Vorliegende Arbeit versteht sich als Beitrag zur offenen Auseinandersetzung mit dem Fundamentalismusbegriff. Die Konzeption will sowohl die Diskussion wie auch das Verständnis für den Begriff fördern. Dazu soll der Blick zuerst darauf gelegt werden, mit welchem Inhalt die Bevölkerung den Begriff heute verbindet. Anschliessend wird die Entstehung des Fundamentalismusbegriffes, seine weitere Entwicklung in den USA sowie in Europa erarbeitet und die heutige wissenschaftliche und sehr ambivalente Definition betrachtet. Sodann werden die Probleme im Umgang mit dem Fundamentalismusbegriff betreffend das Christentum dargestellt und durch drei aktuelle Beispiele im Schweizer Kontext unterstrichen. Ziel der Arbeit soll es sein, zu einem Schluss zu kommen, ob der Fundamentalismusbegriff in der heutigen Zeit noch auf Teile des Christentums angewendet werden soll und darf. Die Arbeit schliesst ab mit einigen kritischen Bemerkungen zum sog. "Religionsmonitor 2008", in welchem die Befragten u.a. auch hinsichtlich ihrer Tendenz zum religiösen Fundamentalismus befragt wurden.
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 ZUM GEGENWÄRTIGEN VERSTÄNDNIS DES FUNDAMENTALISMUSBEGRIFFES IN DER GESELLSCHAFT
