Ursachen von Mädchenkriminalität und Folgerungen für die Praxis

Biografische Fallrekonstruktion von kriminellen Mädchen nach G. Rosenthal


Masterarbeit, 2013

120 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2.Theorietei
2.1 Begriffsbestimmungen
2.2 Häufigkeit von Mädchenkriminalitä
2.3 Aktueller Forschungsstand
2.3.1 Klassische Ansätze
2.3.2 Feministische Theorien
2.3.3 Aktuelle Ansätze
2.3.4 Zusammenfassung

3.Ziele und Fragestellung für die eigene Studie

4.Methodik der Studie
4.1 Forschungsdesign – Qualitativ vs. Quantitativ
4.2 Methodenauswahl
4.3 Stichprobe
4.4 Durchführung der Datenerhebung und -erfassung
4.5 Datenauswertung

5.Ergebnisse
5.1 Ausgangspunkt der Untersuchung
5.2 Fallrekonstruktion
5.2.1 Fallrekonstruktion Susi
5.2.2 Fallrekonstruktion Nadine
5.2.3 Fallrekonstruktion Anja
5.3 Zusammenfassung der Ergebnisse der Fallrekonstruktionen und Typenbildung
5.3.1 Typenbildung 1: Die handlungsleitende Mutter-Tochter-Beziehung
5.3.2 Typenbildung 2: Sucht nach Anerkennung – Doppelrolle im Selbstbild

6.Folgerungen für die Praxis

7.Zusammenfassung

8.Literatur- und Quellenverzeichnis

1 Einleitung

Polarisierende Zeitungsartikel, wie „Aggressive Mädchenbanden: Pöbeln, rauben, drohen rund um den Hauptbahnhof“ [1] oder Fernsehsendungen, wie „die Mädchenbanden von L.A.“ [2] und „die Mädchen Gang“ [3] , fordern indirekt zu der Behandlung einer eher unbeachteten Thematik, der Kriminalität von Mädchen und jungen Frauen, auf. In aktuellen Forschungsansätzen gewinnt dieses Thema wieder zunehmend an Beachtung. Auf der einen Seite um mögliche Erklärungsansätze für die Unterschiede von Jungen- und Mädchenkriminalität zu finden und auf der anderen Seite, um feministische Strömungen zu kontrastieren und den Bereich der weiblichen Kriminalität als eine eigene Kriminalitätsform zu erkennen und in ihrer Ganzheit zu betrachten.

In der Vergangenheit wurde meistens das delinquente Verhalten von männlichen Jugendlichen in den Fokus genommen, begründet in der vermeintlichen Unterrepräsentanz von weiblicher Kriminalität. So wurden im Jahr 2011 in Deutschland 214.736 Personen als tatverdächtige Jugendliche im Alter von 14 – 18 Jahren ermittelt, von denen 69,4 Prozent männlich und 30,6 Prozent weiblich waren. [4] Der geringe Anteil von Mädchen- und Frauenkriminalität wird in aktuellen Forschungsansätzen, erklärt durch mögliche gesellschaftlich gebilligte Tarnmechanismen oder selektiver Sanktionierung und Kriminalisierung, bezweifelt. [5] Bruhns/Wittmann weisen darauf hin, dass die Mädchenkriminalität bei einem Vergleich von Hell- und Dunkelfeld ein höheres Niveau als gedacht erreicht hat und dass es essenziell ist, das Phänomen Mädchenkriminalität nicht nur unter dem Gesichtspunkt ihrer geringen Häufigkeit zu untersuchen, sondern es „als einen eigenständigen Aspekt“ zu betrachten. [6]

Studien über Mädchenkriminalität versuchen Erklärungsansätze in Auflehnungsmechanismen gegen eine Unterordnung im Geschlechterverhältnis und eingeschränkte Handlungsmöglichkeiten sowie den Ausbruch aus Stereotypisierungen zu finden. [7] In neueren Auflagen Göppingers kommt dieser auch zu dem Schluss, dass Mädchenkriminalität, entgegen der vorherigen Annahme, bestimmte weibliche Lebensentwürfe miteinschließt und nicht hauptsächlich mit männlich dominierten Theorien erklärt werden kann. [8] Dieser kurze Abriss zeigt auf der einen Seite, inwieweit sich die Forschung hinsichtlich der Erklärungsansätze spaltet, und auf der anderen Seite, wie wichtig es ist, die Kriminalität von Mädchen nicht nur unter dem Aspekt ihrer „statistischen“ Unterrepräsentanz oder mit der Herausarbeitung typisch weiblicher oder männlicher Sozialisationsbedingungen zu analysieren, sondern vielmehr den Gesichtspunkt in seiner Gesamtheit zu betrachten. Gerade aktuelle Ansätze versuchen in ihrer Analyse Mädchenkriminalität als eine ganzheitliche Thematik zu betrachten und stellen dabei fest, dass die Ebene der Eltern-Tochter-Beziehung und der Faktor „Stärke“ in der Entwicklung von delinquentem Verhalten bei Mädchen eine entscheidende Rolle spielen. [9]

Die vorhandenen quantitativen Studien sammeln zwar eine Fülle von sozialdemografischen Daten und Einflussfaktoren und qualitative Arbeiten versuchen, die Ursachen für kriminelle Handlungen näher zu analysieren, jedoch ist zu beobachten, dass diese Untersuchungen sich häufig auf die Gewalttaten von jungen Mädchen konzentrieren ohne andere Straftaten, wie Diebstahl, mit einzubeziehen. In der Betrachtung der Beziehungen von delinquenten Mädchen, insbesondere zu ihren Bezugspersonen und den Peers tun sich Lücken auf, die die vorhandene Arbeit schließen bzw. ergänzen soll. Vor allem in den Bereichen der Tochter-Mutter-Beziehungen und der Sucht nach Anerkennung im Jugendalter existieren wenig umfassende biografische Analysen, die dieses Problem in ihrer Ganzheit betrachten, ohne auf Stereotypisierungen einzugehen. Auch Bruhns stellt fest, dass die bisherigen Forschungsbefunde nicht für eine umfangreiche Analyse ausreichen und weitere Untersuchungen von Nöten sind. [10]

In der vorliegenden Untersuchung sollen mit Hilfe von narrativen Interviews und der biografischen Fallrekonstruktion nach Rosenthal die verschieden biographischen Lebensphasen von jungen Frauen rekonstruiert und analysiert werden. [11] Ziel ist es, neue Erklärungsansätze zu entwickeln sowie bereits bestehende Erklärungsversuche für kriminelles Verhalten von Mädchen zu untermauern und zu ergänzen. Mit den daraus resultierenden Ergebnissen sollen erste Folgerungen für die Praxis formuliert werden.

Im ersten Kapitel werden zunächst die Begrifflichkeiten der Kriminalität, kriminelles/delinquentes Verhalten und abweichendes/deviantes Verhalten definiert, ein kurzer Umriss über die Häufigkeit von Mädchenkriminalität gegeben und der aktuelle Forschungsstand in Bezug auf seine klassischen, feministischen und aktuellen Ansätze näher beleuchtet. Anhand der Auswertung des aktuellen Forschungsstandes werden im zweiten Kapitel die Ziele und Fragestellungen formuliert. Der dritte Abschnitt behandelt die methodische Vorgehensweise mit der Beschreibung der Umsetzung, der kritischen Reflexion der Untersuchung sowie die Beschreibung derer Einflussfaktoren. Die Darstellung der Ergebnisse, deren Auswertung und Interpretation erfolgen im vierten Kapitel. Im vorletzten Abschnitt sollen anhand der gewonnenen Erkenntnisse erste Ansätze für präventive Projekte gebildet werden. Den Abschluss der Arbeit bilden eine zusammenfassende Forschungsreflexion und die prägnante Darstellung der neu gewonnenen Ergebnisse oder Ansätze, die die bestehenden Hypothesen untermauern.

2 Theorieteil

2.1 Begriffsbestimmungen

Aus der Sichtung von aktuell vorhandenem Material und durchgeführten Interviews ist die Notwendigkeit der Unterscheidung des Kriminalitätsbegriffs zwischen Kriminalität, kriminellem/delinquentem Verhalten und abweichenden/devianten Verhalten erkennbar. Dies wird von Brökling folgendermaßen dargestellt:

Unter Kriminalität/Delinquenz wird jenes Verhalten subsumiert, welches als Verstoß gegen das Strafgesetzbuch gilt und statistisch ausgewiesen wird.

Unter kriminellem bzw. delinquentem Verhalten soll jenes Verhalten gefasst werden, was bei Entdeckung kriminalisiert bzw. tatbestandsmäßig verfolgt werden könnte. Unter dieser Begrifflichkeit fallen alle Taten, die dem Dunkel- und Hellfeld angehören.

Unter abweichenden Verhalten können alle Verhaltensweisen zusammen gefasst werden, die gegen gesellschaftliche Normen und Normalitätsvorstellungen verstoßen und Etikettierungen sowie Stigmatisierungen ausgesetzt sind. [12]

2.2 Häufigkeit von Mädchenkriminalität

In der Diskussion über den geringen Anteil von Mädchenkriminalität besteht auch immer ein Bezug zur Aussagekraft von Kriminalitätsstatistiken. Die Grenzen und Fehler, insbesondere die der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS), werden immer wieder beleuchtet und analysiert. Die PKS zeigt nur Daten von bekannt gewordenen Tätern und Taten auf, klammert das Dunkelfeld also völlig aus. Des Weiteren handelt es sich bei der PKS um eine Ausgangsstatistik. Das heißt sie erfasst die Straftaten nach Abschluss des Ermittlungsverfahrens. Eventuelle Einstellungen oder Freisprüche finden keine Berücksichtigung. Diese und noch weitere Aspekte, die in einer weiteren Darstellung den Rahmen dieser Arbeit sprengen würden, zeigen, dass die PKS nicht als alleiniger Indikator für die Darstellung der Gesamtkriminalitätszahlen genutzt werden kann. Daran zeigt sich ebenfalls, dass die reine Interpretation von Kriminalitätsstatistiken wenig Aussage über den Umfang und die Bedingungen weiblicher Kriminalität trifft. Dabei sollten auch nicht die Einflussgrößen auf die PKS, wie Anzeigebereitschaft, Verfolgungspraktiken der Polizei und die Attitüden der Justiz, ungeachtet bleiben.

Brökling und andere Vertreter der kritischen Kriminologie stellen in ihren Überlegungen fest, dass „die Form der Strafgesetzgebung selbst eine Bedingung für die niedrige weibliche Kriminalitätsrate sein könnte“ und dass “das soziale Handeln der Frau in unserer Gesellschaft im Vergleich zum Mann weniger kriminalisiert wird“. [13] Offen bleibt die Ursache für diese geringe formelle Kontrolle. Jacobsen erkennt keinen Zusammenhang zwischen der Rücksichtnahme von staatlichen Kontrollorganen und der geringen Frauenkriminalität, sondern sieht den Grund eher in den Faktoren der Deliktschwere. [14]

Betrachtet man die Rohdaten der PKS, so ergeben sich für den Bereich der Mädchenkriminalität für 2011 folgende Werte:

Geschlechtsverteilung bei den Tatverdächtigen 2011 [15]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Für das Jahr 2011 ergeben die Daten, dass junge Frauen im Alter von 14 – 21 Jahren im Vergleich zu Männern lediglich einen Anteil von 26,8 % an der Gesamtkriminalität von Jugendlichen und Heranwachsenden aufweisen. Dieser Unterrepräsentanz kann, wie schon weiter oben angeführt, mehreren Faktoren geschuldet sein, jedoch nicht allein der Erklärung, dass Mädchen und junge Frauen weniger kriminell sind.

Bruhns und Wittmann stellen bei Mädchen sehr wohl gewalttätiges Verhalten in Gruppen durch Mädchen fest, sie werden aber weniger von Strafverfolgungsinstanzen verfolgt. [16]

Erwiesene Erklärungsansätze für weibliche Kriminalität bestätigen einen gleichen Anteil beider Geschlechter an der Gesamtkriminalität. Die Dunkelziffer sollte deshalb aufgehellt werden. Die Aussagen der Ritterlichkeitsthese ergänzen, dass die Strafverfolgungsbehörden nach einem bestimmten Frauenbonus handeln und Männer strafrechtlich diskriminiert werden. [17] Ausreichende empirische Nachweise gibt es für diese Erklärungsversuche jedoch nicht.

Aufgrund der Annahme eines größeren Dunkelfeldes in Bereichen der Mädchenkriminalität sollte dieses Phänomen nicht nur unter der Perspektive ihrer Unterrepräsentanz, sondern als eigenständiger Aspekt untersucht werden. [18]

2.3 Aktueller Forschungsstand

In Hinblick auf bereits durchgeführte Forschungen kann hergeleitet werden, dass Kriminalität bei Mädchen und Jungen multifaktoriell ist und von verschiedenen Lebens- und Sozialisationsbedingungen abhängig bleibt.

Innerhalb der Diskussionsstränge sind drei Strömungen herauszufiltern. Es gibt die klassischen Ansätze, die untersuchen, ob Mädchen generell weniger kriminell sind und worin die Ursache liegt, also „unter der Prämisse „Frauen sind weniger kriminell, weil…“. In der zweiten Strömung geht es darum, inwieweit sich kriminalisierende Prozesse durch Institutionen und die Gesellschaft auf die Bedingungen von Mädchenkriminalität ausüben lassen, also unter der Prämisse „Frauen werden weniger kriminalisiert, weil…““. [19] . Neben diesen beiden Strömungen entwickelt sich aktuell ein dritter Diskussionsstrang, der das Phänomen Mädchenkriminalität in seiner Ganzheit betrachtet und der die verschiedenen Lebens- und Sozialisationsbedingungen näher betrachtet.

Um die Kritik von Mischau aufzugreifen, dass eine Klassifizierung von soziologischen Devianz- und Kriminalitätstheorien „reduktionistisch“ wirkt, soll im Vorfeld darauf hingewiesen werden, dass die Arbeit, um den aktuellen Forschungsstand näher zu bringen, nur in verschiedene Strömungen klassifiziert wird, um die Entwicklung des Forschungsgegenstandes sukzessive darzustellen. [20]

Der Stand der Forschung bezieht sich, bis auf wenige, auf den deutschsprachigen Raum, begründet in der kulturellen Verschiedenheit, den Umgang mit ethnischen Minderheiten und der unterschiedlichen Jugend- und Sozialpolitik.

2.3.1 Klassische Ansätze

Die klassischen Erklärungsansätze für delinquentes Verhalten sind männerdominiert und beschreiben im Allgemeinen, warum die Kriminalität der Frauen unterrepräsentiert ist. Außerdem subsumieren sie die weibliche Kriminalität unter den theoretischen Erkenntnissen über männliche Kriminalität. Mit dem stärkeren Fokus auf die weibliche Kriminalität werden die klassischen Theorien in Studien auf ihre Anwendbarkeit auf weibliche Kriminalität ständig überprüft und analysiert.

Biologische und biopsychologische Erklärungsansätze

Alle biologischen Ansätze, wie zum Beispiel die „Prostitutionstheorie“ von Lombroso, der dem Verhalten weiblicher Krimineller ein genetisches Anlagepotenzial zugrunde liegen lässt, die „Schwächetheorie“, die die geringe Gewaltkriminalität von Frauen durch die unterlegene physische Verfassung erklärt und die „Stabilitätstheorie“, die davon ausgeht, dass durch die Geschlechtschromosomen der Frau oder durch die weiblichen Hormone eine geringere Anfälligkeit gegen negative Umwelteinflüsse bestehen würde, werden in der heutigen Diskussion als nicht haltbar deklariert. [21] In weiterführenden Forschungsansätzen findet also eine Abkehr von den rein biologischen Erklärungsansätzen statt, wobei nicht zu vergessen wäre, dass gerade psychologische und sozialwissenschaftliche Ansätze meist biologischen Ursprung haben. [22]

Psychoanalytische Ansätze

Psychoanalytische Ansätze sehen die Ursachen für Kriminalität in der Person selbst und formulieren die Grundannahme, dass sich die psychische Struktur eines Kriminellen von der eines „Nicht-Kriminellen“ unterscheidet. Insgesamt wird die Betrachtung von psychoanalytischen Aspekten als unzureichend und zu unspezifische definiert. Es werden insbesondere der fehlende Bezug zu den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und den verschiedenen Wechselbeziehungen von Emotionen, Trieben und abweichendem Verhalten kritisiert. [23]

Funken unterscheidet mit Bezug auf Edmund Freud zwei unterschiedliche Richtungen von psychoanalytischen Erklärungsansätzen. Zum einen, dass Straftaten dann entstehen, wenn aufgrund der neurotischen Persönlichkeitsstruktur innere Konflikte zwischen dem Es und dem Über-Ich entstehen und diese durch delinquentes Verhalten gelöst werden. Zum anderen trägt ein zu schwaches Über-Ich, ausgelöst durch Verwahrlosung, meist in der Mutter-Kind-Beziehung, zu einer gestörten Entwicklung bei, die unter anderem Kriminalität begünstigt. [24] Bei psychoanalytischen Ansätzen werden, insbesondere bei der Untersuchung von weiblichen Jugendlichen, die Einbeziehung der verschiedenen Entwicklungsphasen und die Gründe, warum die weibliche Kriminalität geringer ist vermisst. [25]

Anomietheorie nach Merton

Merton stellt in seiner Theorie dar, dass jeder Mensch kulturell definierte Zwecke und Interessen als Ziele hat, die bei allen Mitgliedern der Gesellschaft legitim sind. Entsteht ein Ungleichgewicht, also eine Dissoziation zwischen kulturell vorgegebenen Zielen und der Bereitstellung ausreichender Mittel, um diese Ziele zu erreichen, kann es zu anomalen Verhalten kommen. [26] Insgesamt kann aus aktuellen Studien festgestellt werden, dass die Anomietheorie grundsätzlich sowohl auf Frauen als auch auf Männern anwendbar ist, sich jedoch die Ziele beider Geschlechter unterscheiden. Offen bleibt die Frage, warum Frauen weniger Zugang zu illegitimen Mitteln haben bzw. diesen Zugang weniger wählen und inwieweit sich die Ziel- und Wertevorstellungen der Frauen von denen der Männer unterscheiden. [27] Jacobsen fand in ihrer Untersuchung heraus, dass sich die Ziele und Werte von strafbaren Männern und Frauen nicht grundsätzlich unterscheiden. [28] Fraglich ist, ob sich innerhalb des Weges in die Kriminalität oder im Zustand des Normalverhaltens die Werte und Ziele verschieden sind. Jacobsen erkennt, dass es einen Unterschied in der Wichtigkeit der einzelnen Vorstellungen von Frau und Mann gibt. Die Unterschiede im Rechtsbewusstsein und in den Moralvorstellungen wären jedoch nicht signifikant. [29] Sie kommt in ihrer Studie zu dem Schluss, dass moderne materialistische Einstellungen meist „mit einer unterdurchschnittlichen Normakzeptanz“ einhergehen. Frauen sind im Vergleich zu Männern normkonform und dadurch weniger kriminell. [30] Die Klärung für diese Ursache bleibt jedoch offen. Gesichtspunkte, wie Bildung und Erwerbslosigkeit seien für die Entwicklung von Kriminalität nicht bedeutsam. Entscheidender sind Aspekte der sozialen Benachteiligung. [31]

Mehr-Faktoren-Ansätze

Der Mehr-Faktoren-Ansatz erklärt deviantes Verhalten mit einer Vielzahl von Faktoren und Ursachen, die die jeweilige Person umgeben. Das abweichende Verhalten kann nicht alleine an der Person oder deren gesellschaftlichen Einflüssen festgemacht werden, sondern ist durch vielerlei Faktoren bedingt. Bekannte Vertreter dieses Ansatzes sind das Ehepaar Glueck und Hans Göppinger. [32]

Die Kritik an der Theorie liegt schon in ihr selbst, da ihr unterstellt wird, keine eigene Theorie, sondern nur eine Aneinanderreihung von isolierten Faktoren, ohne jeglichen Bezug dieser aufeinander, zu sein. Der Mehr-Faktoren-Ansatz bringt zwar eine Fülle von Material, lässt aber Interpretations- und Bezugsrahmen offen und kann als Vorstufe für Theorienbildungen und Typisierungen genutzt werden. Es wird eine Menge an Daten gesammelt, die Kriminalität begünstigen, aber eine Bedingungs- und Ursachenanalyse bleibt aus. [33] In Hinblick auf die Erklärung von Frauenkriminalität unterstellt dieser Ansatz ohne eine weitere Ursachenanalyse, dass Männer, aufgrund ihrer kriminellen Überrepräsentanz, häufiger in schwierigen Verhältnissen aufwachsen als Frauen bzw. Frauen bessere Bewältigungsstrategien besitzen müssen. [34] Welche Strategien dazu gehören bleibt offen. Auch Diehl versucht mit der Betrachtung der Familie, der Peergroups und des schulischen Umfeldes eine Erklärung für Mädchenkriminalität zu finden. Er erkennt in einem instabilen Umfeld der Familie, nicht erfolgreichen Umgang in ihren Peers und einer negativen Bindung zur Schule Risikofaktoren für die Entstehung von Delinquenz. [35] Offen bleiben, wie bei allen Mehr-Faktoren-Ansätzen, die Ursachen für den jeweiligen Einfluss dieser Faktoren.

Theorie der differentiellen Assoziation

Sutherland, Begründer der Theorie der differentiellen Assoziation, erklärt kriminelles Verhalten durch die Interaktionen zwischen Personen in einem Kommunikationsprozess und dem Erlernen von bestimmten Verhaltensweisen und Techniken. Das Erlernen geschieht meist in intimen Personengruppen, wie zum Beispiel unter Familienmitgliedern und in Peergroups. [36] Franke kritisiert im Hinblick auf die Frauenkriminalität, dass mit dieser Theorie nicht ausreichend geklärt werden kann, warum sich Frauen und Männer bei gleicher Lebensweise in der Häufigkeit der Gewaltdelikte signifikant unterscheiden. [37] Es wären weitere Sozialisationstheorien zur Erklärung nötig. Brökling kritisiert zusätzlich an der Theorie der differentiellen Assoziation den fehlenden Bezug zu den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Es bleibt offen, warum das kriminelle Mädchen diese bestimmten Kontakte besitzt. Sutherland beruft sich zur Erklärung der geringen Frauenkriminalität auf die verstärkte soziale Kontrolle. Brökling stimmt dieser These weitestgehend zu und ergänzt, dass sich die zunehmende Emanzipation der Frau mit einer geringeren sozialen Kontrolle einher geht und davon auszugehen ist, dass sich die Kriminalitätsrate erhöht. [38] Die Theorie von Sutherland regt aktuelle Ansätze an, die die Beziehungen der delinquenten Mädchen und deren Suche nach Vorbildern näher analysieren.

2.3.2 Feministische Theorien

Die klassischen Theorien erlebten in den 80er Jahren einen Paradigmenwechsel hin zur Konzentration auf die Prozesse der Kriminalisierung von Frauen. [39] Diese feministischen Ansätze gehen bei der Erklärung von Frauenkriminalität von einem essentiellen Unterschied zwischen der weiblichen und männlichen Kriminalitätsentfaltung aus, untersuchen aber auch die institutionellen und gesellschaftlichen Einflüsse auf Frauen und deren Kriminalitätsentwicklung. Dabei geht es insbesondere um Etikettierungsansätze und Kriminalisierung durch die Gesellschaft und Strafverfolgungsorgane im Normalisierungsprozess der Frauen. [40] Sie kritisieren an den klassischen Ansätzen, dass Theorien, die auf Untersuchungen männlicher Subjekte zurückzuführen sind, unreflektiert und allgemeingültig auf die Theoriebildung von Frauenkriminalität angewendet werden. [41]

Neuere Ansätze der feministischen Aspekte gehen weg von Stereotypisierungen und hin zu einer umfangreichen Diskursanalyse. [42] Die Ansätze der kritischen und feministischen Kriminologie sehen in kriminellem Verhalten einen Versuch, Probleme zu lösen und zu den „Normalitäten“ zurückzukehren, die von der Gesellschaft auferlegt werden. Diese neueren Ansätze untersuchen im Diskurs die verschiedenen Formen der Kriminalisierung und Etikettierung und deren Einflüsse auf die Lebensverläufe. [43]

Der Aspekt der Emanzipation

Theurer untersucht, inwieweit die Emanzipation der Frau einen Einfluss auf deren Kriminalität hat. Insbesondere bearbeitet sie die Frage, ob mit der steigenden Emanzipation der Frau, parallel mit einer steigenden weiblichen Kriminalität zu rechnen ist. In ihren Ergebnissen stellt sie zunächst fest, dass kriminelles Verhalten bei Frauen ubiquitär ist. [44] Weiterhin widerlegt sie mit ihrer Untersuchung, dass Frauen aufgrund ihrer körperlichen Schwäche weniger gewaltbereit sind. Theurer findet nicht in dem Grad der Emanzipation der Frau einen kriminalitätsbegünstigenden Aspekt, sondern vielmehr in der fehlenden sozialen Integration und mit Einschränkungen in der Übernahme und Angleichung von Rollen, beschränkt auf den Bereich der Wirtschaftskriminalität. [45] Auch Jacobsen und Bruhns/Wittmann können keinen Zusammenhang zwischen weiblicher Kriminalität und Emanzipation feststellen. [46] Werden Mädchen gewalttätig, hat das nichts mit der Übernahme von männlichen Handlungen zu tun, sondern mit dem Durchsetzen ihrer weiblichen Rollen.

Theorie der „doppelten Unterdrückung“

In der „doppelten Unterdrückung“ sehen Vertreterinnen feministischer Richtungen Gründe für die geringe Frauenkriminalität. Auf der einen Seite seien Frauen den „Bedingungen der kapitalistischen Lohnarbeit“, wie denen der Männer, unterworfen und zusätzlich würden sie noch durch den Mann und seine ausgeprägte Machtkontrolle unterdrückt werden.[47]Diese Stellung der Frauen in der Gesellschaft führt dazu, dass sie eher zu passiven Problemlösungsstrategien neigt, die zu Abweichungen wie Krankheit, Sucht und Prostitution und nicht zu kriminellen Verhalten führen.[48]Elisabeth Brökling unterstützt diese Aussage, indem sie den Aspekt der Gesellschaft in die Erklärung der geringen Frauenkriminalität mit einbezieht und behauptet, dass durch eine „soziale Diskriminierung“ der Frau typisch weibliche Merkmale entwickelt werden und sie zur Passivität gezwungen wird. [49] Diese Passivität führe wiederum zu einem weniger kriminellen Verhalten, aber zu anderen Formen abweichenden Verhaltens. Einen Beweis hierfür liefert Elisabeth Brökling nicht. Sie weist selber darauf hin, dass zur Überprüfung noch weitere Studien nötig wären. Funken sieht ebenfalls in der Verbindung der „ökonomischen Unselbständigkeit“ mit der Rolle als Mutter und Ehefrau einen entscheidenden Ansatz, dass Frauen gar nicht die Möglichkeit haben kriminell zu werden. [50] Sie kritisiert allerdings bei der Theorie der „doppelten Unterdrückung“ die klassische Unterscheidung bzw. Kategorisierung von Mann und Frau und deren Rückschritt in biologische Erklärungsversuche. [51] Aus diesem Grund versucht sie in ihrer Studie auf die unterschiedlichen Rollenzuschreibungen aber auch die eigenen Rollenwahrnehmungen einzugehen, um damit die Identitätsbildung der einzelnen Frauen beschreiben zu können.

Seus nimmt den Begriff der „doppelten Vergesellschaftung“ auf und setzt diesen mit dem Begriff der „doppelten Unterdrückung“ gleich. [52] Sie erweitert die Überlegungen von Brökling und stellt fest, dass immer dann Konflikte auftreten, wenn die subjektiven Erfahrungen nicht mit den gesellschaftlichen Ansprüchen übereinstimmen. Als Reaktion erfolgt revolutionäres bis delinquentem Verhalten. Heeg widerspricht in diesem Ansatz, dass Mädchen kriminelles Verhalten aufgrund der Diskrepanz zwischen Lebensplänen und Verwirklichungschancen aufzeigen. Die Mädchen, ob kriminell oder nicht haben typisch weibliche Lebensentwürfe und streben meist nicht nach Entwürfen, die sie nicht erreichen können. [53]

Rollen- und Identitätstheorien

Betrachtet man Ansätze verschiedener Rollentheorien ist es essentiell zwischen den Begriffen, der Geschlechterrollen und Geschlechterstereotypen zu unterscheiden. Auf der einen Seite die eigenen und geteilten Erwartungen an die eigene Rolle und auf der anderen Seite die von der Gesellschaft auferlegten Rollenbilder. [54] Funken behauptet in diesem Zusammenhang, dass Frauen, die ihre eigenen Geschlechterrollen nicht realisieren konnten, abweichende Verhaltensweisen aufzeigen. Des Weiteren konnte sie im Rahmen ihrer Untersuchung feststellen, dass kriminelle Frauen mit traditionellen Rollenvorstellungen eher Delikte in ihrem sozialen Nahraum begingen und Frauen, die fortschrittliche Rollenvorstellungen hatten, eher ihre Straftaten im nicht-sozialen Nahraum verübten. [55] Jacobsen beschreibt gewalttätiges Verhalten von Frauen „als die Einforderung einer nicht mehr unterdrückten und unterdrückbaren Frauenrolle“ und als das „Streben der Personen nach Konformität mit der jeweiligen Geschlechterrolle.“ [56] Damit gebietet er einer Erklärung für die unterschiedlichen Ausmaße von Frauen- und Männerkriminalität Einhalt. Er erkennt in der Frauenrolle eine größere Möglichkeit der Kombination von Verhaltensmustern im sozialen und beruflichen Bereich. Diese erhöhte Anzahl von Wegen besitzen Männer nicht und unterstehen somit einem starken Konformitätsdruck.

Gipser sieht in der Verknüpfung der Rolle, der Übernahme von Identität durch Leitbilder und der Sozialisierung entscheidende Punkte für die Entstehung von Kriminalität. Es hängt also davon ab, mit welcher Rolle sich das Mädchen identifiziert und welche legitimen und illegitimen Mittel ihr aufgrund ihrer Biografie zur Verfügung stehen. [57]

Mischau erkennt zwar in den rollenspezifischen Ansätzen eine elementare Erweiterung der klassischen Ansätze, kritisiert aber gleichzeitig die Grenzen dieser Theorien. Die Grenzen sieht sie unter anderem in der fehlenden Erklärung über die Existenz von verschiedenen Rollen und deren Ursachen für ihre Verschiedenheit und Prägungen. [58] Seus und Althoff, Vertreter der kritischen Kriminologie, betrachten die Übernahme von verschiedenen Rollen oder Identitäten umfangreicher und unterscheiden nicht grundsätzlich männlich und weiblich. So können in aktuellen Ansätzen Mädchen, trotz der Stereotypisierung der Gesellschaft, eine männliche Geschlechtsidentität haben. [59] Die Ursachen hierfür bedürfen einer weiteren Analyse. Die Geschlechtszugehörigkeit und Stereotypisierung erfolgt durch die Gesellschaft von Geburt an. Missachtet man die Vorstellung, dass sich verschiedene Geschlechtsidentitäten unabhängig vom Geschlecht bilden können, leugnet man die weibliche Vielfalt und fördert eine „typische Frauendelinquenz“ und schränkt damit die Sichtweisen ein. [60]

In diesem Zusammenhang bildet Seus die Begrifflichkeit „doing gender“ und erlaubt es in ihrer Theorienbildung, dass Mädchen eine Vielfalt von Weiblichkeiten übernehmen können, die auch mit männlichen Identitäten zu verwechseln seien. [61] Mit der Erkenntnis, dass das Geschlecht mehrere Konstruktionen innehat, ist eine weitaus umfangreichere Analyse möglich. Die Bildung der verschiedenen Konstruktionen hängt nicht nur vom Geschlecht selbst ab, sondern ist multifaktoriell angelegt, hat demnach sowohl kulturelle, ethnische, institutionelle als auch soziale Ursachen.

In der Betrachtung von Althoff besteht in dem Normalisierungsprozess der Frau und dem damit unterstellten Druck die eigentliche Ursache für deren Kriminalität oder abweichendes Verhalten. [62] Mädchen und junge Frauen unterliegen einer Vielzahl von gesellschaftlichen Ansprüchen, wie z.B. Erfolg im Beruf, eine gute Mutter zu sein, den Haushalt zu führen, attraktiv und gesund sowie eine gute Partnerin darzustellen. Das Scheitern an der Vielzahl von Erwartungen, die als normal angesehen werden, kann zu abweichenden, autoaggressiven und kriminellen Verhalten führen. [63] Seus und Althoff sehen einen entscheidenden Fortschritt in der verknüpfenden Betrachtungsweise von „“Abweichung“ bzw. „Kriminalität“ mit spezifischen Vorstellungen von „Normalität“. [64] So kann es auch zu einem gewissen Doppelleben kommen. Auf der einen Seite die fürsorgliche Mutter und auf der anderen Seite ein grenzüberschreitendes „bad girl“, einhergehend mit einer Gruppenzugehörigkeit, in der sie Stärke und Machtgefühle vermittelt bekommt. [65]

Dieses Streben nach Macht und Stärke stellt Seus in ihrer Bremer Studie im Zusammenhang mit Obdachlosigkeit, Delinquenz und Suchtverhalten sowie den Stolz, die Stärke zu haben, diese Probleme zu bewältigen, dar. [66]

Seus und Althoff schieben die feministischen Strömungen in Kombination mit den neuartigen Ansätzen der kritischen Kriminologie voran und entfernen sich von dem starren Bild der Stereotypisierungen innerhalb von feministischen Kriminalitätserklärungen.

Institutionelle Einflüsse und soziale Kontrolle der Eltern

Auch die Kontrolle durch das Elternhaus wird nicht als begleitend und unterstützend, sondern als einengend wahrgenommen. Insbesondere die Kontrolle der Freizeit, Freunde und die Verantwortungsübernahme im häuslichen Bereich und die Verantwortung gegenüber von jüngeren Geschwistern, wurde von den jungen Frauen als belastend empfunden. [67] Jungen hingegen sahen das Elternhaus lediglich als Versorgungsinstanz. Die Zuschreibung von männlichen und weiblichen Eigenschaften schränkt die Entwicklung der Mädchen ein und lässt psychische Erkrankung, wie Autoaggressionen und Essstörungen keimen.

Seus stellt fest, dass die Unterstützung durch Schule und Beruf, insbesondere bei Hauptschülerinnen, nur sehr eingeschränkt stattfand und meist auf eine Ausbildung in einen frauentypischen Beruf abzielte. Somit wurden die vorherigen Sozialisierungen der Familie unterstützt. [68] Die Grenzen, die die Mädchen selbst setzten, wurden von allen Sozialisierungs- bzw. Kontrollinstanzen regelmäßig missachtet, sodass kriminelles Verhalten von Seus als verständlich angesehen wird. Im Gegensatz zu Männern, müssen sich junge Frauen erst Räume erschließen, da ihr Selbst- und Fremdbild häufig korrelieren, was letztendlich in kriminellen Verhalten münden kann . [69]

2.3.3 Aktuelle Ansätze

Die bisher dargestellten Strömungen leisten einen wichtigen Beitrag zur Erklärung von Frauenkriminalität, müssen sich aber der Kritik stellen, dass insbesondere die feministischen Strömungen Stereotypisierungen hervor rufen und die klassischen Erklärungsansätze männerdominiert ausgerichtet sind. Innerhalb der feministischen Strömungen ist jedoch ein erster Paradigmenwechsel zu erkennen. Sowohl Seus, Althoff, als auch Mischau, Vertreter der kritischen Kriminologie, lösen sich von Stereotypisierung und betrachten innerhalb des Diskurses die Vielzahl von Einflüssen auf die Identität von Frauen und deren Herausbildung von Kriminalität.

