Aggression und Gewalt unter geschlechtsspezifischem Aspekt


Examensarbeit, 2002

120 Seiten, Note: 1+


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1 Einleitung

2 Aggression und Formen von Gewalt - Begriffsklärung
2.1 Arten der Aggression
2.2 Verschiedene Formen der Gewalt

3 Geschlecht als soziale Kategorie
3.1 Konstruktion von „Weiblichkeit“ und „Männlichkeit“ im Geschlechterverhältnis
3.2 Aspekte der Geschlechtersozialisation und der „weiblichen“ und „männlichen“ Identitätsbildung
3.3 Hindernisse und Möglichkeiten im Leben weiblicher und männlicher Jugendlicher

4 Soziale Determinanten und ihr Einfluss auf die Entwicklung gewaltförmigen Verhaltens
4.1 Gewalterfahrung in erster Instanz – die Familie
4.2 Schule - Szenerie der Gewalt?
4.3 Effekte des Konsums - Die Medien als Sozialisatoren
4.4 Im Bann der Gleichaltrigengruppe

5 Erklärungsansätze zum abweichenden Verhalten von weiblichen und männlichen Jugendlichen
5.1 Aspekte weiblicher Kriminalität und ihre Deutungsversuche
5.2 Weibliche Gewalt – kurios, befremdlich, widernatürlich
5.3 Gewalt als Schattenseite der Individualisierung
5.4 Geschlechtstypische Unterschiede – gleiches Aggressionspotenzial der Geschlechter
5.5 Wechselwirkung von Gewalt und der Konstruktion des Geschlechts

6 Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Erklärung

Vorwort

„Jugendgewalt“ ist ein Thema, das in regelmäßigen Abständen medienwirksam in Szene gesetzt wird. Bislang standen meist männliche Gewalttäter im Mittelpunkt der Diskussionen. Neu in der Debatte ist nun, dass Jugendgewalt zunehmend auch als Mädchengewalt thematisiert wird. Parallel zu der Zunahme weiblicher Gewaltkriminalität, wie sie die Kriminalitätsstatistiken nachweisen, mehren sich Schilderungen von Pädagogen und Pädagoginnen aus der Praxis, die sich in ihrer Arbeit vermehrt mit gewalttätigen Mädchen konfrontiert sehen.

Im Rahmen einer Tagung des Staatlichen Schulamts Wetzlar zum Thema „Gewalt an Schulen“ im September 2000 wurde ich zum ersten Mal auf diese Problematik aufmerksam. In den Berichten der Pädagogen stand immer wieder die eigene Hilflosigkeit und Handlungsunsicherheit im Vordergrund. Sie schilderten verschiedene Fälle aus dem Schulalltag, die das Bild der „friedfertigen Frau“ nachhaltig in Frage stellen. Die Palette an gewaltförmigen Handlungen zog sich von Intrigen und Mobbing über verbale Anfeindungen bis hin zu brutalen körperlichen Schlägereien. Mit ihren Ausführungen strebten die anwesenden Pädagogen vor allem nach Aufklärung eines Ausschnitts mädchenspezifischer Realität, damit Mädchengewalt nicht länger tabuisiert oder ignoriert wird.

Nachdem mir der Bedarf an Klärung zum Gewaltpotenzial der Mädchen so sichtbar vor Augen geführt wurde stand für mich fest, dieses „Phänomen“ näher zu beleuchten. Der anfängliche Ergeiz wurde jäh gebremst, da ich bei der Auswertung der Gewalt- und Aggressionsliteratur feststellen musste, dass Mädchen meist nur in einem Satz erwähnt werden: „Sie neigen eher dazu psychische Gewalt auszuüben“. Bei der Suche im Internet hatte ich jedoch größeren Erfolg und konnte verschieden Wissenschaftlerinnen ausfindig machen, die sich bereits mit geschlechtsspezifischen Aspekten der Gewalt beschäftigten. Mein besonderer Dank gilt somit Kirsten Bruhns vom Deutschen Jugendinstitut sowie Mechthild Schäfer vom Lehrstuhl für Psychologie in München, die mich mit reichlich Literatur versorgten.

1 Einleitung

Gewalt unter geschlechtsspezifischen Aspekten zu betrachten ist nach wie vor eher die Ausnahme. In vielen Untersuchungen zur „Jugendgewalt“ wird einseitig vom Phänomen der „Jungengewalt“ gesprochen – aggressives Verhalten von Mädchen findet dagegen kaum Berücksichtigung. Das zentrale Anliegen meiner Arbeit besteht darin das Gewalthandeln des weiblichen Geschlechts näher zu beleuchten, geschlechtstypische Unterschiede aufzuzeigen und mögliche Erklärungen zum gewaltförmigen Verhalten der Geschlechter darzustellen.

Im Folgenden soll nun ein kurzer Überblick über den Aufbau der Arbeit erfolgen.

Im ersten Kapitel werden die Begriffe „Aggression“ und „Gewalt“ näher erläutert, um dann zu einer - für diese Arbeit - gültigen Begriffsklärung zu kommen.

Im Anschluss wird ein sozialkonstruktivistisches Verständnis von Geschlecht vorgestellt und Geschlecht als soziale Strukturkategorie in einem hierarchischen Geschlechterverhältnis beschrieben. Ansätze zur Erklärung der weiblichen und männlichen Identitätsbildung sowie Ergebnisse der geschlechtsspezifischen Sozialisationsforschung sollen vor diesem theoretischen Hintergrund näher erläutert werden. Inzwischen wird ein Wandel des Geschlechterverhältnisses konstatiert, der allerdings an strukturellen Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern wenig geändert hat. Daher wird an dieser Stelle ebenso auf Individualisierungsprozesse und daraus resultierende Probleme im Jugendalter eingegangen. Der Aspekt der geschlechtstypischen Lebensbewältigung unter dem Zwang zur Individualisierung soll dabei ebenfalls näher zur Sprache kommen.

Im folgenden Kapitel der Arbeit wird die Bedeutung verschiedener Sozialisationsinstanzen in Hinblick auf Gewaltphänomene Jugendlicher näher betrachtet. Beispielsweise wird, wenn es um die Erklärung der Entwicklung zur Gewaltbereitschaft bei Jugendlichen geht, die Bedeutung der Familie immer wieder hervorgehoben. Als weitere wichtige Sozialisationsbereiche, die die Entwicklung gewaltbereiter Orientierungen begünstigen können, werden die Gleichaltrigengruppe, die Medien sowie die Schule näher beleuchtet.

Im nächsten Abschnitt werden zunächst einige traditionellere Erklärungen zur „Frauenkriminalität“ vorgestellt, sowie neuere feministische Erklärungsansätze der kritischen Kriminologie zu diesem Thema. Einige der älteren Ansätze finden sich in theoretischen Darstellungen zur „weiblichen“ und „männlichen“ Aggression wieder, die z.B. geschlechtsrollentypisches Verhalten als eine Erklärung für das geringere Maß an (physischem) gewalttätigem Verhalten von Frauen heranziehen. Sanktions- und Reaktionsweisen auf abweichendes und delinquentes Verhalten sind ebenso in eine geschlechtstypische Struktur eingebunden. Anschließend wird sowohl auf die moralische Verurteilung „weiblicher Gewalt“ als auch auf Konstruktionsprozesse „abweichender“ und „normaler Weiblichkeit“ näher eingegangen. Frauen werden in der Öffentlichkeit als das friedliche Geschlecht gesehen, davon abweichendes Verhalten wird meist als anormal verurteilt.

