Reisen im rollenden Häuschen - Zur Geschichte des Cavanings


Hausarbeit, 2003

23 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

A. Einleitung
1. Zur Geschichte des Wohnanhängers
1.1 Historische Caravaner
1.2 „Eins, zwei, drei- Haus dabei“- Die ersten deutschen Caravans
1.3 „Wanderniere“ an der Front - Wohnwagen im zweiten Weltkrieg
1.4 Massenmotorisierung und Polyester- Caravaning in den 50er
und 60er Jahren
1.5 Von den 70ern bis heute- Einzug der Satellitenschüssel
2. Abenteurer oder Stubenhocker?- Caravaning als Sonderform des Reisens

B. Zusammenfassung

C. Literaturverzeichnis, Internet-Quellen und Bilder

A. Einleitung

Was ist Reisen? Allgemein definiert zunächst eine Bewegung „von A nach B“, von einem Ausgangsort an ein bestimmtes Ziel.

Die Bindung an die tatsächliche körperliche Bewegung ist jedoch nicht zwingend nötig. Wir „verreisen“ täglich in unseren Gedanken, ganze Reiseromane wurden geschrieben, ohne daß Autor oder Autorin sich auch nur einen Meter vom heimischen Schreibtisch weg bewegt hätten. Denn Reisen bedeutet viel mehr: Das Zurücklassen des Vertrauten, des Heims und der Heimat, die Suche nach und die erwünschte Konfrontation mit dem Fremden, das „Über- den- Tellerrand- Gucken“, das idealerweise zur Findung und zur Erweiterung des Selbst führt.

Seit Jahrtausenden macht der Mensch sich auf die Reise, erweckt die Sicherheit und Vertrautheit des Lebens innerhalb einer seßhaften Gesellschaft auch immer Sehnsucht nach dem Fremden und der Ferne. Die Neugier, eine der elementarsten menschlichen Treibfedern, läßt ihn sein Bündel schnüren, Heim und Herd hinter sich lassen und in die- heute immer weniger- weite Welt hinaus ziehen.

Was aber, wenn er Heim und Herd gar nicht zurückläßt, sondern auf Räder stellt und hinter sich herzieht? Wenn er die Konfrontation mit dem Fremden weitestgehend vermeidet, sich mit Gleichgesinnten auf umzäunten Plätzen niederläßt und vom Reiseland nur kleine, bequeme Häppchen, wie „die Aussicht“ und „den Badesee“ kennen lernt?

Caravaning ist eine Sonderform des Reisens. Wie sie entstand, was sie besonders macht und was für Menschen Caravaner, beziehungsweise Camper, denn als solchen versteht man allgemein einen Caravaner, der an seinem Ziel angelangt ist, sind, darum soll es in dieser Hausarbeit gehen.

Dazu soll zuerst ein Überblick über die Geschichte des „rollenden Häuschens“ gegeben werden, während der zweite Teil der Arbeit sich mit den gesellschaftlichen und kulturellen Aspekten dieser Form des Reisens befassen wird.[1]

Im Jahr 2001 unternahmen deutsche Urlauber „weit mehr als drei Millionen Campingreisen“[2], der Deutsche Tourismusverband zählte 1999 „56 Millionen Übernachtungen auf deutschen Campingplätzen“[3].

Die Deutschen sind längst Europameister im Caravaning, da verwundert es um so mehr, daß das Hauptproblem bei der Bearbeitung dieses Themas in der Materialsuche liegt. Obwohl es sich offensichtlich nicht um eine Randerscheinung der Gesellschaft handelt, es eine Sitcom-Vorabendserie und diverse Fernsehdokumentationen zum Thema Caravaning/Camping gibt, war die Suche nach wissenschaftlicher Beschäftigung mit diesem gesellschaftlichen Bereich schwierig und größtenteils erfolglos. Zwar wird dem Tourismus allgemein sowohl gesellschafts- als auch geschichtswissenschaftlich viel Aufmerksamkeit gewidmet, gerade dieser Zweig der Branche aber weitestgehend vernachlässigt. Dabei zeigt sich beim intensiveren Befassen mit dem Thema, das es sich hier offensichtlich um eine nicht unbedeutende kulturelle Gruppierung handelt, deren Mitglieder sich selbstbewußt definieren, während sie von ihrer Umwelt mit gemischten Gefühlen betrachtet und oft belächelt werden.

Eine aktuelle und umfassende Geschichte des Wohnwagens fand sich einzig in Form des Buches „Caravan!“[4] von Ulrich Kubisch, Mitarbeiter des Deutschen Technikmuseums in Berlin. Die Ausführungen zu diesem Teil der Hausarbeit stützen sich daher vor allem auf dieses Werk, weshalb die Gefahr, eine bloße Wiedergabe seines Inhaltes zu produzieren, sich nur schwer vermeiden ließ. Bei Anfragen an deutsche Wohnwagenhersteller zeigte sich, was Kubisch bereits bei seinen eigenen Recherchen festgestellt hatte: „Bei der Wohnwagenindustrie hierzulande ist (...) das Interesse für die eigene Vergangenheit oft nur rudimentär ausgeprägt“.[5]

War Material vorhanden, wie bei den Westfalia-Werken in der Heimatstadt Rheda-Wiedenbrück, war man nicht willens, diese an eine Studentin weiterzugeben.

