Rucksacktourismus: Wie viel 'Mensch' verträgt eine Region?


Hausarbeit, 2002

50 Seiten, Note: 1.7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Definitionen
2.1 Tourismus im Allgemeinen
2.2 Massentourismus
2.3 Alternativtourismus
2.4 Sanfter Tourismus

3 Geschichtliche Betrachtungen
3.1 Eine kurze Übersicht über die Geschichte des Tourismus
3.2 Die Entstehung des Alternativtourismus

4 Genauere Betrachtungen zum Rucksacktourismus
4.1 Charakteristische Merkmale
4.2 Motivation
4.3 Klassifizierung der Rucksacktouristen

5 Politische und Ökonomische Aspekte
5.1 Wirtschaftlicher Nutzen des Rucksacktourismus
5.2 Sparbrötchenpolitik
5.3 Alternativreisemarkt und Speerspitzenfunktion
5.4 Politische Lenkung

6 Soziokulturelle Aspekte
6.1 Beispiel San Pedro, Guatemala - Die einheimische Sichtweise
6.2 Interkulturelle Kommunikation
6.2.1 im allgemeinen
6.2.2 in Entwicklungsländern
6.3 Kontaktverhalten
6.4 Kulturwandel
6.5 Der Einfluss auf die Bevölkerung
6.6 Positive Beiträge durch Tourismus

7 Ökologische Aspekte
7.1 Beispiel Madagaskar
7.2 Tourismus und Naturschutzparks
7.3 Bodenerosion, Auswirkungen auf Tiere und das Müllproblem
7.4 Das Flugzeug als Hauptschadensfaktor

8 Lösungsansätze

9 Schlussfolgerung

Literaturangaben

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

In dieser Arbeit möchte ich mich mit dem Rucksacktourismus auseinandersetzen. Dazu versuche ich zu beantworten, wie viel Tourismus dieser Art für eine Region verträglich ist. Erörtert werden soll auch, ob das allgemeine Bild des Rucksacktouristen, welches von ‚besser und anders reisen’ geprägt ist, auch heute noch so gelten kann, und ob die sogenannten Backpacker überhaupt noch bewusster reisen wollen.

Die Frage nach der Verträglichkeit ist nicht einfach zu beantworten, da sie von verschiedenen Aspekten abhängt. Die geographischen und kulturellen Unterschiede, die zeitlich verschobenen touristischen Öffnungen und die Anzahl der Besucher unter anderem, machen ein pauschales Urteil unmöglich. Darum werde ich soziokulturelle, politische, ökonomische und ökologische Gesichtspunkte des Rucksacktourismus im Einzelnen näher betrachten.

Mit der vorliegenden Arbeit bezwecke ich auch Denkanstösse und Anregungen für die eigene Urlaubsgestaltung zu geben, vor allem in Hinsicht auf Sozial- und Umweltverträglichkeit. Konkret werde ich deshalb besonders den FernreiseRucksacktourismus und die allgemeine Eignung von Reisen in Entwicklungsländer untersuchen. Der Rucksacktourismus im Vergleich zum konventionellen Massentourismus soll auch ein Gegenstand der Betrachtung sein.

Aufgrund der vorhandenen Literatur, welche durch subjektive Kategorienbildung und wenig empirische Untersuchungen geprägt ist, kann es zu Wiedersprüchen und Undurchsichtigkeiten kommen. Im Rahmen dieser kurzen Arbeit ist es mir deshalb nicht möglich, eine allgemeingültige Aussage über den gegenwärtigen Rucksacktouristen zu treffen. Sie soll eher einen Überblick über die zahlreich vorhandene Literatur geben. Wenn man sich tiefer mit dem Thema auseinandersetzen will, verweise ich auf das Literaturverzeichnis dieses Beitrages.

2 Definitionen

Verschiedene Interessengruppen wählen bei der Betrachtung des Reisens unterschiedliche Schwerpunkte und Ansätze. Vor allem durch verschiedene Hintergründe und Anliegen der Gruppen ist es offenkundig, dass es keine universelle Definition für bestimmte Tourismusformen gibt. Die Definitionen neigen oftmals zu fehlender Präzision und lassen verschiedene Interpretationsmöglichkeiten zu. Um Missverständnisse von vornherein auszuschließen, möchte ich mit folgenden Definitionen klären, wie die Tourismusarten in diesem Referat zu verstehen sind.

