Absichten eines Idealisten. Schillers Projekt der Freiheit


Hausarbeit, 2012
22 Seiten, Note: 1,3
Michael Kepling (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Geschichtsphilosophie
1. Die Jenaer Antrittsvorlesung. Freiheit im historischen Prozess
2. Das Scheitern des universalhistorischen Projekts

III. Klassische Schönheitslehre und Ästhetik
1. Kallias -Briefe. Im Morgenland des Schönen
2. Ästhetische Erziehung. Spielerische Freiheit

IV. Dramentheorie Über das Pathetische und das Erhabene. Agonale Freiheit

V. Fazit

VI. Bibliographie

I. Einleitung

„Schönheit also ist nichts anders, als Freiheit in der Erscheinung“,[1] heißt Schillers klassische ‚Schönheits‘-Definition aus den Kallias -Briefen – eine Definition, die nicht zuletzt aufgrund der Polysemie des Begriffs ‚Freiheit‘ semantisch zunächst unscharf, begrifflich vage, indefinibel erscheinen muss. Schönheit und Freiheit hängen für Schiller per definitionem also zusammen, sie korrelieren, bedingen einander. Schillers Begriff des ‚Schönen‘ kann erst durch den Rekurs auf seine Vorstellung von Freiheit dechiffriert werden. Ganz unmittelbar stellen sich hier die Fragen, was genau Schiller eigentlich als Freiheit gilt, wie sie erreicht respektive verwirklicht werden kann, und wie nun sich das Verhältnis von ‚Schönheit‘ und ‚Freiheit‘ exakt gestaltet – Fragen, die im Folgenden näher beleuchtet werden sollen.

"Durch alle Werke Schillers", schreibt Goethe 1827, "geht die Idee von Freiheit, und diese Idee nahm eine andere Gestalt an, sowie Schiller in seiner Kultur weiter ging und selbst ein anderer wurde.“[2] Tatsächlich steht die Idee der Freiheit im Zentrum des Schillerschen Dichtens und Denkens, der Schillersche Freiheitsenthusiasmus zieht sich – als phänotypische Grundtendenz quasi – durch sein gesamtes Werk. Wie Goethe richtig erkannt hat, gilt es dabei aber stets zu unterscheiden, welche Art von Freiheit gemeint ist. Die Gestalt der Idee ändert sich fortwährend, „alle acht Tage“, schreibt Goethe gar, „war er [Schiller] ein Anderer“[3].

Die Fähigkeit zur intellektuellen Metamorphose, die Goethe hier konstatiert, erweist sich als ein fundamentales Charakteristikum der Schillerschen Persönlichkeit; vor dem Hintergrund einer gesellschaftlichen Umbruchszeit und im Horizont historischer Veränderungsprozesse zeigt sich immer wieder Schillers artistische Begabung, zeigt sich sein Vermögen, nicht persistent an seinen Ideen festzuhalten, sondern sie durch seine reflektierende Kraft zu verändern – ein Vermögen, das sich in der „dynamische[n] Veränderlichkeit seines Oeuvres“[4] erkennbar niederschlägt. Im Folgenden gilt es, jene Veränderlichkeit dezidiert in den Blick zu nehmen, wobei „die Idee von Freiheit“, als zentrales Komplement des Schillerschen Denkens, in den exemplarischen Textanalysen akzentuiert und en détail untersucht werden soll. Insbesondere die Verbindung von Freiheit und Schönheit, also die Übertragung eines objektiv gefassten Schönheitsbegriffes auf das Feld der Moralphilosophie, die Verknüpfung von klassischer Schönheitslehre und Wirkungsästhetik, soll dabei fokussiert werden, um die Begriffe des ‚Schönen‘ und der ‚Freiheit‘ als korrelierende Kategorien gleichermaßen besser fassbar zu machen und Schillers ästhetisch-theoretisches Projekt im Ganzen – freilich in nuce – zu explizieren. Dabei soll vor allem die Absicht und Observanz des Schillerschen Idealismus kenntlich gemacht werden; es soll gezeigt werden, dass Schiller die Frage der Freiheit nie aus dem Blick verliert, dass es ihm immer darum geht, das Freiheitsvermögen und Freiheitsbewusstsein von Mensch und Menschheit zu stärken. Wir nennen dieses große Bestreben fortan Schillers ‚Projekt der Freiheit‘ – ein Projekt, dessen Entwicklungsstationen im Folgenden nachverfolgt und hinsichtlich ihrer geistig-literarischen Zusammenhänge und Wirkabsicht rekonstruiert bzw. analysiert werden, um zugleich die Komplexität des Schillerschen Idealismus offenzulegen.

