Harry Potter - ein moderner Mythos?


Masterarbeit, 2011
65 Seiten, Note: 2,1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2.Theoretischer Hintergrund
2.1. Die Entwicklungsphasen des Helden sowie der Mythosbegriff nach Joseph Campbell
2.2.Der Mythosbegriff nach Hans Blumenberg
2.3.Der Symbolbegriff nach David Fontana
2.4.Narrative Codes und der Mythosbegriff nach Roland Barthes

3. Mythen in Harry Potter
3.1.Der Held
3.2.Der Mythos des göttlichen Kindes
3.3.Der Gegensatz zwischen Gut und Böse
3.4.Figuren
3.5.Fähigkeiten

4. Schlussfolgerung

5.Bibliografie
5.1. Primärliteratur
5.2. Sekundärliteratur
5.3. Webseiten

Liste der Abkürzungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1.Einleitung

Die Harry Potter Reihe von J.K. Rowling hat zweifellos die Lesegewohnheiten von Jugendlichen rund um die Welt beeinflusst und auch viele Erwachsene haben sich von den Romanen in den Bann ziehen lassen. Es wurden spezielle Ausgaben für Erwachsene herausgegeben, die durch ein anderes Cover nicht so sehr an ein Kinderbuch erinnern. Buchläden haben bei Erscheinen der neuen Bände sogar Sonderöffnungszeiten eingerichtet, um dem Andrang der begeisterten Leserschaft Herr zu werden, Postboten haben am Erscheinungsdatum Sonderschichten in der Postzustellung auf sich nehmen müssen um sicherzustellen, dass Buchvorbestellungen bei Onlinehändlern die Leser am Erscheinungstag erreichen. Neben den Büchern ist eine große Merchandise-Maschinerie angelaufen, es gibt die Möglichkeit Poster, Tassen, Briefpapier, Taschen sowie Bettwäsche zu erwerben; insgesamt zählt man 400 verschiedene Artikel mit dem Harry Potter Konterfei.1 Zahlreiche Fanforen lassen sich im Internet finden, in denen sich die Nutzer über die Romane, aber auch die Verfilmungen, austauschen.

Seit Beginn des Hype werden die Bücher auch verfilmt und sind in der geschriebenen Form in 61 Sprachen übersetzt worden, darunter exotische Sprachen wie Isländisch und Afrikaans.2 Inzwischen rangieren die Harry Potter Romane auf Platz drei der Allzeit-Bestsellerliste mit 250 Millionen verkauften Büchern.3 Stephen Brown spricht in seinem Businessweek Artikel von einem Verkaufsrang direkt nach der Bibel.4 Aber worauf beruht dieser Erfolg? Die Antwort ist nicht ganz einfach und beruht meiner Meinung nach auf mehreren Faktoren. Der Hauptfaktor ist, wie ich meine, vor allem die Kombination aus der realen Welt der Leser mit einer fantastischen, irrealen und unbekannten Welt voller Zauberkraft, Symbolen und Mythen, aber auch übermenschlichen Fähigkeiten.

Die sieben Harry Potter Bände folgen dem Zauberlehrling Harry Potter durch seine Schulzeit auf der Zauberschule Hogwarts, einer der angesehensten Schulen in der Zauberwelt, und zeigen seinen Kampf gegen die dunkle Macht des Lord Voldemort und dessen Anhängern. Dieser hat Jahre zuvor in einem Kampf Harrys Eltern getötet und das Baby Harry mit einer Narbe für sein Leben gezeichnet. Harry Potter ist dadurch der einzige Zauberer, der einen Angriff von Lord Voldemort - ein Name den man in der Zauberwelt nicht aussprechen darf - überlebt hat. Der Junge Harry wächst in der menschlichen Welt bei der Schwester seiner Mutter Lily auf und weiß bis zur Einberufung nach Hogwarts nichts von der Existenz der parallelen Zauberwelt. Jeder Band, mit Ausnahme von Hallows - denn Harry hat die Schule bereits verlassen - deckt ein Schuljahr in der Zauberschule Hogwarts ab. Während dieses Jahres muss Harry Potter nicht nur die schulischen Herausforderungen meistern, er muss gleichzeitig Lord Voldemort bekämpfen. In jedem Band gipfelt diese Aufgabe in einem finalen Kampf zwischen Harry Potter und dem dunklen Lord.

