Hugo von Hofmannsthals Trauerspiel „Der Turm“. Zur Sprachproblematik des Prinzen Sigismund


Hausarbeit, 2013

16 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Die Sprache als besonderes Phänomen Hofmannsthals

3 Sprache und „Mensch sein“

4 Die Sprache Sigismunds

5 Rückzug in die Sprachlosigkeit

6 Schlussbetrachtung

LITERATURVERZEICHNIS

Primäre Literatur

Sekundäre Literatur

1 Einleitung

Es gibt kaum vergleichbarere Werke deutscher Dichter, die so vielschichtig sind wie die des österreichischen Autors, Ästheten, Künstlers, Politikers, Lyrikers, Dramati- kers, Erzählers und Essayisten Hugo von Hofmannsthal (1874-1929).1 Selbst nach der Veröffentlichung von einer Vielzahl an Sekundärliteratur erscheint dem heutigen Leser der Zugang zu Hofmannsthals Texten oft sehr komplex, die Sprache verschlüs- selt oder rätselhaft2 zu sein, und die Intention dahinter ist auf den ersten Blick nicht klar ersichtlich. Die enorme Belesenheit Hofmannsthals und sein ungeheures Wis- sen spiegeln sich im vielschichtigen Werk des Turms wider, dessen originelle Les- barkeit auf die unterschiedliche Einsetzung und den Bezugs zu den verschiedensten Textgattungen, Formen und Diskursen zurückzuführen ist.3

Ein zentrales Motiv in Hofmannsthals frühen Werken sind immer wieder die Suche nach dem Sinn des Lebens, die menschliche Daseinsberechtigung und vor allem die Vergänglichkeit von Dingen.4 Hofmannsthals Werke zu Lesen und Verstehen bedeutet metaphorisch gesagt auch, auf Spurensuche gehen zu müssen.5

Die vorliegende Arbeit untersucht im Folgenden die erste gedruckte Buchfassung des Dramas von 1925, mit dem Titel „Der Turm“. Ein Trauerspiel in fünf Aufzügen von Hugo von Hofmannsthal.6 Die ersten beiden von insgesamt fünf Akten, er- schienen 1923, die folgenden drei erst 1925 in der von Hofmannsthal publizierten Zeitschrift „Neue Deutsche Beiträge“.7 Der fünfte Schlussakt entzieht sich seiner vollständigen Verwirklichung bis 1924. Nach einer zweijährigen Pause und dem zwischenzeitliche Ausbruch eines Krieges begann er wieder am Barockdrama zu schreiben. Die spätere Fassung aus dem Jahre 1927 trägt lediglich den verkürzten Untertitel Ein Trauerspiel.8 Beim „Turm“ handelt es sich weder um ein historisches Drama noch um die klassische Form der Tragödie nach Aristoteles.9 Unumstritten ist dabei aber die Anlehnung an das spanische Barockdrama „La vida es sueño“ von Calderón,10 der alle Wirklichkeit als Schein enttarnt. Walter Benjamin11 er- kennt indes schon früh die Grundzüge der Textgattung des deutschen barocken Trauerspiels. Das Geschehen spielt nicht nur in einer fiktiven Epoche, die dem 17. Jahrhundert ähnlich sein soll, es wird bewusst eine unrealistische Kunstwelt ge- schaffen, mit deren Hilfe an die sinnliche Wahrnehmung des Adressaten appelliert werden soll.12 Die auftretenden Gestalten scheinen aber indes so realitätsfremd zu sein, dass der Leser bzw. Zuschauer auch nur bedingt den Drang dazu verspürt, sich mit den Figuren identifizieren zu wollen.

Wie schwer es Hofmannsthal gefallen sein muss, sich auf Wunsch von Max Rein- hardt13 zur Umarbeitung einer neuen Fassung seines größten Trauerspiels durchzu- ringen, zeugen die Briefwechsel mit Carl Jacob Burckhardt und Ottonie von De- genfeld. Vor allem der Schlussakt stellte für ihn die größte Herausforderung dar. Zurückzuführen seien die Schwierigkeiten auf körperliche und psychische Proble- me wie Überlastung, Erschöpfung und Depressionen.14 Das Schreiben selbst und die Überarbeitungen des „Turms“ entwickeln sich für Hofmannsthal zur Hauptauf- gabe in der Dekade der zwanziger Jahre.15 So schrieb der Dichter 1923 an Burckhardt, zu dem er jahrelang einen engen, freundschaftlichen Kontakt pflegte16:

