Paradies oder Apokalypse. Eine Skizze der Imaginationen und Paradigmen der 'Wissenschaftsreligion' mit besonderer Betonung der Atomdebatte in den fünfziger Jahren


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002
38 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die diskursiven Paradigmen der „Wissenschaftsreligion“
2.1 Eschatologie und Schicksal: Religiöse und mythologische Bezüge
2.2 Die zwei Seiten der Medaille und der faustische Forscher: Die Zweieinheit von Fortschritt und Rückschritt und die Wahl zwischen Fluch und Segen
2.3 Der Cultural Lag oder Warum die Menschen zu langsam sind
2.4 Der Übermensch und die prometheische Scham
2.5 Erdentwertung oder Warum wir so klein und nichtig sind

3. Schlusswort

4. Literaturliste

1. Einleitung

Die Wissenschaft scheint uns eine Welt des Lichts. Einst erhoben gegen die dunklen und reaktionären Kräfte der Vergangenheit, trat sie als Aufklärerin in die Welt, um

frei von mythischem Nebel oder religiöser Verklärung nach Wahrheit und Erkenntnis zu suchen. Nüchtern und skeptisch, rational und vernunftgemäß, exakt und systematisch scheint sie der einzige Bereich, der seinen Fortschritt allein durch den Versuch sichert, die eben gewonnenen Erkenntnisse gleich wieder zu falsifizieren. Trotz der Bomben von Hiroshima und Nagasaki, trotz all der Skepsis um Genforschung, künstliche Intelligenz oder Nanotechnologie gilt sie auch weiterhin als Produzentin von Wahrheit, als Funktionserfüllerin der Suche nach Erkenntnis, als Enthüllerin der verborgenen Geheimnisse. Die Menschheit hat gelernt, damit umzugehen, dass diese Wahrheit manchmal hart sein kann – doch wer sonst außer der Wissenschaft könnte sie uns zeigen? Mythos und Religion, Utopie und Imagination scheinen innerhalb ihrer exakten Methoden und rationalen Prozesse keine Rolle zu spielen, sind allenfalls schmückendes Beiwerk motivierender Laborgespräche, aber kein Teil des aufgeklärten, wissenschaftlichen Diskurses.

Der vorliegende Beitrag möchte zeigen, dass dem nicht so ist und dass die Wissenschaft spätestens seit der Entdeckung der Kernspaltung und frühestens seit der kopernikanischen Wende sowohl in ihrem internen Diskurs als auch in der Kommunikation mit „der Öffentlichkeit“ den Blick durchgängig von den konkreten Vorgängen in den Labors des Hier und Jetzt ab- und in die Zukunft wendet, eine imaginäre Zukunft gleichsam, die sich in den Argumentationsmustern der Forscher nur allzu oft im mythischen, religiösen oder metaphysischem Rahmen mit der Vergangenheit der Menschheit und allumfassenden Erklärungsmodellen ihres Schicksals verknüpft.

Wissenschaft - das ist auch ein Glaubenssystem. Eines, das spätestens seit der Atombombe auf Hiroshima in Bedrängnis geriet und die Dialektik seines „Fortschritts“ rechtfertigen und erklären musste. Wirft man einen Blick auf diesen Diskurs der Wissenschaft, schälen sich nach und nach deutlich die roten Fäden der Argumentation heraus, welche die Imaginationen der Forscher gesponnen haben. Im folgenden gilt es, den imaginativen Diskurs der Wissenschaft rund um diese argumentativen Leitmotive ein wenig zu skizzieren. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf dem Diskurs um die Atomkraft in den fünfziger Jahren, jedoch wird es unerlässlich sein, auch immer mal wieder einen Blick auf andere Forschungsbereiche und Zeitabschnitte zu werfen, um die Kontinuität der konstatierten Leitmotive und ihre feste Verankerung im gesamten Diskurs der Wissenschaft (und nicht nur im atomaren Diskurs) zu verdeutlichen.

