Jeder Mensch trifft in seinem täglichen Leben auf die verschiedensten Arten von Risiken. Sowohl bei dem Einsteigen in ein Auto als auch bei der Einnahme von Medikamenten geht der Mensch ein gewisses Risiko ein. In der heutigen Zeit hat vor allem die Bedrohung durch Naturrisiken einen enormen Bedeutungszuwachs erhalten, denn diese werden zunehmend zum Gegenstand von Berichterstattungen in den Medien. Doch nicht jeder Mensch nimmt ein und dasselbe Risiko mit gleicher Intensität wahr. Daher stellen sich zahlreiche Fragen, wie beispielsweise, warum verschiedene Gesellschaftsgruppen Risiken und die daraus resultierenden Bedrohungen unterschiedlich wahrnehmen? Warum erscheint ein Risiko für eine Gruppe von Individuen bedrohlich und für eine andere nicht? Warum beurteilen manche Menschen neue Technologien als fortschrittlich, notwendig und sicher während andere eine Gefährdung durch diese fürchten?
Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist es somit, auf diese zahlreichen Fragestellungen eine Antwort zu finden. Bevor die Cultural Theory of Risk, eine der ersten und einflussreichsten Studien zur Risikowahrnehmung, im vierten Kapitel behandelt wird, sollen durch die Klärung der Begrifflichkeit Naturrisiko und die Darstellung der sozialkonstruktivistischen Perspektive zunächst Grundlagen für diesen Denkansatz gelegt werden. Anschließend erfolgt eine intensive Auseinandersetzung mit der Cultural Theory of Risk von Mary Douglas und Aaron Wildavsky, indem zunächst der Entstehungshintergrund sowie die Kernaussagen und das Ziel der Theorie vorgestellt werden. Das darauffolgende Grid-Group-Modell stellt eine Einteilung der Gesellschaft in 4 verschiedene Weltansichten dar, die Naturrisiken jeweils aus einer anderen Perspektive wahrnehmen und dementsprechend auch differenziert bewerten. Abschließend erfolgen eine Diskussion der Theorie sowie ein Ausblick auf den Beitrag, den die Cultural Theory of Risk für humanökologische Fragestellungen leisten kann.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Was sind Naturrisiken?
3 Das Risiko aus sozialkonstruktivistischer Perspektive
4 Cultural Theory of Risk
4.1 Entstehungshintergründe der Theorie
4.2 Kernaussagen und Ziel der Theorie
4.3 Das Grid-Group-Modell
4.4 Diskussion der Theorie
5 Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit verfolgt das Ziel, die unterschiedliche Wahrnehmung von Naturrisiken durch verschiedene Gesellschaftsgruppen aus sozialkonstruktivistischer Perspektive zu erklären, wobei der Fokus auf der Anwendung der "Cultural Theory of Risk" liegt.
- Theoretische Grundlagen zur Begriffsbestimmung von Naturrisiken
- Gegenüberstellung objektivistischer und sozialkonstruktivistischer Risikoperspektiven
- Detaillierte Analyse der "Cultural Theory of Risk" von Mary Douglas und Aaron Wildavsky
- Erläuterung des Grid-Group-Modells als Instrument zur Typisierung von Weltansichten
- Kritische Diskussion der theoretischen Reichweite und empirischen Fundierung
Auszug aus dem Buch
4.1 Entstehungshintergründe der Theorie
Das Themenfeld des Risikos und insbesondere der Risikowahrnehmung beschäftigte die Wissenschaftler und die Politik bereits seit den 1970er Jahren. Die frühen Studien über die Risikowahrnehmung waren vor allem durch die analytische Trennung zwischen dem „objektiven Risiko“ und dem „wahrgenommenen Risiko“ geprägt. Die Sozialwissenschaftler stellten wenig später heraus, dass die Wahrnehmung von Risiko durch ein Individuum, nicht isoliert von der sozialen Welt betrachtet werden kann, sondern stets in diese integriert ist. In diesem Zusammenhang war die Arbeit der Sozialanthropologin Mary Douglas von großer Bedeutung. Douglas beschäftigte sich zuvor über einen Zeitraum von 15 Jahren mit dem Zusammenhang zwischen dem Risiko und der Kultur und wich somit vom technisch-objektivistischen Verständnis der Risikoproblematik ab (BOHOLM 1996: 64f.).
Die Grundlage für die Cultural Theory of Risk bildeten Douglas´ Beobachtungen zur Risikowahrnehmung in afrikanischen Kulturen, insbesondere die des Lele-Volkes in der heutigen Demokratischen Republik Kongo (dem damaligen belgischen Kongo). Die Studien auf dem afrikanischen Kontinent und die Beobachtung der Philosophie und der Einrichtungen dieses Volkes beeinflussten ihre gesamten späteren Arbeiten. Unter diesem Einfluss wandte Mary Douglas sich zunächst dem Verhältnis zwischen Glauben und sozialer Organisation zu und verfasste 1966 ihr erstes Werk zu dieser Problematik, das bereits angesprochene „Purity and Danger – An Analysis of Concepts of Pollution and Taboo“. Vier Jahre später folgte eine Veröffentlichung mit dem Titel „Natural Symbols“. Zusammen mit Aaron Wildavsky entstand schließlich im Jahr 1982 das Werk „Risk and Culture“, das sich direkt aus „Purity and Danger“ ableitete. Hierbei wurde eine Theorie der Risikowahrnehmung entwickelt, die sogenannte Cultural Theory of Risk. Dies war ein Versuch, einen Beitrag zu der damalig aktuellen Debatte um die Wahrnehmung von Risiken zu leisten (SEMIOTICON 2005: o.S.).
Aus ihrer Zeit bei dem afrikanischen Lele-Volk hat Douglas gelernt, dass sich diese Menschen vor der Hexerei ihrer Nachbarn sowie vor dem Blitzeinschlag fürchten, ein sehr seltenes Vorkommnis. Demgegenüber nahmen sie andere Gefahren eher gelassen hin. Vereinfacht gesagt stellte Douglas fest, dass dieses Volk, genauso wie auch andere Menschen, die größte Aufmerksamkeit auf die Gefahren richtet, für die eine andere Person verantwortlich gemacht werden kann, das heißt, die sich dem eigenen Handeln entziehen (ebd.).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Thematik der unterschiedlichen Risikowahrnehmung ein und definiert das Ziel der Arbeit, die Cultural Theory of Risk als Erklärungsansatz zu untersuchen.
2 Was sind Naturrisiken?: Dieses Kapitel differenziert zwischen den Begriffen Gefahr und Risiko und erläutert, wie Naturrisiken durch menschliches Handeln erst zu einem gesellschaftlich relevanten Phänomen werden.
3 Das Risiko aus sozialkonstruktivistischer Perspektive: Hier wird der Sozialkonstruktivismus als Gegenentwurf zur objektivistischen Risikosicht eingeführt, bei dem der Mensch und seine subjektiven Bewertungsprozesse ins Zentrum rücken.
4 Cultural Theory of Risk: Dieses Hauptkapitel beleuchtet die Entstehung, die Kernaussagen, das Grid-Group-Modell sowie die wissenschaftliche Diskussion rund um die Theorie von Douglas und Wildavsky.
5 Zusammenfassung: Die Zusammenfassung resümiert die theoretischen Erkenntnisse und ordnet den Beitrag der Cultural Theory of Risk kritisch in den Kontext humanökologischer Fragestellungen ein.
Schlüsselwörter
Naturrisiko, Risikowahrnehmung, Sozialkonstruktivismus, Cultural Theory of Risk, Mary Douglas, Aaron Wildavsky, Grid-Group-Modell, Lebensstile, Weltansichten, Risikokultur, Risikomanagement, Kulturtheorie, Soziologie, Umweltgeographie, Individualisten.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der sozialkonstruktivistischen Sichtweise auf Naturrisiken und untersucht, warum verschiedene gesellschaftliche Gruppen Risiken unterschiedlich wahrnehmen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die zentralen Themen sind die theoretische Abgrenzung von Naturrisiken, die soziologische Konstruktion von Risiko sowie die detaillierte Darstellung und Diskussion der "Cultural Theory of Risk".
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage dieser Arbeit?
Das Ziel ist es, auf die Frage zu antworten, warum verschiedene gesellschaftliche Gruppen Risiken und deren Bedrohungspotenzial so differenziert wahrnehmen und bewerten.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die auf einer fundierten Literaturanalyse basiert, um die Konzepte der Cultural Theory of Risk und des Grid-Group-Modells systematisch darzustellen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Begriffsdefinition von Naturrisiken, die Erläuterung der sozialkonstruktivistischen Perspektive und eine intensive Auseinandersetzung mit der Theorie von Douglas und Wildavsky.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Wichtige Schlagworte sind Naturrisiko, Risikowahrnehmung, Cultural Theory of Risk, Sozialkonstruktivismus und das Grid-Group-Modell.
Wie genau definiert das Grid-Group-Modell die vier Weltansichten?
Das Modell teilt Gesellschaften anhand der Dimensionen "Grid" (soziale Ordnung/Einschränkung) und "Group" (Sozialintegration) in vier Typen ein: Individualisten, Egalitaristen, Hierarchisten und Fatalisten.
Welcher Kritikpunkt wird an der Cultural Theory of Risk besonders hervorgehoben?
Ein wesentlicher Kritikpunkt ist die fehlende empirische Fundierung sowie die starre Typisierung, da Individuen in der Realität oft Mischformen verschiedener Lebensstile verkörpern.
- Arbeit zitieren
- Tina Geitz (Autor:in), 2012, Kulturelle Konstruktion von Naturrisiken, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/262896