Mit der Ausweitung des Zuständigkeitsbereiches der Vereinten Nationen mit immer umfassenderen Mandaten und komplexeren Missionen geriet das UN-Peacekeepiong immer mehr unter Druck. Konzepte wie R2P (responsibility to protect) ließen die internationale Staatengemeinschaft einem postwestphälischen Souveränitätsverständnisses entsprechend immer öfter intervenieren, auch außerhalb des UN-Rahmens.
Regionalorganisationen kommt dabei eine tragende Rolle zu, doch wo sie für Befürworter eines regionalen Ansatzes der Friedenssicherung einen verlängerten operativen Arm der Vereinten Nationen darstellen, sehen Kritiker wie u. a. der ehemalige UN-Generalsekretär Boutros-Ghali darin eine potenzielle Aushöhlung des UN-Gewaltmonopols.
Die Stärkung der Regionalorganisationen innerhalb der Friedenssicherung hat enormes Potenzial, birgt aber auch Risiken.
Zum einen werden ohnehin schon starke Regionalorganisationen, wie die Europäische Union und die NATO, gestärkt. Sie sind es auch, die das Gewaltmonopol des UN-Sicherheitsrats potenziell schwächen können, da sie auch, aber nicht im selben Ausmaß, von Ressourcenzuflüssen der internationalen Staatengemeinschaft abhängig sind und daher auch die Frage der Legitimation seitens des UN Sicherheitsrates eine andere Gewichtung hat. Es besteht die Befürchtung, "great powers would engage in neoimperial activities within their regions".
Parallel dazu passiert auf der anderen Seite das Gegenteil: Schwache Regionalorganisationen haben zwar nun mehr Spielraum betreffend ihrer Mandate, allerdings bleibt dieser theoretisch, da ihre Kapazitäten stark beschränkt sind, sodass sie weiterhin bei der Erfüllung ihrer Mandate abhängig von der internationalen Gebergemeinschaft bleiben. Diese sieht sich gemäß einem regionalen Ansatz immer weniger zuständig.
Gegenwärtig entsteht dadurch insbesondere für Afrika der Eindruck, als würden jene Probleme, die die Vereinten Nationen in die Krise schlittern ließen, regionalisiert und ausgelagert, um damit die internationale Staatengemeinschaft aus der Verantwortung zu lassen, ohne aber Lösungsmöglichkeiten zu eröffnen.
Die Arbeit geht diesen Entwicklungen nach und spannt dabei einen Bogen von der theoretischen Auseinandersetzung des Konzeptes Peacekeeping, über die praktischen Implikationen anhand von Fallbeispielen bis hin zu konkreten Lösungsvorschlägen, wie ein Zusammenspiel von internationalen und regionalen Akteuren bei der Friedenssicherung im afrikanischen Kontext funktionieren kann.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1. Was will die Arbeit?
