Es gibt meiner Meinung nach nur einen feinen Unterschied zwischen den Geburtsmythen der Göttertempel und denen der Totentempel: Erstere erzählen von der göttlichen Geburt des lebenden, letztere von der des verstorbenen Herrschers.
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Diesseits oder Jenseits? Zum Geburtsmythos der Hatschepsut
Was ist ein Mythos?
Der Geburtsmythos
Das Experiment
Der Mythos dient der Legitimation
Der Mythos beweist die Doppelnatur der Königin
Der Mythos symbolisiert den Neuanfang
Was ist ein Kultus?
Der Mythos umschreibt die Wiedergeburt
Die Wiedergeburt
Diesseits oder Jenseits?
Antwort auf den Leserbrief
Ergänzung zur Antwort auf den Leserbrief
Zielsetzung und Themen
Das Hauptziel dieser Arbeit ist die theoretische und religionswissenschaftliche Neubewertung des Geburtsmythos der Hatschepsut. Die Autorin untersucht dabei die Forschungsfrage, wie sich der Mythos verstehen lässt, wenn die dargestellten Ereignisse als reale, jenseitige Vorgänge betrachtet werden, anstatt sie lediglich als historische Legende oder reine Legitimationsstrategie für die Herrschaft der Königin zu interpretieren.
- Theoretische Auseinandersetzung mit dem Mythos-Begriff nach Walter Otto.
- Kritische Analyse bisheriger ägyptologischer Deutungsansätze (Legitimation, Doppelnatur, Neuanfang).
- Untersuchung des Zusammenhangs zwischen Kulthandlungen und dem Geburtsmythos.
- Nachweis der Bedeutung als "Wiedergeburtsmythos" im Kontext des königlichen Totenkultes.
Auszug aus dem Buch
Was ist ein Mythos?
Die alten Kulturen, wie auch heutige Naturvölker, unterscheiden unter ihren fabulösen Erzählungen eine besondere Gattung, der die höchste Ehrfurcht gebührt, nicht weil sie im höchsten Maße wunderbar ist, sondern weil die den Charakter der Heiligkeit besitzt. Und diese Unterscheidung beruht nicht auf bloßer Tradition oder der scheinbaren Würde einer archaischen Denkweise. Dieser eigentliche Mythos hat wirklich ein unvergleichliches Wesen: er ist dynamisch, er besitzt eine Macht, er greift gestaltend ins Leben hinein! Das ist etwas ganz anderes, als wenn erfahrungsgemäß abergläubische Vorstellungen eine gewisse Macht ausüben. Hier ist echte Produktivität, hier entstehen unvergängliche Gestalten, hier wird der Mensch neu geschaffen. Der ursprüngliche und echte Mythos ist nämlich nicht ohne den Kultus denkbar, d.h. ein feierliches Verhalten und Tun, das den Menschen in eine höhere Sphäre erhebt.
Der Mythos ist nicht bloß ein Bild des mythischen Geschehens, sondern dieses Geschehen selbst, im vollen Sinne des Wortes. So wie die kultischen Handlungen, Handlungen und Gestaltungen selbst der Mythos sind, so ist auch das heilig Ausgesagte selbst die unmittelbare Erscheinung der göttlichen Gestalt und ihres Waltens.
Zusammenfassung der Kapitel
Vorwort: Die Autorin legt ihre Intention dar, durch interdisziplinäre Ansätze über den Tellerrand der klassischen Ägyptologie hinauszublicken und neue Fenster zum Verständnis altägyptischer Kultur zu öffnen.
Diesseits oder Jenseits? Zum Geburtsmythos der Hatschepsut: Einleitung in die komplexe Thematik, bei der die Autorin den Mythos als theoretisches Experiment begreift und den Begriff "Mythos" basierend auf Walter Otto definiert.
Der Geburtsmythos: Vorstellung des Bildzyklus aus dem Totentempel der Hatschepsut in Deir el-Bahari und der inhaltliche Ablauf der göttlichen Zeugung durch Amun.
