Die Figur und Funktion des Keie in Hartmanns von Aue "Erec"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011
12 Seiten, Note: 2,3
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Der Keie im „Erec“: Eine Figur am Anfang ihrer Entwicklung

2. Typisierung der Figur Keie

3. Das Geschehen
3.1 Der Kampf mit Erec
3.2 Keie am Artushof

4. Die Auswirkungen von Keies Verhalten

5. Keie vs. Gawein

6. Reflexion auf das Geschehen

Literaturverzeichnis

1. Der Keie im „Erec“: Eine Figur am Anfang ihrer Entwicklung

Der höfische Roman „Erec“ Hartmanns von Aue ist der erste Artusroman in deutscher Sprache. Er wurde ca. 1180 verfasst und orientiert sich an der altfranzösischen Vorlage von Chrétiens de Troyes „Erec et Enide“. Dies soll angeblich die einzige Quelle für Hartmann gewesen sein. Dennoch findet man einige deutliche Unterschiede in den beiden Fassungen. Das kann auf die damalige mündliche Überlieferungstradition oder eine eventuelle Akzentverschiebung einer der beiden Autoren zurückgeführt werden.

Betrachtet man nun speziell die Figur des „Keie“ in dem Roman, lassen sich folgende Abweichungen feststellen: In der mittelhochdeutschen Ausgabe wird die Persönlichkeit der Figur mehr betont als in der Version des Chrétiens[1]. Der französische Verfasser dagegen beschreibt Keies Wesen als tüchtig, da dieser seine Aufgaben am Hofe des König Artus sehr ernst nimmt[2], was in der deutschen Version ungenannt bleibt. Ein weiterer Unterschied ist, dass bei dem deutschen Autor in der Begegnungsszene mit Erec, Keie nicht nur Gaweins Pferd, sondern auch dessen Waffen an sich nimmt, was einer Anmaßung gleichkommt. Des Weiteren ist Keies Auftreten bei Hartmann von feiger Natur, da häufig die Äußerungen des Ritters durchaus dem Höfischen zuzuordnen sind, wären sie nicht mit Hinterhältigem versehen[3], wovon Chrétien dagegen nichts erwähnt. Dies sind nur einige Beispiele, die die Unterschiede verdeutlichen sollen.

Die Romanfigur „Keie“ kommt nicht nur in diesem Artusroman vor, sondern tritt auch in den folgenden Romanen des Artusstoffs auf, sowie auch in Werken wie z.B. „Parzival“ von Wolfram von Eschenbach und in „Tristan“ von Gottfried von Straßburg. In all den genannten anderen Werken allerdings spielt Keie eine wesentlich größere und weitaus bedeutendere Rolle als im „Erec“[4]. Seine Figur durchläuft also eine Art „Reifungsprozess“[5], da aus dem zufälligen Aufeinandertreffen mit Erec ein strategisch ausgeklügelter Kampf in den Folgeromanen wird[6]. Dadurch, dass „Erec“ der erste Artusroman ist, kann auch die anfängliche Entwicklung, und die damit verbundenen Schwierigkeiten, von Keie nachvollzogen werden. Hier wird ersichtlich, dass Hartmann von Aue noch kein allzu großes Interesse an der Keie-Figur zu haben schien, da er diesen „völlig isoliert und unvorbereitet“[7] in die Romanhandlung einbaut.

Warum also ändert Hartmann die von Chrétien bereits konzipierte Figur des Keie und reichert dessen Typmerkmale mit Negativem an? Welche Intention verfolgt er damit? Dies soll im Folgenden anhand einer Funktions- und Typanalyse der Figur Keie im „Erec“ aufgezeigt und erklärt werden. Vergleiche zu Chrétien sollen an manchen Stellen zur Verdeutlichung herangezogen werden.

2. Typisierung der Figur Keie

Als Truchsess von König Artus ist Keie ein fester Bestandteil der Artusrunde. Da er von Artus dazu ernannt wurde, musste er sich dieses Privileg nicht erarbeiten, was dazu führt, dass die Schätzung dieser Ehre auf Seiten Keies eher einem Selbstverständnis gleicht.

Noch bevor Keie das erste Mal innerhalb der Handlung zu Wort kommt, wird dem unvoreingenommenen Leser ein negativer Wesenszug des Truchsessen vermittelt: Als Keie den verwundeten Erec auf sich zureiten sah, sprach dieser in sîner valscheit. (V. 4629,38)[8] Dieser Aspekt wird kurze Zeit später, in Vers 4678, wiederholt (valsche Keiîn). Ein weiteres Typmerkmal dieser Figur ist das eines argen zagen (V.4710), als Keie kampflos vor Erec flieht, was auch wieder seine negative Seite betont. Als er danach seine Niederlage am Artushof zugeben muss, verschönert Keie die Geschichte zu seinen Gunsten. Dies zeigt, dass er es versteht, sich selbst in ein gutes Licht zu rücken, da ihm eine gute Selbstdarstellung wichtiger zu sein scheint, als innere Integrität[9]. Trotz all seiner minderguten Eigenschaften besitzt Keie dennoch einige positive Wesensmerkmale: Er ist König Artus ein treuer und aufrichtiger Diener und beugt sich den Anweisungen Gaweins, als dieser ihn für seine List braucht (V. 5013-15).