1.2. Wie gehe ich vor?
2. Theorizing Peacekeeping – Konzepte und Definitionen
2.1. Theoretischer Rahmen
2.1.1. Liberal Peace Theory
2.1.2. Global Culture
2.1.3. Cosmopolitanism
2.1.4. Kritische Theorie
2.2. Begriffe, Definitionen und Konzepte
2.2.1. Preventive Diplomacy
2.2.2. Peacemaking
2.2.3. Peacekeeping
2.2.4. Peacebuilding
2.2.5. Peaceenforcement
2.3. Peacekeeping Generationen
2.3.1. Erste Generation: Traditionelles (klassisches) Peacekeeping
2.3.2. Zweite Generation: Multidimensionales (erweitertes) Peacekeeping
2.3.3. Dritte Generation: Peace enforcement (robustes) Peacekeeping
2.4. Neuorientierung anhand von Peacekeeping Zielsetzungen
3. Die Krise des UN-peacekeeping in Afrika
3.1. Neue Kriege
3.1.1. Ökonomie und Finanzierung – local capacity
3.1.2. Art und Zielrichtung der Gewalt – Level of hostility
3.1.3. Akteure
3.1.4. Peacebuilding Triangle der „New Wars“
3.2. Strukturell begrenzte Belastbarkeit des UN Peacekeeping
3.2.1. Offensive Rhetorik und passives Handeln
3.2.2. Wer spring ein?
3.2.3. Die Motivation zu handeln
3.2.4. Zusammenfassung – Kein „Scramble for Africa“
4. Regionalorganisationen – Problemlösung oder Outsourcing der Probleme?
4.1. Vorteile regionaler Friedenssicherung
4.1.1. Schnellere Reaktions- und Handlungsfähigkeit
4.1.2. Höhere Bereitschaft zum Eingreifen
4.1.3. Bessere Kenntnis der Konfliktstruktur und höhere Akzeptanz
4.1.4. Geringe Kosten der Einsätze
4.2. Die Schattenseiten der Regionalisierung
4.2.1. Mangelnde Kapazitäten und zweifelhafte Professionalität
4.2.2. Gefahr der Instrumentalisierung durch regionale Hegemonialmächte
4.2.3. Gefahr der Unterminierung des Gewaltmonopols der Vereinten Nationen
4.2.3.1. Endorsement im Gegensatz zu Autorisierung
4.3. Fazit
5. African Solutions
5.1. Die Afrikanische Union
5.2. …ihre subregionalen Partner
5.3. …und warum sie nicht genügen
5.3.1. Nichtbeachtung der Gegebenheiten in Afrika
5.3.2. Die Probleme sind nicht ausschließlich afrikanisch
5.3.3. Afrika ist nicht einheitlich
6. Partnerships
6.1. Operational Partnerships
6.1.1. co-deployment
6.1.2. preceeding operation
6.1.3. follow on operation
6.1.4. joint operation
6.2. Institutional Partnerships
6.3. Operational vs. Institutional partnership – der Networking Ansatz
6.4. UNAMID – Quadratur des Kreises
6.4.1. historischer Abriss
6.4.2. Von UNAMIS zur UNAMID
6.4.3. Sonderfall UNAMID
7. Conclusio
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit zielt darauf ab, das Konzept des "Peacekeeping" im afrikanischen Kontext greifbar zu machen und zu analysieren, ob die verstärkte Einbindung von Regionalorganisationen einen tragfähigen Weg aus der aktuellen "Krise des UN-Peacekeeping" darstellen kann. Dabei werden insbesondere die Rollen von Regionalorganisationen, die Herausforderungen durch moderne Konfliktformen ("Neue Kriege") und die Kooperationsstrukturen zwischen der UN und afrikanischen Organisationen untersucht.
- Analyse theoretischer Konzepte und Definitionen von Friedensoperationen
- Untersuchung der strukturellen Krise des UN-Peacekeeping in Afrika
- Bewertung der Stärken und Schwächen regionaler Friedenssicherungsansätze
- Evaluation der "African Solutions"-Rhetorik im Hinblick auf reale Kapazitäten
- Analyse operativer und institutioneller Partnerschaftsmodelle (z.B. UNAMID)
Auszug aus dem Buch
3.1.2. Art und Zielrichtung der Gewalt – level of hostility
Die Beschaffenheit der eingesetzten Waffen macht eine längere Ausbildung und damit einhergehende Disziplinierung unnötig, wodurch die Gewalt eine gewisse Entgrenzung erfährt. „Because assault rifles and other military firearms are often light-weight and easy to use, a young child can easily be taught to fire them.”
Der massive Einsatz von Kindersoldaten hat in diesem Zusammenhang besonders verheerende Auswirkungen, da sie im Vergleich zu Erwachsenen über wesentlich weniger Selbsterhaltungstrieb verfügen und durch den Wegfall gesellschaftlicher Normen in Kombination mit dem gewalttätigen Umfeld eines solchen Konfliktes zu enthemmtem Gewaltverhalten neigen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Definiert die Forschungsfragen zur Krise des UN-Peacekeepings und den theoretischen sowie methodischen Ansatz der Arbeit.