Kinder rund um die Welt wachsen mit Märchen, sowohl in schriftlich fixierter Form als auch durch rein orale Wiedergabe, auf; auch hier kommen Symbole und mythische Wesen häufig vor. Unter diesem Aspekt könnte man behaupten, dass durch die Harry Potter Reihe das kindliche Erleben wieder ins Gedächtnis gerufen wird, denn die Jugendlichen und Erwachsenen sind erneut mit bekannten Symbolen und Mythen konfrontiert, so zum Beispiel Geistern, Drachen, Geheimgängen sowie dem Kampf zwischen Gut und Böse. In den Bänden von J.K. Rowling kommen jedoch weitere Aspekte aus der mythischen Welt hinzu: Wunsch und Verlangen im Inneren der menschlichen Seele, der Wunsch nach ewigem Leben, um nur zwei Beispiele zu nennen. Es ist eben dieses Netz aus Symbolen und Mythen, sowie Kindheitserinnerungen an dieselben, das die Harry Potter Romane auch für eine ältere Leserschaft so interessant macht.

Bereits David Colbert schreibt in der Einleitung zu seinem Buch The Magical Worlds of Harry Potter, dass „one of the pleasures of reading J. K. Rowling is discovering the playful references to history, legend and literature that she hides in her books” (Colbert 15). Ich stimme mit Colbert in seiner Ansicht überein, dass die Beliebtheit von Rowlings Büchern testifies to the breadth of culture from which she draws many of her images, characters and themes. [...] She creates something entirely new with the bits of material from which she draws; yet she remains remarkably true to the essence of each. (Colbert 16-17)

In dieser Arbeit soll gezeigt werden, dass die Romane Potential für einen modernen Mythos aufweisen und wie dieser Effekt erreicht wird. Dazu werden im ersten - theoretischen - Teil dieser Arbeit drei Konzepte der Mythologie näher beleuchtet; und zwar der Monomythos sowie die Entwicklungsphasen des Helden nach Campbell, die genuinen Mythen nach Blumenberg aber auch die Mythentheorie und narrative codes nach Roland Barthes, die den Mythos als semiotisches System begreift und ihm ein Metalevel zuweist. Als weitere Theorie möchte ich auf den Symbolbegriff nach David Fontana eingehen; dieser besagt, dass Symbole mit großer Häufigkeit Teil eines Mythos sind und in dieser Funktion etwas Bestimmtes zum Ausdruck bringen.

Im zweiten, analytischen, Teil der Arbeit werde ich die Harry Potter Romane auf typische Mythen und Mythenstrukturen untersuchen, so zum Beispiel auf den ,Mythos des göttlichen Kindes’, welcher bereits in der Bibel zu finden ist und aufzeigen, inwieweit sich eventuell in den Harry Potter Romanen eine Bedeutungsveränderung bzw. Erweiterung ergibt. Ebenso soll deutlich gemacht werden, dass durch den Rückgriff auf verschiedene Mythen gewisse Assoziationen in den Lesern geweckt werden. Des Weiteren werde ich die Figurenkonstellation näher beleuchten und auf die Bedeutungen dieser Konstellation im Rahmen der Mythenbildung eingehen. Als ein wichtiger Teilaspekt wird hierbei die Namenanalyse fungieren und es gilt, die kulturelle Funktion der Namen aufzuzeigen. Ebenso werde ich mir die Fähigkeiten der Romanfiguren ansehen und darauf hinweisen, inwiefern diese Figuren die Urängste bzw. Träume der Menschheit repräsentieren und dadurch auch den großen Mythosrahmen ausfüllen.

Auf einen expliziten Teil der Symbolanalyse soll hier aus Platz- und thematischen Gründen verzichtet werden, jedoch sollen Symbole und deren Verwendung in den einzelnen Abschnitten immer ein Teil der Analyse sein, daher auch der theoretische Unterpunkt zu Fontana. Mit dieser Arbeit möchte ich aufzeigen, dass es sich bei den Harry Potter Romanen um einen modernen Mythos handelt; dieser ermöglicht es den Lesern in eine neue Welt einzutauchen und dadurch die eigenen Ängste vor dem Unbekannten zu überwinden.

