Die paradoxe Spannung von Leid und Liebe als gegenseitige Bedingung

Betrachtung eines klassischen Motivs des Minnesangs


Hausarbeit, 2012
17 Seiten, Note: 3,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Interpretationen
2.1 Den morgenblic bî wahtæres sange erkôs
2.2 Sin hiez mir nie widersagen

3. Tagelied als mögliche Folge des Hohen Minnesangs

4. Wiederholung als Gewaltmoment

5. Tageshass

6. Ehebruch im Kontext der Folgebeziehung von Hoher Minne und Tagelied

7. Die Dialektik

8. Erzähllied

9. Fazit und Resümee

10. Quellenverzeichnis

1.Einleitung

Diese schriftliche Ausarbeitung basiert auf einer Formulierung im Sammelband „Minnesang: Mittelhochdeutsche Liebeslieder“ von Dorothea Klein. Im Anhang an die gesammelten Liebesgedichte findet sich eine tiefgreifende Kommentierung der Schriften und Fragmente. In solch einem Kommentar, nämlich zu Wolfram von Eschenbachs Den morgenblic bî wahtæres sange erkôs, definiert die Herausgeberin das Thema des Liedes hinsichtlich der „Liebe als causa und remedium des Leids“ bzw. des „Leid[s], das umgekehrt die Ekstase hervortreibt.“ Insgesamt ergebe sich hier als eine „paradoxe Spannung“ innerhalb des Liedverlaufs.[1]

Diese Hausarbeit wird die angedeutete Spannung, die scheinbar in einer Art Widerspruch ihre Wurzeln findet, zu bestimmen versuchen. Dabei wird auf die Ausgabe von Dorothea Klein zurückgegriffen, aus welcher einige Texte gegenübergestellt werden sollen. Zum Einen muss natürlich der Ausgangspunkt der Idee zu Worte kommen - und zwar das oben genannte Werk Wolfram von Eschenbachs. Desweiteren Heinrich von Morungens Sin hiez mir nie widersagen. Offensichtlich soll also eine Gegenüberstellung provoziert werden; ein Text aus der Riege des Tagelieds, also eine narrativ geprägte Schrift, und einer aus der Hohen Minne werden dementsprechend kontrastiert. Auf dieser Auswahl soll der Fokus liegen, wobei natürlich auch andere Werke der Autoren oder des Themenbereichs zu Hand genommen werden sollten, beispielsweise eine Pastourelle oder ein Erzähllied, wobei sich die konkrete Auswahl für weitere Primärtexte im Arbeitsverlauf entscheiden wird.

Die Kernfrage wird sich also daran bemessen, inwiefern sich die verschiedenen Minnesang – Typen bezüglich des Leidmotivs unterscheiden und wie sich die Unterschiede an Hand der lyrischen Form ablesen lassen, das heißt wie das Vorhanden- beziehungsweise Abwesend-sein von narrativen Elementen auf das oben erläuterte Spannungsfeld auswirken. Schlüsselbegriffe sind also neben der Liebe und dem Leid als Gegenpole auch die Themenfelder von Gewalt, Macht und Unterwürfigkeit – falls sich dies an diesem Punkt der Arbeit schon herausstellen lässt. Geschlechterrollen oder Geschlechterkonzepte mögen für die Aufklärung der These eine Rolle spielen, sofern dies nicht in eine soziohistorische Untersuchung ausartet, also der literaturwissenschaftlichen Ausarbeitung dient. Trotzdem bleibt die Frage interessant – und diese Frage ist wohl einer der wichtigsten der Mediävistik – inwiefern die Dichter eine Spannung ihrer Zeit verarbeiteten, kritisierten oder zunächst nur kommentierten. Eine Beantwortung kann im Rahmen dieser Arbeit wohl nur am Rande erfolgen.

Eine zugespitzte, definitive Ausformulierung einer Hypothese soll zunächst nicht Ziel der Einleitung werden: Vielmehr halte ich es für sinnvoll die angegeben Primärtexte genau zu analysieren und zu deuten und daraufhin Kontraste und Gemeinsamkeiten herauszustellen, die dann wohl erst in eine entscheidende Richtung führen. So ergibt sich eher ein eindeutiges Bild, das hoffentlich zeigen kann, ob die paradoxe Spannung von Glück verursachendem Leid und umgekehrt, Leid verursachendem Glück ein gattungsspezifisches Strukturmerkmal sein kann.

Zu Grunde liegen, wie gesagt, die Editionen, Kommentare und Übersetzungen von Dorothea Klein aus ihrer umfangreichen Ausgabe. Der Übersicht halber beschränkt sich die Auswahl aller weiteren angesprochenen Gedichte, welche neben den beiden ausführlich besprochenen genannt werden, auf solche, die auch in diesem Reclam-Band aufgeführt sind.

2.Interpretationen

Zum ersten Textzugang und als Ausgangsbasis werden die beiden Lieder erörtert und gedeutet. Dieser erste Eindruck wird der Aufgabenstellung entsprechend ergänzt werden können.

2.1 Den morgenblic bî wahtæres sange erkôs

Wolframs Gedicht ist ein Tagelied. Dieser Feststellung entspringt die Tatsache, dass es sich um einen erzählenden Text handelt, ferner also um einen Text mit monologischen und dialogischen Merkmalen, die von einer Erzählung umrahmt sind.

