Das Verstehen: Die hermeneutische Grundlage der Erziehungswissenschaften


Hausarbeit, 2012

14 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

1. Einleitung

Der hermeneutische Ansatz ist für die Erziehungswissenschaft vom historischen Interesse, da er die wissenschaftstheoretische Grundposition der Geisteswissenschaftlichen Pädagogik darstellt. Bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein ist sie die dominierende Richtung der deutschsprachigen Erziehungswissenschaft.

Die Pädagogik wurde von den Vertretern der Geisteswissenschaftlichen Pädagogik als eine Geisteswissenschaft angesehen, weil das Verstehen als deren methodische Grundposition galt. Die wissenschaftstheoretische Grundlegung dieser Auffassung lieferte die Hermeneutik als die Lehre vom Verstehen.

Seit der „realistischen Wendung“ in den 1960er Jahren wird die Erziehungswissenschaft allerdings überwiegend nicht mehr als Geistes-, sondern als Sozialwissenschaft angesehen. Somit kam es zu einer Zwitterstellung der Erziehungswissenschaft.

Vor dem Hintergrund der Erklären – Verstehen – Debatte steht sie vor der Alternative, sich entweder als empirisch – analytische Sozialwissenschaft zu verstehen oder aber sich als verstehende Sozialwissenschaft zu begreifen, die das Verstehen als ihre methodische Grundoperation betrachtet.[1]

Im Vordergrund dieser Hausarbeit steht die Abhandlung „Entstehung der Hermeneutik“ von Wilhelm Dilthey. Sie soll als Ausgangstext fungieren. In dieser Abhandlung wird die Bedeutung des Verstehens erläutert. Davor wird Diltheys Weg zur Hermeneutik beschrieben, um ein besseres Verständnis zu ermöglichen. Im weiteren Verlauf werden zwei weitere Autoren vorgestellt, welche ebenfalls den Verstehensbegriff definieren werden. Dabei handelt es sich um Helmut Danner und Hans – Christoph Koller, die sich auch auf Dilthey beziehen. Zudem wird Hans – Christoph Koller ebenso auf Wolfgang Klafki eingehen. Auch hier wird die Bedeutung des Verstehens herausgearbeitet sowie ihre Möglichkeiten und Grenzen aufgezeigt. Der Schluss besteht aus einem Fazit über den Terminus „Verstehen“ und eine Zusammenfassung der hermeneutischen Auslegung.

2. Wilhelm Dilthey: Entstehung der Hermeneutik

2.1. Diltheys Weg zur Hermeneutik

Wilhelm Dilthey (1833 – 1911) ist von den methodologischen Herausforderungen des Historismus ausgegangen. Er verstand sich als der Methodologe der historischen Schule. Um die Geisteswissenschaft in ihrem wissenschaftlichen Eigenrecht zu begreifen und vor dem Eindringen naturwissenschaftlicher Methodik zu beschützen, wollte er ihre allgemeingültigen, erkenntnistheoretischen Grundlagen philosophisch rechtfertigen. Dilthey argumentiert, dass alle Wissenschaft Erfahrungswissenschaft ist, aber Erfahrung hat ihren Zusammenhang und ihre Geltung in dem strukturierenden Vernunftsatz des Bewusstseins. Demnach liegt es nahe, in der inneren Erfahrung die objektiven Geltungsbedingungen der Geisteswissenschaften zu finden.

Um 1800 herum muss also die methodologische Erforschung der Geisteswissenschaften unter dem allgemeinen „Satz der Phänomenalität“ geschehen, demzufolge die ganze Wirklichkeit unter den Bedingungen des Bewusstseins steht. Daraus schließt Dilthey, dass erst eine psychologische Grundlagenreflexion imstande sei, die Objektivität geisteswissenschaftlicher Erkenntnis zu begründen. Ihm schwebte dabei eine Psychologie neuer Art vor, die nicht „erklärend“, sondern „verstehend“ verfahren würde. Unter einer erklärenden Psychologie verstand er eine rein kausale Explikation psychischer Phänomene, die das Seelenleben auf eine begrenzte Zahl von eindeutig bestimmten Elementen zurückzuführen beabsichtigte. Demnach will der erklärende Psychologe die seelischen Funktionen durch eine Hypothese eines Zusammenwirkens von einfachen Bestandteilen begreifen. Allerdings lassen sich solche konstruktiven Hypothesen im Bereich der Psychologie nie verbindlich verifizieren. Daher führt er die Idee einer verstehenden Psychologie ein, die von dem Ganzen des Lebenszusammenhanges, wie es im Erlebnis gegeben ist, ihren Ausgang nimmt. Sie ist darum bestrebt, das Seelenleben in seinem ursprünglichen Strukturzusammenhang zu beschreiben und zu „verstehen“. „Die Natur erklären wir, das Seelenleben verstehen wir.“, so lautet Diltheys Leitidee (Grondin 2012, S. 125). Seelische Phänomene haben den Vorzug, dass sie durch inneres Erleben unmittelbar erfasst werden können. Im direkten Innewerden innerer Erlebnisse ist eine feste Struktur unmittelbar und objektiv gegeben.

