Integrationsmöglichkeiten für das Boxen im Schweizer Schulsport


Diplomarbeit, 2003

138 Seiten, Note: 6.0 Schweiz (entspricht 1.0)


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS:

TEIL I - WAHLFACHSPORT-KURSE ALS EXPLORATIONSFELD
1. EINLEITUNG
2. EINSTIEG IN DIE THEMATIK
2.1. Begrifflichkeit des Themas
2.1.1.„boxeéducative“
2.1.2.„Wahlfachsport“
2.1.3.„Integrationsmöglichkeiten“
2.2. Literaturlage
3. WIESO BOXEN?
3.1. Gibt es nicht genug Schulsportarten?
3.2. Pädagogisches Potential?
3.3. Vorteile gegenüber anderen Kampfsportarten?
4. BOXE ÉDUCATIVE ; VORSTELLUNG
4.1. Konzept
4.1.1.Zentrale Punkte des Box-Reglements
4.1.2.Pädagogische Eigenarten des bé
4.2. Kleine Übungsauswahl als Beispiel
4.3. Problematische Aspekte
4.3.1.Verminderte Intensität
4.3.2.Unterschiedliche Definition der Schlaghärte
4.3.3.Problemfall„Konter“
5. WAHLFACHSPORT ALS EXPLORATIONSFELD
5.1. Methodik
5.1.1.Untersuchte Gruppe
5.1.2.Untersuchungsmethode
5.2. Wahlfachsport allgemein
5.3. WFS „Fitness-“ Boxen
5.4. Wirkungen der Kurs-Benennung
6. PLANUNG UND ZIELE DER WFS-KURSE
6.1. WFS_Fitnessboxen 1-3
6.2. WFS_Boxen 1
6.3. WFS_ Fitnessboxen 4-5
6.4. WFS_ Boxen 2
7. ERFAHRUNGEN DER WFS-KURSE
7.1. WFS_ Fitnessboxen 1-3
7.2. WFS_ Boxen 1
7.3. WFS_ Fitnessboxen 4-5
7.4. WFS_ Boxen 2
8. EVALUATION DER WFS-KURSE
8.1. Leistungstest
8.2. Liegestützen-Protokoll
8.3. Fragebogen
9. SCHLUSSFOLGERUNGEN AUS DER VERKNÜPFUNG VON BE UND WFS
10. ZUSAMMENFASSUNG
11. AUSBLICK UND KONSEQUENZEN

TEIL II - PRAXIS
1. DIDAKTIK
1.1. Pädamotorisches Handlungsmodell
1.2. Pädagogisches Konzept
1.3. Methodisches Konzept
1.3.1.Unterrichtshilfen
1.3.2.Lernwege
1.3.3.G-A-G Methode
1.3.4.Sicherheitshinweise
1.3.5.Stundenaufbau
1.4. Thematisches Konzept
1.4.1.Körperliche Voraussetzungen
1.4.2.Sportartspezifisches Anforderungsprofil
1.4.3.Kondition
1.4.4.Koordination
1.4.5.Psyche
1.4.6.Taktik
2. TECHNIK
2.1. Exkurs Begrifflichkeit
2.2. Boxstellung
2.3. Fortbewegung
2.4. Schläge
2.5. Verteidigungen gegen die Geraden
3. ÜBUNGSSAMMLUNG
3.1. Übungen ohne Handschuhe
3.2. Übungen zum methodischen Aufbau der Technik
3.3. Offene Kampfspiel-Formen
4. MATERIAL - AUFGABESTELLUNGEN AN DEN SCHLAGGERÄTEN
5. LEKTIONSVORSCHLÄGE
5.1. Organisatorische Hinweise
5.2. Vorschlag für 1 Doppellektion im Rahmen des Sportunterrichtes
5.3. Vorschlag für 3 Doppellektionen im Rahmen des Sportunterrichtes
5.4. Vorschlag für einen 10-Lektionen-Kurs (Quartal)
5.5. Vorschlag für einen 17-Lektionen-Kurs (Semester)

ANHANG

A GLOSSAR

B TEST-FORMULARE, FRAGEBOGEN

C DETAILLIERTE AUSWERTUNG DER LEISTUNGSDIAGNOSTISCHEN TESTS

D AUSZUG AUS DEM REGELWERK

E GROBPLANUNG DER WFS-KURSE

F SCRIPT „BOXEN HOCH 3“ ZUM AUSTEILEN IM UNTERRICHT

G LITERATURLISTE

H KONTAKTADRESSEN

VORWORT

Als angefressener Boxer und Boxtrainer fiel mir bald die schlechte Akzeptanz der Bevölkerung gegenüber des Boxsportes auf. Als ich mit dem Turnlehrerstudium begann, erfuhr ich dann, dass die Fähigkeiten, welche sich ein Kampfsportler aneignet, zwar respektiert werden, aber in der Ausbildung nicht als gleich wichtig (beispielsweise mit dem Jonglieren eines Balles) eingestuft werden. Die Schulen fassen das Thema Kampfsport oft mit Zurückhaltung und vielen Vorurteilen an, oder umgehen es lieber. Erst in letzter Zeit scheint sich eine Lockerung alter Strukturen und ein vermehrtes Interesse zu bilden. In meiner Schulzeit traf ich nie Kampfsport im Sportunterricht an. Auch in der Turnlehrer- Ausbildung war Kampfsport, mit Ausnahme einer Selbstverteidigungslektion und einiger Capoeira-Formen als Auflockerung im Geräteturnen & Tanz, kein Thema. Meiner Meinung nach bietet der Kampfsport-Sektor und der Boxsport im speziellen, aber einiges, was in anderen Sportarten eher zu kurz kommt (siehe auch Kapitel 3.2.). So untersuchte ich, welche Trainingsinhalte man im Schulsport umsetzen kann und packte 1999 die Gelegenheit beim Schopf, als mich Daniel Haussener vom Gymnasium Leonhard fragte, ob ich im Rahmen des Wahlfachsportes Boxen anbieten möchte. Während dem Diplom I der Turnlehrerausbildung erarbeitete ich ein Konzept für diesen ersten Wahlfachsport, das dann als Grundlage für meinen Unterricht, wichtiger aber noch als Plädoyer diente, den damaligen Turninspektor Theo Rohrer und den Schuldirektor von der Durchführbarkeit eines WFS „Fitnessboxen“ zu überzeugen.

Schon während der Semester-Arbeit merkte ich, dass ich dieses Thema weiterziehen möchte. Nach der Evaluation des ersten WFS-Kurses vertiefte ich mich in die Literatur, um andere Konzepte und neue Übungen kennenzulernen. Dabei stiess ich auf das „boxe éducative“, welches in Frankreich seit Jahren praktiziert wird. Über meinen Kollegen Ralph Neukom aus der Nachwuchskommission des Boxverbandes kam ich dann an Ausbildungsunterlagen und an Adressen der Fédération France de Boxe (FFB), welche mir eine ausgiebigere Auseinandersetzung mit dem Thema ermöglichten. „Boxe éducative“ schien mir die ideale Form des Boxsportes für die Schule zu sein und ich nahm mir vor, deren Inhalte auf die Tauglichkeit in der Schweiz zu untersuchen und in den Wahlfachsport zu integrieren. Die Ergebnisse dieser Bemühungen liegen nun in dieser Diplomarbeit vor.

Anmerkung: Im Verlaufe der Arbeit wuchs mein Wissen und meine Fachkompetenz stetig an, was natürlich auch auf die Kursinhalte und die Vermittlung des Stoffes eine Auswirkung hatte. Dies liess mich ständig bereits geschriebene Textpassagen überarbeiten. Die Planung der ersten WFS_Kurse entspricht deshalb teilweise nicht vollumfänglich den didaktischen Empfehlungen des Praxis-Teils.

Um den Text leserfreundlicher zu gestalten, wurde die Formulierung im Maskulin gehalten. Mit „Boxer“, „Schüler“, „Lehrer“ sind selbstverständlich auch immer die weiblichen Formen gemeint.