Die aktuellen Ansätze zielen vielmehr darauf ab, nicht nur einzelne Faktoren zu interpretieren, sondern durch eine Diskursanalyse die Faktoren in Beziehung zu setzen und zu erklären. Dabei geht es nicht, um eine bloße Betrachtung der gesellschaftlichen Einflüsse auf die Identitätsbildung, sondern um die inneren und äußeren Einflüsse und deren Bedingungsfaktoren. Vorherige Diskussionsstränge, die sich lediglich auf typisch weibliche und typisch männliche Merkmale, emanzipative bzw. traditionelle Orientierungen beziehen, seien unbefriedigend, da die Erklärung von Mädchenkriminalität „multidimensionale und komplexe Zusammenhänge“ besitze. [70]

Neuere Ansätze in Bereichen von Freundschaftsbeziehungen und Peers

Es wird zunehmend die hohe Relevanz von freundschaftlichen Beziehungen unter Mädchen und jungen Frauen analysiert. In der Diskursanalyse von Natland folgert sie, dass Gewalt von Mädchen ein Weg ist, ihre Weiblichkeit zu konstruieren. Dafür betrachtet sie insbesondere die Ebene der Peers und freundschaftlichen Beziehungen zwischen Mädchen und stellt fest, dass sich bei gewalttätigen jungen Frauen die traditionellen Werte von Freundschaften verändert haben und Gewalt innerhalb der Freundschaften nicht ausgeschlossen werden kann. [71] Auch Heeg erkennt, dass Gewalt für Mädchen auch eine Form der Beziehungsarbeit ist. [72] Hauptsächlich die freundschaftliche Beziehung zwischen Mädchen kann für die Entwicklung, insbesondere in der Adoleszenz, von besonderer Bedeutung sein. Kast stellt in ihrer Ausarbeitung fest, dass gerade die Verbindung von „besten Freunden“ sehr intensive und wertevermittelnde Arbeit leistet. Die Beziehung zur „besten Freundin“ wirkt sowohl auf die Entwicklung einer eigenen Identität als auch auf die Sättigung und Bedienung der emotionalen Bedürfnisse. [73] Aus diesen positiven Aspekten sind aber genauso die negativen auf die Entwicklung zu beschreiben, wie zum Beispiel Verlustängste, Verdrängungseffekte, Übernahme von nicht selbstgewählten Rollenleitbildern, Frustration sowie Synergieeffekte, die mitunter in Kriminalität münden können.

Möller stellt in seiner Untersuchung fest, dass Mädchen aus anderen Gründen Gewalt anwenden als junge Männer und dass Gewaltakzeptanz schon lange keine „männliche Sache“ mehr ist. Sie üben ihre Aggressionen meist nicht im Gruppenkontext aus, sondern eher als Einzeltäterinnen gegenüber anderen Mädchen. [74] Diese These können Bruhns/Wittmann sowie andere nicht bestätigen und schreiben der Gruppe eine entscheidende Rolle für die Entwicklung von Gewaltbereitschaft zu. [75]

Mädchen spielen keine untergeordnete oder passive Rolle in ihren Peers. Im Gegenteil, sie beteiligten sich auch bei körperlichen Auseinandersetzungen, demonstrieren Selbstbewusstsein und üben einen gewissen Konformitätsdruck auf „schwächere“ Mitglieder aus. Im Gegensatz zu den männlichen Mitgliedern in der Gruppe wurden sie kaum von Strafverfolgungsinstanzen verfolgt. [76] Bruhns und Wittmann erkennen jedoch, dass besonders die Diskussion über die Differenzen zwischen Hell- und Dunkelfeld und die Konzentration auf weibliche Jugendliche sowie deren Kriminalität ohne Hinzuziehung männlicher Kriminalität als Vergleich unbefriedigend ist. [77]

Bruhns sieht in den Auseinandersetzungen in familiären, partnerschaftlichen und in den Peer-Gruppen, in Wechselbeziehungen mit den gesellschaftlichen Erwartungen, die Ursachen für die Entstehung von inneren Konflikten bei Mädchen. [78] Peers spielen in diesem Zusammenhang häufig gleichzeitig die Rolle einer Ersatzfamilie und die des haltgebenden Freizeitpartners. [79] Sie geben ihren Mitgliedern die Möglichkeit ein eigenes Selbstverständnis aufzubauen. [80] Die Mädchen, die dann gewalttätig werden, bauen ihre Spannungen ab und wollen ihrem Opferstatus, dem Ohnmachtsgefühl und der fehlenden Anerkennung entfliehen. [81] Sie suchen ihren eigenen Selbstwert und den Respekt in der Gesellschaft, in der Familie und in ihrer Peer, zeigen dabei aber auch oft Größenphantasie. Seus geht mit der These überein, dass Mädchen, die sich in Cliquen bewegen, meist kriminelles Verhalten zeigen und die Gefühle von Macht und Stärke genießen. [82]

Der Gruppenkontext verstärkt die Gewaltbereitschaft bei Mädchen, um den eigenen Status zu erhöhen und Anerkennung samt Zugehörigkeit zu erlangen. [83] Bei Gewaltausübungen innerhalb der Peer greifen sie auf erlernte Muster aus der Familie zurück. [84]

Zusammenfassend erhalten Peers zwar eine Rahmenfunktion zur Entwicklung von Problemlösungsstrategien und die Funktion als „Katalysator“, haben aber keine Hauptverantwortlichkeit. Die „grundlegenden Ressourcen“ liegen immer noch im Elternhaus. [85] Diese Einflüsse sollen in einem weiteren Abschnitt zu den aktuellen Ansätzen näher erläutert werden.

Neuere Ansätze über die sozialen Erfahrungen krimineller Mädchen

Seus gibt einen entscheidenden Anreiz, in dem sie darauf hinweist, dass Mädchen nicht bessere Menschen, als Jungen sind, Männlichkeit nicht gleich Gewalt bedeutet, sondern sowohl Jungen als auch Mädchen vielfältige Lebenswelten haben. [86] Den Begriff der vielfältigen Lebensweisen greift Jutta Hartmann ebenfalls auf, indem sie in ihrem Werk das Vorhandensein von Pluralismus und Vielfältigkeit in der Entwicklung verschiedener Lebensformen darstellt, aber ebenso die gesellschaftlichen Grenzen und Leitlinien für diese Entwicklung manifestiert. [87] Wie Seus erkennt sie die Grenzen der Kindesentwicklung in den Erwartungen des sozialen Umfeldes. Seus geht noch eine Ebene weiter und sieht darin die Entwicklung von weiblicher Kriminalität.

Der sozialen Ebene der Erziehung wird ein entscheidender Faktor für die Entwicklung von kriminellen Verhalten von Mädchen zugeschrieben. So wirken sich emotionale und zeitliche Vernachlässigung negativ auf die Entwicklung aus. Insbesondere der Bezug zur Mutter ist sehr gering und die Mädchen werden ihrer selbst überlassen. [88] Die Mutter fällt als Bezugsperson aus, obwohl sie in der Beziehung zur Tochter eine wichtige Rolle einnehmen müsste, weil sie den größten Einfluss auf sie hat. Der Vater wird als negativ besetzte Bezugsperson wahrgenommen. [89] Einher geht dies mit Akzeptanzproblemen und dem Kampf gegen zugeschriebene Weiblichkeitsbilder. Möller sieht in dem „doppelten Identitätskonflikt“ eine entscheidende Weiche für die Entwicklung von kriminellen Verhalten. Auf der einen Seite der Wunsch nach Unabhängigkeiten und der Entwicklung einer eigenen Persönlichkeit und auf der anderen Seite der Kampf gegen geschlechtsspezifische Zuschreibungen. [90]

Ziel der Mädchen ist es, „als eigenständiger Mensch mit Handlungs- und Orientierungssicherheit öffentlich auftreten zu können.“ [91]

Besonderen Stellenwert hat bei den aktuellen feministischen Erklärungsansätzen und Strömungen die Beziehung der Mutter und der Tochter. Die Orientierungsarbeit der Mutter leistet einen erheblichen Beitrag zur Entwicklung von Lebensentwürfen. [92] Inwieweit sich dieser Einfluss differenziert auf die Entwicklung von Kriminalität auswirkt, ist noch weitestgehend unerforscht. Es ist bekannt, dass sich die Tochter an der Mutter orientiert, insbesondere, wenn das Mädchen nur mit der Mutter aufwächst und von ihr Verhaltensweisen erlernen kann. Ebenso wirkt sich eine gestörte Beziehung zwischen Tochter und Mutter entwicklungshemmend aus, ungeklärt ist derzeitig, inwieweit dies für den Kriminalisierungsprozess elementar ist. [93]

Erste Erklärungsansätze bietet hierzu Helmut Hirtenlehner, der 2009 in einer Schülerbefragung in Österreich das Strukturmodell der Power-Control-Theory überprüfte. [94] Er stützt sich auf die Hypothese, dass in der Instrument-Objekt-Beziehung, wobei das Instrument die Eltern und das Objekt die Kinder widerspiegeln soll, die Mutter gegenüber dem Vater eine Vormachtstellung einnimmt. [95] Resultierend daraus behauptet er, dass in patriarchalischen Familien eine größere Kluft zwischen den Kriminalitätsunterschieden von Jungen und Mädchen existiert als in egalitären Familien. Diesen Ansatz kann er in seiner Untersuchung bestätigen. In egalitären Familien, wo entweder beide Eltern beruflich eingespannt sind oder eine alleinerziehende elterliche Versorgung stattfindet, wirkt sich das kriminalitätsreduzierend auf die Söhne, aber im Gegenzug kriminalitätsfördernd auf die Töchter aus. Die Ursache läge darin, dass Mütter in patriarchalisch organisierten Familien mehr die Töchter als die Söhne kontrollieren, in egalitär ausgerichteten Familien machen sie dagegen keinen Unterschied. [96] Väter in egalitären Familien hingegen kontrollieren ihre Söhne mehr als die Mädchen. [97] Zusammenfassend stellt Hirtenlehner fest, dass sich elterliche Kontrolle auf die Risikofreudigkeit der Kinder auswirkt und dadurch unmittelbar auf deren kriminelles Verhalten. Insbesondere die mütterliche Fürsorge hat eine kriminalitätsreduzierende Wirkung. Er nimmt an, dass durch eine Verbreitung von egalitären Familien eine Annäherung der Kriminalitätsbelastung von Jungen und Mädchen stattfinden wird. [98] Offen bleibt, ob dieses Modell auch auf alleinerziehende Mütter, die nicht beruflichen eingebunden sind und sich patriarchisch um den Haushalt kümmern, anzuwenden ist. Dieses Schema ist heutzutage kein seltenes und sollte einer eigenen Betrachtung unterzogen werden. Welche Formen der Kontrolle kriminalitätsbegünstigend sind bleibt bei Hirtenlehner ebenfalls offen.

Heeg stellt in seiner Untersuchung krimineller Mädchen fest, dass ihnen durch die Familie keine unabhängigen Einstellungen oder Eigenständigkeiten zugestanden werden und ein übereifriges Kontrollverhalten stattfindet. Somit kann eine eigentliche Verbundenheit in der Familie schnell in Distanz umschlagen, wenn die Mädchen den Erwartungen der Eltern nicht mehr standhalten können bzw. eigene Ansichten entwickeln. Das kann entweder zu einer auflehnenden Haltung oder zu von Ohnmacht überwältigten Verhalten führen. [99]

Die Beziehung ist nicht der einzige Faktor in den familienbezogenen Erklärungsansätzen. Heeg sieht auch in nicht ausgesprochenen Familiengeheimnissen oder Botschaften bzw. in Tabuthemen eine Hinderung an der Entwicklung von Autonomie und Selbstverständnis und somit einen kriminalitätsbegünstigenden Faktor. [100]

Diese These verstärkt Silkenbeumer, indem sie dem Orientierungsrahmen „Stärke“ einen entscheidenden Erklärungsansatz für Mädchenkriminalität zuschreibt. Denn mit der Symbolisierung von Stärke werden Wehrhaftigkeit, Selbstbehauptung und Durchsetzungsfähigkeit demonstriert. [101] Dieses Spannungsverhältnis zwischen „Selbstbehauptung und Selbstkontrolle“ führt in der Konstellation mit sozialbiografischen Risikofaktoren zu einem ständigen Wechsel zwischen aktiver Gewalt und Protestverhalten auf der einen Seite sowie autoaggressiven Rückzug, wie zum Beispiel Selbstverletzungen und Drogenkonsum auf der anderen Seite. [102] Das zeigt, wie sehr die jungen Mädchen in einen Konflikt zwischen Wünschen nach Selbstständigkeit, Dominanz und Respekt sowie gesellschaftlicher Konformität, Anerkennung, Wärme und Verbundenheit, stehen. [103] Vor diesem Hintergrund schlussfolgert Heeg, dass Gewaltausübungen auf das Unvermögen, autarkes Verhalten und Verbundenheit zu vereinen, hinweisen. [104]

Dies bedeutet jedoch nicht, dass traditionelle Weiblichkeitsmerkmale gänzlich abgelehnt werden und der Wille, aus diesen strengen Traditionen auszubrechen, immer im direkten Zusammenhang mit Gewaltanwendungen steht. Es kann dennoch nicht ungeachtet bleiben, dass Gewaltbereitschaft durch ein Auflehnen gegen traditionelle Weiblichkeitsbilder begünstigt werden könnte. [105] Gerade im Gruppenkontext wird Gewalt nicht als unweiblich anerkannt, sondern als „durchsetzungsfähige Weiblichkeit“ akzeptiert. [106]

Der Sozialisationsfaktor Schule spielt bei kriminellen Mädchen keine entscheidende Rolle: Es ist weder ein Ort der Interessenfindung noch ein Ort zur Identitäts- oder Kompetenzentwicklung. [107] Die Schule kann mit ihrer lehrplanorientierten, wenig orientierungs- und interessensstiftenden Organisation nicht als Quelle für Anerkennung und Selbstwertentwicklung fungieren. [108]

Heeg stellt fest, dass die interviewten Mädchen ihre eigene kriminelle Situation in dem familiären Zustand begründet sehen, aber nicht in ihrer gesellschaftlichen Stellung. Eine gesellschaftliche Desintegration wirkt sich also nach diesen Ergebnissen nicht in allererster Linie kriminalitätsbegünstigend aus. Diese Erkenntnis ist nicht auf Jungenkriminalität übertragbar, für die eher eine gesellschaftliche Desintegration von Bedeutung ist. [109] Auch wenn Heeg die fehlende Integration in die Gesellschaft nicht als Hauptursache für kriminelles Verhalten von Mädchen versteht, erkennt er die belastende und verstärkende Wirkung dieses Faktors in seiner Wechselbeziehung mit den schwierigen Familiendynamiken.

In der Bremer Studie von Seus spielen die Instanzen der Strafverfolgungsorgane eine geringe Rolle. Sie konnte lediglich feststellen, dass Cliquenzugehörigkeiten und Verurteilungen kriminelles Verhalten gefördert haben. Daraus könnte der Rückschluss gezogen werden, dass Gerichtskontakte kriminalitätsfördernd sind. [110] Ebenso waren die Eingriffe des Jugendamtes für die Biografie der jungen Frauen entscheidend. So wurden die Kontrolle und der Umgang als belastend und nicht hilfreich wahrgenommen. [111]

Erkenntnisse zu gewalt- und kriminalitätsdistanzierenden Verhalten

In der Betrachtung des Phänomens Mädchenkriminalität ist es nicht ausreichend nur die Faktoren näher zu analysieren, die zu kriminellen Handlungen führen, sondern auch die begünstigenden Faktoren für das Legalverhalten zu untersuchen. Diesem Anspruch kommt Möller in seiner qualitativen Untersuchung nach und stellt folgende Thesen auf:

Durch die Reduktion von Problembelastungen in der Familie und Lebenslagenwechsel verringert sich das gewalttätige Verhalten bei kriminellen Mädchen. Auch die Ablösung von der Peer in partnerschaftliche Beziehungen ändern das Freizeitverhalten und wirken kriminalitätshemmend. [112] Möller stellt in diesem Zusammenhang fest, dass Gewaltdistanz unter anderem erzielt wird, „indem Frau sich selber in gewisser Hinsicht Gewalt antut“. [113] Er spielt damit auf die Unterwerfung der Frau unter den gesellschaftlichen Hierarchien und partnerschaftlich männerdominierten Verhältnissen an. Zusätzlich spielen gerade im Jugendalter Möglichkeiten der gesellschaftlichen und politischen Beteiligung in der Schule und in der Freizeit positive Auswirkungen im Bezug auf gewaltdistanzierendes Verhalten. [114]

2.3.4 Zusammenfassung

Zusammenfassend kann anhand des aktuellen Forschungsstandes festgestellt werden, dass die Adoleszenz bei Mädchen eine elementare Lebensphase für die Entwicklung von Kriminalität darstellt. Für deren Erklärung ist es nach aktuellem Forschungsstand essentiell, dieses Phänomen in seiner Ganzheit zu beurteilen, sowohl mit der Bedeutung der Geschlechterkonstruktion als auch der weiteren sozialen und psychischen Bedingungen und Dimensionen der weiblichen Lebenswelten. [115] Es gibt nach den aktuellen Erkenntnissen keine genderorientierte Gewalt bzw. Kriminalität, sondern Erklärungen durch multidimensionale Risikofaktoren und biografische Konflikte.

Alle Forschungsarbeiten haben gemeinsam, dass sie in der Sozialisierungsebene der Familie den Hauptfaktor für die Entwicklung von Kriminalität sehen, die dann in der Peer ausgelebt werden kann. Abhängig von der Entstehung für kriminelles und abweichendes Verhalten sind Kontrollfunktionen und Verständnisverhalten zu den familiären Bezugspersonen. Ist die Familie ein Ort der Kontrolle, ohne die Anerkennung der individuellen Entwicklung von Lebensweisen der Töchter mit hinzukommender Vernachlässigung und emotionaler Verwahrlosung, besteht ein erhöhtes Risiko, dass junge Mädchen ihre Anerkennung und ihr Selbstwertgefühl an anderen Orten formulieren. Da Schule in ihrer bisherigen Form kein Ort für diese Entwicklung sein kann, versuchen die Mädchen sich die Bedürfnisse in gleichaltrigen Gruppen zu erkämpfen. Da ihnen häufig kaum Problemlösungsstrategien mit an die Hand gegeben wurden, verläuft dies in Form von Gewalt und Kriminalität. Der Teil der Mädchen, die sich ihren Ohnmachtsgefühlen hingeben, können sich erst im Erwachsenenalter befreien und neigen dann häufig zu psychischen Erkrankungen.

Die Wirkungen der verschiedenen Einflüsse auf die biografische und psychische Entwicklung einhergehend mit dem kriminellen Verhalten der Mädchen werden in den aktuellen Untersuchungen nicht ausreichend im Kontext erörtert. Insbesondere die verschiedenen Beziehungsebenen werden nicht in ihrem kompletten Umfang diskutiert, so bleibt die Beziehung zwischen Mutter und Tochter, die als sehr entscheidend erachtet wird, nur oberflächlich untersucht. Des Weiteren werden die Selbstwahrnehmungen und Selbstdarstellungen der Mädchen in Bezug auf ihre Straftaten und ihrer Biografie betreffend entstehender Identitätskonflikte und daraus resultierender angepasster Antworten nur von Silkenbeumer behandelt und bedürfen einer weiteren Betrachtung.

In dieser Studie soll die Biografie der Mädchen anhand ihrer Veränderungen, Prozesse, Wendepunkte und Beziehungsebenen analysiert und auf mögliche Auswirkungen auf das Entstehen von kriminellen Verhalten untersucht werden. Die Fragen der Selbstidentität und der besonderen Beziehung auf der Mutter-Tochter-Ebene sollen dabei von entscheidender Bedeutung sein.

3 Ziele und Fragestellung für die eigene Studie

Es gibt eine Reihe von unterschiedlichen Typen der Zielsetzungen in qualitativen Studien. Diese sind meist die Bildung von Theorien, Hypothesen und Beschreibungen. [116] Das Phänomen Mädchenkriminalität beherbergt eine Vielzahl von Erklärungsansätzen, um deren Überprüfung es in dieser Arbeit in erster Linie nicht gehen soll. Vielmehr geht es darum neue Ansätze explorativ zu entwickeln. Dabei sollen innerhalb der Auswertung der Studie folgende Fragestellungen in die Betrachtung mit einbezogen werden:

Inwieweit haben die familiären Beziehungen von Mädchen Auswirkungen auf deren kriminelle Entwicklung? Bei dieser Fragestellung soll insbesondere der Einfluss der Mütter analysiert werden. Außerdem wird hinterfragt, in welcher Beziehung Tochter und Mutter zueinander stehen und welche Möglichkeiten der Entwicklung das jeweiligen Mädchen hat. Dabei soll an die Studien von Hirtenlehner angeknüpft und neue Fallkonstruktionen geöffnet werden.

Gegenstand der Interpretation der biografischen Daten soll neben der familiären die Beziehungsebene im freundschaftlichen und partnerschaftlichen Bereich sein. Im Konkreten werden die Einflüsse und Beziehungsprozesse, die sich auf die Entwicklung von kriminellen Verhalten der Mädchen auswirken, näher untersucht. Dabei sollen die Studie von Silkenbeumer und ihre Ausführungen zu dem Spannungsverhältnis zwischen Selbstkontrolle und Selbstbehauptung ergänzt werden.

Wie in anderen Studien erwähnt, spielt der Sozialisierungsfaktor Schule keine Rolle in der Entwicklung der Mädchen. Diese Aussage soll erneut untersucht werden, um mögliche Ressourcen der Schule aufzudecken und Präventionsansätze zu entwickeln.

An den Zielen und Fragestellungen der Arbeit ist zu erkennen, dass es in der Untersuchung gilt, die unterschiedlichen Beziehungsebenen für Kriminalitätsentstehung zu analysieren, den Lebenskontext in dessen Bezug zu setzen sowie Ursachen und Prozessverläufe zu erklären. Es sollen aber nicht nur allein die Faktoren und Einflüsse auf die Entwicklung von Kriminalität analysiert und untersucht werden, sondern ebenso die Faktoren für das Abwenden von kriminellem Verhalten, die sogenannten Turning Points. [117] In der Bearbeitung der Forschungsfragen soll es nicht zur Abgrenzung von Normalbiografie und abweichender Biografie kommen. Denn wie Marotzki schon feststellt, ist es schwierig, „Normalbiographien zu beschreiben oder vorherzusagen.“ [118] Es bleibt fragwürdig was normal bzw. gesellschaftlich anerkannt ist. Die Lebensweisen junger Menschen sind vielfältig und mit unterschiedlichen Werten behaftet. [119] Es wäre prekär, jungen Mädchen in der Phase der Adoleszenz Normalbiografien anzuheften. Das Ziel der Untersuchung verfolgt vielmehr die Lebensbedingungen und Komplexitäten der Lebensweise des Einzelfalls und deren Beziehungen zu analysieren. Somit sollen mögliche Rückschlüsse auf kriminelles Verhalten gefunden werden. Die Fragestellungen haben nicht den Anspruch getrennt voneinander beantwortet zu werden. Sie werden in Beziehung gesetzt und differenziert nach ihren Ursachen analysiert. Bei Bedarf sollen die Forschungsfragen innerhalb des Forschungsprozesses angepasst und verändert werden.

4 Methodik der Studie

4.1 Forschungsdesign – Qualitativ vs. Quantitativ

Die vorgelegte Untersuchung orientiert sich methodisch an den Leitlinien des „interpretativen Paradigma“ der qualitativen Sozialforschung und ist retrospektiv ausgelegt. [120] Sie basiert nicht auf einer bloßen Analyse von objektiven Daten, sondern der Deutung von subjektiven Gegebenheiten der zu Untersuchenden im Rahmen eines Interpretations- und Interaktionsvorganges. Qualitativ Forschende möchten verstehen, was der Proband erlebt hat, was ihn daraus folgernd zu seinem Verhalten bewegt, wie er fühlt und denkt, was er sich wünscht und wie er sich seine Welt erklärt. Heeg beschreibt es als die Suche „nach dem Fremden in der Alltagswelt.“ [121] Die interpretative Sozialforschung grenzt sich von anderen qualitativen Untersuchungen, die quantitative Elemente besitzen, ab. Sie beruht auf der „Logik des Verallgemeinerns am Einzelfall“. [122] Gemeinsam ist aber bei allen Strömungen, dass sie sich dem Forschungsgegenstand mit Hilfe von Offenheit und kommunikativen Prozessen sowie der Abkehr von Standardisierungen gegenüberstellen. [123] Der Ursprung dieser Perspektive liegt unter anderem in den Prinzipien des Symbolischen Interaktionismus. Diese soziologische Theorie wurde durch Georg Herbert Mead und Herbert Blumer geprägt. [124] Die Grundprinzipien sind, dass Menschen Dingen gegenüber, auf der Grundlage der Bedeutungen, die diese Dinge für sie haben, handeln und die Bedeutung dieser Dinge aus der sozialen Interaktion mit anderen abgeleitet oder in ihr entstehen. Die Bedeutungen sind in einem interpretativen Prozess der Auseinandersetzung mit den Dingen, denen Menschen begegnen entstanden und wurden entsprechend angepasst. [125] Der heutige symbolische Interaktionismus ist durch eine narrative Wende geprägt und hebt besonders die „reflexiven, gendergeprägten und situierten Aspekte menschlicher Erfahrungen hervor“. [126] Die biografische Forschung wird unter anderem durch die Grundlagen des Symbolischen Interaktionismus gebildet. So wird „das Wechselspiel des einzelnen Menschen mit der Gesellschaft (…) als interpretativer Prozess gesehen, der sich im Medium signifikanter Symbole abspielt“. [127]

Qualitative Forschungsmethoden müssen sich häufig nachsagen lassen, dass sie weder repräsentativ noch geeignet wären, einen Forschungsgestand umfangreich, valide, standardisiert und objektiv darzustellen. Entgegen dieser Meinungen konnte sich die qualitative Forschung, insbesondere die interpretative Sozialforschung, in der Ursachenerforschung etablieren. [128] Durch den explorativen Charakter können so neue Erkenntnisse gewonnen werden, die für weitere Theorienbildungen fundamental sind und zunächst nicht den Anspruch auf eine Repräsentativität haben.

Um einer qualitativen Forschung einen Gültigkeitsrahmen zu geben, muss sie bestimmte Prinzipien erfüllen, die nachfolgend in ihren Ansätzen erklärt werden. Das Prinzip der Offenheit verlangt vom Forschenden eine objektive, flexible und explorative Herangehensweise an den Forschungsstand, die Methode und den Probanden ohne Beeinflussung durch bereits bestehende Hypothesen anderer Untersuchungen. [129] Gerade bei der Auswertung geht es um das Entdecken und nicht um das Bestätigen von Hypothesen. Die Forschung als Interaktionsprozess hebt den kommunikativen, gerade nicht standardisierten Charakter von qualitativen Untersuchungen hervor. [130] Des Weiteren zeichnen sich qualitative Untersuchungen durch ihre Prozesshaftigkeit aus. Das bedeutet Flexibilität gegenüber dem Forschungsgegenstand und erlaubt prozessbedingte Untersuchungseinheiten. Ein weiteres Prinzip ist die Forderung nach analytischer Reflexivität. Dieses geht davon aus, dass der Forschende aufgrund seines Vorverständnisses nicht wertungsfrei sein kann und aus diesem Grund diesen Prozess offen legen muss. Um der Kritik entgegen zu kommen, dass qualitative Methoden weniger zu kontrollieren sind, als quantitative Verfahrensweisen, besteht der Anspruch, die Verfahrensschritte und –regeln so offen wie möglich darzustellen. [131] Darunter fallen die Dokumentationen des Vorverständnisses des Forschenden, die Beschreibung der Erhebungsmethode und deren Kontext, die Ausführung der Transkriptionsregeln, die Beschreibung der Auswertungsmethode, die Dokumentation der Informationsquellen sowie die eigene Forschungskritik. [132]

Anhand der vorgelegten Prinzipien ist zu erkennen, dass die Gütekriterien von quantitativen Methoden, wie Validität, Reliabilität, Objektivität, Repräsentativität und Verallgemeinerung nicht ausnahmslos übernommen werden können. Steinke geht in diesem Punkt weiter und negiert sogar eine Nutzung der Begrifflichkeiten Validität, Objektivität und Reliabilität für Kriterien der qualitativen Forschung. [133]

Das Gütekriterium Validität lässt sich auf die fünf Ebene, der ökologischen, der kommunikativen, der argumentativen, der kumultativen und der Validierung in der Praxis einteilen. [134] Die ökologische Validierung hat als Ziel, die Untersuchung im natürlichen Lebensraum der Probanden durchzuführen. Dem wurde in der folgenden Untersuchung entgegengekommen, indem die Interviews auf Wunsch der Mädchen in deren eigenen Wohnräumen durchgeführt wurden. Die kommunikative und argumentative Validierung fordern die Einbeziehung von weiteren argumentativen Akteuren im Forschungsprozess. Dem konnte in der folgenden Untersuchung aus zeitlichen Gründen nur teilweise entsprochen werden. Akteure aus dem soziologischen und psychologischen Lehrbereich wurden bei Deutungen, die vielerlei Interpretationsmöglichkeiten zulassen hinzugezogen. Die kumulative Validierung, also das Reflektieren der eigenen Ergebnisse mit bereits bestehenden Ergebnissen, wird in der zusammenfassenden Auswertung vorgenommen. Die Validierung an der Praxis erfolgt in einem interpretativen Akt und wird in der folgenden Forschungsarbeit im Ausblick auf präventive Maßnahmen näher beleuchtet.

Das Gütekriterium Objektivität wird durch das Schlussfolgern vom Subjektiven ins Allgemeingültige erfüllt. Ziel einer jeden Untersuchung, ob qualitativ oder quantitativ, sollte es sein, eine allgemeingültige Aussage zu finden bzw. „das Allgemeine im Besonderen zu finden.“ [135] In diesem Zusammenhang werden sowohl die latenten als auch die bewussten Aussagen konstruiert und interpretiert. Der Wissenschaftler ist von latenten Sinnen beeinflusst, die nie ganz ausgeschaltet werden können. Durch die detaillierten Aufzeichnungen ist es zwar möglich, das Latente des Forschenden zu analysieren, aber eine Lückenlosigkeit ist nicht zu erreichen und würde sich auch hinderlich auf den Abschluss eines Forschungsprojektes ausüben. [136]

Die Kriterien Repräsentativität und Reliabilität sind in der Umsetzung von qualitativen Forschungsmethoden problematisch, aber auch nicht erforderlich. Denn bei qualitativen Untersuchungen geht es nicht um statistische Standardisierungen oder Erhebungen, sondern um die Analyse von Ursachenbedingungen und den Hintergründen, warum bestimmte statistisch ermittelte Faktoren kriminalitätsbegünstigend sind und welche soziologischen, psychologischen und gesellschaftlichen Prozesse dahinter stehen.

4.2 Methodenauswahl

Ziel der Untersuchung ist es, neben der Bearbeitung der Forschungsfragen, eine vielschichtige Analyse auf die Lebenswelten der Befragten vorzunehmen, um sowohl die subversiven als auch normativen Potenziale sichtbar zu machen. Im Gegensatz zu einer quantitativen Untersuchung geht es nicht darum Kovarianzen und Abhängigkeiten von Variablen zu finden, sondern die Prozesse sozialer Phänomene aufzudecken und sie nach ihren Ursachen zu analysieren.

Durch eine biografische Analyse ist es möglich, gewisse Einstiege, Ausstiege und Turning Points innerhalb einer kriminellen Karriere herauszufiltern. Elis fasst die Bedeutung von Biografien und deren Erforschung folgendermaßen zusammen:

„Biographie speist sich aus gelebter Vergangenheit, die beeinflusst und geprägt wird durch vorgefundene Gegebenheiten und getroffene Entscheidungen innerhalb dieser Bedingungen. Demnach wird Biographie sowohl durch objektive als auch subjektive Realität geschaffen, und macht es möglich, in einer Betrachtung Zeiträume und die darin stattfindenden Veränderungen zu analysieren.“ [137]

Um eine Biografie zu erforschen gibt es mehrere Möglichkeiten. Unter anderem können hier die Aktenanalysen und Interviews genannt werden. In der folgenden Studie sollen kriminelle Mädchen interviewt werden. Die Aufforderung, allein aus einem Interview biografische Daten, die es erlauben, die Lebensgeschichte und die biographische Genese eines interessierenden Sachverhaltes zu rekonstruieren, zu generieren, impliziert eine Strukturierung des Interviews, die dem Interviewten den Freiraum lässt, sein Leben aus seiner Sicht und mit seinen Schwerpunktsetzungen zu erzählen. Bei der Auswahl der Interviewform fiel daher die Entscheidung auf eine narrative Vorgehensweise. Diese Form bezweckt den Befragten zum Erzählen zu generieren und die Erzählung autonom zu gestalten. [138] Das Ziel ist es, dadurch sowohl offene als auch versteckte Erzählungen und Prozesse zu analysieren. Fritz Schütze entwickelte in den 1970er Jahren das narrative Interview innerhalb der Biografieforschung und der Aufforderung die gesamte Lebensgeschichte zu erzählen. Somit konnte ermöglicht werden, dass Lebensereignisse im Gesamtzusammenhang betrachtet werden können. [139] Die Lebenserfahrungen können sowohl argumentativ, erzählend und beschreibend dargestellt werden. [140] Ziel der Analyse ist es, später die Differenzen in der Darstellung je nach Art des Textes zu untersuchen.

Erzählungen haben den entscheidenden Vorteil, dass sie „eine vergleichsweise weitgehende Annäherung an eine ganzheitliche Reproduktion des damaligen Handlungsablaufes oder der damaligen Erlebnisgestalt“ zulassen und die Biografie in ihrem Gesamtzusammenhang darstellt. [141] Um jemanden zum Erzählen und zu Stegreiferzählungen zu bewegen, kommt es auf die Nachfragetechniken und die Einstiegsfrage an. Wie Rosenthal anführt, konnte auch ich im Rahmen dieser Studie feststellen, dass die Mädchen beim freien Erzählen in einen sogenannten Erzählfluss gerieten und die Erzählungen immer detaillierter und leiblicher wurden. Sie waren während ihrer Berichte bestrebt, so viele Randinformationen wie möglich zu geben, um ihre Geschichte nachvollziehbar zu machen. Dies nennt Schütze Gestaltungsschließ- und Detaillierungszwang. [142] Daraus werden womöglich Gedanken und Erinnerungen preisgegeben, die die Mädchen auf direkte Fragen nicht geäußert hätten.

Die Grenzen einer narrativ-biografischen Befragung und deren Analyse liegen klar in der „gewünschten“ Rolle des Befragten. Der Befragte versucht bewusst und unbewusst eine bestimmte normalisierende Position seiner selbst und gesellschaftlich angepasste Antworten zu vermitteln, um nicht stereotypisiert zu werden bzw. nicht angreifbar zu sein. [143] Ein weiterer Kritikpunkt liegt in der Gewinnung von Interviewpartnern, die freiwillig ihr Leben offenbaren möchten, insbesondere Menschen, die vielerlei Enttäuschungen und Stigmatisierungen erlebt haben. Auf diesen Punkt werde ich im nächsten Kapitel noch einmal genauer eingehen.