2.1 Tourismus im Allgemeinen

Tourismus kann als Synonym für Fremdenverkehr verstanden werden. Er ist ein Sammelbegriff für alle Erscheinungen, die mit der Reise von Menschen an einen Ort, der nicht ihr Wohn-, Arbeits-, oder Versorgungsort ist, zu tun haben. In diesem Zusammenhang wird darunter auch ein längerfristiger Aufenthalt an jenen Orten verstanden.

2.2 Massentourismus

Beim Massentourismus werden Reiseangebote, zu einem oftmals niedrigen Preis, an eine große Anzahl von Menschen verkauft. Er ist eine durchweg organisierte Reiseform, bei der sich der Tourist den Urlaub von einem Reiseanbieter zusammenstellen lässt und diesen dafür bezahlt.

Die Touristen konzentrieren sich in großen Hotelanlagen, welche von internationalen Konzernen betrieben werden. Sie buchen eine Reise in ein Land mit oftmals fremder, exotischer Kultur, mit der sie vor Ort jedoch nur sehr wenig in Kontakt kommen. Für Einheimische ist der Zutritt in die Hotelkomplexe oftmals verboten, um die Touristen nicht zu „belästigen“ und sie vor Diebstahl zu schützen. Die Lokalbevölkerung profitiert nur selten und in wenigen Arbeitsbereichen davon und muss oftmals viele Nachteile in Kauf nehmen. Die Devisen fließen ins Ausland zurück, weil das Baumaterial, die Arbeitskräfte und die von den Touristen gewünschten Konsumgüter nicht aus der Umgebung stammen. Mit den Urlaubern kommen die Einheimischen lediglich bei Sightseeing-Touren in Kontakt. Massentourismus wird somit als eine sehr beschränkte und einseitige Art des Kulturkontaktes angesehen.

Weitere Begriffe für den Massentourismus sind Pauschal-, Ghetto-, Ressort- und Luxustourismus.

2.3 Alternativtourismus

Anfang der achtziger Jahre kam erstmals der Begriff „Alternativtourismus“ in der wissenschaftlichen Tourismusforschung auf. Die desillusionierenden Folgen des Massentourismus führten dazu, dass die Tourismusforscher Methoden und Richtungen der Tourismusentwicklung kritisierten und viele Erwartungen in den alternativen Tourismus steckten. Auffallend ist allerdings das Fehlen einer einheitlich inhaltlichen Definition und Interpretation dieses Phänomens.

Wenn von „alternativ“ die Rede ist, heißt das für die Welttourismusorganisation „sozialverantwortlich und umweltbewusst“, das Reisebüro nennt es „Exklusivreisen und Abenteuer“, der Bürger glaubt an „selbstorganisiert und spontan“, die engagierte Dritte- Welt-Gruppe versteht darunter „Projektreisen“ und der Student spricht dann von „Viel reisen für wenig Geld“. Dementsprechend weitgefasst wird der Begriff des Alternativtourismus definiert, “…’as forms of tourism that are consistent with natural, social and community values and which allow both hosts and guests to enjoy positive and worthwhile interaction and shared experiences’” [Voigt, Uli (1997)].

Ein gemeinsamer Nenner sämtlicher Begriffserklärungen lässt sich letztendlich nur in der Abgrenzung zum massenhaftem Pauschaltourismus mit all seinen negativen Folgen finden. Obwohl die Reisemotivationen der Alternativtouristen unterschiedlich sind, verbindend sie die gemeinsame Selbsteinschätzung als Nicht-Touristen. Oftmals sind Alternativreisen und Rucksackreisen gleichbedeutend und werden in der folgenden Abhandlung als Synonym für Individual-, Traveller-, Low-Budget-, Alternativ- und Backpackertourismus verwendet. Anzumerken ist noch, dass der Begriff Alternativtourismus im englischsprachigen Raum anders gebraucht wird, als im deutschsprachigen. Im englischen Sprachraum wird unter diesem Begriff weniger „aussteigen“ oder „anders reisen“ verstanden. Vielmehr verbindet man mit ihm „nachhaltig“ und „verträglich“ reisen. Im Deutschen benutzt man für diese Art des Tourismus den Begriff „Sanfter Tourismus“.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Hauptutensil eines Alternaivtouristen: der Rucksack [Internetquelle 5]