II. Geschichtsphilosophie

1. Die Jenaer Antrittsvorlesung – Freiheit im historischen Prozess

Schillers Antrittsvorlesung als Philosophieprofessor in Jena, gehalten am 26. Mai 1789 und noch im selben Jahr unter dem Titel Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte publiziert, formuliert als historiographische Programmschrift, ganz im Sinne der Geschichtsideen Schlözers und Kants,[5] Forderungen an eine Geschichtsschreibung, die einer universalgeschichtlichen Perspektive verpflichtet sein soll. Schiller verlangt vom Historiker, durch philosophische Spekulation und „künstliche Bindungsglieder“ die überlieferten „Bruchstücke“ der Geschichte zum vollständigen „System“ zu erheben, um dadurch „einen vernünftigen Zweck in den Gang der Welt, und ein teleologisches Prinzip in die Weltgeschichte“[6] zu bringen. Schiller versteht sich also als Geschichtsphilosoph, der geschichtliche Ereignisse nicht naturalistisch abbildet, nicht lediglich rekonstruiert, sondern den großen Prozess der Weltgeschichte vielmehr als System eines zielgerichteten, vernunftgeleiteten Fortschritts zu konstruieren sucht, als Prozess verketteter historischer Einzelereignisse mit teleologischer Struktur, mit vernünftigem Zweck, der vom Historiker erkannt und, wo nötig, durch Spekulation sowie rhetorisch anspruchsvolle Argumentation akzentuiert werden müsse. Quellenlücken sollen dabei durch erzählerische Konstruktion geschlossen werden – solcherart freilich, dass sie der erkannten höheren Vernunftlogik entspricht.

Der Historiker Schiller erweist sich als Teleologe und Finalist;[7] der optimistische Glaube an den zielgerichteten Fortschritt der Geschichte erinnert als originär aufklärerische Idee – freilich mit Rousseau als großer Ausnahme – unter anderem an Lessings These von der beständigen geistigen Weiterentwicklung der Menschheit, wie er sie in der Erziehung des Menschengeschlechts (1777) theoretisch formuliert und im Nathan (1781) ins Medium der Kunst transferiert, dort schließlich im Schlussbild der zusammengeführten Menschheitsfamilie idealiter beglaubigt. Während bei Lessing allerdings die „göttliche Vorsehung“ in einer mit Religionsphilosophemen versetzten Geschichtsphilosophie eine fundamentale Rolle spielt, während Hegels Konzeption einer vom „Gang des Weltgeistes“ gelenkten Geschichte letztlich gar zur Theodizee wird,[8] so erscheint Schillers Geschichtsphilosophie gänzlich säkularisiert.[9] Die Entwicklung des historischen Prozesses erweist sich bei Schiller als eine menschengemachte. Universalgeschichte statt Heilsgeschichte also, Geschichte als autonome Geschichte der Menschheit – Schillers universalhistorisches Projekt inkludiert bahnbrechende Gedanken.

Es impliziert freilich eine Aufforderung an die Zunft der Geschichtswissenschaft, die Wahrheit zu erforschen, Zusammenhänge, also die Ursachen gegenwärtiger Phänomene, die „genealogische Bedeutung“ vergangener Ereignisse, offenzulegen und selbige als „Wiederschein eines höheren Vernunftgesetzes“[10] zu arrangieren, um dadurch den Fortschritt auf Grundlage der ermittelten Erkenntnis weiter zu befördern. Schiller promoviert den Historiker damit zum Lehrer der Menschheit;[11] es gilt, Geschichte zu lehren, um aus der Geschichte zu lernen. Vor allem aber bedeutet Schillers Projekt eine Aufforderung an den Menschen selbst, den Menschen in genere, der vom Objekt zum Subjekt der Geschichte avanciert, der sich als Subjekt des geschichtlichen Prozesses exponieren kann. Freiheit, nicht zuletzt politische, zu fordern und, wo nötig, auch zu erkämpfen – vielleicht gar durch revolutionären Aufbruch –, wird zur praktizierten Universalgeschichte.

„Kein Mensch muss müssen!“[12], sagt Lessings Nathan zum Derwisch, „Bestimme dich aus dir selbst!“[13], schreibt Kant – Freiheitspostulate, die Schiller gern und oft zitiert, die im Kontext seiner Geschichtsphilosophie nichts Abstraktes mehr haben, die ganz und gar konkret scheinen, deren Verwirklichung zur Aufgabe des Menschheitssubjekts wird:

„Ein edles Verlangen muss in uns entglühen, zu dem reichen Vermächtnis von Wahrheit, Sittlichkeit und Freiheit, das wir von der Vorwelt überkamen und reich vermehrt an die Folgewelt wieder abgeben müssen, auch aus unsern Mitteln einen Beitrag zu legen und an dieser unvergänglichen Kette, die durch alle Menschengeschlechter sich windet, unser fliehendes Dasein zu befestigen.“[14]