Danach werden verschiedene theoretische Ansätze vorgestellt, die sich auf Jugendgewalt beziehen und die Kategorie Geschlecht berücksichtigen. Darauf folgend werden theoretische Ansätze erläutert, die von einem gleichen Aggressionspotenzial der Geschlechter ausgehen, aber geschlechtstypische Äußerungsformen berücksichtigen. Zur Erklärung wird in diesen Ansätzen häufig auf geschlechtstypische Sozialisationsprozesse verwiesen. Die Bedeutung geschlechtstypischer sozialer Repräsentationen von Aggression und Gewalt wird in diesem Zusammenhang ebenfalls näher erläutert. Zuletzt wird ein Erklärungsansatz der Aspekte des „doing gender“ im Hinblick auf Gewalt betrachtet. Am Beispiel von Jugendlichen in gewaltbereiten Cliquen lassen sich u.a. vielfältige Entwürfe von Weiblichkeit und Männlichkeit finden, die vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Verhältnisse interpretiert und als situative Bewerkstelligung von Geschlecht begriffen werden können.

2 Aggression und Formen von Gewalt - Begriffsklärung

Das Thema Gewalt und vorrangig das gewalttätige Handeln Jugendlicher spielt in dieser Arbeit eine zentrale Rolle, daher erscheint es mir wichtig, einige allgemeine Überlegungen zu den Begriffen Aggression und Gewalt näher zu erläutern. Eine solche Begriffsklärung ist notwendig, da es sehr unterschiedlich gerichtete Definitionen und Schwerpunktsetzungen in der sozialwissenschaftlichen Literatur gibt. Im weiteren Verlauf wird ebenso deutlich, welches Verständnis von Gewalt, dieser Arbeit zu Grunde liegt.

2.1 Arten der Aggression

Der Begriff Aggression ist zum Teil sehr weit gefasst, wodurch eine Verständigung über den Phänomenbereich erschwert wird. Weder im Alltagsverständnis noch in der Psychologie gibt es einen allgemein akzeptierten Aggressionsbegriff, denn auch die Grenze zwischen aggressiven und nicht-aggressiven Verhaltensweisen ist fließend. Doch kann zunächst festgehalten werden, dass Aggression ein Begriff ist, welcher einem anthropologisch-psychologischen Kontext entstammt und dort vornehmlich Verwendung findet.

In Definitionen wird häufig der lateinische Ursprung des Wortes aggredi (= herangehen) verwendet, vor allem in solchen, in denen Aggression äußerst weit gefasst wird. Die gerichtete Aktivität wird hier zunächst nicht negativ bewertet, sondern als positive und notwendige Lebensäußerung betrachtet. Nach LEHNER (1992) sind Wut oder Aggression universale menschliche Reaktionen, die verbunden sind mit Wärme und Lebhaftigkeit, daher zeigen diese stets eine Handlungsbereitschaft an. Dieser Definitionstyp findet meist in der triebtheoretisch ausgerichteten Literatur seine Verwendung. An dieser Stelle muss jedoch kritisch angemerkt werden, dass Aggression in dieser weiten Definition im Wesentlichen dasselbe wie Tatkraft meint und demnach jegliches Verhalten aggressiv zu nennen wäre. Zur Präzisierung und um das Thema abzugrenzen soll Aggression hier nicht in diesem allgemeinen Sinne verstanden werden, sondern eingegrenzt werden.

Ein Verhalten wird dann als Aggression eingestuft, wenn ein gerichtetes Austeilen schädigender Reize erkannt wird; eine Aggression kann offen (körperlich, verbal) oder verdeckt (phantasiert), sie kann positiv (von der Kultur gebilligt) oder negativ (mißbilligt) sein. (LÖSEL, Selg, Schneider, Müller-Luckmann, 1990, S. 10, Herv. i. Org.)

Man unterscheidet die Arten der Aggression weiterhin nach der Art der ihr zu Grunde liegenden Motivation, d.h. nach der Art des Zieles bzw. der angestrebten Befriedigung. Als reaktive Formen gelten dabei beispielsweise die Vergeltungsaggression und ärgerliche bzw. ängstliche Abwehr-Aggression, wohingegen die Erlangungsaggression und spontane Aggression als aktive Formen bezeichnet werden. Dabei handelt es sich allerdings um eine idealtypische Einteilung, da faktisch auch Mischformen vorkommen (NOLTING 1999). Eine weitere Differenzierung ist die in individuelle und kollektive Aggression. Nach Nolting (1993) sind diese Formen auf der psychologischen Ebene nicht gleichzusetzen, „weil bei kollektiver Aggression der Einzelne ganz anderen situativen Einflüssen ausgesetzt ist, nämlich dem stimulierenden Verhalten anderer Personen“ (S. 94, Herv. i. Org.). Durch diese Einflüsse wird es möglich, dass Menschen Dinge tun, die sie vermutlich als Einzelne niemals tun würden.

Ein Kriterium zur Bewertung eines Verhaltens als aggressiv ist häufig die intendierte Schädigung, womit Verletzungen ausgeschlossen werden, die nicht beabsichtigt waren (SELG, Mees, Berg 1997; NOLTING 1993). Diese Schädigung kann sich gegen Menschen oder Sachen richten. Dabei kann sowohl normgetreues als auch abweichendes Verhalten als Aggression gelten. Hier wird bereits die Komplexität deutlich, ein Verhalten als aggressiv zu bewerten, da das Ausmachen desselben als gerichtet bzw. nicht-gerichtet sehr schwer ist. Die Deutung einer Handlung als aggressiv bzw. gewalttätig hängt dabei von der jeweiligen Sichtweise der Betroffenen sowie den situativen und normativen Kriterien der Angemessenheit ab. Im Rahmen der Klärung des Gewaltbegriffs wird auf die Interpretationsschwierigkeiten noch näher Bezug genommen (vgl. Kap. 2.2).

Aus der Definition von LÖSEL et al. (1990) geht hervor, dass Aggression ein Verhalten meint und keinen Affekt wie z.B. Ärger, Wut oder Hass. Menschen, die von sich sagen, sie „hätten Aggressionen in sich“, meinen damit ihre Gefühle, Impulse oder Bedürfnisse, was sich aber nicht zwangsläufig in aggressiven Handlungen niederschlagen muss. Ärger kann beispielsweise unterdrückt werden und stellt somit keine aggressive Verhaltensweise dar. Mit anderen Worten, es müssen einer aggressiven Handlung, die z.B. auf einen Befehl hin ausgeführt wurde, nicht zwangsläufig aggressive Gefühle zu Grunde liegen. Demnach muss darauf geachtet werden, ob man sich auf das Verhalten oder auf Gefühlszustände bezieht, wenn von Aggression die Rede ist (Nolting 1993).

Es gibt verschiedene Arten aggressiver Gefühle, Stimmungen u. Ä. und die Übergänge zwischen den Emotionen zu nichtaggressiven Gefühlen sind fließend (NOLTING 1999). Aggressive Emotionen zielen auf Verletzung, Herabsetzung usw. und finden darin ihre Befriedigung. Wegen der Verwechslung der beiden Ebenen schlägt Nolting (1999) vor, dass es am besten wäre, „den Terminus Aggression ganz zu streichen und stets von aggressivem Verhalten/Handeln einerseits und aggressiven Emotionen, Bedürfnissen, Impulsen usw. andererseits zu sprechen“ (S. 30f.).

