Lernbehinderung ist ein äußerst umstrittener und schwer zu fassender Begriff. Auffällig ist, dass bei allen anerkannten Definitionen dieses Phänomens die Sprache als ein Kriterium der Differenzierung bzw. Abgrenzung genannt wird.
Aus diesem Grund ist es unerlässlich für Lehrer der Schule für Lernbehinderte, sich mit dem Zusammenhang zwischen Lernbehinderung und Sprachbeeinträchtigung bzw. Sprache im Allgemeinen zu beschäftigen. Der Umgang mit dieser Problematik wird später ein wichtiger Bestandteil des Unterrichts in dieser Schulform sein. Gerade in den Eingangsklassen spielt dieser Aspekt eine besonders große Rolle.
Zunächst möchte ich eine mögliche Definition von Lernbehinderung vorstellen, um im Anschluss verschiedene Theorien der Lernbehinderung darzulegen. Diese verdeutlichen die Sichtweisen des Lehrers auf die Schwierigkeiten und haben unmittelbare Auswirkungen auf seinen Umgang mit der umfassenden Problematik und seiner Behandlung der betroffenen Kinder.
Das Zusammenspiels von Lernbehinderung und Sprachbehinderung, sowie die Faktoren, die bei einer solchen gestörten Entwicklung ineinander spielen, soll im folgenden Verlauf der Arbeit erörtert werden. Weiterhin möchte ich einige empirische Arbeiten erwähnen, die diese Verbindung bestätigen und auf die Problematik im Unterricht der Schule für Lernbehinderte unter diesem Gesichtspunkt eingehen.
Zum Abschluss der Arbeit werde ich kurz auf eine b esondere Problematik der Lernbehindertenschule im Zusammenhang mit Sprache eingehen. Diese Schulform wird unverkennbar überproportional häufig von Kindern mit Migrationshintergrund besucht, so dass Phänomene wie Bilingualismus oder Semilingualismus und die damit verbundenen Schwierigkeiten der Kinder beim Lernen bekannt sein sollten.
Durch diese Darstellung soll deutlich werden, dass der Ursachenkatalog für Lernbehinderung umfassend ist und dass auch Zweisprachigkeit und deren Auswirkungen auf die kognitive Entwicklung als ein mögliches Kriterium immer berücksichtigt werden sollte.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Definition von Lernbehinderung
3. Theorien der Lernbehinderung
3.1 Lernbehinderung als individueller Defekt
3.2 Lernbehinderung und soziale Randständigkeit
3.3 Lernbehinderung aus systemisch-konstruktivistischer Sicht
4. Sprachentwicklungsstörungen und Lernstörungen
4.1 Störungen der Lern- und Verarbeitungsprozesse
4.2 Informationsverarbeitung unter dem Gesichtspunkt der Intelligenz
4.3 Das Erkennen von Regularitäten und mögliche Störungen
5. Die Sprachstruktur Lernbehinderter
5.1 Lernbehinderung und Sprachstörung als Persönlichkeitsmerkmal
5.2 Lernbehinderung und Sprachstörungen unter soziolinguistischer Perspektive
5.3 Mehrdimensionale Ansätze bei der Betrachtung von Lernbehinderung und Sprachstörung
6. Die Betrachtung des Zusammenhangs von Sprache und Lernen im Unterricht Lernbehinderter
7. Die Betrachtung des Zusammenhangs zwischen Lernbehinderung und Sprache bei Migrantenkindern
7.1 Die Interdependenzhypothese
7.2 Die Schwellenniveauhypothese
7.3 Der Relevanz der Muttersprache in Bezug auf den affektiven Bereich
7.4 Die Bedeutung exogener Variablen für die Zweisprachigkeit bei Kindern mit Migrationshintergrund
8. Abschlussbetrachtung
9. Literaturverzeichnis
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht den engen, wechselseitigen Zusammenhang zwischen Sprachstörungen und Lernbehinderungen. Dabei steht insbesondere die Frage im Mittelpunkt, wie sich sprachliche Kompetenzen auf die kognitive Entwicklung auswirken und welche Rolle diese Verbindung für die schulische Förderung – insbesondere bei Kindern mit Migrationshintergrund – spielt.
- Theoretische Grundlagen zur Definition und Verursachung von Lernbehinderungen.
- Analyse der Informationsverarbeitung und Sprachentwicklungsstörungen.
- Untersuchung der Sprachstruktur von Lernbehinderten aus unterschiedlichen Perspektiven.
- Bedeutung der Zweisprachigkeit und des Mutterspracherwerbs für den Bildungserfolg.
- Implikationen für die pädagogische Arbeit an Lernbehindertenschulen.
Auszug aus dem Buch
3.1 Lernbehinderung als individueller Defekt
Dieser theoretische Ansatz ist auf das medizinische Modell zurückzuführen. Es geht davon aus, dass den Schülern, die bestimmte Leistungen nicht erbringen, individuelle Fähigkeiten oder Voraussetzungen fehlen, da andere Schüler offensichtlich den geforderten Ansprüchen gerecht werden können. Suhrweiher nennt einige mögliche organische Ursachen wie prä- peri- oder postnatal entstandene Störungen der Hirnwindungen. Er ergänzt jedoch sofort, „dass nur bei einem Teil der lernbehinderten Kinder Schädigungen im Potential biologischer Lernvoraussetzungen nachweisbar sind“5.
