Abstract
Die Debatte des Sachverhaltes „Hirntod“ ist aktueller denn je. Immer weniger Spender und immer mehr Personen, die ein Spenderorgan dringend benötigen, um zu Überleben bzw. eine höhere Lebensqualität zu erlangen.
Mit dem In Kraft treten des Transplantationsgesetzes (TPG) und der Ausarbeitung Hirntoddefinition der Bundesärztekammer ist der so genannte Gesamthirntod Vorraussetzung für die Organentnahme in Deutschland geworden. Der Gesamthirntod eines Menschen wird somit gleichgesetzt mit dem Tod des Menschen, denn es ist Medizinern gesetzlich nur erlaubt, Organe aus einem „toten Körper“ zu entnehmen. Die entscheidende Frage wurde schon weit vor dem In Kraft treten des Transplantationsgesetzes diskutiert. Wann ist ein Mensch tot? Ist der Tod des Organs Gehirn gleichzusetzen mit dem Tod des Menschen als ganzheitliches Individuum? Viele Kritiker sprechen von einer Vorverlegung des Todeszeitpunktes, um möglich früh an die Organe, die ja auch ein großes Wirtschaftspotential sind, zu gelangen. Das Hirntodkriterium sei ein Eingriff in den Sterbeprozess. Ethische Fragen wurden und werden diskutiert, nicht allein seit dem „Erlanger-Fall“. Die Frage um die Pietät gegenüber den Hirntoten, die Frage nach dem was von diesen Menschen möglicherweise noch wahrgenommen und gefühlt werden kann steht immer noch im Raum, und eine Lösung scheint schwer erreichbar in einer so pluralistischen Gesellschaft, wie der unseren. Die Wissenschaften streiten sich um Definitionen. Die Medizin bezieht sich meist auf rein biologische Erklärungsversuche, um gewisse „Unregelmäßigkeiten“ bei der Hirntoddiagnostik, wie z.B. spontane Bewegungen des Hirntoten bei der Entnahme von Organen zu rechtfertigen. Dient der hirntote Mensch nur noch als Ersatzteillager für andere, die dringend ein Organ benötigen?
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Begriffserklärungen zur Einführung in die Hirntoddiskussion
1.1. Hirntoddefinition und Hirntodkriterium
1.2. Ganzhirntod und Teilhirntod
1.3. Die diagnostischen Verfahren zur Hirntodfeststellung
1.4. Das Hirntodprotokoll
2. Gesetzliche Grundlage der Organtransplantation
3. Die historische Entwicklung der Hirntoddefinition
4. Der Erlanger Fall als Musterbeispiel der Hirntoddiskussion
5. Schlussbetrachtung mit eigener Stellungnahme
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit verfolgt das Ziel, einen fundierten Überblick über die komplexe Thematik des Hirntodkriteriums zu geben und dabei die ethischen, medizinischen sowie rechtlichen Spannungsfelder zu beleuchten. Die zentrale Forschungsfrage untersucht, inwieweit die Gleichsetzung des Hirntods mit dem Tod des Menschen als Individuum gerechtfertigt ist und welche Rolle die Interessen der Transplantationsmedizin in diesem Kontext spielen.
- Grundlagen der Hirntoddefinition und diagnostische Verfahren
- Die historische Genese der Hirntodkonzeption durch den medizinischen Fortschritt
- Rechtliche Rahmenbedingungen und gesellschaftliche Debatten zur Organspende
- Der „Erlanger Fall“ als ethisches Musterbeispiel und Kontroverspunkt
- Kritische Auseinandersetzung mit der Vorverlegung des Todeszeitpunktes
Auszug aus dem Buch
Die historische Entwicklung der Hirntoddefinition
Im Jahre 1952 gelang es in Kopenhagen dem Anästhesisten Björn Ibsen, eine Patientin in Narkose per Luftröhrenschnitt und angeschlossenem Tubus mit einem Atembeutel zu beatmen. Dies war ein entscheidender Einschnitt in der Geschichte der Beatmung und die Geburtsstunde der Intensivmedizin.
