"Mama, kommen alle Menschen in den Himmel?"
Als kleines Mädchen stellte ich diese Frage meiner Mutter. Was der Auslöser dieser Frage war, weiß ich leider nicht mehr, aber sie beschäftigte mich immer wieder. Ich fragte mich: Was passiert nach dem Tod mit Menschen, die Jesus nicht kennen lernen konnten, Menschen, die vor Jesus gelebt hatten oder auf einem fernen Kontinent so wie die Indianer? Was geschieht mit dem Dalai Lama oder meinem türkischen Nachbarmädchen, wenn sie sterben? Sind sie für ewig verdammt, obwohl sie ein Leben lang versucht hatten, gut zu leben? Die Vorstellung, dass Ureinwohner Australiens oder Chinesen nicht in den Himmel kommen sollten, nur weil sie Jesus nicht kannten, erschreckte mich zutiefst. Das wollte und konnte ich nicht akzeptieren und das passte auch überhaupt nicht in meine kindliche Vorstellung vom "Lieben Gott". Die diplomatische Antwort meiner Mutter damals, auf Gott zu vertrauen, weil er einen liebevollen Plan für alle Menschen hat, beruhigte mich - vorläufig.
Die weltpolitischen Entwicklungen seit dem 11. September 2001 zeigen, dass die Frage des Zusammenlebens der Religionen immer mehr zu einer Überlebensfrage der Menschheit wird. Extremistische religiöse Kleingruppen schüren ein Klima der Intoleranz und schrecken auch nicht davor zurück, im Namen der Religion Gewalttaten zu verüben.
Aber auch in der europäischen Politik werden religiöse Fragen immer drängender: Soll Gott in der Verfassung stehen? Dürfen Schülerinnen Kopftücher tragen? Soll es islamischen Religionsunterricht geben?
Diese Fragen und Problematiken, die ich kurz angeschnitten habe, sollen aufzeigen, dass ein konstruktiver Dialog mit den anderen Weltreligionen nötiger ist als je zuvor. Doch wie kann ein solcher Dialog aussehen, wenn wir Christen einen absoluten Wahrheitsanspruch vertreten? Artet dann der Dialog nicht in Mission aus? Oder bedeutet tolerant sein, nicht nur den eigenen Standpunkt zu hinterfragen, sondern auch ihn nicht mehr zu vertreten?
Die gesellschaftlichen Ereignisse weisen uns darauf hin, wie dringend wir uns der Frage stellen müssen, inwieweit Toleranz und Identität in einer multikulturellen Gesellschaft zu vereinbaren sind.