An dieser Stelle möchte ich mich herzlichst für die Unterstützung bedanken, welche ich beim Verfassen dieser Arbeit erfahren habe:

Sonja Tuor für die enorme motivationale Unterstützung, die Lektur und formale Tipps Eric Golowin für die inhaltliche Betreuung

Ralph Neukom für die anregenden Gespräche und Praxisbeispiele Umberto Manfredonia für Anregungen der Praxisbeispiele

Daniel Haussener und Felix Sprecher für die Ermöglichung der Wahlfachsport-Kurse Boxclub Basel für die Zusammenarbeit in der Evaluation

Diplomarbeit: Integrationsmöglichkeiten des „ boxe é ducative “ in den Schweizer Schulsport

TEIL I - RAHMENBEDINGUNGEN / KONTEXT DER ARBEIT

1. EINLEITUNG

Boxe éducative. In der Schweiz kaum bekannt, in Frankreich seit den 70er Jahren ein fester Inhalt in Schule und Verein.

Boxe éducative ist eine Form des klassischen Boxens bei der die harten Schlägen verboten sind. Der Gegner wird „touchiert“ und nicht geschlagen. Dadurch ermöglicht Boxe éducative dem Schüler den Einblick in die Welt des Boxsportes und vermittelt deren gewinnbringende Trainingseffekte, während gleichzeitig die schädigenden Aspekte des Boxens unterbunden werden.

Diese Diplomarbeit erklärt die Grundzüge dieser schultauglichen Boxvariante. Sie wertet Erfahrungen der Praxis aus und liefert die nötigen Hintergrund-Informationen, um als kleines Lehrmittel zu dienen für Lehrer und Leiter, welche ihren Unterricht mit dieser Form des Kampfsportes bereichert wollen. Sie soll Boxvereinen als Anregung dienen, Jugendtrainings anzubieten, das Training mit spielerischen und pädagogischen Formen zu erweitern und den Boxsport mittels zeitgemässer Nachwuchsarbeit besser nach aussen zu vermarkten.

Boxe éducative wurde während 3 Jahren an Wahlfachsport-Kursen in Basler Gymnasien auf die Tauglichkeit im Schweizer Schulsport getestet.

Im Teil I wird „boxe éducative“ vorgestellt und die Planung, Erfahrung und Auswertung der Kurse behandelt. Es werden Problemstellen, Lösungen und Chancen aufgezeigt.

Teil II baut einen didaktischen Rahmen auf, führt in die Boxtechnik ein, erklärt den Einsatz des Materials und gibt Übungs-, sowie Lektionsbeispiele.

Viel Vergnügen beim Lesen und Ring frei!

2. EINSTIEG IN DIE THEMATIK

2.1. Begrifflichkeit des Themas

I NTEGRATIONSM Ö GLICHKEITEN DES „ BOXE É DUCATIVE “ IN DEN S CHWEIZER S CHULSPORT ( AM B EISPIEL DES W AHLFACHSPORTS DER G YMNASIALSTUFE )

2.1.1.„ boxe éducative“(im folgenden Text als“ bé” abgekürzt)

ist eine in Frankreich praktizierte Form des Boxsportes, in der der Niederschlag, sowie harte Schläge verboten sind und geahndet werden.

2.1.2. Wahlfachsport (im folgenden Text als„ WFS“ abgekürzt)

findet an den innovativeren Schweizer Gymnasien statt und lässt dem Mittelschüler in den letzten beiden (je nach Schule) Jahren die Möglichkeit aus 5-20 Sportfächern eines auszuwählen. Es ist in dem Sinne ein Wahl-Pflichtfach. Die gewählte Sportart wird dann während eines Quartals, resp. Semesters (je nach Schule) praktiziert.

2.1.3. Integrationsmöglichkeiten - Unter Integration verstehe ich:

Wie lässt sich bé in den Schulsport allgemein, oder in den WFS „Fitnessboxen“ im speziellen, einflechten? Welche Formen klappen am besten?

Wie gross kann der zeitliche Anteil von bé im WFS „Fitnessboxen“ sein?

Entstehen Probleme beim Schlagkontakt; Schlaghemmungen, Aggressivität, fehlende Kontrolle. Wie kann denen entgegnet werden?

Wie kommt bé bei den Schülern an; gefällt ihnen der Schlagkontakt? Was gilt es bei der Durchführung von bé zu beachten?

2.2. Literaturlage

Die Literaturlage zu diesem Thema ist relativ bescheiden. Es existieren wenige deutsche Lehrbücher zum Boxsport: Als Standard-Werk gilt das Buch „Boxsport“ von Horst Fiedler aus dem Jahre 1983.

Trotz einem internationalen Dachverband (AIBA) wird die Forschung wenig koordiniert. Die Publikationen beruhen oft auf eigenen Erfahrungen und weniger auf wissenschaftlichen Erkenntnissen.

Am seriösesten wurde in der damaligen DDR geforscht. Jene Dokumente sind aber verschollen oder nur sehr umständlich ausfindig zu machen, da für den internen Gebrauch bestimmt. Zum Boxen im Jugendalter finden sich nur Publikationen in Zeitschriften; es existieren einige Arbeiten zum Schulboxen in Deutschland, wo der Boxsport z.T. in der Schule verankert ist.

Die innovativeren Publikationen im Nachwuchsbereich finden sich in Frankreich und Italien, was die Literatur-Arbeit aufgrund der fremden Sprache erschwert.

Primär baue ich meine Erläuterung zum bé aus den von der UNSS und der FFB herausgegebenen Scripten auf. Stark beeinflusste mich auch das Lehrbuch „sparring condizionato“ von N. Mela.

3. WIESO BOXEN?

3.1. Gibt es nicht genug Schulsportarten?

Diese Frage ist berechtigt, wird doch der Fächerkanon ständig erweitert. Die StundenplanVerantwortlichen kämpfen damit, alle Fächer unter einen Hut zu bringen. Die jugendlichen Interessen sind gerade im Sektor Sport einem ständigen Wandel unterworfen und werden immer stärker von der Fitness- und Fun-Industrie beeinflusst.

Ein Hauptziel des Sportunterrichtes ist das Vermitteln von Spass an Sport und Bewegung und ein damit verbundenes Hinführen zu lebenslangen Sport. Wird dabei stur an veralteten Sportübungen festgehalten, besteht die Gefahr, an den Schülern vorbei zu unterrichten. Kampfsport war bisher vom Turnunterricht nahezu ausgeschlossen, scheint aber bei den Jugendlichen ein Bedürfnis zu sein. Dies ergab eine Umfrage des Leiters des Sportamtes Basel-Stadt, Andrea Müller, an Basler Schulen.

Eine neue Schulsportart ist grundsätzlich etwas Bereicherndes. Sie kann neue Bewegungsmuster ausbilden, andere Konditionsfaktoren beanspruchen oder auch bloss neue Impulse geben. Aus finanzieller Sicht ist bei der Einführung neuer Sportarten natürlich immer wichtig, ob die Materialien teuer sind, und ob die Sportart nur ein Modetrend ist, sprich, ob die Materialien ein Jahr später bloss noch im Geräteraum stehen.

Boxen ist kein vorübergehender Trend. Amateurboxen ist seit 1904 Olympische Disziplin, Boxe Éducative wird seit den 70er-Jahren in Frankreich in Vereinen und Schulen praktiziert und weiterentwickelt. Ausserdem ist Boxen kostengünstig und kann nahezu überall durchgeführt werden.

Bis anhin wurde der Boxsport jedoch in den Schulen gemieden. J&S verweigert eine Aufnahme dieses Sportes, solange der Niederschlag toleriert, oder gar als Ziel des Boxens gesehen wird. Mit dem bé besteht nun ein Konzept, welches dem Schüler den Einblick in diese faszinierende Sportart ermöglicht und deren gewinnbringende Trainingseffekte (Æ Teil I, 3.2) vermitteln kann, während die potentiell schädigenden Aspekte des Boxens (harte Schläge) unterbunden werden.