Das Internet stellte sich als ergiebiger heraus, die Gemeinschaft der Caravan-Freunde ist hier recht stark vertreten, wenn auch hierbei wie immer eine wissenschaftliche Zuverlässigkeit nicht gegeben war. Vor allem als Kommunikationsplattform mit den Caravanern selber, erwies sich das "Web" jedoch als sehr hilfreich.[6] Der Briefverkehr auf einer Internet-Platform ermöglichte allerdings auch einen nützlichen Eindruck über Beweggründe und Lebensgefühl der Caravaner, die sich mit der vorhandenen Literatur ergänzen lassen.

Im folgenden soll nun die Geschichte der Wohnwagenreise skizziert werden. Trotz Unsicherheit, ob dies zulässig und üblich ist, sind Bilder hinzugefügt worden, weil sie die Abhandlung lebendiger machen und bei allem Mangel an schriftlichem Material die Verfügbarkeit von Fotografien immerhin ein Vorteil eines so „jungen“ Themas ist, den man nutzen sollte.

1. Zur Geschichte des Wohnanhängers

1.1 Historische Caravaner

Die Idee, mit seiner Wohnung auf Reisen zu gehen, beziehungsweise in seinem Reisegefährt auch zu wohnen, ist nicht so modern, wie man denken mag, sondern im Gegenteil schon viele hundert Jahre alt.

So soll schon Kleopatra mit ihrem Mark Anton auf einer Art rollenden Lagerstatt zur Vogeljagd am Nil gefahren sei, ihr Gefährt war mit Möbeln und einem Sonnensegel ausgestattet und wurde von Sklaven gezogen.

Marco Polo berichtete im 13. Jahrhundert von den Tartaren, sie führen in einem riesigen, von zwei Dutzend Ochsen gezogenen Zelt auf Rädern, in dem sie äßen und schliefen.

Durch den Biographen Friedrich Sieburg ist dokumentiert, das Napoleon viele seiner Schlachten von seinem Wohnwagen aus lenkte, einer Reisekutsche, die zugleich Büro, Bibliothek, Wohn-und Schlafzimmer war:

„Sein Reisewagen war so raffiniert eingerichtet, daß er in ihm auch schlafen und arbeiten konnte. So gelangte er in fünf Tagen von Dresden nach Paris, ohne das seine Regierungsgeschäfte während dieser Zeit ins Stocken gerieten. Kunstvoll war auch der kleine, aber sehr feste Tisch, der aus der Wagenwand herausgeklappt wurde.

(...) Der dahinrasende Wagen war von einem Schwarm Ordonnanzen, Leibjägern und Kurieren umgeben, denen Napoleon Schriftstücke, die sofort besorgt werden mußten, hinausreichte. Was er im Wagen nicht brauchen konnte, flog zum Fenster heraus, nicht nur die Knochen eilig verzehrter Brathühner, sondern auch leere Umschläge, die Schnitzel eilig zerrissener Rapporte und schließlich sogar Bücher (...)“[7]

Auch Johann Wolfgang von Goethe wußte die Annehmlichkeiten des Reisens in einer Wohnkutsche zu schätzen. Zu den Revolutionskriegen in Valmy reiste er „in einer zweiachsigen, voll in Holz karosserierten Wohnchaise samt Bett, hölzernem Sekretär und Holzkohleöfchen“.[8]

Von jeher in mobilen Behausungen unterwegs waren Schausteller und Artisten, deren Beruf eine ständige Beweglichkeit verlangte, ohne daß sie jedoch auf die elementaren Annehmlichkeiten eines festen Daches über den Köpfen verzichten wollten.

In diesem Zusammenhang kommen automatisch Assoziationen zu einem anderen „fahrenden Volk“, den Sinti und Roma auf. Diese als Caravaner zu bezeichnen wäre hier jedoch falsch, denn während es sich beim Caravaning um ein Freizeitvergnügen handelt, waren die sogenannten „Zigeuner“ eine verfolgte ethnische Minderheit, die keine andere Wahl hatte, als ständig fluchtbereit zu sein und ihren Lebensort kontinuierlich zu wechseln. Mit der vorliegenden Thematik haben diese „Reisenden“ also nichts zu tun, selbst wenn sie sicherlich mit die ersten Benutzer von Wohnwagen waren.

Als Erfinder des Caravanings als Freizeitvergnügen gelten die Engländer, von jeher Liebhaber des Picknicks und der Landpartien.