Der folgende Textauszug stellt einen Exkurs Hartmanns von Aue dar, der in der Fassung von Chrétien de Troyes nicht zu finden ist, in dem er die Zwiespältigkeit des Charakters von Keie sehr deutlich aufzeigt. Deshalb soll der Auszug in seiner vollen Länge aufgeführt werden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dieser Textauszug hebt zwei Eigenschaften des Keie besonders hervor: triuwen und valsche. Daran lässt sich deutlich erkennen, wie hin- und hergerissen Keie innerhalb seines Wesen sein muss, steht er doch auf der einen Seite mit Treue, Tapferkeit und Reue, auf der anderen Seite mit Falschheit, Feigheit und Bosheit im Zwiespalt[10].

Bei Chrétien de Troyes dagegen besitzt der Truchsess nicht so viele negativ konnotierte Wesenszüge; der altfranzösische Autor lässt ihn nicht als zagen auftreten, die Lüge bei Hofe kommt nicht vor, außerdem ist er in seiner Fassung nicht von Ruhmsucht und Bosheit besessen[11]. Der französische Dichter rückt eher das „schroffe Nebeneinander von Tapferkeit und Lächerlichkeit, von Mut und Gejammer“[12] ins Zentrum der Aufmerksamkeit.

3. Das Geschehen

3.1 Der Kampf mit Erec

Als Keie auf den verwundeten Erec trifft, wittert dieser sofort seine große Chance: Er will die schwache Situation des allseits bekannten Helden ausnutzen und ihn als Gefangenen zu König Artus bringen, um seine große Tapferkeit unter Beweis zu stellen. Erec durchschaut dies aber und weiß sich dem Fremden entgegenzusetzen. Das folgende Gespräch der beiden ist für Keie die Einleitung zum Angriff: Das Verhalten seines Gegenüber reizt Keie so sehr, dass er in dessen Zügel greift und versucht ihn mit Gewalt hinfort zunehmen. Er lässt sich in einem von ihm heraufbeschworenen Streit von seiner Zügellosigkeit und Aggressivität hinreißen, die in immer wieder in unangenehme Situationen bringen[13]. Keies valsches (V. 4642) Benehmen provoziert wiederum Erec, welcher ihn dann kurzerhand lediglich mit seinem umgedrehten Speer, da er ihn nicht als ebenbürtigen Gegner ansieht[14], vom Pferd stößt, so dass dieser wie ein sac/ under dem rosse lac (V. 4730-31). Hier lässt sich anhand der Wort- und Sprachwahl von Hartmann eine gewisse Ironie feststellen, da er diese „typische Bestrafung der Keiefigur“[15] mit einem frönenden Unterton beschreibt. Auch als Keie seinen Besieger nach dessen Namen fragt wird ersichtlich, dass er sich nicht, im Gegensatz zu Erec, an die ritterlichen Sitten hält, da nur ein Unterlegener seinen Namen preisgeben muss[16]. Dieses Verhalten von Keie grenzt fast an Beleidigung.

[...]


[1] Haupt, Jürgen: Der Truchseß Keie im Artusroman. Untersuchungen zur Gesellschaftsstruktur im höfischen Roman. In: Philologische Studien und Quellen. Hsg.: Wolfgang Binder, Hugo Moser, Karl Stachmann. Berlin 1971. (=Heft 57). S. 79.

[2] Ebd. S. 14.

[3] Schmitz, Bernhard Anton: Gauvain, Gawein, Walewein. Die Emanzipation des ewig Verspäteten. In: Hermaea: Germanistische Forschungen. Neue Folge. Hsg.: Joachim Heinzle, Klaus-Detlef Müller. Tübingen 2008. (Bd. 117). S. 156-57.

[4] Ebd. S. 39.

[5] Haupt, Jürgen: Der Truchseß Keie im Artusroman. S. 95.

[6] Ebd. S. 95.

[7] Haupt, Jürgen: Der Truchseß Keie im Artusroman. S. 17.

[8] Hartmann von Aue: Erec. Hg., übers. und komm. von Volker Mertens. Stuttgart 2008. (RUB Nr. 18530).

[9] Haupt, Jürgen: Der Truchseß Keie im Artusroman. S 36.

[10] Haupt, Jürgen: Der Truchseß Keie im Artusroman. S. 35.

[11] Ebd. S. 34.

[12] Ebd. S. 16.

[13] Haupt, Jürgen: Der Truchseß Keie im Artusroman. S. 15.

[14] Ebd. S. 15.

[15] Schmitz, Bernhard Anton: Gauvain, Gawein, Walewein. S. 156.

[16] Haupt, Jürgen: Der Truchseß Keie im Artusroman. S. 14.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Die Figur und Funktion des Keie in Hartmanns von Aue "Erec"
Hochschule
Universität Regensburg
Note
2,3
Jahr
2011
Seiten
12
Katalognummer
V262222
ISBN (eBook)
9783656512318
ISBN (Buch)
9783656514725
Dateigröße
491 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
figur, funktion, keie, hartmanns, erec
Arbeit zitieren
Anonym, 2011, Die Figur und Funktion des Keie in Hartmanns von Aue "Erec", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/262222

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