Im Titel sowie in der ersten Strophe kommen Liedtyp – definierende Elemente zum Einsatz, allen voran der Wächterruf – „das Lied des Wächters“ – der den Tagesanbruch markiert. Hier zeigt sich schon die erste Überzeichnung. Da der Text aus der Sicht der Dame erzählt, ließe sich annehmen, dass sie den blanken Ruf zum Morgengrauen überhöht wahrnimmt, eventuell zu deuten durch das erotische Beisammensein mit ihrem Geliebten. Wie der Text explizit macht, ist dieses Beisammensein geheim und der Morgen enthüllt Selbiges. Deshalb muss der Geliebte das Gemach der Erzählenden verlassen – diese Szene mit dazugehöriger Befindlichkeitsbeschreibung der Dame ist das übergeordnete Motiv des Tageliedes und findet hier bei Wolfram Anwendung. Die Auseinandersetzung mit der Situation spitzt sich vor Allem in der Art zu, als dass die Frau sich am Ende der ersten Strophe klar gegen Tag als imaginierte Person richtet. Das meint, dass die Hilflosigkeit der Erzählerin mit solch einer Personalisierung die Situation zu relativieren und eine Art Schuldigen ausfindig zu machen versucht. Mit ihrem Ausspruch, „Wilde und zam, daz frouwet sich dîn,“[2] zeigt sie, wie die beiden Liebenden vom weltlichen Geschehen – wofür der Tag offenbar Sinnbild ist – ausgeschlossen sind.

Somit passt es ins Motiv, dass der Tag auch selbst aktiv wird. Er dringe mit Gewalt durchs Fenster, obwohl die Liebenden mit weltlichen Mitteln versuchten dies zu verhindern: Das bloße Verriegeln ihrer Kammer kann, obwohl die Dame, wie oben beschrieben, den Tag persönlich anredetet, nicht erfolgreich sein. Der Tag lässt sich also nicht ihren Versuch der personalen Degradierung ein.

Nun folgt der Topos, der in der Einleitung als Ausgangspunkt der Überlegung dargelegt wurde. Der Tag scheint ihr Glück zu zerstören, da nur das Beisammensein dieses Glück aufrechterhält. Es ist ihnen nicht erlaubt, Zeit miteinander zu verbringen. Der Tag legt dies unmissverständlich offen – nur die Nacht erlaubt es, Geheimnisse in dieser Weise zu verbergen. Nun verursacht der Sonnenaufgang aber ein erneutes Bewusstwerden dieser Problematik. Gleichzeitig – und hierauf soll die Betonung liegen – entflammt ihre Leidenschaft erneut. Das Bewusstwerden des Trennungsschmerzes speist sich aus der Liebe zueinander, die durch die genaue Beschreibung der Küsse und Liebkosungen unterstrichen wird. Und auch umgekehrt ist zu bemerken, dass das Leid ja nur so tiefgreifend wirkt, weil sie sich so stark zu lieben scheinen. Im Kommentar heißt es deshalb treffend: „Die Liebenden reagieren […] mit Trauer, aber auch mit gesteigerter Emotionalität und Intimität.“ [3]

Festzuhalten bleibt, dass es sich um benannte Spannungsbeziehung handelt, die in eine chronologisch – narrative Dichtung eingebettet ist.

2.2 Sin hiez mir nie widersagen

Der aus zwei Strophen bestehende Text Heinrichs von Morungen ist ein Paradebeispiel für den Liebesdiskurs, den die Hohe Minne aufgibt. Aus der Sicht eines Erzählers wird die von ihm angebetete aber anonyme Dame überhöht dargestellt und reflektiert. Reflexion meint hier, die Auseinandersetzung mit ihrer Rolle in Bezug auf seine aktuelle, leidvolle Situation: Zwar hat sie in keiner Weise aktiv verletzend gehandelt, jedoch wird ihr gesellschaftliches und äußeres Auftreten – ihre „ethische und ästhetische Vollkommenheit,“[4] – vom Liebenden als Gewalttat ausgelegt. Dass dieser Umstand nicht mehr mit Liebe ertragbar scheint, lässt sich schließen, indem man auf sein aufgegebenes Schweigen hinweist: „des enmac ich langer niht verdagen.“ [5] Es findet sich auch in diesem Lied ein Verweis auf ihre äußere Schönheit, welcher erotisch aufgeladen ist und in der Folge zu seiner bildhaften Gefangenname geführt habe.

[...]


[1] Klein 2010, 519.

[2] Klein 2010, 278.

[3] Ebenda, 519

[4] Klein 2010, 519.

[5] Ebenda, 278.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die paradoxe Spannung von Leid und Liebe als gegenseitige Bedingung
Untertitel
Betrachtung eines klassischen Motivs des Minnesangs
Hochschule
Universität Bremen
Note
3,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
17
Katalognummer
V262557
ISBN (eBook)
9783656508403
ISBN (Buch)
9783656509059
Dateigröße
549 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Minnesang, Leid, Liebe, Tagelied, Pastourelle, Eschenbach
Arbeit zitieren
Florian Risch (Autor), 2012, Die paradoxe Spannung von Leid und Liebe als gegenseitige Bedingung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/262557

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