2.Theoretischer Hintergrund

2.1. Die Entwicklungsphasen des Helden sowie der Mythosbegriff nach Joseph Campbell

In seinem5 Werk Der Heros in Tausend Gestalten aus dem Jahre 1949 beschäftigt sich Joseph Campbell mit den Grundzügen des Mythos und versucht nachzuweisen, dass die Mythen der Welt auf eine gemeinsame Grundstruktur, einen sogenannten ‚Monomythos’, zurückgehen. Hierzu zeigt er an diversen Mythen Ähnlichkeiten auf. Im zweiten Teil des Werkes beschreibt Campbell typische Entwicklungsphasen des Helden, die in Geschichten und Mythen auf der ganzen Welt - wenn auch in gewissen Abwandlungen - auffällig sind.

Eine Grundstruktur des Monomythos ist der Held. Im Monomythos - als Kreis angelegt - ist der Held „eine Gestalt mit außergewöhnlichen Gaben“ (Campbell 42). Er teilt seine Umwelt in mindestens zwei Gruppen, nämlich seine Anhänger, welche ihn verehren und wenn möglich nach Kräften unterstützen, sowie seine Gegner, welche ihn oft missachten oder verachten. Der Held und die Welt in der er lebt „kranken an einem symbolischen Defekt“ (Campbell 42), dies kann in einem Märchen ein ganz geringfügiger Mangel sein, in einer großen apokalyptischen Vision die gesamte Umwelt - sowohl auf der körperlichen als auch geistigen Ebene - welche als „verheert oder der Verheerung bestimmt erscheint“ (Campbell 42). Der Weg des Helden ist gekennzeichnet durch drei große Stationen: Trennung, Initiation und Rückkehr (Campbell 36). Diese drei Schritte sind weiter unterteilt, wie wir im nächsten Abschnitt sehen werden. Nicht in jedem Mythos muss jedoch zwingenderweise jeder einzelne Zwischenschritt vorkommen; es sind auch Abweichungen zulässig bzw. einzelne Unterteilungen können verdoppelt oder komplett ausgelassen werden.6 Die erste Phase der ‚Trennung’ liegt in der Kindheit des Helden. Nach einer unschuldigen Kindheit wird der Held zu seinem Abenteuer gerufen; diese Berufung wird durch einen Boten überbracht. Der Held muss eine Schwelle überschreiten; „charakteristische Umstände der Berufung sind der dunkle Wald, der große Baum, der murmelnde Brunnen und die ekle und mindere Verkleidung des mächtigen Schicksalsboten“ (Campbell 57). Durch die Berufung verlagert sich der Horizont des Helden aus seiner bisher bekannten Welt in eine neue Welt, welche oft durch „seltsam fluide und vielgestaltige Wesen“ bewohnt ist, wo aber auch Qualen und übermenschliche Mächte auf den Helden warten (Campbell 63). Die Berufung trifft jedoch häufig auf taube Ohren beim Helden, er weigert sich in die neue Welt einzutreten, denn für den Helden stellt diese neue Umgebung eine „Bedrohung seines gegenwärtigen Systems von Idealen, Tugenden, Absichten und Vorteilen“ dar (Campbell 64). Wenn sich der Held dem Ruf der neuen Welt jedoch nicht verschließt, so trifft er auf seiner Reise zuerst auf eine schützende Figur - diese Figur kann sowohl männlich als auch weiblich sein und stattet den Helden oft mit einem schützenden Amulett oder einem anderen Gegenstand aus (Campbell 72). Der Held wird somit unantastbar und sein Einlassen auf die Reise ist bereits der erste Ankündigung der Initiation.

In der zweiten Phase, der Initiation, bewegt sich der Held nun in einer neuen Welt in der er eine Reihe von Prüfungen zu durchstehen hat. Jedoch ist der Held nicht allein während seiner Abenteuer, denn er wird „insgeheim gelenkt von den Ratschlägen, Amuletten und verborgenen Kräften des mythischen Helfers den er vor dem Eintritt in diesen Bereich getroffen hatte“ (Campbell 97). Nach der Überwindung einiger Schranken, oft in Verbindung mit Ungeheuern, steht für den Helden das größte Abenteuer an; und genau dieses letzte Abenteuer wird oft als eine „mystische Hochzeit der siegreichen Heldenseele mit der göttlichen Weltmutter“ dargestellt (Campbell 106). Die Weltmutter ist die Antwort auf alle Fragen, das Ziel jeder irdischen und überirdischen Tat. Die Weltmutter leitet, lenkt und lockt den Helden auf seinem abenteuerlichen Weg und spornt ihn immer wieder zu neuen Höchstleistungen an. Gemeinsam sind Weltenmutter und Held unschlagbar, können Grenzen überschreiten (Campbell 112). Die relative Leichtigkeit mit der der Held seine Aufgaben und Abenteuer durchlebt, macht erneut seine Ausnahmestellung deutlich.