Des Weiteren verlangen narrative Interviews, aufgrund ihrer Datenmenge einen größeren Aufwand in den Bereichen der Transkription und Auswertung. Trotz der Kritikpunkte wurde sich in dieser Studie, im Sinne der Biografieforschung, für das narrative Interview entschieden.

4.3 Stichprobe

Als außerordentlich schwierig erwies sich das Auffinden von kriminellen Mädchen, die freiwillig bereit waren ein Interview mit sich durchführen zu lassen. [144] Es traten dabei zwei Konflikte auf: Zunächst wie erreiche ich den Kontakt zu den Mädchen und zweitens wie können die Mädchen dazu gebracht werden, an der Untersuchung teilnehmen zu wollen?

Das erste Problem konnte durch eine Kooperation mit der Jugendgerichtshilfe teilweise gelöst werden, da diese anbot, freiwillige Mädchen aus ihrem Bestand zu akquirieren. Die Akquise verlief zum Beginn recht schwerfällig, weil die Mädchen sehr unzuverlässig waren, zu Terminen nicht erschienen oder nicht bereit waren Aussagen zu treffen. Um zu gewährleisten, dass die Mädchen zum Interview anwesend sind und das Interview durchführen wollen, wurde ihnen eine Aufwandsentschädigung angeboten. Außerdem wurde ihnen bei Bedarf eine Vermittlung von Beratungs- und Ausbildungsangeboten ermöglicht. Dies wurde ihnen in einem Vorgespräch von mir vermittelt.

Bereits in den Vorgesprächen machten die Mädchen den Eindruck, sehr interessiert an den Interviews und meiner Hilfe zu sein. Anstatt der Aufwandsentschädigung wurde von allen die Vermittlung von Hilfsangeboten dankend angenommen. Es wurde trotz der Schwierigkeit der Erschließung der Mädchen versucht, ein breites Band an unterschiedlichen Lebenskontexten zu interviewen, um den Forschungsstand theoretisch zu sättigen. Diesem Anspruch konnte auch weitestgehend entsprochen werden, wobei anzumerken ist, dass die Wahl der Mädchen anhand der Akteninhalte der Jugendgerichtshilfen getroffen wurde, die meist nur unvollständig vorlagen und lediglich das Hellfeld der Kriminalität inne hatten. Aus diesem Grund kamen innerhalb der Interviews meist noch wesentlich mehr Straftaten zu Tage, als der Jugendgerichtshilfe bekannt war, sodass zwei der Mädchen bereits in den Kreis der Mehrfach- und Intensivtäterinnen gezählt werden können. Den Ansprüchen des theoretischen Samplings konnte dahingehend entsprochen werden, dass nach jedem Interview analysiert wurde, welche zusätzlichen Daten noch fehlen könnten, um den Forschungsstand weiter zu sättigen. Durch die Vielfalt der Lebensweisen der drei Mädchen kamen sättigende Ergebnisse zu Stande, aber auch offene Fragen, die durch weitere Studien aufgearbeitet werden können.

Der Interviewtermin und Durchführungsort wurde von den zu Interviewten bestimmt. Alle drei Mädchen wollten das Interview in ihren eigenen Wohnungen durchführen, was zunächst sehr überraschend war. Jedoch ergaben sich bei näherer Betrachtung schon erste Anhaltspunkte auf die Lebenswelten der Mädchen. Weitergehende Informationen folgen in der Auswertung der Ergebnisse.

4.4 Durchführung der Datenerhebung und -erfassung

Die Interviews wurden mit Hinweisen auf Pausen und Betonungen transkribiert und in Bezug auf Personen, Orte und Probandinnennamen zu Datenschutzzwecken codiert. Alle fallrelevanten Informationen nach und vor den Interviews wurden dokumentiert und in die Analyse mit einbezogen. Die Verschriftung erfolgte in literarischer Umschrift und gesprächsgenerierende Beiträge wurden, wenn sie nicht innerhalb eines Deutungskontextes angewendet wurden, nicht dokumentiert. Zitate von Befragten wurden mit Anführungszeichen kenntlich gemacht.

Da es sich um ein biografisch-narratives interview handelt, orientierte sich der Verlauf des Interviews an dem Redeverlauf der Mädchen. Zwei der Mädchen gaben sehr ausführliche Antworten und erschlossen selbständig neue Themenbereiche. Das dritte Mädchen verblieb nach einer kurzen Beantwortung der Eingangsfrage im Frage und Antwort-Spiel. Den Mädchen wurden zu Beginn der Aufnahme nochmals die datenschutzrechtlichen Informationen übermittelt, welche von ihnen unterzeichnet wurden. Ich wies die Mädchen, um ihnen ein vertrauteres Gefühl zu geben, darauf hin, dass ich bestimmte Erzählungen von ihnen mitschreiben werde, um später nochmals darauf zurück zu kommen, damit ich sie nicht in ihrem Erzählprozess unterbreche. Ich gab ihnen die Möglichkeit, über alles zu berichten, ohne dass sie sich schämen mussten oder stigmatisiert wurden.

Es kristallisierte sich in den Interviews heraus, dass die Befragten einen hohen Hilfebedarf haben und sich von der Durchführung der Interviews eine neutrale Analyse ihres Zustandes und ihrer Geschichte versprachen. Außerdem waren sie bereit, mögliche Hilfsangebote in Anspruch zu nehmen. Auf diesen für mich sehr wichtigen Punkt, die Weiterführungen und die spätere Arbeit werde ich in der Auswertung noch mal genauer eingehen.

Das Interview wurde mit einer Einstiegsfrage begonnen, die auf die jeweilige Situation abgestimmt, sich aber immer auf die Lebensgeschichte der Mädchen bezog und so offen wie möglich gehalten wurde. [145] Während des Erzählteils machte ich mir Notizen, um im immanenten Teil meine Nachfragen stellen zu können. [146] Sollten noch Thematiken offen geblieben sein, sprach ich diese durch exmanenten Nachfragen an und beendete es mit der Frage, ob die Mädchen von sich aus noch etwas zu erzählen hätten. [147] Von einer getrennten Erhebung von soziodemografischen Daten wurde abgesehen, da diese bereits durch den Inhalt der Interviews hervor gingen. [148] Nach Beendigung der Interviews erfolgte mit den drei Mädchen ein Nachgespräch ohne dass das Aufnahmegerät angeschaltet blieb. [149] Je nach Stimmungslage wollten die Mädchen eine Einschätzung ihrer Persönlichkeit oder wünschten sich selbst das Interview zu reflektieren. Die Erkenntnisse aus dem Nachgespräch fließen in die Fallrekonstruktion der Interviews mit ein. Desweiteren wurde über die Interviewsituation vor, während und nach dem Interview ein Protokoll erstellt, welches ebenfalls in die Rekonstruktion der Interviews mit einfließt.

4.5 Datenauswertung

Die biografisch-narrativen Interviews gewährleisten einen Zugang zu den Prozessstrukturen des Lebenslaufes. [150] Durch die Erzählungen der Mädchen, insbesondere durch die Stegreiferzählungen und den selbstberichteten Erfahrungen sowie Beschreibungen, können Prozesse ermittelt, analysiert und in ein biografisches Gesamtbild geformt werden, welches einer persönlichen Identität zugrunde liegt. [151] Die Interviews wurden sequenzanalytisch ausgewertet, das heißt sie wurden strukturell und inhaltlich beschrieben. Außerdem wurden Ablaufmuster, Ereignisse, Höhepunkte, Wandlungen sowie biografische Entwürfe und Realisierungsereignisse herausgearbeitet.

Innerhalb der interpretativen Sozialforschung haben sich zwei Arten der Textinterpretation herauskristallisiert. Zum einen die objektive Hermeneutik nach Oevermann und die Erzähl- und Textanalyse nach Fritz Schütze. Beide Verfahren wurden teilweise modifiziert und verbunden, unter anderem durch Gabriele Rosenthal. Die Analyse und Hypothesenherstellung erfolgt nach einem rekonstruierenden, abduktiven System. Es wird also von den beobachtbaren Fakten ausgegangen und alle möglichen Interpretationsstränge aufgestellt. [152] Diese sequenzielle Analyse ermöglicht es sowohl die dargestellten als auch die nicht dargestellten Ereignisse zu erforschen, also verborgene Elemente und den prozesshaften Charakter sichtbar zu machen. [153] Reichertz sieht in der Abduktion eine Chance, neue Typen und Ansätze zu bilden, aber erkennt auch die Gefahr der Entstehung von waghalsigen Gedanken bzw. der Unfähigkeit neue Gedanken hervorzulocken. [154] Eine günstige Bedingung um Abduktionen zu schaffen, ist eine offene Haltung gegenüber dem Forschungsgegenstand. Alle Daten sollen unabhängig vom bisherigen Wissen ernst genommen und interpretiert werden. [155]

Der Typenbildung ist die Interpretation der Daten der Interviews vorangestellt. Dies wird mit der biografischen Fallrekonstruktion nach Gabriele Rosenthal durchgeführt. Das Verfahren nach Rosenthal lässt es zu, in mehreren Auswerteschritten sowohl die Perspektive der Gegenwart als auch die der Vergangenheit der Befragten zu analysieren. [156] Die Inhalte des Interviews werden rekonstruktiv und sequentiell bearbeitet. Rekonstruktiv bedeutet, dass aus der Bedeutung einzelner Passagen der gesamte Zusammenhang des Interviews erschlossen wird. Sequentiell heißt, dass die Erzählungen sowohl in ihrer zeitlichen, als auch biografischen Abfolge zu analysieren, sowohl in der Gestalt der Erzählung, als auch in der erlebten Biographie selbst. [157]

Ziel dieser Art der Analyse ist es, die Lebensgeschichte und die Selbstpräsentation der Mädchen in der Gegenwart zu ermitteln. Rosenthal teilt ihre biografische Fallrekonstruktion in sechs Schritte ein. Dazu gehören 1. die Analyse der biografischen Daten, 2. die Analyse von Textsegmenten, 3. die Rekonstruktion der Fallgeschichte, 4. die Feinanalyse einzelner Textstellen, 5. die Kontrastierung der erzählten mit der erlebten Lebensgeschichte sowie 6. die abschließende Typenbildung. [158]

Mit der Analyse der biografischen Daten werde ich eine Kurzvorstellung, in Form eines Portraits der Mädchen nieder schreiben, um einen kurzen Überblick über ihre Lebensgeschichte zu schaffen. Parallel werden als Vorarbeit für Schritt drei und vier die biografischen Daten der Mädchen analysiert und verschiedene Hypothesen gebildet. Im zweiten Schritt wird das gesamte Interview sequenziert: Ich teile das Gesprochene in Argumente, Beschreibungen und Erzählungen sowie in die unterschiedlichen inhaltlichen Modifikationen ein. Diese Sequenzierung führe ich zweimal durch und bilde erste Hypothesen. Die Schritte drei und vier führen zu einer Interpretation der biografischen Bedeutung der Erlebnisse in der bisherigen Lebensgeschichte. Die zuvor erstellten Hypothesen aus Schritt eins werden nun in einen biografischen Kontext gefasst, rekonstruiert und analysiert. Einige Textstellen, wo die Mädchen stockten, abbrachen oder mit ihren Emotionen zu kämpfen hatten, werden hermeneutisch einer Feinanalyse unterzogen, um weitere Hypothesen zu bilden. Im fünften Schritt werden zunächst die Erklärungen für die Gegenwartsperspektive und die Vergangenheitsperspektive gesucht. Dabei betrachte ich das Erlebte der Mädchen, welches sich auf das heutige Verständnis und ihre Position auswirkt. Im Anschluss aller drei Interviews erfolgt die Bildung der Typen, um die vorausgehenden Forschungsfragen zu beantworten. In der Darstellung der Ergebnisse wird immer wieder auf die jeweilige Textstelle im Interview verwiesen. In dieser konkreten Verfahrensweise wird nicht mit Hilfe von Fußnoten zitiert, sondern direkt im Text der Verweis vorgenommen, um einen störungsfreien Lesefluss zu gewährleisten. Bei der Typenbildung erfolgen keine weiteren Verweise, weil es sonst mit den Hinweisen aus der Fallrekonstruktion doppeln würde und unnötig wäre.

5 Ergebnisse

Susi, heute 20 Jahre alt, erstickte mit acht Jahren fast ihre Freundin, band mit 12 Jahren einen Jungen an den Baum und verletze ihn mit dem Messer, prügelte mit 17 Jahren eine Frau unter Drogeneinfluss fast tot, schlug ihre Lehrer in der Schule und endete mit 18 Jahren durch einen Suizidversuch in einer psychiatrischen Klinik.

Nadine, heute 20 Jahre alt, Mutter eines einjährigen Sohnes, missbraucht vom Vater, drogenabhängig, erwischt beim Dealen, schlug ohne Vorwarnung andere Mädchen und überlegt in der Gegenwart einen Menschen umzubringen, um seine Organe zu verkaufen.

Anja, heute 19 Jahre alt, musste sich mit 13 Jahren eine Heimeinrichtung suchen, schlug ohne Sinn andere Mädchen, raubte und klaute regelmäßig und war monatelang obdachlos auf der Flucht, weil bei ihr mehrere tausend Euro und eine nicht geringe Menge von Cannabis gefunden wurden.

5.1 Ausgangspunkt der Untersuchung

Der Einstieg in die Untersuchung erfolgte mit einer allgemein gehaltenen Fragestellung. Das Interesse lag darin zu erfahren, wie es dazu kommt, dass Mädchen kriminell werden, wie sie sich selber sehen und in welchem Kontext kriminelles Verhalten durchgeführt wird. Es wurden drei Mädchen aus unterschiedlichen Lebenskontexten befragt. Es sollte verstanden werden, was zu Beginn nicht zu verstehen war. Untersucht wurden die verschiedensten Beziehungen und sozialen Einflüsse der Mädchen und inwieweit diese auf deren Kriminalitätsentwicklung Einfluss haben. Neben diesen objektiven Daten wurden die subjektiven Empfindungen und Einstellungen der Mädchen analysiert und ihre Selbstwahrnehmung in Bezug gesetzt.

Mit einem nur geringen Erkenntnisstand über die Mädchen und deren Straftaten und Verhaltensweisen konnte eine offene Zugangsweise zum Forschungsgegenstand gewährleistet werden.

Um die spätere Typenbildung verständlicher zu machen, wird von den Mädchen zunächst ein Kurzportrait dargestellt, welches in der Analyse der Lebensgeschichte erneut aufgegriffen wird.

5.2 Fallrekonstruktion

5.2.1 Fallrekonstruktion Susi

Hinweise zur Interviewsituation

Das Interview mit der 20-jährigen Susi fand in ihrer Wohnung statt, der Zugang zu Susi erfolgte über eine Bearbeiterin der Jugendgerichtshilfe. Der Nachfrage zur Bereitschaft ein Interview mit mir durchzuführen, stimmte sie spontan zu. Unser erster Termin fand in den Büros der Jugendgerichtshilfe statt und diente zum gegenseitigen Kennenlernen und der Terminabsprache für das Interview. Susi wünschte sich in diesem Vorgespräch, dass das Interview in ihrem zu Hause stattfindet, weil sie sich da wohler fühlen würde. Susi machte beim Betreten der Wohnung einen freundlichen und offenen, aber sehr verschlafenen Eindruck. Sie war gerade erst aufgestanden und hatte den Termin vergessen, war aber trotzdem bereit, dass Interview zu führen. In der Wohnung fiel mir auf, dass es sehr nach Cannabis roch, worauf ich sie ansprach. Sie gab zu, Cannabis konsumiert zu haben, bevor ich zum Termin kam. Die Frage, ob sie in der Lage wäre das Interview durchzuführen und ob sie sich gut fühle, bejahte sie. Sie schämte sich für diese Situation sehr und entschuldigte sich mehrfach. Des Weiteren machte die Wohnung einen sehr unordentlichen Eindruck, besonders in ihrem Bad herrschte eine große Disziplinlosigkeit, wofür sie sich auch schämte.

Während des Interviews war sie sehr offen und redegewandt. Trotz ihrer zeitweisen Traurigkeit fing sie nicht an zu weinen und versuchte diese Gefühle in Zaum zu halten. Stattdessen ließ sie ihren Aggressionsgefühlen freien Lauf. Insbesondere wenn sie ihre Gewalttaten nacherzählte, gestikulierte sie mit Händen und Füßen und erlebte die Situationen nach, auch sprachlich veränderte sich ihr Ausdruck entsprechend.

Biografisches Kurzportrait

Susi wurde 1992 in Berlin geboren. Sie hat 3 ältere Geschwister, die bei ihrer Geburt nicht mehr zu Hause wohnten. Die Mutter ist zum Zeitpunkt der Geburt bereits 41 Jahre und der Vater 42 Jahre alt gewesen. Die Mutter hatte ausgeprägten Lungen- und Darmkrebs, war Alkoholikerin und nicht berufstätig. Der Vater war in wechselnden Aushilfstätigkeiten angestellt und ebenfalls alkoholkrank. Susi musste in ihrer Kindheit mehrere Wohnungswechsel erleben, weil ihre Eltern keine Miete zahlten und ihnen die Wohnungen gekündigt wurden, sodass sie zeitweise ohne Mittel lebten. Durch die Wohnungswechsel und die spätere Trennung der Eltern durchlief Susi mehrere Grundschulwechsel. Durch die Arbeitstätigkeit des Vaters und die Hilflosigkeit der Mutter muss Susi schon früh Verantwortung übernehmen und ihre Mutter pflegen. Außerdem übernimmt sie im Haushalt die Hauptarbeit. 2004 findet Susi ihre Mutter verstorben in der Wohnung auf, zieht vorübergehend zu ihrem Vater, beginnt Alkohol zu konsumieren und zieht dann nach ein paar Monaten bei ihrem Vater aus und bei ihrem älteren Bruder ein. Sie lernt mit 13 ihren ersten Freund Peter kennen, mit dem sie viereinhalb Jahre zusammen bleibt. Nach einem Jahr Beziehung zieht Susi bei Peter ein. Ab diesem Zeitpunkt geht ihr Märtyrertum los. Peter misshandelt und schlägt Susi regelmäßig krankenhausreif. Sie macht sich in dieser Zeit abhängig von ihm und lässt die Untaten über sich ergehen.

Mit 16 geht sie das erste Mal in eine Discothek. Ab diesem Zeitpunkt besucht sie regelmäßig Discotheken, um sich zu betrinken, Drogen zu konsumieren und sich zu schlagen. Sie trennt sich letztendlich von ihrem Freund, als dieser ihr fremd geht und sie in der Hochphase ihres Drogenkonsums steckt. Susi wechselt nach dem Auszug bei Peter ständig die Wohnungen, leidet unter starken Depressionen und schlägt sich regelmäßig mit anderen Personen. Im Laufe dieser Phase erlebt sie ihr Schlüsselerlebnis, als sie mit 17 Jahren unter Drogeneinfluss eine Frau in der Discothek fast tot schlägt und flüchtet. Sie will daraufhin den Drogen und der Gewalt abschwören, bleibt diesen aber noch ein paar Monate treu, indem sie sich einer Mädchengruppe anschließt, wo regelmäßig Cannabis konsumiert und geschlagen wird. Susi trennt sich von dieser Gruppe, konsumiert nur noch „weiche“ Drogen und zieht von einem zum nächsten Freundeskreis. Nach einem Streit mit ihrer besten Freundin und ihrem besten Freund versucht sie sich mit Tabletten umzubringen und landet in einer Kinderpsychiatrie. Es folgt eine schwere depressive Phase, sie will mit dem Cannabiskonsum aufhören, schafft es aber bis heute nicht. Susi holt derzeit ihren mittleren Schulabschluss nach, erlebt Höhen und Tiefen in ihrer psychischen Verfassung, wohnt in ihrer eigenen Wohnung und ist nicht in der Lage eine ehrliche Liebesbeziehung einzugehen.

Selbstpräsentation von Susi (Text und thematische Fallanalyse)

Im folgenden Schritt werde ich einige Aussagen von Susi herausnehmen und versuchen herauszufinden, welche Erlebnisse sie wie thematisiert, beziehungsweise dethematisiert und was das für das Gesamtbild der Biographie und ihre Selbstpräsentation bedeutet.

Susi wirkt in der Darstellung ihres Lebensverlaufes sehr offen. Sie beginnt ihre Erzählung nicht unter dem Blickwinkel einer Devianzkarriere, was auf die offene Eingangsfrage zurückzuführen scheint. In der wird ihr zwar gesagt, dass es um Mädchen geht, die eine kriminelle Karriere hinter sich haben, aber auch in erster Linie um deren Lebensgeschichte.

„I: Hallo, es geht in meiner Untersuchung darum, dass wir Mädchen interviewen, biographisch, die eine kriminelle Vergangenheit haben und die Lebensgeschichte auswerten, um zu schauen, das wir Maßnahmen finden, die vielleicht anderen Mädchen weiterhelfen könnte. Vielleicht erzählst du mir einfach mal, was über deine Lebensgeschichte.“

So beginnt Susi nach einer kurzen Gegenfrage ganz selbstverständlich von ihrer Familiensituation bei ihrer Geburt zu erzählen. In dieser Phase des Berichtes argumentiert sie sofort die Konflikte in der Familie, zum Beispiel, dass ihre Eltern bei ihrer Geburt schon über 40 Jahre alt waren, dass ihre Mutter an Krebs erkrankt und der Vater berufstätig war, ihm die Strenge fehlte und dadurch ihre Erziehung vernachlässigt worden wäre. Sie berichtet von ihren häufigen Schulwechsel und den Wohnungsverlusten, kommt aber immer wieder zurück auf ihr unstrukturiertes Elternhaus und dass sie deshalb den Haushalt machen und die Mutter pflegen musste, insbesondere in deren letzten Lebensmonaten. Die Überforderung von Susi und die Hilflosigkeit in ihren jungen Jahren spiegeln sich schon in den ersten Minuten des Interviews wider. Auch zum derzeitigen Zeitpunkt hat sie noch nicht genug Abstand zu dieser Phase ihres Lebens gefunden, sondern macht es von Beginn an zum Haupterzählpunkt. In dieser argumentativen Berichtsweise könnte eine gewisse Vorarbeit liegen, um ihre späteren Taten zu erklären bzw. in ihrer Intensität zu verringern, um selbst eine Opferposition einzunehmen. Diese Neutralisierungstechniken, entwickelt von Sykes und Matza, dienen der Ablehnung der eigenen Verantwortung und der Übertragung auf Dinge, die außerhalb von Susis Kontrolle liegen, wie zum Beispiel die ungewollte große Verantwortung in ihrer Kindheit, die fehlende Erziehung oder die ständigen Aufenthaltswechsel. [159] Auch nach dem Tod der Mutter, wo sie bei ihrem Vater lebt und anfängt Alkohol zu konsumieren und sich zu ritzen, sucht sie keine Erklärungsversuche bei sich, sondern in der fehlenden Erziehung des Vaters. Sowohl in den ersten Aggressionen in der Schule als auch in dem Rauswurf aus der Realschule sieht sie heute noch die Schuld bei der Lehrerin, die Susi geschlagen hat.

Sie schiebt ihre Verantwortung ab und genießt den Respekt der Anderen. Ziemlich schnell stellt Susi fest, dass sie durch Gewalt Anerkennung bekommt und akzeptiert wird. Diese Präsentation ihrer selbst nimmt sie ziemlich klar vor und gibt zu, dass sie die Bestätigung genoss. (5/19) Die Verantwortung für ihre eigenen Taten gibt Susi ab, nimmt aber die Verantwortung der Taten Anderer auf sich, auch wenn sie selbst das Opfer ist. So hat sie in der Phase als sie von Peter geschlagen wurde, im Interview Erklärungsversuche für seine Gewalt gesucht und hat diese zunächst in sich selbst gesehen. Da sie ihm das Schlagen anderer Leute abgewöhnen wollte, musste er den Aggressionsstau an ihr auslassen.

In dieser Erzählphase ist erkennbar, dass Susi trotz der Misshandlungen und Gewalttaten an ihr, nur zögerlich Emotionen zeigt und die negativen Empfindungen abwehrt. Es wirkt, als wolle sie keinen Zugang dazu finden. Dies wird auch durch ihren massiven Drogenkonsum manifestiert, der letztendlich auch die Aufgabe hatte, Gefühle auszuschalten und das Leben zu genießen.

„Einfach so Ablenkung, ich hab mir so gedacht, so jetzt gibt es - jetzt gehts los, jetzt geht das Leben los. Ja, dann fing ich an mit Drogen (grinst).“

Im Hinarbeiten auf ein ihr widerfahrenes Schlüsselerlebnis betont sie, dass sie nicht nur „ Schellen“ verteilt hat, um dann zu erzählen, wie sie eine Frau fast tot schlug. Diese aufbauende Erzählweise ist darauf zurückzuführen, dass sie mir ihr Handeln nachträglich verständlich machen möchte. Auch wenn sie dieses Erlebnis als Wendepunkt bezeichnet, versucht sie auch hier die Verantwortung für die Handlung ihrem übermäßigen Drogenkonsum zu übertragen.

In einer späteren Lebensphase, als sie sich mit ihrer besten Freundin einer Mädchengruppe anschließt, wird nochmals deutlich, wie sie für andere Verantwortung übernehmen will, aber nicht für sich selbst. So möchte sie eigentlich die Mädchengruppe verlassen, macht das aber nicht, weil sie sich für ihre Freundin verantwortlich fühlt.

Susi nimmt häufiger Wechsel in ihren freundschaftlichen Beziehungen vor, berichtet dann kurz über diese Phase und warum sie diese Beziehungen beendet hat. Sie geht aber in keiner ihrer Erzählungen näher auf die Peers ein, auch ihre beste Freundin wird nur am Rande angesprochen. Wenn Susi über ihre Freunde erzählt, berichtet sie meistens über ihr Gefühlsleben und bereitet ihren Bericht so vor, dass erkennbar ist, dass sie in der Freundschaft nicht lange verbleibt. Sie versucht, die jeweiligen Situationen so zu erzählen, dass sie für mich nachvollziehbar sind und ich ihr Verständnis entgegen bringe. Sie sucht auch hier in unserem gemeinsamen Interview nach Anerkennung und Verständnis.

Von ihrer Schulzeit erzählt Susi im Vergleich zu anderen Thematiken, wie ihrem Drogenkonsum, den Zeiten in den Peers oder die Erziehung ihrer Eltern, sehr wenig. Erst im Nachfrageteil berichtet sie über Ereignisse in der Schule. Auffällig ist, dass sie meist von Situationen berichtet, die sich um ihre Gewalttaten drehen und nicht um den Alltag in der Schule bzw. Bindungen oder Gemeinschaften in der Schule. Susi verlagert ihr Interesse früh an Orte, die keiner sozialen Kontrolle unterzogen werden, wie zum Beispiel in ihre Peers.

In der 7. Klasse erfolgt ein Wechsel von der Realschule auf die Hauptschule, weil Susi eine Lehrerin geschlagen hat. Das Absinken der Leistungen erwähnt sie in diesem Zusammenhang nicht. Im weiteren Verlauf erzählt sie kaum noch etwas über ihre Schulzeit. Es scheint, als ob Susi ihr Interesse vollständig auf die Freizeit verlegt. Was hier von ihr lakonisch erzählt wird, lässt sich vor dem Hintergrund der schülerbiographischen Studien von Nittel und Wiezorek als Schulversagensverlaufskurve, also als Verlust der Kontrolle über das eigene Handeln im Hinblick auf die Entsprechung der schulisch leistungsbezogenen Erwartungshaltungen, herausarbeiten. [160] Susi nennt keine konkreten Faktoren für die Entwicklung, es ist aber davon auszugehen, dass es auf die Umbruchphase in der Zeit als ihre Mutter gestorben ist zurückgeführt werden kann. Insbesondere der Einzug bei ihrem Bruder und die Suche nach Anerkennung bei Gleichaltrigen bestimmen diese Lebensphase.

Susi versucht im Laufe des Interviews Bezüge zu ihrer heutigen Situation zu ziehen, sie erkennt, dass sie von ihrer Vergangenheit geprägt wurde. Ihr Selbstbild verändert sich dabei stetig. In dem einen Erzählsegment sagt sie, dass sie alles, außer den Cannabiskonsum, im Griff hätte und an andere Stelle, wo sie Menschen in ihrem Leben enttäuscht, argumentiert sie, dass sie sich nicht strukturieren kann und sich nicht an Termine hält. Diese Zwiespältigkeit kommt auch zum Ausdruck, wenn sie von ihrer ausgehenden Gewalt spricht. Auf der einen Seite sagt sie, dass ihr heute die Opfer leidtun und sie sich teilweise schämt, aber auf der anderen Seite kann sie das „jammern“ der Opfer nicht hören, hat Spaß am Schlagen, genießt die Anerkennung und beschreibt ihre Kälte gegenüber den Geschädigten. Sie ihr Mitleid auf Opfer, die sich nicht wehren konnten, sagt aber im gleichen Zuge, dass sie kalt bleiben musste und sie das Gejammer anwiderte.

Susi sagt zwar von sich selbst, dass sie zum Zeitpunkt des Interviews keine Gewalt mehr austeilen würde, zeigt aber mit diesen Aussagen, wenn sie sich schämt und Mitleid entwickelt, dass es lediglich damit zu tun hat, mir als Interviewerin ein Idealbild vorzusetzen und um sich mit ihren Taten nicht konkret auseinander setzen zu müssen.

Dieser Widerspruch ist auch erkennbar, wenn Susi von ihrer Mutter und ihrem Vater spricht. Am Anfang des Interviews erzählt Susi nicht viel von dem Verhältnis zu ihrer Mutter, sondern beschreibt lediglich deren Krankheit und den Tod, zwischenmenschliches wird nicht erwähnt. Erst im Nachfrageteil, beginnt sie über ihre Mutter zu sprechen. Sie berichtet über das Verhältnis sehr widersprüchlich. Auf der einen Seite liebt sie ihre Mutter, aber auf der anderen Seite fühlt sie sich häufig benachteiligt, gibt ihr die Schuld für ihren Lebensverlauf und kann sich an nichts Schönes erinnert. Einzig bei ihrem Vater bringt sie glaubhaft rüber, dass sie ihn liebt, obwohl sie schwierige Phasen hinter sich haben. Hier wird eine Differenzierung zwischen den Elternteilen deutlich. Offensichtlich ist Susis Verhältnis zum Vater im Vergleich zur Mutter in dem Sinne besser, da es weniger belastet ist. Mitunter könnte die Hypothese aufgeworfen werden, dass sich durch die hohe Verantwortungsübernahme gegenüber der Mutter und dem Erleben derer Hilflosigkeit von ihr distanziert hat und sowohl die Konflikte untereinander, als auch Susis innere Konflikte verstärkt wurden.

Der Wunsch nach einem familiären Gefühl wird deutlich, als sie von der Zeit bei ihrem Bruder berichtet und argumentiert, dass nach dem Tod der Mutter die Familie auseinander gegangen sei. Als sie jedoch wieder bei ihrem Bruder ist, Glück empfindet, aufgrund des familiären Beisammenseins. In diesem Fall ist ihr auch die Qualität der Familie gleichgültig, denn die Mutter ist tot und der Vater lebt in einem Obdachlosenheim.

Susis Selbstbild ist geprägt von Widersprüchen. Sie versucht im Interview deutlich zu machen, dass sie sich von ihrer Vergangenheit distanziert, nicht mehr gewalttätig ist und sie den harten Drogen abgeschworen hat. Jedoch spiegelt sich in ihrer Erzählweise diese Einstellung nicht wider. Wenn sie von ihren Gewalttaten und ihrem Konsum berichtet, macht sie das nur selten unter Scham. Meist tritt dies erst nach Beendigung des Berichtes auf. Während der Erzählung ist Susi in einer anderen Welt, berichtet sehr lautstark, gestikuliert wild und erlebt die Situationen noch einmal nach. Diese starke Akzentuierung zieht sich durch das ganze Interview und ist durch Ausbrüche und Betonungen gekennzeichnet. Durch den Wechsel von lautstarken Beschreibungen und dem aufkommenden Scham wird deutlich, dass Susi bewusst ist, dass ihre Taten gesellschaftlich nicht anerkannt sind. Eine klare Auseinandersetzung mit ihren Taten und eine Veränderung der Persönlichkeit ist jedoch nicht zu erkennen.

Trotz alledem ist gerade am Ende des Interviews zu erkennen, dass Susis Gegenwart und ihr Zukunftshorizont von dem Bedürfnis, sich selbst von ihrer belastenden Vergangenheit zu befreien, bestimmt sind. Sie möchte einen gesellschaftlich anerkannten Weg gehen und bemüht sich diesen umzusetzen, gerät aber immer wieder an ihre Grenzen.

Im letzten Teil des Interviews wird deutlich, wie schwer es Susi fällt, sich psychisch von ihrer Vergangenheit zu lösen. Es wird durch mehrmalige Nachfragen deutlich, wie sehr sie an eine Bezugsperson, derzeit ihren Vater, gebunden ist und wie mühsam es für sie ist, sich zu ernsthaften Gefühlen, insbesondere in einer Partnerschaft, zu bekennen.

Nach dem Interview wirkt Susi sehr gelöst und war froh, sich das erste Mal ungezwungen alles von der Seele geredet zu haben. Sie bestätigte in dieser Situation ganz offen ihre Traurigkeit über ihre Vergangenheit. Sie bestätigt in diesem Nachgespräch meine Vermutung, dass sie selbst weiß, dass ihr gewalttätiges Verhalten noch nicht auszuschließen ist und wünscht sich daher eine Therapie. Auch die Strukturierung ihres Lebens fällt ihr sehr schwer und sie zeigt außerhalb des aufgenommenen Interviews ganz offen ihre Hilflosigkeit. Es erfolgt nach dem Interview eine Vermittlung in Therapie.

Die Analyse macht deutlich, dass Susis biografische Selbstpräsentation durch vielerlei Widersprüche gekennzeichnet ist. Begründend in dem Drang nach Anerkennung und dem innersten Wunsch nach einer intakten Familie, aber auch die Vergangenheit hinter sich zu lassen und in die Zukunft zu schauen. Es wirkt nicht so, als würde Susi absichtlich Dinge auslassen. Es scheint eher so, als würde sie gewissen Dingen nicht die Bedeutung beimessen, um sie zu erwähnen. Auffällig bleiben die widersprüchlichen Auslegungen ihrer Emotionen, zurückzuführen auf ihre Suche nach Anerkennung und der Absicht den Normen und Werten der Gesellschaft zu entsprechen. Mitunter versucht sie mit den verschleierten Emotionen sich selbst etwas vor zu machen. Die Suche nach Anerkennung aber auch Verantwortungsabgabe gegenüber ihrer Taten durchzieht sich durch ihr ganzes Leben.

Rekonstruktion der erlebten Lebensgeschichte und Feinanalyse

Doch weshalb hat Susi dieses Bedürfnis bzw. welche biografischen Erfahrungen haben dieses Bedürfnis so bestimmend werden lassen? Und wie kann das auf ihr kriminelles Verhalten zurück geführt werden? In einem ersten Schritt werde ich zunächst die Biografie von Susi rekonstruieren und die Selbstaussagen der Biografin mit meiner Analyse der biografischen Daten kontrastieren. Habe ich mich vorher der Frage zugewandt, wie sich Susi selbst im Interview präsentiert und warum sie in der Gegenwart gewisse Dinge so sagt und nicht anders, analysiere ich jetzt den Text nach den Spuren der Perspektive in der Vergangenheit der Erlebnisse. Ich gehe also in der Logik der sequenziellen Analyse in der Chronologie der erlebten Lebensgeschichte sukzessiv von biografischem Erlebnis zu biografischem Erlebnis und betrachte dabei jeweils die Interviewpassagen, in denen Susi darüber spricht.