2.4 Sanfter Tourismus

Das Konzept des „Sanften Tourismus“ ist nicht wie der Alternativtourismus ein neuer Reisestil, sondern ein eigenständiger Teil der Ökologiebewegung. Das angestrebte Ziel ist das bestmöglichste Zusammenwirken von Mensch, Technik, Natur und Kultur. „Sanfter Tourismus“ wird durch die Worte „nachhaltig“ und „verträglich“ beschrieben. Er beinhaltet einen hohen Erholungswert und einen optimalen, nicht maximalen, Ertrag für alle Beteiligten. Ökologie und Ökonomie sind hier keine Gegensätze. Dieser Tourismus darf aber nicht mit sozialen Nachteilen, kulturellen Schäden und Zerstörung von Natur verbunden sein. Darum sollte der ortsansässigen Bevölkerung ein Mitbestimmungsrecht bei der Tourismusentwicklung in ihrem Land gehören. Als Vordenker des „Sanften Tourismus“ kann der Journalist und Zukunftsforscher Robert Jungk bezeichnet werden. Er entwickelte eine Kontrastliste mit Kriterien, die das „Harte Reisen“ vom „Sanften Reisen“ unterscheidet. Diese Art des Tourismus sollte nicht mit dem Begriff des Ökotourismus verwechselt werden, welcher meistens nur einen Aufenthalt in der Natur jeglicher Art beschreibt.

3 Geschichtliche Betrachtungen

3.1 Eine kurze Übersicht über die Geschichte des Tourismus

Mobilität ist keine Erfindung der industriellen Wohlstandsgesellschaft, sondern hat bestimmend zur Entwicklung der Menschheit beigetragen. Sie kommt in der Geschichte lange vor der Sesshaftigkeit. Zu den ältesten Gemeinschaften gehörten nomadisierende Jäger und Sammler. Erst später vereinten sich die Menschen in Dörfern, aus denen sich allmählich Städte und Handelszentren entwickelten. Und auch hier gab es Reisende, wie unter anderen „...’Pilger und Boten, Kleriker und Studenten, Wanderer und Vagabunden, Bettler und Kranke, Kaufleute, Könige und Päpste’...“ [Voigt, Uli (1997)]. Die Gründe für längere Reisen in dieser Zeit waren materielle, das Reisen war ein Mittel zum Zweck. Im Gegensatz zum modernen Reisen, welches hauptsächlich durch Vergnügen geprägt ist, war das Reisen in früheren Zeiten mühsam und relativ gefährlich. Man war in einer Weise der Natur ausgeliefert, wie wir es uns heute kaum noch vorstellen können.

Gegen Ende des 15. Jahrhunderts begann das „moderne“ Reisen mit den Abenteuerfahrten eines Kolumbus, eines Vespucci oder Magellan, die das mittelalterliche Weltbild weitgehend veränderten und neue Freiräume öffneten. Durch diese Entdeckungsreisen wurde eine unaufhaltsame Entwicklung der europäischen Gesellschaft eingeleitet. Angelockt durch Reichtümer und der Begierde nach Macht ließen die Europäer in kürzester Zeit ganze Zivilisationen untergehen und mit ihnen ganze Lebensräume und gewachsene Kulturlandschaften. „‚Das Elend der Dritte-Welt- Kulturen, das sich heute vielfach im Tourismus manifestiert, begann bereits in jenem Moment, als die Europäer auf der Suche nach Reichtum in ihre Räume strömten, die ihre Lebensgrundlage darstellten, und diese dabei zerstörten beziehungsweise sie so formten, wie es den europäischen Vorstellungen von Raum, Ordnung und Kultur entsprach’“ [Voigt, Uli (1997)].

