Expressionism - Bilderflut, Bilderwut

Eine erzähltheoretische Deutung einer Novelle Georg Heyms


Hausarbeit, 2013
15 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Nietzsche-Erwägungen

Erzählverhalten und wogende Ebenen

Die Opposition ‚Person‘

Die Opposition ‚Perspektive‘

Die Opposition ‚Modus‘

Schluss

Literatur- und Quellenangaben

Einleitung

Unzweifelhaft schöpft das Werk Georg Heyms seine polarisierende Wirkung aus seinem – für seinen frühen Tod beträchtlichen – Fundus an Lyrik. Nun wird es im Zuge dieser Abhandlung um sein erzählerisches Schaffen gehen. Seine Novellensammlung Der Dieb erscheint posthum im Jahre 1913 und enthält die Novelle Der Irre, die Kern des folgenden Textes sein wird. Im Grunde wird hier eine Interpretation vorgelegt. Diese konzentriert sich aber nicht auf ein werkimmanentes oder autorzentriertes Deutungsziel sondern soll eher im Kontext einer Erzähltheorie zu ergründen versuchen, wie die Motive von Wahnsinn und Rausch, die in den prominenten Gedichten so direkt Erwähnung finden, in Narration umgesetzt werden beziehungsweise wurden.

Mit dieser Hausarbeit soll der Versuch gemacht werden, den Text Heyms kontrastierend zu interpretieren. Hierfür wird ein Text eines Zeitgenossen konsultiert, der, zumindest in seinem Entrückt-sein, der heymschen Erzählung in nichts nachsteht. Mit dem Landarzt, aus der gleichnamigen Erzählungssammlung Franz Kafkas, wird der Novelle eine zeitgenössische Schrift an die Seite gestellt, deren Inhalt scheinbar nicht minder verwirrend ist. Wie gesagt steht der Irre im Fokus. Mit der Wahl einer Erzählung von Franz Kafka soll eine Spannung aufgebaut werden, die sich aus der zeitlichen Nähe in Verbindung mit der so unterschiedlichen epochalen Einordnung ergibt. Bildästhetisch stehen sich die Beiden nicht zwangsläufig gegenüber. Aber um ein anschauliches Beispiel für expressionistische Narration aufzuzeigen zu können, fühlte ich mich veranlasst einen Autor zu wählen, bei dem nicht unbedingt klar ist, wie sein Umgang mit einer Bilderfolge einzuordnen ist.Dabei soll die Methode kein Experiment ins Blaue darstellen. An Hand der Theorie des Erzählens von Franz Stanzel[1] soll versucht werden eine Interpretation zu liefern, die sich der Deutung über den Weg der Erzählforschung zu nähert.

Auf der Suche nach Unterschieden und Gemeinsamkeiten in erzähltheoretischer Hinsicht mögen wir auf die vermeintliche Rezeption eines Friedrich Nietzsche stoßen. Maßgeblicher wird hier aber sein, die von Nietzsche (mindestens) bezweifelte Sinnhaftigkeit auch hier, in der Frage Wer erzählt?, als abgelehnt freizulegen.

Der Irre der mordend, wie im Rausch, über die Lande und Felder zieht und der Landarzt, der wie im Traum einen im wahrsten Sinne des Wortes ausweglosen Krankenbesuch unternimmt. Dies sind die Protagonisten und Namensspender der jeweiligen Texte. Es wird zu zeigen sein, wie eindeutig sich die jeweiligen erzähltheoretischen Kategorien zuordnen lassen.
Die These, die die Interpretation des Irren anleitet, lässt sich aber zunächst schon annähernd fassen: Der Titel der Novelle ist keine geradlinige Zuordnung zu seinem Hauptcharakter. Der Irre stellt sich mitunter als der Erzähler selbst dar, sein Status ist im Kontrast zum Landarzt völlig unklar und scheint den Titel der Novelle selbst zu exemplifizieren.

Nietzsche-Erwägungen

Der Einfluss von Nietzsche auf den Expressionismus lässt sich an Hand von Tagebuchaufzeichnungen und expliziter Rezeption in Schrift und Schreiben recht eindeutig nachvollziehen.[2] Was dieses Unterfangen allerdings im Kontext von Franz Kafka angeht, ist nicht so klar wie bei den Erstgenannten. Es muss allerdings noch einmal gesagt werden, was genau den frühen Exkurs auf den Philosophen motiviert. Am Tod Gottes realisiert sich endgültig der Nihilismus Sachen Sinn und Wahrheit betreffend. Was bleibt ist das Streben nach dem Übermenschen; eine Forderung, die Heym explizit für sich übernimmt: „Nietzsches Lehre gibt unserem Leben einen neuen Sinn, dass wir Pfeile der Sehnsucht seien; nach dem Übermenschen […] O dass es mir nur gelingen möchte, mein Leben nun umzugestalten, um ein Pfeil des Übermenschen zu werden.“[3]