NOLTING (1999) wendet sich z.B. gegen die Auffassung, dass es möglich sei Aggressionen „abzureagieren“, um so einen gefährlichen „Stau“ zu vermeiden, wie es in verschiedenen Versionen der Katharsis-Hypothese formuliert wird (S. 197ff.). Er weist die Annahme zurück, dass Sport und starke körperliche Aktivität „Aggressionen abbauen“ können. Manche Menschen fühlen sich zwar nach verbalen Angriffen, dem so genannten „Dampfablassen“, wesentlich besser, aber ihre Aggressionen nehmen dadurch keineswegs ab (ebd., S. 211). Daher ist es ratsam, einen Menschen nicht prinzipiell als aggressiv zu bezeichnen. Wesentlich sinnvoller ist es, danach zu fragen, in welchen Formen sich die Aggressivität äußert, bei welchen Anlässen, mit welchen vermuteten Zielen und gegen wen sie sich richtet (ebd., S. 183).

Sichtbare Aggressivitätsunterschiede zwischen Menschen resultieren aus der Aktivierbarkeit einer Aggressionstendenz sowie aus einer Hemmungstendenz. Demnach könnte geringe Aggressivität sowohl auf einer geringen Aggressionstendenz als auch auf starken Hemmungen beruhen. Allerdings können allzu starke Aggressionshemmungen letztlich doch zu Gewalt führen. Es gibt einen Typ extremer Gewalttäter mit übermäßigen Aggressionshemmungen, die plötzlich explodieren können:

Solche Menschen vermeiden auch schwächere Formen der Aggression, die sie unter Umständen für ihre Selbstdurchsetzung und Verteidigung benötigen würden. Schließlich geraten sie in so extrem demütigende Situationen, dass sie plötzlich »explodieren« und, zum ersten Mal in ihrem Leben, gewalttätig werden – und zwar in einer geradezu maßlosen Weise. Für eine gesunde psychische Entwicklung ist es also unerlässlich, dass neben inneren Normen gegen Aggression zugleich alternative Verhaltensweisen für das Ausdrücken von Gefühlen und das Verfolgen eigener Ziele erlernt werden. (NOLTING 1999, S. 266)

Unter den Begriff Aggression wird häufig offene Aggressivität, die sich durch körperliche oder verbale Angriffe zeigt, gefasst. Doch auch indirekte Strategien, um andere Menschen zu verletzen, werden zum Teil ebenso als Aggression bezeichnet. Dazu zählen etwa indirektere und passivere Formen destruktiver Aggression. Diese führen gerade in empirischen Untersuchungen, welche sich lediglich auf physische Aggressionen beziehen, auch zu verzerrten Aussagen. Wenn es beispielsweise in diesen Untersuchungen heißt, Frauen zeigen ein geringeres Ausmaß an Aggressionen im Vergleich zu Männern, so kann dieser Befund nur etwas über das gezeigte Verhalten aussagen, nichts hingegen über das Potenzial an Aggression. Indem diese Untersuchungen sich ausschließlich auf eine Aggressionsform beschränken, tragen sie nicht zur Klärung der Frage bei, ob Frauen tendenziell andere Formen destruktiver Gewalt ausleben (HEYNE 1993).

Die Konzentration auf offen aggressives Verhalten hat dazu geführt, dass wenig über aggressive und viktimisierte Mädchen bekannt ist. Der Begriff der Aggression wurde von einer Reihe amerikanischer Wissenschaftler erweitert, um dem systematischen Geschlechtsunterschied in der Aggressionsliteratur Rechnung zu tragen. Man spricht nun von Beziehungsaggression oder relationaler Aggression, die für das Verhalten von Mädchen typischer sei (WERNER, BIGBEE, CRICK 1999, S. 153). In einem Projekt zur Erforschung „der weiblichen Aggression“ definieren Werner et al. (1999) die relationale Aggression als ein Verhalten, dass „die Beziehungen einer Person zu Gleichaltrigen oder die Gefühle der sozialen Zugehörigkeit und Akzeptanz beschädigt. Hierzu gehört auch die Androhung einer solchen Schädigung“ (S. 154). Soziale Beziehungen werden demnach dazu benutzt, um gleichaltrigen Kindern, z.B. durch das Verbreiten von Gerüchten, durch Ausschluss aus der Gruppe oder durch ignorantes Verhalten, zu schaden (vgl. Kap. 4.2). Dieser Aspekt steht im Vordergrund dieses Ansatzes und kennzeichnet den Unterschied zur indirekten Aggression, die vorliegt, wenn ohne direkte Konfrontation mit dem Opfer eine Schädigung erreicht wird (Werner et al. 1999).

Es gibt viele Ansätze, in denen davon ausgegangen wird, dass beide Geschlechter über ein gleich großes Aggressionspotenzial verfügen, jedoch hinsichtlich der Art und Weise der Äußerung dieser Aggression Unterschiede bestehen, was auf verschiedenartig Ursachen des aggressiven Verhaltens zurückgeführt werden kann (vgl. Kap. 5.4).

2.2 Verschiedene Formen der Gewalt

Der Begriff Gewalt ist sehr vielschichtig und überschneidet sich in einzelnen Teilen mit dem der Aggression. Dies lässt sich vor allem daran zeigen, dass sich einige Kriterien beiden Begriffen zuordnen lassen. Der Gewaltbegriff wird allerdings eher in soziologischen, rechtlichen und politischen Kontexten verwendet. Gemeinhin lassen sich zwei Richtungen in der Diskussion um den Gewaltbegriff aufzeigen. Zum einen wird auf eine weite Fassung des Begriffs plädiert, man spricht in diesem Zusammenhang auch von „struktureller Gewalt“ (GALTUNG 1975). Zum anderen will man den Gewaltbegriff ausdrücklich eingeschränkter definieren (LÖSEL et al. 1990; SCHNEIDER 1994).

Zu Beginn der 70er Jahre entwickelte GALTUNG (1975) im Rahmen der Friedens- und Konfliktforschung eine erweiterte Definition von Gewalt. In dieser benennt er auch die Folgen aus ungleichen gesellschaftlichen Machtstrukturen und Zwangsverhältnissen als eine Form der Gewalt. GALTUNG (1975) umschreibt den Begriff der strukturellen Gewalt folgendermaßen:

Gewalt liegt dann vor, wenn Menschen so beeinflusst werden, dass ihre aktuelle somatische und geistige Verwirklichung geringer ist als ihre potentielle Verwirklichung. … Gewalt ist das, was den Abstand zwischen dem Potentiellen und dem Aktuellen vergrößert oder die Verringerung dieses Abstandes erschwert. (GALTUNG 1975, S. 9; Herv. i. Org.)

In diese Definition fließt auch psychische Gewalt mit ein, welche sich in Form von „Indoktrination, Lügen und Gehirnwäsche“ (ebd., S. 11) durch bestimmte Ideologien äußern kann und der zufolge die geistigen Möglichkeiten eines Menschen eingeschränkt werden. Eine Besonderheit bei dieser Form von Gewalt ist, dass keine konkreten Akteure erkennbar sind, demnach wirkt die Gewalt auf indirekte Weise. Sie äußert sich in Chancenungleichheiten, die durch ungerecht verteilte Ressourcen und Machtverhältnisse entstehen, was den Individuen allerdings nicht bewusst sein muss. Demzufolge ist strukturelle Gewalt nicht unmittelbar beobachtbar, wohl aber über die in einer Gesellschaft bestehenden Hierarchien und Rollenzuweisungen erschließbar, die die ungleichen Herrschafts- und Machtverhältnisse in einem gesellschaftlichen System widerspiegeln (THEUNERT 1996).