3 ENTSTEHUNG UND GESCHICHTLICHE ENTWICKLUNG DES FUNDAMENTALISMUSBEGRIFFES
3.1 „FUNDAMENTALIST“ ALS SELBSTBEZEICHNUNG IN DEN USA UM 1920
3.1.1 Verteidigung der Bibel als inspiriertes Gotteswort
3.1.2 Der verbreitete Irrtum der „Five Fundamentals“
3.1.3 Bemerkungen zur theologischen Relevanz von "The Fundamentals"
3.1.4 Bemerkungen zur Theologie des amerikanischen Fundamentalismus
3.1.5 Konservative Protestanten und Fundamentalisten
3.1.6 Zwischenfazit
3.2 AMERIKA UND EUROPA: ENTWICKLUNG BIS ZUR JAHRTAUSENDWENDE
3.2.1 USA ab 1925
3.2.2 Europa um 1960
3.2.3 Europa um 1970
3.2.4 USA und Europa um 1980
3.2.5 Weitere Entwicklung bis 2001
3.3 VERÄNDERTE SITUATION NACH 9/11
3.4 FUNDAMENTALISMUS ALS GEGENMODERNE
4 HEUTIGE DEFINITION UND ANWENDUNG
4.1 1977: JAMES BARR
4.2 1996 UND 2012: REINHOLD BERNHARDT
4.3 2000: MARTIN RIESEBRODT
4.4 2009: REINHARD HEMPELMANN
4.5 2010: THOMAS SCHIRRMACHER
4.6 ZUSAMMENFASSUNG
5 EVANGELIKALISMUS UND FUNDAMENTALISMUS HEUTE
5.1 VERHÄLTNIS ZUR UNFEHLBARKEIT DER BIBEL ALS UNTERSCHEIDUNGSMERKMAL
5.2 BEZIEHUNG ZWISCHEN EVANGELIKALEN UND CHRISTLICHEN FUNDAMENTALISTEN
5.3 DIE BEGRIFFSANWENDUNG VON AUSSERHALB
5.4 ABSOLUTHEITSANSPRÜCHE ALS MERKMAL VON EVANGELIKALEN UND FUNDAMENTALISTEN
6 DIE PROBLEMATIK DER BEGRIFFSANWENDUNG
6.1 KRITIKER UND FUNDAMENTALISTEN IM DIALOG?
6.2 MUNDTOT PER DEFINITION
6.3 DREI AKTUELLE BEISPIELE ZUR ANWENDUNG DES BEGRIFFES IM SCHWEIZER KONTEXT
6.3.1 Christliche Fundamentalisten gegen Suizidbeihilfe
6.3.2 Christliche Fundamentalisten als Problem an Fachhochschulen
6.3.3 Christliche Fundamentalisten als Jungscharleiter
7 FAZIT – ODER: DIE SOZIALE KONSTRUKTION
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Entstehung und aktuelle Anwendung des Begriffs „Fundamentalismus“ innerhalb des Christentums. Das zentrale Ziel ist es, die Problematik einer unsachgemäßen oder pauschalen Begriffsnutzung in Gesellschaft und Wissenschaft aufzuzeigen und durch eine sozialkonstruktivistische Perspektive zu analysieren, wie der Begriff heute als machtvolles Instrument in Diskursen eingesetzt wird.
- Historische Herleitung des Begriffs vom US-amerikanischen Kontext bis zur Gegenwart.
- Analyse verschiedener wissenschaftlicher Definitionen und Deutungsansätze.
- Untersuchung der problematischen Abgrenzung zwischen Evangelikalismus und Fundamentalismus.
- Diskussion der medialen und gesellschaftlichen Stigmatisierung durch den Begriff.
- Fallbeispiele aus dem schweizerischen Kontext zur Verdeutlichung der Begriffsanwendung.
Auszug aus dem Buch
1 Einleitung
Der Begriff „Fundamentalismus“ polarisiert seit einigen Jahren in seiner Anwendung. Die Massenmedien gehen mit dem Ausdruck ziemlich unbedarft um und scheinen sich oftmals nicht bewusst zu sein, was sie mit der Inanspruchnahme des Fundamentalismusbegriffes beim Leser, Hörer oder auch bei der mit diesem Begriff bezeichneten Gruppe auslösen. Was meint ein Journalist einer grossen Schweizer Wochenzeitung, wenn er Gruppierungen „christlicher Fundamentalisten“ eine Gefahr für die Hochschulen sieht?¹ Jüngst interessierte sich sogar die Schweizer Konsumentenzeitschrift Migros Magazin, welche in einer Auflage von mehr als 1,5 Millionen in die Schweizer Haushalte gelangt, für das Thema des Fundamentalismus und interviewte dazu den Basler Professoren für systematische Theologie, Reinhold Bernhardt. Bereits in der Einleitung zum Interview wurden evangelikale Christen mit dem Prädikat „Fundamentalismus“ in Verbindung gebracht und es wurde gefragt, ob der gesellschaftliche Einfluss der christlichen Fundamentalisten zunehme.² Brisant, wenn man gewahr wird, dass es sich beim Fundamentalismusbegriff um „ein Totschlagwort schlechthin“ handelt.³
Wie aus der täglichen Anwendung und Thematisierung des Begriffs geschlossen werden könnte, stellt der Fundamentalismus die aktuellste Gefahr für den Frieden auf dieser Welt und insbesondere für den Frieden innerhalb des evangelischen Christentums dar.⁴ Oder wie der profunde Fundamentalismusforscher Thomas Meyer es ausdrückt: „Ein Gespenst geht um in der modernen Welt – das Gespenst des Fundamentalismus.“⁵ Ähnlich sehen Marty und Appleby die Situation: „Für viele Gelehrte und für einen Grossteil der Öffentlichkeit scheint der Fundamentalist ein Schreckgespenst zu sein, das die zivilisierte Welt verfolgt, Inbegriff der Unvernunft, Erinnerungen an eine Vergangenheit, in der die Menschheit noch nicht aufgeklärt war.“⁶
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Die Einleitung beleuchtet die aktuelle Polarisierung und den unbedarften Umgang der Medien mit dem Begriff „Fundamentalismus“ sowie die daraus resultierende gesellschaftliche Gefahr der Stigmatisierung.
2 ZUM GEGENWÄRTIGEN VERSTÄNDNIS DES FUNDAMENTALISMUSBEGRIFFES IN DER GESELLSCHAFT: Dieses Kapitel präsentiert die Ergebnisse einer eigenen Online-Umfrage, die zeigt, wie stark der Begriff heute mit negativen Klischees, Gewalt und Terrorismus verknüpft ist.
