Walter von der Vogelweide. Autonomer Künstler oder Propagandist?


Hausarbeit, 2007

25 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Themenspezifische Grundlagen und definitorische Bemerkungen
2.1 Begriffbestimmung
2.2 Themen der Sangspruchdichtung
2.3 Die Situation der Aufführung bzw. Darbietungsformen
2.4 Rollenlyrik und „lyrisches bzw. strophisches Ich“ bei Walther

3 Historischer Zusammenhang und Hintergrundbedingungen von Walters Leben und Wirken
3.1 Kurzer Einblick in die Ereignisgeschichte
3.2 Kurzer Einblick in die klerikalen Verhältnisse zur Zeit Walthers

4 Partielle inhaltliche Betrachtungen zu ausgewählten Tönen Walthers
4.1 Reichston
4.2 Ottenton
4.3 Unmutston
4.4 Palästinalied

5 Walther von der Vogelweide - Autonomer Künstler oder Propagandainstrument?
5.1 Verhältnis Walthers zu Papst und Klerus
5.2 Freier Künstler und Propagandist
5.3 Propaganda unter Einbeziehung der Vorstellung eines Idealchristentums

6 Fazit

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Thema der Arbeit

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit Walther von der Vogelweide als Sangspruchdichter und Propagandist über einen längeren Zeitraum hinaus. Dabei soll geprüft werden, inwieweit er Verfechter der Vorstellung eines Idealchristentums war und somit autonome, christlich motivierte Züge hat mit in seine Dichtung einfließen lassen, die auf individuellen Glaubensüberzeugungen beruhen. Zudem soll geklärt werden, wie Walther sein Verhältnis zu Papst und Klerus offenbart und inwiefern sich die Sachlage hinsichtlich dieser Thematik im Zuge der Zeit verändert.

Der Schwerpunkt liegt auf der dritten Strophe des Reichstons, dem Ottenton, vier Strophen aus dem Unmutston und dem Palästinalied. Anhand gezielter Untersuchungen und Interpretationsansätzen soll, sofern möglich, ein potentieller Arbeitgeber gefunden werden, um die Frage zu beantworten, ob Walther überhaupt Propagandist war, oder in welchem Rahmen er seine Töne schrieb bzw. vortrug. Die bestehenden Erkenntnisse sollen anhand der Primär- und entsprechender Sekundärliteratur aufgearbeitet werden. Bei diesem inhaltlichen und interpretatorischen Abriss, werden sprachwissenschaftliche Aspekte außer Acht gelassen. In Kapitel Fünf, dem eigentlichen Kernstück der Arbeit, sollen die gewonnen Erkenntnisse aus den Tönen auf die Fragestellung und das Thema hin untersucht werden. Alle anderen Töne resp. Lieder außer den oben genannten, können im Rahmen dieser Arbeit nicht berücksichtigt werden.

2 Themenspezifische Grundlagen und definitorische Bemerkungen

Um mit einem Text, der im Allgemeinen unter die Gattung „Sangspruchdichtung“ fällt, umgehen zu können, sollte man zuerst, des besseren Verständnisses halber, einige grundlegende Erklärungen hinsichtlich dieser Thematik betrachten.

2.1 Begriffbestimmung

Der Terminus „Sangspruchdichtung“ wurde erst im 19. Jahrhundert von der Walter-Philologie als solcher eingeführt und ist somit ein Begriff der (Walther-) Forschung und keine „Naturform“, wie viele zu glauben wissen, sondern eher eine wissenschaftliche Setzung, die jedoch von der Literaturgeschichtsschreibung als eigene Gattung niemals ganz akzeptiert wurde.[1]

Von daher ist es fragwürdig, die Gattung hinsichtlich der Erkenntnisse, die an Walthers Werk gewonnen wurden, zu verallgemeinern. Die neuere Forschung versucht deshalb, Texte für sich zu spezifizieren, indem sie sie z.B. mit eher funktionalen Bezeichnungen, wie „politisches Lied“ oder „Gebrauchslyrik“, mit Definitionsmerkmalen der Gattung, wie „Liedspruch“, „Spruchgedicht“ oder „lyrischer Spruch“, betiteln.[2]

