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Paradies oder Apokalypse. Eine Skizze der Imaginationen und Paradigmen der 'Wissenschaftsreligion' mit besonderer Betonung der Atomdebatte in den fünfziger Jahren

Title: Paradies oder Apokalypse. Eine Skizze der Imaginationen und Paradigmen der 'Wissenschaftsreligion' mit besonderer Betonung der Atomdebatte in den fünfziger Jahren

Term Paper (Advanced seminar) , 2002 , 38 Pages , Grade: 1,0

Autor:in: Oliver Uschmann (Author)

German Studies - Modern German Literature
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Die Wissenschaft scheint uns eine Welt des Lichts. Nüchtern und skeptisch, rational und vernunftgemäß, exakt und systematisch scheint sie der einzige Bereich, der seinen Fortschritt allein durch den Versuch sichert, die eben gewonnenen Erkenntnisse gleich wieder zu falsifizieren. Trotz der Bomben von Hiroshima und Nagasaki, trotz all der Skepsis um Genforschung, künstliche Intelligenz oder Nanotechnologie gilt sie auch weiterhin als einzig rationale Produzentin von Wahrheit. Die Menschheit hat gelernt, damit umzugehen, dass diese Wahrheit manchmal hart sein kann – doch wer sonst außer der Wissenschaft könnte sie uns zeigen? Mythos und Religion, Utopie und Imagination scheinen innerhalb ihrer Methoden keine Rolle zu spielen, sind allenfalls schmückendes Beiwerk motivierender Laborgespräche, aber kein Teil des aufgeklärten Diskurses.

Der vorliegende Beitrag möchte zeigen, dass dem nicht so ist. Wissenschaftlich wie eine Hausarbeit und doch spannend wie ein Krimi enthüllt er, wie die scheinbar rationale Wissenschaft spätestens seit der Entdeckung der Kernspaltung und frühestens seit der kopernikanischen Wende selber religiöse Züge in sich trägt. Wie sie ihren Blick in eine imaginäre Zukunft wendet, diese metaphysisch mit der Vergangenheit verknüpft und sich als Erfüllerin eines Menschheitsschicksals betrachtet.

Wissenschaft - das ist auch ein Glaubenssystem. Eines, das spätestens seit der Atombombe auf Hiroshima in Bedrängnis geriet und die Dialektik seines "Fortschritts" rechtfertigen und erklären musste. Wirft man einen Blick auf diesen Diskurs der Wissenschaft, schälen sich nach und nach deutlich die roten Fäden der Argumentation heraus, welche die Imaginationen der Forscher gesponnen haben. Diese roten Fäden nimmt die Arbeit auf und legt dabei ihren Schwerpunkt auf die Debatte um die Atomkraft in den fünfziger Jahren. Von dort aus schweift der Blick auf andere Forschungsbereiche und Zeitabschnitte und zeigt, dass sich die "Wissenschaftsreligion" im gesamten Diskurs der Wissenschaft (und nicht nur im atomaren Diskurs) finden lässt. Wie damals über die Atomkraft als heiliger Gral unbegrenzter Möglichkeiten gesprochen wurde, wird heute über Gen- und Nanotechnologie geredet. Geschichte wiederholt sich. Wer das weiß, kann auch Bedenken heute weit profunder ausdrücken. Auch dazu darf dieses Büchlein eine Handreichung sein.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die diskursiven Paradigmen der „Wissenschaftsreligion“

2.1 Eschatologie und Schicksal: Religiöse und mythologische Bezüge

2.2 Die zwei Seiten der Medaille und der faustische Forscher: Die Zweieinheit von Fortschritt und Rückschritt und die Wahl zwischen Fluch und Segen

2.3 Der Cultural Lag oder Warum die Menschen zu langsam sind

2.4 Der Übermensch und die prometheische Scham

2.5 Erdentwertung oder Warum wir so klein und nichtig sind

3. Schlusswort

Zielsetzung und Themen der Arbeit

Die vorliegende Arbeit untersucht die Wissenschaft als ein Glaubenssystem, das insbesondere seit der Atombombe auf Hiroshima versucht, seine Fortschrittsdialektik durch mythische, religiöse und metaphysische Deutungsmuster zu legitimieren, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf der Analyse der Atomdebatte der 1950er Jahre liegt.