Beim Analyseschritt der Rekonstruktion der erlebten Lebensgeschichte zeigte sich bei Susi folgendes: Das Mädchen wächst in einer Familie auf, wo sie von Beginn an einer hohen Verantwortung ausgesetzt ist. Ihre Mutter ist schwer krebserkrank, ihr Vater ist Alkoholiker und muss häufig arbeiten. Ihre älteren Geschwister sind schon lange ausgezogen. Sie wächst also auf der einen Seite als Nesthäkchen auf, erlebt aber schon früh in der Beziehung zur Mutter und zum Vater, dass diese ihre Erziehung vernachlässigen und sie machen kann, was sie will. Ihre Geschwister erlebt Susi nur teilweise als Hilfe, so schildert sie im Interview, dass der ältere Bruder die Eltern häufiger mit Geld unterstützte. Andere Bezüge zur Familie sind nicht ersichtlich. Zu ihren Geschwistern hat Susi bis heute kein tiefergehendes Verhältnis. Dies mag sowohl an dem hohen Altersunterschied liegen, aber auch am Fehlen von gemeinsamen Interessen. Susi berichtet auf Nachfrage, dass ihre größere Schwester eine „Spießerin“ sei, die sich auch dafür einsetzen wollte, dass Susi von ihrer Mutter weg komme. Ihre Schwester verwaltet nach dem Tod der Mutter Susis Konto, welches Susi mit 18 Jahren auflöst, um von dem Geld zu verreisen und Drogen zu kaufen. Das Verhältnis ist aufgrund der verschiedenen Persönlichkeiten der Schwestern sehr angespannt, sodass Susi ihrer Schwester auch bisher nicht die Wahrheit über ihren Lebensverlauf mitgeteilt hat. Mit ihrem Bruder, der Musiker ist, hat sie heute regelmäßiger Kontakt als früher. Mit ihrem ältesten Bruder, damals ihr „Lieblingsbruder“, besteht seit dem Auszug bei ihm kein Kontakt mehr. Die geringe Interaktion mit ihren Geschwistern und das eher schlechte Verhältnis könnten Ursachen für ein „Nesthäkchensyndrom“ sein, welches Susis rebellisches Verhalten gegenüber ihrer Schwester und ihrem älteren Bruder erklären würde. Sie versucht sich aus der Position, der Unerfahrenen und Jüngsten herauszuarbeiten und Anerkennung zu erlangen.

Die starke Erkrankung ihrer Mutter bringt Susi in die Situation, früh Verantwortung zu übernehmen, indem sie den Haushalt macht und auf sich allein gestellt ist. Susi lernt schon als Kind, ihre eigenen Interessen zurückzudrängen, um den Anforderungen in der Familie gerecht zu werden. Die Bindung zur Mutter ist zwar groß, aber häufig mit Streiteren unterlegt. Da ihr Vater selbst ein Suchtverhalten aufzeigt, steigt in Susi zunehmend das Gefühl Verantwortung übernehmen zu müssen, welches in ihrer Pubertätsphase kollabiert und in deviantes und delinquentes Verhalten übergeht. Die ständige Präsenz der Erkrankungen der Mutter verstärken die Gedanken der Überforderung und Hilflosigkeit bei Susi. Hinzukommen die im Alter der Eltern begründenden Generationskonflikte, die zwar auf der einen Seite zu einer verständnisvolleren und erfahrungsreicheren Erziehung führen können, aber in Susis Fall eher in Unverständnis und einem laissez fairen bzw. vernachlässigenden Erziehungsstil münden. Außerdem stellen die Eltern durch ihre fehlende berufliche und soziale Integration keine Vorbildfunktion dar und können Susi keine ausreichenden sozialen und kognitiven Kompetenzen vermitteln.

Die Hilflosigkeit und Überforderung der Eltern werden in den darauf folgenden Wohnungswechsel erkennbar. So musste Susi in ihrer Schulzeit sehr häufig umziehen. Beginnend mit dem nach Prenzlauer Berg, wo sie auch eingeschult wird. Dort verbringt sie zwei Jahre ihres Lebens. Mit dem Grundschulalter beginnt bei Susi eine Phase, wo sie mehr mit Gleichaltrigen zusammen ist, aber auch das erste Mal leistungsorientiert arbeiten muss. Eine Unterstützung bei den Hausaufgaben kann Susi nicht erwarten, sodass sie auch hier völlig auf sich allein gestellt ist. Durch ihr damaliges Aussehen wird Susi zu Beginn der Grundschule gemobbt, ihre Mutter versucht, die Probleme mit aggressivem Verhalten in der Schule zu lösen. Susi lernt keine streit- oder gewaltfreien Konfliktlösungen von ihrer Mutter kennen. Die fehlenden Handlungskompetenzen spiegeln sich in Susis späteren Aggressionen wider.

Die Aufgaben im Haushalt häufen sich, sodass eine alleinige Konzentration auf die Schule mit Unterstützung der Eltern ausgeschlossen ist. Bei Susi wächst der Verantwortungsdruck, weil ihre Mutter zunehmend ärztliche Hilfe in der Nacht benötigt, die Susi über eine Telefonzelle alarmiert. Hinzu kommt, dass ab diesem Zeitpunkt ihr Neffe häufiger bei ihnen ist, weil er zu Hause von der Mutter misshandelt wird. Das heißt Susi muss, aufgrund der hilflosen Mutter mit sechs Jahren Windeln wechseln und das Kind hüten. Sie selbst empfindet diese Zeit als sehr anstrengend, insbesondere weil ihre Mutter häufig Tiere und Menschen mit nach Hause nimmt und Susi sich um diese kümmern muss. Die Mutter beginnt in diesem Alter Susi direkt mit ihrer Krankheit zu konfrontieren und ihr zu erklären, dass sie nicht mehr lange leben wird. Die Verantwortung steigt durch das Wissen über den baldigen Tod der Mutter an. Susi fragt sich, ob sie durch diese frühe Konfrontation den Tod der Mutter besser verkraftet hat, kann sich das aber nicht beantworten.

Im Alter von sechs Jahren beginnt die Probandin sich gegen den Druck der Mutter zu wehren und streitet sich regelmäßig mit ihr. Sie stellt fest, dass sich die beiden schon ab dieser Zeit mehr streiten als lieben. Susi betont aber nie von ihrer Mutter geschlagen worden zu sein. Sie sieht in ihrem Verhalten heute und damals Ähnlichkeiten mit dem Verhalten der Mutter. Diese Einsicht und die gleichzeitige Abwehr des Verhaltens ihrer Mutter könnten Hinweise auf die späteren Autoaggressionen von Susi, begründend in der Nichtakzeptanz ihrer eigenen Person, die ein Sinnbild ihrer Mutter darstellt, sein.

Zwei Jahre später muss Susi die Grundschule wechseln, weil die Eltern die Wohnung verlieren, da sie weder Miete, noch die Nebenkosten zahlen. Die Familie muss in dieser Zeit ca. 3 – 4 Monate ohne Mittel leben. Susi wird unfreiwillig in eine soziale Randlage katapultiert, die bei ihr den Druck steigen lässt, noch mehr auf die Tätigkeiten der Eltern zu achten und Verantwortung zu übernehmen. Dort wo andere Kinder sorgenfrei spielen können, erlebt Susi soziale Ausgrenzung und einen steigenden Verantwortungsdruck gegenüber ihren Eltern. Die negative Vorbildfunktion der Eltern manifestiert sich bei Susi und hindert sie an einer Orientierung an positiven Vorbildern, die einer an der Gesellschaft angepassten Entwicklung folgen. Sie erlernt nicht, dass offene Zahlungen beglichen werden, sodass sie selbst in ihrem späteren Leben Schulden aufbaut. Verstärkend kommt hinzu, dass Susi auch in der zweiten Grundschule wenig Freunde und zudem eine Lehrerin, die sie ausgrenzt, hat. Das Ausstoßen ihrer Person nimmt Susi damals und heute sehr ernst, was ihre Suche nach Anerkennung widerspiegelt.

Parallel zu dem Verlust der Wohnung und der Probleme in der Schule trennen sich Susis Eltern. Die Trennung ist Susi zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst, davon erzählt ihr Vater ihr erst später als die Mutter schon verstorben ist. Susi erklärt sich die Unwissenheit mit der Abwesenheit von Nähe zwischen ihren Eltern, auch während sie noch zusammen sind. Sie hätte ihre Eltern keine Zärtlichkeit austauschen sehen, sie ist eher Zeuge der Gewalttätigkeiten gegen ihren Vater, die von der Mutter ausgehen. Sie selbst ist nicht von ihren Eltern geschlagen worden, erlebt aber die Gewalt zwischen den Eltern mit. Susi ist also schon früh einer Umgebung ausgesetzt, wo Gewalt zum Alltag gehört. Die Gewalt, aber auch der übermäßige Alkohol- und Tablettenkonsum der Mutter sind Gründe für die damalige Beendigung der Beziehung.

Mit der Trennung der Eltern und dem Verlust der Wohnung zieht Susi allein mit ihrer Mutter in eine Wohnung eines Berliner Brennpunktbezirkes. Das bedeutet für sie auf der einen Seite einen erneuten Schulwechsel und auf der anderen Seite den Verlust ihres Vaters. Die Trennung von ihrem Vater ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht so gravierend, da er regelmäßig zu Besuch kommt und die Mutter und Susi unterstützt, sodass ihr dieser Verlust nicht bewusst ist. Auch wenn der Vater häufig anwesend ist, hängt sehr viel von Susi ab, weil ihre Mutter krank ist. Die Trennung und das alleinige Wohnen mit der Mutter steigert auf der einen Seite den Verantwortungsdruck bei Susi und lässt auf der anderen Seite die Erziehung seitens der Eltern immer weniger haltgebend und lenkend werden.

Susi hat keine Möglichkeit an der neuen Schule Freunde zu finden, weil die Mutter kurze Zeit später wieder die Wohnung verliert, da sie abermals keine Miete zahlt. Susi bleibt in ihrem Bezirk und bricht das erste Mal aus dem Verantwortungsdruck in ihrem zu Hause aus und lernt ihre heutigen besten Freunde kennen. Der erneute Wohnungsverlust und die Unfähigkeit der Mutter zeigen Susi erneut auf, dass ihre Mutter allein nicht lebensfähig ist, was wiederum den Verantwortungsdruck und das Risiko eines Ausbruches steigen lässt. Die Mutter scheint mit der Trennung des Vaters noch weiter dem Siechtum zu verfallen, lässt ihre Tochter nachts allein und treibt sich in Kneipen rum, was im Widerspruch zu ihrer schweren Krankheit steht. Diese Vermutung äußert Susi auch, angetrieben durch Gespräche mit ihrem Vater, der ebenfalls davon ausgeht, dass ihre Mutter nicht schwerkrank, sondern trostlos und hypochondrisch veranlagt war. Hier deutet sich an, dass Susi die Krankheit soweit hinterfragt, dass sie vermutet, dass ihre Mutter nicht so schwer krank war, wie sie andeutet, sondern letztendlich tablettensüchtig war.

Susi beschreibt ihre Angstgefühle, die sie verspürt, als sie nachts wach wird und allein ist, in dem Wissen, dass ihre Mutter in der Kneipe gegenüber ist. Sie erzählt von dem Ritual, dass ihre Mutter abends, bevor sie die Wohnung verlässt, ein Kleidchen hinlegt, sodass Susi beim Wachwerden in die Kneipe kommen kann. So kommt es, dass Susi des Öfteren die Nächte in Kneipen verbringt und das Trinken von Alkohol als alltägliches Verhalten von ihr wahrgenommen wird. Hier sind mögliche Rückschlüsse auf ihren frühen Alkoholkonsum möglich.

In dieser Phase kommt es vermehrt zu Streitigkeiten, weil Susi sich ungerecht behandelt fühlt, da die Mutter dem Neffen einen Zufluchtsort gibt, Susi sich jedoch darum kümmern muss. Außerdem gibt ihre Mutter anderen Kindern Geld zur Unterstützung, Susi jedoch nicht. Susi spricht dieses Gefühl der Ungleichberechtigung mehrmals an, worauf zu deuten ist, dass ihre späteren Anerkennungsängste und fehlende Selbstliebe mit eine Ursache des ungleichmäßigen Agierens der Mutter ist.

Der erneute Schulwechsel verhilft Susi zur Integration in einen neuen Freundeskreis. Sie selbst beschreibt es als eine Phase in der sie sich „ein Gesicht macht“. Sie findet das erste Mal Beachtung unter Gleichaltrigen und empfindet dies als ihre schönste Zeit. Bis zu dem Zeitpunkt, als ihre Mutter einen rapiden Gesundheitseinbruch erleidet, nicht mehr laufen, sprechen und kaum noch atmen kann. Neben dem schwierigen Gesundheitszustand der Mutter muss Susi, als junges Mädchen, was nun zunehmend mit Gleichaltrigen zusammen sein möchte, immer noch die Fürsorge des Neffen übernehmen. Sie beginnt unter Gleichaltrigen ihre Wertevorstellungen zu erweitern und zu verändern, aber auch anzupassen. Sie hinterfragt das Verhalten ihrer Mutter, sowohl in Hinblick auf ihre Krankheit, als auch zum Suchtverhalten und kämpft gegen gewisse Forderungen an. Sie bekommt von ihrer Mutter weder Aufmerksamkeit, noch Beschäftigung. Susi beschreibt, wie sich ihre Mutter auf ihrer Krankheit „ausgeruht“ hat.

Susi stellt fest, dass sie in ihren ersten Freunden gleichgesinnte Gesprächspartner findet, die zu Hause nicht vorhanden sind und fängt an, sich sukzessiv außerhalb der Wohnung aufzuhalten und deviante Verhaltensweisen aufzuzeigen. Die Dauerbesuche des kleinen Neffen und die ansteigenden Verpflichtungen von Susi lassen den Druck auf ihrer Seite wachsen, sodass es immer häufiger zu Streitigkeiten mit der Mutter kommt. Als sich die Krankheit der Mutter zuspitzt, muss sie sich allein um ihren Neffen kümmern, der Vater ist nur abends zu Besuch, wodurch Susi den Haushalt, die Einkäufe und die Versorgung des Kleinkindes mit 11 Jahren allein bewältigen muss. Fremde Hilfe nimmt ihre Mutter nicht an. So muss Susi oft in der Nacht zur nächsten Telefonzelle, um den Notarzt zu verständigen. Die strickte Verweigerung der Mutter zum Arzt zu gehen, führt letztendlich zum Tod der Mutter, ob nun aufgrund der Krebserkrankung oder einer Überdosis an Tabletten wagt Susi nicht zu diskutieren. Susi findet ihre Mutter schon tot und erkaltet auf. Sie erleidet einen Nervenzusammenbruch und wird kurze Zeit später neben der toten Mutter von ihrem Neffen wach gemacht. Gleichzeitig erfolgt der Verlust des Neffen, den sie danach nie wieder sieht.

Entgegen der gängigen Erwartungen geht es Susi gut und sie trauert nicht äußerlich erkennbar. Eine Erklärung findet sie selbst dafür nicht. Mit der Analyse der biografischen Daten kann hier die Ursache in dem Abfall des Druckes, der auf ihr lastet, gesehen werden. Die Freude über die Beendigung der Überforderung und dem enormen Verantwortungsdruck wiegt scheinbar höher als die Trauer über den Tod der Mutter. Dies wird auch durch Susis Beschreibung deutlich, dass sie sich mehr mit der Mutter stritt „als dass sie sich lieb hatten“. Auf der anderen Seite zeigen sich in ihren späteren Ereignissen ihre Umgangsformen mit der Trauer, wie zum Beispiel die Verlagerung der Bezugsperson auf andere und die krankhafte Abhängigkeit von diesen Menschen. Wobei hier anzumerken ist, dass die Mutter nicht nur eine Bezugsperson für Susi ist, sondern auch ein Mensch für den sie sie sich verantwortlich fühlt. Dieses Verhalten sich für andere verantwortlich zu fühlen, außer für sich selbst, zeigt Susi später in dem Umgang mit Freunden. Es könnte also von einer mittelbaren Übertragung gesprochen werden. Ihre geringe offensichtliche Trauer kann auch aus einem Schockmoment herrühren, der sich erst später in ihren Alkoholexzessen, Aggressionen sowie im illegalen Drogenkonsum entlädt. Es liegt also auf der Hand, dass der Tod, so wie Susi glaubt, nicht spurlos an ihr vorbei geht und sie bisher indirekt begleitet hat.

Nach dem Tod der Mutter wohnt Susi eine kurze Zeit bei ihrem Vater, der keinerlei Erziehung ausübt und Susi keine Grenzen setzt. Der abfallende Druck und die Entladung aus dem Schockmoment sowie die günstige Gelegenheit nicht kontrolliert zu werden, lassen Susi anfangen Alkohol zu trinken und führen letztendlich zur Alkoholvergiftung. Dieses Suchtverhalten spiegelt abermals das Verhalten der Mutter wider und deutet die Identitätsübernahme und Vorbildfunktion der Mutter an. Das fehlende Durchgreifen des Vaters und die nicht vorhandenen Bezüge untereinander führen zu einer Interessenswahrnehmung unter Gleichgesinnten, die ebenfalls keine große Bindung an ihr Elternhaus haben. Zur Beschäftigung und dem Abbau von Druck werden im Rahmen der Peer Alkohol konsumiert und jugendtypische Handlungen vorgenommen und ausprobiert. Susi fängt in diesen Kreisen das erste Mal an außerhalb ihres Elternhauses nach Anerkennung zu ringen. Dies wird deutlich indem sie mit den Handlungen der Peer mitläuft, um nicht als Außenseiter zu gelten.

Ihr Vater ist nicht in der Lage einen geeigneten emotionalen Kontakt zu Susi zu halten, um sie von ihrem devianten Verhalten abzuhalten. Im Nachfrageteil des Interviews beschreibt Susi die Beziehung zu ihrem Vater als sehr locker und verständnisvoll, er könne ihr aber im Umgang mit ihr keine „Faust bieten“. Im ersten Moment wirkt es, als ob Susi die Beschreibung unreflektiert stehen lassen würde, drückt aber ein paar Sequenzen später ihren Missmut darüber aus, dass sie weder von ihrer Mutter noch von ihrem Vater eine richtig Erziehung erhalten hat und sie sich strengere Eltern gewünscht hätte.

Susi liebt ihren Vater sehr und hat viel Angst ihn zu verlieren, kritisiert aber seine fehlende Konsequenz. Entgegen dem Verhalten der Mutter unternimmt der Vater viel mit Susi, zeigt aber keine beharrliche Erziehung. Sicherlich sich dies mit seiner eigenen Hilflosigkeit begründen, denn auch er ist nicht in der Lage sein Leben zu organisieren. So kommt es, dass sie kurze Zeit später erneut die Wohnung verlieren, weil der Vater wieder keine Miete zahlt. So muss Susi zwei Wochen vor ihrem 12. Geburtstag zu ihrem Bruder umziehen, da ihr Vater ins Obdachlosenheim eingliedert. Der Verantwortungsdruck gegenüber ihrem Vater steigt ein weiteres Mal. Dieser führt zwar nicht zu einer Ablösung von ihrem Vater, spiegelt jedoch ein weiteres Mal seine Hilflosigkeit wider. Diese Art der Hilflosigkeit zeigt sich auch im späteren Lebensverlauf bei Susi. Sie hat Schwierigkeiten, ihre finanziellen und organisatorischen Angelegenheiten zu bewältigen.

Mit dem Umzug zu ihrem Bruder beginnt bei Susi die Hauptphase der Rebellion und Aggression. Die Erziehungsmaßnahmen ihres Bruders missachtet sie, verlegt immer mehr ihre Interessen nach außen, hält sich nur noch bei ihren rechtsgesinnten Freunden auf und sieht die Schule lediglich als Kontrollorgan an. Die Rebellion nimmt ihren Höhepunkt, als Susi einer Lehrerin in der Schule Gewalt antut, weil diese ihr beim Fenster schließen das Kinn einklemmt. Susi befindet sich zu diesem Zeitpunkt in der 7. Klasse einer Realschule und erlebt das erste Mal in ihren Aggressionen eine emotionale Bestätigung und Anerkennung der Schüler. Sie muss daraufhin auf eine Hauptschule wechseln, in der sie weiterhin gewalttätig ist. Da sich Susi zu diesem Zeitpunkt in einer rechtsgesinnten Peer bewegt und an ihrer Schule viele Ausländer sind, fängt sie an zu schwänzen und hält sich an sozialen Brennpunkten unter Rechten auf. Das rechtsgesinnte Verhalten von Susi ist auf die Suche nach Anerkennung und echten Bezugspersonen und Gleichgesinnten zurückzuführen. Die rechtsextreme Einstellung hält nur so lange an, wie sie sich in dieser Peer befindet.

In dieser Zeit lernt Susi ihren sechs Jahre älteren Freund Peter kennen. Die Zeit stellt sie selbst als die Ursache für ihr späteres gewalttätiges Verhalten dar, vergisst aber, dass sie schon vorher Gewalt austeilte. In der viereinhalb jährigen Beziehung verkümmert Susi sozial, lässt sich von Peter lenken und leiten und nimmt letztendlich bedingungslos seine psychische und physische Gewalt in Kauf.

Sie berichtet detailliert über die Gewalt, die ihr angetan wird, aber auch wie sie ihn am Anfang schützt und Erklärungen für sein Verhalten sucht. Die Abhängigkeit zu ihm führt zum Ablösen von ihrem Bruder. Der Kampf des Bruders um Susi bleibt erfolglos, weil Susi eine neue Bezugsperson gefunden hat, auf die sie all ihre Emotionen projizieren kann. Susi ist auf Peter angewiesen und orientiert ihr Leben an ihm. Durch die Gewalt ist Susi in ständiger Alarmbereitschaft und versucht es ihm immer recht zu machen, um nicht weitere Schläge ertragen zu müssen. Dieser Zustand wirkt sich in Kombination mit dem späteren Fremdgehen von Peter negativ auf Susis Psyche aus, sodass sie das erste Mal anfängt, unter Depressionen zu leiden. Diesen Frust erstickt sie später in autoaggressivem Verhalten, indem sie sich mit Drogen betäubt. Durch die entstandene Abhängigkeit, fühlt sie sich immer wertloser und bildet negative Selbstbilder, grenzt sich von sozialen Kontakten ab und fördert ihre Depressionen. Sie beschreibt selbst, dass Peter sie von allen Dingen abhält, auch von den negativen. Ihren Frust lädt sie erst bei ihren späteren Besuchen in Discotheken ab, indem sie wieder anfängt Alkohol zu trinken und andere Menschen zu schlagen. Sie sagt selbst, dass sie sich mit der Gewalt den Respekt verschafft, den sie zu Hause nicht bekommt.

Die Depressionen und Gewaltausbrüche erreichen ihren Höhepunkt, als sie mit 17 Jahren erfährt, dass Peter fremdgeht. Das negative Selbstbild in ihr wächst und ihr Selbstwertgefühl sinkt. Sie trennt sich zunächst aufgrund der Abhängigkeit nicht von ihm und leidet ein weiteres halbes Jahr. Mit dem Beginn von dem Konsum chemischer Drogen trennt sie sich von Peter. Susi spricht es nicht an, aber die Wirkung der konsumierten Drogen lassen ihr Selbstwertgefühl steigen, sodass sie den Absprung aus der Beziehung vollziehen kann. Susi holt sich nun ihr Glück und ihre Liebe aus der Droge. Sie bezeichnet die Droge Ecstasy selbst als ihren „Beutel voll Liebe“.

Die Schule bricht sie in dieser Zeit ab. Sie begründet es damit, dass sie endlich leben will und genug von den Lehrern hat. Ihre Schulzeit beschreibt Susi erst im mittleren Teil des Interviews. Insbesondere in der 10.Klasse hält sie sich an keine Regeln mehr, konsumiert offen ihre Drogen, schlägt sich des Öfteren und greift am Ende sogar ihre Schulleiterin an. Susi beschreibt diese Situationen sehr betont und wild gestikulierend, was wiederum zeigt, wie diese Situation Susi auch zum Zeitpunkt des Interviews belastet bzw. wie sich wieder Aggressionen bei ihr entwickeln. Trotz des Vorfalls bekommt sie keine Anzeige, bricht dann aber die Schule ab. Ihr Drang nach Anerkennung wird erkennbar, indem sie argumentiert, dass sie ohne Weiteres den mittleren Schulabschluss hätte erreichen können. Trotz des Abbruches der Schule verabschiedet sie sich bei vereinzelten Lehrkräften persönlich und begründet es im weiteren Verlauf des Interviews mit der Menschlichkeit vereinzelter Lehrer. Sie kommt zwar mit dem Großteil der Lehrkräfte nicht zurecht, weil sie das Gefühl hat, dass sie kein echtes Interesse an ihr haben, bedankt sich aber bei denen, die sich trotz ihrer Schwierigkeiten um sie kümmerten. Für das Erhalten von Anerkennung, insbesondere gegenüber ihren Bezugspersonen, in diesem Fall ihr Vater, beginnt sie um ihre schulische Situation zu lügen, um ihn und den Status als Tochter nicht zu verlieren.

Da Susi nun nicht mehr bei Peter wohnen kann, zieht sie für einen kurzen Zeitraum zu ihrem Vater. Diesen Zustand hält sie nicht aus. Ihre Frustration steigt und sie nimmt immer mehr Drogen, parallel dazu steigt ihre Gewalt an. In dieser Phase berichtet sie von einem Schlüsselerlebnis, wo sie unter Kokain eine Frau in der Discothek fast tot schlägt, aber unerkannt flüchtet. Susi bezeichnet es als ihren Wendepunkt, will kein Kokain mehr nehmen und die restlichen Drogen in Maßen konsumieren. Die Depressionen und der Vorfall in der Discothek hätten für Susi ein Wendepunkt in ihrem Leben sein können. Die Turning Points, so wie sie Sampson und Laub bezeichnen, sind dafür verantwortlich, dass sich Lebensumstände ändern und zu neuen Bindungen mit starkem sozialem Kapital führen. [161] Doch auch mit dem von ihr selbst benannten Schlüsselerlebnis beginnt keine Abkehr vom Drogenkonsum bzw. von den Gewalttaten. Susi erfährt durch die Gewalttat keine polizeiliche Verfolgung und bleibt ohne Konsequenzen. Worin mit unter der Fortgang zu erklären wäre, einen Hinweis darauf gibt aber Susi nicht, außer dass sie froh ist nicht gefasst worden zu sein. Entgegengesetzt zu ihren anderen Gewalttaten fühlt sie keine Übermacht, sondern schämt sich eher für ihr Verhalten, was ein erstes Anzeichen für eine Abkehr der Gewalt bedeutet.

Während Susi dieses Schlüsselerlebnis erlebt, wohnt sie bei ihrem besten Freund mit dem sie sich viel streitet, aber auch viele Drogen konsumiert. Die Streitereien der beiden führen letztendlich zu psychosomatischen Symptomen, sodass Susi von dort aus zu ihrer besten Freundin zieht. Dort bleibt sie allerdings nicht lange, weil sie von den Eltern nicht akzeptiert wird, sodass sie bei einem anderen Freund einzieht. Die ständigen Wohnungswechsel zeigen, dass Susi nicht fähig ist, soziale Kontakte zu halten und aus jeder Situation ihres Lebens flieht ohne eine entscheidende Änderung eintreten zu lassen. Auf diesen Punkt gehe ich im späteren Verlauf einmal ein.

In dieser Zeit konsumiert Susi weiterhin Drogen und flüchtet von einem Zufluchtsort zum nächsten. Sie orientiert sich dabei nur an Personen, die selber Drogen konsumieren und ihr Leben nicht strukturieren können. Der Grund liegt abermals in der Suche nach Anerkennung sowie fehlender Selbstliebe und Identität, denn die Bezugspersonen und Peers, die sich Susi aussucht, zeigen selber deviantes, abhängiges und delinquentes Verhalten, sodass Susi dort einfach Anerkennung erhält, ohne an sich arbeiten zu müssen. Die fehlende Entwicklung einer eigenen Identität führt dazu, dass Susi an dem Versuch ihren mittleren Schulabschluss am Oberstufenzentrum nachzuholen, scheitert.

Susi orientiert sich im weiteren Verlauf an einer Mädchengruppe, welcher sie sich mit ihrer besten Freundin anschließt. Am Anfang mag sie die Mädchen und konsumiert deshalb auch wieder häufiger Drogen und schlägt sich in den Discotheken. Sie beschreibt die Gruppendynamik unter den Mädchen und macht deutlich, dass sie mit den Lästereien und dem Oberhaupt der Gruppe nicht zurechtkommt. Auffällig ist, dass sich die Abneigung gegen die Gruppe erst herauskristallisiert, als sich ihre beste Freundin immer mehr an den andern Mädchen orientiert und sie eifersüchtig wird. Die Eifersucht ist mit ihren Verlustängsten zu erklären, die wie oben beschrieben im Zusammenhang mit der ständigen Suche nach einer Bezugsperson zu tun haben und in Verbindung mit dem Tod der Mutter stehen. Die wieder aufblühenden Aggressionen könnten ein Indiz für den Frustaufbau in Susi sein. Auffällig ist, dass sie immer dann starke Aggressionen zeigt, wenn sich Bezugspersonen von ihr entfernen und sie wieder verstärkt Drogen konsumiert. So auch in der Phase der Trennung von ihrem Bruder und später in den letzten Zügen der Beziehung mit Peter. Der verstärkte Drogenkonsum dient der Bewältigung von Krisensituationen und durch die Aggressionen kann der aufgestaute Frust abgebaut werden. Sie beschreibt selbst am Ende des Interviews, wie befreit sie sich fühlte, nachdem sie zugeschlagen hat.

Mitleid empfindet Susi nur selten für ihre Opfer, eher im Gegenteil, das „jammern“ der Mädchen nervt sie und sie sagt sich selber, dass sie kalt bleiben müsse. Daran ist erkennbar, dass Susi durch die beobachtete und selbst erlebte Gewalt in ihrer Vergangenheit keine anderweitigen Konfliktlösungen erlernen konnte und ihre Kompetenzen in diesem Bereich stark eingeschränkt sind. Die Abhängigkeit von einer Bezugsperson wird noch deutlicher, als Susi während des Interviews argumentiert, nur in der Mädchengruppe geblieben zu sein, um auf ihre Freundin zu achten. Hier wird auch deutlich, dass sie sich bei ihren gewonnen Bezugspersonen eine übermäßige Verantwortung auferlegt, ähnlich macht sie das im Verhältnis mit ihrer Mutter. Sie trennt sich dann aber nach kurzer Zeit von dieser Gruppe und merkt selbst, wie die Verweildauer ihr Selbstbewusstsein angegriffen hat. Hier wird erkennbar, wie ein ständiger Druck in einer Gruppe zur Senkung des Selbstwertgefühls führen kann, ähnlich erging es ihr unter dem ständigen Druck in der Beziehung mit Peter.

Susi schließt sich ohne lange Pause einer weiteren Peer an. Auch hier wird deutlich, dass Susi nicht lange allein ihren Weg bestreiten kann. Die Ursache kann in der Suche nach Bestätigung, Anerkennung und einer Bezugsperson liegen, denn in jeder Peer versucht sie sich zu behaupten, entweder durch ihren Drogenkonsum, die Aggressionen oder wie in dieser Peer, durch die Übernahme von Aufgaben im Haushalt, um sich gegenüber den Jungs in der Gruppe zu beweisen.

Sie trennt sich aber auch von dieser Gruppe, weil sie sich dort belogen und beklaut fühlt und von der Trägheit der Anderen genervt ist. Es ist auffällig, dass sie es nicht lange in einer Gruppe bzw. auch nicht bei Freunden, bei denen sie wohnt, aushält. Dieses ständige Wechseln von Freundschaften und Emotionen kann auf eine tiefergehende Persönlichkeitsstörung hinweisen. [162] Hierfür wäre aber eine genauere Analyse nötig, die in diesem Rahmen nicht durchgeführt werden kann. Festzuhalten bleibt, dass Susi psychische Auffälligkeiten zeigt, die sich auf Beziehungen zu anderen Menschen beziehen. Die Problematik, die sich in den ständigen Wechsel der Peers zeigt, wird untermauert, indem sie im weiteren Verlauf ausführt, dass sie in Situationen, wo sie allein ist, zu Depressionen neigt. Aus diesem Grund hat sie sich direkt im Anschluss an die Trennung von der Gruppe wieder mehr an ihren Vater orientiert und ihn zu ihrer neuen Bezugsperson ausgewählt.

In dieser Phase der Erzählung beschreibt Susi intensiv ihre Gefühle, wie wenn sie durch den Konsum von Cannabis in Depressionen verfällt und Entzugserscheinungen bekommt. Im gleichen Zug macht sie aber deutlich, dass sie glaube das Konsumieren von Cannabis könne sie nicht von einem geregelten Leben abhalten und versucht dies mit ihren konsumierenden Freunden, die trotzdem arbeiten gehen zu argumentieren. Sie erkennt in den weiteren Erzählungen selbst, dass sie bisher nicht viel erreicht hat und argumentiert sehr selbstkritisch, sucht die Begründung aber bei ihrer fehlenden Erziehung und bei ihrem Exfreund.

Sie stellt fest, dass sie häufig ihre Angelegenheiten nicht zu Ende bringen kann und beschreibt in diesem Zusammenhang ihren Suizidversuch, den sie nach der Trennung von der letzen Peer und einem Streit mit ihren beiden besten Freunden vollzieht. Sie fühlt sich nach dem Selbstmordversuch verstört und hat das Gefühl, dass etwas in ihr kaputt gegangen sei. Der Suizidversuch zeigt, wie gering die Selbstliebe von Susi ist und welche Wirkung der Verlust von Bezugspersonen auf sie hat. In der Beschreibung erzählt sie immer wieder, wie sie Abschiedsnachrichten an andere Personen schickt und ihren Suizid ankündigt. Dies ist ein weiteres Zeichen für das Ringen um Anerkennung und Aufmerksamkeit, umso mehr ist sie von ihrer besten Freundin enttäuscht, die nach dem Suizidversuch nichts mehr mit ihr zu tun haben möchte. Trotz des Verlustes dieser Bezugsperson kommt es bisher zu keinem Rückfall, da ihr Vater und einige andere Freunde weiterhin für sie da sind. Die Aggressionen und Frustrationen hat Susi nun ausschließlich gegen sich selbst gerichtet, was mit ihrem fortschreitendem Alter zusammen hängen kann und insoweit mit anderen Forschungsergebnissen einhergeht, die aussagen, dass Mädchen nach einer kurzen Delinquenzphase häufig nahtlos in abweichendes Verhalten, in Form von psychischen Auffälligkeiten, übergehen. [163] Susi kann dem Suizidversuch einen positiven Aspekt abgewinnen, da sie seit dem Vorfall mehr Respekt vor chemischen Drogen zeigt und letztendlich sogar damit aufhört.

Nach dem Suizidversucht möchte sie sich mehrmals selber vom Cannabis entziehen, sucht hierfür auch Hilfe beim sozialpsychiatrischen Dienst. Sie beschreibt detailliert, wie aggressiv und hilflos sie der Entzug macht, sodass sie immer wieder einbricht und bis zum Zeitpunkt des Interviews immer noch Cannabis konsumiert. Einen Therapieversuch in einer stationären Einrichtung lehnt sie aus Angst des Verlustes ihrer derzeitig wichtigsten Bezugsperson, ihrem Vater, ab. Auch hier wird ihre starke Abhängigkeit widergespiegelt, die sie sogar von einem drogenfreien Leben abhält. Es ist davon auszugehen, dass sie immer wieder an einem Entzug scheitern wird, wenn sie keine professionelle Unterstützung erhält. Der derzeitige Halt im Leben fehlt und ihr Selbstwertgefühl kann nur durch positive Erlebnisse und Bestätigungen sukzessiv aufgebaut werden.