Die dritte und letzte Phase des Heldenweges - die Rückkehr - beginnt direkt nach Bestehen des letzten großen Abenteuers. Jedoch weigert sich der Held oft zurückzukehren, er versucht dadurch sich der Verantwortung zu entziehen (Campbell 188). Es macht einen Unterschied ob der Held von seinem Beschützer eindringlich zur Rückkehr ermutigt wird oder ob er den letzten Kampf gegen den Widerstand des Beschützers gewonnen hat. Handelt es sich um die ermutigte Rückkehr, so wird diese auch vom Beschützer unterstützt und gestaltet sich für den Helden recht problemlos; ist der Beschützer erzürnt, so versucht er dem Helden weitere Hindernisse zu stellen um ihm so den Rückweg zu erschweren (Campbell 190-191). Es kann aber auch sein, dass der Held von außen von seinem Abenteuer zurückgeholt werden muss. Der Held betritt also zwei verschiedene Welten - die irdische und die übernatürliche - während seiner Abenteuerreise. Es wird jedoch klar - „und darin liegt der große Schlüssel für das Verständnis der Mythen und Symbole - [dass die beiden Welten] in Wahrheit eins [sind]“ (Campbell 208-209).

Joseph Campbell vergleicht den Mythos mit einem Traum und für die Deutung beider Bereiche spielt die Psychoanalyse nach Freud eine wichtige Rolle. „Der Traum ist verpersönlichter Mythos, der Mythos entpersönlicher Traum“; jedoch bezieht sich der Traum auf die Nacht, der Mythos auf den Tag (Campbell 26). Beide schicken Bilder ins Bewusstsein des Menschen; im menschlichen Bewusstsein befinden sich sowohl „Juwelen“ als auch „böse Geister“ - seelische Impulse - welche das Individuum aus seinem Leben verbannt hat (Campbell 17). Dieser Tatsache des Aussperrens ist sich der Mensch jedoch nicht bewusst, wenn nicht durch einen reinen Zufall die Existenz der seelischen Impulse wieder ins menschliche Bewusstsein gerückt werden. Traumbilder sind somit ein direkter Ausdruck der Seele und durch die Gleichsetzung zwischen Traum und Mythos trifft dieses auch auf Mythen zu. Campbell nennt dies das „wunderreiche Lied von den Abenteuern der Seele“ (Campbell 28) welches ein gemeinsames Grundschema bei allen Völkern der Welt aufweist - den sogenannten ‚Monomythos’. Ein archetypischer Charakter des Monomythos ist der Held, wie wir im ersten Abschnitt dieses Kapitels bereits gesehen haben.

Der Heros verläßt die Welt des gemeinen Tages und sucht einen Bereich übernatürlicher Wunder auf, besteht dort fabelartige Mächte und erringt einen entscheidenden Sieg, dann kehrt er mit der Kraft, seine Mitmenschen mit Segnungen zu versehen, von einer geheimniserfüllten Fahrt zurück. (Campbell 36) Der einheitliche Kern des Monomythos besteht also aus „Trennung, Initiation und Rückkehr“ bekannt aus der Abfolge der rites of passage (Campbell 36). Beispiele des Monomythos lassen sich bereits in vielen Religionen finden, so zum Beispiel dem Christentum, dem Buddhismus aber auch bei den Muslimen.

Mag der Heros lächerlich sein oder erhaben, Grieche oder Barbar, Heide oder Jude, der wesentliche Umriß seiner Abenteuer variiert kaum. Volkssagen stellen die Heldentat als körperliche Leistung dar, die höheren Religionen als moralische, aber in der Morphologie des Abenteuers, der beteiligten Personen und errungenen Siege findet man erstaunlich wenige Abwandlungen. Wenn das eine oder andere Element des Archetypus in einem bestimmten Märchen, Bericht, Ritual oder Mythos nicht erscheint, dann sicher implizit oder an anderer Stelle - abgesehen noch davon, daß die Weglassung selber [...] von der Geschichte und Pathologie des Beispiels Bände sprechen kann. (Campbell 43)

Neben dem Helden gibt es aber einen weiteren archetypischen Charakter, nämlich den Gegenspieler des Helden, den Tyrannen.