Die Brücke zu den Geisteswissenschaften schlägt nun der Verstehensbegriff. Dennoch muss man eine Unterscheidung zwischen den Geistes- und Naturwissenschaften vornehmen. Allerdings liegt der Unterschied nicht in ihrem Gegenstand, sondern durch ihr andersgeartetes Verhalten zu ihrem Objekt. Die Intention geht dahin, vom äußeren Ausdruck auf ein Inneres zurückzugehen. Demnach besteht das Geisteswissenschaftliche Verstehen in einem Rückgang vom Geäußerten zum Inneren, genauer gesagt zur Selbstbesinnung. Dieses Verstehen ist ein Rückgang auf ein geistiges Gebilde zu verstehen.

Bezeichnend für Dilthey ist die Ansetzung des Verstehens als einen „Vorgang, in welchem wir aus Zeichen, die von außen sinnlich gegeben sind, ein Inneres erkennen“. (Grondin 2012, S. 128). In Anlehnung an Schleiermacher müsste die Auslegung und Interpretation ein kunstmäßiges Verstehen von dauernd fixierten Lebensäußerungen vollziehen. So wird die Hermeneutik selbst eine „Kunstlehre des Verstehens schriftlich fixierter Lebensäußerungen“ liefern müssen. Allerdings steht nun die Hermeneutik vor neuen Herausforderungen des historischen Relativismus. Von ihr erwartet Dilthey nunmehr die Lösung der Frage nach der „wissenschaftlichen Erkenntnis“ des Individuellen. Damit meint er allgemeingültige Regeln, um das Verstehen vor subjektiver Beliebigkeit zu sichern. Das Verstehen gilt zwar als das grundlegende Verfahren für alle Geisteswissenschaften, aber deren Methodenlehre soll nach wie vor eine „erkenntnistheoretische, logische und methodische Analyse des Verstehens“ sein (Grondin 2012, S. 129).[2]

2.2. Die Bedeutung des Verstehens

In der Abhandlung „Entstehung der Hermeneutik“ behandelt Dilthey die Frage nach der wissenschaftlichen Erkenntnis der Einzelpersonen. Dabei geht er dem Terminus „Verstehen“ nach. Demnach setzt Handeln das Verstehen anderer Personen überall voraus. Ein großer Teil menschlichen Glücks entspringt aus dem Nachfühlen fremder Seelenzustände. Die ganze philologische und geschichtliche Wissenschaft ist auf diese Voraussetzung gegründet. Das historische Bewusstsein ermöglicht dem modernen Menschen die ganze Vergangenheit der Menschheit in sich gegenwärtig zu machen. Wenn die systematische Geisteswissenschaft aus dieser objektiven Auffassung des Singulären allgemeine Verhältnisse und umfassende Zusammenhänge ableiten kann, so blieben die Vorgänge von Verständnis und Auslegung die Grundlage.

[...]


[1] Vgl. Koller 2008. S. 200 – 202

[2] Vgl. Grondin 2012. S. 123 – 130

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Das Verstehen: Die hermeneutische Grundlage der Erziehungswissenschaften
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Pädagogik)
Veranstaltung
Hermeneutik
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
14
Katalognummer
V262406
ISBN (eBook)
9783656512103
ISBN (Buch)
9783656511816
Dateigröße
428 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Verstehen, Hermeneutik, Wilhelm Dilthey, Methoden, geisteswissenschaftliche Pädagogik, Helmut Danner, Hans Christoph Koller, Wolfgang Klafki
Arbeit zitieren
Sarah Christ (Autor), 2012, Das Verstehen: Die hermeneutische Grundlage der Erziehungswissenschaften, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/262406

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