Historisch betrachtet ist in diesem Zusammenhang das Konzept der Intelligenz bedeutsamer. Heutzutage gibt es eine ganze Reihe von Intelligenztheorien, die Intelligenz als eine Vielzahl von kognitiven Aktivitäten auffassen und zum Lösen von Problemen und Herausforderungen notwendig sind6.
Zu beachten ist jedoch bei der Arbeit mit dem Begriff der Intelligenz, dass er zur Vorhersage von Lernversagen in der Schule unbedingt kritisch gesehen werden muss. Ursache dafür ist zum einen, dass der Wertbereich, der Lernbehinderung umfassen soll nicht eindeutig definiert ist. Er schwankt zwischen der unteren Grenze von 50 bis zur oberen Grenze von 85. Zum anderen hat sich bei einem Vergleich der IQ-Werte in Sonderschulen und Grund/Hauptschulen gezeigt, dass es große Überschneidungsbereiche gibt7.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der Sprachbeeinträchtigungen bei Lernbehinderungen und Begründung der Relevanz für den schulischen Unterricht.
2. Definition von Lernbehinderung: Erörterung der Schwierigkeit, den Begriff Lernbehinderung einheitlich zu definieren und Abgrenzung zu globalen Lernunfähigkeiten.
3. Theorien der Lernbehinderung: Vorstellung medizinischer, soziologischer und systemisch-konstruktivistischer Erklärungsansätze für Lernbehinderungen.
4. Sprachentwicklungsstörungen und Lernstörungen: Analyse der kognitiven Verarbeitungsprozesse, insbesondere des Arbeitsgedächtnisses, und deren Einfluss auf den Wissenserwerb.
5. Die Sprachstruktur Lernbehinderter: Untersuchung der spezifischen sprachlichen Merkmale bei Lernbehinderten anhand verschiedener theoretischer Perspektiven.
6. Die Betrachtung des Zusammenhangs von Sprache und Lernen im Unterricht Lernbehinderter: Diskussion über die notwendige Integration von Sprachförderung im schulischen Alltag.
7. Die Betrachtung des Zusammenhangs zwischen Lernbehinderung und Sprache bei Migrantenkindern: Untersuchung von Zweisprachigkeit, Hypothesen zur Sprachkompetenz und der Bedeutung der Muttersprache.
8. Abschlussbetrachtung: Fazit zur Komplexität der Thematik und Plädoyer für eine ganzheitliche Förderung im Kontext einer Kind-Umfeld-Analyse.
9. Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Fachliteratur und Quellen.
Schlüsselwörter
Lernbehinderung, Sprachstörung, Sprachförderung, Kognitive Entwicklung, Informationsverarbeitung, Arbeitsgedächtnis, Zweisprachigkeit, Migrationshintergrund, Systemisch-konstruktivistischer Ansatz, Soziolinguistik, Schulleistung, Sprachkompetenz, Intelligenz, Sonderpädagogik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit untersucht die komplexe Wechselwirkung zwischen Lernbehinderungen und sprachlichen Störungen sowie deren Bedeutung für den schulischen Erfolg.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf theoretischen Erklärungsmodellen für Lernbehinderungen, kognitiven Verarbeitungsprozessen, der spezifischen Sprachstruktur bei Lernbehinderten sowie den Herausforderungen für Migrantenkinder.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass Sprache eine Schlüsselqualifikation darstellt und dass eine isolierte Betrachtung von Lernbehinderungen ohne die Einbeziehung sprachlicher Faktoren und des sozialen Umfelds zu kurz greift.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die auf einer umfassenden Literaturanalyse und dem Vergleich verschiedener wissenschaftlicher Theorien und empirischer Studien basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Verortung von Lernbehinderungen, die Analyse von Gedächtnis- und Verarbeitungsprozessen sowie eine detaillierte Betrachtung des Spracherwerbs bei Migrantenkindern.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Lernbehinderung, Sprachstörung, Kognition, Zweisprachigkeit, Förderbedarf und schulisches Versagen sind die zentralen Begriffe der Arbeit.
Warum ist die systemisch-konstruktivistische Sichtweise laut der Autorin interessant?
Dieser Ansatz ist besonders wertvoll, da er den Menschen in seinem Beziehungsgefüge betrachtet und sowohl individuelle als auch gesellschaftliche Faktoren integriert, um gestörte Entwicklungsprozesse zu erklären.
Welche Rolle spielt die Muttersprache bei Migrantenkindern laut dem Text?
Die Förderung der Muttersprache wird als essenziell erachtet, da sie nicht nur die kognitive Entwicklung unterstützt, sondern auch das Selbstbild und die Motivation der Schüler nachhaltig positiv beeinflusst.
- Citar trabajo
- Meike Wessel (Autor), 2004, Sprachstörungen und Lernbehinderung, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/25593