An dieser Stelle sollte jedoch kritisch angemerkt werden, dass eine solche umfassende Definition von Gewalt zu einer starken Ausweitung des Gewaltbegriffs und letztlich zu Unklarheiten führt. Ebenso bezeichnet diese Auslegung eher die möglichen Ursachen von Gewalt (SCHNEIDER 1994, S. 15; SELG et al. 1997, S. 8).

Im Gegensatz zur strukturellen Gewalt sieht GALTUNG (1975) die personale oder auch direkte Gewalt. Man spricht von personaler Gewalt, wenn sich bei ihrer Ausübung ein Akteur oder eine Akteurin eindeutig identifizieren lässt, eine Person also direkt Gewalt ausübt. KUNCZIK (1994) bestimmt personale Gewalt wie folgt: „Unter personaler Gewalt (Aggression) wird die … beabsichtigte physische und/oder psychische Schädigung einer Person, von Lebewesen und Sachen durch eine andere Person verstanden“ (S. 18).

In dieser Definition wurde bereits eine weitere Unterteilung der personalen Gewalt in eine physische und eine psychische Ausprägung vorgenommen. Je nachdem mit welchen Mitteln diese Form der Gewalt ausgeübt wird, spricht man von psychischer Gewalt, wenn eine geistige oder seelische Verletzung vorliegt, wie etwa Erniedrigung, Bedrohung, Nötigung, Demütigung oder Isolierung. Hingegen meint physisch, alle Formen körperlicher Verletzung, also direkter, tätlicher Gewalt, aber auch die Drohung mit ihr, ebenso Vergewaltigung und Zudringlichkeit. Im Gegensatz zu physischer ist psychische Gewalt sehr viel schwieriger wahrzunehmen und zu beschreiben, da sie auf einer sehr viel subtileren Ebene ausgeübt wird. Psychische Gewalt kann nicht nur auf der verbalen, sondern auch auf der non-verbalen Ebene (u.a. über Körpersprache) ihren Ausdruck finden. (THEUNERT 1996).

In der Regel wird Gewalt als intendiertes Schädigen oder Beeinträchtigen verstanden, um unbeabsichtigte Schädigungen auszuschließen. Hierzu führt NOLTING (1993) aus: „von Gewalt sprechen wir meist nur bei schweren, insbesondere körperlichen Aggressionen, doch beispielsweise nicht bei Beschimpfungen oder bösen Blicken. Insoweit ist Gewalt eine Unterform von Aggression.“ (S. 92, Herv. i. Org.). Gewalt oder gewalttätiges Verhalten wird dabei nicht als „Eigenschaft“ oder fest gefügtes Wesensmerkmal betrachtet, sondern vielmehr den Interaktionen zwischen Personen zugesprochen. Gewalt spiegelt demnach die Endphase aggressiver Interaktionen dar, die sich nach und nach als Prozess entwickelt haben.

Die legale Gewalt, die zur Aufrechterhaltung des Gesellschaftssystems dient, ist vom Gesetz her sowohl erlaubt als auch vorgesehen. Gewalt wird, von Seiten der Instanzen der sozialen Kontrolle, z.B. der Polizei oder dem Justizvollzug repräsentiert. Demzufolge wird diese Form der Gewalt als notwendig und richtig erachtet und soll zum Schutz der Gesellschaft dienen. Wird Gewalt als Notwehr angewandt oder aus Gründen eines „rechtfertigenden“ oder „entschuldigenden Notstandes“, wird sie ebenfalls nicht sanktioniert und gilt somit als legal (BÖTTGER & LIANG 1996, S. 318). Legale Gewalt wird auch in bestimmten Arten des Sports ausgeübt, ja sogar durch Regeln vorgeschrieben; jedoch zielt hier die Gewalt nicht darauf ab, Machtansprüche geltend zu machen.

Illegale Gewalt kann einerseits zur Durchsetzung von Macht eingesetzt werden, wie z.B. bei einer Erpressung. Andererseits kann sie kollektiv angewandt werden, etwa um der Sicherung eines Machtstatus einer Gruppe, z.B. einer „Gang“ oder einer „Clique“, zu dienen. Ein Bankraub wäre illegale Gewalt, würde aber nicht der Sicherung einer Machtposition dienen, sondern allein der materiellen Bereicherung; hier handelt es sich um „rein situative illegale Gewalt“ (BÖTTGER & LIANG 1996, S. 316f.).

Bei der Beurteilung einer Gewalthandlung spielt die Unterscheidung in spontane und reaktive Gewalt bzw. „nicht-provozierte“ und „provozierte“ Gewalt eine große Rolle, da z.B. reaktive Gewalthandlungen, sofern sie als Notwehr gelten, straffrei bleiben können. Bei reaktiven Gewalthandlungen steht die Gewalt im Vordergrund, welche auf Grund von Provokationen erfolgt und/oder um sich und andere vor Gewalt zu schützen. Wohingegen bei der spontanen Gewalt kein sofort erkennbarer Anlass für dieses Verhalten zu identifizieren ist. (SELG et al. 1997, S. 14)

Mit expressiver Gewalt werden Gefühlszustände wie Ärger, Wut, Zorn, aber auch Furcht und andere verwandte Gefühle, ausgedrückt. Nicht selten folgen diesen Gefühlszuständen Wutausbrüche, welche eine Befreiung von aktuellen Spannungen herbeiführen sollen, demnach gilt die expressive Gewalt als affektbedingt und affektbegleitet. Heitmeyer (1994) spricht von „reflexiver Gewalt“, die sich allerdings „in expressiven Formen [vollzieht]; der Agierende ist also ganz dem Gefühl ausgeliefert“ (S. 37, Herv. i. Org.). Seinem Erachten zufolge lässt sich auf diese Weise auch ein Zugang zu „sinnlos“ erscheinender Gewalt finden.

Im Gegensatz dazu kann Gewalt, wenn es um das Erreichen eines rationalen Ziels geht auch instrumentell angewendet werden, z.B. wenn eine bestimmte Problemlösung angestrebt wird. Die negative Beeinträchtigung eines Opfers wird dabei in Kauf genommen, ist aber nicht die Intention der Gewalthandlung. Gewalt dient dann als Strategie zur Problemlösung, wenn andere Lösungsversuche nicht zum Ziel führen oder andere Wege gar nicht erst gesehen werden (SCHNEIDER 1994).

Bei der hostilen bzw. feindseligen Gewalt besteht hingegen die Intention darin, einem Opfer zu schaden und/oder ihm Schmerzen zuzufügen: sie kann als eine Aggression der Aggression willen gelten, die in manchen Fällen mit Lust am aggressiven Verhalten einhergeht (Selg et al. 1997).

In Bezug auf geschlechtstypische Arten von Gewaltausübung spielt die Unterscheidung in expressive versus instrumentelle Gewalt bei CAMPBELL (1995) eine entscheidende Rolle. Instrumentelle Gewalt geht ihr zufolge eher von Männern aus. Dagegen kann Gewalttätigkeit von Frauen tendenziell als expressiv eingestuft werden. Vereinfacht gesagt, versuchen Männer durch instrumentelle Aggression Kontrolle über andere zu erlangen, Frauen dagegen erleben bei aggressiven Handlungen einen Verlust an Kontrolle (vgl. Kap. 5.4).