Inhaltsverzeichnis
PROLOG
EINLEITUNG
I. LESSING UND DIE IDEE DER RINGPARABEL
1. WER WAR GOTTHOLD EPHRAIM LESSING?
1.1 EIN SCHRIFTSTELLER DES 18. JAHRHUNDERTS
1.1.1 Epoche der Aufklärung
1.1.2 Die Toleranzdebatte
1.1.3 Religionen im Deutschland des 18. Jahrhunderts
1.1.3.1 Die Lebenssituation der Juden
1.1.3.2 Das Islambild im 18. Jahrhundert
1.2 EINBLICKE IN LESSINGS LEBEN
1.2.1 Seine Kindheit und Jugend
1.2.2 Lessing – der junge Schriftsteller
1.2.3 Sein Theaterstück "Die Juden"
1.2.4 Berlin und Hamburg
1.2.5 Sein letztes Lebensjahrzehnt in Wolfenbüttel
1.3 SEIN KAMPF UM TOLERANZ ODER DER FRAGMENTENSTREIT
1.3.1 Die Fragmente Reimarus
1.3.2 Die Auseinandersetzung mit Pastor Goeze
1.3.3 "Nathan der Weise" als Lessings Antwort
2. NATHAN DER WEISE
2.1 DAS THEATERSTÜCK "NATHAN DER WEISE"
2.1.1 Nathan wird geboren
2.1.2 Kurzer Abriss der Handlung
2.1.3 Der Mittelpunkt des Stückes – die Ringparabel
2.1.4 Die Ringparabel – eine Erfindung Lessings?
2.2 VOM STREIT ZUM WETTSTREIT DER RELIGIONEN
2.2.1 Die Pointe der Lessingschen Ringparabel
2.2.2 Der Wettstreit ist eröffnet
2.2.3 Die Einbettung der Ringparabel in Lessings Drama "Nathan der Weise"
2.2.4 Das gute Ende der Geschichte – eine Menschheitsfamilie
3. LESSINGS ANSATZ
II. ZUR EINORDNUNG DER PLURALISTISCHEN RELIGIONSTHEOLOGIE: DIE RICHTUNGEN EXKLUSIVISMUS UND INKLUSIVISMUS
1. DER EXKLUSIVISMUS
1.1 DER EXKLUSIVISMUS ALS ALLEINIGE LEHRMEINUNG BIS IN DIE MODERNE
1.1.1 Das Heil nur für getaufte Christen – Christus gegen die Religionen
1.1.2 Außerhalb der Kirche kein Heil oder das Konzil von Florenz
1.1.3 Der Wahrheitsexklusivismus rückt in den Vordergrund
1.2 KRITISCHE AUSEINANDERSETZUNG MIT DEM EXKLUSIVISMUS IM 20. JAHRHUNDERT
1.2.1 Exklusivismus und Moderne prallen aufeinander
1.2.2 Kritik durch Ernst Troeltsch (1865-1923)
1.2.3 Die Gegenkonzeption Karl Barths (1886-1968)
1.3 DER EXKLUSIVISMUS HEUTE
1.3.1 Die Überwindung des Exklusivismus
1.3.2 Argumente gegen den Exklusivismus
2. DER INKLUSIVISMUS – CHRISTUS ÜBER DEN RELIGIONEN
2.1 DIE GRUNDLEGUNG DES INKLUSIVISMUS DURCH KARL RAHNER
2.1.1 Der Ansatz Karl Rahners (1904-1984)
2.1.2 Anonyme Christen
2.2 THEOLOGIEGESCHICHTLICHE BAUSTEINE FÜR DEN INKLUSIVISMUS
2.2.1 Die Lehre vom Logos Spermatikos
2.2.2 Einheit und Vielfalt (Nikolaus von Kues 1401-1464)
2.3 DER UMBRUCH – DAS II. VATIKANUM
2.3.1 Die Rezeption des Inklusivismus auf dem II. Vatikanum
2.3.2 Der universale Heilswille Gottes
2.3.3 Das katholische Zwiebelschalenmodell
2.3.4 "Nostra Aetate"