Zum Zeitpunkt des Interviews befindet Susi sich in einer Umbruchphase. Sie hat sich nach all ihren Erlebnissen dazu entschlossen einen gesellschaftlich anerkannten Weg zu gehen, ihren mittleren Schulabschluss nachzuholen und ein freiwilliges soziales Jahr zu machen. Da ihr aber die entsprechenden Vorbilder in ihrer Vergangenheit, aber auch in ihrer Gegenwart fehlen, ist sie ganz auf sich allein gestellt. Das Finden neuer Bezugspersonen bzw. das Führen einer partnerschaftlichen Beziehung empfindet sie als sehr schwierig, zunächst mit der Begründung, sie könne sich nicht verlieben und habe nur Interesse an Affären. Nach mehrmaligem Nachfragen wird deutlich, dass Susi Angst hat, eine neue Beziehung einzugehen, aus Sorge, wieder verletzt zu werden oder etwas falsch zu machen. Die Ereignisse aus Susis Leben werden sie weiterhin begleiten und es ihr schwer machen, ihr Leben zu organisieren und sich anderen Personen anzuvertrauen, ohne sich selbst zu verlieren bzw. eine eigene Identität abzubauen.

Susi wünscht sich zum Ende des Interviews ihr Leben zu strukturieren und ein Vorbild für andere zu sein und sieht in ihrer Phase des Erwachsenwerdens, gepaart mit der gewalttätigen Partnerschaft, die Ursachen für ihr heutiges Verhalten.

Vergleich von erzählter und erlebter Lebensgeschichte

Bei Susi zeigen sich auf der Ebene der erlebten Lebensgeschichte eine ständige Suche nach Anerkennung und ein verstärkter Wechsel der Bezugspersonen. Im Laufe der Jahre verstärken sich ihre Bindung zum Vater und die Anklagehaltung gegenüber ihrer Mutter, beruhend auf den Erlebnissen in ihrer Kindheit. Den Tod der Mutter trägt sie mit in die Gegenwart und reagiert bei Verlusten von Bezugspersonen mit autoaggressivem oder gewalttätigem Verhalten. Die frühe Verantwortung in ihrer Kindheit gegenüber ihrer Mutter überträgt sie nach deren Tod auf ihre Bezugspersonen, ist aber nicht in der Lage, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen. In der Gegenwart distanziert sie sich von ihrem gewalttätigen Verhalten, zeigt aber durch ihre Erzählungen und Gesten im Interview, dass sie auch in der heutigen Zeit aggressives Verhalten aufweist. Susi versucht sich mit dem Image einer von der Vergangenheit losgelösten Gegenwart zu präsentieren, gibt aber gleichzeitig ihrer Vergangenheit und insbesondere ihrer Erziehung und dem gewalttätigen Ex-Partner die Schuld für ihr heutiges und damaliges Verhalten. Sie legt die Verantwortung für sich selbst und ihre Vergangenheit ab und hat es deshalb schwer, eine eigene Identität aufzubauen und sich selbst zu lieben. Die Folgen sind in ihren ständigen Depressionen und in ihrem unorganisierten Leben zu erkennen.

5.2.2 Fallrekonstruktion Nadine

Hinweise zur Interviewsituation

Das Interview mit der 20-jährigen Nadine fand in ihrer Wohnung statt. Der Zugang zu Nadine erfolgte über eine Bearbeiterin der Jugendgerichtshilfe. Der Nachfrage zur Bereitschaft ein Interview mit mir durchzuführen stimmte sie spontan zu. Unser erster Kontakt erfolgte telefonisch und diente zum gegenseitigen Kennenlernen und der Terminabsprache für das Interview. Nadine wünschte sich in diesem Telefongespräch, dass das Interview in ihrem zu Hause stattfindet, weil sie sich dort wohler fühlen würde. Die erste und zweite Terminabsprache konnte Nadine nicht einhalten, weil sie die Termine vergaß. Mit der dritten Terminvereinbarung fand das Interview statt. Nadine war über meinen Besuch überrascht, weil sie den Termin ein weiteres Mal vergessen hatte. Nadine war nicht auf das Interview vorbereitet und hatte aufgrund ihres freien Tages eine Freundin, einen Freund, ihr einjähriges Kind und das sechs Monate alte Kind ihrer Freundin zu Besuch. Ich unternahm den Versuch den Termin zu verschieben, aber Nadine lehnte das ab. Sie hätte aber kein Problem damit, das Interview trotzdem durchzuführen, da sie keine Geheimnisse vor ihren Freunden habe. Um keine Absage des Interviews zu riskieren, entschied ich mich für die Durchführung. Das Interview fand im Badezimmer statt, während Nadine ihre Freundin für ein späteres Weggehen herrichtete. Sie wünschte sich, dass das Interview unter diesen Bedingungen durchgeführt wird. Die Einhaltung ihrer Anonymität empfand sie als gewährt. Durch diese ungewöhnliche Interviewsituation konnten insbesondere in Hinblick auf die Selbstpräsentation tiefergehende Erkenntnisse ermittelt werden, die im nächsten Kapitel eine Rolle spielen. Mir als Interviewer wurden sichtliche Grenzen gezeigt, hauptsächlich in dem Bereich des narrativen Erzählspektrums der Biografin. Die Anwesenheit der Freundin und ihres Kindes beschränkte merklich die Aussagen von Nadine und setzte sie unter Zeitdruck, sodass das Interview wenige narrative Anteile hat und ich als Interviewer häufig Fragen stellen musste, damit Nadine antwortete. Hierzu ausführlicher in der Analyse der Selbstpräsentation und am Ende meiner Ausführungen zur Forschungsreflexion.

Insgesamt erweckte die Wohnung einen unordentlichen und ungepflegten Eindruck. Das sechs Monate alte Kind der Freundin schlief im Nebenzimmer und um Nadines Sohn kümmerte sich ihr Bekannter. Nadine machte zu Beginn nicht den Anschein, das Interview ernst zu nehmen, geschweige denn es als gewinnbringende Erfahrung für sich selbst zu sehen. Sie wirkte unmotiviert und machte den Eindruck, es lediglich Interesse an der Aufwandsentschädigung zu haben. Im Nachgang, als ihr angeboten wurde, ihr zu helfen, den Schulabschluss mit meiner Hilfe nach zu holen, öffnete sie sich etwas und bewarb sich dann letztendlich auch für den Hauptschulabschluss, tauchte dann nach Annahme aber nicht mehr auf.

Während des Interviews wirkte Nadine oft verschlossen und einsilbig. Nur durch vermehrte Nachfragen gelang es mir, mehr über ihr Leben zu erfahren. Im Gegensatz zu Susi war es schwierig mit Nadine erzählgenerierend zu arbeiten, was zum Teil der Interviewsituation geschuldet ist. Gerade Themen zu ihrer Kindheit versuchte sie zu umgehen und ging erst durch intensives Nachfragen darauf ein. Sie stellt sich in ihrer Selbsterzählung als Person dar, die nur schwer Vertrauen in andere Menschen entwickelt und sich ihre Bezugspersonen lieber zweimal als einmal zu wenig anguckt. Diese Einstellung spiegelt sich im Interview und in ihrer Erzählstrategie wider.

Kurzportrait

Nadine wird 1992 außerhalb von Berlin in einer dörflichen Umgebung geboren. Sie hat drei ältere Geschwister, zwei Schwestern sowie einen geistig behinderten Bruder und lebt mit diesen, ihrer Mutter und ihrem leiblichen Vater zusammen in einem Dorf bei Berlin. Über das Alter und dem Beruf der Eltern spricht Nadine nicht, macht aber deutlich, dass sie in ärmlichen Verhältnissen groß wird, sodass davon ausgegangen werden kann, dass mindestens ein Elternteil in dieser Zeit nicht berufstätig ist. Nadine und ihre Geschwister werden schon in frühester Kindheit regelmäßig vom alkoholisierten Vater physisch und psychisch misshandelt. Insbesondere Weihnachten bleibt den Kindern in Erinnerung, da er dort als maskierter Sensenmann auftritt und die Kinder schlägt, wenn sie Angst haben. Mit fünf Jahren muss Nadine erleben, wie ihre Mutter versucht sich und die Kinder in der Wohnung abzubrennen. Mit neun Jahren zieht Nadine mit ihrer Mutter, einer Schwester und ihrem jüngeren Bruder nach Berlin zu ihrem Stiefvater. Die ältere Schwester zieht zu diesem Zeitpunkt nach Österreich, um ihre Ausbildung zu beginnen. Mit dem neuen Partner ihrer Mutter versteht sich Nadine sehr gut und wird deshalb umso härter von dem Schicksal getroffen, als sie erfahren muss, dass er stark an Krebs erkrankt ist und die Mutter ihn pflegen muss. Alle Beteiligten wohnen zu dieser Zeit noch in einem Haushalt.

Kurze Zeit nach dem Umzug nach Berlin versucht ihr leiblicher Vater Nadine nach Österreich zu sich und ihrer ältesten Schwester, die dort ihre Ausbildung macht, zu holen. Aus Naivität glaubt Nadine ihrem Vater, wird aber enttäuscht und nicht von ihm abgeholt. Mit 13 Jahren fängt Nadine das erste Mal an Cannabis zu konsumieren. In der 9. Klasse konsumiert sie regelmäßig Cannabis, schlägt schlägt sich vor der Schule und streitet sich immer häufiger mit ihrer Mutter. Letztendlich zieht sie dann mit 15 Jahren, nach einem großen Streit von zu Hause aus und wird in einem Heim untergebracht. Parallel fängt sie an exzessiv Alkohol zu trinken und härtere Drogen, wie Kokain und Speed zu konsumieren. Mit 16 Jahren wird sie von einer zivilen Polizeistreife beim Dealen erwischt und muss eine Woche in den Jugendarrest. Nach einer weiteren Phase der Heimunterbringung kehrt Nadine zu ihrer Mutter zurück, unter dem Vorwand einen Hund haben zu können.

Der leibliche Vater versucht in dieser Zeit abermals Nadine nach Österreich zu holen, holt sie aber nicht, wie vereinbart, ab. Parallel schließt sie ihre 10. Klasse nach eigenen Erzählungen im Interview mit dem erweiterten Hauptschulabschluss ab. Nach der Interviewsituation stellt sich allerdings heraus, dass sie keinen Schulabschluss besitzt und diesen noch nachholen möchte. Nach einem weiteren Streit verlässt die Biografin mit 17 Jahren ihre Mutter abermals, kommt dann kurzfristig in einer betreuten Wohngemeinschaft unter, von wo sie ins betreute Einzelwohnen überstellt wird. Mit 18 Jahren ist Nadine nach einer dreimonatigen Beziehung ungeplant schwanger geworden und trägt das Kind aus. In dieser Zeit konsumiert sie keine illegalen Drogen. Der Vater des Kindes kümmert sich weder in der Schwangerschaft, noch als das Kind geboren ist um Nadine, sodass sie sich nach mehreren Auseinandersetzungen und der Androhung von Gewalt von ihm trennt. Nadine geht während ihres Mutterschutzes schwarz arbeiten und dealen, um sich, ihr Kind und ihren chronisch kranken Hund ernähren und etwas bieten zu können.

Nach der Geburt des Kindes beginnt sie wieder illegale Drogen, wie Cannabis, Kokain und Speed zu konsumieren. Das Kind verbleibt in diesen Phasen bei ihrer Mutter oder einer Freundin. 2012 verstirbt Nadines Stiefvater an Krebs. Nadine versucht derzeitig ihr Leben zu organisieren, geht aber nicht regelmäßig ihren Terminen nach und verkauft immer noch regelmäßig Drogen an bekannten Berliner Plätzen, konsumiert selbst und überlegt zum Zeitpunkt des Interviews, wie sie eine Frau aus der Nachbarschaft an einen Zuhälter verkaufen kann.

Selbstpräsentation von Nadine (Text- und thematische Feldanalyse)

Nadine wirkt in der Darstellung ihres Lebensverlaufes sehr verschlossen, nur durch häufiges Nachfragen war es denkbar, ein möglichst annäherndes Gesamtbild der Biografie zu erhalten. Sie beginnt ihre Erzählung unmittelbar mit dem Bericht zu ihrem Drogenkonsum und dem Umzug mit neun Jahren von einer dörflichen Umgebung nach Berlin. Dies ist nicht auf Eingangsfrage zurück zu führen, da diese sehr offen gehalten wird:

„I: Ja Hallo Nadine wir haben uns heute hier getroffen, weil wir ein bisschen über dein Leben sprechen wollen und jetzt erzähl doch einfach mal, was du in deinem Leben erlebt hast, wie es dir bisher erging, wie es dir jetzt geht, rede einfach frei von der Seele.“

So beginnt Nadine nach einer kurzen Pause ganz selbstverständlich ab ihrem neunten Lebensjahr zu erzählen und stellt den Umzug nach Berlin, die Versuche des Vaters sie nach Österreich zu holen und den Konsum von Cannabis in den Mittelpunkt ihrer Erzählung. Für die Frage warum sie so vorgeht, könnte es mehrere Erklärungen geben. Möchte sie mit diesem Einstieg der Erzählung ihren Fokus auf die Ereignisse in Berlin setzen und von ihrer Kindheit ablenken? Träfe diese Hypothese zu, könnten wir im Fortgang erwarten, dass die Ereignisse in Berlin und der Drogenkonsum immer wieder genannt werden bzw. Inhalt ihrer Haupterzählung sind. Ebenso ist zu überlegen, ob Nadine mit dieser Lebensphase beginnt, weil sie annimmt, dass mich dies besonders interessieren könnte. Eine ganz andere Hypothese wäre auch noch möglich: Nadine beginnt mit einer Thematik, die sie nicht tabuisiert. Sie beginnt also nicht mit ihrer Kindheit, weil sie das nicht selbst thematisieren möchte.

Auch die folgenden Sequenzen spiegeln die Zeit in Berlin, den Auszug bei ihrer Mutter und den Einzug ins Heim sowie den Beginn des Alkoholkonsums wider. Sie begründet diese Geschichte mit den Streitereien zwischen ihr und ihrer Mutter. Innerhalb dieser Darstellung möchte sie argumentativ etwas über ihre Eltern und ihre kindliche Vergangenheit erzählen, unterbricht sich aber und beginnt chronologisch bei der vorherigen Erzählung weiter zu berichten. Man kann sich fragen, ob hier ein weiteres Anzeichen für eine Tabuisierung ihrer Vergangenheit vor dem Umzug nach Berlin vorgenommen wird. Wenn diese Hypothese zutrifft, wird sie dann überhaupt von allein ihre Kindheit ansprechen?

Sie berichtet chronologisch weiter, dass sie anfängt härtere Drogen zu konsumieren und sie wieder zurück zu ihrer Mutter geht, wegen einem Hund, der ihr versprochen wird. Die Gefühle und die Zeit im Heim lässt sie außen vor und auch ihre Schulzeit beschreibt sie nicht. Eine Erklärung hierfür könnte sein, dass Nadine sich nicht mit den Emotionen aus diesen Thematiken befassen möchte, ein Grund dafür könnten die schlechten Erfahrungen in dieser Zeit gewesen sein. Es ist anzunehmen, dass sie im Fortgang der Erzählung nur durch Nachfragen auf diese Thematiken eingehen wird. Eine andere Überlegung wäre, ob sie dem Heimaufenthalt und ihrer Schulzeit wenig Bedeutung bei misst und es auch aus diesem Grund nicht in ihrer Haupterzählung erwähnt. Im Zusammenhang mit ihrem erneuten Auszug bei der Mutter und dem Einzug in eine betreute WG und später ins betreute Einzelwohnen beginnt sie von ihrer Delinquenzkarriere zu erzählen. Ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen dem Einzug in die eigene Wohnung und dem Anhäufen der Straftaten ist zu vermuten, da sie das vermehrte Aufkommen der Straftaten argumentativ dem Einzug in das betreute Einzelwohnen gegenüber stellt:

„B3: Genau wegen dem Österreich ding ne, und dann ich sag ihnen, ich kann nicht mehr, meine Nerven waren am Ende so, meine Mutter und ich wir haben wieder nur gestritten, ich bin wieder ausgezogen mit 17, bin in betreutes Einzelwohnen gekommen, ne erst in eine WG, um zu gucken, ob ich damit noch klar komme bla bla bla und dann aber bin ich ins betreute Einzelwohnen in den 18. Stock gekommen, also ein eigene Wohnung, ja und das war voll krass, weil ich hatte auch einen Diebstahl hinter mir, da war äh ähm ja richtig krass mit Polizei und so, wurde beim Drogen kaufen erwischt und so, also es hat sich dann nur noch gehäuft, ich habe Sozialstunden gemacht, ich war zwei Wochenenden in äh - musste ich in so einem Asylantenheim ja, also richtig Abgrund, musste ich die Toiletten putzen und die Treppen putzen, sone Aufgaben hat mein Sozialarbeiter gesagt, dass die mir sone Aufgaben geben sollen, musste Duschen putzen, sauber - richtig krass so.“

Nadine spricht die Zeit des betreuten Einzelwohnens und die möglich Überforderung, die dadurch entstanden ist, nicht konkret an. Möglicherweise handelt sie in ihrer Erzählweise so, weil sie sich den Ursachen nicht bewusst ist. Träfe diese Vermutung zu, würde sie die Zeit des betreuten Einzelwohnens nicht im Detail thematisieren.

Es folgt eine Argumentation aus ihrer gegenwärtigen Situation, in der sie verdeutlichen möchte, dass sie auch in der Gegenwart illegal arbeiten geht, um sich, ihr Kind und ihren Hund zu ernähren. Die Argumentation von ihr untermauert die Vermutung, dass sie aufgrund ihrer Überforderung und Hilflosigkeit zu illegalen Mitteln greift. Die Überlastung und der Rückgriff auf illegale Mittel versucht sie mit ihrer Unterbringung im Heim zu argumentieren. Geht aber wieder nicht näher ins Detail und beschreibt weiterhin, wie sie sich bemüht einen legalen Arbeitsplatz zu erhalten. Möglicherweise versucht sie hier eine Rechtfertigung für den Rückgriff auf illegale Mittel mir gegenüber zu finden. Ebenso ist zu überlegen, dass sie selbst ihre Verantwortung gegenüber ihrem Kind wahrnehmen möchte, aber keine Kompetenzen hierfür besitzt und deshalb versucht ihre vorhandenen Möglichkeiten aufzuzählen, um sich selber zu beweisen, dass sie alles Mögliche im Sinne des Kindes getan hat. Im Fortgang des Interviews würde sie also nicht einräumen, nicht alles für ihr Kind getan zu haben.

Nadine beendet früh ihren Erzählteil und signalisiert durch eine lange Pause, dass sie von sich aus nichts mehr zu erzählen hat. Bis zu diesem Zeitpunkt hat sie weder ihre Kindheit oder Schulzeit noch ihre Heimunterbringung beschrieben. Sie umgeht damit ihre persönlichen Bereiche, die emotional unterlegt sein könnten. Dies bestätigt die vorhergehende Vermutung, dass sie diese Themen tabuisiert. Die Gründe hierfür werden deutlich, als sie auf Nachfrage zu ihrer Zeit in der Schule, das Mobben ihrer Person beschreibt und ihr Verhalten, welches rebellierender wird. Ihr Verhalten und ihre Entwicklung in der Schule scheinen ihr unangenehm zu sein, da sie auf die Nachfrage zur Schulzeit zunächst beschreibt, dass sie bis zu 10. Klasse die Klassenbeste ist und auch die 10.Klasse beendet habe. Dies steht im Widerspruch zu ihrer Aussage nach der Beendigung des Interviews, dass sie gar keinen Schulabschluss habe und diesen gerne nachholen würde. Als Begründung nennt sie nicht ihre schlechten Leistungen oder ihr inakzeptables Verhalten in der Schule, sondern einen Betrug der Schule. Hier zeigt sich deutlich, dass sie kein Eingeständnis ihrer Fehler machen möchte, nicht zu ihrer Vergangenheit steht und eher versucht sich positiv zu präsentieren.

Ein weiteres Indiz hierfür ist, wie sie ihren Abschluss der Schule beschreibt, als sie nochmal „ austeilte “. Sie möchte nicht als schwach bezeichnet werden und ringt um Anerkennung, auch in der Interviewsituation mit mir. Nach der Frage, wie sie austeilt, wirkt sie erschrocken und argumentiert, dass sie nun „leider“ nur noch verbal austeilt, da sie ein Kind hat. Nach einer erneuten Verständnisfrage geht sie trotzdem nicht auf ihre Gewalttaten ein. Sie möchte auch hier keinen Einblick in ihre Vergangenheit gestatten und ihre Fassade aufrechterhalten, um sich nicht negativ zu präsentieren. Träfe diese Hypothese zu, können wir im weiteren Fortgang erwarten, dass sie nichts erzählen würde, was ihrem Image schaden könnte.

Die nächste Sequenz widmet die Biografin ihrer Kindheit, ihrem Argument für ihre späteren Aggressionen und dem Drogenkonsum. In diesem Abschnitt gestattet sie das erste Mal, einen Einblick in ihre Emotionen, wobei sie die Erzählungen über ihren gewalttätigen Vater und ihre hilflose Mutter nur auf einzelne Erzählungen beschränkt und vorgibt, keine weiteren Erinnerung an ihre Kindheit zu haben. Auch die Gewalt des Vaters gegenüber ihrer Mutter beschreibt sie nur sehr oberflächlich und stellt dar, sich nicht erinnern zu können. Hier werden Nadines Tabuthemen behandelt, dies wird deutlich als ich zum Ende des Interviews nach ihren Gefühlen frage und sie mir beschreibt, dass sie darüber nicht nachdenken will und ihre Emotionen mit dem Drogenkonsum überlagert. Die Verdrängung der Gefühle mit Hilfe des Drogenkonsums beschreibt sie auch, während sie von ihrer Heimunterbringung berichtet, geht aber nicht direkt auf ihre Emotionen ein.

Schneide ich Themen an, die ihr unangenehm sind oder Tabuthemen betreffen, spricht Nadine wenig von sich aus und lässt das Interview zu einem Frage-Antwort-Spiel werden. Das liegt nicht im Sinne eines narrativen Interviews, spiegelt aber die Selbstpräsentation von Nadine wider. Die Analyse verdeutlicht, dass in Nadines Selbstpräsentation das Bedürfnis nach Anerkennung, die Verdrängung von Emotionen und der Vergangenheit sowie die Tabuisierung von Themen zu Gunsten ihrer eigenen Selbstpräsentation das dominante Thema ist.

Rekonstruktion der erlebten Lebensgeschichte und sequenzielle Feinanalyse

Um die zuvor analysierte Selbstpräsentation zu verstehen, wird im nächsten Schritt die Lebensgeschichte rekonstruiert und die biografischen Erlebnisse sequenziell analysiert sowie mit den Selbstaussagen der Biografin kontrastiert. Bei der Analyse von Nadine zeigt sich folgendes:

Sie wächst bis zu ihrem neunten Lebensjahr in einem Dorf auf und ist dort ungeschützt der Gewalt ihres Vaters ausgesetzt. Sie wird von ihm regelmäßig geschlagen und psychisch misshandelt, muss miterleben, wie ihr Bruder so stark geschlagen wird, dass er heute geistig behindert ist und ihre Mutter in eine Opferrolle schlüpft und ebenfalls die Gewalt über sich ergehen lässt. Das Aufwachsen in einer Umgebung, wo Gewalt Alltag ist, lässt Nadine schon früh erlernen, dass Gewalt ein Mittel ist, um andere zu unterdrücken, sich Respekt zu verschaffen und sich durchzusetzen. Für das Erlernen ist sowohl die eigene Gewalterfahrung, als auch die Anwesenheit der väterlichen Gewalt vordergründig gegen ihre Geschwister und der Mutter ursächlich. Die elterliche Gewalt ist dahin gehend problematisch, dass Nadine nicht adäquat lernt mit Streitigkeiten umzugehen.

In einer Studie des Kriminologischen Forschungsinstitutes Niedersachsens (KFN) zur „Innerfamiliären Gewalt gegen Kinder und Jugendliche und ihre Auswirkungen“ wurde mit Hilfe einer quantitativen Befragung von Schülergruppen nachgewiesen, dass der Zusammenhang zwischen dem Erleben elterlicher Gewalt und späterer Gewalt der Kinder in der Jugendphase signifikant ist. [164] Durch das frühe Erleben wirkt Nadine traumatisiert und versucht sich schon früh emotional davon zu befreien. So ist zum Beispiel das Weihnachtsfest Nadines schlimmste Zeit, weil ihr Vater zu diesem Anlass immer als schwarzer Mann auftritt und sie und ihre Geschwister verprügelt, wenn sie Angst haben. Nadine erlebt diese traumatisierenden Erlebnisse nicht nur mit ihrem Vater, sondern auch mit ihrer Mutter, die damals aus Verzweiflung versucht, sich und die Kinder zu verbrennen. Mangels geeigneter Vorbilder, auf der einen Seite der gewalttätige Vater und auf der anderen Seite die wehrlose Mutter, fällt die Ausbildung der Konfliktlösungskompetenzen sehr gering bei ihr aus. Dies wird insbesondere dann deutlich, wenn sie von ihren verbalen und gewalttätigen Auseinandersetzungen berichtet. Das Ausführen illegaler Arbeit und das Verkaufen von Drogen, um ihren eigenen Konsum zu finanzieren und ihr Kind und ihren Hund zu ernähren, zeigt ebenfalls, dass es ihr schwer fällt Lösungen, die gesellschaftlich anerkannt sind, zu finden.

Des Weiteren berichtet Nadine von der Gewalt des Vaters gegen ihre Mutter und erwähnt nicht ein einziges Mal, dass ihre Mutter die Kinder vor dieser Gewalt schützen kann, eher im Gegenteil. Aus Hilflosigkeit will sie sich mit den Kindern verbrennen. Ohne, dass Nadine es erwähnt, ist davon auszugehen, dass Nadine durch die Hilflosigkeit der Mutter, versucht Verantwortung zu übernehmen und meist auf sich allein gestellt ist. Ein Mutter-Tochter-Verhältnis, wo Nadine ihre kindlichen Bedürfnisse ausleben kann, ist kaum zu vermuten. Es liegt nahe, dass Nadine ihre Mutter nicht in der Funktion als Mutter akzeptiert. Die fehlende Wehrhaftigkeit gepaart mit der fehlenden Erziehung lassen Nadine ohne Schutz und Halt aufwachsen, eine feste Bindung zwischen Mutter und Tochter ist daher unwahrscheinlich. Die hinzukommende Gefährdung der Kinder durch die Mutter, manifestiert ihre Hilflosigkeit und trägt auf lange Sicht zum Distanzverhalten von Nadine bei. Nadine erlebt sie nur noch als armselig und kann kein Vertrauen mehr fassen. Diese Einstellung zeigt Nadine deutlich, indem sie trotz der Gewalt des Vaters, zweimal mit ihm von der Mutter weg, nach Österreich gehen will und sie in der Eskalation eines Konfliktes aus Verteidigung ihres Vaters, ihre Mutter angreift und letztendlich in eine Heimeinrichtung kommt.

Zurück zu der Situation, als sich die Mutter von dem Vater trennt. Nadine berichtet nicht über die Umstände der Trennung, es muss aber zu einer solchen gekommen sein, da die Mutter mit Nadine und zwei weiteren Geschwistern nach Berlin zieht, um dort bei Nadines Stiefvater zu wohnen. Dieser hat eine wesentlich strengere Hand als die Mutter, was Nadine an ihm sehr schätzt. Nadine beschreibt im Interview mehrmals, dass sie eine strengere Erziehung nötig gehabt hat.

Die vorher stattfindende Gewalt durch ihren Vater könnte Nadines Selbstwertgefühl gemindert und sie in eine Abhängigkeit zu ihm getrieben haben. Damit kann ihr damaliger Versuch, zu ihrem Vater nach Österreich zu ziehen, erklärt werden. Da dieser sie nicht abholt und das Verhältnis zur Mutter ebenfalls zerrüttet ist, verliert sie sukzessiv ihren Halt in der Familie und versucht sich diesen woanders zu suchen. Die Vernachlässigung wird vermutlich durch die Erkrankung des Stiefvaters verstärkt, der nun dauernd von der Mutter gepflegt werden muss. Gleichzeitig zieht Nadines jüngere Schwester aus und kommt mit 15 Jahren in einer Heimeinrichtung unter. Die Vermutung liegt nahe, dass sich die Mutter nun intensiver um ihre Tochter kümmert, um sowohl das Schicksal des Stiefvaters als auch den Verlust der Tochter zu verarbeiten. Dies ist aber nicht der Fall und Nadine orientiert sich immer mehr außerhalb ihres Zuhauses, erfährt keine Grenzen durch das Elternhaus und beginnt mit 13 Jahren Cannabis zu konsumieren. Der Konsum könnte in dieser Phase lediglich ein Austesten von Grenzen im Zuge der Abnabelung vom Elternhaus sein. Nadine selbst begründet es aber mit dem Stress, den sie mit ihrer Mutter hatte, aufgrund des möglichen Umzuges zu ihrem Vater nach Österreich. Der Konsum hat ihr das Leben in diesem Moment erleichtert, was sie dazu bringt, jeden Tag zu konsumieren.

Mit 15 Jahren eskalieren die Streitigkeiten zwischen ihr und ihrer Mutter, als diese behauptet, dass sich der Vater an ihr vergriffen habe. Auch hier wird wieder deutlich, wie sich Nadine für ihren Vater solidarisiert, obwohl sie jahrelang von ihm geschlagen wurde. Eine Begründung nennt sie hierfür nicht. Es liegt nahe, dass Nadine eine Abhängigkeit gebildet hat und eine haltgebende Person sucht, die sie in ihrer Mutter nicht findet. Als dann sowohl die Mutter als auch der Vater wegbrechen und sie ins Heim kommt, steigen sich ihre Autoaggressionen an und sie beginnt, chemische Drogen zu konsumieren. Nadine argumentiert selber, dass sie es braucht, um ihre Emotionen zu überdecken.

Parallel hierzu fängt sie an, Alkohol zu konsumieren. Der Verlauf scheint sehr ungewöhnlich, da sie erst zu illegalen Drogen greift und später zum Alkohol. Die Ursache könnte darin liegen, dass der Konsum von Cannabis in der Jugendszene als nicht so gefährlich angesehen wird, wie der Verzehr von Alkohol. Mit der Heimunterbringung verbindet Nadine eine schlimme Zeit und hält sich mit ihren Ausführungen sehr bedeckt. Sie nennt keinen Probleme, die sie im Heim hat, macht aber durch verschiedene Aussagen deutlich, dass sie in dieser Zeit an ihrem emotionalen Tiefpunkt ist. So sieht sie in ihrer Heimzeit einen Grund für ihren starken Drogenkonsum und beschreibt auch ihre anfänglichen Integrationsprobleme. Der verstärkte Konsum der chemischen Drogen verweist auf das geringe Selbstwertgefühl, was Nadine in dieser Zeit hat. Sie versucht durch den Konsum und delinquentes Verhalten ihr Selbstbewusstsein und ihre Anerkennung zu steigern. So kommt es in dieser Phase zu ersten Körperverletzungen, Diebstählen und letztendlich zum Jugendarrest, weil sie mit 16 Jahren beim Dealen erwischt wird. Die kriminelle Energie von Nadine scheint mit dem Dealen auf einem Höhepunkt angelangt zu sein. Sie dealt unter anderem, um ihren eigenen Konsum zu finanzieren und nimmt die gesundheitlichen Folgen ihrer Bezieher hin. Das zeigt, wie skrupel- und verantwortungslos sie ist. Die Phase im Jugendarrest empfindet sie nicht als schlimm, sie ist eher froh für diese Zeit aus dem Heim raus gewesen zu sein. Auch hier wird noch einmal klar, wie einschneidend die Heimunterbringung für Nadine ist. Es scheint nicht so, als ob der Arrest auf Nadine eine rückfallreduzierende Wirkung hat, da sie bis zum Zeitpunkt des Interviews weiterhin regelmäßig Drogen verkauft.

Wegen eines Hundes zieht Nadine kurzfristig zu ihrer Mutter zurück. Der Aufenthalt ist nicht von langer Dauer geprägt, da ihr Vater abermals versucht sie nach Österreich zu schaffen. Sie kommt daraufhin von einer betreuten WG in ein betreutes Einzelwohnen, wo Selbständigkeit und verantwortungsvolle Organisation gefordert werden. Die abrupte Konfrontation überfordert Nadine und lässt sie ein weiteres Mal in delinquente Verhaltensweisen abrutschen. Jetzt geht es weniger um ihre Aggressionen, sondern eher um die Beschaffung von Geld über den Verkauf von Drogen, weil sie nicht in der Lage ist, auf normalem Wege Geld zu verdienen und immer mehr Schulden aufbaut.

Ihre Schulzeit beendet sie in dieser Phase. Es ist nicht eindeutig erkennbar, ob sie einen Abschluss erlangt, denn im Interview selbst erzählt sie, dass sie die 10.Klasse mit einem Schulabschluss beendet. Nach dem Interview berichtet sie jedoch, dass sie vor kurzer Zeit versucht hat ihren Hauptschulabschluss nachzuholen, da sie damals von ihrer Schule, um ihren Schulabschluss betrogen wurde. Diese Widersprüchlichkeit ist auch in weiteren Erzählungen bezüglich ihrer Schulzeit erkennbar. So berichtet sie auf der einen Seite, dass sie mit bei den „ Coolen“ steht und das Nesthäkchen ist, aber auf der anderen Seite auch gemobbt wird, weil ihre Eltern wenig Geld haben. In der 9.Klasse erlebt die Biografin eine entscheidende Veränderung. Sie selbst bezeichnet es als ob „sich die ganze Welt nur im Kreis dreht“. Damit versucht sie, die Veränderungen von der 6.Klasse bis zur 9.Klasse darzustellen. Die Schüler sind gehässiger geworden, es wird gemobbt und geschlagen. Dieser Ausspruch, dass sich die Welt nur im Kreis dreht, könnte mit dem Reifeprozess der Pubertät beschrieben werden. Nadine illustriert mit rhetorischen Mitteln den Prozess der Suche nach Identität, Identifikation und Intimität. [165] Sie selbst befindet sich in diesem „drehenden Kreis“. Zur Suche nach der eigenen Identität gehört es mitunter, dass Grenzen ausgetestet werden, um das eigene Ich zu finden. Hierfür identifizieren sich Jugendliche mit Vor- und Leitbildern, die sich in dieser Phase immer wieder ändern können. Oft werden radikale und rebellierende Vorbilder ausgewählt, um den eigenen Kampf und der eigenen Rebellion Ausdruck zu verleihen, aber auch um die nötige Anerkennung zu finden. [166] Hinzu kommt der Abnabelungsprozess vieler aus dem Elternhaus und die Suche nach Intimität sowie das Finden von neuen Bezugspersonen außerhalb der elterlichen Umgebung. Was Nadine mit einer sich im Kreis drehenden Welt assoziiert, ist ihre eigene Phase der Pubertät und der einhergehenden Persönlichkeitsänderung. Dieses rhetorische Mittel benutzt sie auch an einer anderen Stelle ihres Lebens, als sie älter und in Geldnot ist und sich ihre Welt zurück wünscht, die sich nicht dreht. Hier wird abermals klar, wie sehr Nadine mit dem Reifeprozess überfordert ist und dass sie mit der Verantwortung und Selbständigkeit nicht zurechtkommt.

