Das Chinabild in der Philosophie des 18.Jahrhunderts

Komparative Philosophie zwischen europäischer und asiatischer Kultur am Beispiel von Christian Wolffs "Oratio de Sinarum philosophia practica".


Hausarbeit, 2012
23 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhalt

Einleitung: Die Unauflösbarkeit von Verschiedenheit und Gleichheit im Menschen.

1. Komparative Philosophie.
1.1. Die Anfänge der komparativen Philosophie in Europa und das Interesse für China.
1.2. Asiatische vs. europäische Philosophie – was versteht man unter komparativer Philosophie?

2. Christan Wolffs Oratio de Sinarum philosophia practica.
2.1. Wolffs Chinabild.

3. Die Problematik von komparativer Philosophie.
3.1. Vermittlungsversuche zwischen europäischer und asiatischer Philosophie
– Wolffs Versuch einer komparativen Philosophie.

Schluss: Die (Un-)Möglichkeit von komparativer Philosophie

Literaturverzeichnis

Einleitung: Die Unauflösbarkeit von Verschiedenheit und Gleichheit im Menschen.

Verschiedenheit und Gleichheit sind zwei Dinge, die sich von Grund auf widersprechen und miteinander unvereinbar sind. Dennoch sind sie gleichermaßen im Bewusstsein des Menschen verankert und konstituieren auf diese Weise die zwei voneinander verschiedenen Ansichten über das eigene Sein, dass der Mensch sich von Mensch zu Mensch unterscheidet oder es eben von Mensch zu Mensch keine Unterschiede gibt und alle Menschen gleich sind.

Diese Verschiedenheit bzw. Individualität des Menschen lässt somit auf der einen Seite erkennbare Unterschiede zu – die zweifelsohne jedem Individuum zugesprochen werden können, da kein Mensch dem anderen gleicht – und auf der anderen Seite führt diese Verschiedenheit beim Menschen dazu, dass wir alle diese Eigenschaft unseres Seins gemeinsam haben und miteinander teilen. Wir gleichen uns also in der Hinsicht, dass wir alle Individuen sind und obwohl wir dies gemeinsam haben, sind wir doch verschieden.

Dieser Umstand führt dazu, dass die Gleichheit in uns immer einen gewissen Grad an Verschiedenheit beinhaltet und umgekehrt, die Verschiedenheit, die uns auszeichnet, immer auch ein Zeichen für unsere Gleichheit ist. Dieses Paradoxon des menschlichen Seins führt zwangsläufig zu einer Unauflösbarkeit der Verschiedenheit und Gleichheit in unserem Sein. Wir können nicht sagen, dass wir uns von einem anderen Menschen unterscheiden oder einem anderen Menschen gleichen, da weder die Verschiedenheit noch die Gleichheit allein auf den Menschen anwendbar ist. Wir können zwar feststellen, dass in der Natur der Sache der Mensch als eine Spezies angesehen werden muss, wir somit alle gleich sind, aber sobald wir uns dem Aspekt dieser Gleichheit intensiver zuwenden, entdecken wir in der Individualität des Menschen eine Verschiedenheit, die dieser natürlichen Gleichheit widerspricht.

Diese Unauflösbarkeit von Verschiedenheit und Gleichheit spiegelt sich ebenfalls in der komparativen Philosophie wieder. Die unterschiedliche Entwicklung des Menschen führte zwangsläufig zu verschiedenen Lebensweisen, Weltanschauungen, Kulturen und (Lebens-) Philosophien, die mit Hilfe der komparativen Philosophie verglichen werden können, um einen gemeinsamen Nenner zu finden bzw. aus unterschiedlichen Positionen heraus, zu einem Ergebnis zu kommen, das gleichermaßen beide Positionen stärkt, so dass jede Position aus der entgegengesetzten Position etwas lernt. Diese Arbeit untersucht am Beispiel von Christian Wolffs Oratio de Sinarum philosophia practica die Anfänge von komparativer Philosophie, hinterfragt inwieweit Wolff komparative Philosophie betreibt und ob komparative Philosophie aufgrund der Unauflösbarkeit von Verschiedenheit und Gleichheit im Menschen überhaupt möglich ist und wie sie genau definiert werden muss.

1. Komparative Philosophie.

1.1. Die Anfänge der komparativen Philosophie in Europa und das Interesse für China.

Die komparative Philosophie blickt in Europa, ausgenommen von Frankreich, auf keine längere Forschungstradition zurück, was daran liegen mag, dass u.a. Immanuel Kant und G.W.F. Hegel ein negatives Verhältnis zum außereuropäischen Denken besaßen.