Immoralismus und Sinnlosigkeit (oder Sinnsuche) werden auch im Werk Kafkas aufgearbeitet – auch wenn der Bezug zu Nietzsche nicht so offen ist wie bei Heym. Protagonisten stehen häufig im Spannungsfeld ihrer eigenen Gedanken und einer Außenwelt, die ihnen völlig verschlossen gegenübersteht. Sie machen unbeabsichtigt eine Metamorphose durch, die nicht nur in der gleichnamigen[4] Erzählung zu finden ist. Vielmehr entdecken wir die Verzweiflung an der Sinnlosigkeit an vielen Stellen in den großen Werken des Autors (im Schloß, das Urteil und im Prozess ; um einige zu nennen). Es scheint zwei Ebenen zu geben, die völlig konträr laufen, die Ebene der Hauptfigur und die Außenwelt. Auch im Landarzt bleibt der Protagonist nicht verschont und findet sich völlig ausgeliefert dem kryptischen Geschehen der Welt – obwohl er selbst es doch sein sollte, der den Patienten die Situation erklärt.

„Bei Kafka ist es Angst, die kindlichen Traum und erwachendes Erwachsensein polarisiert.“[5]
Es scheint also, dass der Übermensch kein adäquater Ausweg zu sein scheint, es scheint vielfach keinen Ausweg zu geben, was uns eindrucksvoll an der nicht geschehenden Vollendung des Schlosses vor Augen geführt wurde. Dies mag spekulativer Natur sein, sollten wir aber dennoch festhalten, dass auch hier der Traum, den wir später noch eingehender charakterisieren werden, als entscheidendes Merkmal anerkannt wurde. Dass er ein Hinweis auf fehlenden Sinn darstellt, dürfen wir als bescheideneres Ergebnis für uns zurückbehalten.

Wie gesagt, dürfen wir uns Heyms nihilistische Ambitionen als erwiesen festhalten. Wir finden sie natürlich auch in der Novelle, die Kern dieser Hausarbeit ist. Rauschhaft und somit wohl dionysisch wandelt der Geisteskranke durch die Orte und mordet. Im Hinblick auf unsere spätere Konklusion darf aber nicht übersehen werden: Der Erzähler ist es ja nun, der die Handlungen arrangiert und vor Allem auf kindlich-ästhetische Art kommentiert. Mit der Erwähnung eben jenes Erzählers kommen wir auf die Frage zurück, was die Frage nach Nietzsche überhaupt aufwarf: Der Erzähler ist es ja nun, der mittels Kohärenz und Stringenz die Geschichte konstruiert. Er ist der Mittler,[6] welcher uns die Geschichte nahebringt. Er soll uns Sinn vermitteln. Genau diese Vokabel wird aber von Nietzsche verworfen. Und dies findet sich auch in der Erzählsituation wieder.

Der Ich-Erzähler im Landarzt bleibt, wie oben angedeutet, vor der Hürde auf dem Weg in die Außenwelt stehen. Er kann nur reagieren; und sogar die evaluativen Reaktionen auf das Geschehen werden von eben diesem Geschehen beantwortet, Antworten jedoch, die er wiederum nicht versteht. Hiermit ist gemeint, dass nach einer neuen Bewertung seiner Lage, nachdem er eine Entscheidung für sich gefällt hatte, sofort eine veränderte Welt offenbart wird. [7] Wenn es einen Sinn gäbe, wäre er nicht zu erkennen und könnte dann trotzdem nicht fixiert werden.

[...]


[1] Diese Grundlage ist nicht eben Grundlage geworden weil sie in meinen Augen die Beste ist. Sie gibt klare Kategorien auf, die, zumindest als Impulse behandelt, aus meiner Sicht plausibel und nicht besonders kontrovers zu diskutieren sind.

[2] Diese Unterstellung, sowie die folgenden Aspekte zur literarischen Nietzsche Rezeption entstammen dem ‚unter deutschen Literaten‘ – Band von Bernd Oei. Das Kapitel über Kafka zeigt, dass die Rezeption wohl weniger eindeutig oder intensiv war. Vgl. Oei 2008, Seite 280 ff.

[3] Heym 1960, Seite 44.

[4] Gehen wir von der englischen Übersetzung der Verwandlung aus.

[5] Oei 2008, Seite 55.

[6] Franz Stanzel nennt das Hauptmerkmal der Erzählung Mittelbarkeit.
Vgl. Stanzel 2001, Seite 15f.

[7] Der Arzt findet den Krankgeglaubten als völlig gesund. Nachdem die Familie enttäuscht dreinblickt, entscheidet er sich zu bleiben und findet den Jungen nun mit einer großen und triefenden Wunde.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Expressionism - Bilderflut, Bilderwut
Untertitel
Eine erzähltheoretische Deutung einer Novelle Georg Heyms
Hochschule
Universität Bremen
Autor
Jahr
2013
Seiten
15
Katalognummer
V262554
ISBN (eBook)
9783656509158
ISBN (Buch)
9783656509691
Dateigröße
530 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kafka, Heym, Georg Heym, Franz Kafka, Expressionismus, Narratologie, Erzählung, Novelle, Stanzel, Franz Stanzel, 20. Jahrhundert, Erzähltheorie
Arbeit zitieren
Florian Risch (Autor), 2013, Expressionism - Bilderflut, Bilderwut, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/262554

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