Jenseits von Klasse und Schicht?


Hausarbeit, 2013

17 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition von Klasse und Schicht

3. Jenseits von Klasse und Schicht

4. Kein Abschied von Klasse und Schicht

5. Was zeigt die Empirie?

6. Fazit

7. Literatur

1. Einleitung

Seit den achtziger Jahren wird in der deutschen Ungleichheitsforschung verhandelt, ob es zu einer Auflösung von Klassen und Schichten kommt. Hauptvertreter dieser Diskussion sind Ulrich Beck und Rainer Geißler. Beck (1986, 121) ist der Meinung, dass keine Klassengesellschaft mehr bestehe, da sich die subjektiven Merkmale der Akteure von ihrer Position in der Klassen- bzw. Schichtstruktur entkoppelt hätten. Dagegen argumentiert Geißler (1996, 331), dass Modernisierung nicht gleichzusetzen sei mit einer Auflösung von Klassen und Schichten. Er spricht sich für das Fortbestehen von Klassen und Schichten in der Sozialstrukturanalyse aus.

In dieser Arbeit soll der Frage nachgegangen werden, ob sich die Struktur der sozialen Ungleichheit in Deutschland insofern verändert hat, dass sich Klassen und Schichten auflösen?

Zunächst werden zur Beantwortung der Fragestellung in Kapitel 2 Begriffsabgrenzungen des Klassen- und Schichtbegriffs vorgenommen. Darauf werden in Kapitel 3 und 4 die Positionen von Beck und Geißler gegenüber gestellt. Anschließend werden in Kapitel 5 die erarbeiteten Thesen beider Standpunkte an aktuellem empirischen Material geprüft. Nur so kann gewährleistet werden, ob die Theorie auch in der Empirie besteht. Zum Schluss werden die Erkenntnisse in Kapitel 6 noch einmal verkürzt dargestellt und die Frage nach dem Fortbestehen von Klassen und Schichten geklärt.

2. Definition Klasse & Schicht

Die Sozialstruktur bedient sich Begrifflichkeiten wie Klasse und Schicht, um Individuen in Gruppen einzuteilen und dadurch die Struktur der sozialen Missverhältnisse im Ganzen darzustellen und analysieren zu können. Bei Klasse und Schicht handelt es sich um vertikale Dimensionen, die die Gesellschaft in übereinander angeordneten Bestandteile strukturiert (vgl. Rössel 2009, 104).

Die Komplexität und der schnelle Wandel der Struktur sozialer Ungleichheit hat dazu geführt, dass diese Begrifflichkeiten auf verschiedenste Weise verwendet werden. Es lassen sich trotzdem drei Annahmen identifizieren, die in fast allen Modellen vertreten sind. Zum einen können Individuen durch bestimmte Merkmale in Gruppen eingeteilt werden, die durch eine ähnliche Klassen- bzw. Soziallage definieren sind. Solche "Schichtdeterminanten" (Geiger 1955, 191) können zum Beispiel ein vergleichbares Einkommen, Beruf oder Bildung sein. Man geht davon aus, dass Menschen, die in ähnlichen Klassen bzw. Schichten leben, durch vergleichbare Lebensumstände auch entsprechende Erfahrungen machen und dadurch eine gewisse Klassen- bzw. Schichtmentalität entwickeln (vgl. Geißler 2011, 93f.). Es darf dabei jedoch nicht von einem deterministischen Zusammenhang ausgegangen werden (vgl. Gnehm 2012). Als letzte Gemeinsamkeit sind die schicht- bzw. klassenspezifischen Lebenschancen und Risiken zu nennen. So kann man zum Beispiel davon ausgehen, dass in der sozioökonomisch höher gestellten Schicht die Chance auf einen prestigeträchtigen Job eher besteht, als für Menschen aus den sozioökonomisch schlechter gestellten Schichten. Auch dieser Zusammenhang ist nicht festgelegt, sondern eher charakteristisch. Zusammengefasst befinden sich Menschen in einer Schicht bzw. Klasse in analogen sozioökonomischen Lagen. Sie verbinden ähnliche Lebenserfahrungen, Persönlichkeitsmerkmale, Lebenschancen und Risiken (vgl. Geißler 2011, 94).

Abgesehen von Gemeinsamkeiten zwischen Klasse und Schicht gibt es auch Differenzen zwischen den beiden Begriffen. Um Klassen zu bilden, orientiert man sich allein an ökonomischen Kriterien. Dieses Prinzip ist angelehnt an Marx, der die Gesellschaft durch die Stellung zu den Produktionsmitteln in zwei Klasse aufteilte. Er definiert die Arbeiter als Klasse, die über keine Produktionsmittel verfügt und durch die Kapitalisten ausgebeutet wird, da diese über Produktionsmittel und Kapital verfügen. Dies zeigt wiederum einen weiteren Unterschied zwischen Klasse und Schicht. Die Klassenanalyse ist machtorientiert, da die verschiedenen Klassen immer auch gegensätzliche Interessen haben. Die Kapitalisten streben an, dass die Ausbeutungsbeziehung bestehen bleibt, wohingegen die Arbeiterklasse eine Abschaffung anstreben (vgl. Rössel 2009, 106f.). Klassen werden zusätzlich in ihrer historischen Einbettung analysiert und es wird angestrebt die Gründe der Konflikte im gesellschaftlichen Kontext zu erkennen. Natürlich gibt es auch Ausnahmen, jedoch beschränken sich die meisten Untersuchungen über Schichten auf die deskriptive Analyse von Ungleichheiten (vgl. Geißler 2011, 94).

Becks (1968, 140f.) Definition von Klassen lehnt sich an die oben genannten Merkmale an. Schicht sieht er als ein Phänomen an, dass als liberaleren Klassenbegriff verstanden werden kann, der zwischen dem Übergang von Klassen und der Auflösung steht. Es folgen die Vorstellungen Becks von einem Kapitalismus ohne Klassen.

3. Jenseits von Klasse und Schicht

Beck (1968, 121) geht davon aus, dass es in der modernen Gesellschaft keine Klassengesellschaft mehr gibt. Er begründet dies mit dem Fahrstuhleffekt. Die enorme Anhebung des Lebensstandards in den sechziger Jahren führte dazu, dass die Gesellschaft insgesamt eine Stufe höher gerückt ist. Die Ungleichheit blieb dabei gleich, aber der Lebensstandard erhöhte sich in der gesamten Gesellschaft. Dieser Effekt ist durch drei Aspekte gekennzeichnet. Erstens haben die Menschen mehr Lebenszeit, da sich die Lebenserwartung durch ausbleibende Kriege und bessere medizinische Versorgung erhöht. Zum Zweiten gewinnen die Beschäftigten an Freizeit, da sich die Erwerbsarbeitszeit enorm verringert hat. Drittens erhöht sich das Einkommen der Erwerbstätigen, was zu einer "Demokratisierung von symbolträchtigen Konsumgütern" (Beck 1968, 123) führt. Die Umstände machen für jeden die Anschaffung hochwertiger Konsumgüter, wie z.B. einem Fernseher oder sogar einem Eigenheim, möglich. Durch diesen Umbruch im Verhältnis von Arbeit und Freizeit kommt es zu einem Individualisierungsschub. Das Leben der Beschäftigten ist nun nicht mehr bestimmt durch die Erwerbstätigkeit, sondern jeder hat die Möglichkeit seine freie Zeit individuell zu gestalten. Diese Entfaltungschancen führen dazu, dass traditionelle Lebensformen verloren gehen und die Klassenzugehörigkeit nicht mehr das eigene Leben bestimmt (vgl. Beck 1968, 124).

Durch eine ansteigende Mobilität der Individuen ist der Lebensweg des einzelnen nicht mehr gebunden an die eigene Herkunft. Jeder hat nun die Möglichkeit sein eigenes Schicksal zu bestimmen. Damit geht einher, dass durch die Bildungsexpansion die Möglichkeit besteht, sich durch Bildung einen Zugang zu anderen Klassen zu verschaffen. Damit ist das Klassenschicksal nicht mehr von Geburt an gegeben, sondern kann erst im eigenen Leben entdeckt werden. Die Strukturveränderungen bewirken, dass die eigene Klasse und die Familienherkunft nicht mehr im Zusammenhang stehen (vgl. Beck 1968, 126ff.). Dieses Phänomen wird "Individualisierung von Klassen" (Beck 1968, 131) genannt.

In der modernen Gesellschaft gleichen sich die Lebensbedingungen der Menschen durch den steigenden Wohlstand signifikant an. Ebenso egalisieren sich die Risiken der modernen Gesellschaft. Sowohl Akademiker, wie auch die einfachen Arbeiter können von Arbeitslosigkeit betroffen sein. Neben der vertikalen Ungleichheit müssen immer mehr horizontale Ungleichheiten, wie beispielsweise Geschlecht oder Alter, in den Fokus der Forschung treten, da sich die Lebensverhältnisse differenzieren und diversifizieren (vgl. Geißler 2011, 114).

Beck (1968, 151) sieht voraus, dass Klassen sich auflösen werden. Voraussetzung dafür sind jedoch die Rahmenbedingung eines Wohlfahrtstaates. Nur wenn keine Verelendung und Entfremdung der Arbeiter besteht, kann es zum Individualisierungsprozess kommen (vgl. Beck 1968, 132f.).

Im nächsten Kapitel werden die Thesen Geißlers behandelt. Dieser nimmt Bezug auf Becks Annahmen, die moderne Gesellschaft sei keine Klassengesellschaft.

4. Kein Abschied von Klasse und Schicht

Durch die Vorstellung einer Auflösung der Klassen und Schichten kommt es, laut Geißler (1996, 322), zu erheblichen Verlusten in der Ungleichheitsforschung. Er bemängelt, dass sich der Fokus der neuen Sozialstrukturanalyse allein auf die Vielfalt der Gesellschaft konzentriert. Dadurch werden vertikale Ungleichheiten, d.h. hierarchisch übereinander angeordnete Abstufungen, negiert (vgl. Geißler 1996, 322). Außerdem konzentriert man sich zu sehr auf die subjektiven Handlungsdimensionen der Individuen. Das bedeutet Merkmale, wie Geschlecht oder Ethnizität, werden in jeder Interaktion von den Akteuren reproduziert und sind somit keine objektiven Ressourcen, wie Einkommen oder Berufsstatus, sondern ein verinnerlichter Status der Individuen (vgl. Sauer 2001, 47). Der neuen Sozialstruktur wird zusätzlich eine ideologische Verschleierung vorgeworfen, da keine Gesellschaftskritik mehr betrieben wird. Es handelt sich eher um eine Begeisterung über die Vielfalt der modernen Gesellschaft als um eine Aufklärung über soziale Missstände, die in der Gesellschaft herrschen (vgl. Geißler 1996, 322f.).

[...]

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Details

Titel
Jenseits von Klasse und Schicht?
Hochschule
Universität Bielefeld
Veranstaltung
Sozialstruktur und Persönlichkeit
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
17
Katalognummer
V262949
ISBN (eBook)
9783656517610
ISBN (Buch)
9783656517504
Dateigröße
584 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
klasse, schicht, geißler, beck
Arbeit zitieren
Esther Rumohr (Autor), 2013, Jenseits von Klasse und Schicht?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/262949

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