  • Die Analyse der „Wissenschaftsreligion“ als Diskursform.
  • Die Untersuchung der Ambivalenz zwischen Fortschrittsversprechen und apokalyptischen Ängsten.
  • Die Thematisierung des „Cultural Lag“ als Machtinstrument zur Diskreditierung wissenschaftskritischer Positionen.
  • Die kritische Auseinandersetzung mit Transzendentalphantasien wie dem „Übermenschen“ und der „Erdentwertung“.

Auszug aus dem Buch

Die zwei Seiten der Medaille und der faustische Forscher: Die Zweieinheit von Fortschritt und Rückschritt und die Wahl zwischen Fluch und Segen

Wie immer die Debatten um Nutzung und Wesen der modernen Risikotechnologien verlaufen und verliefen, eine Position war und ist - mit Foucault gesprochen - „nicht sagbar“: Das Ende der Forschung, das Aufgeben der Wissenschaft zur Abwendung der zerstörerischen Kräfte, die sie zugleich immer mitproduziert, gilt und galt trotz Hiroshima, Nagasaki oder später auch Tschernobyl als unhaltbare Position. So ist es absolut repräsentativ, wenn der Leiter des deutschen Atomwaffenvorhabens im zweiten Weltkrieg und selbsternannter Verfechter der „wissenschaftlich-exakten Methode“ als einzig wahrem Humanismus, Gerlach, die rhetorische Frage stellt:

„Soll man deshalb der Forderung zustimmen, die Atomforschung überhaupt abzubrechen? Ein solcher Verzweiflungsschritt wäre gleichbedeutend mit jedem Verzicht auf weitere Erkenntnis, nicht nur auf physikalischem, chemischen, astronomischen Gebiet, sondern auch auf dem der Heilkunde und selbst auf Gebieten der technischen Fertigung und Kontrolle. [...] In tieferem Sinne: Die Naturforschung ist (trotz aller Spezialisierung) eine Einheit; Aufgabe oder Vernachlässigung eines Gebietes bringt sie als Ganzes zum Erliegen. Die Frage ist: Entwicklung der Ethik entsprechend der Entwicklung des Verstandes, oder Aufgeben der Verstandesarbeit (und damit der kulturellen Entwicklung) mit dem Eingeständnis der ethischen Minderwertigkeit.“

Ein Abbruch der Forschung angesichts erwiesener Gefahren wird hier zum „Verzweiflungsschritt“, ein Stoppen der Forschung zum Zugeständnis „ethischer Minderwertigkeit“.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Wissenschaft als vermeintliche Welt des Lichts, die jedoch seit der Kernspaltung und der Atombombe zunehmend in einen religiös-mythischen Diskurs eingetreten ist, um ihre Ambivalenz zu rechtfertigen.

2. Die diskursiven Paradigmen der „Wissenschaftsreligion“: Dieses Kapitel identifiziert und analysiert die zentralen Denkmuster, mit denen die Wissenschaft ihre Rolle als transzendentale Kraft in der Moderne legitimiert.

2.1 Eschatologie und Schicksal: Religiöse und mythologische Bezüge: Hier wird untersucht, wie Forschung als christlich-fromme Handlung und als Weg zur Wiederherstellung eines verlorenen Paradieses interpretiert wurde.

2.2 Die zwei Seiten der Medaille und der faustische Forscher: Die Zweieinheit von Fortschritt und Rückschritt und die Wahl zwischen Fluch und Segen: Dieses Kapitel analysiert die Argumentationsfigur, dass wissenschaftlicher Fortschritt ein unumkehrbares Schicksal sei und die damit verbundene tragische Rolle des Forschers.

2.3 Der Cultural Lag oder Warum die Menschen zu langsam sind: Hier wird dargelegt, wie die These der Rückständigkeit der Gesellschaft gegenüber der Technik als Instrument zur Abwertung wissenschaftskritischer Positionen genutzt wurde.

2.4 Der Übermensch und die prometheische Scham: Dieses Kapitel thematisiert den Drang, den „handelsüblichen“ Menschen durch Biotechnologie oder Kybernetik zu überwinden, um mit der eigenen technischen Schöpfung mithalten zu können.