3.2. Pädagogisches Potential

Der Boxsport, und Kampfsport allgemein, bereichert den Trainierenden unter anderem in den folgenden Bereichen:

Umgang mit Emotionen, Selbstvertrauen Erhöhte Frustrationstoleranz

Kommunikationsfähigkeit Körperbewusstsein Konzentrationsfähigkeit

Anpassungs- und Reaktionsfähigkeit

Fitness durch umfassende Bewegungsschulung Lebensorientierung

Umgang mit Emotionen, Selbstvertrauen

Der sinnvolle Umgang mit Angst, Risiko und Stress wird gefördert. Die Schüler setzen sich im Zweikampf mit der ständigen Gefahr, Treffer zu kassieren, oder mit der Gefahr, die Kontrolle zu verlieren, auseinander. Dies kann hoch emotional sein. Durch diese Grenzerfahrung erhalten die Schüler die Möglichkeit, sich mit ihren Emotionen auseinander zu setzen. Dafür soll genug Zeit gewährt werden. Mit einer gute Betreuung können die Schüler so Verhaltensmuster lernen, die ihnen im Umgang mit den eigenen Gefühlen helfen und das Selbstvertrauen stärken. (Æ Teil II, 1.4.5. Psyche)

Erhöhte Frustrationstoleranz

Im Zweikampf gibt es immer einen Sieger und einen Verlierer. Die Schüler haben bei entsprechender Aufgabestellung (Handicap-Formen, Gruppenbildung, Liga-Spiele) viele Möglichkeiten, beide Rollen zu erfahren. Dadurch verbessert sich das Verständnis für den Gegner. Sie lernen, dass Sieg und Niederlage oft nahe beieinander liegen und man auch von einer Niederlage profitieren kann. Nicht nur der Sieg, sondern auch das Spiel mit dem Partner an sich, oder die Herausforderung der Aufgabenstellung erzeugen Spass und Spannung. Durch die Erfahrung, dass sie fähig sind zu gewinnen, etwas zu bewirken, steigert sich das Selbstvertrauen und somit die Frustrationstoleranz. Die Schüler lernen, besser mit Niederlagen umzugehen.

Kommunikationsfähigkeit

Der Bezug zum Partner, resp. Gegner steht im Boxsport, wie in allen Kampfsportarten im Zentrum. Die Zweikampf-Situation zwingt den Boxer, sich ganz spezifisch mit dem Partner auseinander zu setzen und mit ihm in einen körperlichen Dialog zu kommen. Beide Übungspartner senden Signale verschiedener Art, welche der andere empfangen, interpretieren und sinnvoll beantworten muss. Je höher die Qualität des Boxers, desto besser weiss er die Signale des Gegenüber zu deuten, wie beispielsweise die Schlagauslösung oder die Zeichen von Überforderung. Im Zweikampf lernen die Schüler so, "sich dem anderen gegenüber zu behaupten, aber auch nachzugeben, wenn es nötig ist." (Sigg/Gioiella, 1998, S. 12).

Körperbewusstsein

Der Zweikampf erfordert den kontrollierten Einsatz des eigenen Körpers. Die Schüler erfahren die Stärke und die Reichweite ihres Bewegungsapparates. Sie erleben, was der Körper bewirken kann, welche Körperhaltung welche Konsequenz mit sich bringt. Sie entwickeln "einen bewussten Umgang mit dem eigenen, wie auch dem gegnerischen Körper. Sie lernen, den Krafteinsatz zu dosieren und ihren Körper adäquat einzusetzen" (Sigg/Gioiella, 1998, S. 10).

Der Körperkontakt wird gefordert. Ohne Berührungen kommt kein Treffer zustande. Gerade eher schüchterne Schüler erkennen, dass Berührungen nichts peinliches oder unanständiges sind, sondern erst körperliche Kommunikation ermöglichen und das gegenseitige Vertrauen stärken.

Konzentrationsfähigkeit

Die direkte Auseinandersetzung, eins zu eins, lässt eine spannungsgeladene Stimmung entstehen, die für hohe emotionale Momente sorgt. Sie lässt alles rundherum verschwinden und lenkt die Aufmerksamkeit des Boxers voll auf den Übungspartner. Jede Unachtsamkeit kann vom Gegner ausgenützt werden. Dies erfordert 100%-ige Konzentration bis zum Rundenende.

Anpassungs- und Reaktionsfähigkeit

Wie auch in allen Spielsportarten wird durch einen aktiven Gegner jede Handlung anders verlaufen. Der Schüler ist gefordert, sich immer wieder der jeweiligen Situation anzupassen und möglichst schnell sinnvoll zu reagieren.

Fitness durch umfassende Bewegungsschulung

Rumpf, Arme und Schultergürtel werden ebenso gefördert, wie die Beinmuskulatur. Oft weisen Jugendliche einen Beweglichkeits-, wie Kraft- und Ausdauerverlust in der oberen Körperhälfte auf. In vielen Sportarten, wie auch im Alltag, ist das Schwergewicht auf die Beine gelegt und die Arme werden vernachlässigt oder lediglich unterstützend gebraucht. Der Boxsport kann hier Defizite abbauen.

Zudem erhält das regelmässige Boxtraining die körperliche Fitness durch eine umfassende Körperschulung, welche Schnelligkeit, Ausdauer, Kraft, Koordination und Beweglichkeit in jeder Unterrichtseinheit vorsieht und somit wesentlich zur Gesundheitsprophylaxe beiträgt. (Æ Kondition, Teil II, 1.4.3)

Lebensorientierung

Durch seine hohen konditionellen und kognitiven Ansprüche verlangt der Boxsport vom Boxer hundertprozentige Hingabe auch im Alltagsleben. Eine seriöse Lebensweise (Rauchverbot, gesunde Ernährung, richtiges Trinken, genügend Schlaf, etc.) ist für den Wettkämpfer unabdinglich. Der Schüler kann dafür sensibilisiert werden, indem ihm sinnvolle Vorbilder gegeben werden, auch wenn die Anforderungen im WFS nicht denen eines Wettkampfes entsprechen. Der Boxsport erstreckt sich in das Privatleben der Trainierenden und vermittelt eine Art Lebensphilosophie. Er kann den Jungen somit Orientierungspunkte geben, was gerade in der heutigen postindustriellen Gesellschaft, die von Freiheiten und Informationsflut geprägt ist, von grosser Bedeutung ist.

Obwohl im bé die konditionellen Anforderungen nicht so hoch sind und eigentlich jeder teilnehmen kann, hat der Lehrer die Möglichkeit mittels besserem Verständnis der Schüler für den Boxsport, sie für eine gesündere Lebensweise zu sensibilisieren. Dabei hat das überzeugte Vorleben immer noch die grösste Wirkung.

3.3. Vorteile gegenüber anderen Kampfsportarten?

Boxe éducative bietet im Vergleich zu anderen Kampfsportarten z.T. nicht die gleiche Bewegungsvielfalt (der Boxer bleibt auf den Beinen), weist dafür einige wesentliche pragmatische Vorteile auf:

Weniger Risiken:

Dadurch, dass mit gut gepolsterten Handschuhen gekämpft wird, können schneller (eigentlich schon in der ersten Lektion) interessante Kampfformen ausgeübt werden. Es besteht keine Gefahr der Augen- oder Gesichtsverletzung durch unkontrollierte Finger oder Knöchel. Verletzungen durch unkontrolliertes Landen bei Würfen sind ebenfalls kein Thema.

Rascher und unkomplizierter Einstieg:

Durch die einfache Technik und Regelgebung ermöglicht bé einen raschen Einstieg in die Welt des Zweikampfes, ohne vorher Falltechniken und komplizierte Griffe zu lernen. Falltechniken bringen zwar etliche Gewinne für den Alltag und sprechen die Sinne vielseitig an, benötigen aber fachkundige Anweisung und relativ viel Zeit. Dies führt in den Schulen schnell zu Barrieren.

Ortsunabhängigkeit:

Die meisten Formen sind ortsunabhängig durchführbar. Es wird dazu kein speziell präpariertes Feld oder ein gepolsterter Bodenbelag benötigt.

Hohe Intensität:

Da sich die Schüler in vielen Kampfspielformen selber bewerten, können oft alle gleichzeitig boxen, was eine hohe Bewegungsintensität ergibt und somit die Ausdauer entscheidend fördert. Die Endform des bé sieht ausserdem keine Unterbrüche nach Treffern vor, sondern geht über die Zeit, was die Bewegungsdichte zusätzlich erhöht.

4. BOXE ÉDUCATIVE - VORSTELLUNG

4.1. Konzept

Boxe éducative ist eine in Frankreich an den Schulen und in Vereinen praktizierte Variante des Boxsportes. Sie wird vor allem im Jugendbereich eingesetzt und hat, wie der Name erahnen lässt, primär pädagogische Ziele.