Die Überforderung findet ihren Höhepunkt, als Nadine erfährt, dass sie schwanger ist. Zunächst möchte sie den Embryo abtreiben, entscheidet sich dann aber doch für eine Austragung, als sie beim Arzt das Herz schlagen hört. Obwohl sie dem Kind nichts bieten kann, selber noch drogenabhängig ist und den Vater erst seit 3 Monaten kennt, möchte sie es austragen. Auf der einen Seite zeigen sich hier Nadines Verantwortungslosigkeit, aber auf der anderen Seite auch der Wunsch nach einer eigenen Familie und aufkeimende Emotionen. Nach ihren Angaben stellt sie in dieser Zeit den Konsum von Drogen ein, beginnt aber wieder, als ihr Sohn geboren ist.

Die neue Verantwortung überfordert Nadine zunehmend, sowohl finanziell als auch persönlich, sodass sie weiterhin illegale Drogen konsumiert, Schulden erzeugt und diese versucht, durch kriminelles Verhalten abzubauen. In der Zeit, in der Nadine dealen, schwarzarbeiten oder feiern geht, lässt sie ihr Kind bei ihrer Mutter oder einer Freundin. Nadine vertraut lieber ihrer Mutter ihr Kind an, mit der sie ständig Konflikte hat, als eine professionelle Hilfe zu holen, um ihr Leben auf legale Weise zu strukturieren. Sie misstraut ihrer Mutter, aber öffentlichen Einrichtungen noch mehr, sicherlich auch aus Angst, ihr Kind zu verlieren. Hier spielen Nadines Heimerfahrungen eine wesentliche Rolle. Von einer Erweiterung ihres sozialen Kapitals durch die Schwangerschaft ist nicht auszugehen, da Nadine weder professionelle Hilfe annimmt noch ihre persönliche Umgebung für ihr Kind verändert. Eher im Gegenteil, während des Interviews berichtet sie von Überlegungen einen Menschen zu töten, um dessen Organe zu verkaufen oder eine Frau aus ihrer Nachbarschaft an einen Zuhälter zu verkaufen. Ohne den Wahrheitsgehalt dieser Information überprüfen zu können, zeigen diese Stegreiferzählungen auf, wie intensiv sich Nadines Welt um Geld und der daraus resultierenden Anerkennung dreht. Sie sagt selbst, dass sie für Geld alles tun würde.

Nadine verlässt den Vater ihres Kindes nach der Geburt, weil dieser versucht hat, sie zu schlagen. Nadine möchte nicht, dass ihr Kind in einem gewalttätigen Umfeld aufwächst, wie es ihr ergangen ist. Nadine zeigt, im Gegensatz zu ihrer Mutter, dass sie in der Lage ist, sich zu wehren und ihre Interessen durchzusetzen. Dazu gehören aber nicht die Einstellung des Drogenkonsums und die Aufnahme einer legalen Arbeit.

Zum Zeitpunkt des Interviews konsumiert Nadine immer noch illegale Drogen, geht regelmäßig unter Kokaineinfluss aus und erwirtschaftet ihr Geld durch Schwarzarbeit und den Verkauf von Drogen. Nadine wählt den illegalen Weg, um ihre Probleme zu lösen. Dieser ist wesentlich gefährlicher und verantwortungsloser, insbesondere im Hinblick auf ihre Rolle als Mutter. Mit dem Tod des Stiefvaters wird ihr ein weiterer Bezugspunkt im Leben genommen. Ohne fremde und professionelle Hilfe wird Nadine über ihre Pubertät hinaus keinen nicht devianten Weg einschlagen.

Vergleich von erzählter und erlebter Lebensgeschichte

Im Vergleich der erzählten zu der erlebten Lebensgeschichte geht es um mögliche Erklärungen für die Vergangenheits- und Gegenwartsperspektive. Bei Nadine zeigt sich auf der Ebene der erlebten Lebensgeschichte immer wieder ein herabwürdigendes Verhalten durch die Eltern, indem der Vater sie schlägt und die Mutter versucht die Kinder und zu verbrennen. Sie findet weder Halt in ihrer Familie, noch in der Schule, da sie dort aufgrund ihres Aussehens und den armen Verhältnissen, in denen sie lebt, gemobbt wird. Sie spielt sowohl in der Familie, als auch bei ihren Freunden eine untergeordnete Rolle und wird nicht mit ihrer eigenen Person wahrgenommen. In der Gegenwart nimmt sie ihre untergeordnete Rolle in der Familie und in der Schule als Nesthäkchenposition wahr. Die Gewalterfahrung, die Heimunterbringung und das Mobbing in der Schule tabuisiert sie und macht diese nicht mehr zum Thema in ihrem Leben. Der fehlende Halt und die geringe Anerkennung ihrer Person führen in der Gegenwart dazu, dass sie mit allen Mitteln versucht, Anerkennung durch materielle Dinge zu erhalten, indem sie für Geld auch illegale Wege geht. Der fehlende Halt und die Abwesenheit von Vorbildern in Nadines Reifephase erschweren ihr die Strukturierung ihres Lebensweges in der Zukunft. Erlebnisse, die sie tabuisiert, wie ihre Kindheit, die Heimerfahrung, aber auch die Schulzeit hat sie bis heute nicht verarbeitet. Sie nutzt illegale Drogen, um ihre Emotionen zur Vergangenheit im Rahmen zu halten. Es ist anzunehmen, dass sie das Bedürfnis nach einer Loslösung von der Vergangenheit hat und sich deshalb versucht in der Gegenwart die Dinge zu ermöglichen, die sie nicht hatte. Durch ihre geringen sozialen und kognitiven Kompetenzen versucht sie sich ihre Wünsche nach Anerkennung und Geld über illegale Mittel zu erfüllen und erkennt die Waghalsig- und Verantwortungslosigkeit ihrem Kind gegenüber nicht.

5.2.3 Fallrekonstruktion Anja

Hinweise zur Interviewsituation

Das Interview mit der 19-jährigen Anja fand in ihrer Wohnung statt. Der Zugang zu Anja erfolgte ebenfalls über einen Bearbeiter der Jugendgerichtshilfe. Der Nachfrage zur Bereitschaft ein Interview mit mir durchzuführen, stimmte sie spontan zu. Unser erster Kontakt erfolgte telefonisch und diente zum gegenseitigen Kennenlernen und der Terminabsprache für das Interview. Anja wünschte sich in diesem Telefongespräch, dass das Interview in ihrem Zuhause stattfindet, da sie sich dort wohler fühlen würde. Am besagten Termin begrüßte mich Anja sehr herzlich und machte den Anschein sich sehr auf das Gespräch zu freuen. Sie räumte mir von Beginn an Zeit für das Interview ein und bot mir etwas zu trinken an. Am Anfang befand sich ihr Freund Steve in der Wohnung. Nachdem dieser zur Schule gegangen war, erfolgte nochmals der Hinweis auf den Datenschutz und die Vergütung für das Interview.

Anja lehnte die Vergütung ab, weil sie froh war, dass jemand mit ihr reden würde. Danach schilderte ich ihr kurz den Ablauf des Interviews und teilte ihr mit, dass sie zu Beginn frei erzählen kann, ohne dass ich sie unterbreche, ich würde mir lediglich ein paar Notizen machen. Anja wollte während des Interviews Musik anmachen, was ich ausschlagen musste, mit der Erklärung, dass es die Aufnahme stören würde, was für sie in Ordnung war. Sie machte schon vor Beginn des Interviews klar, dass sie genug Zeit hätte und sie das Aufnahmegerät überhaupt nicht stören würde.

Die Wohnung machte einen sehr aufgeräumten Eindruck. Anja selbst schien auf das Interview gut vorbereitet zu sein und wirkte sehr aufgeschlossenen und erwartungsvoll.

Biografisches Kurzportrait

Anja ist 1993 in Berlin geboren. Sie hat fünf Geschwister. Die Mutter hat ihre Kinder sehr früh bekommen, sodass zwei der älteren Geschwister nicht im Haushalt der Mutter, sondern in einer Jugendhilfeeinrichtung aufwachsen. Der Vater verlässt die Familie, als Anja 2 Jahre alt ist. Die Mutter hat danach ständig wechselnde Partnerschaften. Zeitweise lebt die Mutter mit den Kindern in Tunesien, weil sie dort einen Mann kennenlernt. Von diesem trennt sie sich, als er ins Gefängnis kommt und dessen Familie das Geld von Anjas Mutter nicht zum Freikauf des Mannes nutzt sondern um sich etwas zum Essen zu kaufen. Nach einem 3-jährigen Aufenthalt in Tunesien kehrt die Familie zurück nach Berlin, wo Anja mit fünf Jahren eingeschult wird. Nach kurzer Zeit in Berlin bekommt Anjas Mutter ihr sechstes Kind, welches mit 5 Monaten am plötzlichen Kindstod verstirbt. Ab diesem Zeitpunkt beginnt sich Anjas Zuhause zu verändern, die Mutter steht an manchen Tagen nicht mal mehr auf. Anja fängt an, ihre Interessen außerhalb des Elternhauses zu suchen und viel mit Freunden unterwegs zu sein. Mit dem 10. Lebensjahr zieht die Mutter mit Anja und deren zwei Brüdern in einen Berliner Brennpunktbezirk um, da die alte Wohnung zu groß und zu teuer wird. Anja fühlt sich anfangs wohl in der neuen Wohnung, geht zu einem Ponyhof, führt viele Hobbys, wie Cheerleading und Ballett durch und ist kaum zu Hause. Die Konflikte mit der Mutter spitzen sich in diesem Zeitraum zu und erreichen ihren Höhepunkt, als ihre Mutter einen 15 Jahre jüngeren, türkischen Mann heiratet, der Anja erziehen will. Anja beginnt regelmäßig Alkohol zu konsumieren und ist mit ihren 12 Jahren kaum noch zu Hause. Bis zu diesem Zeitpunkt glaubt sie, dass sie das Lieblingskind ihrer Mutter sei, bis die Mutter ihr mit 13 Jahren aus einem Streit heraus verkündet, dass Anja sich ein Heim suchen solle. Nachdem ihre Mutter eine Woche später nochmals deutlich macht, dass Anja sich ein Heim suchen solle, tut Anja dies und zieht in eine Einrichtung in der Nähe des Ponyhofes und ihrer Freunde ein.

Anja kann ihrer Mutter bis heute nicht verzeihen, dass sie es ihrem vermeintlichen Lieblingskind, so wie all ihren Geschwistern auferlegt, sich ein Heim zu suchen, sodass beide bis heute keinen Kontakt haben.

Anja empfand die Heimeinrichtung als sehr schlimm und erzählt von der Willkür der Betreuer. Im Heim begann sie schon morgens mit dem Trinken von Alkohol und fing an, Cannabis zu konsumieren. Aus Solidarität und der Suche nach Anerkennung und Zugehörigkeit wird sie mit 13 Jahren immer häufiger mit Gewaltstraftaten auffällig. Mit 14 Jahren erhält sie die ersten Strafanzeigen und bekommt eine Betreuung bei der Jugendgerichtshilfe. Parallel fängt sie an härtere Drogen, wie Ecstasy und Kokain zu konsumieren. Trotz dieser Auffälligkeiten erfolgt kein Eingriff seitens der Betreuer oder des Jugendamtes. Im Gegenteil, Anja zieht mit 15 Jahren in den „Verselbständigungsbereich“ und später in die betreute WG, wo die Betreuer noch weniger Zugang zu Anja haben.

Mit 16 Jahren lernt Anja ihren heutigen Partner Steve kennen, der älter ist als sie, und ab diesem Zeitpunkt regelmäßig bei ihr unerlaubt in der WG schläft. Anja absolviert mit 17 Jahren ihren MSA unter Drogeneinfluss und erreicht dadurch ihre erhoffte gymnasiale Empfehlung nicht. Sie befindet sich auf dem Höhepunkt ihres Konsums, feiert regelmäßig, konsumiert Kokain und Cannabis, schlägt sich, klaut auf Weihnachtsmärkten und rebelliert gegen jede Art von Regeln. Ihren Höhepunkt der Kriminalität findet sie im Alter von 17 Jahren, als die Betreuer ca. 300 Gramm Cannabis und ca. 2000 Euro in Anjas Bettkasten finden und die Polizei alarmieren. Anja flüchtet und lebt lange Zeit mit Steve in Obdachlosigkeit, jobbt nebenbei, beendet ihr Oberstufenzentrum zur Erlangung der gymnasialen Reife erfolglos und stellt sich am Ende der Polizei, nachdem ein Haftbefehl nach ihr ausgeschrieben wird. Anja muss nicht in Haft, weil sie zum Tatzeitpunkt unter 18 Jahre alt ist und die Jugendgerichtshilfe sich für eine Betreuungsmaßnahme einsetzt. Nach dem günstigen Urteil und dem Finden einer gemeinsamen Wohnung sind Anja und Steve ruhiger geworden, konsumieren aber weiterhin Cannabis und klauen Geld auf Weihnachtsmärkten. Anja will versuchen, ihr Abitur nachzuholen und nebenbei zu arbeiten, um die Wohnung zu finanzieren.

Selbstpräsentation von Anja (Text- und thematische Fallanalyse)

Insgesamt macht Anja einen sehr aufgeschlossenen Eindruck und erzählt einige Passagen ihres Lebens sehr ausführlich und detailliert. Es scheint nicht so, als ob Anja absichtlich Themen tabuisiert, eher im Gegensatz, sie versucht chronologisch ein Ereignis nach dem anderen zu thematisieren und fragt sich deshalb oft während des Interviews, an welcher Stelle der Erzählung sie verblieben ist.

In der Betrachtung der ersten Sequenz fällt auf, dass sie mit der Aufforderung, ihre Lebensgeschichte zu erzählen, mit der Beschreibung, dass sie mit 13 Jahren ins Heim kommt, beginnt. Es stellt sich die Frage, warum sie mit dieser Passage aus ihrem Leben beginnt. Hat die Unterbringung mit 13 Jahren in einem Heim das Leben von Anja elementar verändert? Ist diese Frage zu bejahen, würde sie im weiteren Verlauf dieses Erlebnis immer wieder nennen bzw. zu ihrer Haupterzählung machen. Eine weitere Überlegung könnte sein, dass Anja mit dieser Thematik beginnt, um den weiteren Fortgang ihrer kriminellen Karriere erklären zu können. Ebenso ist zu überlegen, ob Anja glaubt, dass mich dieser Aspekt ihres Lebens ganz besonders interessiert.

In einer weiteren Sequenz erklärt sie, dass ihre Mutter früh Kinder bekommen und sie sechs Geschwister hat, wovon eines mit 5 Monaten gestorben ist. Sie setzt den Tod dieser Schwester an den Beginn ihrer Erzählung, um die darauffolgende Argumentation, dass ihre Mutter nach dem Tod der Schwester eine psychische Veränderung vollzieht und die Verantwortung der älteren Geschwister nicht mehr übernimmt, zu untermauern. Letztendlich führt die Überforderung der Mutter zu einer Fremdunterbringung der älteren Kinder. Nadine beschreibt ihre Geschwister und deren Aufenthalt im Heim, insbesondere ihren älteren Bruder John, den sie erst mit 5 Jahren kennen lernt und der heute drei Herbergen leitet. Die Konzentration auf ihn, lässt vermuten, dass sie zu ihm heute noch den engsten Kontakt pflegt und er eine wichtige Bezugsperson darstellt. Träfe dies zu, würde er in ihrer Erzählung einen wichtigen Part einnehmen.

Ihre Mutter beschreibt Anja ein weiteres Mal emotionslos und als Person, die wechselnde Partner hat, wovon Anja aber wenig mitbekommt, weil sie sich nur draußen aufhält und viele Hobbys hat.

Anja kommt ziemlich schnell wieder auf die Situation im Heim zurück, indem sie erzählt, wie sich die Konflikte mit ihrer Mutter mit der Heirat eines türkischen Mannes steigern und die Mutter schlussendlich ihrer Tochter auferlegt, sich mit 13 Jahren ein Heim zu suchen. Es folgt ein Bericht, wo sie die schlechten Zustände und Erziehungsmethoden im Heim näher erläutert.

Bisher hat sie die Anteile ihrer Lebensgeschichte aufgeführt, die mit den Bedingungen zu tun haben, warum sie später Drogen konsumiert und Straftaten begeht. Nach der Darstellung der Zustände im Heim leitet sie ihre Geschichte über in ihren späteren Drogenkonsum und der Begehung der Straftaten über, indem sie argumentiert, dass ohne den Heimaufenthalt alles besser gewesen wäre.

Anja versucht hier ihr delinquentes Verhalten mit den Bedingungen in ihrer Kindheit und im Heim zu erklären. Diese Neutralisierungstechniken, beschrieben von Sykes und Matza, dienen der Ablehnung der eigenen Verantwortung und der Übertragung auf Dinge, die außerhalb von Anjas Kontrolle liegen, wie zum Beispiel die Abschiebung in eine Heimeinrichtung und die Solidarisierung mit den anderen Heimmädchen, um nicht als Außenseiterin da zu stehen. [167]

Es folgt eine längere Sequenz, wo Anja beschreibt, wie sie anfängt, Cannabis zu konsumieren und Straftaten zu begehen und sich im Alter von 14 Jahren die Anzeigen häufen. Sie spricht dabei weniger von sich selbst, sondern eher von den Mädchen aus dem Heim und beschreibt sich als eine Randperson:

„ B2: Aber die, die waren halt auch so- keine Ahnung die haben Mädchen abgezogen, sone Mädchen waren das halt und ich war da halt nie so dabei, aber ich habe das alles mitbekommen und ich wusste alles, aber wie schon gesagt ich hatte immer meine Freunde, ich war draußen und ich hatte gar nichts mit denen zu tun, so außerhalb vom Heim, außer ich hatte Probleme, dann haben die mir auch immer geholfen, das war auch immer so eine Sache“.

Es scheint, als ob sie versuchen würde, ihre eigenen Straftaten zu neutralisieren, indem sie die der Anderen hervorhebt, damit ihre Taten nicht mehr so schwer wiegen. Eine mögliche Erklärung hierfür wäre, dass sich Anja selbst nicht in der Person der Täterin sieht und deshalb ihre eigenen Taten nicht wahrnimmt. Träfe diese Hypothese zu, ist im Verlauf der Erzählung zu erwarten, dass sie weder Reue für ihre Taten zeigt noch diese detailliert beschreibt und auch in Zukunft ihr Legalverhalten nicht ausgeprägt ist. Ebenso ist zu überlegen, ob sie durch die Neutralisierung ihrer Taten in der Erzählung versucht, ein anderes Bild über sich darzustellen, um nicht verurteilt zu werden bzw. weil sie selbst einem anderem Selbstbild entsprechen möchte. Sollte diese Vermutung zutreffen, ist davon auszugehen, dass Anja die Inhalte des Interviews so präsentiert, dass sie nicht von ihrem weniger kriminellem Selbstbild abkommt, ihre Straftaten weiterhin neutralisiert und sich wenig Fehler in ihrem Leben eingesteht.

Dass sie sich nicht als das „typische Heimmädchen“ sieht, wird deutlich, als sie in der nächsten Sequenz argumentiert, dass sie kaum im Heim war, weil sie ihre Schule hat, auf dem Ponyhof ist und Ballett und Cheerleading ausübt. Sie möchte sich von dem Klischee abgrenzen und als normales Mädchen anerkannt werden. Die Position des „Lieblingskindes“ und die damit verbundene Anerkennung, die ihr ihre Mutter entreißt, versucht sie durch ihre Hobbys und zusätzlich über ihre Freunde zurückzuerlangen.

In ihrer Selbstpräsentation ist sich Anja bewusst und möchte es im Interview auch verdeutlichen, dass sie durch ihr Äußeres und durch manipulatives Auftreten sowohl die Jungs als auch die Heimleitung beeinflussen kann. So beschreibt sie, dass sie durch einen Jungen, der verliebt in sie ist, immer viel Alkohol bei sich hat und durch die Heimleitung, die lesbisch sei, in den „Verselbständigungsbereich“ kann.

In einer nächsten Sequenz beschreibt sie das Verhältnis zu einer von ihren Betreuerinnen. Sie macht deutlich, dass Betreuer, die ihr Regeln auferlegen ihre Gegner sind. Dies wird auch an der Stelle klar, an der sie von einer verbalen Auseinandersetzung zwischen ihr und einer Betreuerin erzählt, die ihr Hausarrest erteilen will.

Es folgt eine Sequenz, in der sie über die Erlangung ihres mittleren Schulabschlusses spricht, den sie unter Drogeneinfluss erhält. Ihr Scheitern beim Erreichen der gymnasialen Empfehlung, begründet sie mit dem Drogeneinfluss und nicht mit der Tatsache, dass sie sich schlecht vorbereitet hat. Diese Beschreibung und den Sport, welchen sie an der Schule ausführt, sind die einzigen Erzählungen über ihre Schulzeit. Sie thematisiert diese nicht näher, da sie diese kaum real erlebt und sich ihre Interessen außerhalb der Schule befinden. Zusätzlich steht sie ab dem 13. Lebensjahr regelmäßig unter Drogeneinfluss befindet sich lieber in Discotheken als die Schule zu besuchen. Ein weiterer Grund könnte sein, dass sie die geforderten Schulleistungen trotz Begehung von Straftaten und dem Konsum von Drogen erbringt und keine für ihre Biografie wichtigen Ereignisse mit der Schule verbindet. Fraglich bleibt dann die Aufgabe der Schule als Sozialisationsfaktor. Darauf komme ich später zurück.

Es folgt die Beschreibung des Fundes von Cannabis und den hohen Geldbeträgen in ihrem Zimmer, der anschließenden Flucht und der darauffolgenden Obdachlosigkeit, welche sie zusammen mit ihrem Partner erlebt. Der Cannabisfund ist die einzige Tat, die Anja detailliert beschreibt, ihre Schlägereien und Diebstähle erwähnt sie zwar, baut diese aber nicht weiter aus. Hat diese Tat eine hohe Relevanz für sie oder bildet es gar ein Schlüsselerlebnis in ihrer Biografie? Die Vermutung liegt nahe, dass sie dieser Tat viel Wert beimisst, weil sie einen entscheidenden Einfluss auf den folgenden Ablauf in ihrem Leben hat, im Gegensatz zu den restlichen Straftaten, wo sie nicht viele Konsequenzen erleben muss. Von einem Wendepunkt in ihrem Leben, hin zu einer Steigerung des Legalverhaltens kann nicht die Rede sein, weil sie auch nach der Tat weiterhin Cannabis konsumiert und Geld klaut.

Im Nachfrageteil des Interviews macht Anja nochmals deutlich, dass sie es ihrer Mutter nie verzeihen wird, dass sie sich ein Heim suchen musste. Außerdem versteht sie es nicht, da sie immer das Lieblingskind war und sich auch wichtiger als ihre Geschwister gefühlt hat:

„B2: Genau, also so habe ich halt damals gedacht. Ich habe mich schon wichtiger gefühlt, als meine Geschwister damals zu dem Zeitpunkt, für meine Mutter aus, was jetzt nicht so der Fall ist hundertprozentig, aber ich hatte auf jeden Fall das Gefühl und das Gefühl hat sich dann teilweise so aufgebaut. Das ist auch wirklich das schlimme, das ich niemals gedacht hätte, dass meine Mutter mich weg gibt und sie hat es nun getan, deswegen ist es auch so, ich vertraue meiner Mutter auch null, null.“

Die Tat der Mutter steht in Konflikt mit Anjas nicht kriminellem Selbstbildnis, die davon ausgeht, dass sie perfekt sei, überall Anerkennung bekomme und sich um nichts sorgen müsse. Dies spiegelt sich auch darin wieder, dass Anja die Frage nach dem Erziehungsstil ihrer Mutter mit einem Verbot auf dem Ponyhof zu gehen, wo sie an einem Umzug teilnehmen und die Ponys präsentieren soll, beantwortet. Hier wird noch einmal deutlich, dass Anja dann verletzlich ist, wenn ihr jemand die Chance nimmt, Anerkennung zu erhalten und ihrer eigenen Selbstpräsentation nachzugehen. Aus diesem Grund empfand sie auch die Zeit nach dem Urteilsspruch, bezogen auf den Cannabisfund, wo sie sich zweimal die Woche auf der Polizeistation melden sollte, als angenehm, weil die Polizisten ihr viel Anerkennung schenken und sie auch privat grüßen.

Auf ihre Gewalttaten geht Anja erst im Nachfrageteil ein. Sie hält diese Ausführungen sehr kurz und beschreibt keine Situation konkreter. Außerdem erwähnt sie geradezu beiläufig, dass sie schon wegen versuchten Totschlages angeklagt war. Sie macht sich keine Eingeständnisse über ihr Fehlverhalten. Als sie sich zusätzlich handgreiflich an einer Betreuerin vergeht, verlagert sie die Schuld auf die Betreuerin, da diese ihr Regeln auferlegt hat. Es ist fraglich, ob Anja die Straftaten, bei denen sie aus einer typischen Mädchenrolle schlüpft und andere verprügelt, als unangenehm empfindet und diese Taten deshalb von sich wegdrängt. Wird diese Frage bejaht, beschreibt Anja in ihren Ausführungen keine weiteren Gewalttaten und konzentriert sich nur auf die Straftaten, die nicht ihre Person in Frage stellen. Ebenso könnte sie die Gewalttaten als unwichtig und irrelevant empfinden, da sie sich weder für ihre Opfer interessiert noch härtere Konsequenzen miterleben muss.

Am Ende des Interviews berichtet Anja, dass sie in diesem Jahr wieder auf einem Weihnachtsmarkt arbeiten und Geld klauen wird. Sie versucht, ihre eigenen Taten zu neutralisieren, indem sie erzählt, dass das Geld auf den Weihnachtsmärkten gewaschen wird, die Betreiber Ausbeuter sind und sie deshalb kein schlechtes Gewissen haben muss.

Die biografische Selbstpräsentation von Anja ist durch drei Themen bestimmt: Die Unverständlichkeit, warum ihre Mutter wollte, dass sie sich ein Heim sucht, die Neutralisierung ihrer eigenen Straftaten und die Suche nach Anerkennung für ihre eigene Person. Diese 3 Themen werden nach dem Interview in einer Selbstreflexion nochmals deutlich

Anja reflektiert nach dem Interview, dass sie immer nach Anerkennung strebt und die Momente, in denen ihre Freunde sie mit dem Taxi zur Schule bringen, ihr in den Clubs alles ausgelegt wird und die Dealer ihr die Drogen ausgeben und Geld keine Rolle spielt, sehr genießt. Das geklaute Geld nutzt sie, um sich einen besseren Lebensstandard aufzubauen, das ist ihr am wichtigsten. Sie ist sich bewusst, dass sie mit ihrem Aussehen manipuliert und erkennt darin das Problem, keine Grenzen gesetzt bekommen zu haben. Sie strebt nach Werten wie Familie, einen guten Job und eine schöne Wohnung und ist traurig, wenn sie Mädchen sieht, die das schon erreicht haben.

Anjas Gegenwart und ihr Zukunftshorizont sind davon bestimmt, ein Leben zu führen, in dem sie Anerkennung erhält und unabhängig von ihrer Vergangenheit nach gesellschaftlich anerkannten Werten streben kann. In der Interviewsituation distanziert sie sich von ihrer Vergangenheit, besonders von ihrer Straffälligkeit und der Heimunterbringung. Sie akzeptiert ungern die Schattenseiten in ihrem Leben und nährt sich aus den Lebensphasen, in denen sie stark ist und durch ihre Tätigkeiten Anerkennung erhält. Es gibt für sie nichts Schlimmeres als Spott oder Verstoßung, so wie sie es aus ihrer Familie erfahren hat. Getrieben vom Perfektionismus ist ihre Selbstpräsentation von dem Bedürfnis geprägt, sich von ihrer familiären Vergangenheit zu lösen und ein eigenes anerkanntes Leben zu führen.

Rekonstruktion der erlebten Lebensgeschichte und sequenzielle Feinanalyse

Folgende Ergebnisse zeigen sich bei der Rekonstruktion der erlebten Lebensgeschichte:

Bis zum 13. Lebensjahr wächst Anja bei ihrer Mutter und den vier von fünf Geschwistern auf. Ihr ältester Bruder, der im späteren Verlauf eine wichtige Rolle einnimmt, wächst nicht bei der Mutter, sondern im Heim auf. Eine Schwester stirbt bereits mit 5 Monaten am plötzlichen Kindstod. Bis zu ihrem zweiten Lebensjahr lebt Anjas leiblicher Vater mit im Haus und trennt sich dann jedoch vollständig von der Familie. Der Tod der Tochter, verändert ihre Mutter zunehmend. Diese lässt die restlichen älteren Geschwister nach kurzer Zeit in Heimeinrichtungen unterbringen, sodass Anja lediglich mit ihrem jüngeren Bruder bis zum 13. Lebensjahr bei ihrer Mutter lebt. Die Mutter hat in dieser Zeit immer wieder wechselnde Partnerschaften. Die Erziehung verläuft inkonsequent und undurchschaubar für das Kind, sodass sie sich schon früh für ihren eigenen Weg entscheidet. Ihre Mutter macht in der Reaktion auf ein Fehlverhalten von Anja keine Unterschiede, sodass Anja kaum noch Regeln zu Hause einhält. Trotz alle dem hat sie immer das Gefühl, das Lieblingskind ihrer Mutter zu sein, begründend in ihren guten Noten in der Schule, die besser sind, als die der Geschwister. Aus diesem Grund ist es für Anja auch so unverständlich, als ihre Mutter ihr verkündet, dass sie sich ein Heim suchen soll. Der Kampf um Anerkennung und um die Liebe der Mutter wird deutlich, als Anja immer wieder beschreibt, dass ihre Geschwister in ein Heim mussten, sie aber dachte, dass sie besser, als ihre Geschwister ist.

Die Erziehung der vielen Kinder scheint die Mutter von Beginn an zu überfordern, erschwert dadurch, dass sie alleinerziehend ist. Anja beginnt schon früh selbstständig zu werden. So beschreibt sie, dass sie schon sehr jung immer unterwegs ist, viel Sport treibt, Ballett tanzt und auf dem Ponyhof reitet. Danach ist sie oftmals noch mit ihren Freunden unterwegs. Mit dem Umzug in einen Brennpunktbezirk verstärkt sich der Drang von Anja außerhalb ihres Elternhauses zu sein, sodass sie mit 10 Jahren kaum noch ihre Freizeit zu Hause verbringt. Die Mutter dient in dieser Zeit als einziges elterliches Vorbild. Sie selbst ist launisch, geht nicht arbeiten, wechselt oft die Partner und steht nach dem Auszug von Anjas älteren Geschwistern kaum noch aus dem Bett auf. Anja distanziert sich früh von ihrer Mutter und sucht sich Vorbilder außerhalb ihres Zuhauses und reift ohne den mütterlichen Einfluss.

Eine familiäre Bezugsperson findet Anja lediglich in ihrem älteren Bruder John, der nicht bei ihrer Mutter aufgewachsen ist und drei Hostels leitet. Der leibliche Vater von Anja sucht keinen beständigen Kontakt zu ihr, zu ihren Großeltern fehlt ebenfalls eine intensive Verbindung. John lernt Anja erst kennen, als sie mit ihrer Mutter und den restlichen Geschwistern nach einem Aufenthalt von zwei Jahren aus Tunesien wiederkommt und mit 5 Jahren eingeschult wird. Den Aufenthalt in Tunesien empfindet Anja auf der einen Seite als eine schöne Zeit, klagt aber ihre Mutter an, wie verantwortungslos sie sich verhalten hat, indem sie mit den Kindern in ein fremdes Land ausgewandert ist. Anja muss schon früh die Verantwortungslosigkeit der Mutter erleben und wird gezwungen, im jungen Alter Eigenverantwortung zu übernehmen, weil die Mutter nicht in der Lage dazu ist.

Mit ihrem Umzug in den Berliner Brennpunktbezirk beginnt Anja sich an devianten Jugendgruppen zu orientieren und leichten Alkohol zu konsumieren. Durch ihre vielen Hobbys sucht sie sich ihre Beschäftigung nicht ausschließlich in den devianten Kreisen, sondern zunächst auch in ihren Aktivitäten auf dem Ponyhof oder in den Sportvereinen.

Die Konflikte zu Hause nehmen zu, als die Mutter einen 15 Jahre jüngeren, türkischen Mann heiratet. Dieser versucht, Anja Regeln aufzuerlegen und sie zu zwingen, ein Kopftuch zu tragen. Durch die ständigen Konflikte erhält Anja für kurze Zeit eine Familienhelferin.

Mit 12 Jahren beginnt die Biografin, härteren Alkohol zu konsumieren. Der verstärkte Konsum ist ein Spiegelbild des Ablösungsprozesses aus ihrem Elternhaus. Sie konsumiert den Alkohol in der Peer, schwimmt mit dem Strom ihrer Freunde und erhält dadurch die Anerkennung der Anderen. Da sie sich keine Grenzen im Elternhaus setzen lässt und die Mutter sehr inkonsequent handelt und sich kaum noch um ihre Tochter kümmert, weil sie frisch verheiratet ist, wird ihr Alkoholkonsum nicht eingeschränkt. Von der Position des „Lieblingskindes“ entfernt sich Anja merklich immer mehr.

Kurz nach Anjas 13ten Geburtstag eskaliert der Streit zwischen Tochter und Mutter, sodass ihre Mutter sagt, dass sie sich ein Heim suchen soll. Anja realisiert die Forderung der Mutter nicht und lässt eine Woche vergehen. Sie kann nicht glauben, dass sie, die sich besser fühlt als ihre Geschwister und bisher glaubt, das Lieblingskind der Mutter gewesen zu sein, nun auch ins Heim muss. Nach einer Woche fragt die Mutter nochmals, ob Anja sich bereits ein Heim gesucht hat. Nun versteht Anja, dass ihre Mutter es ernst meint. Sie sucht sich ohne Hilfe ein Heim in der Nähe ihrer Freunde und des Ponyhofes.

Die Art und Weise der Mutter, ihrem Kind aufzuerlegen ein Heim zu suchen, zeigt den emotionalen Abstand zwischen Tochter und Mutter. Anja ist sich über diesen Abstand nicht im Klaren gewesen. Nun merkt sie, dass sie auch nur eines von vielen Kindern ist, welches der Mutter lästig wird. Dieser emotionale Einschnitt führt dazu, dass Anja in ein tiefes Loch fällt. Sie besitzt wenige Kompetenzen, um mit dieser Situation umgehen zu können. Es ist anzunehmen, dass Anjas Selbstwertgefühl durch den Verstoß rapide sinkt und sie im späteren Verlauf über die Mädchen im Heim und dem Cannabiskonsum sowie dem Begehen kleinerer Straftaten versucht die Anerkennung auf eine andere Art und Weise zu erlangen. Die Trauer wandelt sich nach kurzer Zeit in Wut um und Anja rebelliert gegen jegliche Art von Regeln und Vorgaben im Heim. Sie lässt keine Strukturen zu und wehrt sich vehement gegen die Auflagen der Betreuer.