Mit der Entdeckung Amerikas kam erstmals die Bildungsreise auf, die noch heute den Inbegriff vieler Tourismusutopien darstellt. Als Beispiel sei hier Alexander von Humboldt erwähnt. Die Intention war die Ausweitung des Wissens zur Vervollkommnung des Menschen - ein Gedanke der Aufklärung.

Durch eine Veränderung des Naturbildes, geprägt durch die Schriften von Jean-Jacques Rousseau, wurde es Mitte des 18. Jahrhunderts im Adel üblich, dass junge Männer sich auf Bildungsreisen begaben. Man wollte und sollte sich Wissen zur eigenen Vervollkommnung aneignen. „‚Um Nutzen aus der Reise ziehen zu können, mussten gebildete Persönlichkeiten aufgesucht und über Sitten und Gesetze des Landes ausgefragt werden. Daneben war es ein legitimes Recht der jungen Leute, auf Reisen das Vergnügen zu genießen und sich zu amüsieren. Sie mussten sogar an allen ‚Lustbarkeiten und Festivitäten’ teilnehmen, um den Hof ‚in seiner größten Splendeur’ erleben zu können’“ [Voigt, Uli (1997)]. War Anfangs das Reisen noch zum Vertrautwerden mit der fremden Kultur gedacht, änderte sich der Charakter mehr und mehr hin zu reinem Vergnügen. Diese Bewegung wird als „Grand Tour“ der Adligen bezeichnet.

Zu dieser Zeit begann auch das aufstrebende Bürgertum sich am Reisen zu interessieren. Indem vermehrt die bisherigen Reiseziele des Adels aufgesucht wurden, versuchte man den durch die Revolution begründeten neuen sozialen und wirtschaftlichen Status zu legitimieren.

Anfänge von einer „Demokratisierung“ und „Vermassung“ sind zu erkennen und damit die Vermarktung des Reisens im großen Stil.

Des weiteren bemühte sich der Adel nun andere Orte zu besuchen, um sich von den Bürgerlichen abzugrenzen. Es entstand ein neuer Grundzug der touristischen Reise, nämlich der sozialen und räumlichen Absetzung gegenüber der jeweils unteren Schicht. Dies führte zu periodischen Änderungen der Reiseziele und zur unaufhörlichen Erschließung neuer unberührter Gebiete.

Der Tourismus wurde jetzt auch zu einem zentralen Bestandteil der bürgerlichen Gesellschaft. Es sollten die uneingelösten Wünsche nach Freiheit, Natur, Selbstbestimmung sowie Vergnügen befriedigt werden.

Im ausgehenden 19. Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war Urlaub aber immer noch ein Privileg. Der durchschnittliche Arbeiter konnte sich aus zeitlichen und finanziellen Gründen Ferien nicht leisten. Die Nationalsozialisten benutzten dann erstmals den Urlaub als ein politisches Machtinstrument und boten Kurzurlaube zu günstigen Preisen an.

Der eigentliche touristische Boom setzte dann in der Zeit des Wirtschaftsaufschwunges in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts ein. Es entstanden populäre Ferienziele und durch ein Setzen auf Masse konnten die Preise für den Urlaubsaufenthalt stark gesenkt werden. Wo die Zielorte für den Tourismus zu Beginn noch in der Nähe des Wohnortes lagen, wurden durch mit der Zeit wachsende Budgets, dem Sinken der Flugtarife und ständig billigeren Angeboten sogenannte Fernreisen immer beliebter. Zu beachten ist allerdings, dass sich für eine große Menge der Menschheit an den Reisegewohnheiten nicht viel geändert hat. Die Demokratisierung des Reisens bezieht sich auch heutzutage nur auf einige Industriestaaten. Im Gegensatz dazu wird den Dritte-Welt-Bewohnern das Reisen in unserer Zeit aufgrund von gesetzlichen und finanziellen Barrieren sogar noch erschwert.

3.2 Die Entstehung des Alternativtourismus

Der Vorläufer zahlreicher Ausprägungen des heutigen Alternativtourismus ist die länderabhakende „Grand Tour“ der Jungadligen des 18. und 19. Jahrhunderts. Sie fand allmählich eine Sinnentsprechung in der „Grand Tour“ niedrigerer sozialer Schichten, deren Reisemotivation nicht mehr Bildung sondern Vergnügen war.