Die Figur des tyrannischen Ungeheuers ist allen Mythen, Sagen, Legenden und selbst Angstträumen der Welt geläufig, und im wesentlichen sind ihre Züge überall gleich. [...] Die Verheerung, die er anrichtet, ist nach den Mythen und Märchen absolut, soweit seine Macht reicht. [...] Das aufgeblähte Ich des Tyrannen ist Fluch für ihn selbst und die Welt. [...] Wohin er auch seine Hand ausstreckt, schreit es auf, wenn nicht in den Straßen, dann, schlimmer noch, in jedem Herzen, und der Schrei gilt dem erlösenden Helden, dem Träger des leuchtenden Schwertes, dessen Hieb, Berührung oder Existenz das Land befreien soll. (Campbell 23-24) Im Verlaufe dieser Arbeit wird deutlich werden, dass diese Grundstrukturen im Monomythos auch in den Harry Potter Romanen vertreten sind, nämlich durch Harry Potter und Lord Voldemort.

Der Monomythos ist auf seine grundlegende Funktion zurückzuführen, dass durch diesen Symbole geliefert werden, „die den Menschen vorwärtstragen und den anderen, ebenso konstanten Phantasiebildern entgegenzuwirken, die ihn [den Menschen] an die Vergangenheit ketten wollen“ (Campbell 20). In seiner Aussage, dass der Mythos den Menschen unterstützt und ihm durch die verwendeten Symbole die Angst nimmt deckt sich die Aussage von Campbell mit der späteren Interpretation von Blumenberg, wie wir im folgenden Kapitel sehen werden. Monomythen bzw. Mythen des göttlichen Kindes finden sich bereits in den großen Religionen wieder.7

2.2.Der Mythosbegriff nach Hans Blumenberg

Der zeitgenössische deutsche Philosoph Hans Blumenberg hat sich eingehend sowohl mit der Thematik der Metapher als auch mit dem Mythos auseinandergesetzt.8 Blumenberg baut in seinem Werk Arbeit am Mythos auf eine These von Gehlen wonach der Mensch ein „Mängelwesen“ sei und somit schutzlos seiner Umwelt ausgesetzt sei (Gehlen 20). Dies entspricht Blumenbergs grundlegender Sicht der Situation des Menschen. Der Mensch leidet unter elementaren Mängeln - denn dem menschlichen Körper fehlen tierische Eigenschaften wie beispielsweise Klauen und Fell, dem menschlichen Geist fehlt der Instinkt - und wird daher von Angst beherrscht. Diese Angst bezeichnet Blumenberg als „Intentionalität des Bewusstseins ohne Gegenstand“ (Blumenberg, Mythos 10). Diesen Ausdruck wiederum verdeutlicht er durch die Veränderung - von ihm „Situationssprung“ (Blumenberg, Mythos 10) bezeichnet - die der frühe Mensch vollzogen hat, indem er seinen Lebensraum aus dem schützenden Wald in die offene Ebene verlegte. Diese Veränderung des Lebensraums war verbunden mit einer Horizonterweiterung. Der Horizont rückt in die Ferne und in ihm drohen unbekannte Gefahren.9