2. Die diskursiven Paradigmen der „Wissenschaftsreligion“

Die diskursiven Paradigmen einer Wissenschaft, die mit und durch die Imagination lebt, erscheinen mir die folgenden zu sein:

- Eschatologie und Schicksal: Religiöse und mythologische Bezüge
- Die zwei Seiten der Medaille und der faustische Forscher: Die Zweieinheit von Fortschritt und Rückschritt und die Wahl zwischen Fluch und Segen
- Der Cultural Lag oder warum die Menschen zu langsam sind
- Der Übermensch und die prometheische Scham
- Erdentwertung oder Warum wir so klein und nichtig sind

Werfen wir also nun einen Blick auf diese Paradigmen des wissenschaftlichen Diskurses, der seinen Blick nicht nur im wörtlichen Sinne allzu oft zu den Sternen gerichtet hat.

Als Lesehinweis sei angemerkt, dass Betonungen oder Akzentuierungen meinerseits durch kursiv gedruckte oder ohne weitere Quellenangaben in Anführungszeichen gesetzte Stellen angezeigt werden.

2.1 Eschatologie und Schicksal: Religiöse und mythologische Bezüge

„... Der Herrgott, der ins Menschenherz den unerschütterlichen Wunsch nach Wissen legte, hatte nicht die Absicht, dem Eroberungsdrang des Menschen eine Grenze zu setzen, als er sagte: ‚Macht euch die Erde untertan‘.“[1]

So sprach Papst Pius XII. 1956 auf dem Astronautenkongress in Rom und belebte damit ein Paradigma, dessen Fundament schon in den Hallen der Londoner Royal Society des späten 17. Jahrhunderts gelegt wurde, wo die „christlichen Virtuosen“ an einer Möglichkeit feilten, den Widerspruch zwischen der christlichen Offenbarung und der Hybris menschlicher Forschung im Bilde der „Gottesschau“ zu schließen.[2] Forschung galt fortan als Offenbarung des Werkes Gottes, als Verstehen und Erkennen des im wörtlichen Sinne „herrlichen“ Uhrwerks und war somit letztlich Gottesdienst, ein eifriges Lernen der Gotteskinder an der Größe seiner Schöpfung. Diese Argumentationslinie wurde dann auch in der frühen Aufklärung in Form der „Physikotheologie“ fortgeführt. So finden wir etwa in der Lyrik des deutschen Dichters Barthold Heinrich Brockes das dominierende Leitmotiv vom „Lesen im Buch Gottes“, von der Erforschung der Naturgesetze als christlich-fromme Handlung:

„Noch jüngst, als ich im Buch der Sternen,

Mit inniglicher Lust, studirte,

Und, voller Ehrfurcht, buchstabirte;

So deucht mich, daß ich hie und da

Und überall geschrieben sah

Den grossen Namen JEHOVA.“[3]

Ausgehend von dieser frühen Umdeutung der Hybris zum Gottesdienst wandelte sich die christliche Einstellung zum Thema Forschung immer zügiger, so dass im 20. Jahrhundert nicht nur der Papst selber, sondern auch ein frommer Jesuit wie Klemens Brockmöller in seinem Werk Christentum am Morgen des Atomzeitalters verkünden konnte:

„Zumal für den Christen sollte in seiner theozentrischen Weltanschauung nicht ein Erschrecken das erste sein, sondern staunendes Erkennen und kraftvolle Bereitschaft zu neuen Möglichkeiten, die der Schöpfer Gott in die Natur hineingelegt hat, damit der Mensch sie entdecken und in Gebrauch nehmen könne...“[4]

