Diese Hausarbeit hat sich zum Ziel gesetzt, die Beweggründe für die innere Wandlung der Hauptprotagonisten David Lurie (Disgrace) und David Hohl (Hundert Tage) in den beiden Romanen genauer unter die Lupe zu nehmen.
Inhaltsverzeichnis
0. Einführung in die Thematik
1. David Hohl in Hundert Tage
2. David Lurie in Disgrace
3. Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht und vergleicht die Beweggründe für die innere Wandlung der beiden Romanfiguren David Hohl aus Lukas Bärfuss' "Hundert Tage" und David Lurie aus J. M. Coetzees "Disgrace" vor dem Hintergrund ihrer jeweiligen gesellschaftlichen Umbrüche.
- Psychologische Analyse der Charakterentwicklung von David Hohl und David Lurie
- Kritische Beleuchtung europäischer Perspektiven und eurozentrischer Sichtweisen auf Afrika
- Bedeutung von Tier-Metaphorik und deren Symbolcharakter für das Scheitern oder die Reifung der Protagonisten
- Die Rolle der Entwicklungshilfe im Kontext des Genozids in Ruanda
- Umgang mit Schuld, Scham und der eigenen Vergangenheit
Auszug aus dem Buch
1. David Hohl in Hundert Tage
Gleich zu Beginn des Romans wird David Hohl als ein durch und durch besonnenes Kind beschrieben, was kein draufgängerisches Verhalten zeigt und Ärger wenn möglich aus dem Weg geht (S.6). Diese Charaktereigenschaften prägen ihn auch in den Jahren nach der Schule. Mit der Einstellung, für die gerechte Sache einzustehen, macht er sich als 24-jähriger Entwicklungshelfer Ende Juni 1990 auf den Weg nach Kigali, um dort seinen Posten bei der Direktion anzutreten. Auf Seite 7 erklärt er:
„Ich habe an das Gute geglaubt, ich wollte den Menschen helfen wie alle von der Direktion, und nicht nur, um einen Einzelnen aus der Misere zu ziehen, sondern um die Menschheit weiterzubringen“.
Seine erste Begegnung mit einer Afrikanerin erfolgt am Brüsseler Flughafen. An der belgischen Passkontrolle stehend, beobachtet er „eine afrikanische Frau in europäischer Garderobe, Caprihosen, die ihre schlanken Fesseln sehen ließen, offene Schuhe, rot lackierte Zehennägel, etwas, das (er) noch nicht allzu oft gesehen hatte“. Von ihrer Schönheit fasziniert, sieht er, wie die belgischen Zollbeamten sie nicht passieren lassen wollen. Laut Davids Aussage geschah dies nur aufgrund ihrer Hautfarbe. In Wallung geraten, fasst er all seinen Mut zusammen und geht nach vorne, um der „schwachen afrikanischen Frau“ zu helfen, wird von ihr aber „mit Verachtung gestraft“, die selber „gelassen blieb und die Sache an sich vorbeigehen ließ“. Gedemütigt fragt sich David „was diese Ideale (Zivilcourage, Hilfsbereitschaft; Anm. d. Verf.) wert wären, wenn die Schwachen sich nicht helfen lassen wollten und die Hand zurückwiesen, die er ihnen reichte“ (S. 19). Er tröstet sich allerdings damit, indem er sich einredet, „ass sie überhaupt keine Afrikanerin sei“ (S. 20). Davids Verhalten macht deutlich, wie er sich selbst sieht, nämlich als den Retter einer (laut ihm) schwachen, afrikanischen Frau, was eigentlich eine Diskriminierung im doppelten Sinne darstellt.
Zusammenfassung der Kapitel
0. Einführung in die Thematik: Der Abschnitt führt in die Problematik des Völkermords in Ruanda ein und stellt den Roman "Hundert Tage" von Lukas Bärfuss als literarische Auseinandersetzung mit dieser Thematik vor.
1. David Hohl in Hundert Tage: Dieses Kapitel analysiert die negative Identitätsentwicklung von David Hohl, dessen idealistische Grundhaltung als Entwicklungshelfer in der ruandischen Realität scheitert und in zunehmend gewalttätiges, absurdes Verhalten umschlägt.
2. David Lurie in Disgrace: Das Kapitel untersucht die Figur David Lurie, dessen arroganter Lebensstil durch ein Verfahren wegen sexueller Belästigung zusammenbricht und der in der südafrikanischen Provinz einen schmerzhaften Reifungsprozess durchläuft.
3. Schlussbemerkung: Die Arbeit fasst die Ergebnisse zusammen und reflektiert die Problematik des eurozentrischen Blickwinkels, durch den die Protagonisten beide Romane auf die Ereignisse in Afrika schauen.
Schlüsselwörter
Hundert Tage, Disgrace, David Hohl, David Lurie, Ruanda-Genozid, Postapartheid-Ära, Entwicklungshilfe, Eurozentrismus, Identitätswandel, Tier-Metaphorik, Schuld, Scham, Rassismus, Sexualität, Literaturanalyse
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit vergleicht die inneren Entwicklungen der Hauptfiguren in den Romanen "Hundert Tage" und "Disgrace" und untersucht, wie diese Figuren auf gesellschaftspolitische Krisen reagieren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den zentralen Themen gehören Identitätsfindung unter Druck, das Scheitern idealistischer Vorstellungen, postkoloniale Machtstrukturen und der Umgang mit individueller Schuld.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist es, die psychologischen Beweggründe für die Wandlung von David Hohl und David Lurie herauszuarbeiten und zu analysieren, wie ihre persönlichen Transformationen ihre jeweilige Umwelt widerspiegeln.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine vergleichende Literaturanalyse, die auf Basis der Primärtexte und ergänzender wissenschaftlicher Sekundärliteratur eine Charakter- und Motivstudie durchführt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die beiden Romane kapitelweise analysiert, wobei der Fokus auf den persönlichen Krisen, dem Verhalten gegenüber Frauen und der symbolischen Rolle von Tierbegegnungen der Protagonisten liegt.
Welche Schlagworte charakterisieren diese Analyse am besten?
Die Arbeit lässt sich am besten durch Begriffe wie literarischer Vergleich, Identitätskrise, Eurozentrismus-Kritik und postkoloniale Erzählstrukturen beschreiben.
Warum spielt die Tier-Metaphorik in beiden Werken eine so große Rolle?
Die Autoren nutzen den Umgang der Protagonisten mit Tieren als Spiegel für ihren eigenen Zustand – sei es als Instrument zur Machtausübung, als Ausdruck von Mitgefühl oder als Symbol für das eigene Scheitern.
Inwiefern ist David Hohls Entwicklung als besonders negativ zu bewerten?
Hohl wandelt sich vom gutgläubigen Entwicklungshelfer zu einem Mann, der im Kontext des ruandischen Konflikts seine eigene Moral verliert, sich an gewaltsamen Strukturen beteiligt und die Entwicklungshilfe als mitverantwortlich für das Leid entlarvt.
Unterscheidet sich der Wandel von David Lurie von dem von Hohl?
Ja, während Hohl eine nahezu vollständige moralische Verwahrlosung durchläuft, zeigt Lurie Ansätze von Reifung und Buße, wenngleich sein Handeln bis zuletzt ambivalent bleibt.
- Quote paper
- Endrit Malaj (Author), 2012, Die innere Wandlung der Hauptprotagonisten David Lurie (Disgrace) und David Hohl (Hundert Tage), Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/262533