Aus Solidarität zu den anderen Heimmädchen und auf der Suche nach Anerkennung beginnt Anja die Schule zu schwänzen, sich zu schlagen, Leistungen zu erschleichen und den ganzen Tag Cannabis zu konsumieren. Anja beschreibt, wie sie sich trotz alledem von den Mädchen distanziert, weiterhin ihren Hobbys nachgeht und ihre Freunde außerhalb des Heimes trifft. Sie versucht, wie schon in der Text- und thematischen Feldanalyse beschrieben, eine Abgrenzung zwischen ihr und den Mädchen vorzunehmen. Sie nutzt es aus, dass sie alle mögen, ihr Drogen und Geld geben und ihr bei Problemen helfen, distanziert sich aber von der Zugehörigkeit der Mädchen.

Anja gibt dem Heim die Schuld, dass sie beginnt, Drogen zu konsumieren und Straftaten zu begehen. Sie fühlt sich dort nicht gefordert und versteht die ihr auferlegten Regeln nicht.

Mit 14 Jahren häufen sich bei Anja die Anzeigen und sie beginnt härtere Drogen, wie Kokain und Ecstasy zu konsumieren. Außerdem trinkt sie morgens bereits Alkohol. Aufgrund der Straftaten entsteht der erste Kontakt zur Jugendgerichtshilfe. Neben der Delinquenz geht Anja aber immer noch ihren Hobbys nach und absolviert ihre Schule. Sie nimmt eine Doppelrolle an. Auf der einen Seite die kriminelle und rebellierende Rolle und auf der anderen Seite die gesellschaftlich angepasste Präsentation ihrer Person. Im Konflikt mit sich selbst steigert sich der Kokain- und Cannabiskonsum, Anja trinkt morgens schon Alkohol, schwänzt ihre Schule und hält sich an kriminalitätsbelasteten Orten auf.

Weder die Betreuer im Heim, noch die Jugendgerichtshilfe arbeiten gemeinsam mit Anja daran, soziale und kognitive Kompetenzen zu entwickeln, die sie von ihrem delinquenten Verhalten abhalten könnten, im Gegenteil sie erkennen das Alkoholproblem von Anja und behalten sie deshalb im betreuten Bereich, anstatt therapeutisch mit ihr zu arbeiten. Sie wurde als Strafe von Heimfahrten ausgeschlossen, anstatt in die Gruppe integriert zu werden.

Mit dem Wechsel der Heimleitung kommt Anja in den Verselbständigungs-bereich im Heim, hält sich dort nicht an die Regeln, muss dann wieder zurück in den betreuten Bereich ziehen und kann erst mit 16 Jahren in die betreute WG wechseln, die ein paar Straßen weiter ist. Damit einher geht der Wechsel ihrer Bezugsbetreuer. Sie verliert eine lieb gewonnene Betreuerin und muss sich ein weiteres Mal in ihrem Leben an neue Bezugspersonen gewöhnen. Sie rebelliert dagegen und greift ihre Betreuer verbal und körperlich an, als die versuchen, Erziehungsmaßregeln durchzusetzen. Die Wehr gegen die Betreuer verbindet Anja mit ihrem Selbstbewusstsein, welches sie durch die Erziehung ihrer Mutter erhalten hat. Doch der Text gibt auch die Möglichkeiten für weitere Lesarten: Die inkonsequente Erziehung und die Hilflosigkeit der Mutter im Umgang mit den Kindern lassen Anja früh selbständig werden. Durch den fehlenden Halt und die Abwesenheit einer Bezugsperson verlässt sie sich lediglich auf sich selbst. Der frühe Anspruch auf Selbständigkeit führt auf der einen Seite zur Überforderung und auf der anderen Seite zu unkontrollierten Grenzüberschreitungen. Jeder Eingriff in ihre Selbständigkeit, die sie sich so hart aufbauen musste, sieht sie als Angriff gegen sich selbst. Bezeichnend sind hier die Passagen, als sie eine Betreuerin angreift, die ihr Hausarrest geben will, weil sie zu spät nach Hause kommt und wie es zu einer Auseinandersetzung mit einer anderen Betreuerin kommt, die ihre Dekoration in der WG verbietet.

Mit 16 Jahren lernt Anja ihren heutigen Partner Steve kennen. Dieser arbeitet zu diesem Zeitpunkt bei ihrem Bruder im Hostel. Nach ein paar Monaten schläft Steve regelmäßig unerlaubt bei Anja und kündigt am Ende seine Wohnung, da er jeden Tag bei ihr schläft. Anja und Steve befinden sich in im Teil der WG, der kaum kontrolliert wird. Anja, die professionelle Hilfe benötigt, wird wieder sich selbst überlassen, muss eine hohe Verantwortung übernehmen und begeht weiterhin Straftaten, um ihren Drogenkonsum zu finanzieren. Da Steve selber drogenabhängig ist und keine festen Strukturen im Leben hat, verstärkt sich das delinquente Verhalten von Anja.

Sie klaut und arbeitet schwarz, sowohl bei ihrem Bruder im Hostel als auch auf dem Ponyhof und erkennt die möglichen Konsequenzen nicht.

Anja schließt ihren mittleren Schulabschluss im Altern von 17 Jahren ab. Sie tritt ihre Präsentationsprüfung unter Drogeneinfluss und nach einer durchgefeierten Partynacht an und verfehlt ihre gymnasiale Reife um drei Punkte. Da Anja mit 17 Jahren erst in der 10.Klasse ist, aber nach eigenen Aussagen mit 5 Jahren eingeschult wurde, besteht der Verdacht, dass sie mindestens eine Klasse wiederholen musste. Sie spricht diesen Umstand nicht an und spricht auch im weiteren Verlauf wenig über ihre Schulzeit. Trotz der vermeintlichen Wiederholung scheint sie so gute Leistungen erbracht zu haben, dass sie ihren mittleren Schulabschluss schafft. Hier ist wieder der Konflikt von Anjas Doppelrolle zu erkennen. Auf der einen Seite die Lust ihre Grenzen zu überschreiten und auf der anderen Seite das Verlangen, sich perfekt über Leistungen und Anerkennung zu präsentieren. Dies erklärt auch, warum sie sich kurze Zeit später für die einjährige Berufsfachschule (OBF) anmeldet, um ihre Fachhochschulreife nachzuholen.

Mit der Beziehung zu Steve ist der Konsum chemischer Drogen und das ständige exzessive Feiern weniger geworden. Cannabis konsumieren beide aber immer noch regelmäßig.

So kommt es, dass bei Anja mit 17 Jahren in ihrem WG-Zimmer ca. 280 Gramm Cannabis und 2000 Euro von den Betreuern gefunden werden. Anja lagert über ein Kilo Cannabis von einem Freund bei sich im Bettkasten, wovon am Ende ca. 280 Gramm übrig sind, den Rest verbrauchen sie. Die 2000 Euro sind vom Arbeiten und Klauen auf dem Weihnachtsmarkt. Die Betreuer rufen die Polizei und wollen Anja festhalten. Anja läuft, trotz sicherer Wohnungszusage über das Jugendamt, vom Heim weg zu ihrem Bruder ins Hostel. Anja offenbart im Interview kein schlechtes Gewissen oder irgendeine Art von Reue, sie argumentiert lediglich, dass es für sie ein enormer Verlust ist und sie Glück hat, dass sie die Tat begeht, wo sie noch keine 18 Jahre alt ist. Sie meldet sich zwar kurz nach der Tat bei der Jugendgerichtshilfe, aber nicht bei der Polizei. Das Jugendamt liefert ihr keine Obhut mehr und verweist sie an ein Obdachlosenheim.

Anja und Steve, der bereits seine Wohnung gekündigt hat, sind nun obdachlos und Anja zusätzlich auf der Flucht. Anstatt sich zu stellen und den Prozess zu beschleunigen, wählt sie den für sie zunächst einfachen Weg. Anja und Steve können weder zu ihrer Mutter noch zu Steves Eltern, sodass sie gezwungen sind, vorerst im Hostel bei Anjas Bruder zu schlafen und dann abwechselnd bei Freunden. Im Hostel klaut Anja weiterhin Geld und Essen der Gäste. Hier wird deutlich, dass der Cannabisfund kein Schlüsselerlebnis in Hinblick auf ihr Legalverhalten ist. Sie erklärt die Straftaten im Hostel mit ihrer Geldnot. Aufgrund dieser arbeitet Anja erst in einer Nachtbar, dann in einem Casino und später in einem türkischen Cafe.

Trotzdem Anja unter 18 Jahre alt ist, schaltet sich nicht das Jugendamt ein, sie fühlt sich abgewiesen und verstoßen und bekommt ihren Pass sowie ihre Unterlagen erst nach ihrem 18. Geburtstag unter Nachdruck ausgehändigt. Anja wird ein weiteres Mal von behördlicher Hilfe enttäuscht.

Durch die Obdachlosigkeit und das Arbeiten bricht Anja ihre Vorbereitung auf das Abitur kurz vor den Prüfungen ab. Ihr bleiben nun ein weiteres Mal die Wege für ihre berufliche Zukunft versperrt. Auch wenn es anhand der Textstelle nicht zu belegen ist, so kann zumindest angenommen werden, dass dieser erneute Rückschlag, die fehlende Wohnung und das ständige Arbeiten psychische Probleme und den Dauerkonsum von Cannabis verstärken.

Durch die ständige Arbeit von Anja, ob Steve arbeiten war, geht aus Anjas Erzählungen nicht hervor, können sie sich beide übergangsweise eine kleine Wohnung leisten, in der sie für kurze Zeit ihre Sachen unterstellen. Parallel suchen sie intensiv nach einer geeigneteren Wohnung, die sie schließlich finden. Durch die gemeinsame Wohnung kommt Anja von der Straße weg, Kontakt mit den Mädchen aus dem Heim hat sie kaum noch. Außerdem konzentriert sie sich hauptsächlich auf ihren Partner Steve. Dieser Wechsel der Bezugsperson geht einher mit der Reduzierung der Gewalttaten, aber nicht mit der Verringerung der Diebstähle und des Drogenkonsums. Sie erhält die Anerkennung ihrer Person nun über andere Taten und nicht über die Gewalt und die Solidarität unter den Mädchen.

Kurz vor dem Einzug in die gemeinsame Wohnung erfährt Anja, dass sie per Haftbefehl gesucht wird und stellt sich freiwillig. Bis zu dieser Information hat sie die Tat verdrängt. Sie fühlt sich, als sie in Gewahrsam genommen wird, psychisch sehr schlecht und kriminalisiert. Sie hat Ängste die Wohnung zu verlieren und dauerhaft in Haft zu kommen. Erschwerend kommt hinzu, dass Anja sich in ihrer Selbstwahrnehmung nicht als Verbrecherin sieht (211/34 – 218/19). Durch ihren Jugendgerichtshelfer und ihren Verteidiger erhält Anja nach einem Geständnis ein gütiges Urteil, dass eine halbjährige Betreuungsmaßnahme umfasst. Entgegen der Vermutung, dass Anjas Legalverhalten erhöht wird, konsumiert sie aktuell immer noch Cannabis und wird wieder Geld auf dem Weihnachtsmarkt klauen.

Ein Verhältnis zu ihrer Mutter hat Anja nicht, da sie ihr nie verzeihen wird, dass sie sich damals ein Heim suchen musste. Sie hat lange gekämpft, um diese Distanz zu ihrer Mutter aufzubauen und ist froh, diesen Abstand erreicht zu haben. Sie möchte keine alten Wunden aufreißen. Zu ihrer restlichen Familie möchte sie auch keinen Kontakt, weil sich nicht das Gefühl hat, dass sie sich um sie sorgen würden.

Anjas bestehenden Konsum mit Cannabis begründet Anja mit ihrer Kontrollfähigkeit aufzuhören, wann sie will. Sie konsumiert insbesondere dann, wenn sie nach einem harten Arbeitstag einschlafen möchte bzw. zur Ruhe kommen will. Sie erkennt bis heute nicht, dass sie ein Drogenproblem hat und in eine Therapie müsste, sie möchte sich nicht eingestehen, dass sie nicht perfekt ist. Das ist auch die Ursache für ihre weiteren Diebstähle, auch wenn sie auf bestimmte Ereignisse fokussiert sind. Sie möchte sich mit dem Geld einen besseren Lebensstandard aufbauen und mit anderen Menschen in ihrer Umgebung gleichziehen. Da sie aber bisher keine Kompetenzen hierfür erworben hat, versucht sie es auf dem illegalen Weg auszugleichen. Ihr Gewissen versucht sie rein zu waschen, indem sie den Weihnachtsmarktbetreibern die Ausbeutung und Geldwäsche unterstellt.

Vergleich von erzählter und erlebter Lebensgeschichte

Beim Vergleich der erzählten mit der erlebten Lebensgeschichte zeigt sich bei Anja auf der Ebene der erlebten Lebensgeschichte eine Anklagehaltung gegenüber der Mutter, weil diese ihr mit 13 Jahren auferlegt ein Heim zu suchen. Sie ist geprägt von der Suche nach Anerkennung und Zugehörigkeit und kämpft gegen auferlegte Regeln an, begründet in der hohen Erwartung an ihre Selbständigkeit im Kindesalter. In der Gegenwart präsentiert sie sich als abgeklärte Person, die sich von ihrer Vergangenheit distanziert und sich in einer anderen Rolle, als der des Heimmädchens präsentieren möchte. Sie möchte ihr perfektes Image wahren und trotz der tiefen Einblicke in ihre Vergangenheit zeigen, dass sie selbstbewusst genug ist, um die Ereignisse zu ertragen und eine von der Vergangenheit losgelöste Lebensführung zu präsentieren. Es ist anzunehmen, dass der Drang, sich von der Vergangenheit zu distanzieren, so groß ist, um sich vor weiteren Verletzungen und dem Aufbrechen alter Wunden zu schützen. Ohne, dass Anja es ausspricht, wird klar, dass sie unter ihrer Situation mehr zu leiden hat als sie zugeben will.

5.3 Zusammenfassung der Ergebnisse der Fallrekonstruktionen und Typenbildung

Nach den abgeschlossenen Fallrekonstruktionen widme ich mich nun meinen aufgeworfenen Forschungsfragen und der Erklärung der mit ihnen zusammenhängenden sozialen und psychischen Phänomenen. Nach dem Abschluss der Analyse aller drei Interviews ist es möglich, die entsprechende Typenbildung vorzunehmen. Da die Fragestellungen sich zum einen um die Beziehungsebene der Töchter mit den Müttern, zum anderen um die Beziehungen in den Peers und in der letzen Betrachtung um die Einflüsse der Schule drehen, wird die Typenbildung auf diese drei Bereiche begrenzt. Nach dem Prinzip „des Kontrastes in der Gemeinsamkeit“ wird nun die Typenbildung vorgenommen. [168] Es werden auf Grundlage der Gemeinsamkeiten der Fälle Typen, bezogen auf die aufgeworfenen Fragestellungen, gebildet. Vorerst bedarf es einer Klärung des Begriffes der Typen und des Typus. Anja Meyer grenzt die Begriffe folgendermaßen ab: Der Typus besteht aus gebildeten Untergruppen, die gemeinsame Eigenschaften aufweisen und die homogenen Elemente in den einzelnen Interviews verbindet. Hingegen unterscheiden sich die Typen stärker voneinander und Meyer spricht deshalb bei dem Verhältnis von Typus zu Typus von interner Homogenität und bei dem Verhältnis Typen zu Typen von externer Heterogenität. [169] Im vorliegenden Fall wurden aus den Biografien Merkmale hinsichtlich der Beantwortung der Fragestellungen herausgearbeitet und zueinander in Beziehung gesetzt. Aus dieser Kontrastierung werden zur Beantwortung der Forschungsfrage die verschiedenen Typen zur Beantwortung der Fragestellungen gebildet.

5.3.1 Typenbildung 1: Die handlungsleitende Mutter-Tochter-Beziehung

Im Vergleich der drei Fallrekonstruktionen wird deutlich, dass die Beziehung zwischen Mutter und Tochter als Biografie strukturierende Kategorie wirkt, sowohl mit ähnlichen als auch mit verschiedenen Akzentuierungen, die sich mit den verschiedenen Biografiemustern und Erfahrungsaufschichtungen begründen lassen. Die schwierige Beziehung zwischen Mutter und Tochter taucht in allen drei Interviews auf.

Bei Susi und Anja ist die konfliktbeladene und gestörte Beziehung Haupterzählpunkt in der Biografie der Mädchen. Bei Nadine rückt hingegen die Hilflosigkeit und die Verachtung der Mutter in den Vordergrund.

In allen drei Fällen hat die Beziehungsebene zur Mutter sowohl in der Kindheit als auch in der Gegenwart einen entscheidenden Einfluss auf die Lebensführung der Töchter. Die Mädchen müssen schon früh Verantwortung übernehmen und werden in ihrer Kindheit häufig sich selbst überlassen. Anja und Susi wachsen hauptsächlich mit ihrer Mutter auf, müssen in dieser Beziehung früh selbstständig sein und erleben die Beziehung mit ihrer Mutter weder orientierend noch schützend.

Nadine wächst mit Vater und Mutter auf und erlebt in ihrer Kindheit die Überforderung und Hilflosigkeit ihrer Mutter. Sie kann sich in ihrer kindlichen Entwicklung nicht auf ihre Mutter verlassen. Nadine muss mit ansehen, wie ihre Mutter regelmäßig vom Vater geschlagen wird und auch Nadine nicht schützt, wenn sie das Opfer der väterlichen Gewalt wird. Sie bekommt auf der einen Seite vermittelt, dass Gewalt ein Mittel ist, um sich durchzusetzen und auf der anderen Seite erkennt sie die fehlende Wehrhaftigkeit ihrer Mutter, die sie ohne Schutz und Halt aufwachsen lässt. Verstärkt wird dieses Gefühl bei Nadine als die Mutter versucht sich, und die Kinder anzuzünden. Das Vertrauen zu ihrer Mutter verschwindet und das Distanzverhalten vergrößert sich. Ihre Mutter sieht sie nicht als Bezugsperson, sondern diese sieht in ihrem Vater, der Stärke ausstrahlt, trotzdem er sie geschlagen hat. Mangels der geeigneten Vorbildfunktion ihrer Mutter orientiert sich Nadine an ihrem Vater, der selber gewalttätig ist, sodass sie wenige Konfliktlösungskompetenzen entwickeln kann und später selber gewalttätig wird. Sie solidarisiert sich für ihren Vater, weil ihre Mutter ihr keinen Halt gibt und Nadine ihr misstraut.

Nadine, Anja und Susi müssen in ihrer Kindheit und im Reifeprozess viel Verantwortung übernehmen und selbständig sein. Die Überforderung dabei zeigt sich am stärksten bei Susi und Nadine. Nadine beginnt früh Drogen zu konsumieren, um den Druck, der sich in den Konflikten mit ihrer Mutter aufbaut, abzubauen. Nadine bleibt auch nach der Trennung ihrer Eltern ohne Halt und Erziehung und muss für sich selbst die Verantwortung übernehmen, weil sie die Mutter vernachlässigt und sich um ihren Stiefvater kümmert. Die Überforderung lässt Nadine sich vom Elternhaus distanzieren, sie erlebt zu Hause keine Struktur. Auch in ihrem späteren Heimaufenthalt kann sie keine Struktur mitnehmen, sodass sie heute als Mutter eines einjährigen Sohnes weiterhin überfordert, verschuldet, kriminell und drogenabhängig ist.

Susi muss im frühen Kindesalter die gesamten Sorgen der Mutter auf ihren Schultern tragen. Da ihre Mutter krebserkrankt, Alkohol- und Tablettenabhängig ist, kümmert sich Susi um den Haushalt, um den jüngeren Neffen, der häufig zu Besuch ist, geht nebenbei in die Schule und muss die gesundheitlichen Einschränkungen ihrer Mutter miterleben. Susi erzieht sich selbst und kann weder von ihrer Mutter noch ihrem Vater Halt oder Schutz erwarten. Die Übernahme der frühen Verantwortung führt im weiteren Verlauf ihres Lebens zu einer Ablehnung der eigenen Verantwortung und letztendlich zur Neutralisierung ihrer Straftaten, die mitunter deren Fortgang verstärken. Sie gibt die Verantwortung für ihre eigenen Taten ab, nimmt aber die Verantwortung anderer auf sich, so auch bei ihrer Mutter und im späteren Verlauf bei ihrem schlagenden Exfreund und ihrer besten Freundin.

Susi und Anja sehen in ihrer Kindheit in der Mutter, trotz des vernachlässigenden Erziehungsstils, ihre Bezugsperson. Durch das Wegfallen der Person, bei Susi durch den Tod ihrer Mutter und bei Anja durch die Unterbringung in einer Heimeinrichtung, fallen sie in ein tiefes emotionales Loch, beginnen Drogen zu konsumieren und gewalttätig zu werden. Machen sie in dieser Zeit eine andere Person zu ihrer Bezugsperson, verringert sich zumindest das gewalttätige Verhalten. Bei Susi sind die Wechsel der Bezugspersonen und die krankhafte Abhängigkeit, resultierend aus der Beziehung der Mutter, am deutlichsten zu erkennen. Susi trauert beim Tod der Mutter nicht offen und wirkt sehr unbeeindruckt darüber. Das Ereignis wirkt sich aber insoweit aus, dass sie sich von allen Bezugspersonen nach dem Tod ihrer Mutter abhängig macht, sich für diese verantwortlich fühlt, aber für sich selber keine Verantwortung übernehmen kann.

Erschwerend kommt bei Susi hinzu, dass sie auf der einen Seite ihre Mutter ablehnt, weil sie so hilflos ist und Susi mit der Verantwortung allein lässt und auf der anderen Seite erkennt, dass sie ihrer Mutter immer ähnlicher wird. Die Abwehr der Mutter bedeutet im übertragenden Sinne auch die fehlende Akzeptanz ihrer eigenen Person und die erschwerte Entwicklung einer eigenen Identität, was bei ihr im weiteren Verlauf zu Autoaggressionen und Gewalttätigkeiten sowie einem ständigen Wechsel von sozialen Kontakten führt.

Bei Anja erfolgt die Ablehnung im umgekehrten Sinne. Anja wird in ihrem Glauben, das „Lieblingskind“ der Mutter zu sein, abgelehnt. Ihr wird auferlegt, sich ein Heim zu suchen. Diese Handlung verzeiht Anja ihrer Mutter nicht und lässt das Verhältnis zwischen beiden auseinanderbrechen. Die Anerkennung, die sie glaubt von ihrer Mutter zu erhalten, wird ihr entrissen, sodass sie anfängt, sich diese über die Heimmädchen und mit der Durchführung ihres Hobbys zurückzuholen. Sie konsumiert im Anschluss des Verstoßes durch ihre Mutter Drogen und begeht Straftaten.

Nadine wehrt sich ebenfalls gegen ihre Mutter und schreibt ihrer Schwester, mit der sie ebenfalls Diskrepanzen hat, Eigenschaften der Mutter zu. Trotz der Abwehr ist sie nicht in der Lage eine eigene Identität zu entwickeln.

Die negativen Vorbildfunktionen der Mütter aller Biografinnen hindern die Mädchen an der Orientierung an positiven Vorbildern und der Entwicklung ausreichender Kompetenzen. Keine der Mütter ist beruflich integriert. Alle drei Interviewten sind arbeitssuchend oder verbessern ihren Schulabschluss und leben von Hartz IV. Außerdem haben sie sich bereits früh verschuldet.

Die Mutter-Tochter- Beziehung ist bei allen drei Mädchen durchzogen von Misstrauen gegenüber der Mutter. Anja hätte nie geglaubt, dass ihre Mutter von ihr verlangt, dass sie sich ein Heim sucht. Susi hinterfragt die Krankheit ihrer Mutter und erkennt den Widerspruch, dass sich die Mutter auf der einen Seite nachts in Kneipen aufhält und auf der anderen Seite mehr Tabletten einnimmt als sie müsste. Nadine misstraut ihrer Mutter in allen Lebenslagen und würde ihr sogar zutrauen, dass sie sie an das Jugendamt oder die Polizei ausliefert.

Durch das fehlende Vertrauen haben die Mädchen es schwer, Selbstvertrauen aufzubauen und aus ihrer eigenen Identität heraus Entscheidungen zu treffen. Sie neigen dazu, um nicht gemobbt zu werden oder als Außenseiter zu gelten, mit dem Strom zu schwimmen und sich an Peers zu halten, wo sie Anerkennung bekommen.

Die Erziehung der Mütter ist in allen drei Fällen als vernachlässigend und unkontrolliert zu bezeichnen. Diese Erkenntnis geht einher mit den Ergebnissen aus der Studie von Hirtenlehner. [170] Die Mütter versuchen zwar Regeln aufzustellen, sind aber inkonsequent und können sich nicht durchsetzen. Keine der Mütter beschäftigt sich mit ihren Kindern. In allen drei Fällen existieren mehr als drei Geschwister, wovon über die Hälfte bereits Heimerfahrungen haben. Die Mütter dieser kriminellen Mädchen sind nicht in der Lage, ihre Kinder zu erziehen, geschweige denn eine Vorbildfunktion einzunehmen. Die Vermutung liegt nahe, dass die Mütter selbst psychisch erkrankt waren. So leidet Susis Mutter unter einer Suchterkrankung und geht kaum aus dem Haus raus, Nadines Mutter will sich mit ihren Kindern verbrennen, hat also suizidale Gedanken und Anjas Mutter verlässt nach dem plötzlichen Kindstod von Anjas Schwester kaum noch das Haus. Alle drei Mädchen haben keine Möglichkeit sich auf ihre Mütter zu verlassen, geschweige denn den Halt zu finden, den sie als Kinder benötigen. Sie suchen sich diesen Halt außerhalb ihres Elternhauses und gelangen in kriminelle Kreise, konsumieren Drogen und bauen ihren Frust durch Autoaggressionen oder gewalttätiges Verhalten ab.

Die Studie von Hirtenlehner kann hinsichtlich der Aussagen über die elterliche Kontrolle und deren Auswirkungen auf die Kriminalität bestätigt werden. Ergänzend zur Studie konnte ermittelt werden, dass die hohe Verantwortungsübernahme der Mädchen, begründend in der Hilflosigkeit und der fehlenden Stärke der Mütter, zur Überforderung und zum Ausbrechen im Jugendalter führt. Der Drogenkonsum und die Straftaten werden dann innerhalb von Peers begangen und dienen zum Druckabbau und zur Gewinnung von Anerkennung, die durch die Mütter, die zumindest bei Anja und Susi die Bezugspersonen sind, nicht vergeben werden. Die Vorbildfunktion der Mütter in der Beziehung zu den Töchtern ist bezeichnend für die weitere Lebensorientierung der Mädchen. Die Mutter-Tochter-Beziehung gibt den Töchtern keinen Halt, verunsichert sie und lässt sie sich nach außen orientieren und Halt suchen. Da ihnen durch die geringe Vorbildwirkung der Mutter wenige soziale, kognitive und konfliktlösende Kompetenzen mitgegeben werden, orientieren sich die Mädchen an delinquenten Peers.

5.3.2 Typenbildung 2: Sucht nach Anerkennung – Doppelrolle im Selbstbild

Die gemeinsamen Ausgangsbedingungen in der Tochter-Mutter-Beziehung bringen in der Kontrastierung der drei Fälle eine weitere Variante zur Erklärung des delinquenten Verhaltens zum Vorschein. Es wird offensichtlich, dass der fehlende Halt in der Kindheit und die Abwesenheit von Bezugspersonen zu einer verstärkten Orientierung außerhalb des Elternhauses und der Suche nach Anerkennung und Bestätigung ihres Selbstbildes führen.

Es kann aufgezeigt werden, dass bei den drei jungen Frauen die Suche nach Anerkennung ihre Selbstpräsentation beeinflusst und somit auch ihr Verhalten in den Peers.

Susi schiebt die Verantwortung, die sie als Kind übernehmen muss, auf ihre Freunde und die Schule ab und genießt den Respekt der Anderen, wenn sie gewalttätig ist. Sie sagt selbst, dass sie den Respekt erhält, den sie weder von ihrer Mutter noch von ihrem schlagenden Exfreund bekommt. Sie registriert, dass sie durch Gewalt Anerkennung erhält und akzeptiert wird. Susi kann sich dadurch von ihrer Außenseiterrolle, die sie in der Grundschule einnimmt, absetzen. Sie nennt diese Phase, die in der sie sich „ein Gesicht macht“. Die Anerkennung verbindet sie mit ihrer Suche nach Identität. Sie ist sich nur dann ihrer eigenen Person sicher, wenn sie Bestätigung für ihr Verhalten bekommt. Susis zwiespältige Gefühle aus Scham und Stolz ziehen sich durch ihre Selbstpräsentation hindurch. In einer Sequenz mimt sie das „starke Mädchen“ und in der nächsten schämt sie sich für ihre Taten und möchte überzeugen, sich geändert zu haben. Vordergründig möchte Susi das „starke Mädchen“ sein, was keine Gnade zeigt und hierfür sogar in den männlich geprägten Peers Anerkennung erhält. Im Interview präsentiert sie sich anders. schwach, zerbrechlich und sich für ihre Taten schämend. Sie möchte nun auf eine andere Art und Weise Anerkennung erhalten und zeigen, dass sie sich geändert hat und mir ein Idealbild vorsetzen, um akzeptiert zu werden. Susi strebt in der Beziehung mit ihren Freunden und ihrem Partner nach Anerkennung und passt sich dementsprechend ihren Adressaten an, entwickelt aber keine eigene Identität und Intimität. Dies ist letztendlich auch Ursache für ihre Autoaggressionen und gewalttätigen Auseinandersetzungen.

Alle drei Interviewten orientieren sich an Personen, die selber Drogen konsumieren, delinquent sind und ihr Leben nicht strukturieren können. Die Gründe sind in der vehementen Suche nach Anerkennung, Bestätigung und fehlender Selbstliebe zu finden. Anja, Nadine und Susi halten sich in Cliquen auf, wo regelmäßig Drogen konsumiert und Straftaten begangen werden. Durch Solidarität in der Gruppe können die Mädchen auf einem einfachen Weg die Anerkennung und Bestätigung erhalten, die sie in ihrem Elternhaus nicht finden können. Hierfür ist bezeichnend, dass gerade Susi ständig ihre sozialen Kontakte wechselt und es nie lange in einer Clique aushält.

Alle drei Interviewten erwähnen den Einfluss der Schule und die Aktivitäten dort nur am Rande. Sie versuchen sich für ihre Schulabschlüsse zu rechtfertigen, Nadine verschleiert sogar, dass sie keinen Schulabschluss hat. Die Schuld für die jeweiligen nicht erreichten Abschlüsse geben sie dem damaligen Drogenkonsum und den Veränderungen in der Pubertät. Keines der Mädchen gesteht sich ein, selbst daran Schuld zu tragen. Dies würde ihrer Selbstpräsentation und dem Bedürfnis nach Anerkennung widersprechen. Die Schule spielt keine Rolle in der Entwicklung der Identität, sie entreißt den Mädchen durch die Leistungsabforderungen eher das Ansehen, sodass sie sich schon früh vom Kontrollorgan Schule entfernen, schwänzen und ihre Interessen außerhalb der schulischen Bereiche finden.

Bis auf Anja geht keines der Mädchen Aktivitäten in der Schule nach. Anja verbringt bis zu einem bestimmten Zeitpunkt neben ihrer Delinquenz und dem Drogenkonsum regelmäßig Zeit in ihren Vereinsaktivitäten. Sie nimmt eine Doppelrolle an. Auf der einen Seite die über anerkannte Sporttätigkeiten gesellschaftlich angepasste Präsentation ihrer selbst und auf der anderen Seite die delinquente und rebellierende Person. Im Konflikt mit sich selbst steigern sich ihr Drogenkonsum und die Delinquenz, sodass sie zum Ende auch die Schule schwänzt und nicht mehr zum Training geht.

Die Schule kann bei keinem der Mädchen als Sozialisationsort aufgefasst werden. Sie nehmen die Schule als Kontrollorgan wahr, in der es einzig und allein um das Erbringen von Leistungen geht und nicht um die Förderung von Handlungskompetenzen. Die Schule ist nicht in der Lage, die fehlende Bestätigung und Anerkennung der Mädchen aufzufangen und auszugleichen. Dieses Ergebnis geht einher mit den Ergebnissen von Möller, dass die Schule kein Ort für das Erlangen von Anerkennung und für die Ausbildung einer eigenen Identität sei. Eher im Gegensatz, aufgrund der Interviews mit den Mädchen, insbesondere aus dem Bericht von Nadine liegt die Vermutung nahe, dass die Schule, so wie sie bei den Mädchen strukturiert ist, kriminalitätsfördernd wirkt. Der Schulhof und die Aktivitäten unter den Jugendlichen vermitteln delinquentes Verhalten. Es werden offensichtlich Drogen konsumiert, Schläge ausgeteilt und Lehrer angegriffen sowie beschimpft. Susi untermauert dieses Ergebnis, indem sie berichtet, wie eine Schulleiterin an ihrer Schule sie beleidigt, sie nur von wenigen Lehrkräften Hilfe bekommt und meistens mit der Ablehnung der Lehrkräfte umgehen muss. Die Hypothese, dass Berliner Schulen in ihrer derzeitigen Struktur kriminalitätsfördernd sind, Schülern keine Möglichkeiten der Anerkennung geben und die Entwicklung der eigenen Identität und Handlungskompetenz durch den starren Schulcharakter negativ beeinflusst wird, erfordert eine weitergehende Beobachtung und Erforschung, die nicht Inhalt dieser Arbeit ist.

Hauptsächlich Anja und Nadine begehen in der Gegenwart und in ihrem Zukunftshorizont weitere Straftaten, um sich einen besseren Lebensstandard aufzubauen und mit anderen Menschen in ihrem Alter gleichzuziehen. Da sie aber bisher noch keine geeigneten Kompetenzen erworben haben, nutzen sie den illegalen Weg, um ihre perfekte Selbstpräsentation eines „selbstsicheren Mädchens“ aufrecht zu erhalten. Sie nehmen hierfür in Kauf, kriminell zu sein und im Falle von Nadine das Sorgerecht für ihren Sohn in Gefahr zu bringen.

Anja und Nadine, die beide Heimerfahrungen haben, zeigen im Gegensatz zu Susi im Interview keinerlei Einsicht oder Scham. Sie distanzieren sich von der Zeit im Heim und stellen sich als randständige Personen dar. Die Heimunterbringung kollidiert mit ihrem Selbstbild, sie möchten sich nicht als Heimmädchen präsentieren. Nadine nutzt zwar diesen Umstand, um ihren Drogenkonsum zu erklären, geht aber nicht weiter auf diese Zeit ein.