Aufbauend auf diese Reiseform war das arbeitsorientierte Tramping junger amerikanischer Männer der Arbeiterklasse. Es war vor allem in dieser Art zu reisen, einer der Wegbereiter zum Individualtourismus. Bis hinein in die dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts war es gesellschaftlich etabliert und als positiv angesehen. Eine Annäherung des Tramping an den Tourismus als freizeit- und genussorientierte Beschäftigung lässt sich durch eine zunehmende Romantisierung feststellen. Durch den Rückgang von Facharbeitern und einem zunehmenden Auftreten von Landstreicherei sank die öffentliche Akzeptanz. Die Tramp-Bewegung verlor den gesellschaftspolitischen Rückhalt und galt von da an als bedenklich und illegal.

Parallelen zum Tramping gibt es bei den amerikanischen „Beats“ in den Fünfzigern mit ihrer „Vision der großen Rucksackrevolution“. Diese kann man inhaltlich als Vorläufer der Hippiebewegung, dem eigentlichen Auslöser für massenhaften Alternativtourismus, ansehen.

Wirtschaftswunder, Kapitalismus und Konsumgesellschaft lösten Ende der sechziger Jahre einen Protest gegen das nachkriegszeitliche Establishment aus. Auf der Suche nach einer besseren Welt beschränkten sich die Hippies nicht nur auf landesinnere Protestkundgebungen gegen die führenden Kreise. Man setzte Zeichen mit der Gründung von „Aussteigerzentren“ und somit wurden Überlandfahrten nach Indien zu den ersten Alternativreisen.

In den 70er Jahren beschränkten sich die „Blumenkinder“ auf wenige Zentren, die gegenüber der Hippie-Lebensart Toleranz zeigten. Die damals politisch links orientierte Gegenkultur versammelte sich in Kabul (Afghanistan), Kathmandu (Nepal), Goa (Indien) und Kuta (Bali/Indonesien). Aber auch in Mittelamerika bilden sich einige dieser Zentren heraus, unter Anderem am Atitlán See Guatemalas, hauptsächlich in Panajachel, in kleinerem Maßstab aber auch in San Pedro. Diese Zentren, außer dem kriegsgeplagten Kabul, sind bis heute erhalten. Und es kamen im Laufe der Jahre noch einige dazu, wie unter anderem Bangkok (Thailand), Jakarta (Indonesien), Singapur und Ho-chi-Minh-Stadt (Vietnam). Somit wurden die Hippies zu den ideologischen Wegbereitern des Alternativtourismus, ohne selbst Touristen sein zu wollen.

Die erste massive Kritik an der Lebensart dieser Aussteiger kam von kirchlicher Seite. Sie verfolgten die bürgerliche Argumentationslinie der Tramping-Opposition mit Anschuldigungen von Drogenmissbrauch, sexueller Unmoral, vernachlässigter Hygiene, Verbrechen, Faulheit und Ausbeutung.

4 Genauere Betrachtungen zum Rucksacktourismus

4.1 Charakteristische Merkmale

Die Charakterisierung der Rucksacktouristen ist nicht gerade einfach. Es steht jedoch fest, dass sie mittlerweile zu einem Massenphänomen geworden sind. Was sie aber sind, lässt sich noch um einiges schwerer beantworten. „Die Klischees vom zivilisationsmüden Aussteiger, der die Konsumwelt hinter sich gelassen hat, sind so überholt wie die Mär vom drogensüchtigen Freak, langhaarig und schutzstarrend.“ [Spreizhofer, Günter (1997)]. Die selbsterkorenen Nicht-Touristen sind meist zwischen Zwanzig und Dreißig. Ihre Bildung ist höher als die des Durchschnittes ihres Landes. Man kann Sie sozusagen zur geistigen Elite der westlichen Welt zählen. Die durchschnittliche Reisezeit übersteigt die übliche Jahresurlaubszeit der industrialisierten Welt beachtlich. Sie reicht von einigen Wochen bis hin zu mehr als einem ganzen Jahr.