Wahrheit, Sittlichkeit und Freiheit schimmern am Ende des historischen Prozesses, am Ende jener Kette der Universalgeschichte, die die verschiedenen Zeitalter verbindet und „unser fliehendes Dasein“, leisten wir nur mit „ unseren Mitteln einen Beitrag“, im Fortschritt des Menschengeschlechts perpetuieren und befestigen kann. Die universalhistorische Kette verweist in die Horizontale, in die Zeit;[15] sie meint keine „Aurea catena Homeri“ oder „Great chain of being“,[16] sondern ist von Menschenhand gemacht – alle Menschen können an ihr mitwirken: „ …etwas dazu steuern können Sie alle!“[17] Das Indefinitpronomen „alle“ schafft Allgemeingültigkeit. Es integriert das Menschengeschlecht im Ganzen in Schillers großes Projekt, schärft schon Jahre, bevor Fichte mit seiner Wissenschaftslehre die Philosophie revolutionären wird, das Bewusstsein des Individuums für den Ich-Anteil an der Weltbildung, denn „jedem Verdienst ist eine Bahn zur Unsterblichkeit aufgetan“[18]. Unsterblichkeit garantiert kein göttlicher Lenker mehr, sondern die Tat, das Mitwirken an der universalhistorischen Kette. Es ist keine höhere Instanz, die judiziert, die über Sterblichkeit und Unsterblichkeit des handelnden Subjekts befindet – es ist die Weltgeschichte, die als Weltgericht fungiert.

[...]


[1] Schiller, Friedrich: Kallias, oder über die Schönheit. Briefe an Gottfried Körner. In: Schiller. Theoretische Schriften. Hg. von Rolf-Peter Janz. Frankfurt am Main 2008, S. 285. Schillers theoretische Texte werden, sofern möglich, nach selbiger Ausgabe zitiert; fortan jeweils unter Angabe des Titels der Primärschrift sowie der Seitenangabe im von Janz herausgegeben Sammelband (z.B. hier: Schiller: Kallias, S. 285.).

[2] Goethe im Gespräch mit Eckermann am 18.1.1827. Zit. nach Burchell, Friedrich: Friedrich Schiller. Hamburg 1958, S. 118.

[3] Goethe im Gespräch mit Eckermann am 18.1.1925. Zit. nach: Hinderer, Walter: Schiller und kein Ende. Metamorphosen und kreative Aneignung. Würzburg 2009, S. 7.

[4] Alt, Peter- André: Schiller. Leben – Werk – Zeit. Band 2. München 2000, S. 23.

[5] Vgl. dazu die Erläuterungen von Alt, Peter- André: Friedrich Schiller. München 2004, S. 61-63; ders.: Schiller. Leben – Werk – Zeit. Bd. 1. München 2000, S. 604-613.

[6] Schiller, Friedrich: Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?. In: Schillers Werke. Nationalausgabe, Weimar 1943 ff., begr. v. Julius Petersen, fortgef. v. Lieselotte Blumenthal und Benno v. Wiese, seit 1992 im Auftrag der Stiftung Weimarer Klassik und des Schiller-Nationalmuseums Marbach a. N. hg. von Norbert Oellers, Bd. 17, S. 373 f.

[7] Oellers, Norbert: Schiller. Elend der Geschichte, Glanz der Kunst. Stuttgart 2005, S. 422.

[8] Riedel, Wolfgang: Die anthropologische Wende: Schillers Modernität. In: Hinderer, Walter (Hrsg.): Schiller und der Weg in die Moderne. Würzburg 2006, S. 143-164.

[9] Grundlegend für die Trennung von Geschichte und Theologie war zunächst Voltaires „Essai sur les moeurs et l’esprit des nations“ (1756), in dem Weltgeschichte und Heilsgeschehen konsequent getrennt wurden. Dass Schillers „Jungfrau von Orleans“ (1801), auch als Gegenentwurf zu Voltaires „Pucelle“ verfasst, in diesem Kontext Rätsel aufgibt, kann an dieser Stelle freilich nicht weiter erörtert werden.

[10] Alt: Friedrich Schiller, S. 64.

[11] Oellers: Schiller, S. 423.

[12] Vgl. Schiller, Friedrich: Über das Erhabene, S. 822.

[13] Vgl. Schiller: Kallias, S. 287 f.

[14] Schiller, Friedrich: Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?. In: Friedrich Schiller, Sämtliche Werke. Auf der Grundlage der Textedition von Herbert G. Göpfert hrsg. von Peter- André Alt, Albert Meier und Wolfgang Riedel. München 2004, Bd. IV, S. 767.

[15] Schings, Hans-Jürgen: Schillers Prosa-Projekt. In: Rill, Bernd (Hrsg.): Zum Schillerjahr 2009. Schillers politische Dimension. München 2009, S. 45-54, hier: S. 51.

[16] Ebd., S. 51.

[17] Schiller: Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?, S. 767.

[18] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Absichten eines Idealisten. Schillers Projekt der Freiheit
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
22
Katalognummer
V262458
ISBN (eBook)
9783656509356
ISBN (Buch)
9783656508977
Dateigröße
551 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
absichten, idealisten, schillers, projekt, freiheit
Arbeit zitieren
Michael Kepling (Autor), 2012, Absichten eines Idealisten. Schillers Projekt der Freiheit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/262458

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