Unter bé wird einerseits die Wettkampfvariante und das Training darauf hin verstanden, bei welcher starke Schläge verboten sind. Der Begriff bé wird aber auch gebraucht, wenn ein Boxkurs für spezielle pädagogische Ziele eingesetzt wird. So wird bé nebst dem Unterricht in Schulen oft in Projekten zur Gewaltprävention oder in der Arbeit mit schwer erziehbaren Jugendlichen eingesetzt. Dabei muss nicht zwingend ohne Kraft geschlagen werden. Je nach Ziel kann die Auseinandersetzung mit dem Risiko des starken Schlages auch bewusst eingesetzt werden.

Es wird angenommen, dass die boxerische Auseinandersetzung eine Annäherung an soziale Probleme ermöglicht, da sich problematische Verhaltensweisen oft im Kampf verstärkt wiederspiegeln und dadurch in einen anderen Rahmen gestellt werden können. Vielfach kann im Boxsport, wie im Sport im allgemeinen, ein gemeinsamer Nenner mit den Jugendlichen gefunden werden, welcher als Basis für einen vertrauensvollen Dialog dient. Diese Arbeit widmet sich jener Ausprägung von bé, welche auf dem kraftlosen Schlag beruht.

Bis anhin existieren in Frankreich offiziell folgende Ausprägungen des Boxsportes:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Im Unterschied zum klassischen englischen Boxen sind beim bé jegliche harte Schläge strengstens verboten und werden sanktioniert. Ein Niederschlag führt zur sofortigen Disqualifikation des dafür verantwortlichen Boxers. Zentral ist die Auseinandersetzung ohne Aggression, was die Beherrschung der Schlagstärke und der Emotionen erfordert. Diese Box-Form ermöglicht den Schülern und den Lehrern alle Bereicherungen des Boxsportes (im motorischen, informativen, energetischen Bereich, aber auch in der Entwicklung der gesellschaftlichen Werte) zu nutzen, ohne die Gesundheit der Praktizierenden zu gefährden.

Basis ist wie gesagt der Boxsport. Um bé zu verstehen, bedarf es also eines minimalen Grundverständnisses für die Regelgebung des Boxens. Die wichtigsten Punkte werden deshalb im nächsten Abschnitt erläutert. Will der Leiter / Lehrer den Unterricht von den spielerischen Kampfformen bis zur Endform, dem bé-Kampf, weiterziehen, sollte er möglichst gut mit den Regeln dieser Sportart vertraut sein. Ein weiterer Auszug dieser Regeln findet sich im Anhang D. In der Schule ist es je nach Situation auch sinnvoll, die Regeln bewusst anzupassen, am besten im Dialog mit den Schülern. Schwierige Regeln können, wie im Basketball die Schrittregel, vereinfacht oder mit mehr Toleranz behandelt werden.

4.1.1. Zentrale Punkte des Box-Reglements

Der Boxer befindet sich in einem Zustand des Schlagabtausches (Halten, Stossen, Heben etc. ist verboten). Er ist ständig seinem Kontrahenten zugewendet, darf ihm während des Kampfverlaufes nicht den Rücken zuwenden. Er darf nur mit der erlaubten Faustfläche (Kopf der Mittelhandknochen) auf ein erlaubtes Ziel (vordere Körperseite vom Gürtel bis zur Stirne) schlagen. Dies muss er innerhalb eines definierten Platzes (Boxring; Quadrat von 4.9m bis 6.10m Seitenlänge) und innerhalb einer bestimmten Zeit, charakterisiert durch Perioden der Auseinandersetzung (1-3 Minuten) und Rundenpausen (von 1min Länge), versuchen. Diese 6 Elemente genügen eigentlich, um den Rahmen des Boxsportes zu setzen. Daraus resultieren auch die meisten verbotenen Handlungen (z.B. Abdrehen, Schlagen mit der Handinnenseite, Halten, etc.).

4.1.2. Pädagogische Eigenarten des bé

Im bé kommt noch eine wesentliche Regel dazu: Jeder Schlag oder jede Schlagverbindung, ausgeführt mit Einsatz des Körpergewichts und/oder Einsatz der Schulter, ist verboten, ebenso aggressives Verhalten. Diese Vergehen werden ermahnt und beim dritten Vergehen negativ gewertet.

Im Konzept des bé stechen in pädagogischer Hinsicht 3 methodische Aspekte hervor:

a) Wo immer möglich, werden Formen eingesetzt, bei denen ein Schüler die Rolle des Ringrichters übernehmen muss. Die Regeln werden so besser verstanden und respektiert.
b) Im bé-Training sollten möglichst wenige losgelöste Technikübungen durchgeführt werden (deren Sinn die Schüler oft nur schwer verstehen), sondern die technischen Elemente durch eine entsprechende methodische Auswahl der Spielformen und deren Erfordernisse situationsgemäss ausgebildet werden.
c) Die bé-Formen bezwecken von Anfang an wettkampf-orientierte Organisationsformen zu kreieren, um die Schüler früh mit den Aspekten Fairness und Challenge zu konfrontieren.

4.2. Kleine Übungsauswahl als Beispiel

Spiele für die Beintechnik

1) Verschieben vor-zurück, A und B stehen vis-à-vis. B verschiebt sich in Boxstellung vor und zurück. A versucht den Abstand zu B immer gleich zu halten

2) Verschieben seitlich, A versucht immer vis-à-vis von B zu bleiben

3) Torero; B läuft mit gestrecktem Arm auf A zu (zielt auf Stirne), A weicht mit Schritt nach aussen aus.

Sensibilisierungsübungen

1) A nimmt Arme hinter Rücken und hält hin. B touchiert mit gestreckten Armen die Stirne, Schulter oder Bauch, sodass es A nicht schmerzt. Nach jedem Treffer zieht B die Fäuste sofort wieder in die Grundstellung zurück. Berühren, nicht schlagen!

2) dito, A hat Fäuste auf Kopfhöhe schulterbreit und streckt einen Arm Richtung gegnerische Stirne, sobald B den zweiten Schlag beendet hat

Spielformen mit Schlagkontakt

1) A und B boxen gegeneinander, Trefferfläche ist die vordere Körperseite vom Gürtel bis zur Stirne. Bei jedem Treffer unterbrechen beide sofort, berühren die Wand und setzen den Kampf fort. Wer zuerst 3x getroffen wurde, muss 20 Rumpfbeugen machen.

2) A steht mit dem vorderen Bein in einem Reifen, B versucht mit Einzelschlägen seine Stirne zu treffen. A darf die Fäuste nicht zur Verteidigung gebrauchen. Bei 5 Treffern darf B in den Reifen. Wer kann länger im Reifen bleiben?

Endform bé-Kampf

In der Endform wird nicht mehr nach jedem Treffer unterbrochen, sondern die Treffer, resp. die gewonnenen Schlagwechsel fortlaufend gezählt, bis die Runde zu Ende ist.

4.3. Problematische Aspekte des bé

4.3.1. Verminderte Intensität

Der Aspekt, dass die Schüler selber die Rolle des Ringrichters übernehmen, hat neben vielen Vorteilen den Nachteil, dass die Intensität sinkt; einerseits übernimmt jeder dritte die relativ passive Ringrichter-Rolle, andererseits braucht es mehr Zeit für ausführliche Erklärungen der Aufgabe. Hier gilt es jeweils Prioritäten zu setzen, sich zu überlegen, was einem wichtiger ist; möglichst viel Bewegung oder die pädagogischen Gewinne. Je nach Situation macht der Ringrichter-Einsatz mehr oder weniger Sinn:

Bei Übungsformen, bei denen mehrheitlich Partner A schlägt und Partner B hinhält, sinkt die Intensität zu stark, wenn noch ein dritter Schüler kontrolliert. Bei Formen, bei denen beide Schüler in gleichem Masse angreifen und verteidigen dürfen, ist jedoch die Rolle des Ringrichters eine willkommene Erholungsphase und wichtig für die Regulierung des Wettkampfeifers.

4.3.2. Unterschiedliche Definition der Schlaghärte

Von der Schlaghärte gibt es innerhalb der Klassen des selben Lehrers selten Probleme. Die Erfahrung zeigt, dass sich die Schüler sehr gut selbst regulieren. Ab und zu tauchen aber Unstimmigkeiten auf, wenn verschiedene Clubs oder Schulen gegeneinander boxen, bei denen andere Auffassungen herrschen, wo die Grenze für einen harten Schlag ist. Dies ist jeweils am besten mindestens einen Monat im voraus (evtl. mit 1-3 Vergleichskämpfen oder per Video, da die mündliche Definition oft schwierig ist) abzuklären.