Kant und Hegel lehnten die asiatischen Philosophien entschieden ab, so dass diese Art von ablehnender Haltung und Beurteilung außereuropäischen Denkens schließlich dazu führte, dass für all diejenigen, die diese Ansicht teilten oder sich von ihr beeinflussen ließen, außerhalb Europas keine Philosophie existierte und nur die europäische Philosophie als Philosophie angesehen wurde. Edmund Husserl und Martin Heidegger teilten selbst im 20. Jahrhundert noch diese Position, auch für sie gab es außerhalb Europas keine Philosophie. So trug der Einfluss der berühmten und angesehenen deutschen Philosophen seinen Teil dazu bei, „daß eine komparative Philosophie, die den philosophischen Diskurs über den westlichen Horizont hinaus zu erweitern versucht, ohne dabei die europäische Philosophie zu vernachlässigen und gering zu schätzen, bisher noch nicht als eine weitreichende Chance für das gegenwärtige Philosophieren in Deutschland begriffen wurde und sich demgemäß noch keine institutionellen Voraussetzungen dafür gebildet haben“. [1]Indien, China, Japan, Frankreich und Amerika haben sich wesentlich früher und intensiver mit der Disziplin der komparativen Philosophie beschäftigt, obwohl die ersten deutschen Versuche auf dem Gebiet der komparativen Philosophie mehr als 300 Jahre zurückliegen und auf Leibniz und Wolff zurückgehen, scheint in Europa auch heute noch die Ansicht weit verbreitet zu sein, dass nur die europäischen Philosophen ihre Philosophie auch als Philosophie bezeichnen dürfen.

Die geistige Entdeckung Chinas und das Interesse für die chinesische Kultur begannen in Europa hingegen bereits mit der Beschreibung Chinas durch JUAN GONZÁLES DE MENDOZA aus dem Jahre 1585. Während sich aber DE MENDOZAs Report auf Angaben über die Geographie und Verfassung Chinas beschränkte, waren es vor allem jesuitische Missionare um ALESSANDRO VALIGNANO und MATTEO RICCI, die die chinesische Kultur für das europäische Abendland erschlossen. Vor allem MATTEO RICCIs Darstellung des Konfuzianismus vermittelte ein geschlossenes und als höchst attraktiv empfundenes Bild der chinesischen Gesellschaft: Politik, Verwaltung, Schulwesen, rituelle Gebräuche sowie Philosophie und Wissenschaft bildeten eine beeindruckende, von der Lehre des Neukonfuzianismus bestimmte Einheit. Es war sodann GOTTFRIED WILHELM LEIBNIZ , der einen neuen und wirkungsmächtigen Impuls für die Rezeption des chinesischen Denkens in Europa gab. LEIBNIZ’ Interesse an der chinesischen Kultur richtete sich vor allem auf die Anwendung der chinesischen Weisheitslehren auf die europäische Ethik und Politik. Offenkundig – so sein Argument in der Schrift »Novissima Sinica« von 1697 – hatte dieselbe Vernunft, die in China wie in Europa wirkt, dort auf dem Felde der praktischen Philosophie größere Fortschritte erzielt. Daher erschien LEIBNIZ die Beschäftigung mit der praktischen Philosophie der Chinesen und der Lehre des Konfuzianismus eine Angelegenheit von höchster Dringlichkeit, die dem allgemeinen Nutzen in Europa nur förderlich sein könne. Eben diese von LEIBNIZ gerühmte »Praktische Philosophie der Chinesen« bildete den Kern jener Prorektoratsrede von CHRISTIAN WOLFF. [2]Wolff knüpfte 1726 mit jener Rede über die praktische Philosophie der Chinesen an Leibniz Bestrebungen an und setzte sich intensiv mit dem Denken der Chinesen auseinander, weshalb Wolffs Versuch einer komparativen Philosophie zwischen europäischer und asiatischer Kultur im Rahmen dieser Arbeit näher untersucht werden soll, zumal Leibniz und Wolff weitgehend die einzigen europäischen Philosophen waren, die sich damals in diesem Ausmaß mit einem Vergleich der asiatischen und der europäischen Kultur beschäftigt haben.