Wie im vorigen Kapitel bereits erwähnt wurde, ist die Beurteilung eines Verhaltens als aggressiv oder gewalttätig von situativen und normativen Kriterien abhängig sowie vom so genannten „Bezugssystem“ der Betrachter. So sieht das Opfer die gleiche Situation anders als der Täter bzw. Täterin oder Beobachtende[1]. Häufig wird eigenes Verhalten lediglich als Reaktion auf vorausgegangene vermeintliche Ungerechtigkeiten bzw. Normverletzungen des Opponenten gesehen (Mummendey 1992, S. 304).

In diesem Kapitel wurde dargestellt, dass es viele Facetten von Gewalttätigkeiten und Aggressionen gibt. Von jeder Person, ob Täter, Opfer, Teil der „schweigenden Mehrheit“ oder den Wissenschaftlern werden Gewalt und Aggression unterschiedlich empfunden, aufgefasst und dementsprechend variantenreich definiert. Die Darstellung der verschiedenen Auslegungsmöglichkeiten sollte vor allem dazu beitragen, Gewalt und Aggression nicht nur in einer Weise zu sehen, sondern den Blick auch auf andere Formen auszuweiten.

3 Geschlecht als soziale Kategorie

Im Folgenden wird ein sozialkonstruktivistisches Verständnis von Geschlecht vorgestellt, mit welchem es möglich wird, den Blick auf die Differenzierungen innerhalb einer Geschlechtergruppe zu richten, d.h., die Vielfalt unterschiedlicher „Weiblichkeiten“ und „Männlichkeiten“ zu beleuchten. Betrachtet man soziales Geschlecht als etwas, was in sozialen Interaktionen innerhalb eines gegebenen gesellschaftlichen Geschlechterverhältnisses „hergestellt“ wird, kann auch gewalttätiges Verhalten Jugendlicher unter dieser Perspektive interpretiert werden. Nach WALDMANN, STEINMANN, GRELL (1999) sind Geschlechter gesellschaftlich konstruierte Phänomene und als „diskursiv-interaktive, historisch sich wandelnde, gesellschaftlich-kulturelle Konstruktionen zu begreifen“ (S. 114). Verlassen wird mit dieser Sichtweise der Bezugsrahmen, der sich ausschließlich auf Unterschiede zwischen den Geschlechtern richtet und deren vielfältige Orientierungen und Verhaltensweisen unterschlägt.

3.1 Konstruktion von „Weiblichkeit“ und „Männlichkeit“ im Geschlechterverhältnis

In diesem Kapitel soll aufgezeigt werden, dass Geschlecht mehr als nur einen anatomischen Unterschied meint. Vielmehr umfasst Geschlecht verschiedene Bedeutungen auf unterschiedlichen Ebenen. Eine zentrale Annahme in einem sozialkonstruktivistischen Ansatz ist nach BILDEN (1991), „dass wir unsere Wirklichkeit andauernd in sozialen Praktiken produzieren. … Mit sozialen Praktiken sind symbolische Interaktionen und gegenständliche Tätigkeiten in ihrer Verstärkung gemeint“ (S. 280, Herv. i. Org.). Hier wird in Anlehnung an diskurstheoretische Ansätze davon ausgegangen, dass Bedeutungen durch sprachliche Konstrukte und Diskurse produziert werden. Geschlecht wird dabei durchgängig als eine Kategorie sozialer Strukturen bzw. als ein duales System von Symbolisierungen verstanden. Wie noch zu zeigen sein wird, können diese Bedeutungen in Interaktion ausgehandelt werden, dies jedoch in Abhängigkeit von Macht und materiellen Ressourcen (Bilden 1991).

Das Geschlecht ist in der sozialkonstruktivistischen Theorie keine Eigenschaft von Menschen, keine Rolle oder etwas, was man innehat, sondern etwas, was man ein Leben lang in Interaktionen mit anderen herstellt. Allein die Tatsache ein Geschlecht zu haben genügt nicht, vielmehr muss die Geschlechtszugehörigkeit nach außen dargestellt werden. Die Art und Weise, wie man Männlichkeit bzw. Weiblichkeit konstruiert, also sein Geschlecht darstellt, wird auch als „doing gender“ beschrieben. Dies sind Prozesse der Vergesellschaftung, die produktiv und reproduktiv sowohl auf der symbolischen Ebene wie auf der sozialstrukturellen Ebene ablaufen. Das kulturelle Symbolsystem (Sprache, Bilder, Metaphern, Symbole) ist mit Polaritäten durchsetzt, die Weiblichkeit und Männlichkeit zugeordnet werden.

In der von HAGEMANN-WHITE (1984) entwickelten Theorie des „symbolischen Systems der Zweigeschlechtlichkeit“ wird weiterhin davon ausgegangen, dass Zweigeschlechtlichkeit selbst sozial konstruiert ist und die Kategorien „Mann“ und „Frau“ selbst Symbole in einem sozialen Sinnsystem sind. In unserer Gesellschaft herrscht die zweigeschlechtliche Alltagstheorie vor, in welcher, ohne zu hinterfragen, davon ausgegangen wird, dass jeder Mensch nur einem Geschlecht angehören kann. Wie Krüll (1992) ausführt, sind jedoch in unserer Gesellschaft Zwischenformen von subjektiv erlebter Geschlechtszugehörigkeit vorhanden, doch gelten diese häufig als abweichend.

Nach biologischen Erkenntnissen, ist es keineswegs selbstverständlich, dass der Mensch naturgegeben entweder als weiblich oder männlich zu klassifizieren ist. Morphologisch existiert ein Kontinuum zwischen weiblicher und männlicher Gestalt, was auch die Genitalien einschließt (HAGEMANN-WHITE 1984; BILDEN 1991). Weitere Aufschlüsse zur kulturellen Setzung der Zweigeschlechtlichkeit haben ethnologisch-kulturvergleichende Studien gebracht. Es wurde nachgewiesen, dass Kulturen existieren, in denen es die Möglichkeit mehrerer Geschlechtszugehörigkeiten gibt und in denen man sein Geschlecht wechseln kann, „ohne daß die Genitalien ein Hindernis wären“ (HAGEMANN-WHITE 1984, S. 79).

Unsere Lebenswelt ist jedoch zweigeschlechtlich strukturiert, dies stellt sich gewissermaßen als unveränderbare Realität dar, der man sich nicht entziehen kann. Außerhalb dieser Geschlechtskategorisierung gibt es ansonsten keinen Identitätserwerb. Das eigene Handeln und das anderen gegenüber ist stets geschlechtsbezogen. Hier spielen Stereotype, Erwartungen und Überzeugungen eine große Rolle. Nach HAGEMANN-WHITE (1984) wird einem Menschen das Geschlecht nicht zugewiesen, weil er oder sie entsprechend handelt, sondern das Handeln wird auf der Grundlage der Geschlechterzuordnung eingeschätzt. Indem sich Individuen als Frauen oder Männer darstellen und von anderen entsprechend wahrgenommen werden, kann gesagt werden, dass zwei Geschlechter existieren und nur einem darf man angehören. „Dabei treten natürlich immer wieder auch Ausnahmen, Ungereimtheiten und Brüche auf – ohne sie wären ja Veränderungen nicht erklärbar“ (FAULSTICH-WIELAND 1999, S. 62)

In älteren feministischen Konzeptionen wurde die Fremdbestimmung hervorgehoben, die Differenzierungen innerhalb der Geschlechter wurden vernachlässigt und Geschlechterunterschiede betont. Es wurde angenommen, dass ein kausaler Zusammenhang zwischen Sozialisationseinflüssen und der Internalisierung bestimmter Geschlechterrollen existiert. Dagegen wird in der neueren feministischen Sozialforschung die Eigentätigkeit des Subjekts bei der Aneignung der Geschlechtsidentität in der Interaktion mit mehreren sozialen Umwelten betont. Ein zentraler Punkt der Betrachtung ist nunmehr der aktive Umgang der betreffenden Subjekte mit Erwartungen, die an ihr Geschlecht gerichtet sind.

