Mit dem Eintritt in das 16. Jahrhundert begann die Verfolgung Minderjähriger, das heißt Kinder, die gerade mal ein Alter von drei Jahren hatten. Wobei das so nicht ganz richtig erscheinen mag, gab es doch schon in der Antike Kinderopfer im Zusammenhang mit Hexenprozessen.
Egal welche Religion religionsgeschichtlich näher beleuchtet wird, tauchen immer wieder Gottheiten auf, denen Kinder zum Opfer fielen. Wie beispielsweise der jüdischen Gottheit Lilith, welche Kinder gemordet hatte oder der Göttin Diana, die sowohl Geburtshelferin als auch eine Todesgöttin darstellte.
Mit dem eintreten der Hexenverfolgungen und der juristischen Änderungen beziehungsweise Neuheiten, wie zum Beispiel dem Hexenhammer von Heinrich Kramer oder der Peinlichen Halsgerichtsordnung Kaiser Karl. V, der sogenannten Constitutio Criminalis Carolina, tauchen immer häufiger Kinder als passiver Zeugen der Hexenprozesse vor Gericht auf. Erst mit einer Wende der Indizienlehre treten die Kinder nicht mehr als passive sondern als aktive Zeugen hervor. Diese Änderung brachte das Verhängnis für die Heranwachsenden mit sich. Denn mit dem Eintritt in die aktive Rolle, bedeutete dies auch zugleich die volle Strafmündigkeit vor Gericht und schlimmstenfalls die Todesstrafe nach der Tortur.
Die Kinder aber waren zu dieser Zeit nicht nur Opfer der Hexenverfolgung, sondern auch zugleich Initiator ganzer Verfolgungswellen. Durch ihre Strafmündigkeit, wurden ihre teils phantastischen Aussagen für voll genommen und als Indizien gegen beschuldigte Erwachsene verwendet. Somit erhielten die Kinder ebenfalls die Rolle der Kläger, die auch direkte Familienangehörige der Hexerei beschuldigten.
Die Forschung geht davon aus, dass es sich bei den Akten über Kinderhexenprozesse zwar um reale Beschreibungen dessen handelt, welche Tortur die Kinder durchzumachen hatten. Jedoch ist sie sich aber nicht über den Wahrheitsgehalt der von den Kindern gemachten Aussagen sicher, da diese nur unter der Folter stattgefunden hatten. Somit lässt sich berechtigt nach der Authentizität der Aussagen der Kinder fragen!
Inhaltsverzeichnis
1. Vom Kind zur Kinderhexe
2. Einleitung
3. Forschungsstand
4. Gesellschaftsstruktur der Frühen Neuzeit mit Blick auf die Kindheit
4.1. Auswirkungen bzw. Einflüsse auf die Hexenverfolgungen/ -prozesse?
5. Die Rolle des Kindes in den Hexenprozessen
5.1. Ankläger
5.2. Opfer
6. Fazit
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Diese Arbeit untersucht die ambivalente Rolle von Kindern in den Hexenprozessen der Frühen Neuzeit, wobei sie sowohl als Instrumente der Obrigkeit in der Anklage als auch als schutzlose Opfer der Verfolgungswellen beleuchtet werden. Ziel ist es, die Entstehung der "Kinderhexe" als Phänomen zu ergründen und aufzuzeigen, wie Kinder maßgeblich zu Gestaltern des Hexenglaubens wurden.
- Die Entwicklung vom normalen Kind zur Kinderhexe im gesellschaftlichen Kontext.
- Die aktive Rolle von Kindern als Denunzianten und Kläger gegen ihre soziale Umgebung.
- Die passive Rolle von Kindern als Opfer von Verfolgung, Folter und Aberglauben.
- Die Einflüsse gesellschaftlicher Strukturen und der Indizienlehre auf Kinderhexenprozesse.
- Die Aufarbeitung der Forschungsliteratur unter Berücksichtigung der Authentizität historischer Quellen.
Auszug aus dem Buch
1. Vom Kind zur Kinderhexe
Um die Entwicklung eines normalen Kindes hin zu einer Kinderhexe verfolgen zu können, bedarf es zum einen der Klärung der Frage nach den Motiven eines Kindes, seine Familienmitglieder der Hexerei zu beschuldigen und zum anderen der Informationsquelle; gerade bei noch sehr kleinen Kindern dürfte das die spannendere Frage sein. So gab es vier Vorstellungskreise, die ein Kind zu einer Kinderhexe werden ließ:
1. In der Vorstellung der Erwachsenen, waren gerade Kinder ein beliebtes Objekt für den Schadenszauber, da sie hilflos, schwach und anfällig seien.
2. Gerade Kinder seien der Zauberei überaus mächtig, weshalb die Unholden versuchten, diese zu ihren Hexen- bzw. Zaubersalben zu verarbeiten.
3. Aufgrund ihrer Zaubermacht, waren die Kinder ein beliebtes Diebesgut, welches, dem Glauben nach, dem Teufel während des Sabbats dargebracht und danach kannibalisch verspeist wurden.