Auf ähnliche Weise malte zu Beginn des 20. Jahrhunderts bereits Frederick Soddy - einer der Pioniere der Atomforschung und zusammen mit Rutherford der Entdecker des Strahlungsvorgangs aus der spontanen Umwandlung von Elementen - ein Bild der Forschung im Sinne einer „eschatologischen Wissenschaftsreligion“.[5] Diese interpretiert die Entdeckung der Elementumwandlung als Wiederentdeckung eines ursprünglichen Wissens, welches mit dem biblischen Sündenfall verloren gegangen sei und einst das Paradies begründete. Eine solche Welt unendlicher Fülle sei nun durch die Forschung und Freisetzung infiniter Energie wiederherzustellen, wodurch der Wissenschaft eine bedeutende Rolle in diesem teleologischen Weltbild zukommt. Selbstverständlich kann der lineare Weg der Menschheit auf diese Weise auch in der Apokalypse des jüngsten Gerichts enden, falls die Wiederherstellung des Paradieses nicht gelingen sollte. Soddy - der über Jahrzehnte ein bedeutender und fleißiger Lieferant programmatisch-visionärer Beiträge zu diesem Thema war - räumte in seinen späteren Werken der apokalyptischen Variante die größere Wahrscheinlichkeit ein: „Die gottähnlichste wissenschaftliche Tat des Menschenverstandes seit Menschengedenken“[6] wird ihm so im Jahre 1949 zu einer Schreckensvision, wo er noch 1920 verkündete:

„Von den äußersten Grenzen der physikalischen Wissenschaft zeigt sich in voller

Sicht ein von Sterblichen selbst in Träumen noch nicht betretenes Reich: die Verheißung der Macht, bis jetzt noch verborgene Wunschträume zu erfüllen, des Reichtums und der Energie, die den physischen Existenzkampf beenden - der Kraft, zumindest in hohem Maß aus dem Leben zu machen, was immer in unserem Belieben steht. Selbst der vermutliche Weg dahin ist schon im Umriß zu sehen, der Weg, den der Vortrupp sehr wahrscheinlich verfolgen wird, um das gelobte Land zu betreten.“[7]

Diese Denkfigur einer Avantgarde, welche die Menschheit in das verlorene Paradies zurückführen wird, gehört für David F. Noble zu den elementaren Denkweisen jener Religion of Technology, welche er in gleichnamigem Band (dt. Eiskalte Träume. Die Erlösungsphantasien der Technologen) historisch nachzeichnet. Für ihn ist Wissenschaftsgeschichte die Geschichte von Erlösungsphantasien, die in den Klöstern der Mönchsorden beginnt und den Labors der Neuzeit endet. Die Kerntechnologien der Moderne werden ihm zu religiös-transzendentalen „Technologien gegen die Endlichkeit“[8] auf der Suche nach einem wiederhergestellten Paradies und einem tausendjährigen Reich der menschlich verursachten Gottesherrschaft auf Erden. Die Atomkraft wird so zur Erschließung unendlicher Fülle durch das im wahrsten Sinne des Wortes „elementare“ Geheimnis Gottes, die Raumfahrt zur „Himmelfahrt der Heiligen“[9], die künstliche Intelligenz zur Vision des „unsterbliche(n) Geist(es)“[10] und die Gentechnik zur „Macht, Vollkommenes zu schaffen“[11]. Den „Vortrupp“, welcher diesen Marsch der Menschheit zurück zu ihrem Schöpfer anzuleiten gedenkt, sieht Noble zunächst in den elitären Mönchsorden und ihrem Vorrecht auf „Wahrheit“ und göttliche Erkenntnis, später dann in den großen Entdeckern, welche die irdisch-räumlichen Grenzen auf der Suche nach dem neuen Paradies transzendierten, um dann über die Magier, die akademischen Virtuosen des 17. Jahrhunderts und Geheimbünden wie den Freimaurern zu den Menschen zu kommen, welche sich in der Neuzeit für „die erleuchtete Elite der modernen Zivilisation“[12] halten - den Ingenieuren und Wissenschaftlern. Deren Wirken als Avantgarde einer Wissenschaftsreligion (denen „das Volk“ nunmehr ständig hinterhinkt, vgl. später in diesem Beitrag das Kapitel zum „Cultural Lag“) auf der Suche nach dem verlorenen Paradies wurde in seiner modernen Form maßgeblich im England des 17. Jahrhunderts begründet, wo die ersten weiter verbreiteten englischen Übersetzungen der Bibel eine Flut von „wissenschaftsreligiöser“ Exegese auslöste, welche in Adam den absoluten Herrscher über die Natur sah, der vor dem Sündenfall nicht nur - wie wir schon gesehen haben - mit dem Wissen über die Elementumwandlung, sondern mit allen erdenklichen Kräften und Mächten ausgestattet war, die ihn von jedweder Mühsal befreit und ihn zum ersten „Übermenschen“ gemacht hatten (zum „Übermensch“-Paradigma siehe ebenso späteres Kapitel in diesem Beitrag). Dieses Wissen und diese Allmacht wieder zu erlangen galt als das erklärte Ziel jeder sich als anwendungs- und technikorientiert verstehenden Wissenschaft jener Männer, welche