3 ENTSTEHUNG UND GESCHICHTLICHE ENTWICKLUNG DES FUNDAMENTALISMUSBEGRIFFES: Eine tiefgehende Analyse der historischen Wurzeln in den USA um 1920, die Entwicklung über verschiedene Epochen hinweg und die Transformation des Begriffs bis hin zur veränderten Situation nach dem 11. September 2001.
4 HEUTIGE DEFINITION UND ANWENDUNG: Eine Gegenüberstellung maßgeblicher wissenschaftlicher Definitionen von James Barr bis Thomas Schirrmacher, um die Schwierigkeiten bei einer einheitlichen Begriffsbestimmung aufzuzeigen.
5 EVANGELIKALISMUS UND FUNDAMENTALISMUS HEUTE: Eine Untersuchung der komplexen und oft ambivalenten Beziehung zwischen Evangelikalen und Fundamentalisten unter Berücksichtigung von Schriftverständnis und Absolutheitsansprüchen.
6 DIE PROBLEMATIK DER BEGRIFFSANWENDUNG: Dieses Kapitel analysiert die Schwierigkeiten eines Dialogs zwischen Kritikern und Fundamentalisten anhand von drei aktuellen Schweizer Fallbeispielen und beleuchtet die Gefahr der Stigmatisierung.
7 FAZIT – ODER: DIE SOZIALE KONSTRUKTION: Die Arbeit schließt mit einer sozialkonstruktivistischen Reflexion über die Macht der Sprache und empfiehlt, den Begriff nur noch in spezifischen Fällen tatsächlicher Gewaltanwendung zu verwenden.
Schlüsselwörter
Fundamentalismus, Evangelikalismus, Sozialkonstruktivismus, Schriftverständnis, Modernismus, Diskurs, Stigmatisierung, Religionssoziologie, Absolutheitsanspruch, Ideologie, Christentum, Medien, 9/11, Religion, Schweiz.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Entstehung, die wissenschaftliche Einordnung und die problematische heutige Anwendung des Begriffs „Fundamentalismus“ im christlichen Kontext.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zu den zentralen Themen gehören die historischen Ursprünge der US-Fundamentalisten, die Abgrenzung zum Evangelikalismus, der Einfluss der Moderne sowie die Macht der sozialen Konstruktion von Begriffen durch Medien und Wissenschaft.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, die Verwendung des Begriffs „Fundamentalismus“ kritisch zu hinterfragen und zu zeigen, dass dieser heute oft als diffamierendes „Totschlagwort“ fungiert, statt als präzise wissenschaftliche Kategorie zu dienen.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor stützt sich auf eine Kombination aus Literaturanalyse, der Auswertung wissenschaftlicher Definitionen sowie einer eigenen empirischen Online-Umfrage, um die aktuelle Wahrnehmung des Begriffs zu beleuchten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden neben der historischen Herleitung verschiedene Definitionsversuche führender Experten diskutiert, das komplexe Verhältnis zu evangelikalen Strömungen untersucht und aktuelle Fallbeispiele aus der Schweiz analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Fundamentalismus, Sozialkonstruktivismus, Evangelikalismus, gesellschaftliche Stigmatisierung und kritische Diskursanalyse charakterisiert.
Welche Rolle spielt der 11. September 2001 für die Begriffsentwicklung?
Laut der Arbeit markiert 9/11 eine Zäsur, nach der der Begriff „Fundamentalismus“ im öffentlichen Diskurs untrennbar mit Fanatismus, Gewalt und Terrorismus verknüpft wurde.
Wie bewertet der Autor die empirischen Ergebnisse der RelMo 2008?
Der Autor setzt sich kritisch mit der Studie auseinander und betont, dass die Erfassung von „fundamentalistischen Tendenzen“ hochkomplex ist und oft zu einer verzerrten Wahrnehmung führt, da sie religiöse Reflexivität fälschlicherweise als Anzeichen für Fundamentalismus interpretieren kann.
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- David Jäggi (Author), 2013, Christlicher Fundamentalismus!, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/263093