Probleme scheint es diesbezüglich in Frankreich offensichtlich auch bei der Mischung von bé-Kämpfen mit Amateur-Boxkämpfen zu geben. Das Publikum hat Mühe zu differenzieren. Zudem ist das Ambiente ziemlich unterschiedlich. Deshalb ist die Mischung der beiden Boxformen in Frankreich untersagt, wie beispielsweise in Deutschland die Mischung von Profi- und Amateur-Kämpfen.

4.3.3. Problemfall„Konter“

In Frankreich wird diskutiert, ob der Konter verboten werden soll. Anders als in anderen Sportarten wird der Konter vom Gegenschlag unterschieden; ein Konter ist ein Schlag, der gleichzeitig zum Schlag des Gegners ausgeführt wird (beispielsweise eine Gerade zum

Körper, während der Gegner eine Gerade zum Kopf schlägt). Wird ein Schlag zuerst abgewehrt (durch Ausweichschritte, Meiden oder Blocken) und erst danach zurückgeschlagen, so spricht man vom Gegenschlag, Nachschlagen, oder Gegenangriff. Vorteil (im Amateurboxen) oder Nachteil (im bé) des Konters ist, dass die Kraft des Gegners mit in den eigenen Schlag kommt und diesen verstärkt. Es ist äusserst schwierig einen Konter kontrolliert und ohne Schlagwirkung zu boxen. Deshalb wird das Verbot des Konters diskutiert. Konsequenz für den Boxunterricht in der Schule ist, dass man versuchen sollte, Verteidigungsformen zu wählen, die das Nachschlagen und nicht den Konter trainieren. So werden geeignetere Verhaltensmuster für einen problemlosen folgenden bé-Kampf gelernt.

5. WAHLFACHSPORT ALS EXPLORATIONSFELD

5.1. Methodik

5.1.1. Die Untersuchte Gruppe

WFS-Kurse „Fitnessboxen“ und „Boxen“:

ƒ- 15-18 jährige Knaben und Mädchen der Gymnasialstufe
ƒ- 7 Klassen à ca. 16 Schüler/innen
ƒ- Wahlpflichtfach

5.1.2. Untersuchungsmethode

ƒ- Beobachtendes Verfahren; wie reagieren die Schüler auf die Lektions-Inhalte?
-ƒ Testendes Verfahren (Kraftausdauer-Test; Beginn + Ende)
ƒ- Befragungen (Fragebogen zu Beginn + Ende, Gespräche)

Da der Ansatz der Diplom-Arbeit heuristischer Natur ist, zeigen die Untersuchungen, resp. Beobachtungen hauptsächlich Tendenzen auf, lassen aber keine wissenschaftliche Verallgemeinerungen zu.

5.2. Wahlfachsport allgemein

WFS findet an den innovativeren Schweizer Gymnasien statt und lässt dem Mittelschüler in den letzten beiden (je nach Schule) Jahren die Möglichkeit aus 5-20 Sportfächern eines auszuwählen. Es ist in dem Sinne ein Wahl-Pflichtfach. Die gewählte Sportart wird dann während eines Quartals, resp. Semesters (je nach Schule) zu einer Doppelstunde wöchentlich praktiziert.

Mit dem WFS hat sich das Gymnasium das Ziel gesteckt, den Schülern Sportarten zu ermöglichen, die sich im konservativen Rahmen nicht durchführen liessen. Ausserdem bietet der WFS den Schülern die Gelegenheit, sich während einem Quartal länger, intensiver und vertiefter mit einem gewählten Thema zu beschäftigen. Der Fachleiter hat die Aufgabe, den Schülern qualitativ guten und abwechslungsreichen Sportunterricht in der entsprechenden Disziplin anzubieten, Lernfortschritte zu ermöglichen und einen authentischen Einblick in diese Sportart zu gewähren.

5.3. WFS „Fitness-„ Boxen

Die Grundidee ist, den Schülern die Vielfalt und Faszination des Boxsportes, sowie die Freude an intensiver körperlicher Betätigung näher zu bringen und mit ihnen die technische, wie konditionelle Grundlage für eine eventuelle Fortführung dieses Sportes privat, in einem Club oder gar an der Schule zu erarbeiten. Ziel des Fachleiters Boxen sollte es sein, Vorurteile und Klischees gegenüber dem Boxen abzubauen und g. zu demonstrieren, wie Boxen jenseits brachialem „körperlichen Abreagieren und gegenseitigem Verprügeln“, intensiver und faszinierender erlebt werden kann.

Der WFS kann in einer normalen Turnhalle, oder nach Absprache auch extern in einem Boxclub durchgeführt werden.

Der WFS dauert ein Quartal (ca. 8-10 Doppellektionen) oder ein Semester (ca. 17 Doppellektionen). In dieser Zeitspanne lässt sich einiges erarbeiten. Da zwischen den Lektionen aber jeweils eine ganze Woche liegt, sollten die wesentlichen Inhalte der letzten Lektion immer kurz wiederholt werden. Zudem gilt zu beachten dass die Ziele nicht zu hoch gesteckt werden dürfen, da in Schulklassen aufgrund Projektwochen, Krankheit und wichtigen Prüfungen jedes Mal 2-6 Schüler fehlen. Hier ist die Entscheidung zu fällen, ob viel repetiert wird oder die Tatsache in Kauf genommen wird, dass einige Schüler nicht richtig nachkommen.

5.4. Wirkung der Kurs-Benennung

Der Titel der Kursausschreibung spielt eine wesentliche, selektierende Rolle. Er sollte möglichst treffend und transparent sein. Eine unpassende Kurs-Benennung zieht einerseits Teilnehmer ins Training, die etwas anderes erwarten (was die Motivation reduziert) und schliesst andererseits Teilnehmer aus, die sich mit den wirklichen Stundeninhalt vielleicht gut identifizieren könnten.

Der Name „Fitnessboxen“ löst mittlerweile klare Erwartungen aus; Boxen zu Musik, Boxaerobic, Body-Toning.

Der Prozentsatz von über 90% an Mädchen in den Fitnessbox-Kursen kann auf diesen Sachverhalt zurückzuführen sein. Knaben scheinen sich weniger für Fitnessboxen zu interessieren, da sie darin eine Aerobic-Variante erwarten. Im WFS 2001, welcher als „Boxen“ ausgeschrieben wurde, war der Prozentsatz an Mädchen unter 50%. Im Jahr 2002 wurde der WFS_Boxen unglücklicherweise inkonsequent teilweise als Boxen, teilweise als Fitnessboxen ausgeschrieben. Der Prozentsatz an Mädchen stieg auf 69%, wovon sich einige betrogen fühlten, weil sie etwas anderes erwarteten. Ein Kurs mit dem Schwerpunkt bé sollte also besser nicht als Fitnessboxen ausgeschrieben werden.

6. PLANUNG UND ZIELE DER WFS-KURSE

6.1. WFS_Fitnessboxen 1-3

Rahmen und Ziele - WFS_Fitnessboxen 1-3

Da die meisten verantwortlichen Lehrpersonen dem Boxsport gegenüber sehr kritisch und voreingenommen eingestellt sind, galt es zuerst einmal zu beweisen, dass gezielt ausgewählte Inhalte aus dem Themenkomplex Boxen durchaus schultauglich sind. Diese ersten 3 Kurse waren in dem Sinne eine Probezeit. Damit die Kurse zustande kamen, widmete ich das Thema meiner „Schriftlichen Arbeit zur Erlangung des Turnlehrer-Diplom I“ dem Konzept und der Rechtfertigung eines Wahlfachsportes „Fitnessboxen“.

Der Name „Fitnessboxen“ ist hier ein Schlüsselwort; er ist bisher der einzige Begriff, unter dem der Boxunterricht von der Gesellschaft akzeptiert wird; Fitnessboxen beinhaltet jene Übungen aus dem Boxtraining, die speziell die Fitness-Komponente fördern, gesundheitlich unbedenklich sind und nicht den Wettkampf zum Ziel haben. Meine Absichten gingen ein bisschen weiter; neben der Förderung der Fitness sollten die Schüler auch eine boxtechnische Basis bekommen, um ihnen bei Interesse einen leichten Einstieg in den Vereins-Boxsport zu ermöglichen, was meiner Meinung nach das längerfristige Sporttreiben unterstützen würde.