„Es ist mir dies Ganze schon eine fast mysteriöse Arbeit, und dieser letzte Act hat etwas von einem über Abgrund gebauten Schloß [...].“17

Eine ähnliche Begründung lieferte er schon zuvor im Jahre 1921 in einem Brief an Fräulein Ottonie von Degenfeld ab, indem er seine Schaffenspause mit folgenden Worten kommentierte:

„[...] man muss bei solcher schweren Mühle den Bach immer aufs neue aufstauen [...].“18

Es gab nicht nur positive Resonanz im zeitgenössischen Publikum und der Leser- schaft, es hagelte auch einiges an Kritik für die zweite „Turm“-Fassung und seinem realistischeren, unversöhnlichen Abschluss.19 Selbst bis heute gibt es innerhalb der Forschung widersprüchliche Meinungen darüber, welche der beiden Versionen als die „einzig wahre“ gelten dürfe. Hofmannsthal selbst liefert dazu einen simplen Lö- sungsvorschlag. Seiner Ansicht nach dürften beide Fassungen, sowohl die erste „rein dichterische“20 und die zweite fürs Theater bestimmte „Bühnenfassung“21, nebenei- nander bestehen bleiben.

Auf eine Zusammenfassung des Inhalts der einzelnen Akte des Spätwerks muss auf Grund der Beschränkung des Umfangs verzichtet werden. Auch wenn das Stück eine Vielzahl von interessanten rechtswissenschaftlichen, politischen sowie soziolo- gischen Aspekten enthält und selbst Bereiche der Psychoanalyse streift22, fokussiert sich die Untersuchung vielmehr auf ein einzelnes Motiv: das der menschlichen Sprachfähigkeit und der Sprachproblematik. Wie sich diese explizit in der direkten Rede im „Turm“ und insbesondere beim Protagonisten Sigismund niederschlägt, wird im folgenden Abschnitt näher analysiert. Es folgt anschließend ein kurzer Ab- riss zur Thematik des Schweigens. Zuletzt erfolgt eine Schlussbetrachtung, in der versucht wird, die gewonnenen Erkenntnisse der vorangegangenen Untersuchung zu reflektieren.

2 Die Sprache als besonderes Phänomen Hofmannsthals

„Der Mensch ist nur Mensch durch Sprache“23, heißt es in einem Zitat von Wilhelm von Humboldt aus dem Jahre 1820. Sprache und Kommunikation gehören seit jeher zu den Grundlagen eines jeden Menschen und der Gesellschaft.

Die Thematik des Sprachproblems, Sprachkrise oder der Sprachkritik, all jene drei Begriffe, die in der einschlägigen Sekundärliteratur oft synonym verwendet wer- den,24 scheinen darauf zurückzuführen zu sein, dass das Thema Sprache seit jeher für Hofmannsthal immens wichtig gewesen sein musste. Zudem herrscht nun wirklich kein Mangel in der literarischen Forschung an Untersuchungen, die das Sprachprob- lem immer wieder explizit aufgreifen.25 Insbesondere Hofmannsthals häufig zitierter, fiktiver „Chandos-Brief“ aus dem Jahre 1901/1902 gilt als das „Dokument der sprachkritischen Wende“26 schlechthin, in welchem die Sprachkritik ihren „radikals- ten Ausdruck“27 erhält. Mithilfe des Briefes nutzt Hofmannsthal die Möglichkeit, seine eigene Sprachverzweiflung zum Ausdruck zu bringen.28 Margerita Warmuth vertritt hier die Meinung, dass die sogenannte Krise sich vielmehr daraus erschließt, dass Hofmannsthal es nie ganz geschafft habe, mit seiner Literatur den Bezug zur realen Welt herzustellen.29

Das Besondere an Hofmannsthal Dramen und vor allem am Beispiel des „ Turms“ ist, dass die auftretenden Figuren die menschliche Sprachfähigkeit anprangern und sich offen zur Sprachnot bekennen.30 Ob der Dichter sie in ihrer Funktion als Sprachrohr für seine eigenen Zweifel benutzt, sei dahingestellt.

Das Medium der Sprache stellt für Hofmannsthal eine Art Hilfsmittel dar, um seine einzelnen Figuren durch bestimmte Sprechweisen näher zu charakterisieren.31 Durch den Gebrauch bewusst gewählte Worte und Sätze lässt sich nicht nur der Bildungsstand eines Menschen messen, sondern auch wesentliche Einstellungen gegenüber der Welt des Sprechenden erkennen.32 So wendet Hofmannsthal verschiedene Sprechstile bei seinen Figuren hinsichtlich ihrer sozialen Schicht an. Nichtsdestotrotz pflegen Hofmannsthals Gestalten einen relativ hohen Sprachstil.

