Organisationales und individuelles Lernen: Ein Vergleich


Hausarbeit, 2013

12 Seiten, Note: bestanden


Leseprobe

1. Einleitung

Lernen nimmt im Leben der Individuen einen Raum von großer Wichtigkeit ein, gerade in modernen Gesellschaften, in denen das lebenslange Lernen von großer Bedeutung ist. Menschen lernen aus vielfältigen Gründen, beispielsweise, um eine gewisse Art von Selbstständigkeit zu erlangen, um lebensfähig zu sein oder, um Erfolge in der Berufswelt erzielen zu können und somit ihre Existenz zu sichern. Das Phänomen des lebenslangen Lernens deutet darauf hin, dass das Lernen in modernisierten Gesellschaften für alle Menschen in all den verschiedenen Lebensphasen und -bereichen unabdingbar ist. Jedoch nicht nur das lebenslange Lernen ist in modernen Gesellschaften sehr bedeutsam, sondern auch das organisationale Lernen, also jene Lernform, die sich in Organisationen vollzieht. Seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts ist man sich im wissenschaftlichen Diskurs darüber einig, dass die organisationale Lernfähigkeit unabdingbar für das Überleben einer Organisation geworden ist. Durch den stetigen Fortschritt in den modernisierten Gesellschaften müssen Organisationen fähig sein, mit Veränderungen und neuen Herausforderungen umzugehen, um wettbewerbsfähig bleiben zu können. Dies kann nur gesichert werden, wenn solche komplexe Systeme im Stande dazu sind, sich und ihre Handlungsstrategien weiter zu entwickeln. Angesichts dessen ist das organisationale Lernen unabdingbar geworden.

Im Rahmen dieser Hausarbeit soll in einem pädagogischen Kontext der Frage nachgegangen werden, was das organisationale Lernen vom individuellen Lernen unterscheidet, und in welchem Verhältnis die beiden Lernformen zueinander stehen. Dazu wird in einem ersten Schritt zu klären sein, wie diese zwei Formen des Lernens im wissenschaftlichen Diskurs definiert werden. Dabei wird bei beiden Begriffen zunächst einmal theorieübergreifend hervorgehoben, was man unter ihnen versteht, bevor anschließend aus einer jeweils ausgewählten wissenschaftlichen Perspektive genauer auf diese Lernprozesse eingegangen wird. In einem letzten Punkt soll schließlich auf die Forschungsfrage eingegangen werden, wobei es darum geht, die beiden Lernformen voneinander abzugrenzen, und somit die Unterschiede aufzuzeigen. Abschließend wird erläutert, in welchem Zusammenhang die individuellen und organisationalen Lernprozesse zueinander stehen.