Kritisch am Sozialisationskonzept ist die mit ihm verbundene Frage nach geschlechtsspezifischer Sozialisation und die Frage nach Geschlechterunterschieden sowie nach „typischen“ geschlechtsdifferierenden Sozialisationsbedingungen. Angesichts der vielfältigen Differenzierungen der Geschlechter stellt sich „die Suche nach den typischen Sozialisationsprozessen und Sozialcharakteren von Männern und Frauen“ (BILDEN 1991, S. 280, Herv. i. Org.) eher als fragwürdig dar. Daher wird die Geschlechtsrollentheorie inzwischen zunehmend als unzureichend kritisiert. Mit ihr wird es kaum möglich, die Komplexität innerhalb der Kategorien Männlichkeit und Weiblichkeit zu erfassen, auch ermöglicht sie nur sehr eingeschränkte Veränderungsstrategien. Dies ist von Interesse, da in Erklärungen abweichenden Verhaltens von Frauen und Männern häufig auf Rollen- und sozialisationstheoretische Ansätze Bezug genommen wird (vgl. Kap. 5.1; 5.4).

Das Konzept der „Geschlechtsrolle“ missachtet einerseits die Widersprüchlichkeit von Verhaltenserwartungen und andererseits die Vielfalt tatsächlicher Verhaltensmuster. Im Ansatz der Geschlechtsrolle wird Geschlecht als Dualismus begriffen, in dem in jeder Kategorie voneinander unterscheidbare, in der Sozialisation erlernte Rollenmuster für das Verhalten von Männern und Frauen existieren. Hinter dem Begriff Geschlechtsrolle steht das Verhalten, welches normativ vom jeweiligen Geschlecht erwartet wird. Dies findet sich dann auch in Geschlechterstereotypen von „Weiblichkeit“ und „Männlichkeit“ wieder:

Dies führt zu eine Fehlinterpretation der sozialen Realität, die Unterschiede zwischen Männern und Frauen werden übertrieben wahrgenommen, während man Strukturen anderer Art, wie Rasse, Klasse oder Sexualität, vernachlässigt. Es ist bezeichnend, dass man, wenn es um die „Männerrolle“ geht, kaum von schwulen Männern spricht und auch Rassenaspekte weitgehend unberücksichtigt bleiben. (CONNELL 1999, S. 46)

Daneben beinhaltet auch die Unterscheidung von „sex“ (biologisches Geschlecht) und „gender“ (soziales Geschlecht) nach wie vor die Trennung zwischen einem unveränderlichen Geschlechtskörper und einer veränderbaren Geschlechtsdarstellung, der Geschlechtsrolle. Die dekonstruktivistische Forschung zur Kategorie Geschlecht hat jedoch gezeigt, dass diese Unterscheidung problematisch und die Trennung so nicht aufrechtzuerhalten sei, da auch das, was unter „sex“ gemeinhin verstanden wird, gesellschaftlich konstituiert ist (WALDMANN et. al. 1999).

Die skizzierten theoretischen Probleme der Rollentheorie führten u.a. zur Entwicklung einer relationalen Analyse von Geschlecht, welche „die Struktur gesellschaftlicher Verhältnisse berücksichtigt“ (CONNELL 1995, S. 63). Für CONNELL (1995) lässt sich das, was als die „Männerrolle“ bezeichnet wurde, „als das kulturell maßgebliche, autoritative oder hegemoniale Muster von Männlichkeit“ verstehen (S. 68, Herv. i. Org.). Des Weiteren werden gleichzeitig andere Formen von Männlichkeit produziert beispielsweise „untergeordnete Männlichkeiten“ oder auch „marginalisierte Formen von Männlichkeit“ (ebd., S. 68f., Herv. i. Org.).

Ebenso kritisiert KERSTEN (1999) die Annahmen von „Geschlechterrollen“ und der Existenz von nur einer männlichen und weiblichen Geschlechtsidentität, die letztlich in eine erkenntnistheoretische Sackgasse führen würden. Als richtungweisend bezeichnet er Ansätze der englischsprachigen Literatur (u.a. CONNELL 1987, 1995; MESSERSCHMIDT 1993), die diese Vorstellungen in Frage stellen und Geschlecht nicht statisch begreifen, sondern dynamisch als interaktive und situative Bewerkstelligung (Kersten 1999).

In den Annahmen der frühen feministischen Forschung wurde auch unterschlagen, dass diese sich implizit nur auf Frauen bezog, die weiß, privilegiert, westlich und heterosexuell sind. Vernachlässigt wurden ebenso Differenzen zwischen Frauengenerationen. Frauen haben nicht qua Geschlecht eine geteilte Lebenswirklichkeit. Frausein ist keine einheitliche Kategorie, wenngleich eine „einigende Kategorie“ auf Grund geschlechtsbezogener Festlegungen existiert. Angesichts der strukturell bedingten Widersprüche im weiblichen Lebenszusammenhang liegt das den Frauen Gemeinsame damit eher auf der Ebene der Struktur von Erfahrungen und Erfahrungskontexten anstatt in identischen Eigenschaften des weiblichen Sozialcharakters (BILDEN 1991).

Historisch betrachtet kam es während der Entwicklung der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft zur Herausbildung des Begriffs der Geschlechtscharaktere. Frauen und Männer wurden durch die Trennung der Gesellschaft in einen privaten und einen öffentlichen Bereich jeweils einem, auf ihre Wesensmerkmale bzw. natürlichen Fähigkeiten passenden, zugewiesen. Durch die geschlechtshierarchische Arbeitsteilung wurden Frauen „in die Schranken ihrer Natur“ verwiesen, um ihnen einen gleichrangigen Platz in der Kultur vorzuenthalten (OSTERLAND 1992, S. 59; vgl. Kap. 5.2). Die kulturelle Konstruktion der Geschlechterdifferenz, d.h. kulturelle Konstruktionen von „Weiblichkeit“ und „Männlichkeit“ können als das ideologische Fundament des hierarchischen Geschlechterverhältnisses verstanden werden. Bei der Analyse des Geschlechterverhältnisses sind demnach die Prozesse der historisch-kulturellen Konstruktion von Geschlechterdifferenz von besonderer Bedeutung. Damit bilden die Geschlechterverhältnisse eine der wichtigsten Strukturen von Gesellschaften.