2.5 Erdentwertung oder Warum wir so klein und nichtig sind: Abschließend wird analysiert, wie die Überbevölkerung als Argument genutzt wurde, um den Blick der Menschheit von der Erde weg auf die Eroberung des Weltraums zu lenken.

3. Schlusswort: Das Schlusswort resümiert die Analyse und stellt fest, dass moderne Technologien wie Gentechnik und KI weiterhin den identischen Mustern folgen, die bereits in der Atomdebatte der 1950er Jahre wirksam waren.

Schlüsselwörter

Wissenschaftsreligion, Atomdebatte, Fortschrittsglaube, Eschatologie, Cultural Lag, faustischer Forscher, Übermensch, prometheische Scham, Technikkritik, Risikotechnologien, Imagination, Atomzeitalter, Transhumanismus, Wissenschaftsethik.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit untersucht die Wissenschaft als ein Glaubenssystem, das mit religiösen und mythischen Narrativen arbeitet, um die Dialektik von technischem Fortschritt und zerstörerischen Konsequenzen zu legitimieren.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Im Zentrum stehen die Diskursmuster der „Wissenschaftsreligion“, die Ambivalenz von Fluch und Segen, die These des „Cultural Lag“, Konzepte der Selbstüberwindung des Menschen sowie die Flucht der Menschheit in transzendentale Weltraumbilder.

Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?

Ziel ist es aufzuzeigen, wie Forscher und Wissenschaftler seit den 1950er Jahren durch spezifische Imaginationen eine „imaginäre Zukunft“ erschufen, um den gesellschaftlichen Diskurs über moderne Technologien maßgeblich zu beeinflussen.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Die Arbeit verfolgt eine diskursanalytische Herangehensweise, wobei sie zeitgenössische Quellen, Literatur, Presseberichte und philosophische Reflexionen (u.a. von Günther Anders und David F. Noble) in einen historischen Kontext setzt.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil analysiert fünf spezifische Paradigmen: Eschatologie, die „Fluch-und-Segen-Logik“, den „Cultural Lag“, das Paradigma des „Übermenschen“ und die „Erdentwertung“ als Strategien der Akzeptanzbeschaffung.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Schlüsselbegriffe sind vor allem Wissenschaftsreligion, Cultural Lag, prometheische Scham, faustischer Forscher und die Dialektik von Fortschritt und Apokalypse.

Welche Bedeutung kommt dem „faustischen Forscher“ in dieser Arbeit zu?

Er fungiert als Symbol für eine Wissenschaft, die sich aufgrund ihrer eigenen systemischen Dynamik nicht aus moralischen Gründen stoppen kann, sondern die zerstörerischen Folgen ihres Tuns als notwendige Bürde akzeptiert.

Warum wird die „prometheische Scham“ als zentrales Konzept für die Gegenwart angesehen?

Sie beschreibt das Gefühl der Unterlegenheit des Menschen gegenüber seinen eigenen Maschinen, was nach Ansicht des Autors den aktuellen Drang zur biotechnologischen Aufwertung und Anpassung des Menschen an die Technik antreibt.

Wie bewertet der Autor den Bezug zur modernen Biotechnologie?

Der Autor zieht eine direkte Parallele: Die heutigen Debatten um Genetik und KI folgen denselben Mustern wie die Atomdebatte der 1950er Jahre, indem sie eine transzendentale Mission für den Menschen propagieren.

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Details

Title
Paradies oder Apokalypse. Eine Skizze der Imaginationen und Paradigmen der 'Wissenschaftsreligion' mit besonderer Betonung der Atomdebatte in den fünfziger Jahren
College
Ruhr-University of Bochum  (Germanistisches Institut)
Course
Projekt "Imagination und Kultur"
Grade
1,0
Author
Oliver Uschmann (Author)
Publication Year
2002
Pages
38
Catalog Number
V24892
ISBN (eBook)
9783638276603
ISBN (Book)
9783638815970
Language
German
Tags
Paradies Apokalypse Eine Skizze Imaginationen Paradigmen Wissenschaftsreligion Betonung Atomdebatte Jahren Projekt Imagination Kultur
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Oliver Uschmann (Author), 2002, Paradies oder Apokalypse. Eine Skizze der Imaginationen und Paradigmen der 'Wissenschaftsreligion' mit besonderer Betonung der Atomdebatte in den fünfziger Jahren, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/24892
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