Der höfische Roman „Erec“ Hartmanns von Aue ist der erste Artusroman in deutscher Sprache. Er wurde ca. 1180 verfasst und orientiert sich an der altfranzösischen Vorlage von Chrétiens de Troyes „Erec et Enide“. Dies soll angeblich die einzige Quelle für Hartmann gewesen sein. Dennoch findet man einige deutliche Unterschiede in den beiden Fassungen. Das kann auf die damalige mündliche Überlieferungstradition oder eine eventuelle Akzentverschiebung einer der beiden Autoren zurückgeführt werden.
Betrachtet man nun speziell die Figur des „Keie“ in dem Roman, lassen sich folgende Abweichungen feststellen: In der mittelhochdeutschen Ausgabe wird die Persönlichkeit der Figur mehr betont als in der Version des Chrétiens . Der französische Verfasser dagegen beschreibt Keies Wesen als tüchtig, da dieser seine Aufgaben am Hofe des König Artus sehr ernst nimmt , was in der deutschen Version ungenannt bleibt. Ein weiterer Unterschied ist, dass bei dem deutschen Autor in der Begegnungsszene mit Erec, Keie nicht nur Gaweins Pferd, sondern auch dessen Waffen an sich nimmt, was einer Anmaßung gleichkommt. Des Weiteren ist Keies Auftreten bei Hartmann von feiger Natur, da häufig die Äußerungen des Ritters durchaus dem Höfischen zuzuordnen sind, wären sie nicht mit Hinterhältigem versehen , wovon Chrétien dagegen nichts erwähnt. Dies sind nur einige Beispiele, die die Unterschiede verdeutlichen sollen.
Die Romanfigur „Keie“ kommt nicht nur in diesem Artusroman vor, sondern tritt auch in den folgenden Romanen des Artusstoffs auf, sowie auch in Werken wie z.B. „Parzival“ von Wolfram von Eschenbach und in „Tristan“ von Gottfried von Straßburg. In all den genannten anderen Werken allerdings spielt Keie eine wesentlich größere und weitaus bedeutendere Rolle als im „Erec“ . Seine Figur durchläuft also eine Art „Reifungsprozess“ , da aus dem zufälligen Aufeinandertreffen mit Erec ein strategisch ausgeklügelter Kampf in den Folgeromanen wird . Dadurch, dass „Erec“ der erste Artusroman ist, kann auch die anfängliche Entwicklung, und die damit verbundenen Schwierigkeiten, von Keie nachvollzogen werden.
Warum also ändert Hartmann die von Chrétien bereits konzipierte Figur des Keie und reichert dessen Typmerkmale mit Negativem an? Welche Intention verfolgt er damit? Dies soll im Folgenden anhand einer Funktions- und Typanalyse der Figur Keie im „Erec“ aufgezeigt und erklärt werden. Vergleiche zu Chrétien sollen an manchen Stellen zur Verdeutlichung herangezogen werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Der Keie im „Erec“: Eine Figur am Anfang ihrer Entwicklung
2. Typisierung der Figur Keie
3. Das Geschehen
3.1 Der Kampf mit Erec
3.2 Keie am Artushof
4. Die Auswirkungen von Keies Verhalten
5. Keie vs. Gawein
6. Reflexion auf das Geschehen
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die spezifische Ausgestaltung der Figur des Keie in Hartmanns von Aue Artusroman „Erec“. Dabei liegt der Fokus auf der Analyse seiner Funktion als Antagonist sowie der Identifikation seiner moralischen Ambivalenz im Vergleich zur altfranzösischen Vorlage von Chrétien de Troyes.
- Charakterisierung und Typisierung der Figur Keie
- Vergleichende Analyse zwischen Hartmanns Erec und Chrétiens Erec et Enide
- Untersuchung der handlungsmotivierenden Funktion von Keies Verhalten
- Die antithetische Konzeption von Keie und Gawein
- Die Rolle von Keie als Antagonist des Protagonisten Erec
Auszug aus dem Buch
Typisierung der Figur Keie
Als Truchsess von König Artus ist Keie ein fester Bestandteil der Artusrunde. Da er von Artus dazu ernannt wurde, musste er sich dieses Privileg nicht erarbeiten, was dazu führt, dass die Schätzung dieser Ehre auf Seiten Keies eher einem Selbstverständnis gleicht.