Die Bedrohung, welche vom erweiterten Horizont des Menschen ausgeht, bezeichnet Blumenberg als „Absolutismus der Wirklichkeit“ (Blumenberg, Mythos 10). Der veränderte Horizont wird zur Herausforderung und der Mensch muss nun lernen drohende Gefahren - diese können durchaus real sein - nicht nur zu bewältigen, sondern diese Gefahren zu erklären. Es ist die einzige Möglichkeit einer dauerhaften Anspannung zu entkommen. Möglich ist das lediglich durch Erfahrung und Erkenntnis bzw. wie Blumenberg es ausdrückt durch Kunstgriffe wie den der Supposition des Vertrauten für das Unvertraute, der Erklärungen für das Unerklärliche, der Bennennungen für das Unnennbare. (Blumenberg, Mythos 11) Durch das Benennen der Phänomene werden diese greifbar, ebenso auch die von ihnen ausgehende Bedrohung, kalkulierbar und somit schlussendlich beherrschbar. Die starke Leistung des menschlichen Geistes besteht in der Namensgebung, aber auch im Entwickeln und Erzählen von Mythen sowie der Bildung von Metaphern. Mythen und Metaphern haben die Funktion gegenüber den unberechenbaren Naturelementen, die ein Menschenleben beeinflussen, sowohl Distanz als auch Vertrautheit zu schaffen. Die Aufgabe der Mythen liegt darin, den Schrecken umzuwandeln und ihn in Geschichten über den Schrecken einzubetten. Durch diese Einbettung in Geschichten wird der Schrecken letztendlich gebannt. Auch der „Rand der Welt“ sowie das für die Erfahrung nicht zugängliche - weil hinter dem Horizont liegend - muss laut Blumenberg benannt werden um mit Bildern den Verlässlichkeitsmangel der Welt zu überspielen (Blumenberg, Mythos 20). Jedoch bleibt auch hierbei immer der Bereich des Unnennbaren, Unverstehbaren mit einer „diffus ausgebreiteten Qualität von Unwirklichkeit und Ungefügigkeit“ (Blumenberg, Mythos 20). Daraus wird einmal die Sphäre des Heiligen, aber auch die Tabuthemen gebildet. Wie wir im Verlaufe der Arbeit noch sehen werden, bieten auch die Harry Potter Romane die Möglichkeit für ihre Leser das große Unbekannte in der Welt zu verstehen und so besser damit zurecht zu kommen.

Laut Blumenberg sind unsere abendländische Kultur und ihre Geschichte der Versuch die für die Menschen übermächtige und dadurch bedrohliche Realität gedanklich, aber auch in der Wissenschaft und Technik, zu verarbeiten, sie künstlerisch zu durchdringen. Der Titel seines Werks Arbeit am Mythos bezeichnet den Prozess der mit der Mythenbildung begann und auch im heutigen Zeitalter der Wissenschaft und Technik nicht abgeschlossen ist. Das Weiterleben des Mythos Seite an Seite mit der Wissenschaft beweist, so die These Blumenbergs, „dass Mythen zu keinem Zeitpunkt 10 dieselbe Funktion hatten wie die Wissenschaft“ (Segal 38). Der Mythos führt zu „Distanzgewinn [...] und Abmilderung des bitteren Ernstes“ (Blumenberg, Mythos 23). Der Autor merkt an, dass „[a]uch sehr gutes Wissen über Unsichtbares [...] der Furcht kein Ende [macht]“ (Blumenberg, Mythos 40). Etwas Unbekanntes aber Wahrnehmbares ist namenlos; erst durch das Benennen wird ein Phänomen eingeordnet. Der mythische Mensch gibt sich die Möglichkeit zur Anrufung, Beschwörung und Kontaktaufnahme.

In Arbeit am Mythos stellt Blumenberg die Vorstellungen heraus, die man sich zu unterschiedlichen Momenten in der Geschichte gemacht hat. Die Mythologie der Entstehung des Mythos wird von Blumenberg als die „hereditäre Hartnäckigkeit seines [des Mythos] Mitgehens durch die Geschichte“ bezeichnet (Blumenberg, Mythos 68). Ausgangspunkt für diese Entwicklung bilden für den Philosophen die Begriffe ‚Poesie’ und ‚Schrecken’. ‚Poesie’ als „die imaginative Ausschweifung anthromorpher Aneignung der Welt mit theomorpher Steigerung des Menschen“ sowie ‚Schrecken’ als Ausdruck von „Angst und Grauen, von dämonischer Gebanntheit, magischer Hilflosigkeit, schlechthinniger Abhängigkeit“ (Blumenberg, Mythos 68).

Blumenberg macht deutlich, dass auch unterschiedliche Interpretationen von Mythen und mythischen Begriffen immer auf der primären Auslegung ihre Basis haben. Dass die Auslegung und Interpretation sich verändert, hängt mit der veränderten Lebenswirklichkeit zusammen und „Vernunft bedeutet eben mit etwas - im Grenzfall: mit der Welt - fertig werden zu können“ (Blumenberg, Mythos 72).