2.4 LEHRAMTLICHE AUSSAGEN NACH DEM II. VATIKANUM
2.4.1 Redemptoris Missio (1990)
2.4.2 Das Christentum und die Religionen (1996)
2.4.3 Gottes Geist ist in den anderen Religionen am Werk
2.5 KRITIK AM INKLUSIVISMUS HEUTE
3. EINE GEGENPOSITION ENTSTEHT
III. DIE PLURALISTISCHE RELIGIONSTHEOLOGIE
1. DER PLURALISTISCHE ANSATZ - CHRISTUS UND DIE RELIGIONEN
1.1 DIE KOPERNIKANISCHE REVOLUTION IM CHRISTENTUM
1.2 JOHN HICK – GOTT UND SEINE VIELEN NAMEN
1.2.1 Zur Person John Hick
1.2.2 Hicks Glaubensbegriff in "Faith and Knowledge"
1.2.3 Einwände gegen die Rationalität des Glaubens
1.2.4 Die Pluralistische Hypothese als Beantwortung der drei Anfragen
1.2.5 Verschiedene religiöse Erfahrungen einer einzigen Wirklichkeit
1.2.6 Von der Christozentrik zur Soteriozentrik
1.2.7 Das soteriologische Kriterium
1.2.8 Der Wert der Vielfalt
1.2.9 Das veränderte Inkarnationsverständnis
1.2.10 Dialogfähigkeit
2. KRITIK AN DER PLURALISTISCHEN RELIGIONSTHEOLOGIE
2.1 KRITIKPUNKTE AN DER PLURALISTISCHEN RELIGIONSTHEOLOGIE
2.1.1 Der methodologische Status der pluralistischen Hypothese
2.1.2 Erkenntnistheoretische Grundlage
2.1.3 Offenbarungsverständnis
2.1.4 Das Problem der Christologie
2.1.5 Verhältnis von Christologie und Superiorität
2.1.6 Absolutheitsansprüche anderer Religionen
2.2 LEHRAMTLICHE KRITIK - DOMINUS JESUS (2000)
3. GIBT ES EINE ALTERNATIVE?
EXKURS: DER INTERIORISMUS
1. DER INTERIORISMUS – EINE NEUE RICHTUNG?
1.1 DER ANSATZ GERHARD GÄDES
1.2 KRITIK AM INTERIORISMUS
IV. NATHAN UND DIE PLURALISTISCHE RELIGIONSTHEOLOGIE
1. GEMEINSAME ANSÄTZE – DAS ARGUMENT DER NÜTZLICHKEIT
2. NOTWENDIGE ABGRENZUNGEN
2.1 PRAXIS UND THEORIE
2.2 ABSOLUTHEITSANSPRÜCHE
3. SCHLUSSFOLGERUNG
4. EXKURS: "DAS PROJEKT WELTETHOS" VON HANS KÜNG
4.1 KEINE NEUE WELTORDNUNG OHNE EIN WELTETHOS
4.2 FÜNF GROßE GEBOTE DER MENSCHLICHKEIT
CONCLUSIO: PERSPEKTIVEN FÜR DAS 21. JAHRHUNDERT
1. THESEN DIERER ARBEIT
2. EPILOG
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht den Beitrag Gotthold Ephraim Lessings, insbesondere sein Werk "Nathan der Weise", zur aktuellen Diskussion innerhalb der pluralistischen Religionstheologie. Das primäre Ziel ist es, zu analysieren, inwieweit das in der Ringparabel enthaltene Toleranzverständnis und die Forderung nach einem praktischen, liebenden Wettstreit der Religionen als Vordenker für moderne religionstheologische Ansätze dienen können und ob diese als eine plausible Antwort auf die Herausforderungen des religiösen Pluralismus im 21. Jahrhundert gelten können.
- Die literarische und theologische Analyse der Ringparabel von Lessing.
- Die Darstellung der drei klassischen Grundmodelle: Exklusivismus, Inklusivismus und Pluralismus.
- Die methodische Gegenüberstellung von Lessings Ansatz mit den Thesen der pluralistischen Religionstheologie (insb. John Hick).
- Die Diskussion über die Bedeutung von Religion in einer globalen Weltethos-Perspektive.
- Die kritische Reflexion über Wahrheitsansprüche und Toleranz in einer multikulturellen Gesellschaft.
Auszug aus dem Buch
2.1.3 Der Mittelpunkt des Stückes – die Ringparabel
In der Mitte des Stückes lässt Lessing seinen weisen Nathan die Ringparabel erzählen und betont mit der Wahl dieses Zeitpunktes, dass die Ringparabel eine zentrale Stellung in diesem Theaterstück innehat.
Saladin bittet Nathan in sein Haus und stellt ihm die Frage, welche der Religionen die Wahrheit für sich beanspruchen dürfe.
[Saladin:] Da du nun So weise bist: so sage mir doch einmal – Was für ein Glaube, was für ein Gesetz Hat Dir am meisten eingeleuchtet? [Nathan:] Sultan, ich bin ein Jud´. [Saladin:] Und ich ein Muselmann. Der Christ ist zwischen uns. – Von diesen drei Religionen kann doch eine nur Die wahre sein. – Ein Mann, wie du, bleibt da Nicht stehen, wo der Zufall der Geburt Ihn hingeworfen: oder wenn er bleibt, Bleibt er aus Einsicht, Gründen, Wahl des Bessern. Wohlan! So teile deine Einsicht mir Dann mit. Laß mich die Gründe hören, denen Ich selber nachzugrübeln nicht die Zeit Gehabt.