Im Herbst 2000 fanden parallel 3 Kurse mit dem Namen „Wahlfachsport Fitnessboxen“ statt. Das Konzept zu diesen Kursen beruht auf dem Script „Konzept zum Wahlfachsport Fitnessboxen“ aus dem selben Jahr. WFS_FB 1-3 war die ersten Phase, eigentlich die vorbereitende Phase meiner Diplomarbeit.

Da sehr viele verschiedene Wahlfachsport-Angebote existieren und sich ein Problem der Hallen-Überbelegung zeigte, führte ich den Kurs im örtlichen Boxclub durch. Dies hatte zusätzlich den Vorteil, dass dort das meiste Material bereits vorhanden war und gemietet werden konnte. Ausserdem machte diese Umgebung den Kurs noch eine Spur authentischer.

Längerfristige Ziele waren unter anderem der Erwerb von Sicherheit beim Unterrichten des Boxsportes in der Schule, Ausprobieren der diversen Übungen auf ihre Tauglichkeit mit Jugendlichen, Abstecken der Grenzen und Sammeln von Erfahrungswerten, wie viel Stoff zeitlich für eine Lektions- und Kursplanung Sinn macht. Zur Evaluation führte ich einen Leistungstest, ein Liegestützenprotokoll und einen Fragebogen zur Messung der Einstellungsveränderung durch.

Kursplanung - WFS_Fitnessboxen 1-3

Ich versuchte mich bei der Konzeption der Kurse an die methodisch-didaktischen Leitlinien aus der Turnlehrer-Ausbildung zu halten und möglichst viele Sinnrichtungen anzusprechen. Das Grundkonzept war für alle Kurse gleich. Dies bot den Vorteil, dass ich Inhalte, die im ersten Kurs nicht so gut liefen, im zweiten Kurs jeweils variieren und verbessern, oder gar weglassen konnte. Die Durchführung adaptierte ich zudem aufgrund der unterschiedlichen Konzentration und Begabung der Klassen leicht.

Schwerpunkte waren:

- Erwerb einer stabilen Grundtechnik (Abb. 1)
- Gewöhnung an regelmässiges Training durch Einführung der LS-Liste
- Vermittlung der wichtigsten Punkte aus der Trainingslehre in Form 10-15minutiger Theorie zu Beginn der Stunde
- Verbesserung verschiedener Reaktionsübungen
- Verbesserung der Kondition durch langsame Intensitätssteigerung und Evaluation mittels Leistungstest.
- Ziel: ein lockeres Sparring gegen den Übungsleiter zum Umsetzen des Gelernten, oder bei Interesse gar gegeneinander unter der Aufsicht des Leiters.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1 Aufbau der grundlegenden Technik im WFS „ Fitnessboxen “

Aufbau einzelne Lektionen - WFS_Fitnessboxen 1-3

Jede Lektion beginnt mit einem Theorieteil und darauffolgendem Einwärmen. Im Einwärmen inbegriffen ist die Kräftigung von Handgelenken, Nacken und Schulterbereich. Am Ende des Einwärmens werden standardisierte Liegestützen durchgeführt und dann in die Liste eingetragen. Danach folgt die Montage der Bandagen und Handschuhe. Der Hauptteil beginnt mit einer kurzen Repetition der Grundschule und Technik der letzten Woche. Danach folgen 1-3 Reaktionsübungen und dann die Einführung des neuen boxtechnischen Elementes. Aufgelockert wird das Technik-Training durch eingestreute Spurts und Reaktionsspiele. Im zweiten Hauptteil folgt das Konditionstraining (Kraft, Gymnastik, oder Medizinball).

Ausgelaufen wird ca. 3-10 min mit Seilspringen oder gymnastischen Übungen.

Aufbau des ganzen Kurses - WFS_Fitnessboxen 1-3

Grobplan: siehe Anhang E

6.2. WFS_Boxen 1

Rahmen und Ziele - WFS_Boxen 1

Im August 2001 begann der erste Kurs mit dem Namen „Wahlfachsport Boxen“ im Auftrag des Gymnasium Bäumlihof. Dieser Kurs unterschied sich von den letzten 3 Kursen erstens durch die Namengebung, welche eine andere (dem Boxen gegenüber offenere) Teilnehmergruppe ansprach. Andererseits dauerte der WFS Boxen ein ganzes Semester, was einen längeren Aufbau und höhere Endziele ermöglichte.

Zu diesem Zeitpunkt war die Idee der Integration des bé bereits geboren. Ein Ziel war nun also die Integration des Schlagkontaktes.

Kursplanung - WFS_Boxen 1

Die Planung sah eine Streckung der technischen Elemente auf die 1 ½-fache Zeitspanne vor, sodass sich in der Lektion mehr Gelegenheit bot für eine schrittweise Heranführung an ein Sparring nach dem bé Prinzip. Es sollte prinzipiell mehr Bezug zum Boxsport geschaffen werden. Dies geschah unter anderem durch Videoanalyse und Wettkampfbesuch.

Jede Stunde beinhaltete Übungen, die die Auseinandersetzung mit dem Gegenüber ständig komplexer gestaltete, um schlussendlich der Endform Sparring möglichst nah zu kommen. Gegen Schluss des Kurses war ein Adventsturnier geplant, welches gleichzeitig zur Schaffung eines emotionalen Höhepunktes den Entwicklungsstand darstellen sollte. In den darauffolgenden 2-3 Stunden sollte dann individuell auf Inhaltswünsche eingegangen werden können und ein kleiner Ausblick vermittelt werden, wie es im Boxclub oder in einem zweiten Kurs weitergehen könnte.

Um einen Einblick in den Wettkampfbereich des Olympischen Boxen zu erhalten, analysierten wir einen Video der SM 1999 und besuchten gemeinsam die Ausscheidungen für die SM 2001.

Das Verständnis für die Regelgebung sollte in 3er-Teams gefördert werden, indem jeweils ein Schüler die Rolle des Ringrichters übernahm.

Zur Evaluation der Veränderung der Einstellung zum Boxsport wurde dieses Mal nicht nur, wie in den Kursen 1-3, am Ende, sondern auch zu Beginn des Kurses ein Fragebogen ausgefüllt. Da der Schwerpunkt auf der Erarbeitung des Sparrings lag, machte der Leistungstest keinen Sinn und wurde gestrichen. Die Liegestützen-Liste wurde als Standortbestimmung und Verdeutlichung der Superkompensation beibehalten.

Der Aufbau der einzelnen Lektionen entsprach den Kursen WFS_Fitnessboxen 1-3 (- Teil I, 6.1).

Der Aufbau des gesamten Kurses ist im Anhang E ersichtlich.

6.3. WFS_Fitnessboxen 4-5

Rahmen und Ziele

Ab Oktober 2001 bot das Leonhardsgymnasium das zweite Mal „Wahlfachsport Fitnessboxen“ an. Die Schule wollte, um Probleme zu vermeiden, trotz meiner Anfrage am Namen „Fitnessboxen“ festhalten. Es fanden aus zeitlichen Gründen jetzt nur 2 parallele Kurse statt. Anhand des anfangs ausgefüllten Fragebogen (Erwartungen bezüglich Inhalt und Bereitschaft fürs Sparring) legte ich den Schwerpunkt beim Kurs 4 eher auf bé, beim Kurs 5 eher auf die konditionellen Aspekte. Dies ermöglichte mir gleichzeitig die z.T. unterschiedlichen Reaktionen zu beobachten. Ich erhoffte zu erkennen, welcher Unterrichtsinhalt mehr ankommt. Im Kurs 4 streute ich von Beginn an Formen ein, welche den Schlagkontakt kultivierten. Beim Kurs 5 wählte ich Formen ohne Schlagkontakt. Gleichzeitig versuchte ich bei diversen Übungen (Schattenboxen, Seilspringen, Liegenstützen) den Umfang ständig zu erhöhen, um dem „Prinzip der ansteigenden Belastung“ gerecht zu werden.