Noch bevor Keie das erste Mal innerhalb der Handlung zu Wort kommt, wird dem unvoreingenommenen Leser ein negativer Wesenszug des Truchsessen vermittelt: Als Keie den verwundeten Erec auf sich zureiten sah, sprach dieser in sîner valscheit. (V. 4629,38) Dieser Aspekt wird kurze Zeit später, in Vers 4678, wiederholt (valsche Keiîn). Ein weiteres Typmerkmal dieser Figur ist das eines argen zagen (V.4710), als Keie kampflos vor Erec flieht, was auch wieder seine negative Seite betont. Als er danach seine Niederlage am Artushof zugeben muss, verschönert Keie die Geschichte zu seinen Gunsten. Dies zeigt, dass er es versteht, sich selbst in ein gutes Licht zu rücken, da ihm eine gute Selbstdarstellung wichtiger zu sein scheint, als innere Integrität. Trotz all seiner minderguten Eigenschaften besitzt Keie dennoch einige positive Wesensmerkmale: Er ist König Artus ein treuer und aufrichtiger Diener und beugt sich den Anweisungen Gaweins, als dieser ihn für seine List braucht (V. 5013-15).
Der folgende Textauszug stellt einen Exkurs Hartmanns von Aue dar, der in der Fassung von Chrétien de Troyes nicht zu finden ist, in dem er die Zwiespältigkeit des Charakters von Keie sehr deutlich aufzeigt. Deshalb soll der Auszug in seiner vollen Länge aufgeführt werden:
Zusammenfassung der Kapitel
1. Der Keie im „Erec“: Eine Figur am Anfang ihrer Entwicklung: Einleitung in das Thema, wobei die Unterschiede zwischen der deutschen Fassung und der altfranzösischen Vorlage hervorgehoben werden.
2. Typisierung der Figur Keie: Analyse der wesentlichen Charaktereigenschaften von Keie, insbesondere seiner negativen Züge im Kontrast zu seiner Rolle als treuer Diener.
3. Das Geschehen: Untersuchung der konkreten Handlungsabläufe, speziell des Kampfes gegen Erec und seines Verhaltens bei der Rückkehr an den Artushof.
4. Die Auswirkungen von Keies Verhalten: Beleuchtung der Konsequenzen von Keies unritterlichem Handeln für die höfische Ethik und die Entwicklung des Protagonisten Erec.
5. Keie vs. Gawein: Gegenüberstellung der beiden gegensätzlichen Figuren und Erläuterung des sogenannten Wetterhäuschenmechanismus.
6. Reflexion auf das Geschehen: Zusammenfassende Betrachtung der Antagonisten-Rolle Keies und Fazit über Hartmanns Intention der Authentizität.
Schlüsselwörter
Keie, Erec, Hartmann von Aue, Artusroman, Antagonist, Gawein, Mittelalter, Höfische Literatur, Ritterlichkeit, Charakteranalyse, Typisierung, Literaturwissenschaft, Funktion, Höfische Ethik, Literaturvergleich.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der literarischen Ausgestaltung und der funktionalen Rolle der Figur des Truchsessen Keie im Artusroman „Erec“ von Hartmann von Aue.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Typisierung von Keie, der Vergleich mit der altfranzösischen Quelle sowie die Einordnung von Keie als Antagonist in den Kontext der höfischen Gesellschaft.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie Hartmann durch die spezifische Charakterisierung des Keie dessen Rolle als Antagonist nutzt, um das ritterliche Ideal des Protagonisten Erec zu schärfen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine Funktions- und Typanalyse, um durch Textstellenbelege und den Vergleich mit der Vorlage von Chrétien de Troyes eine fundierte Charakterdeutung vorzunehmen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse von Keies Charaktermerkmalen, seine spezifischen Interaktionen mit Erec und Gawein sowie die Auswirkungen seines Handelns auf die Artusgesellschaft.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich besonders durch Begriffe wie Artusritter, höfische Ethik, Antagonist, Authentizität und den literarischen Vergleich definieren.
Was bedeutet der „Wetterhäuschenmechanismus“ im Kontext von Keie und Gawein?
Dieser Begriff beschreibt die auffällige Beobachtung, dass Keie und Gawein in der Handlung fast nie gemeinsam im Fokus stehen, ähnlich wie die Figuren einer Wetteruhr, die sich gegenseitig ablösen.
Wie unterscheidet sich Hartmanns Keie von der Vorlage bei Chrétien de Troyes?
Hartmann fügt seinem Keie deutlich mehr negativ konnotierte Wesenszüge bei, wie z. B. Feigheit und Falschheit, um ihn als menschlicheren und authentischeren, aber dennoch unvollkommenen Typus darzustellen.
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- Anonym (Author), 2011, Die Figur und Funktion des Keie in Hartmanns von Aue "Erec", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/262222