Meistens haben die Alternativurlauber einen festen Rückflugtermin, da entweder Vorlesungen an Uni nach einem Freisemester warten oder ein Arbeitsplatz angetreten werden muss. Es gibt aber auch Backpacker, die diesen Reiselebensstil auf unbestimmte Zeit antreten. Eine ganze Reihe dieser Langzeiturlauber verdienen unterwegs ihr Reisebudget, indem sie Vollkornbrot für die anderen Freaks backen, Restaurants eröffnen oder Rauschgift in den Anbaugebieten besorgen und es teuer an den Hippiestränden weitervermachen.

Man findet Individualtouristen in allen Urlaubsgegenden auf der ganzen Welt. Neben den hauptsächlichen Travellerorten Kathmandu, Goa, Kuta und Ho-chi-Minh-Stadt findet man sie auch auf dem Inka-Trail in Peru, an der mexikanischen Pazifikküste oder im Himalayagebirge. Zu den Treffs gehören kleine Pensionen, Hütten am Strand und mittlerweile auch große „authentische“ Bettenburgen in den Orten der Backpacker, in denen man sich trifft, wenn man durchs Land gereist ist. Dort werden dann alte Erlebnisse ausgetauscht und neue Tipps abgeholt. Die Reise muss nach dem Kauf des Flugticket möglichst billig seien und lange dauern. Indem man auf Individualität schwört, grenzt man sich vom Pauschal- und Massentourismus ab. Rucksacktouristen bereisen ein Land, ohne sich in einer Reisegruppe zu bewegen, die hinderlich wirkt. Die Reiseorganisation und Fortbewegungsmittel werden selbst bestimmt. Als „Nicht-Tourist“ wird der Anspruch erhoben, hinter die Kulissen zu schauen, Kontakte zu den Einheimischen im bereisten Gebiet zu knüpfen, um mehr über Land und Leute zu erfahren. Manche wollen ein Land auf eigene Faust entdecken, andere wiederum treten ihre Reisen in geschlossenen Kleingruppen an.

Die Reisen als Alternative zum westlichen Lebensstil ist heute für die Meisten von keinem Interesse. Das Gegengesellschaftsmodell der Sechziger und Siebziger Jahre ist ersetzt durch ein Aussteigen auf Zeit, ohne die westliche Welt gänzlich abzulehnen. Alltagsfrust und Berufsstress soll vergessen und verdrängt werden. Mit Kreditkarte und Reiseversicherung sind die Backpacker der 90er bestens gerüstet für das kalkulierbare Abenteuer einer Fremde, die gar so unbekannt zu sein scheint. Man verlangt nach westlichem Lebensstil vor exotischer Kulisse. „Billig und exotisch soll es sein, doch nicht zu abenteuerlich, politisch stabil und ohne sprachliche Probleme“ [Spreizhofer, Günter (1997)]. Vor allem Südostasien ist da mit seiner europäisch-amerikanischen Vergangenheit nicht durch Zufall ein Ziel vieler Rucksacktouristen.

4.2 Motivation

„‚Gewiss reisen Engländer nicht, um andere Engländer zu treffen; aber diese Antipathie, die einen vor den Landsleuten zurückschrecken lässt, bedarf noch genauerer Erklärung. Und das ist diese: Wir alle reisen aus Eitelkeit, um in diesem oder jenem Ort zu sein und gewesen zu sein, daher kommt die Eifersucht auf diejenigen, die das Erlebnis mit uns teilen und daher unsere Ehre schmälern’“ [Payer, Alois (2000)].

Die Reisemotive der Alternativen sind unterschiedlich und unterscheiden sich sicherlich so, wie sich die einzelnen Charaktere der Individualtouristen unterscheiden. Auffallend bei dem meisten ist allerdings, dass das „Weg von“ deutlich über das „Hin zu“ dominiert. Die Reise wird zu einem bewussten Aussteigen auf Zeit und für die Zeit danach ist ein bürgerliches Leben oftmals vorprogrammiert. Egozentrierte Motive der Selbstbestätigung und -findung werden in dem bereisten Land, welches häufig ein Entwicklungsland ist, ausgelebt. Somit wird die Dritte Welt zu einer Spielwiese der Selbsterfahrung degradiert.