6.4. WFS_Boxen 2

Rahmen und Ziele

Mit diesem, im dritten Jahr (2002) durchgeführten Kurs wollte ich den Schritt nun wagen und die ganzen Inhalte aufs bé ausrichten. Leider gab es bei der Ausschreibung aus nicht genau bekannten Gründen ein Missverständnis: Der Kurs wurde z.T. als WFS „Fitnessboxen“ ausgeschrieben. In der ersten Lektion realisierte ich, dass sich die Erwartungen der Schüler nur gering mit den meinigen decken. Ich ging also einen Kompromiss ein und erhöhte den Anteil „Boxen mit Musik“, indem ich regelmässig Boxaerobic und lockere Laufschule zu Musik einflocht. Den Ansatz, sich früher dem Schlagkontakt zu widmen und jedes Mal 2-3 bé-Formen durchzuführen, liess ich aber deshalb nicht fallen. Dieses Ziel hatte ich mir aufgrund der Rückmeldungen der Teilnehmer des WFS Boxen 1 vorgenommen. Ich ging davon aus, dass die Schüler, wenn sie damit vertraut gemacht worden sind, die Formen mögen und sie eventuell gar gegenüber der Boxaerobic bevorzugen, was sich mehrheitlich bestätigte.

7. ERFAHRUNGEN DER WFS-KURSE

7.1. WFS_Fitnessboxen 1-3

Die Schüler begannen den Kurs mit klassischen Vorurteilen wie „blaue Augen“, „gebrochene Nase“, „starke Männer“ und „Aerobic“, wussten aber nicht genau, was sie erwartet. Befürchtungen bezüglich möglichem Risiko und oder entstehenden Aggressionen zeigten sich als unbegründet. Dadurch, dass der Schlagkontakt mehr oder weniger umgangen wurde, konnten diesbezüglich auch keine Probleme auftreten. Bezüglich meiner Erwartungen und dem Stundenverlauf gab es dennoch mehrere Differenzen.

Thema Boxen als ungewohnter Lektionsinhalt:

Der Inhalt Boxen schien für die Schüler eine interessante Abwechslung zu sein. Sie fühlten sich zu Beginn komisch, fanden sich aber dann schnell zurecht. Die Mädchen hatten z.T. Mühe, eine richtigen Schlag in die Luft oder an den Sandsack auszuführen, und schlugen sehr zögerlich. Bei zwei bis drei Mädchen blieb die Schlaghemmung bis zum Schluss.

Es bestand nie die Gefahr, dass die Schüler sich durch Handschuhe oder Lokalität zu Aggressivität verleiten lassen. Auch die Partnerübungen wurden grundsätzlich wie instruiert durchgeführt. Gefahr entstand dabei keine, da der Respekt vor dem Schlag sehr gross war.

Intensität:

Boxtrainer sind sich vom Boxclub her vollen Einsatz, ohne grosse Motivation durch aussen gewöhnt. Diesen Einsatz gibt es im Schulsport nur, wenn eine ansprechende Spiel- oder Wettkampfsituation geboten wird (bé, Spurts, Sitzball), oder bei straff geführtem Frontalunterricht. Die Erwartungen diesbezüglich waren deshalb im Kurs oft zu hoch.

Technik:

Den Schülern fehlte der Bezug zum Boxen. Deshalb verstanden sie auch den Sinn der Technikübungen wenig und zeigten nicht viel Motivation, diese exakt auszuführen. Es ist empfehlenswert, sich von der Boxclub-Moral zu lösen, wo eine stabile Grundtechnik als wesentliche Bedingung für den Einsteig ins Sparring gilt.

Spass:

Häufiger Übungswechsel und nicht zu viele Korrekturen schienen wesentlich für den Spass am Unterricht zu sein. Am meisten Spass schienen die Reaktionsübungen und das Boxen gegen den Leiter zu machen.

Sandsack:

Der Sandsack wirkt anfänglich sehr anziehend. Ohne konkrete Übungsstellung schwindet das Interesse daran aber schnell. Es empfiehlt sich, die Zeit pro Sack anfänglich auf 40- 60s zu beschränken und jedem Gerät eine bestimmte Aufgabe zuzuordnen (z.B.: nur gerade Einzelschläge, nur Haken, 3-er Kombinationen, Schläge auf Bauchhöhe, etc.).

Leistungstest:

Der Leistungstest brachte kein befriedigendes Verhältnis von Aufwand und Ertrag (Æ Teil I, 8.1) In den folgenden Kursen wurde er deshalb ausgelassen.

Förderung der Selbständigkeit:

Die Aufgabe, zuhause LS zu machen, scheint die Schüler recht zu belasten und wurde nur teilweise durchgeführt. Auch hier wieder eine Frage der Erwartungen: Soll man unzufrieden sein, weil die Mehrheit nicht regelmässig LS machte, oder sich ob dem Erfolg derer, die sie machten, freuen?

Liegestützen:

Grosses Gejammer zu Beginn. Sie werden aber mit dem Boxen assoziiert und wurden nach einem ersten Stöhnen eigentlich gut ausgeführt. Die beste Lösung scheint die mehrmalige Einflechtung in die Stunde (z.B.: zwischen die Technik-Übungen oder als Strafe für die Verlierer in Spielen wie Sitzball oder bé).

Auslockern:

Beim Auslockern ist das Einhalten des Stundenschlusses wichtig. Obwohl die Schüler oft zu spät kommen, fordern sie klar, dass nicht überzogen wird. Erstaunlich gut kam das gemeinsame Dehnen und Relaxen am Stundenende an. Dies machten sogar die meisten freiwillig noch über den Lektionsschluss hinaus.

Zeitliche Planung:

Oft wurde zuviel für eine Lektion eingeplant, oder zulange bei den einzelnen Übungen verharrt. Die technischen Erwartungen waren zu hoch und das Einlaufen oft zu lang. Übungen, die zu viel Präzision verlangen, sollten zugunsten von spielerischen Formen weggelassen werden. Die Schüler wollen in dieser Stufe Abwechslung, Action und Spass.

7.2. WFS_Boxen 1

Thema Boxen als ungewohnter Lektionsinhalt:

Die Einstellung gegenüber dem Boxsport war deutlich besser als in den „FitnessboxKursen“. Es waren deutlich weniger Schlaghemmungen vorhanden. Aggressivität trat jedoch nie auf. Wenn mal ein Schlag zu hart war, entschuldigte sich der jeweilige Schüler. Der Kurs war diesbezüglich sehr angenehm.

Die Einstellung gegenüber dem Sparring war sehr gut; es war mit Abstand der beliebteste Stundeninhalt.

Technik:

Das Interesse an den Inhalten verhielt sich ähnlich wie in den letztjährigen Kursen. Es war jedoch mehr Verständnis für die Technik vorhanden, vielleicht weil sie durch die bé- Formen deren Sinn besser verstanden, vielleicht aber auch, weil ich die Technikübungen kürzer gestaltete.

Von den bé-Formen machten jene deutlich mehr Spass, bei denen beide gleichzeitig agieren und angreifen dürfen. Diese Formen sind jedoch anspruchsvoller und die Überlegenheit des stärkeren Schülers kommt besser zum Tragen.

Wettkampf-Besuch:

Der Besuch der SM kam sehr gut an, vermittelte einen Eindruck in die Boxwelt und motivierte die Schüler enorm.

Koedukation:

Die Koedukation war kein Problem. Nur das Spiel, bei dem man Wäscheklammern vom T- Shirt der anderen Schüler klauen muss, ist wegen dem Betatschen geschlechterübergreifend ein wenig heikel.

Schlagkontakt:

Auch wenn sich die Übung, bei der der eine Schüler nur hinhält und der andere ihn auf Stirne, Schulter und Bauch schlägt (Æ Teil II, 3.2, A1 „Wandelnder Sack“), anfänglich komisch anfühlt, scheint sie ideal für die Sensibilisierung zu sein. Es empfiehlt sich, jeden aufbauenden Schlagkontakt mit einer solchen Form zu beginnen. Im Sparring, das von einigen schon relativ früh versucht wurde, zeigte sich, dass oft noch zuwenig Kontrolle über die Schlaghärte vorhanden war. Ich führe dies auf die ungenügende Überleitung von den einfachen (z.B. „Wandelnder Sack“) zu den komplexen Übungen (Sparringsformen Æ Teil II, 3.3, K2) zurück. Ich führte zwar wenige mittelschwere Formen durch, es fehlte mir aber noch an einer idealen Übungsauswahl auf diesem Niveau. Dennoch gefiel den Schülern der Schlagkontakt und sie schienen sich die paar zu harten Schläge zu verzeihen.