3 Sprache und „Mensch sein“

Die Fähigkeit Sprechen zu können, galt seit jeher als „differentia specifica“33 zwi- schen Mensch und Tier. Dass das Tiermotiv bei Hofmannsthal im „Turm“ wieder eine zentrale Rolle zu spielen scheint, ist nicht weiter verwunderlich. Schon in den Werken zuvor wie beispielsweise in der Elektra, wurde diese Thematik bereits auf- gegriffen.34 Im Hoffmannsthal’schen Trauerspiel wird die Verknüpfung des „Tier- Mensch-Motiv“35 anhand der Sprache schon im ersten Akt sichtbar. Der Prinz haust nicht nur wie ein Tier in einem „[...] kleinen, offenen Käfig, zu schlecht für einen Hundezwinger“36, zusammen mit anderem, niederen Ungeziefer. Sigismund findet seine eigene Identität und Individualität nicht, es fällt ihm mittlerweile schwer, bewusst zwischen Tier und Mensch zu unterscheiden.

[...]


1 Vgl. Nehring, Wolfgang: Die Tat bei Hofmannsthal. Eine Untersuchung zu Hofmannsthals Grossen Dramen. Stuttgart 1966, S. 2.

2 Vgl. Wagner-Zoelly, Corinne: Die „Neuen Deutschen Beiträge“. Hugo von Hofmannsthals Europa-Utopie. Heidelberg 2010, S. 16.

3 Vgl. Twelmann, Marcus: Das Drama der Souveränität. Hugo von Hofmannsthal und Carl Schmitt. München 2004, S. 11.

4 Vgl. Nehring, Wolfgang, S. 2.

5 Vgl. Wagner-Zoelly,Corinne: Die „Neuen Deutschen Beiträge“. Hugo von Hofmannshals Europa Utopie. Heidelberg 2010, S. 80.

6 Zit. nach: Hugo v. Hofmannsthal: Der Turm. Ein Trauerspiel in fünf Aufzügen. Hg. v. Bellmann,Werner. Stuttgart. Reclam 2010.

7 Vgl. Bomers, Jost: Der Chandosbrief - Die Nova Poetica Hofmannsthals. Stuttgart 1991, S. 75

8 Vgl. Wittmann, Lothar: Sprachthematik und dramatische Form im Werke Hofmannsthals. Studien zur Poetik und Geschichte der Literatur; Bd. 2. Hg. v. Fromm, Hans [u.a.]. Stuttgart [u.a.] 1966, S. 95.

9 Vgl. Bellmann, Werner.

10 Vgl. Wittmann, Lothar, S. 93.

11 Vgl. Benjamin, Walter: „Hugo von Hofmannsthal: Der Turm, in: Die literarische Welt, Jg. 2. Berlin 1926, Nr. 15., S. 48.

12 Vgl. Sakurai, Yoriko: Mythos und Gewalt: Über Hugo von Hofmannsthals Trauerspiel „Der Turm“. Frankfurt a. M. [u.a.] 1988, S. 9.

13 Vgl. Warmuth, Margerita: Hofmannsthals Kulturpolitisches Engagement. Das Trauerspiel „Der Turm“. Diplomarbeit. Univ. Klagenfurt 1978. S. 75.

14 Vgl. Perrig, Severin, Hugo von Hofmannsthal und die Zwanziger Jahre. Eine Studie zur späten Orientierungskriese. Analysen und Dokumente; Bd. 33. Frankfurt a. M.; Berlin; Bern; New York [u.a.] 1994.S. 179.

15 Vgl. Bomers, Jost, S. 73.

16 Vgl. Burckhardt, Carl J.: Erinnerungen an Rilke und Hofmannsthal. Basel 2009, S. 51.

17 Zit. nach: Burckhardt, Carl Jacob: Erinnerungen an Rilke und Hofmannsthal. Basel 2009, S. 50

18 Zit. nach: Wagner-Zoelly,Corinne, S. 64.

19 Vgl. Twellmann, Marcus, S. 32.

20 Zit. nach: ebd., S. 31.

21 Zit. nach: Rey, William H.: Tragik und Verklärung des Geistes in Hofmannsthals „Der Turm“. In: Euphorion. Jg. 47 (1953), S. 163.