Da allerdings eine Diskussion über die Begrifflichkeit mühsam und teilweise verwirrend ist, empfiehlt es sich, diese auszublenden. Jedoch sollte man sich immer bewusst sein, dass die Begrifflichkeit „Sangspruchdichtung“ mehr eine Beschreibung für eine Großgattung mit vielen Untertypen und darstellerischer Vielfalt sein sollte, da in der so genannten opinio communis meist immer noch die verallgemeinernde klassische Definition Simmrocks vorherrscht: „Sangspruch ist im Rahmen der Lieddichtung alles, was nicht Liebesdichtung ist.“[3]

2.2 Themen der Sangspruchdichtung

Diese Problematik lässt sich besser darstellen, wenn man die allgemeinen Inhalte und Themen der Sprüche über einen größeren Zeitraum hin betrachtet. An sich kennen die Themen des Sangspruchs keine Beschränkungen; sie korrespondieren aber mit der Auffassung des Publikums und mit den Aufgaben bzw. mit dem künstlerischen Bewusstsein des Sangspruchdichters.

Meist wird aber, um einige Bereiche aufzuzählen, das allgemein Gültige wie „Christliche Glaubenslehre und allgemeine Weisheitslehre“, „Stände- und Herrenlehre“ sowie „Ethik des höfischen Lebens“, der Lebenshintergrund und das Denken des Dichters abgebildet und oftmals nachvollziehbar rekonstruiert.[4] Die Herrenlehre war unter allen „Spruchinhalten“ die wohl beliebteste Thematik, da sie sich von den Anfängen des Sangspruchs im ausgehenden 12. Jahrhundert bis spät ins Mittelalter häufig finden lässt. Angesprochen werden dabei meist der Papst, der Kaiser, die Fürsten oder auch kleinere Adelshöfe, die so über das Medium Sangspruch an ihre Verantwortung für die sozialen, politischen und gesellschaftlichen Zustände im Land erinnert werden sollten. Über allen „Verpflichtungen“ steht allerdings gotes hulde und êre, also die Gnade Gottes und das Ansehen in der Welt. Ebenso ist die so genannte milte eine unabdingbare Eigenschaft eines Regierenden, um dem Sangspruchdichter bzw. dem Volk „Tugendhaftigkeit“ und auch seine „Politikfähigkeit“ zu erweisen respektive zu beweisen.[5] Genauso wird oft auf den Zerfall höfischer Ordnung verwiesen, wie z.B. in Bezug auf die vier wichtigen Begrifflichkeiten des Wertekanon mâze, zuht, staete und triuwe, deren Verletzung oft beklagt werden. Kommt man noch einmal zur gerade angesprochenen milte zurück, muss man an dieser Stelle anmerken, dass diese, vom existenziellen Standpunkt des Dichters aus, rein subjektiv die wichtigste Tugend gewesen sein muss.[6] Schließlich handelt es sich bei den Verfassern von Sangspruchdichtung in der Regel um Künstler niederen Standes ( cantor, trobador, spilman, histrio oder poeta vagus, um einige Gruppen von Künstlern differenzierter zu benennen), die auf das Wohlwollen ihres Gönners bzw. ihres Publikums angewiesen sind. Sprich, sie leben von der milte des Besitzenden und nehmen guot umb êre.[7]

2.3 Die Situation der Aufführung bzw. Darbietungsformen

An dieser Stelle sollte ein kurzer Blick auf den gesellschaftlichen Rahmen für die Aufführung und die Darbietung des Künstlers geworfen werden. Wie bereits angesprochen, handelt es sich bei „Sangspruchdichtung“ um höfische Literatur d.h., sie wurde meist im Rahmen von Festen an Adelshöfen oder an geistlichen Höfen zwischen anderen künstlerischen und artistischen Darbietungen zum Vortrag gebracht. Dies geht aus vielen Quellen zweifelsfrei hervor.

Über die Form der Darbietung ist man sich bis heute nicht ganz einig. Der Gesangsvortrag gilt zwar als gesichert, aber das schließt nicht aus, dass der Text auch gelesen oder rezitiert worden ist. Da das meiste Notenmaterial nicht überliefert ist, ist es nur sehr schwer rekonstruierbar, wie schlussendlich der Text vor Ort vorgetragen wurde. Doch Walther gibt selbst eine Antwort: „ ze Oesterîch lernde ich singen unde sagen “ (L 32,14). Es muss also beide Formen der Darbietung gegeben haben. Interessant ist zudem, dass z.B. viele Sangspruchtexte Walthers als Rollenstrophen angelegt sind (Seher, Bote, Weltkundiger, Priester z.B.) und daher eine szenische Darstellung in Betracht gezogen werden kann (z.B. Tonfall und Habitus). Die Aufführung und somit auch die Darbietungform, ist überhaupt verantwortlich für die bloße Existenz der Kunst. Ebenfalls ist sie das Forum, von dem aus der Sangspruch in einer angemessenen Weise interpretiert werden kann.[8]