Nathan erkennt die Falle, die Saladin ihm mit dieser Frage stellen will, und bittet um eine kurze Bedenkzeit. Wenn er sein Judesein als die wahre Religion verteidigt, wird der Sultan als Moslem ungehalten sein und ihn zur Strafe Geld zahlen lassen. Wenn er aber seine eigene Religion relativiert, kann ihn der Sultan zur Konversion zwingen oder wiederum ihn nötigen, sich mit Geld freizukaufen.
Nathan beantwortet die Fangfrage mit der Ringparabel und versucht mit diesem Märchen der Hinterlist des Sultans zu entgehen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. WER WAR GOTTHOLD EPHRAIM LESSING?: Dieses Kapitel beleuchtet den historischen Kontext der Aufklärung und Lessings Biographie als wesentliche Voraussetzungen für seine tolerante Weltanschauung.
2. NATHAN DER WEISE: Hier wird das Theaterstück inhaltlich analysiert, wobei der Fokus auf der zentralen Ringparabel als Lessings Antwort auf den zeitgenössischen religiösen Dogmatismus liegt.
3. LESSINGS ANSATZ: Dieses Kapitel fasst Lessings methodisches Vorgehen zusammen, die Theorie zugunsten der gelebten Praxis der Liebe und Menschlichkeit in den Hintergrund zu stellen.
Schlüsselwörter
Ringparabel, Gotthold Ephraim Lessing, Toleranz, Aufklärung, Religionstheologie, Exklusivismus, Inklusivismus, Pluralismus, John Hick, Nathan der Weise, Interreligiöser Dialog, Soteriozentrik, Weltethos, Wahrheitsanspruch, praktische Humanität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das Verhältnis von Lessings "Nathan der Weise" zur modernen pluralistischen Religionstheologie und fragt, ob Lessings Ideen für ein friedliches Miteinander der Religionen heute noch wegweisend sind.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Untersuchung umfasst die Theologie der Religionen, historische Toleranzdiskurse der Aufklärung, die Analyse der Ringparabel sowie den Vergleich zwischen exklusivistischen, inklusivistischen und pluralistischen Modellen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, zu analysieren, ob Nathans Vision – ein geschwisterliches Miteinander der Religionen jenseits von missionarischem Eifer – eine tragfähige Basis für den interreligiösen Dialog im 21. Jahrhundert bietet.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse des Dramas "Nathan der Weise" in Kombination mit einer systematisch-theologischen Auswertung der aktuellen Debatten zur pluralistischen Religionstheologie.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Einordnung Lessings, eine ausführliche Exegese der Ringparabel sowie eine detaillierte Auseinandersetzung mit den theologischen Strömungen Exklusivismus, Inklusivismus und der pluralistischen Religionstheologie nach John Hick.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Toleranz, Wettstreit der Liebe, Soteriozentrik, interreligiöser Dialog, Weltethos und praktischer Wahrheitsbeweis durch sittliches Handeln charakterisieren.
Wie bewertet die Arbeit die Rolle des "Richters" in der Ringparabel?
Der Richter agiert nicht als Urteilsfinder, sondern als jemand, der den Wettstreit der Liebe zwischen den Brüdern eröffnet, indem er die Wahrheitsfrage bewusst offen lässt und auf die Kraft der gelebten Liebe verweist.
Was kritisiert die Arbeit an der pluralistischen Religionstheologie?
Die Arbeit hinterfragt kritisch, ob die pluralistische Religionstheologie durch den Verzicht auf christliche Identitätsmerkmale und die Forderung nach der Aufgabe des Wahrheitsanspruchs nicht zu einer Entleerung des christlichen Glaubens führt.
- Quote paper
- Stefanie Meier (Author), 2004, Nathan reloaded? Die Idee der Ringparabel in der pluralistischen Religionstheologie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/25301