22 Vgl. Twellmann, Marcus, S. 13.

23 Zit. nach: Humboldt von Wilhelm, in: Trabant, Jürgen: Die Sprache. München 2008, S. 2. : URL: http://www.chbeck.de/fachbuch/zusatzinfos/leseprobe_die-sprache_978-3-406-56264-8.pdf, (abgeru- fen am 03.09.2013)

24 Vgl. Hofman, Gerard: Sprachskepsis in der Literatur der Moderne. Untersucht an ausgewählten Werken Hugo von Hofmannsthals. Magisterarbeit. Stuttgart 2004, S. 10.

25 Vgl. Grundmann, Melanie: Die Pragmatik des Schweigens bei Hugo von Hofmannsthal. Berlin 2007; Haller, Rudolf: „Sprachkritik und Philosophie und Mauthner. In: Institut für Österreichkunde. Sprachthematik in der österreichischen Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts. Wien 1974, S. 41-57; Härter, Andreas: Der Anstand des Schweigens. Bedingungen des Redens in Hofmannsthals „Brief“ (= Studien zur Germanistik, Anglistik und Komparatistik). Bonn; Bouvier 1989; Mauthner, Fritz: Beiträge zu einer Kritik der Sprache. Erster Band. Zur Sprache und Psychologie. Wien [u. a.] 1999. (= Das philosophische Werk. nach den Ausgaben letzter Hand); Wittmann, Lothar: Sprachthematik und dramatische Form im Werke Hofmannsthals. (= Studien zur Poetik und Geschichte der Literatur. 2) Stuttgart [u. a] 1966.

26 Zit. nach: Göttsche, Dirk: Die Produktivität der Sprachkrise in der modernen Prosa. (Hochschulschriften Literaturwissenschaft; Bd. 84.) Frankfurt a. M. 1987, S. 65.

27 Zit. nach: Nehring, Wolfgang: Die Tat bei Hofmannsthal. Eine Untersuchung zu Hofmannsthals Grossen Dramen.(Germanistische Abhandlungen; Bd. 16). Stuttgart 1966, S. 67.

28 Vgl. Grundmann, Melanie, S. 73.

29 Vgl. Warmuth, Margerita: Hofmannsthals Kulturpolitisches Engagement. Das Trauerspiel „Der Turm“. Diplomarbeit. Univ. Klagenfurt 1978, S. 36

30 Vgl. Wittmann, Lothar, S. 13.

31 Vgl. Chelius-Göbbels, Annemarie: Formen Mittelbarer Darstellung im Dramatischen Werk Hugo von Hofmannsthals. Eine Untersuchung zur dramatischen Technik und ihrer Entwicklung unter besonderer Berücksichtigung des Lustspiels „Der Schwierige“. (= Deutsche Studien; Bd. 6). Hg. v. Flemming, Will; Wagner, Klaus. Hain Meisenheim am Glan 1968, S.23.

32 Vgl. ebd., S. 23.

33 Zit. nach: Pestalozzi, Karl: Sprachskepsis und Sprachmagie im Werk des jungen Hofmannsthal, in: Zürcher Beiträge zur deutschen Sprach- und Stilgeschichte 6.7. Hg. v. Hotzenköcherle, Rudolf; Staiger, Emil. Zürich 1958 S. 31.

34 Vgl. Clauss, Elka Maria W.: „...und ich weiß nicht Mensch und Tier zu unterscheiden“: Zur Funktionsweise der Tierbilder in Hofmannsthals „Elektra“. Die Zoologie der Träume. Studien zum Tiermotiv in der Literatur der Moderne, in: Römhild, Dorothee (Hrsg.). Opladen [u. a. ] 1999, S. 59-83; Böschenstein, Renate: Tiere als Elemente von Hofmannsthals Zeichensprache, in: Hofmannsthal - Jahrbuch zur europäischen Moderne, 1 (1993), S. 137-164.

35 Zit. nach: Wittmann, Lothar, S. 96.

36 Zit. nach: Hugo v. Hofmannsthal, 1 Aufzug, S. 14.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Hugo von Hofmannsthals Trauerspiel „Der Turm“. Zur Sprachproblematik des Prinzen Sigismund
Hochschule
Universität Stuttgart
Veranstaltung
Hofmannsthal
Note
1,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
16
Katalognummer
V262757
ISBN (eBook)
9783656515555
ISBN (Buch)
9783656515586
Dateigröße
462 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
hugo, hofmannsthals, trauerspiel, turm, sprachproblematik, prinzen, sigismund
Arbeit zitieren
Christine Schmidt (Autor), 2013, Hugo von Hofmannsthals Trauerspiel „Der Turm“. Zur Sprachproblematik des Prinzen Sigismund, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/262757

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