2.4 Rollenlyrik und „lyrisches bzw. strophisches Ich“ bei Walther

Im Folgenden wollen wir uns der die für alle Lyrik geltende Frage nach dem „lyrischen Ich“ zuwenden. Walthers gesamtes Werk zeigt eine „überaus starke Betonung des Ich“, wie Alfred Mundhenks im Jahre 1963 bereits ausführt.[9]

Diese Feststellung ist zu unterstreichen: Auch wenn es, wie bei vielen anderen (Minne-) Dichtern erkennbar, in der Natur der Gattung liegt, das „Ich“ zu betonen. Walther legt als Dichter in seine Sangspruchdichtung eine „besondere Kraft des Ichsagens“ in Kombination mit einem ausgeprägten Selbstbewusstsein im gesamten Werk noch deutlicher an den Tag.

Der Terminus „lyrisches Ich“ gab in Bezug auf Walther, in jüngster Zeit immer wieder Anlass zur Diskussion, die allerdings hinfällig erscheint, zumal in den meisten Fällen klar vom „Ich“, „literarischen Ich“, „sprechenden Ich“, vom „lyrischen Protagonisten“, von „lyrischer Figur“ oder einfach, wie Hugo Kuhn häufig formuliert, vom „Sänger“ die Rede ist.[10]

3 Historischer Zusammenhang und Hintergrundbedingungen von Walters Leben und Wirken

3.1 Kurzer Einblick in die Ereignisgeschichte

Um aufzuzeigen, in welchem politischen Umfeld die Menschen zur Zeit Walthers lebten, wird ein kurzen Einblick in deren Ereignisgeschichte gegeben. Die Auseinandersetzung zwischen den beiden Herrschergeschlechtern der Staufer und Welfen ist von besonderer Bedeutung. Der Staufer Friedrich I., wird 1155 zum Kaiser gekrönt und verweist den Welfen Heinrich den Löwen des Thrones. Er konsolidiert somit die Macht seines Geschlechtes über mehr als ein halbes Jahrhundert. Nach Friedrichs I. Tod folgt ihm sein Sohn, Heinrich IV. Als jener unerwartet stirbt, hinterlässt er den Thron des Reiches seinem siebenjährigen Sohn und Erben, Friedrich II. An dieser Stelle entbrennt im Jahre 1198 ein Thronstreit, da die Staufer auf Grund des Alters Friedrichs II., Heinrichs IV. jüngeren Bruder, Philipp von Schwaben, zwar mit den richtigen Insignien, aber am falschen Ort zum König wählen. Kurz danach wählen die Welfen, am richtigen Ort aber mit den falschen Insignien, Otto von Braunschweig zum Herrscher. In diese Wirrnisse mischt sich nun Papst Innozenz III. ein und stellt sich auf die Seite des Welfen. Philipp von Schwaben kann sich allerdings doch gegen den hohen Druck durchsetzen und besteigt bis 1208 den Thron des Reiches. Nach dessen Ermordung wird Otto von Braunschweig nochmals rechtmäßig zum König gewählt und 1209 vom Papst zum Kaiser gekrönt. Da sich allerdings Otto IV. gegen den Willen des Papstes stellt, wird dieser bereits nach zwei Jahren Amtszeit von Innozenz III. gebannt und exkommuniziert. Der junge Staufer Friedrich II. wird nun schlussendlich zum König gewählt und 1220 von Papst Honorius III. zum Kaiser gekrönt. Mit ihm beginnt nun eine lange staufische Ära. 1227 bricht Friedrich II. ins „Heilige Land“ auf und kehrt triumphierend zurück, obwohl der neue Papst, Gregor IX., ihn bereits gebannt hatte. Ungeachtet dessen geht er weiterhin seinen Weg, ein Weltreich aufzubauen, wird jedoch 1245 vom Nachfolger Gregors IX., Innozenz IV., für abgesetzt erklärt.[11]