2. Definition der Begriffe individuelles und organisationales Lernen

2.1 Klärung des Begriffs individuelles Lernen

Im 20. Jahrhundert begann man bereits Lernprozesse, die sich bei Individuen vollziehen, zu erforschen, was bedeutet, dass man sich wissenschaftlich weitaus früher mit dem Begriff des individuellen Lernens auseinandergesetzt hat, als mit dem organisationalen Lernbegriff. Ein Lernprozess kann dabei als „(…) ein durch ein Ereignis ausgelöster Ablauf von Aktivitäten und/oder Zuständen“ (Liebsch 2011, S. 36) definiert werden. Dieser Lernvorgang „(…) hat Auswirkungen, liefert Ergebnisse und mündet in einen Endzustand (Konsequenz)“ (ebd.). Durch ihn wird sowohl im menschlichen Wissen als auch im Können eine Veränderung herbeigeführt, wobei ersteres die Ausbildung neuer fachspezifischer Kenntnisse oder Denkweisen und letzteres die Fähigkeit des Menschen umfasst, dieses neu gewonnene Wissen umsetzen zu können (vgl. Schüerhoff 2006, S. 63 f.). Wie sich Lernprozesse auf individueller Ebene vollziehen, kann man jedoch nicht verallgemeinern, da eine große Vielfalt an wissenschaftlichen Überlegungen diesbezüglich existiert. Damit einhergehend herrscht auch eine Heterogenität an Lernbegriffen, die sich auf Grund des Bezugs zu unterschiedlichen lerntheoretischen Perspektiven ergibt. Wenngleich der Begriff des individuellen Lernens je nach Bezugnahme zu verschiedenen Lerntheorien unterschiedlich definiert wird, so besteht jedoch wissenschaftlicher Konsens darüber, dass das Lernen als hypothetisches Gebilde besteht und es nur indirekt beobachtbar ist (vgl. Liebsch 2011, S. 18). Die in der Literatur aufgeführten drei zentralen psychologischen Lerntheorien, bei welchen der Fokus auf dem lernenden Individuum liegt, umfassen in chronologischer Reihenfolge den Behaviorismus, den Kognitivismus sowie den Konstruktivismus. Auch wenn diese drei lernpsychologischen Theorien unterschiedliche Auffassungen von Lernen vertreten, so ist ihnen jedoch gemeinsam, dass sie „(…) komplexe Lernprozesse von Menschen, im Sinne der Aneignung oder des Abbaus von Verhalten und die damit verbundenen Lernbedingungen“ (ebd., S. 115) betrachten. Aus ihrer Sicht ergibt sich also durch das individuelle Lernen eine Modifikation im Verhalten bzw. im Verhaltenspotenzial des Individuums, welche sich durch Erfahrung vollzieht, indem der Mensch mit gewissen Situationen wiederholt konfrontiert wird und die daraus gewonnenen Resultate im Gedächtnis speichert. Die behavioristischen und kognitiven Ansätze des individuellen Lernens weisen jedoch jenes Defizit auf, den sozialen Kontext, in den das Individuum eingebunden ist, zu vernachlässigen und somit rein intraindividuelle Lernprozesse zu betrachten. Hingegen der konstruktivistische Ansatz, der Bezugnahme zu Jean Piagets entwicklungspsychologischen Erkenntnissen nimmt, berücksichtigt, dass das Individuum in interaktionistischen Beziehungen mit seiner Umwelt steht. Im Folgenden soll daher der Fokus auf den wesentlichen Aspekten des individuellen Lernens aus konstruktivistischer Sichtweise liegen (vgl. ebd., S. 117). Konstruktivistisch gesehen wird Lernen als „(…) ein aktiver individueller und kreativer Konstruktionsprozess [aufgefasst], indem die vermeintlich objektive Wirklichkeit subjektiv konstruiert wird“ (ebd., S. 56). Lernen erfolgt somit in einer aktiven Form durch das handelnde, lernende Individuum selbst. Es konstruiert die Wirklichkeit als sein eigenes Bild der Umwelt und sieht sich nicht mehr einer objektiv geltenden Wirklichkeit gegenüber gestellt (vgl. ebd., S. 55 f.). Der Konstruktivismus hebt sich eben genau dadurch von den anderen Lerntheorien ab, indem er davon ausgeht, dass das Wissen im Menschen selbst existent ist und somit nicht von außen produziertes Wissen im Individuum verankert werden muss (vgl. Neubert et al. 2001, S. 256). All diese bisher aufgeführten Gedanken sind auch bei Piaget, der den Konstruktivismus stark geprägt hat, zu finden: „Piaget hat erkannt, dass ein Lerner zunächst immer aus eigener Aktion heraus lernt, dass er dabei sich seine Wirklichkeit konstruiert, die er dann in Abgleich mit seiner Umwelt bringen muss“ (ebd., S. 254 f.). Dabei bildet die Basis des Lernens die eigene Experience, also die individuelle Erfahrung, wobei das Individuum eigene Werte, Überzeugungen, Muster und bereits gemachte Erfahrungen in den Lernprozess mit einbringt. Jedoch nicht nur diese, sondern auch die Beziehungen zur Umwelt beeinflussen den Vorgang hinsichtlich der Annahme, Weiterführung und Entwicklung des Lernens entscheidend (vgl. ebd., S. 256). So stellt zum einen der Besitz von Vorwissen die Prämisse für das Erlangen von neuem Wissen dar, und zum anderen können Interaktionen zur Umwelt, beispielsweise jene zum Lehrer, den aktiven Konstruktionsprozess fördern. Jedoch sei betont, dass das individuelle Lernen aus kons-truktivistischer Sicht nicht die reine Vermittlung von Wissen darstellt, da der lernende Mensch selbst die treibende Kraft ist, um diesen Prozess vollziehen zu können. (vgl. Liebsch 2011, S. 56 ff.). Seine Umwelt kann lediglich als eine unterstützende Kraft beim Lernvorgang gesehen werden.

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Details

Titel
Organisationales und individuelles Lernen: Ein Vergleich
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Pädagogik)
Veranstaltung
Organisationspädagogik
Note
bestanden
Autor
Jahr
2013
Seiten
12
Katalognummer
V262403
ISBN (eBook)
9783656512127
ISBN (Buch)
9783656511779
Dateigröße
449 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Argyris/Schön, Konstruktivismus, individuelles Lernen, organisationales Lernen, Organisationspädagogik
Arbeit zitieren
Eva Herrmann (Autor), 2013, Organisationales und individuelles Lernen: Ein Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/262403

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