[...]


[1] In: Sänger, Eugen.: Technische Überwindung des Krieges. Aktuelle Aspekte der Überschallluftfahrt und der Raumfahrt. Hamburg 1958. S.30.

[2] vgl. hierzu Wagner, Friedrich: Die Wissenschaft und die gefährdete Welt. 2., erg. Aufl. München

1964. S. 57ff.

[3] Brockes, Barthold Heinrich: Auszug der vornehmsten Gedichte aus dem Irdischen Vergnügen in Gott.

Faksimiledruck nach der Ausgabe von 1738 mit einem Nachwort von Dietrich Bode. Stuttgart 1965. S.122.

[4] Brockmöller, Klemens: Christentum am Morgen des Atomzeitalters. Frankfurt a.M. 3.

Aufl. 1954. S.88.

[5] Wagner, S. 124.

[6] Soddy, Frederik: The Story of Atomic Energy. London 1949. S.118.

[7] Soddy, Frederik: Science and Life. London 1920. S. 4.

[8] Noble, David F.: Eiskalte Träume. Die Erlösungsphantasien der Technologen. Freiburg 1998. S. 133ff.

[9] ebd. S. 149ff.

[10] ebd. S. 185ff.

[11] ebd. S. 224ff.

[12] Noble, S. 263.

Ende der Leseprobe aus 38 Seiten

Details

Titel
Paradies oder Apokalypse. Eine Skizze der Imaginationen und Paradigmen der 'Wissenschaftsreligion' mit besonderer Betonung der Atomdebatte in den fünfziger Jahren
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Germanistisches Institut)
Veranstaltung
Projekt "Imagination und Kultur"
Note
1,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
38
Katalognummer
V24892
ISBN (eBook)
9783638276603
ISBN (Buch)
9783638815970
Dateigröße
555 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit gibt einen Überblick über die diskursiven Paradigmen dessen, was Kritiker die "Wissenschaftsreligion" genannt haben. Sie zeigt, inwiefern die Wissenschaft spätestens seit der Entdeckung der Kernspaltung und frühestens seit der kopernikanischen Wende nicht bloß rational und aufgeklärt, sondern auch religiös, metaphysisch und mythisch argumentiert und selber zum "Glaubenssystem" wird. Dabei wird u.a. ein Blick auf die kulturkritischen Theorien von Anders, F. Wagner und Adorno geworfen
Schlagworte
Paradies, Apokalypse, Eine, Skizze, Imaginationen, Paradigmen, Wissenschaftsreligion, Betonung, Atomdebatte, Jahren, Projekt, Imagination, Kultur
Arbeit zitieren
Oliver Uschmann (Autor), 2002, Paradies oder Apokalypse. Eine Skizze der Imaginationen und Paradigmen der 'Wissenschaftsreligion' mit besonderer Betonung der Atomdebatte in den fünfziger Jahren, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/24892

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