der Zukunft zuerst die alten Gestalten der Wahrheit "grausam und unerbittlich" vernichtet werden. "Das höchste Gesetz des Lebens, von Zarathustra formulirt, verlangt, daß man ohne Mitleid sei mit allem Ausschuß und Abfall des Lebens, - dass man vernichte, was für das aufsteigende Leben bloß Hemmung, Gift, Verschwörung, unterirdische Gegnerschaft sein würde".[2] Das Leben besteht aus einem unaufhaltsamen Versuch zur Destruktion der alten und "sterbende(n)" Wahrheiten und zur Konstruktion neuer lebens- und zukunftsorientierter Wahrheiten. Die Auseinandersetzung mit der Lebensproblematik beschränkt sich im Grunde nicht auf eine bestimmte Phase der schöpferischen Tätigkeit Nietzsches. So stellt Theodor Meyer in seinem Buch "Nietzsche und die Kunst" mit vollem Recht fest, dass „sein ganzes Denken und Schaffen“ in der Wurzel „vom Phänomen und Begriff des ‚Lebens’“ geprägt war.[3] Das Leben steht schon zwölf Jahre vor der Entstehung der "Fröhlichen Wissenschaft" (1882) bereits im Mittelpunkt des Nietzscheschen Interesses. Seine unzeitgemäßen Betrachtungen mit dem Titel "Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben" (1874) sind ein triftiger Beweis für die Feststellung Meyers.

In den ersten drei Abschnitten dieses Werkes stellt Nietzsche eine Typologie von verschiedenen Arten der Geschichtsbetrachtung dar. Seiner Ansicht nach betrachten die tätigen, bewahrenden und kämpfenden Menschen die Geschichte auf ihrer jeweiligen Art und Weise und leisten so ihren Beitrag im Dienste des Lebens und zur Gestaltung der Zukunft der Menschen. Das Grosse, das in der Vergangenheit da gewesen ist, könne eine Vorbildfunktion für die tätigen Menschen haben und sie zum Schaffen einer großen Gegenwart und zur Gestaltung der Zukunft anregen. Das Grosse der Vergangenheit könne aber auch Gegenstand der Verehrung der bewahrenden Menschen werden und so der Aufbewahrung heimatlicher Sitten und Bräuche dienen. In beiden Fällen könne die Beschäftigung mit der Geschichte dem Leben der Menschen und der Zukunft der Völker dienen. Aber das Leben könne auch durch die Vernichtung des vergangenen Grossen gefördert werden. So können die kritischen Menschen Freiheit zum Schaffen eines neuen Grossen gewinnen. Die geschichtliche Vergangenheit könne dem Leben also auf drei unterschiedliche Weisen dienlich sein.

Die historische Bildung habe jedoch nicht nur Vorteile für das Leben. Die Auseinandersetzung mit den Nachteilen der Historie für das Leben bildet eigentlich den Kern seiner Überlegungen. Im folgenden soll der Versuch unternommen werden, das Herzstück von Nietzsches Historienschrift auf den Grund zu gehen. Meine Arbeit will durch eine nähere Behandlung der Auffassungen Nietzsches von der monumentalischen, antiquarischen und kritischen Art der Historie die positive und negative Wirkung dieses Phänomens auf das Leben aus seiner Perspektive erläutern.

2. Die monumentalische Historie

Die tätigen und strebenden Menschen können sich naturell mit ihrer Gegenwart nicht zufrieden geben. Ihr tiefer Glaube gelte der kommenden Zeit, und dieser Glaube dränge sie tagtäglich zur neuen Tat und der ständigen Überwindung und Übersteigerung des eigenen Selbst. Solche Menschen hätten, nach Nietzsche, eine monumentalische Betrachtung der Vergangenheit nötig, um „Anreizungen zum Nachmachen und Bessermachen“[4] zu finden. Um Großes zu schaffen, müssten diese Menschen nach den vergangenen Grossen schauen und dadurch Kraft und Mut zum neuen und besseren Schaffen schöpfen. So könne die historische Bildung ihnen dazu dienen, die Gegenwart und Zukunft herrlich zu gestalten:

[...]


[1] Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft (3), 400.

[2] Nietzsche, Nachgelassene Fragmente (13), 594.

[3] Meyer, 18.

[4] Nietzsche, Unzeitgemäße Betrachtungen (1), II, 258.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Die Dreiteilung der Historie und Kulturkritik Nietzsches in den "Unzeitgemäßen Betrachtungen II"
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg  (Philosophie)
Note
gut
Autor
Jahr
2003
Seiten
11
Katalognummer
V24868
ISBN (eBook)
9783638276405
Dateigröße
504 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Dreiteilung, Historie, Kulturkritik, Nietzsches, Unzeitgemäßen, Betrachtungen
Arbeit zitieren
Sakine Azodanlou (Autor), 2003, Die Dreiteilung der Historie und Kulturkritik Nietzsches in den "Unzeitgemäßen Betrachtungen II", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/24868

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Dreiteilung der Historie und Kulturkritik Nietzsches in den "Unzeitgemäßen Betrachtungen II"



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden