Die gemeinsame Sprache zählt als Ausdrucks- und Kommunikationsmittel zusammen mit der gemeinsamen Kultur zu den wichtigsten Merkmalen eines Volkes. Das Volk wiederum wird im Staatsrecht – hier bezeichnet als Staatsvolk – neben Staatsgebiet und Staatsgewalt als elementarer Bestandteil eines Staates genannt. In der vornationalen Zeit war die Schriftsprache ein Abgrenzungsmittel der Machthaber gegenüber der einfachen Bevölkerung. Ich verdeutliche dies anhand einiger Beispiele:
Im mittelalterlichen Europa wurden wissenschaftliche Werke vorwiegend in lateinischer Sprache verfasst, die das ungebildete Volk sowieso nicht lesen konnte. In der frühen Neuzeit wurde in vielen europäischen Königs- und Fürstenhäusern französisch gesprochen. Die eigentliche Sprache des Volkes existierte dagegen hauptsächlich als gesprochene Sprache ohne Schriftform.
In der Kolonialzeit, beginnend im späten 15. Jahrhundert, führten die jeweiligen Kolonialherren in ihren Kolonien die eigene (Landes)Sprache ein, welche von der ansässigen Bevölkerung natürlich nicht verstanden wurde. Die Sprachen der Einheimischen waren weder in der Verwaltung noch in sonstigen Bereichen des öffentlichen Lebens von Bedeutung. Erst mit dem Aufkommen des Nationalismus im 19. Jahrhundert – zunächst in Europa, später auch in den Kolonien Afrikas, Südamerikas und Asiens – erhielten die Volkssprachen ihre heutige wesentliche Bedeutung als nationale Identifikationssymbole und dienten zunächst den nationalen Bewegungen zur Kommunikation und Verbreitung ihrer Gedanken und Ziele, später schliesslich den neuen Nationalstaaten als Landessprachen.
Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der Rolle von Sprache und Schrift in der nationalen antikolonialen Bewegung auf den Philippinen im späten 19. Jahrhundert. Dabei soll vor allem dargestellt werden, auf welche Art und Weise in diesem Falle die spanische Sprache Organisationen wie der Liga Filipina als Transportmedium zum Erreichen der philippinischen Bevölkerung diente.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Philippinen als spanische Kolonie
3. Die Entstehung des philippinischen Nationalgefühls Ende des 19. Jahrhunderts
4. José Rizal und die Liga Filipina
4.1. Kindheit, Jugend und Ausbildung José Rizals
4.2. Die Rolle der spanischen Sprache in der nationalen Bewegung unter Rizal
4.3 Die Liga Filipina und die Katipunan
4.4. Rizal in der Verbannung, die philippinische Revolution von 1896 und Tod Rizals
5. Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle der Sprache und Schrift als essenzielle Instrumente der nationalen, antikolonialen Bewegung auf den Philippinen im späten 19. Jahrhundert, wobei der Fokus insbesondere auf der Bedeutung der spanischen Sprache als Transportmedium für politische Ideen und die Mobilisierung der Bevölkerung liegt.
- Der Einfluss des Kolonialismus auf die philippinische Identitätsbildung.
- Die Transformation des Mestizen-Standes und deren Bedeutung für das philippinische Nationalbewusstsein.
- Die literarische und politische Rolle von José Rizal als Vordenker der Unabhängigkeitsbewegung.
- Der Gegensatz zwischen reformorientierten Ansätzen (Liga Filipina) und revolutionären Bestrebungen (Katipunan).
- Die Funktion der spanischen Sprache als notwendiges Kommunikations- und Propagandamittel im kolonialen Kontext.
Auszug aus dem Buch
4.2. Die Rolle der spanischen Sprache in der nationalen Bewegung unter Rizal
Noch heute existieren auf den Philippinen mehr als 171 Sprachen, die meisten davon gehören zum malayo-polynesischen Zweig der austronesischen Sprachfamilie. Dreizehn dieser Sprachen werden von mehr als einer Million Sprechern als Muttersprache verwendet. Dies sind Tagalog, Cebuano, Ilokano, Hiligaynon, Waray-Waray, Kampampangan, Bikol, Albay Bikol, Pangasinan, Maranao, Maguindanao, Kinaray-a und Tausug.