2. Theorizing Peacekeeping – Konzepte und Definitionen: Erarbeitet einen theoretischen Rahmen und analysiert die verschiedenen Begriffe und Generationen von Friedensmissionen.
3. Die Krise des UN-peacekeeping in Afrika: Untersucht das Phänomen der "Neuen Kriege" und die strukturellen Gründe für die Überdehnung des UN-Friedenssicherungssystems.
4. Regionalorganisationen – Problemlösung oder Outsourcing der Probleme?: Analysiert die Vor- und Nachteile einer stärkeren regionalen Friedenssicherung sowie die damit verbundenen Risiken und Abhängigkeiten.
5. African Solutions: Hinterfragt kritisch den Slogan "African solutions to African problems" vor dem Hintergrund tatsächlicher Kapazitäten und politischer Realitäten.
6. Partnerships: Beleuchtet verschiedene Modelle der Zusammenarbeit (operative vs. institutionelle Partnerschaften) und nutzt UNAMID als Fallbeispiel.
7. Conclusio: Fasst die Ergebnisse zusammen und bewertet die Zukunftsperspektiven der Friedenssicherung als netzwerkartige Symbiose zwischen globalen und regionalen Akteuren.
Schlüsselwörter
Peacekeeping, Friedenssicherung, Vereinte Nationen, Regionalorganisationen, Afrika, Neue Kriege, UNAMID, Peacebuilding, Peaceenforcement, African Solutions, Souveränität, Krisenmanagement, Sicherheit, Konfliktbearbeitung, Empowerment.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Krise des UN-Friedenssicherungssystems vor dem Hintergrund neuer Konfliktformen und untersucht, ob und wie Regionalorganisationen, insbesondere in Afrika, zur Lösung dieser Krise beitragen können.
Welches sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der konzeptionellen Einordnung von Peacekeeping, der Natur der "Neuen Kriege", der Rolle von Regionalorganisationen und der Wirksamkeit von Partnerschaften zwischen der UN und regionalen Akteuren.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die zentrale Frage ist, ob die verstärkte Einbindung von Regionalorganisationen in Afrika tatsächlich einen Weg aus der Krise des UN-Peacekeeping darstellt oder ob dies lediglich eine problematische Auslagerung von Verantwortung bedeutet.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit folgt einem primär theoretischen und hermeneutischen Zugang. Es werden offizielle UN-Dokumente sowie wissenschaftliche Literatur ausgewertet, um die Argumentation strukturell und konzeptionell zu untermauern.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Begriffsarbeit, die Analyse der spezifischen Krisenursachen in Afrika (einschließlich ökonomischer Faktoren und Akteurskonstellationen) und die detaillierte Untersuchung der regionalen Kooperationsmodelle.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Neben Begriffen wie "Peacekeeping" und "Vereinte Nationen" sind "Regionalorganisationen", "Afrika", "Neue Kriege" sowie "African Solutions" maßgebliche Charakteristika für den Inhalt dieser Untersuchung.
Welche Rolle spielt das "Peacebuilding Triangle" im Kontext der Arbeit?
Das Modell dient als graphische Darstellung der Problematik, um zu veranschaulichen, dass in Konfliktregionen mit hohem Gewaltlevel und geringer lokaler Kapazität eine massive internationale Unterstützung erforderlich ist, die oft die Kapazitäten der UN übersteigt.
Warum wird UNAMID als ein "Sonderfall" betrachtet?
UNAMID wird als Modellfall einer Hybrid-Mission geführt, die zwar logistisch und finanziell die Schwächen afrikanischer Partner abfedert, jedoch mit massiven Herausforderungen hinsichtlich einer integrierten Kommandostruktur zu kämpfen hat.
- Quote paper
- Magister Bachelor Alexander Fritsch (Author), 2011, Anspruch und Wirklichkeit regionaler Friedenssicherung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/262140