Man erkannte dabei, dass ohne den Widerstand der Eigenatmung des Patienten die künstliche Beatmung am effektivsten und wirksamsten war. In der Folgezeit etablierten sich in den Krankenhäusern Intensivstationen, die für diejenigen Patienten zuständig waren, die sehr aufwendig betreut werden mussten und oftmals künstlich beatmet wurden.
„Indem die moderne Medizin die Intensivmedizin zu ihrem Herzstück erklärte, rückte sie einen Bereich in ihr Zentrum, der zuvor die äußerste Grenze des medizinischen Handelns dargestellt hatte. Das Aufhören von Atmung und Kreislauf hatte über Jahrhunderte das Aufhören des Lebens und damit die unüberwindbare Grenze des ärztlichen Handelns markiert. In der Intensivmedizin aber bedeutet das Ersetzen der Atmung und des Kreislaufes das zentrale Anliegen. (…) Im selben Moment, in dem der (medizinische) Diskurs in die Lage versetzt ist, Künstliches und Natürliches ihrer Identität halber gegeneinander auszutauschen, hat er sich um die Möglichkeit gebracht, zwischen beiden einen Unterschied, eine prinzipielle Verschiedenheit oder eine Grenze zu formulieren.“
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die Problematik der Hirntoddiskussion und Vorstellung der Forschungsabsicht.
1. Begriffserklärungen zur Einführung in die Hirntoddiskussion: Klärung medizinischer Fachbegriffe und Darstellung der diagnostischen Verfahren sowie des Hirntodprotokolls.
2. Gesetzliche Grundlage der Organtransplantation: Analyse des Transplantationsgesetzes und der Entscheidungsprozesse zur Zustimmungslösung.
3. Die historische Entwicklung der Hirntoddefinition: Betrachtung der medizinischen Fortschritte in der Intensivmedizin und deren Einfluss auf den Wandel des Todesverständnisses.
4. Der Erlanger Fall als Musterbeispiel der Hirntoddiskussion: Kritische Untersuchung eines bekannten Falls und dessen Auswirkungen auf das öffentliche und ethische Verständnis.
5. Schlussbetrachtung mit eigener Stellungnahme: Zusammenfassung der gewonnenen Erkenntnisse und Reflexion der persönlichen Position des Autors.
Schlüsselwörter
Hirntod, Hirntodkriterium, Organspende, Transplantationsgesetz, Intensivmedizin, Erlanger Fall, Gesamthirntod, Ethik, Lebensende, Todesdefinition, medizinischer Fortschritt, Patientenautonomie, Sterbeprozess, medizinische Diagnostik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Definition des Hirntods, seiner historischen Entwicklung sowie der ethischen und rechtlichen Kontroverse um die Organtransplantation.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Schwerpunkten gehören das Hirntodkriterium, die Geschichte der Intensivmedizin, die gesetzlichen Grundlagen des Transplantationsgesetzes und die ethische Problematik beim Umgang mit Hirntoten.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist es, einen informativen Überblick über das komplexe Thema des Hirntods zu geben und die Fragestellung nach dem Zeitpunkt des Todes eines Menschen kritisch zu hinterfragen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine schriftliche Hausarbeit, die auf einer umfassenden Literaturanalyse und der kritischen Auseinandersetzung mit verschiedenen medizinischen und ethischen Diskursen basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in Begriffsdefinitionen, die rechtlichen Grundlagen der Organtransplantation, die historische Entwicklung der Hirntoddefinition und die Analyse des "Erlanger Falls".
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Hirntod, Organspende, Transplantationsmedizin, Intensivmedizin und Ethik.
Welche besondere Bedeutung hat der "Erlanger Fall"?
Der Erlanger Fall dient als Musterbeispiel für die ethische Kontroverse, da er die Problematik der intensivmedizinischen Erhaltung einer hirntoten Schwangeren und die dadurch entstehende Verunsicherung in der Bevölkerung verdeutlicht.
Warum stellt der Autor die Rolle der Intensivmedizin in Frage?
Der Autor hinterfragt die Rolle der Intensivmedizin, weil er aufzeigt, wie medizinische Erfolge und die Möglichkeit, Organe zu entnehmen, die Grenze des natürlichen Sterbeprozesses verschieben und dadurch ethische Dilemmata provozieren.
- Quote paper
- Alexander Loos (Author), 2001, Hirntod - Wann ist der Mensch tot?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/25855