Es ist deutlich geworden, dass neben der schwierigen Mutter-Tochter-Beziehung die ständige Suche nach Anerkennung und das herausgearbeitetes Selbstbild entscheidend für die spätere Kriminalität der Mädchen ist. Ihre Wünsche nach Zugehörigkeit, Halt und Bestätigung, welcher in ihrer Kindheit nicht erfüllt wurde, sind so groß, dass sie innerhalb von Gruppenaktivitäten versuchen diese durch Kriminalität zu erfüllen. Sie können sich an keinen Cliquen orientieren, die gesellschaftlich angepasst sind, weil sie zum einen keine Kompetenzen hierfür erhalten haben und zum anderen durch die Heimerfahrungen gezwungener maßen auf Mitbewohner treffen, die ebenfalls keine Fähigkeiten besitzen ihr Leben zu strukturieren, weil sie selbst aus schwierigen Familienverhältnissen kommen. Der Konflikt von „Selbstbehauptung und Selbstkontrolle“, in dieser Studie beschrieben mit der Übernahme der Doppelrolle, auf der einen Seite sich perfekt präsentieren zu wollen, aber auf der anderen Seite Regeln und Grenzen zu überschreiten, findet ebenfalls in der Studie von Silkenbeumer ihren Ausdruck. Als ergänzende Ergebnisse kann in dieser Studie festgehalten werden, dass der ständige innere Konflikt, dem die Mädchen ausgesetzt sind, ohne sich offen äußern zu können, den Aufbau einer eigenen Identität und Intimität verhindern. Die fehlende Identität und das mangelnde Festhalten an geeigneten Vorbildern bringen sie dazu, ihre Anerkennung in delinquenten Jugendgruppen zu suchen, aus der sie mit einfachen Mitteln Aufmerksamkeit erhalten. Die Mädchen nehmen dabei keine Vormachtstellung in den Peers ein, sondern schwimmen mit dem Strom mit. Sie wollen starke Mädchen sein, haben aber kein Interesse daran, die „Chefin“ zu mimen. [171]

6 Folgerungen für die Praxis

Präventionsmodelle für Jugendgruppen geraten zunehmend in den Fokus der Forschung. Jedoch gibt es immer noch wenige Erfahrungsberichte über die Arbeit mit kriminellen Mädchen bzw. deren Bedürfnisse in der präventiven Arbeit. Auf der Grundlage der Ergebnisse und der herausgearbeiteten Typen aus den Fallrekonstruktionen werden im weiteren Verlauf kriminalpräventive Ansätze erarbeitet.

Wie Bruhns und Wittmann bereits formulierten, sollten Quellen der Anerkennung und Interessenfindung in den Bereichen Schule und Freizeit entwickelt werden, um den Mädchen Möglichkeiten für den Aufbau von Selbstbewusstsein und einer eigenen Selbstwertentwicklung zu ermöglichen. [172] Wobei hier zu ergänzen wäre, dass diese Quellen auch im Elternhaus aktiviert werden sollten, da hier die ersten Grundsteine gelegt werden. Kommt es bereits in dieser ersten Sozialisierungsinstanz zu einem Missstand an Anerkennung und Halt, fällt es den Mädchen umso schwerer soziale, kognitive und konfliktlösende Kompetenzen zu entwickeln, um diese Quellen in der Schule und in der Freizeit zu nutzen. Gleichzeitig stellen Bruhns/Wittmann fest, dass die Entwicklung von gewinnbringenden Präventionsmodellen ohne eine politische Partizipation sinnwidrig ist. [173] Insbesondere Modelle, die bereits im Elternhaus ansetzen, können nur integriert werden, wenn der politische Rückhalt gewährleistet wird. Gerade in problembelasteten Familien ist es schwierig, den Zugang zu erhalten. Umso mehr ist es deshalb von Bedeutung, ein Netzwerk zu erschließen, welches die Projekte mit den Familien und Mädchen sowohl finanziell, sachlich und politisch unterstützen.

Studien, die von einer erhöhten Frustration bei kriminellen Mädchen ausgehen, erachten es als wichtig, möglichen Gefühlen von Aggression und Spannung einen Raum der Artikulation zu geben, in dem sich die Mädchen wohl fühlen, ohne Stigmatisierungen ausgesetzt zu sein. Genauso essentiell ist es aber auch, über erlebte oder beobachtete Gewalt, Misshandlungen und Kriminalität in einem objektiven verständnisvollen Raum zu diskutieren. [174] Resultierend aus den Ergebnissen in dieser Studie haben häufig der aufgestaute Druck aus der Kindheit und die hohe Verantwortungsübernahme zum Ausgleich in den Peers, zur Begehung von Straftaten und zum Konsum von Drogen geführt. Projekte, die Möglichkeiten eröffnen, Mädchen in ihren Emotionen wahrzunehmen und Kompetenzen zur Bewältigung von Stress und Überforderung zu fördern, können eine gewinnbringende Chance gegen Mädchenkriminalität sein. Der Stress und das aggressive sowie grenzüberschreitende Verhalten der Mädchen sollte thematisiert und wahrgenommen werden, sodass sie selbständig ihre Grenzen setzen können und ein gesundes Selbstbewusstsein aufbauen. [175]

Von großer Bedeutung ist es, die Mädchen bei der Entwicklung ihrer Identität zu unterstützen, ihnen positive Vorbilder zu vermitteln und die Elternarbeit zu erweitern. So stellt Heeg in seiner Untersuchung ebenfalls fest, dass eine stützende Identitätsentwicklungsarbeit von Nöten ist, die von den Bezugspersonen, also grundlegend von den Eltern, viel Geduld und Auseinandersetzung mit den Mädchen erfordert und am Ende zu „tiefgreifenden Veränderungsprozessen“ führen kann. [176] Freiwillige Elternschulen sind hier die ersten Schritte in eine bessere Zukunft, aber noch nicht die Endlösung. Denn meistens sind die Elternschulen kostenpflichtig und somit Adressaten für Eltern, die bereits die Problematiken erkannt haben und motiviert sind das Verhältnis zu ihren Kindern und deren Zukunft zu verbessern. In den Familien von Anja, Susi und Nadine existieren teilweise keine Väter oder diese sind gewalttätig, die Mütter zeigen meist kein Interesse an ihren Kindern, leiden selbst unter psychischen Erkrankungen und können keine Verantwortung für ihr Leben übernehmen. Abgesehen von den fehlenden finanziellen Mitteln müsste hier eine motivierende Arbeit geleistet werden, die zwar eine freiwillige Teilnahme voraussetzt, aber staatlich unterlegt ist und auch finanziert wird. Forschungsansätze hierfür gibt es unter anderem in Österreich. [177]

7 Zusammenfassung

Im Folgenden werden die zentralen Ergebnisse der Arbeit unter Bezugnahme des bereits bestehenden Forschungsstandes zusammengefasst und diskutiert. Ziel der vorliegenden Untersuchung war es, neue Erklärungsansätze für den Bereich der Mädchenkriminalität zu finden, die Lebensverläufe junger Frauen ganzheitlich zu betrachten und die Gründe für ihre Kriminalität zu untersuchen. In der Auswertung des aktuellen Forschungstandes sind Fragen aufgekommen, die besondere die Beziehung der kriminellen Mädchen zu ihren Müttern behandeln. Es konnte festgestellt werden, dass die Orientierungsarbeit der Mutter einen erheblichen Beitrag zur Entwicklung von Lebensentwürfen leistet. Inwieweit sich dieser Einfluss auf die Entwicklung von Kriminalität auswirkt, ist bisher noch unerforscht gewesen. Hirtenlehner kann in seiner Studie erste Ansatzpunkte aufstellen und misst der Rolle der Mutter und der elterlichen Kontrolle einen erheblichen Stellenwert zu. Eine umfassende Analyse, mit der Bertachtung verschiedener Lebenskonzepte, kann in seiner Studie jedoch nicht erfüllt werden und wurde in dieser Arbeit näher unter dem Aspekt der Mutter-Tochter-Beziehung betrachtet. Des Weiteren ist der aktuelle Forschungsstand geprägt von der Betrachtung der freundschaftlichen Beziehungen und dem Verhalten krimineller Mädchen in Peers. Insbesondere Silkenbeumer stellt fest, dass das Spannungsverhältnis der Mädchen in den Peers von „Selbstbehauptung und Selbstkontrolle“ in der Konstellation mit sozialbiografischen Risikofaktoren zu einem ständigen Wechsel zwischen aktiven Gewalt und Protestverhalten auf der einen Seite und autoaggressiven Rückzügen, wie zum Beispiel Selbstverletzungen und Drogenkonsum auf der anderen Seite führen. [178] Diese Studie hatte den Anspruch mit Hilfe der Fallrekonstruktionen die Aussagen Silkenbeumers zu erweitern und mögliche weitere Erklärungsansätze unter Einbindung des Sozialisationsfaktors Schule zu finden.

Mit der Methode der biografischen Fallrekonstruktion nach Gabriele Rosenthal wurden drei delinquente Mädchen mit Hilfe von narrativen Interviews befragt, welche im Nachhinein ausgewertet wurden. Es erfolgte nach der Fallrekonstruktion der drei Interviews die Formulierung der Typen und die Hypothesenbildung. Folgende Annahmen konnten abgeleitet werden:

Die Studie von Hirtenlehner kann hinsichtlich der Aussagen über die elterliche Kontrolle und deren Auswirkungen auf die Kriminalität bestätigt werden. [179] Ergänzend zur Studie konnte ermittelt werden, dass die hohe Verantwortungsübernahme der Mädchen, begründend in der Hilflosigkeit und der fehlenden Stärke der Mütter, zur Überforderung und zum Ausbrechen im Jugendalter führt. Der Drogenkonsum und die Straftaten werden dann innerhalb von Peers begangen und dienen zum Druckabbau und zur Gewinnung von Anerkennung, die durch die Mütter, die zumindest bei Anja und Susi die Bezugspersonen sind, nicht vergeben werden. Die Vorbildfunktion der Mütter in der Beziehung zu den Töchtern ist bezeichnend für die weitere Lebensorientierung der Mädchen. Die Mutter-Tochter-Beziehung gibt den Töchtern keinen Halt, verunsichert sie und lässt sie sich nach außen orientieren und Halt suchen. Da ihnen durch die geringe Vorbildwirkung der Mütter keine Handlungskompetenz mitgegeben wurde, orientieren sich die Mädchen an delinquenten Peers und suchen dort ihren Halt und ihre Anerkennung.

Ergänzend zu den Ergebnissen von Silkenbeumer kann in dieser Studie festgehalten werden, dass der ständige innere Konflikt, dem die Mädchen ausgesetzt sind, ohne sich offen äußern zu können, den Aufbau einer eigenen Identität und Intimität verhindern. Die fehlende Identität und das mangelnde Festhalten an geeigneten Vorbildern bringen sie dazu, ihre Anerkennung in delinquenten Jugendgruppen zu suchen, in denen sie mit einfachen Mitteln Aufmerksamkeit erhalten. Sie versuchen, eine sichere Selbstpräsentation zu vermitteln, besitzen aber zu wenige soziale, kognitive und konfliktlösende Kompetenzen, rührend aus ihrer früheren Sozialisierung, um diese auf legalem Weg durchzusetzen. Der vermeintliche Sozialisationsort Schule wirkt in dieser Studie eher kriminalitätsfördernd, weil er keine selbständigen Identitäten fördert und als Ort der Anerkennung ausgeschlossen ist. Dieser Ansatz könnte der Gegenstand weiterer Forschungsarbeiten sein und den Ausblick in präventive Strategien verschärfen.

8 Literatur- und Quellenverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Internetquellen:

- http://www.liz.de/Leben/F%C3%A4lle%20und%20Unf%C3%A4lle/2011/07/AggressiveMaedchenbanden-Poebeln-rauben-drohen.html (14.02.2013, 20:20 Uhr)

- http://www.arte.tv/de/die-maedchenbanden-von-l-a/6549848.html (14.02.2013, 21:45 Uhr)

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- http://www.uni-bielefeld.de/sozprob/Soziale%20Probleme%20Nr%
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- http://www.pfahl-leipzig.de/img/user/pfahlsekretaer_pfahl-leipzig_de_1272390405.pdf (14.03.2013, 15:15 Uhr)

- http://qsf.e-learning.imb-uni-augsburg.de/node/801
(03.03.2013, 14:00 Uhr)

[...]


[1] http://www.liz.de/Leben/F%C3%A4lle%20und%20Unf%C3%A4lle/2011/07/Aggressive
Maedchenbanden-Poebeln-rauben-drohen.html (Stand: 14.02.2013)

[2] http://www.arte.tv/de/die-maedchenbanden-von-l-a/6549848.html (Stand: 14.02.2013)

[3] http://www.rtl2.de/45704.html (Stand: 14.02.2013)

[4] BMI, PKS 2011, S. 34. Online in: http://www.bmi.bund.de/SharedDocs/Downloads/DE/
Broschueren/2012/PKS2011.pdf?__blob=publicationFile (Stand: 15.03.2013)

[5] Vgl. Hans-Claus Leder, Frauen- und Mädchenkriminalität, S. 195 ff.; Vgl. Kirsten Bruhns/Svendy Wittmann, in: Jürgen Raithel/Jürgen Mansel(Hrsg.), Kriminalität und Gewalt im Jugendalter, S. 41 ff.

[6] Kirsten Bruhns/ Svendy Wittmann, in: Jürgen Raithel/Jürgen Mansel(Hrsg.), Kriminalität und Gewalt im Jugendalter, S. 53

[7] Vgl. Hans-Claus Leder, Frauen- Mädchenkriminalität, S. 24

[8] Hans Göppinger, Michael Bock (Hrsg.), Kriminologie (6.Auflage), S. 418; Vgl. Hans Göppinger, Kriminologie (5.Auflage), S. 345

[9] Vgl Mirja Silkenbeumer, Biografische Selbstentwürfe und Weiblichkeitskonzepte aggressiver Mädchen und junger Frauen, S. 320 ff.; Vgl. Rahel Heeg, Mädchen und Gewalt, S. 276 ff.

[10] Kirsten Bruhns, Gewaltbereite Mädchen, in: Jutta Elz, Täterinnen, S. 90

[11] Gabriele Rosenthal, Interpretative Sozialforschung, S. 139 ff.

[12] Elisabeth Brökling, Frauenkriminalität, S. 4

[13] Elisabeth Brökling, Frauenkriminalität, S. 79, 82;

[14] Gönke Christin Jacobsen, Sozialstruktur und Gender, S. 224

[15] BMI, PKS 2011, S. 34. Online in: http://www.bmi.bund.de/SharedDocs/Downloads/DE/
Broschueren/2012/PKS2011.pdf?__blob=publicationFile (Stand: 15.03.2013)

[16] Kirsten Bruhns/Svendy Wittmann, in: Jürgen Raithel/Jürgen Mansel, Kriminalität und Gewalt im Jugendalter, S. 55; Kirsten Bruhns/Svendy Wittmann, Ich meine mit Gewalt kannst du dir Respekt verschaffen, S. 261, 263

[17] Otto Pollak: The Criminality of Women, S. 1ff.

[18] Vgl. Kirsten Bruhns/Svendy Wittmann, in: Jürgen Raithel/Jürgen Mansel, Kriminalität und Gewalt im Jugendalter, S. 52

[19] Anina Mischau, Frauenforschung und feministische Ansätze in der Kriminologie, S. 93

[20] Anina Mischau, Frauenforschung und feministische Ansätze in der Kriminologie, S. 95

[21] Vgl. Andrea Lindner, 100 Jahre Frauenkriminalität, S. 21 – 24; Vgl. Hans-Dieter Schwind, Kriminologie. §3 Rn. 44-46; Karste Uhl, Das „verbrecherische Weib“, S. 93 – 114; Kirsten Franke, Frauen und Kriminalität, S. 31, Andrea Theurer, Emanzipation – Der Schlüssel zur Erklärung der Frauenkriminalität?, S. 40

[22] Vgl. Gabriele Schmoelzer, in: Der Bürger im Staat 1/2003, S. 63

[23] Vgl. Elisabeth Brökling, Frauenkriminalität, S. 127 ff.

[24] Christiane Funken, Frau – Frauen – Kriminelle, S. 22

[25] Vgl. Christiane Funken, Frau – Frauen – Kriminelle, S. 23

[26] Robert King Merton, Soziologische Theorie und soziale Struktur, S. 128, 130

[27] Vgl. Kirsten Franke, Frauen und Kriminalität, S.104

[28] Gönke Christin Jacobsen, Sozialstruktur und Gender, S. 151

[29] Gönke Christin Jacobsen, Sozialstruktur und Gender, S. 150

[30] Gönke Christin Jacobsen, Sozialstruktur und Gender, S. 151

[31] Vgl. Gönke Christin Jacobsen, Sozialstruktur und Gender, S. 178

[32] Vgl. Hans Göppinger, Der Täter in seinen sozialen Bezügen. Ergebnisse aus der Tübinger Jungtäter - Vergleichsuntersuchung; Vgl. Sheldon und Eleanor Glueck, „Unraeveling Juvenile Delinquency“

[33] Vgl. Albert K. Cohen, in Fritz Sack/Rene König (Hrsg.): Kriminalsoziologie. S. 221; Vgl. Elisabeth Brökling, Frauenkriminalität, S. 36; Vgl. Kirsten Franke, Frauen und Kriminalität; S. 20 ff.

[34] Vgl. Christiane Funken, Frau – Frauen – Kriminelle, S. 21

[35] Christoph Diehl, in: Informationsdienst Straffälligenhilfe 2/2010, S. 21

[36] Edwin H. Sutherland, in: Fritz Sack/Rene König, Kriminalsoziologie, S. 396

[37] Kirsten Franke, Frauen und Kriminalität, S. 82

[38] Elisabeth Brökling, Frauenkriminalität, S. 49 ff.

[39] Vgl. Anina Mischau, Frauenforschung und feministische Ansätze in der Kriminologie, S. 106

[40] Vgl. Martina Althoff, in: Roland Anhorn/Frank Bettinger, Kritische Kriminologie und soziale Arbeit, S. 65 ff.

[41] Vgl. Mischau, Frauenforschung und feministische Ansätze in der Kriminologie, S. 237

[42] Vgl. Martina Althoff, in: Roland Anhorn/Frank Bettinger (Hrsg.), Kritische Kriminologie und soziale Arbeit, S. 65 ff; Vgl. Lydia Seus, in Roland Anhorn/Frank Bettinger (Hrsg.), Kritische Kriminologie und soziale Arbeit, S. 94 ff.; Vgl. Aninia Mischau, Frauenforschung und feministische Ansätze in der Kriminologie, S. 106 ff.

[43] Vgl. Lydia Seus/Gerald Prein, in: Susanne Karstedt und Dietrich Oberwittler (Hrsg.), Soziologie der Kriminalität, Sonderheft 43/2003 der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie. S. 217

[44] Andrea Theurer,, Emanzipation – Der Schlüssel zur Erklärung der Frauenkriminalität?, S. 144

[45] Andrea Theurer, Emanzipation – Der Schlüssel zur Erklärung der Frauenkriminalität?, S. 151, S. 153

[46] Gönke Christin Jacobsen, Sozialstruktur und Gender, S. 221; Kirsten Bruhns/Svendy Wittmann, „Ich meine mit Gewalt kannst du dir Respekt verschaffen“, S. 271

[47] Vgl. Andrea Lindner, 100 Jahre Frauenkriminalität, S. 31

[48] Vgl. Andrea Lindner, 100 Jahre Frauenkriminalität, S. 31

[49] Elisabeth Brökling, Frauenkriminalität, S. 84

[50] Christiane Funken, Frau-Frauen-kriminelle, S. 49

[51] Christiane Funken, Frau-Frauen-Kriminelle, S. 53

[52] Vgl. Lydia Seus, in Roland Anhorn/Frank Bettinger (Hrsg.), Kritische Kriminologie und soziale Arbeit, S. 94

[53] Rahel Heeg, Mädchen und Gewalt, S. 298

[54] Vgl. Gönke Christin Jacobsen, Sozialstruktur und Gender, S. 220

[55] Christiane Funken, Frau-Frauen-Kriminelle, S. 231 ff.

[56] Vgl. Gönke Christin Jacobsen, Sozialstruktur und Gender, S. 222

[57] Dietlinde Gipser, Mädchenkriminalität, S. 118 ff.

[58] Anina Mischau, Frauenforschung und feministische Ansätze in der Kriminologie, S.232

[59] Vgl. Martina Althoff, in: Roland Anhorn/Frank Bettinger (Hrsg.), Kritische Kriminologie und soziale Arbeit, S. 64 ff; Vgl. Lydia Seus, in Roland Anhorn/Frank Bettinger (Hrsg.), Kritische Kriminologie und soziale Arbeit, S. 101 ff.

[60] Vgl. Lydia Seus, in: Roland Anhorn/Frank Bettinger (Hrsg.), Kritische Kriminologie und soziale Arbeit, S. 95

[61] Lydia Seus, in: Roland Anhorn/Frank Bettinger (Hrsg.), Kritische Kriminologie und soziale Arbeit, S. 96

[62] Martina Althoff, in: Roland Anhorn/Frank Bettinger (Hrsg.), Kritische Kriminologie und soziale Arbeit, S. 68

[63] Vgl. Lydia Seus, in: Roland Anhorn/Frank Bettinger (Hrsg.), Kritische Kriminologie und soziale Arbeit, S. 99

[64] Lydia Seus, in: Roland Anhorn/Frank Bettinger (Hrsg.), Kritische Kriminologie und soziale Arbeit, S. 92; Martina Althoff, in: Roland Anhorn/Frank Bettinger (Hrsg.), Kritische Kriminologie und soziale Arbeit, S. 65

[65] Lydia Seus, in: Roland Anhorn/Frank Bettinger (Hrsg.), Kritische Kriminologie und soziale Arbeit, S. 101

[66] Lydia Seus, in: Roland Anhorn/Frank Bettinger (Hrsg.), Kritische Kriminologie und soziale Arbeit, S. 102

[67] Lydia Seus, in: Roland Anhorn/Frank Bettinger (Hrsg.), Kritische Kriminologie und soziale Arbeit,S. 105

[68] Lydia Seus, in: Roland Anhorn/Frank Bettinger (Hrsg.), Kritische Kriminologie und soziale Arbeit, S. 106

[69] Lydia Seus, in: Roland Anhorn/Frank Bettinger (Hrsg.), Kritische Kriminologie und soziale Arbeit, S. 108 ff.

[70] Vgl.Kirsten Bruhns/Svendy Wittmann, Ich meine mit Gewalt kannst du dir Respekt verschaffen, S. 38, 269

[71] Sidsel Natland, Violent girls on friendship, violence and gender – negotiations on femininity as a normative order, S. 122

[72] Rahel Heeg, Mädchen und Gewalt, S. 280

[73] Verena Kast, Die beste Freundin, S. 200 ff.

[74] Kurt Möller, Coole Hauer und brave Engelein, S. 169

[75] Kirsten Bruhns/Svendy Wittmann, Ich meine mit Gewalt kannst du dir Respekt verschaffen, S. 268

[76] Vgl. Kirsten Bruhns/Svendy Wittmann, in: Jürgen Raithel/Jürgen Mansel, Kriminalität und Gewalt im Jugendalter, S. 55; Vgl. Kirsten Bruhns/Svendy Wittmann, Ich meine mit Gewalt kannst du dir Respekt verschaffen, S. 261, 263; Vgl. Iris Nentwig-Gesemann/Birgit Bütow, in: Veronika Hammer/Ronald Lutz (Hrsg.), Weibliche Lebenslagen und soziale Benachteiligung, S. 226

[77] Kirsten Bruhns/Svendy Wittmann, in: Jürgen Raithel/Jürgen Mansel, Kriminalität und Gewalt im Jugendalter, S. 58

[78] Kirsten Bruhns/Svendy Wittman, Ich meine mit Gewalt kannst du dir Respekt verschaffen, S. 258, 269

[79] Vgl. Kurt Möller, Coole Hauer und brave Engelein, S. 281; Vgl. Kirsten Bruhns/Svendy Wittmann, Ich meine mit Gewalt kannst du dir Respekt verschaffen, S. 264

[80] Rahel Heeg, Mädchen und Gewalt, S. 279

[81] Vgl. Kirsten Bruhns, in: Jutta Elz, Täterinnen, S. 90; Vgl. Kurt Möller, Coole Hauer und brave Engelein, S. 286, Vgl. Mirja Silkenbeumer, Biografische Selbstentwürfe und Weiblichkeitskonzepte aggressiver Mädchen und junger Frauen, S. 326

[82] Vgl. Seus/Prein, in: Susanne Karstedt und Dietrich Oberwittler (Hrsg.), Soziologie der Kriminalität, Sonderheft 43/2003 der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, S. 231

[83] Vgl. Rahel Heeg, Mädchen und Gewalt, S. 278

[84] Vgl. Rahel Heeg, Mädchen und Gewalt, S. 277

[85] Iris Nentwig-Gesemann/Birgit Bütow, in: Veronika Hammer/Ronald Lutz (Hrsg.), Weibliche Lebenslagen und soziale Benachteiligung, S. 232

[86] Lydia Seus, in: Roland Anhorn/Frank Bettinger (Hrsg.), Kritische Kriminologie und soziale Arbeit, S. 108

[87] Jutta Hartmann, Vielfältige Lebensweisen, S. 12 ff.

[88] Vgl. Kurt Möller, Coole Hauer brave Engelein, S. 274

[89] Vgl. Rahel Heeg, Mädchen und Gewalt, S. 291

[90] Vgl. Kurt Möller, Coole Hauer brave Engelein, S. 274

[91] Kurt Möller, Coole Hauer brave Engelein, S. 289

[92] Vgl. Jutta Hartmann, Vielseitige Lebensweisen, S. 160

[93] a.a.O.

[94] Die Power-Control-Theory geht auf John Hagan zurück und beinhaltet die Aussage, dass der Kriminalitätsvorsprung von Jungen gegenüber Mädchen aus der geringen Kontrolle der Mutter gegenüber von Jungen resultiere und dadurch eine größere Risikoaffinität entwickelt werden würde, Erklärung online: http://www.uni-bielefeld.de/sozprob/
SozialeProblemeNr202.PDF, S. 84 ff. (Stand: 15.03.2013)

[95] Helmut Hirtenlehner, in: MaschKrim, 94 Jhg., 5/2011, S. 336

[96] Helmut Hirtenlehner, in: MaschKrim, 94 Jhg., 5/2011, S. 338

[97] Helmut Hirtenlehner, in: MaschKrim, 94 Jhg., 5/2011, S. 339

[98] Helmut Hirtenlehner, in: MaschKrim, 94 Jhg., 5/2011, S. 341 - 342

[99] Rahel Heeg, Mädchen und Gewalt, S. 282

[100] Rahel Heeg, Mädchen und Gewalt, S. 291

[101] Mirja Silkenbeumer, Biografische Selbstentwürfe und Weiblichkeitskonzepte aggressiver Mädchen und junger Frauen, S. 324

[102] Mirja Silkenbeumer, Biografische Selbstentwürfe und Weiblichkeitskonzepte aggressiver Mädchen und junger Frauen, S. 328

[103] Vgl. Mirja Silkenbeumer, Biografische Selbstentwürfe und Weiblichkeitskonzepte aggressiver Mädchen und junger Frauen, S. 329

[104] Rahel Heeg, Mädchen und Gewalt, S. 281

[105] Vgl. Kirsten Bruhns/Svendy Wittmann, Ich meine mit Gewalt kannst du dir Respekt verschaffen, S. 270

[106] Kirsten Bruhns/Svendy Wittmann, Ich meine mit Gewalt kannst du dir Respekt verschaffen, S. 271

[107] Vgl. Kurt Möller, Coole Hauer brave Engelein, S. 275

[108] Vgl. Kurt Möller, Coole Hauer brave Engelein, S. 291

[109] Rahel Heeg, Mädchen und Gewalt, S. 295,

[110] Vgl. Lydia Seus/Gerald Prein, in Susanne Karstedt und Dietrich Oberwittler (Hrsg.), Soziologie der Kriminalität, Sonderheft 43/2003 der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, S. 225

[111] Lydia Seus, in: Roland Anhorn/Frank Bettinger (Hrsg.), Kritische Kriminologie und soziale Arbeit, S. 104

[112] Vgl. Kurt Möller, Coole Hauer brave Engelein, S. 323

[113] Kurt Möller, Coole Hauer, brave Engelein, S. 326

[114] Vgl. Kurt Möller, Coole Hauer, brave Engelein, S. 332 ff.

[115] Vgl. Mirja Silkenbeumer, Biografische Selbstentwürfe und Weiblichkeitskonzepte aggressiver Mädchen und junger Frauen, S. 339

[116] Vgl. Uwe Flick, in: Uwe Flick et al.(Hrsg), Qualitative Forschung, S. 258

[117] Vgl. Kurt Möller, Coole Hauer und brave Engelein, S. 9; Vgl. Robert J. Sampson/John H. Laub, in: Robert J. Sampson/John H. Laub, Crime in the Making, S. 17 ff.

[118] Winfried Marotzki, in: Uwe Flick et al(Hrsg.): Qualitative Forschung, S. 177

[119] Vgl. Jutta Hartmann, Vielfältige Lebensweisen, S. 145

[120] Vgl. Uwe Flick, in: Uwe Flick et al.(Hrsg.), Qualitative Forschung, S. 255

[121] Rahel Heeg, Mädchen und Gewalt, S. 54

[122] Gabriele Rosenthal, Interpretative Sozialforschung, S. 13

[123] Gabriele Rosenthal, interpretative Sozialforschung, S. 15

[124] Vgl. Norman K. Denzin, in: Uwe Flick et al.(Hrsg.): Qualitative Forschung, S. 143

[125] Vgl. Norman K. Denzin, in: Uwe Flick et al.(Hrsg.): Qualitative Forschung, S. 138 ff.

[126] Vgl. Norman K. Denzin, in: Uwe Flick et al.(Hrsg.): Qualitative Forschung, S. 144

[127] Winfried Marotzki, in: Uwe Flick et al.(Hrsg.): Qualitative Forschung, S. 176

[128] Vgl. Uwe Flick et al (Hrsg.), Qualitative Forschung, S. 13

[129] Gabriele Rosenthal. Interpretative Sozialforschung, S.13, 47

[130] Gabriele Rosenthal, Interpretative Sozialforschung, S. 43 ff.

[131] Vgl. Ines Steinke, in: Uwe Flick et al.(Hrsg.): Qualitative Forschung, S. 324

[132] a.a.O

[133] Ines Steinke, in: Uwe Flick et al.(Hrsg.): Qualitative Forschung, S. 323

[134] Vgl. http://qsf.e-learning.imb-uni-augsburg.de/node/801 (Stand 03.03.2013)

[135] Kurt Möller, Coole Hauer und brave Engelein, S. 135

[136] Vgl. Gabriele Rosenthal, Interpretative Sozialforschung, S. 20 ff.

[137] Petra Elis, in: Veronika Hammer/Ronald Lutz(Hrsg.), Weibliche Lebenslagen und soziale Benachteiligung, S. 108

[138] Vgl. Gabriele Rosenthal, Interpretative Sozialforschung

[139] Fritz Schütze, in: Neue Praxis 1/1983, S. 283 - 293

[140] Gabriele Rosenthal, Interpretative Sozialforschung, S. 154

[141] Gabriele Rosenthal, Interpretative Sozialforschung, S. 155

[142] Fritz Schütze, in: Arbeitsgruppe Bielefelder Soziologen, Kommunikative Sozialforschung, S. 224 ff.

[143] Vgl. Jutta Hartmann, Vielfältige Lebensweisen, S. 144

[144] Vgl. Ivonne Küsters, Narrative Interviews, S. 54

[145] Vgl. Ivonne Küsters, Narrative Interviews, S. 55

[146] Vgl. Ivonne Küsters, Narrative Interviews, S. 61

[147] zum Aufbau narrativer Interviews: Vgl. Gabriele Rosenthal, Interpretative Sozialforschung, S 151; Vgl. Ivonne Küsters, Narrative Interviews, S. 64

[148] Vgl. Ivonne Küsters, Narrative Interviews, S. 64

[149] a.a.O

[150] Fritz Schütze, in: Neue Praxis 1/1983, S. 285

[151] a.a.O

[152] Vgl. Gabriele Rosenthal, Interpretative Sozialforschung, S. 60

[153] Gabriele Rosenthal, Interpretative Sozialforschung, S. 70

[154] Jo Reichertz, in: Flick et al. (Hrsg.): Qualitative Forschung, S. 281

[155] a.a.O

[156] Gabriele Rosenthal, Interpretative Sozialforschung, S. 186

[157] Gabriele Rosenthal, Interpretative Sozialforschung, S. 187

[158] a.a.O

[159] Gresham M. Sykes und David Matza, in: Fritz Sack/Rene König, Kriminalsoziologie, S. 366 ff.

[160] näheres unter: Dieter Nittel, Gymnasiale Schullaufbahnen und Identitätsentwicklung; Christine Wiezorek, Biographie, Schule und Anerkennung. Eine fallbezogene Diskussion der Schule als Sozialisationsinstanz

[161] Vgl. Robert J. Sampson/John H. Laub, in: Robert J. Sampson/John H. Laub, Crime in the Making, S. 17 ff.

[162] Vgl. Martin Baierl, Herausforderung Alltag: Praxishandbuch für die pädagogische Arbeit mit psychisch gestörten Jugendlichen, S. 279

[163] Vgl. Andrea Lindner, 100 Jahre Frauenkriminalität, S. 31; Vgl. Viktor Pickl, in: Walter T. Haesler(Hrsg.)Weibliche und männliche Kriminalität, S.28

[164] Christian Pfeiffer et al., Innerfamiliäre Gewalt gegen Kinder und Jugendliche und ihre Auswirkungen, S. 6 ff., online unter: http://www.kfn.de/versions/kfn/assets/fb80.pdf (Stand 14.03.2013)

[165] Vgl. http://www.pfahl-leipzig.de/img/user/pfahlsekretaer_pfahl-leipzig_de_1272390405.pdf (Stand 14.03.2013), Folie 4

[166] Vgl. http://www.pfahl-leipzig.de/img/user/pfahlsekretaer_pfahl-leipzig_de_1272390405.pdf (Stand 14.03.2013), Folie 9

[167] Gresham M. Sykes und David Matza, in: Fritz Sack/Rene König, Kriminalsoziologie, S. 366 ff.

[168] Ralf Bohnsack, in: Antje Langer et al.(Hrsg.), Handbuch Qualitative Forschungsmethoden in der Erziehungswissenschaft, S. 214

[169] Anja Meyer, Qualitative Forschung in der Kriminologie, S. 401

[170] Helmut Hirtenlehner, in: MaschKrim, 94 Jhg., 5/2011, S. 336 ff.

[171] Vgl. Mirja Silkenbeumer, Biografische Selbstentwürfe und Weiblichkeitskonzepte aggressiver Mädchen und junger Frauen, S. 324 ff.

[172] Vgl. Kirsten Bruhns/Svendy Wittmann, „Ich meine mit Gewalt kannst du dir Respekt verschaffen“, S. 274

[173] Kirsten Bruhns/Svendy Wittmann, „Ich meine mit Gewalt kannst du dir Respekt verschaffen“, S. 276

[174] Vgl. Mirja Silkenbeumer, Biografische Selbstentwürfe und Weiblichkeitskonzepte aggressiver Mädchen und junger Frauen, S. 344

[175] Vgl. Lydia Seus, in: Roland Anhorn/Frank Bettinger (Hrsg.), Kritische Kriminologie und soziale Arbeit, S. 109

[176] Rahel Heeg, Mädchen und Gewalt, S. 305, 308

[177] Vgl. http://www.stangl-taller.at/PSYCHOLOGIE/ELTERNSCHULEN/default.html (Stand 14.03.2013)

[178] Mirja Silkenbeumer, Biografische Selbstentwürfe und Weiblichkeitskonzepte aggressiver Mädchen und junger Frauen, S. 329

[179] Helmut Hirtenlehner, in: MaschKrim, 94 Jhg., 5/2011, S. 336 ff

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Details

Titel
Ursachen von Mädchenkriminalität und Folgerungen für die Praxis
Untertitel
Biografische Fallrekonstruktion von kriminellen Mädchen nach G. Rosenthal
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
2,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
120
Katalognummer
V262093
ISBN (eBook)
9783656504467
ISBN (Buch)
9783656504894
Dateigröße
850 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ursachen, mädchenkriminalität, folgerungen, praxis, biografische, fallrekonstruktion, mädchen, rosenthal
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M.A Melanie Rubach (Autor:in), 2013, Ursachen von Mädchenkriminalität und Folgerungen für die Praxis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/262093

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