Nicht nur für luxuriöse Tagesausflüge entdeckten und schätzten sie im 19. Jahrhundert die Wohnkutsche, sie setzten sie auch für Reisen aufs Festland ein. In der Regel zu mehreren Gespannen (daher vielleicht auch die Bezeichnung „caravaning“) und ausgestattet mit allem standesgemäßen Luxus setzte man auf den Kontinent über und reiste zu Kulturmetropolen wie zum Beispiel nach Rom und Konstantinopel weiter: „1869 berichtete der englische Schriftsteller Gregor Robins über fünf Caravangespanne am Tiberufer, die -von England kommend- nach Konstantinopel unterwegs waren.“[9]

Durchgehend vergnüglich waren diese ersten Wohnwagenreisen aber sicherlich nicht. Ein durchgängiges Straßennetzgab es noch nicht, waren Straßen vorhanden, meist in der Nähe von großen Städten, so war ihr Zustand mit den heutigen Standards nicht vergleichbar. Man bewegte sich zumeist auf unbefestigten Wegen vorwärts, die den Pferden nur Schrittempo erlaubten. Nach langen Trockenperioden war der Weg sandig und voller Löcher, die Achs- und Radbrüche verursachen, regnete es, verwandelte er sich in Morast, in dem der schwere Wagen stecken blieb. Die Pferde stürzten und brachen sich die Beine und waren allgemein krankheitsanfällig. Auch Raubüberfälle wie bei den Postkutschen kamen durchaus vor, schließlich waren es vornehmlich gut betuchte Adlige, die in einer „Chambre du Voyage“ zur Europatour aufbrachen.

Eine Tagesstrecke von 25 Kilometern war vor Erfindung des Automobils das absolute Maximum, mehr wurde ohnehin als unnötiger Streß angesehen, schließlich ging es den Abenteuerlustigen damals ungleich viel mehr als heute, wo man meist möglichst schnell am Ziel sein möchte, um das Erlebnis des Reisens an sich.

Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts trieb der Wunsch deutscher Tüftler nach einer rollenden Behausung oft kuriose Blüten, wie auf folgenden Fotografien zu sehen ist.

Meist handelte es sich bei den Reisenden um arbeitslose Handwerker, die mit ihren Aufsehen erregenden Gefährten über Land zogen und Spenden sammelten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1

Die beiden Holzarbeiter Otto Sanftenberg und Fritz Stoye verzichteten 1925 bei ihrer Konstruktion auf Pferdestärken und traten selbst kräftig in die Pedale, der Aufenthalt in ihrem 1,80 Meter hohen, 2 Meter langen und 1,25 Meter breiten Sperrholz-Häuschen dürfte aber recht unbequem gewesen sein.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.2

Mit diesem Wohnwagen, einer Miniatur- Nachbildung eines Antlantikdampfers, brachen die beiden arbeitslosen Sägewerkarbeiter Willi Graubaum und Albert Fraunstein aus Blankenburg 1924 zur „Europafahrt“ auf.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.3

[...]


1Der Begriff „Caravaning“, abgeleitet vom englischen Wort „caravan“ für Karawane, umfaßt hierbei sowohl Wohnanhänger als auch Wohnmobile, wobei der Schwerpunkt der geschichtlichen Übersicht auf den Wohnanhängern als älteres und am weitesten verbreitetes Modell liegen wird. Für die Thematik des zweiten Teils der Hausarbeit erscheint der Unterschied zwischen Wohnmobil und Wohnanhänger irrelevant und wird daher auch nicht berücksichtigt.

[2] Internet rausfinden!!!

[3] http://www.bundestag.de/presse/bp/2000/bp0010/0010039b.html

[4] Ulrich Kubisch, Caravan! Wohnwagen- Geschichte, Technik, Ferienzeit. Berlin 1998.

[5] ebenda, S.8

[6] Ein Besuch auf einem Kölner Campingplatz hatte sich als wenig effektiv erwiesen. Das lag sicherlich zum einen an der eigenen mangelnden Erfahrung mit dem Führen von wissenschaftlich verwertbaren Interviews, vor allem aber an der- verständlicherweise- geringen Kooperationsbereitschaft der Camper. Diese Menschen sind Hohn und Verachtung ihrer Umwelt gewohnt und begegnen solchen Annäherungsversuchen, besonders wenn man keine Zugehörigkeit zu Presse oder Fernsehen vorweisen kann, sehr mißtrauisch.

[7] Friedrich Sieburg , Napoleon. Frankfurt 1987, S.134f.

[8] Kubisch, S.13

[9] ebenda, S:14

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Reisen im rollenden Häuschen - Zur Geschichte des Cavanings
Hochschule
Universität Bielefeld  (Fakultät für Geschichtswissenschaft, Philosophie und Theologie)
Veranstaltung
Grundkurs: Geschichte des Reisens im 19. und 20. Jahrhundert
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
23
Katalognummer
V25623
ISBN (eBook)
9783638281898
Dateigröße
1845 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Reisen, Häuschen-, Geschichte, Cavanings, Grundkurs, Geschichte, Reisens, Jahrhundert
Arbeit zitieren
Verena Ludwig (Autor), 2003, Reisen im rollenden Häuschen - Zur Geschichte des Cavanings, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/25623

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