1.2. Asiatische vs. europäische Philosophie – was versteht man unter komparativer Philosophie?

Leibniz und Wolff beschäftigte die Frage, ob es außerhalb der europäisch-westlichen Kultur Philosophie auch noch an anderen Orten gab. Komparative Philosophie zielt dementsprechend darauf ab, zwei unterschiedliche Philosophien bzw. zwei philosophische Positionen miteinander zu vergleichen, sei es wie bei Leibniz und Wolff die asiatische mit der europäischen Kultur/Philosophie oder seien es zwei andere Philosophien/Kulturen, die miteinander verglichen werden. Die komparative Philosophie stellt nicht nur zur Disposition, ob es außerhalb von Europa noch andere Philosophie gibt, sondern stellt auch die Reichweite und den Umfang des Begriffes der Philosophie selbst in Frage. [3] Es geht bei der komparativen Philosophie jedoch nicht darum, herauszufinden, welche der philosophischen Positionen, die miteinander verglichen werden, die ältere, die bessere oder die zutreffendere ist, sondern mehr darum anhand einer Analyse beider Positionen einen Zugewinn für die eigene Philosophie zu erhalten. Zugewinn meint, ein gegenseitiges Lernen aus der entsprechenden Gegenposition, ohne die eigene Positionen aufzugeben, aber dennoch im Angesicht der anderen Position, die eigene Position kritisch zu betrachten, wenn nicht gar zu hinterfragen, und anhand eines Vergleichs beider Positionen, zu einer neuen Erkenntnis zu gelangen – zumindest im Idealfall.

Die Problematik, die dabei entsteht, nennt Elberfeld in seinen Überlegungen zur Grundlegung „komparativer Philosophie“ : Westliche wie östliche Philosophie müssen sich gleichermaßen mit den Zweifeln auseinandersetzen, die ihrer Arbeit seitens der Kritiker entgegengebracht werden. Stellt man die Frage, was unter Philosophie zu verstehen sei, kann weder die Tradition der westlichen Philosophie noch die östliche Philosophie eine Antwort auf diese Frage liefern, zumal bei einer Beantwortung meist ein Vorverständnis von Philosophie zutage gefördert wird, das geprägt ist von bestimmten Traditionen westlichen bzw. östlichen Denkens, je nachdem welche entsprechende Philosophie Gegenstand der Untersuchung ist. [4]

Das Vorverständnis beeinflusst das eigene Urteil, die Tradition der eigenen Philosophie geschichte trübt die Objektivität und die mit der Erziehung aufgesaugte Lebens- und Weltanschauung verstellt die Sicht auf die fremde Kultur, mit der die eigene Lebenswelt verglichen werden soll. Elberfeld zitiert diesbezüglich Wilhelm Dilthey.

„Die Antinomie zwischen dem Anspruch jeder Lebens- und Weltanschauung auf Allgemeingültigkeit und dem geschichtlichen Bewußtsein“ trieb im 19.Jahrhundert einen spitzen Keil in die Grundüberzeugung der neuzeitlichen Philosophie von der Einheit der Vernunft. Dementsprechend lautet die Diagnose Diltheys in Bezug auf die Situation der Philosophie zu Beginn des 20.Jahrhunderts: „Zwischen dem geschichtlichen Bewußtsein der Gegenwart und jeder Art von Metaphysik als wissenschaftlicher Weltanschauung besteht ein Widerstreit. Viel stärker als jede systematische Beweisführung wirkt gegen die objektive Gültigkeit jeder bestimmten Weltanschauung die Tatsache, daß eine grenzenlose Zahl solcher metaphysischer Systeme sich geschichtlich entwickelt hat, daß sie einander zu jeder Zeit, in welcher sie bestanden, ausgeschlossen und bekämpft haben und bis auf den heutigen Tag eine Entscheidung nicht herbeigeführt werden konnte“. [5]

Die Problematik, dass keine Lebens- oder Weltanschauung den Anspruch erheben kann, für alle Menschen zu gelten oder ferner allgemeingültig zu sein, zeigt, wie sehr philosophische Systeme bzw. Weltanschauungen dazu neigen, eine Allgemeingültigkeit anzupreisen, die es so in keiner Philosophie und auch in keiner Kultur gibt, sofern nicht über die Grenzen des eigenen Horizonts hinausgedacht wird und auch andere Positionen wahrgenommen werden, die sich positiv auf die eigene Lebensweise auswirken könnten, auch wenn sie konträr zu der eigenen Einstellung und Lebensweise verlaufen.

Das Vorurteil, dass nur europäische Philosophie als Philosophie angesehen wird, weil der Begriff Philosophie in anderen Kulturen überhaupt gar nicht existiere, lässt sich mit der Tatsache entkräften, „daß die Sache Philosophie eher beginnt als das erste Auftreten des Wortes Philosophie. Mit diesem Argument kann auch der Einwand gegen das Vorkommen außereuropäischer Philosophie, der sich vornehmlich auf das Fehlen dieser Bezeichnung in außereuropäischen Kulturen stützt, zurückgewiesen werden. […] Es bietet sich also gerade in diesem Bereich an, Ausgangspositionen des Philosophierens, jenseits eines festgelegten Philosophiebegriffs, in interkultureller Perspektive zu vergleichen“ (Elberfeld 1999, S. 131).