Ein großes Kapitel in Arbeit am Mythos ist dem Begriff ‚Bedeutsamkeit’ gewidmet. Blumenberg gibt an, dass Bedeutsamkeit zu der Kategorie der Begriffe gehört, die man zwar erläutern, jedoch nicht strikt definieren kann. Das Bedeutsame hat seinen eigenen Wirklichkeitsbezug durch die Prägnanz - diese steht im Gegensatz zur Indifferenz - sowie sein „Heraustreten aus dem diffusen Umfeld der Wahrscheinlichkeiten“ (Blumenberg, Mythos 78). Der Mensch kann zwar durch sein Verhalten die Geschichte beeinflussen, er hat aber keine Möglichkeit auf die Nebenwirkungen, nämlich die „Aufladung von Bestandstücken der menschlichen Welt mit Bedeutsamkeit“ Einfluss zu nehmen (Blumenberg, Mythos 78). Auch Mythen sind stark von Bedeutsamkeit geprägt. Der Mythos erhält seine Prägung bereits durch die, wie Blumenberg es nennt, „archaische Imagination“ und diese bleibt erhalten auch wenn sich die Rezeption des Mythos verändert (Blumenberg, Mythos 68). Auch unsere heutige Zeit, welche durch Wissenschaft und Technik geprägt ist, kommt nicht ohne Mythen bildende Bedeutsamkeiten aus.11

Blumenberg ist sich der Gewissheit des Verschwindens eines jeden Lebens mehr als bewusst. Die Bedeutungslosigkeit des einzelnen Menschen, des menschlichen Geistes und dessen was der menschliche Geist an Ideen hervorbringt schmerzt den Philosophen. Jedoch hält Blumenberg es durchaus für möglich, dass das Endliche „das Leben als Ausnahme und nicht die Regel“, das Wertvolle und somit das Bedeutsame ist (Blumenberg, Sterne 276).

2.3.Der Symbolbegriff nach David Fontana

Symbole begegnen 12 uns überall, in unseren Träumen13, im Unterbewusstsein und in der uns umgebenden Welt. Sie sprechen zu uns in einer universalen Sprache, die die Begründer der modernen Psychologie, vor allem Carl Gustav Jung und Siegmund Freud, erforscht und interpretiert haben (Fontana Klappentext).

David Fontana hat sich eingehend mit der Thematik der Symbole in seinem Werk Die verborgene Sprache der Symbole beschäftigt. Seine breiten Kenntnisse aus den Bereichen Psychologie, westlicher wie östlicher Philosophie, der Traumdeutung und Meditation aber auch der Anthropologie und Geschichte haben dabei sein Werk wesentlich beeinflusst.

Symbole sind in allen Kulturen der Welt zu finden; sie haben die Entwicklung der menschlichen Zivilisation begleitet. Symbole sind ein tiefer Ausdruck des menschlichen Wesens. Jedoch sind Symbole weit mehr als lediglich kulturelle Relikte; sie sind bis heute wirksam und sprechen die Menschen auf der ganzen Welt emotional, spirituell und intellektuell an, „in ihnen stellt sich die Menschheit selbst dar“ (Fontana 8).

Menschen fühlen sich zu Symbolen hingezogen und das vor allem durch deren emotionale Wirkung auf das Individuum. Die Bedeutung der Symbole im täglichen Leben ergibt sich trotz der eigentlich durch Rationalität und von Wissenschaft geprägten Umwelt, denn die Menschen glauben auf einer persönlichen Ebene, daß sich jenseits des objektiven Verstandes eine tieferliegende Realität befindet. [Die Menschen] erkennen sogar, daß es dort ewige Wahrheiten gibt, und spüren intuitiv, daß die Sprache der Symbole uns Zugang zu ihnen verschafft. (Fontana 21)

Mythen sind symbolische Erzählungen, „symbolische Reisen durch das Leben und die Protagonisten Verkörperung unbewusster Archetypen“ (Fontana 29). In den Harry Potter Romanen verwendet auch J. K. Rowling vielseitige Symbole um die einzelnen Mythenthemen ihren Lesern verständlich zu machen und wir werden sehen, inwiefern die Autorin dem - laut Gehlen „Mängelwesen Mensch“ (Gehlen 20) - hierdurch die Angst vor dem Unbekannten, dem erweiterten Horizont, nimmt.