Die Motivation wird auch gespeist von einer Endzeitstimmung „...à la „besucht die letzten Kopfjäger, solange es sie noch gibt...“ [Spreizhofer, Günter (1997)], die vor allem durch die Medien verbreitet wird.

Ein anderer Beweggrund ist das Bewusstsein, dass man, wenn man in die Arbeitswelt eintritt und eine Familie gründet, nie mehr soviel Zeit haben wird. Die Angst etwas zu verpassen, wird immer größer. Diese Stimmung ist in unserer Gesellschaft mehr und mehr verankert und wird unaufhaltsam genährt durch die Forderung eines Auslandsaufenthaltes aus der Arbeitswelt. Selbst im Freundeskreis ist man nur noch interessant, wenn man die „weite Welt“ gesehen hat. Das „Ich war auch da“ ist inzwischen ein Spruch, den man überall vernimmt. Je mehr Länder abgehakt wurden, um so höher wird auch das Ansehen.

Das es auch Touristen gibt, die ein Kennen lernen von anderen Kulturen verfolgen, ist nicht abzustreiten. Diese Art von Backpackern treffen oftmals die Entscheidung zu reisen, um vor persönlichen Krisen zu fliehen. Die Terminologie des „drifters“ ist wohl hier sehr zutreffend [siehe Kapitel 4.3 dieser Arbeit]. Ob ihre Motivation des Kulturaustausches aber durch die kurzen Aufenthalte und die völlig unterschiedliche wirtschaftliche Situation im besuchten Land möglich ist, ist eine andere Frage.

Im Gegensatz zu den „Hippiezeiten“ sind Drogen nicht mehr eigentlicher Reisesinn und -motiv. Diese sind aber auch heutzutage ein Bestandteil der Backpackerkultur. Marihuana zu rauchen ist unter Alternativtouristen ein sehr verbreitetes Phänomen und wird häufig dem Alkohol gleichgesetzt. Das Gegengesellschaftsmotiv ist auch so gut wie gar nicht mehr vorhanden. Rucksacktourismus ist heute weitgehend ideologiefrei. Bei einigen ist vielleicht immer noch eine gewisse Unzufriedenheit mit der Konsumgesellschaft vorhanden, aber die Zeiten, in der ganze Gesellschaftskreise im großen Maßstab ein anderes Weltbild verfolgen, sind nach den „Hippiejahren“ nicht mehr aufgetreten.

[...]

Ende der Leseprobe aus 50 Seiten

Details

Titel
Rucksacktourismus: Wie viel 'Mensch' verträgt eine Region?
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Lateinamerikazentrum)
Veranstaltung
Zur Umweltsituation in Lateinamerika
Note
1.7
Autor
Jahr
2002
Seiten
50
Katalognummer
V24991
ISBN (eBook)
9783638277341
Dateigröße
1040 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit gibt einen allgemeinen Überblick über die Geschichte und aktuelle Situation des Rucksacktourismus bzw. Alternativtourismus. Sie versucht zu bewerten inwieweit diese Art des Tourismus soziokulturell, ökonomisch, politisch und ökologisch vertretbar ist.
Schlagworte
Rucksacktourismus, Mensch, Region, Umweltsituation, Lateinamerika
Arbeit zitieren
Anne-Kathrin Uthe (Autor), 2002, Rucksacktourismus: Wie viel 'Mensch' verträgt eine Region?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/24991

Kommentare

  • Christian Riesner am 7.2.2011

    - nicht empfehlenswert -
    Hallo, ich habe soeben die Studienarbeit "Rucksacktourismus: Wie viel Mensch' verträgt eine Region?" erworben.
    Allerdings entspricht diese Arbeit leider nicht meinen Erwartungen. Die Quellenangaben sind miserabel. Größtenteils fehlen diese komplett im Text bzw. die wenigen sind ohne Seitenzahlen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dies ein Anfertigung für eine Hochschule war. Zudem fehlen wichtige inhaltliche Eckpfeiler bei der "Entstehung des Tourismus". Schade,aber damit kann man nicht arbeiten...

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