Das soziale Geschlecht ist eine Art und Weise, in der soziale Praxis geordnet ist. … Die soziale Praxis ist kreativ und erfinderisch, aber nicht ursprünglich. Sie reagiert auf bestimmte Situationen und entsteht innerhalb fester Strukturen von sozialen Beziehungen. … Praxis, die sich auf diese Strukturen bezieht, besteht nicht aus isolierten Handlungen, sondern entstand in der Auseinandersetzung von Menschen und Gruppen mit ihrer historischen Situation. (CONNELL 1999, S. 92)

Einem bestimmten Geschlecht anzugehören bedeutet auch, dass damit bestimmte soziale Chancen zugewiesen werden. Dieser Aspekt führt dazu, dass das Geschlecht als soziale Strukturkategorie verstanden werden kann, die auf kulturellen Konstruktionen von „Weiblichkeit“ und „Männlichkeit“, „Frau“ und „Mann“ aufbaut und mit anderen sozialen Strukturkategorien wie „Klasse, Ethnie, Nationalität und globalen Positionskämpfen“ interagiert (Connell 1995, S. 67). „Einem bestimmten Geschlecht zuzugehören heißt, einen bestimmten sozialen Ort zugewiesen zu bekommen: oben/unten, in der Familie/in der Außenwelt, in der Genealogie, in der Arbeitsverteilung und in den kultisch-religiösen Räumen“ (BECKER-SCHMIDT 1999, S. 195).

Unabhängig von weiteren Strukturkategorien unterliegen alle Frauen diesem Unterdrückungszusammenhang. Frauen und Männer werden in gesellschaftlichen, ökonomischen und zwischenmenschlichen Verhältnissen unterschiedlich hierarchisch positioniert. Somit kann von einem hierarchisch strukturierten Geschlechterverhältnis gesprochen werden. Der Dualismus zwischen den Geschlechtern wird durch die wechselseitigen geschlechtstypischen Verhaltenserwartungen sowie durch unsere Selbstdarstellungen als Frauen und Männer aufrechterhalten und ständig neu reproduziert, wodurch die Geschlechterhierarchie erhalten bleibt.

Die Basis der strukturellen Unterdrückung von Frauen liegt in der geschlechtspezifischen Arbeitsteilung und in der Aufrechterhaltung des asymmetrischen Geschlechterverhältnisses. Das Theorem der doppelten Vergesellschaftung von Frauen (BECKER-SCHMIDT) verdeutlicht, dass „weibliche Sozialisation“ als doppelte Sozialisation zu betrachten sei. Frauen werden für den privaten, häuslichen Arbeitsbereich und für die Erwerbsphäre sozialisiert und sind in der Regel auch in beiden Bereichen tätig. Der weibliche Lebensbereich ist durch gesellschaftliche Widersprüche geprägt. Frauen müssen subjektiv das vereinbaren, was objektiv unvereinbar scheint (OSTERLAND 1992). Durch diese strukturell angelegten Widersprüche sind Frauen durchgängiger als Männer gezwungen, mit Ambivalenzkonflikten umzugehen. Frauen sehen sich damit konfrontiert, die Arbeit im „Privaten“, als Mutter und Hausfrau zu leisten und gleichzeitig fleißig, flexibel und mobil in der Erwerbsarbeit zu sein. Dies kann zu Double-Bind-Situationen führen, d.h. Frauen werden als unweiblich diskriminiert, wenn sie im Beruf „ihren Mann stehen“ und verhalten sie sich dagegen im Rahmen des „weiblichen Rollenverhaltens“, sind ihnen berufliche Chancen verwehrt (OSTERLAND 1992).

Nicht nur Frauen, sondern auch Männer unterliegen Prozessen der Deklassierung und Benachteiligung, diese sind jedoch eher an sozialstrukturelle Kategorien wie Klasse und Ethnie gebunden und weniger an ihre Geschlechtszugehörigkeit (KNAPP 1990). An die Stelle eines Modells, welches die Eigentätigkeit der Subjekte und die Differenzen innerhalb einer Geschlechtergruppe unterschlägt sowie einseitig Frauen als Unterdrückte, Männer als Unterdrücker begreift, tritt ein Entwurf, welcher neben Machtrelationen auch die Unterschiede im männlichen Lebenszusammenhang berücksichtigt. Das von Connell, Carragan und Lee (1985) entworfene Modell der „hegemonialen Männlichkeit“ stellt sich demnach gegen eine enge Sichtweise des Geschlechterverhältnisses, welche „voll von Widersprüchen und Brüchen“ (Bilden 1991, S. 293) sei. In ihren Ausführungen zur geschlechtsspezifischen Sozialisation lobt Bilden (1991) das theoretische Konzept von Connell et al. (1985):

Besser als mit dem Geschlechtsrollenkonzept kann mit dem Ansatz die wechselseitige Verschränkung von Männlichkeit und Weiblichkeit als gesellschaftlicher Prozess statt als Gegebenheit verstanden werden. Handeln, Interaktionen, objektivierende Tätigkeit von Frauen und Männern, Mädchen und Jungen sind konstitutiver Teil soziokultureller Praktiken. In diesen Praktiken werden gleichzeitig Männlichkeiten und Weiblichkeiten produziert und modifiziert und männliche und weibliche Subjekte (Individuen) gebildet. (Bilden 1991, S. 293)

CONNELL (1999) weist bereits mit dem Terminus der „hegemonialen Männlichkeit“ darauf hin, dass die Vielfalt unterschiedlicher Männlichkeitsentwürfe, die sich neben Pluralisierungs- und Individualisierungsprozessen durch Schicht/Klasse, Alter, Ethnie, sexuelle Orientierung und Geschlecht ergibt, zu beachten sei. Hegemoniale Männlichkeit meint die Auseinandersetzung zwischen Männlichkeiten um gesellschaftliche Vormachtstellung. Demnach stellt das Konzept der „hegemonialen Männlichkeit“ einen Versuch dar,

Machtanwendung und -unterworfenheit entlang der Kategorien Schicht/Klasse (Status/soziale Herkunft), Geschlecht, Alter, Ethnie (Minderheits-/Mehrheitskultur) zu bestimmen. …

Hegemoniale Männlichkeit bezeichnet die Reproduktion solcher ökonomischen, rechtlichen und kulturellen Makro- und Mikrostrukturen, die bis in den Arbeits- und Beziehungsalltag hinein ohne die Anwendung unmittelbarer Gewalt die Vorherrschaft eines Geschlechts in einer grundsätzlich geschlechterungleichen Kultur gewährleisten. …

Die Aufrechterhaltung des Status von Ungleichheit bezieht sich nicht nur auf die als Gegensatz konstruierten Geschlechter. Nicht nur Frauen (und Kinder) werden aufgrund verbindlicher sozioökonomischer und kultureller Maßstäbe untergeordnet, sondern auch andere Männlichkeiten: z.B. die der Arbeiter und die der Techniker und die der Manager, … die der Nichtheterosexuellen sowie der Habenichtse und Nicht-Weißen unter alle anderen. (KERSTEN 1999, S. 80, Herv. i. Org.).

