Die Chancenstrukturtheorie von Cloward und ihre Bedeutung für die Theorien abweichenden Verhaltens


Seminararbeit, 2003

15 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Ausgangspunkte
2.1 Emile Durkheims Anomietheorie
2.2 Mertons Erweiterungen
2.3 Die Subkulturtheorie
2.4 Die Theorie der differentiellen Kontakte

3. Die Chancenstrukturtheorie

4. Schlussbemerkung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Begriff der Anomietheorie geht auf Emile Durkheim zurück, der ihn bereits 1893 prägte. Er nutzte ihn „zur Erklärung sozialer Desintegrationserscheinungen im Gefolge der Arbeitsteilung“[1] in modernen Gesellschaften.

Robert K. Merton griff 1938 Durkheims Theorie wieder auf und erweiterte sie um wesentliche Punkte.

Eine weitere soziologische Theorie ist die der differentiellen Kontakte sowie die Subkulturtheorie. Hauptvertreter dieser Denkmodelle waren Clifford R. Shaw, Henry D. McKay und Edwin H. Sutherland.

Die wesentliche Intention, die Richard A. Cloward beim Verfassen seiner Abhandlung „Illegitime Mittel, Anomie und abweichendes Verhalten“[2] hatte, war, eine Verknüpfung der Anomietheorie einerseits und der Subkulturtheorie sowie der Theorie differentieller Kontakte andererseits zu schaffen.

In seiner Einleitung begründet er diesen Versuch mit der Tatsache, dass beide Theorienansätze sich zwar gegenseitig befruchtet haben, sich letztlich jedoch unabhängig voneinander entwickelten.[3]

Diese Arbeit versucht nun, die entstandene Verknüpfung näher zu untersuchen. Dazu ist zunächst nötig, die Theorien, die verknüpft wurden, kurz zu betrachten, um dann auf die entstandene Synthese näher einzugehen und sie kritisch zu betrachten.

2. Die Ausgangspunkte

2.1 Emile Durkheims Anomietheorie

Bereits 1893 wurde der Begriff der Anomie durch den französischen Soziologen Emile Durkheim eingeführt.

Die Entwicklung moderner Industriegesellschaften hatte eine Arbeitsteilung in der Bevölkerung zur Folge. Dadurch kam es zu anderen Abhängigkeitsverhältnissen und schwierigeren sozialen Bindungen der Menschen untereinander als Folge der Schwächung des Kollektivbewußtseins.[4] Definiert ist der Zustand der Anomie somit als Fehlen der organischen Solidarität durch Individualisierung in einer Gesellschaft, d.h., dass es „keine gemeinsamen Verbindlichkeiten, Erwartungen und Regeln mehr gibt, die die Interaktionen der Gesellschaftsmitglieder leiten und steuern“[5].

Durkheim modifiziert diese Definition der Anomie in seinem weiteren Werk. Er beschreibt den Menschen als ein Wesen, dessen Wünsche und Bedürfnisse die Möglichkeiten der Erfüllung ständig übersteigen. Um Abhilfe zu schaffen bedarf es, so Durkheim, einer autoritären Instanz. Diese kann nur die Gesellschaft darstellen, da sie „die einzige dem Individuum überlegene Macht [darstellt], deren Überlegenheit es anerkennt“[6]. Die von dieser Macht aufgestellten Belohnungen verschiedener Leistungen und Regelungen werden von der Gesellschaft anerkannt und als Werte und Normen internalisiert, so dass dadurch Grenzen des Strebens nach mehr gegeben sind, die das Individuum zu einem zufriedenen Leben braucht.