2.4.Narrative Codes und der Mythosbegriff nach Roland Barthes

Jede Erzählung beinhaltet spezielle Mechanismen, die die unterschwelligen Normen und Werte, welche mit jeder Erzählung verbunden sind, transportieren. Wenn diese Erzählmechanismen wiederholt eingesetzt werden - und dies in einer großen Anzahl verschiedener Erzählungen - so nehmen diese Mechanismen einen formellen Charakter an und erzeugen auf der Seite des Lesers einen Bekanntheitseffekt.

Auch Roland Barthes hat sich ausgiebig mit der Frage, welche strukturellen Elemente Erzählungen formen bzw. beeinflussen, beschäftigt. Er hat dabei fünf sogenannte ’narrative codes’ benannt, welche in diversen Erzählungen vorhanden sind. Diese narrative codes können auf unterschiedliche Art und Weise miteinander verbunden sein und dadurch Bedeutung entwickeln (Felluga).

Der ’hermeneutic code14 ’ bezieht sich auf Elemente in der Erzählung, welche nicht erklärt werden und dadurch Fragen aufwerfen. Jeder Leser tritt bezüglich Handlungsbeginn und Ende, sowie der Unterteilung der einzelnen Handlungsstränge mit unterschiedlichen Erwartungen an eine Erzählung heran. Diese Lesererwartungen können entweder erfüllt werden, aber auch unerfüllt bleiben. Die Nichterfüllung der Erwartungen tritt beispielsweise ein, wenn Problemlösungen absichtlich verschwiegen bzw. teilweise verschwiegen werden oder eine endgültige Lösung unmöglich ist. Insofern wird durch Geheimnisse bzw. Rätsel die Spannung aufgebaut. Detektivgeschichten sind primär auf dem ’hermeneutic code’ aufgebaut - und auch in den Harry Potter Bänden spielt das Detektivelement eine Rolle, wie wir später noch sehen werden.

[...]


1 Vgl Brown, Stephen. http://www.businessweek.com/innovate/content/jul2005/di20050721_060250.htm

2 ibid

3 Angaben beziehen sich auf den Stand nach Erscheinen von 6 Bänden der Harry Potter Serie

4 ibid

5 Campbells Werk folgt der alten deutschen Rechtschreibung. Ich habe daher die Zitate dementsprechend entnommen.

6 Aus Campbells Theorie ist auf der Webseite http://hubcap.clemson.edu/~sparks/heroj.html ein sehr anschauliches Schaubild entstanden.

7 Im Kapitel ‚Mythos des göttlichen Kindes’ werde ich auf eine Darstellung des göttlichen Kindes im Buddhismus näher eingehen.

8 Für diese Arbeit ist jedoch lediglich seine Mythostheorie von Bedeutung und wird hier ausschließlich näher erläutert.

9 Diesen und andere Situationssprünge sieht Blumenberg in Anlehnung an Ferenczi als Wiederholung des phylogenetischen Übergangs vom Meer aufs Land, der wiederum sein Korrelat im ontogenetischen Geburtstrauma findet.

10 Hervorhebung bereits im Original

11 Blumenberg verdeutlicht dies durch die Fußspuren der Astronauten auf dem Mond. Die Fußspuren bleiben auf dem Mond erhalten, auf der Erde jedoch verwehen sie. Für Blumenberg ist dies eine unheimliche Bedeutsamkeit, denn sie zeigt die Vergänglichkeit des Menschen.

12 Auch wenn die Symbolanalyse im Rahmen dieser Arbeit viel zu umfangreich wäre, so möchte ich trotzdem kurz auf Symbole eingehen und füge die Theorie von Fontana ein. Im Verlaufe der Arbeit und der Mythosanalyse in den Harry Potter Romanen werden wir sehen, dass Rowling wiederholt auf Symbole zurückgreift welche ein Teil vieler Mythen sind.

13 Das Werk Fontanas folgt noch der alten deutschen Rechtschreibung. Ich habe daher die Zitate dementsprechend übernommen.

14 zur Erklärung der narrative codes siehe Narrati

Ende der Leseprobe aus 65 Seiten

Details

Titel
Harry Potter - ein moderner Mythos?
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Englisches Seminar)
Veranstaltung
Masterarbeit
Note
2,1
Autor
Jahr
2011
Seiten
65
Katalognummer
V263284
ISBN (eBook)
9783656521914
ISBN (Buch)
9783656523826
Dateigröße
602 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
harry, potter, mythos
Arbeit zitieren
Eva Reimann (Autor), 2011, Harry Potter - ein moderner Mythos?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/263284

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