Mit diesem Konzept können verschiedene Arten von Männlichkeit untersucht werden wie „Bündnisse, Dominanz und Unterordnung“ (CONNELL 1999, S. 56). Es werden dabei nicht nur verschiedenste Männlichkeitsentwürfe, sondern ebenso die Bedingungen, unter denen sich diese entwickeln, sowie Bedingungen, die sie selbst verursachen, untersucht. Männlichkeit und Weiblichkeit sind als relationale Konzepte zu verstehen, sie beziehen sich aufeinander und gewinnen ihre Bedeutung erst im Verhältnis zueinander, als konstruierter kultureller Gegensatz. In geschlechterungleichen Kulturen ist das Konstrukt „betonter Weiblichkeit“, diesem Modell folgend, eine Form, die der hegemonialen Männlichkeit komplementär ist. Zudem beinhalten beide Konstruktionen Vorstellungen von abweichenden Weiblichkeiten und abweichenden Männlichkeiten (vgl. Kap. 5.5). „Betonte Weiblichkeit“ wird definiert durch:

Die Darstellung von Soziabilität statt der Darstellung von technischer Kompetenz, Verletzlichkeit im Werbungs- und Paarungsverhalten, Willfährigkeit gegenüber dem männlichen Verlangen nach gewissen Reizen und „Streicheleinheiten“ … [und] Akzeptieren der Ehe und der Kindererziehung … Auf Massenbasis ist dies um Themen sexueller Verfügbarkeit bei jüngeren Frauen und Mutterschaft bei älteren Frauen organisiert. (CONNELL 1987, S. 187; zit. nach MESSERSCHMIDT 1997, S. 21)

Gegenüber der männlichen Vorherrschaft vollzieht sich demnach Weiblichkeit zwischen den Polen der Anpassung und des Widerstands. MESSERSCHMIDT (1997) verweist darauf, dass „in spezifischen Kontexten bestimmte Formen von Weiblichkeit privilegiert“ (S. 20) sind, die den Frauen, die diesen Typus darstellen, mehr Macht garantieren als den „untergeordneten“ Weiblichkeiten. Rasse, Klasse und sexuelle Präferenz stellen die Basis für diese sozial organisierten Machtbeziehungen zwischen Frauen dar. Ein größerer Machtstatus kommt dabei immer noch weißen Mittelschichtsfrauen zu, dahingehend sind schwarze Frauen der Unterschicht benachteiligt.

Diese kulturell idealisierten Vorstellungen von Geschlechtlichkeit wirken sich nun jedoch nicht eindimensional auf das Verhalten von Frauen und Männern aus, vielmehr entwickeln sie „unterschiedliche Formen der Anpassung, Umdeutung und des Widerstandes“ zu diesen hegemonialen Mustern (Thorne 1993, S. 106; zit. nach Messerschmidt 1997, S. 21).

Die Darstellung „betonter Weiblichkeit“ wird durch soziale Zeichen von Weiblichkeit nach außen hin erkennbar. Frauen stellen sich demnach „durch Sprache, Kleidung, physisches Erscheinen“ (ebd., S. 21), aber auch durch Aktivitäten und über Beziehungen zu anderen dar. Dieser Ansatz wird an späterer Stelle dieser Arbeit wieder aufgegriffen, wenn es um den Zusammenhang von „doing gender“ und dem gewalttätigen Verhalten von Jugendlichen geht (vgl. Kap. 5.5).

Die Bedeutung des Körpers wird im Hinblick auf die Entwicklung von Weiblichkeit und Männlichkeit kontrovers diskutiert. CONNELL (1999) beschreibt in diesem Zusammenhang verschiedene theoretische Ansätze. Er führt aus, dass soziobiologische Sichtweisen den Körper als „natürliche Maschine“ (S. 65) betrachten, die Geschlechterunterschiede auf Grund unterschiedlicher Gene, Hormone oder verschiedener Aufgaben bei der Fortpflanzung produziert. In einem konstruktivistischen Ansatz erscheint der Körper dagegen wie eine „weiße Leinwand“(S. 71), die es zu bemalen gilt, wie CONNELL (1999) einwendet. Daneben beschreibt er eine dritte, ebenfalls zu kritisierende Auffassung, die als Kombination aus beiden Ansätzen zu verstehen ist: Sowohl Biologie als auch soziale Einflüsse wirken sich auf die Entstehung von Geschlechterunterschieden aus. Connell (1999) hingegen begreift Geschlecht als „gesellschaftliche Praxis, die sich beständig auf den Körper bezieht und auf das, was der Körper tut“ und weist darauf hin, dass es dabei nicht um eine „auf den Körper reduzierte gesellschaftliche Praxis“ geht (ebd., S. 80). Mit „körperreflexiven Praktiken“ bezeichnet er den Umstand, dass Körper sowohl Agenten als auch Objekte von Praxis sind (ebd., S. 81).

Die These der „sozialen Konstruktion“ von Geschlecht ist auch innerhalb der feministischen Debatte nicht unumstritten (Mischau 1997; Brückner 1988). Die Kritik an einem konstruktivistischen Verständnis von Geschlecht bezieht sich darauf, dass man von der Leiblichkeit nicht abstrahieren kann, da mit Geschlecht gleichermaßen weibliche und männliche Körper gemeint sind. Hinter der gesellschaftlich konstruierten Getrenntheit der Geschlechter liege die Tatsache, dass wir als „ganzer Mensch immer nur die Hälfte der Geschlechtlichkeit“ (Mischau 1997, S. 55) besitzen, was wiederum an unsere Leiblichkeit geknüpft ist. Diese Ebene liegt demnach nicht in unserer Hand und ist deshalb gesellschaftlich nicht aufhebbar.

In der jüngsten Diskussion sozialwissenschaftlich feministischer Ansätze wird versucht, Geschlecht als interaktiv hergestellte, aber auch als gelebte Existenzweise zu verstehen. Gerade Anhänger dekonstruktivistischer Ansätze versuchen die stereotype und statische Auffassung der Geschlechterdifferenz aufzulösen. Angestrebt wird die Veränderung der hierarchischen Organisationsform des Geschlechterverhältnisses, welche auf dem Dualismus weiblich-männlich aufbaut. Dadurch wäre die Möglichkeit gegeben Ähnlichkeiten und Unterschiede in ihrer ganzen Vielfältigkeit zu sehen, ohne Beschränkungen zu negieren. Versteht man den dekonstruktivistischen Ansatz als solchen, muss es von besonderem Interesse sein, die Geschlechterdifferenz und Geschlechterbilder als kulturelle Konstruktionen zu entlarven.

Allerdings sind mit der Forderung, die Kategorie Geschlecht kognitiv zu dekonstruieren, theoretische sowie praktische Probleme verknüpft (Tatschmurat 1996; Osterland 1992). Das Paradoxe an der geschlechtssensibilisierten Forschung besteht darin, dass bei Untersuchungen der Blick „auch auf die Geschlechterdifferenz gerichtet wird und [diese] damit ungewollt bestätigt“ (Meuser 1995, S. 132). Der Wunsch nach eindeutiger Geschlechtsidentität hindert uns offenbar daran, in vielfältigerweise zu denken; denn dann käme zu der ohnehin herrschenden Unsicherheit durch Individualisierungsprozesse eine neue Unsicherheit hinzu.

[...]


[1] Einer Untersuchung von Mummendey, Linneweber und Löschper (1984) zufolge, in der von männlichen Schülern auf Video aufgezeichnete aggressive Auseinandersetzungen zwischen zwei Schülern einmal aus Sicht des Täters und einmal aus Sicht des Opfers bewertet werden sollten, wurde eigenes Verhalten stets als weniger aggressiv eingestuft (Mummendey 1992).

Ende der Leseprobe aus 120 Seiten

Details

Titel
Aggression und Gewalt unter geschlechtsspezifischem Aspekt
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Lehrstuhl Psychologie II)
Note
1+
Autor
Jahr
2002
Seiten
120
Katalognummer
V25247
ISBN (eBook)
9783638279277
ISBN (Buch)
9783638702119
Dateigröße
919 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Umfassende Zulassungsarbeit, die vor allem das "weibliche Aggressionsverhalten" darstellt und unter geschlechtsspezifischen Aspekten näher beleuchtet!!!
Schlagworte
Aggression, Gewalt, Aspekt
Arbeit zitieren
Christine Töltsch (Autor), 2002, Aggression und Gewalt unter geschlechtsspezifischem Aspekt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/25247

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