Die heutige Nationalsprache Filipino ist eine Variante bzw. Weiterentwicklung des Tagalog mit vereinfachten Sprachregeln sowie neuem Alphabet. Die erste einheitliche Nationalsprache der Philippinen war jedoch nicht Tagalog oder Filipino, sondern Spanisch. Die Spanier führten nach ihrer Besetzung der Philippinen ihre eigene Sprache als offizielle Landessprache landesweit ein. Damit war die spanische Sprache nicht nur ein Symbol für die Fremdherrschaft der Iberer auf den Philippinen, sondern wegen der Verwendung des lateinischen Alphabetes, welches ausserhalb Europas für die Verbreitung des Christentums steht, auch ein Zeichen der Christianisierung des Landes.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung definiert die Sprache als zentrales Element nationaler Identität und erläutert die Forschungsfrage hinsichtlich der Funktion der spanischen Sprache als Propagandamedium während der antikolonialen Bewegung.
2. Die Philippinen als spanische Kolonie: Dieses Kapitel beleuchtet die historische Etablierung der spanischen Herrschaft, die soziale Struktur unter dem Einfluss der Mönchsorden und die Ursachen für frühe soziale Unruhen.
3. Die Entstehung des philippinischen Nationalgefühls Ende des 19. Jahrhunderts: Hier wird der theoretische Rahmen des Nationsbegriffs abgesteckt und analysiert, wie wirtschaftliche Öffnung und Bildungsreformen den Aufstieg der Mestizos und die Formung eines nationalen Bewusstseins begünstigten.
4. José Rizal und die Liga Filipina: Dieser Hauptteil widmet sich der Biografie Rizals, der Analyse seines literarischen Schaffens als Kritik an der Kolonialmacht sowie der Gründung der Liga Filipina als zivile Reformorganisation.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Bedeutung der spanischen Sprache zusammen, ohne die eine landesweite Mobilisierung der philippinischen Bevölkerung für Reformen und Unabhängigkeit nicht möglich gewesen wäre.
Schlüsselwörter
Philippinen, José Rizal, Kolonialismus, spanische Sprache, Nationalismus, Mestizos, Liga Filipina, Katipunan, Noli me tangere, El Filibusterismo, Identität, antikoloniale Bewegung, Reform, Landessprache, Geschichte
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Wechselwirkung zwischen Sprache, Schrift und der Herausbildung einer philippinischen nationalen Identität im Kontext der spanischen Kolonialherrschaft des späten 19. Jahrhunderts.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentral sind die koloniale Geschichte, der Aufstieg der Mestizen-Schicht, die Rolle von José Rizal und die Entwicklung des philippinischen Nationalgefühls im Spannungsfeld zwischen Reform und Revolution.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Es soll dargestellt werden, inwiefern die spanische Sprache – trotz ihrer Rolle als Kolonialsprache – zum essenziellen Transportmedium für antikoloniale Ideen und zur Organisation der philippinischen Nationalbewegung wurde.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer historischen und kulturwissenschaftlichen Analyse, die Fachliteratur sowie historische Quellen zur Untersuchung der nationalen Bewegung heranzieht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Lebensgeschichte von José Rizal, sein literarisches Wirken, die Gründung der Liga Filipina sowie das Verhältnis zwischen den Reformbemühungen und dem revolutionären Geheimbund Katipunan.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen gehören Philippinen, José Rizal, Nationalismus, Liga Filipina, Mestizos und der Widerstand gegen die koloniale Mönchsherrschaft.
Warum spielt die spanische Sprache eine so wichtige Rolle für Rizal?
Für Rizal war die spanische Sprache das notwendige Mittel, um eine überregionale Kommunikation zu ermöglichen, da sie die intellektuelle Elite des Landes einte und eine Verbreitung seiner Kritik an der Kolonialverwaltung ermöglichte.
Welchen Einfluss hatte der Cavite-Aufstand auf die spätere Nationalbewegung?
Die Hinrichtung der drei Priester Burgos, Gomez und Zamora nach dem Cavite-Aufstand von 1872 diente als Katalysator und Märtyrer-Mythos für die Entstehung eines revolutionären Nationalbewusstseins.
- Citation du texte
- Haymo Empl (Auteur), 2013, Sprache und Schrift als Ausdruck nationaler Identität, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/262847