Bei der Durchführung von bé-Sparrings gilt es zu beachten, dass der Ringrichter wirklich bei jedem zu starken Schlag eingreift, wenn er auch nur wenig zu stark ist. Er soll bei mehrfacher Wiederholung abbrechen, auch wenn er sich dabei vielleicht als Spielverderber vorkommt.

Je nach Konstellation kann es zu Situationen kommen, bei denen sich die Schüler gegenseitig aufwiegeln und diese Dynamik dann nicht mehr selbständig unterbrechen können. Der Lehrer hat hier eine wichtige Regelfunktion. Sparrings sollten deshalb immer aufmerksam beobachtet werden, damit frühzeitig interveniert werden kann.

Zeitliche Planung:

Auch dieser Kurs sah ein bisschen zu viele Inhalte vor. Es ergab sich aber trotz einiger weggelassener Übungen eine gute Mischung.

7.3. WFS_Fitnessboxen 4-5

Thema Boxen als ungewohnter Lektionsinhalt:

Kurs 4 war geprägt von „Wandelnder Sack“-Übungen und Varianten davon, was bei den Schülern gut ankam. Die Schüler meinten gegen Kurs-Ende gar, dass sie gerne noch mehr Formen gehabt hätten, bei denen beide gleichzeitig angreifen dürfen. Auf solche Forderungen muss mit Vorsicht eingegangen werden, da Übungen, bei denen beide Boxer gleichzeitig angreifen, um einiges anspruchsvoller sind und schnell Eigendynamiken entwickeln. Solche Formen sollten deshalb vor allem am Anfang durch die Regeln bewusst eingeschränkt werden (nur Geraden, nur Körpertreffer, nur Einzelschläge, nur Gegenschläge, nach jedem Treffer Wand berühren, etc.). Durch eine geschickte Übungsauswahl (Beispiele im Teil II unter 3.) können die Anforderungen methodisch sinnvoll gesteigert werden.

Schattenboxen:

Kurs 5 zeigte, dass sich Schattenboxen wenig eignet zur Steigerung der Belastung bezüglich des Umfangs. Es ist auf dieser Stufe zu wenig Erfahrung und Wissen vorhanden, um das Schattenboxen als reizvoll einzustufen und dementsprechend den für eine Belastungssteigerung nötigen Einsatz zu geben.

Motivationsunterschiede:

Prinzipiell schien im Kurs 4 mehr Motivation vorhanden zu sein, was auf den Schlagkontakt, aber auch einfach auf die Gruppenzusammensetzung zurückgeführt werden könnte.

7.4. WFS_Boxen 2

Die Gruppe teilte sich auf in die begeisterten Schüler, von denen drei sogar den Schritt in den Verein machten, und auf die weniger begeisterten Schüler (Missverständnis bei der Ausschreibung Æ Teil I, 6.4).

Individualisierung:

Ab Lektion 7, als der Geräteparcours bekannt war, organisierte ich die Lektion so, dass nach einem gemeinsamen Aufwärm- und Reaktionsspiele-Teil die Schüler zwischen Sackarbeit und Kampfspielen wählen konnten. Ich betreute dann die Kampfspiel-Gruppe. Das erste Mal konnte die Geräteparcours-Gruppe mit ihrer Freiheit noch nicht richtig umgehen; nach 2-3 Geräten begannen sie zu schwatzen und zu dehnen. Nach einem Gespräch diesbezüglich zu Beginn der nächsten Stunde lief der selbständige Geräteparcours dann aber deutlich besser.

Wettkampf-Besuch:

Gemäss des Fragebogens und der Gespräche zu Stundenbeginn fanden den Besuch der Schweizermeisterschaften fast alle eine gute Idee. Jedoch nahmen nur 2 Schülerinnen daran teil, obwohl ich den Ausflug frühzeitig und neu mit Ausschreiben ankündigte. Die beiden Teilnehmerinnen waren vom Besuch begeistert.

Schlagkontakt:

Die bé-Formen fanden grossen Anklang. Am besten funktionierte „One-Touch“ (- Teil II, 3.3, K1). Die „Wandelnder Sack“-Übungen verlieren mit der Zeit an Faszination, da zuwenig Challenge herrscht. Mehr Anklang fanden Übungen, bei denen beide Gegner gleichzeitig schlagen durften und solche mit dem Charakter „treffen“, respektive „nicht getroffen werden“.

Die Übungen im Reifen bedurften einiger Korrekturen, da die Reifen ein wenig zu gross sind und die Schüler z.T. den Oberkörper so weit nach hinten neigten, dass sie nicht mehr getroffen werden konnten. Nach der 8. Lektion lud ich die Schüler zum Abschluss-Turnier der WBS ein, deren Kurs gerade zu Ende ging. 2 Schülerinnen nahmen erfolgreich teil.

Stundenaufbau:

Insgesamt bewährte sich das Konzept, die Lektion in einen ersten Teil mit Partnerübung im bé-Stil und einen zweiten Teil mit Gerätearbeiten aufzuteilen. Die Schüler haben ein deutliches Bedürfnis, konditionell gefordert zu werden und sich mit starken Schlägen an den Sandsäcken auszutoben. Da dort kein Schlag zurückkommt, können sie an ihre Leistungsgrenze gehen, aber sich auch auf eine saubere Technik besser konzentrieren.

8. EVALUATION DER WFS-KURSE

8.1. Leistungstest

In den Kursen im Jahr 2000 führte ich zu Beginn und zu Ende des Kurses einen Leistungstest durch, einerseits zu Evaluationszwecken, andererseits als Motivation für die Schüler. Getestet wurde die (Schnell-) Kraftausdauer (während einer Minute pro Übung), eines der Merkmale, das im Boxsport bei Einsteigern am markantesten verbessert wird, da die meisten Konditionsübungen im Boxtraining Kraftausdauer-Charakter (zwischen 15 und 50 Wiederholungen) aufweisen.

Zu einem erfolgreichen Einsatz eines Testes sollten gemäss Grosser/Starischka (1986, 12) die in Tab. 1 präsentierten Variablen eingehalten werden.

Tab 1 Haupt- und Nebengütekriterien

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

* als ökonomisch wird derjenige leistungsdiagnostische Test erachtet, der

-ƒ in kurzer Zeit durchführbar ist,
ƒ- dabei nur wenig Testmaterial und Testgeräte benötigt,
-ƒ einfach zu handhaben ist,
ƒ- auch als Gruppentest durchgeführt werden kann,
ƒ- schnell und ohne grossen Rechenaufwand auswertbar ist.

Der Test erfüllt zwar die Hauptgütekriterien einigermassen. Um die Anfangs- mit den Endergebnissen vergleichen zu können, war der Test normiert; alle Endpositionen und Rahmenbedingungen waren genau festgelegt. Da der WFS aber im Gegensatz zum Vereinssport nicht leistungsorientiert ist, muss die Nützlichkeit eines leistungsdiagnostischen Testes in Frage gestellt werden. Ein Training wöchentlich ist zuwenig für eine Muskelquerschnitt-Vergrösserung. Wohl treten in den ersten Wochen Fortschritte aufgrund besserer Innervierung auf. Ohne zusätzliches Training werden diese aber gemäss Theorie der Superkompensation stagnieren.

[...]

Ende der Leseprobe aus 138 Seiten

Details

Titel
Integrationsmöglichkeiten für das Boxen im Schweizer Schulsport
Hochschule
Universität Basel  (ISSW Basel)
Note
6.0 Schweiz (entspricht 1.0)
Autor
Jahr
2003
Seiten
138
Katalognummer
V25523
ISBN (eBook)
9783638281218
ISBN (Buch)
9783638734509
Dateigröße
4312 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
boxe éducative - die Boxform bei der die starken Schläge verboten sind - ermöglicht einen spielerischen Einblick in die faszinierende Welt des Boxsports. Potential zur Gewaltprävention vorhanden.
Schlagworte
Integrationsmöglichkeiten, Boxen, Schweizer, Schulsport, Light-Contact Boxing, Leichtkontakt, boxe éducative, Boxspiele, Zweikampf, Kampfsport, Boxsport, Rücksichtsnahme, Emotionskontrolle
Arbeit zitieren
Stefan Käser (Autor), 2003, Integrationsmöglichkeiten für das Boxen im Schweizer Schulsport, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/25523

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