4. Kinder brachten sich erst selbst in die missliche Lage Opfer eines Hexenprozess‘ zu werden, da sie auf sich alle Bestimmungsmerkmale eines Unholden bezogen und somit von dem passiven in den aktiven Status einer Hexe gleiten.
Die Obrigkeiten gingen nunmehr davon aus, dass gerade Kinder der Zauberei am mächtigsten waren; sie sogar freiwillig, mit ihren Familien, am Hexensabbat teilnahmen. Besonders aber die Waisen beziehungsweise die Bettelkinder. Hatten diese doch keine strenge religiöse Erziehung genossen beziehungsweise genießen können.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Vom Kind zur Kinderhexe: Dieses Kapitel erläutert die vier zentralen Vorstellungskreise der Erwachsenen, die maßgeblich dazu beitrugen, Kinder als potentielle Hexen oder Zauberer zu identifizieren.
2. Einleitung: Die Einleitung führt in die historische Verfolgung Minderjähriger ein und skizziert den Wandel der Kinderrolle von passiven Zeugen zu aktiven, strafmündigen Klägern.
3. Forschungsstand: Hier wird aufgezeigt, dass die Forschung zu Kinderhexenprozessen im Vergleich zum Gesamtthema der Hexenverfolgung noch am Anfang steht und stark von der Quellenlage abhängt.
4. Gesellschaftsstruktur der Frühen Neuzeit mit Blick auf die Kindheit: Das Kapitel beschreibt die prekären Lebensbedingungen und die frühen Arbeitspflichten von Kindern, die ihr Kindsein oft abrupt beendeten.
4.1. Auswirkungen bzw. Einflüsse auf die Hexenverfolgungen/ -prozesse?: Dieses Unterkapitel analysiert am Beispiel der Bettelkinder, wie soziale Not und Krankheiten direkt in Verfolgungswellen mündeten.
5. Die Rolle des Kindes in den Hexenprozessen: Es wird die historische Bedeutung von Kindern in den Akten untersucht, wobei die Motive der Beschuldigungen durch Kinder im Zentrum stehen.
5.1. Ankläger: Dieses Kapitel beleuchtet, wie Kinder durch gezielte Befragungen oder Folter zu Anklägern wurden und damit oft Machtansprüche oder Rachegelüste auslebten.
5.2. Opfer: Hier wird dargestellt, wie Kinder Opfer von Mythen, Kindesmissbrauch und der Inquisition wurden und warum sie oft als Sündenböcke dienten.
6. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Kinder mehr als bloße Abbilder dämonologischer Phantasien waren; sie waren aktive Gestalter des Hexenglaubens.
Schlüsselwörter
Kinderhexenprozesse, Hexenverfolgung, Frühe Neuzeit, Indizienlehre, Denunziation, Kindheit, Opferrolle, Hexenhammer, Folter, Aberglaube, Bettelkinder, Hexenhebammen, Sozialgeschichte, Inquisition, Hexenglaube.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit dem historischen Phänomen der Kinderhexenprozesse während der Frühen Neuzeit und analysiert die Hintergründe der Einbeziehung von Kindern in die Hexenverfolgung.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Themen sind die gesellschaftliche Stellung des Kindes in der Frühen Neuzeit, die juristischen Rahmenbedingungen der Hexenprozesse sowie die psychologischen und sozialen Motive für kindliche Denunziationen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Rolle des Kindes als Akteur und Leidtragender zu verstehen und aufzuzeigen, wie Kinder maßgeblich an der Ausgestaltung des Hexenglaubens mitwirkten.
Welche wissenschaftliche Methodik liegt der Arbeit zugrunde?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Auswertung vorhandener Forschungsliteratur, insbesondere der Studien von Hartwig Weber, sowie der Analyse historischer Prozessakten und Flugschriften.
Was wird im Hauptteil der Arbeit thematisiert?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Lebensrealität von Kindern, ihre Rolle als Ankläger und ihre tragische Position als Opfer, wobei die Folter und die Manipulation durch Erwachsene eine zentrale Rolle einnehmen.
Welche Schlagworte charakterisieren diese Arbeit am besten?
Neben den Hexenprozessen sind dies Kindheit, Macht, Denunziation, Indizienlehre und die soziokulturelle Verankerung des Hexenwahns.
Welche Rolle spielten die sogenannten "Hexenhebammen"?
Sie galten in der Vorstellung der Zeit als erste Verbindung zum Teufel, da sie bei der Geburt assistierten und für Totgeburten oder Behinderungen verantwortlich gemacht wurden, was zur Konstruktion von Wechselbälgern führte.
Warum wurden Kinder im 17. Jahrhundert plötzlich strafmündig?
Durch einen Wandel in der Indizienlehre und der zunehmenden Akzeptanz kindlicher Aussagen vor Gericht wurden Kinder zunehmend in das juristische System der Hexenverfolgung eingebunden, was ihnen zwar "Macht" verlieh, aber gleichzeitig lebensgefährlich für sie war.
- Citation du texte
- Pamela Bentlage (Auteur), 2011, Hexenverfolgung. Vom Kind zur Kinderhexe, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/262152