Das Experiment: Darlegung der methodischen Herangehensweise, bei der die Autorin die Ereignisse als jenseitig und überindividuell interpretiert, abgrenzend von rein menschlichen Legendenbildungen.
Der Mythos dient der Legitimation: Kritische Auseinandersetzung mit der gängigen Lehrmeinung, der Mythos diene primär der nachträglichen Rechtfertigung der Herrschaft einer Frau.
Der Mythos beweist die Doppelnatur der Königin: Diskussion der Brunner-Traut'schen Theorie über das Vater-Sohn-Verhältnis des Pharaos zu den Göttern und ihre Grenzen.
Der Mythos symbolisiert den Neuanfang: Analyse der Assmann'schen Interpretation zur Krönung und der Idee der Weltherrschaft durch den neuen König.
Was ist ein Kultus?: Erläuterung der Untrennbarkeit von Mythos und Ritus nach Walter Otto als Grundlage für das Verständnis ritueller Handlungen.
Der Mythos umschreibt die Wiedergeburt: Einführung der zentralen These, dass der Zyklus die Wiedergeburt der verstorbenen Königin in der Götterwelt darstellt.
Die Wiedergeburt: Vertiefung der Rolle der Ehefrau im Bettenritual und die Abgrenzung zur späteren Osirismythologie.
Diesseits oder Jenseits?: Synthese der Argumentation, dass das Löwenbett ein Kultobjekt für jenseitige Handlungen ist und Hatschepsut ihre Herrschaft aus der Sphäre der Ahnen heraus weiter ausübt.
Antwort auf den Leserbrief: Verteidigung der These gegen Kritikpunkte, insbesondere unter Heranziehung der Tempelfunktion als Mutterfigur.
Ergänzung zur Antwort auf den Leserbrief: Abschließende Klarstellung, dass Geburtsmythen in Totentempeln als Wiedergeburtsmythen zu klassifizieren sind.
Schlüsselwörter
Hatschepsut, Geburtsmythos, Wiedergeburtsmythos, Altägypten, Totenkult, Amun, Deir el-Bahari, Gottkönigtum, Kultus, Mythos-Definition, Jenseits, Bettenritual, Wiedergeburt, Sakrale Handlungen, Ägyptologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Publikation befasst sich mit einer wissenschaftlichen Neuinterpretation des Geburtsmythos der Königin Hatschepsut in ihrem Totentempel in Deir el-Bahari.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die ägyptische Religionswissenschaft, die Bedeutung von Mythen und Riten sowie die Funktion königlicher Totentempel.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, den Geburtsmythos als „Wiedergeburtsmythos“ zu identifizieren, der nicht der legitimation einer lebenden Herrscherin diente, sondern die göttliche Wiedergeburt der Verstorbenen im Jenseits thematisiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin wendet einen interdisziplinären, religionswissenschaftlichen Ansatz an, wobei sie Begriffe wie "Mythos" und "Kultus" theoretisch fundiert und kritisch auf das archäologische Quellenmaterial anwendet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Es werden verschiedene Deutungsansätze bekannter Ägyptologen analysiert und kritisiert, gefolgt von einer eigenen, auf dem Kultverständnis basierenden Interpretation.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Neben Hatschepsut und dem Geburtsmythos sind Begriffe wie Totenkult, Gottkönigtum, Wiedergeburt und interdisziplinäre Religionswissenschaft prägend.
Warum lehnt die Autorin die klassische Legitimationstheorie ab?
Sie argumentiert, dass eine bereits inthronisierte Königin am Höhepunkt ihrer Macht keine solche mythische Rechtfertigung benötigte und der Mythos im nicht-öffentlichen Bereich eines Totentempels zu finden ist.
Welche Bedeutung misst die Autorin dem Löwenbett bei?
Das Löwenbett wird als zentrales Kultobjekt interpretiert, an dem Auferstehungsrituale vollzogen wurden, um die Transformation der verstorbenen Königin in die göttliche Sphäre zu ermöglichen.
- Citation du texte
- M.A. Sabine Neureiter (Auteur), 2006, Diesseits oder Jenseits? Zum Geburtsmythos der Hatschepsut, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/262195