Das eigene Denken in den Dimensionen eines festgelegten Philosophiebegriffes zu verankern, heißt, sich bereits im Vorfeld über die „Philosophie“ zu stellen, mit der die eigene Position verglichen werden soll. Wer sich von einer Vorstellung von Philosophie leiten lässt, die als einzig wahre Philosophie postuliert wird, der braucht die eigene Philosophie gar nicht erst mit einer anderen vergleichen – das Resultat fällt ohnehin zugunsten der eigenen und zum Nachteil der fremden Philosophie aus.

Wenngleich die europäische Philosophie selbst in Bezug auf Kritik von außen und auch von innen nicht davor geschützt, dass ihr ebenfalls der Titel, eine Philosophie zu sein, abgesprochen werden könnte und es sich bei ihr selbst in Teilen auch nicht um eine Philosophie im Sinne der europäischen bzw. eigenen Philosophie handelt, denn „in bezug auf die mittelalterliche Philosophie ist auch in Europa selbst schon vielfach bestritten worden, daß es sich bei den Entwürfen dieser Epoche um Philosophie handle. Zu nah sei die Verbindung mit der Religion in Gestalt des Christentums. […] Wenn die mittelalterliche Philosophie Philosophie ist, so kann der Vorwurf, bei außereuropäischem Denken handle es sich nur um Religion oder Weisheit, nicht aufrecht erhalten werden (Elberfeld 1999, S. 133f.).

Die komparative Philosophie bietet gerade in dieser Hinsicht eine Möglichkeit, die eigene Position mit Hilfe einer anderen Position auf ihren (Wahrheits-)Gehalt hin zu überprüfen und so zu einer Weiterentwicklung der eigenen Tradition beizutragen. Es liegt daher nahe, dass solch eine komparative Gegenüberstellung zweier Positionen, Kulturen oder Philosophien nicht auf eine einseitige Weise funktioniert, sondern es immer eines wechselseitigen sowie gleichberechtigten Umgangs mit dem jeweiligen Gegenpart bedarf. „Durch komparative Philosophie kann somit im europäischen Horizont das Unternehmen der `Vernunftkritik´ weitergeführt werden, so daß sich neue Kritik- und Diskussionsfelder eröffnen“ und „als Ergebnis der kurzen Erörterung verschiedener Philosophiebegriffe in der europäischen Tradition in bezug auf die Frage nach der Existenz von Philosophie außerhalb Europas kann festgehalten werden: Setzt man einen bestimmten Begriff der Philosophie als den einzig möglichen an, so müssen je nach Definition selbst verschiedene europäische Denker aus der europäischen Philosophiegeschichte gestrichen werden, oder es ergibt sich sogar die Konsequenz, daß man mehr Philosophien außerhalb Europas findet als in Europa selbst“ (Elberfeld 1999, S. 135f.).

[...]


[1] Rolf Elberfeld, Überlegungen zur Grundlegung ´komparativer Philosophie´, Allgemeine Zeitschrift für Philosophie 24 (1999), S. 127.

[2] vgl. Jürgen Stolzenberg, »Causa Wolffiana«. Philosophie versus Theologie, in: Universitätszeitung Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg : Scientia Halensis, Ausgabe 03/07, Halle : Univ., 2007, S. 10.

[3] vgl. Elberfeld (1999), a.a.O., S. 128.

[4] vgl. Elberfeld (1999), a.a.O., S. 130.

[5] Elberfeld (1999), a.a.O., S. 130f..

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Das Chinabild in der Philosophie des 18.Jahrhunderts
Untertitel
Komparative Philosophie zwischen europäischer und asiatischer Kultur am Beispiel von Christian Wolffs "Oratio de Sinarum philosophia practica".
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Philosophisches Seminar)
Veranstaltung
China verstehen: Das Chinabild in der Philosophie des 18. Jahrhunderts
Note
1,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
23
Katalognummer
V262646
ISBN (eBook)
9783656510185
ISBN (Buch)
9783656510291
Dateigröße
575 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Christian Wolff, Chinabild, China, komparative Philosophie, 18.Jahrhundert, Kulturphilosophie, Asien, Europa, Oratio de Sinarum philosophia practica
Arbeit zitieren
B.A. Jan-Christian Hansen (Autor), 2012, Das Chinabild in der Philosophie des 18.Jahrhunderts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/262646

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Das Chinabild in der Philosophie des 18.Jahrhunderts


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden