Die Religion des Scheins - Versuch über "Mulholland Drive"


Essay, 2002
6 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Die Religion des Scheins

Versuch über Mulholland Drive

von Oliver Uschmann

(mit großem Dank für Inspirationen an Clemens Flach)

Er hat alles verloren.

Seine Frau, seinen Film, sein Vermögen.

So vollkommen aus der Bahn des geordneten Erfolges geworfen, geht der junge Hollywood-Regisseur dem merkwürdigen Treffen nach, das für ihn auf einem Hügel weit abseits der Stadt arrangiert worden ist. Dort eröffnet eine Glühlampe - stilsicher unter dem Rinderschädeleingang einer Farm montiert - langsam flackernd anspringend den Auftritt des „Cowboys“, einer der Schlüsselfiguren im Zeichenkosmos von „Mulholland Drive“.

„Sag: ‚Die ist die Richtige!‘“, lautet seine Offenbarung, nachdem er den Regisseur mit sokratischer Spitzfindigkeit in seine Logik gelockt hat und dieser bereit ist, die merkwürdige Losung anzunehmen, die ihn auf die Straße des Glücks zurückführen soll. „Die ist die Richtige!“, heißt es dann auch wenig später beim Casting der potentiellen Protagonistinnen seines neuesten Films und wir werden sehen, dass dieses Losungswort, dieser „Schlüssel“, ihn zu Ruhm und Glück an den sauberen, nächtlichen, sektumsprudelten Pools verglaster Häuser in den Hollywood Hills zurückführen wird.

Der Cowboy nötigt den Regisseur zu einer Entscheidung für eine Seite der Differenz. Die Frau, die er aussuchen soll, verkörpert den „Typus Hollywood“, den „schönen Schein“, sie macht das Schauspiel als „Form“ vor dem „Hintergrund“ ihres eigenen Dilettantismus sichtbar. Als sie vorsingt (sinnigerweise ist schon der Film, indem sie spielen soll, ein 50er-Jahre-Retro-Stück, ein Abbild des glamourösen Hollywood schlechthin), sieht man ihr das Spiel an, verschmilzt sie nicht mit dem Dargestellten zu einer illusorischen Einheit, sondern bleibt ganz Maske, ganz Schein. „Camilla Rhodes“ heißt sie und schon früher wurde sie dem Regisseur angeboten, bei einer merkwürdigen Besprechung, als Foto nur, als reiner Signifikant, während zwei Mafiosi ihm und seinem Agenten gegenübersaßen und immer wieder das Losungswort des Cowboys vorwegnahmen: „Die ist die Richtige!“

[...]

Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Die Religion des Scheins - Versuch über "Mulholland Drive"
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Germanistisches Institut)
Note
1,3
Autoren
Jahr
2002
Seiten
6
Katalognummer
V26165
ISBN (eBook)
9783638285865
Dateigröße
441 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Systemtheorie, Metaphysik, die kafkaeske Technik der "Sinnstimulation bei gleichzeitiger Sinnverweigerung", die Mehrdeutigkeit des "Schein"-Begriffes und die moderne psychologische Theorie der Transaktionsanalyse sind die Beobachtungsstandpunkte dieser dicht geschriebenen und ambitionierten essayistischen Betrachtung zu David Lynch's anregendem Film "Mulholland Drive". Kein wissenschaftlicher Aufsatz, aber ein Anstoß zu vielen, die daraus entstehen könnten...
Schlagworte
Religion, Scheins, Versuch, Mulholland, Drive
Arbeit zitieren
Oliver Uschmann (Autor)Clemens Flach (Autor), 2002, Die Religion des Scheins - Versuch über "Mulholland Drive", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/26165

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