3.2 Kurzer Einblick in die klerikalen Verhältnisse zur Zeit Walthers

Nun soll differenziert werden, wie das Verhalten des Papstes bzw. des Klerus die derzeitige Welt geprägt haben. Das Erlangen des Seelenheils verstand man in der mittelalterlichen Welt als das höchste Gut, das es zu erringen galt. Die Kirche nahm an dieser Stelle als „Institution Gottes“ eine wichtige Stelle ein, war es doch der Klerus der die lateinischen Schriften, das „Wort Gottes“, zu lesen wusste und somit dem gemeinen Volk als Wegweisung diente, das Reich Gottes zu erlangen. Nach der „Wiederentdeckung“ der konstantinischen Schenkung allerdings wurde es immer offensichtlicher, dass der Klerus respektive der Papst nach immer mehr weltlicher Macht strebten. Als Beispiel dafür soll ein kleiner Ausschnitt aus einem Brief des Papstes Innozenz III. zitiert werden.

Innozenz III. hat die maßgebliche Vorstellung vom Priesterkönigtum Christi und demonstriert dies in seiner „Rex et sacerdos“ Formel. „Der päpstliche Anspruch auf Vollgewalt, auf universale Herrschaft“: „Der König der Könige und der Herr der Herrschenden, Priester in Ewigkeit nach der Ordnung des Melchisedech, hat dem Königtum und dem Priestertum in seiner Kirche eine feste Stelle gegeben, und zwar in der Weise, dass das Königtum priesterlich sein solle und das Priestertum königlich … einen einzigen hat er der Gesamtheit vorangestellt, ihn, den er als seinen Stellvertreter auf Erden eingesetzt hat … und wie sich vor Gott jedes Knie beugt im Himmel, auf Erden und unter der Erde, so sollen auch dem Papst alle Gehorsam leisten und danach streben, dass eine Herde und ein Hirt seien.“[12]

[...]


[1] Vgl. Tervooren, Helmut (2001): Sangspruchdichtung. Stuttgart &Weimar. S.1.

[2] Tervooren, H. 2001, S. 83.

[3] Tervooren, H. 2001, S. 2.

[4] Vgl. Tervooren

[5] Vgl. Tervooren, H. 2001, S. 50f.

[6] Vgl. Tervooren, H. 2001, S. 50f.

[7] Vgl. Tervooren, H. 2001, S. 27.

[8] Vgl. Tervooren, H. 2001, S. 108f.

[9] Knape, Joachim: Rolle und lyrisches Ich bei Walther. In: Walther von der Vogelweide. Beiträge zu Leben und Werk, hg. v. Hans-Dieter Mück, Stuttgart 1989, S. 171.

[10] Vgl. Joachim Knape, Rolle und lyrisches Ich bei Walther. S.186.

[11] Vgl. Bein, Thomas: Walther von der Vogelweide. Stuttgart 1997, S. 41ff.

[12] Vgl. Worstbrock, Franz Josef: Politische Sangsprüche Walthers im Umfeld lateinischer Dichtung seiner Zeit. In: Walther von der Vogelweide. Hamburger Kolloquium 1988 zum 65. Geburtstag von Karl-Heinz Borck, hg. von Jan-Dirk Müller und Franz Joseph Worstbrock, Stuttgart 1989, S. 69.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Walter von der Vogelweide. Autonomer Künstler oder Propagandist?
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Neuphilologische Fakultät - Deutsches Seminar - Mediävistik)
Veranstaltung
Walter von der Vogelweide. Diskussion - Reflexion - Kunst
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
25
Katalognummer
V263232
ISBN (eBook)
9783656518792
ISBN (Buch)
9783656518723
Dateigröße
720 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Anm. d. Dozentin: Die Arbeit hat auf allen Ebenen großes Format. Sie sprengt in der thematischen Anlage und im Umfang der einbezogenen Walter-Texte und der einbezogenen Forschungsliteratur den Rahmen einer PSII-Arbeit. Sie ist vorzüglich strukturiert und sprachlich versiert. Hier dokumentiert sich die Fähigkeit zu selbstständiger Ausformulierung einer These im Dialog mit einer Vielzahl von Texten, Herr Haß hat das Beste aus dem gemacht, was man aus einem Seminar gewinnen kann: eine eigene Frage gestellt und umsichtig, kritisch abwägend und gleichz. "vorantreibend" eine Position ausformuliert.
Schlagworte
walter, vogelweide, autonomer, künstler, propagandist
Arbeit zitieren
Jonathan Haß (Autor), 2007, Walter von der Vogelweide. Autonomer Künstler oder Propagandist?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/263232

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