Plötzliche Veränderungen der wirtschaftlichen Situation, seien sie nun positiv oder negativ, können diese Grenzen wieder in Frage stellen. Bei einer plötzlichen Depression fällt es dem Individuum in der Regel schwer, seine Bedürfnisse nach unten zu korrigieren. Ebenso schwierig kann es bei einer plötzlich auftretenden Verbesserung der wirtschaftlichen Lage werden. Die bisher geltenden Ziele und Grenzen werden nicht mehr eingesehen. Es kommt zu einer mangelnden Orientierung, man weiß „nicht mehr, was möglich ist und was nicht, was gerecht ist und was ungerecht, welche Ansprüche und Hoffnungen legitim sind und welche maßlos. Folglich gibt es nichts, das man nicht erstreben könnte.“[7] Gerade in dem Moment, in dem es einer verstärkten Disziplin bedarf, gerät die Gesellschaft durch das Außerkraftsetzen der bisher geltenden Regeln in große Schwierigkeiten, die verstärkt anomisches Verhalten zur Folge haben.

2.2 Mertons Erweiterungen

Als einen zentralen Punkt seiner Überlegungen nennt Robert K. Merton die Tatsache, dass „manche Abweichungen auch als neue Verhaltensmuster betrachtet werden können“[8]. Seine Betrachtungen sind dabei etwas allgemeiner als die Durkheims, da er sich auf soziale und kulturelle Strukturen bezieht, die er im Hinblick auf ihre Auswirkungen auf das Individuum untersucht.[9]

Merton beschreibt, dass kulturelle Ziele einer Gesellschaft und die institutionalisierten Mittel, diese Ziele zu erreichen, sich sehr unterschiedlich entwickeln können. So kann es in Gesellschaften dazu kommen, dass bestimmte Ziele über alles gestellt werden, ohne dass auf institutionalisierte Mittel zur Zielerreichung geachtet wird. Ebenso kann natürlich das Hauptaugenmerk auf die Mittel gelegt werden, ohne dass wirklich ein konkretes Ziel angestrebt wird. In diesem Fall handelt es sich um bloßen Konformismus.[10]

In diesem Zusammenhang entwirft Merton ein Konzept mit fünf Anpassungsarten des Individuums:

1. Konformität
2. Innovation (Neuerung)
3. Ritualismus
4. Apathie (Rückzug)
5. Rebellion.

[...]


[1] Lamnek, Siegfried: Theorien abweichenden Verhaltens, 6. Aufl., München 1996,

S. 108 (nachfolgend zitiert als Lamnek)

[2] im Original: Cloward, A. Richard: Illegitimate Means, Anomie and Deviant Be

havior, in: Sociological Review 24, 1959, S. 164-176

[3] Cloward, A. Richard: Illegitime Mittel, Anomie und abweichendes Verhalten. In:

Sack, Fritz und König,

René (Hrsg.): Kriminalsoziologie, Wiesbaden 1979 (nachfolgend zitiert als

Cloward)

[4] vgl. Lamnek, S. 110

[5] Lamnek, S. 110

[6] Lamnek, S. 111

[7] Lamnek, S.112

[8] Merton, Robert K: Sozialstruktur und Anomie. In: Sack, Fritz und König René

(Hrsg.): Kriminalsozio

logie, Wiesbaden, 1979, S.284 (nachfolgend zitiert als Sack/Merton)

[9] vgl. Lamnek, S. 114

[10] vgl. Sack/Merton, S. 288

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die Chancenstrukturtheorie von Cloward und ihre Bedeutung für die Theorien abweichenden Verhaltens
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Soziologisches Institut)
Note
2,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
15
Katalognummer
V26249
ISBN (eBook)
9783638286473
ISBN (Buch)
9783640157082
Dateigröße
467 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Chancenstrukturtheorie, Cloward, Bedeutung, Theorien, Verhaltens
Arbeit zitieren
Michael Müllers (Autor), 2003, Die Chancenstrukturtheorie von Cloward und ihre Bedeutung für die Theorien abweichenden Verhaltens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/26249

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Chancenstrukturtheorie von Cloward und ihre Bedeutung für die Theorien abweichenden Verhaltens



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden