Korpuslinguistische Untersuchung zur Logographie in der französischen SMS-Sprache


Bachelorarbeit, 2009

46 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II. Problemaufriss
SMS-Sprache
Repräsentativität des Korpus

III. Logographie

IV. Korpus

V. Analyse, Auswertung und Ergebnisse

VI. Fazit und Ausblick

VII. Literaturverzeichnis

VIII. Anhang
Belegsammlung
Soziolinguistischer Fragebogen des Projekts

I. Einleitung

"Étu2 basé sur 1 corpus 2s éléments logographikes dans le langage sms"1, so könnte der Titel dieser Arbeit in französischer SMS-Sprache lauten. Seit- dem die Möglichkeit des Versendens und Empfangens von Kurzmitteilun- gen bzw. SMS (Short Message Service) alltäglich geworden ist, werden tagtäglich Millionen von ihnen auf der ganzen Welt verschickt. Gerade im frankophonen Raum bildet sich nun immer mehr eine eigene Sprachform anlässlich dieser Kommunikationsform: die SMS-Sprache. Es finden sich die verschiedensten Presseartikel und Internetforen zu diesem Thema, die die Vor- und Nachteile dieser Sprache diskutieren. Zudem gibt es Wörter- bücher und sogar Unterricht zur Übersetzung von SMS-Sprache. Der Schriftsteller Phil Marso bietet einen solchen Kurs auf seiner Webseite2 an. Kritiker sehen in der Popularität dieser Sprache eine Gefahr für die französi- sche Standardsprache und ihre Orthographie. Doch hier soll keine Diskussi- on über die Vor- und Nachteile der französischen SMS-Sprache entfacht werden. Der Ansatz dieser Arbeit ist ein anderer, der kurz erläutert werden soll. Die Idee zu dieser Arbeit entstand aufgrund eines Artikels zur französi- schen SMS-Sprache in der Revue de la presse3 . In dem Artikel wird ihre außergewöhnliche Graphie beschrieben und der Roman „1Tox“ von Coline Lemeunier (2008) erwähnt, welcher den Preis der Fondation Bouygues Te- lecom 2008 bekommen hat, da er französische SMS-Sprache in den Ro- manverlauf einbezieht. Der Roman handelt von einer einsamen Frau um die Vierzig, die das SMS-Schreiben für sich entdeckt und daraufhin in eine re- gelrechte Abhängigkeit gerät. Ihr Leben wird durch das Empfangen und Versenden von SMS bestimmt, da sie sich unter anderem durch die spezielle SMS-Sprache endlich einer Gemeinschaft zugehörig fühlt. Durch die Lektü- re des Romans wurde deutlich, dass die französische SMS-Sprache eine Vielfalt an linguistischen Phänomenen aufweist. Neben den soziolinguisti- schen Aspekten, fasziniert besonders die variantenreiche Graphie der fran- zösischen SMS-Texte. Um nun allerdings spezielle Phänomene der franzö- sischen SMS-Sprache untersuchen und fundierte Ergebnisse erzielen zu können, bedarf es einer repräsentativen Sammlung von realen französischen SMS. Das Korpus "SMS pour la science" von Cédrick Fairon, Jean René Klein und Sébastien Paumier enthält 30.000 SMS, die in Belgien gesammelt wurden und auf CD-ROM zur Verfügung stehen. Das Korpus ist Grundlage dieser Arbeit. Es handelt sich also um eine korpusbasierte Untersuchung zur Logographie. Dies bedeutet, dass die logographische Darstellung von Wör- tern im Bereich der französischen SMS-Sprache analysiert und interpretiert werden soll. Um den Titel dieser Arbeit genauer zu verstehen, ist es sinnvoll die einzelnen Begriffe kurz zu erläutern. Die Korpuslinguistik ist nach Lemnitzer / Zinsmeister (2006:9) eine: „Beschreibung von Äußerungen na- türlicher Sprachen, ihrer Elemente und Strukturen, und die darauf aufbauen- de Theoriebildung auf der Grundlage von Analysen authentischer Texte, die in Korpora zusammengefasst sind.“ Die authentischen Texte sind in diesem Fall die in dem Korpus "SMS pour la science" gesammelten SMS, da es sich hierbei um tatsächlich versandte SMS handelt. Die Konzentration bei der Untersuchung dieser SMS ist dann auf die logographischen Elemente wie etwa Zahlen oder Zeichen gerichtet. Um das Thema der Arbeit kurz zu- sammenzufassen, lässt sich sagen, dass das, was untersucht wird, die Logo- graphie ist, dass der Untersuchungsgegenstand die französische SMS- Sprache und dass die Korpuslinguistik das Mittel der Untersuchung ist. Es soll anhand der Korpusbelege überprüft werden, inwiefern in der französi- schen SMS-Sprache logographische Eigenheiten Verwendung finden und welche Bedeutung ihnen zugewiesen wird. Die Vorgehensweise dieser Ar- beit ist dabei folgende: Zunächst soll auf die SMS-Sprache und die mögli- chen Probleme hinsichtlich der Exaktheit und Repräsentativität der Untersu- chungsergebnisse hingewiesen werden, um den Leser für eben diese zu sen- sibilisieren. Anschließend folgt ein Abschnitt zur Logographie, um dann das Korpus und seine Besonderheiten und Abfragemöglichkeiten vorzustellen. An die Korpusvorstellung schließt die Analyse der logographischen Phäno- mene an, die den Hauptteil der Arbeit bildet. Die Ergebnisse der Analyse und Auswertung werden abschließend im Fazit zusammengefasst.

II. Problemaufriss

In diesem Kapitel soll auf die Besonderheiten und Schwierigkeiten, die sich bei der folgenden Untersuchung stellen, hingewiesen werden. Da sich diese in zwei Kategorien fassen lassen, ist dieser Problemaufriss in zwei Ab- schnitte aufgeteilt. Zunächst wird die SMS-Sprache genauer beschrieben, um die wichtigsten Elemente für die spätere Analyse herauszustellen. Dann folgt ein Einblick in die Problematik, die sich bei der Arbeit an einem Kor- pus stellt.

SMS-Sprache

Handys zählen zu den meistgenutzten modernen Kommunikationsmitteln. Ihre Hauptmerkmale sind Mobilität, also überall und jederzeit erreichbar zu sein, und die individuelle Freiheit des Benutzers, da dieser zwischen einer Vielzahl an Nutzungsmöglichkeiten wählen kann. So wird das Mobiltelefon längst nicht mehr nur zum Telefonieren genutzt, sondern bietet durch den SMS-Dienst eine kostengünstige Alternative. Eine SMS, oder zu deutsch eine Kurzmitteilung, ermöglicht den Versand von kurzen Texten an ein Mo- biltelefon. Eine SMS ist zumeist auf 160 Zeichen begrenzt und wird mittels der Tastatur des Handys geschrieben, wobei jeder Zahl auf der Tastatur mehrere Zeichen bzw. Buchstaben zugeordnet sind. Jeder Handybesitzer hat heutzutage die Möglichkeit diesen Service zu nutzen: "Aujourd'hui tous les utilisateurs de portables ou presque peuvent envoyer des SMS puisque cette fonction est accesible sur tous les modèles de mobiles sortis après 1995."4 Auch wenn diese Funktion der Mobiltelefone bereits seit längerem bekannt ist, so gelang sie doch erst in den letzten Jahren zu immer mehr Popularität: "Ne faisant l'objet d'aucune couverture publicitaire, le mode SMS restait en jachère et le décollage de sa consommation en 2000 fut quelque peu inat- tendu."5 Mittlerweile hat diese Popularität einen gewissen Höhepunkt er- reicht, sodass es zur Entwicklung einer eigenen Sprachform gekommen ist, die sich den technischen Gegebenheiten anpasst. So gilt, bedingt durch das Zeichenlimit beim SMS-Versand: "En dire le plus possible en écrivant le moins."6 Wenn also die Rede von französischer SMS-Sprache ist, dann geht es meist um die konsequente Abkürzung von Wörtern und Redewendungen. Dabei wird die geltende Rechtschreibung auch schon mal vernachlässigt, schließlich geht es bei der SMS-Kommunikation zunächst darum, Zeit- und Geld zu sparen, indem die Anzahl der Zeichen verringert wird. Daher wer- den Wörter einfach zusammengeschrieben, es wird also auf Leerzeichen verzichtet und es werden Abkürzungen und Rebusschreibungen verwendet. Bei den Abkürzungen findet man gängige Abkürzungen wie pr für ‚pour‘, tjs für ‚toujours‘ und bcp für ‚beaucoup‘, aber auch solche wie bjr für ‚bon- jour‘ und Siglenbildungen wie ASV für ‚âge, sexe, ville‘. Zu den Rebus- schreibungen, also Kombinationen aus Buchstaben und Zahlen, zählen Bei- spiele wie 2m1 für ‚demain‘. Auch werden häufig alle Wörter in Großbuch- staben oder in Kleinbuchstaben geschrieben, damit kein zusätzliches Eintip- pen von bestimmten Tastenkombinationen für den Wechsel zwischen Groß- und Kleinschreibung erforderlich wird. Zum Ausdruck von Emotionen wer- den Smileys aus Zeichen der Interpunktion gebildet, wie zum Beispiel :-), und es werden Wiederholungen von Satzzeichen oder Buchstaben verwen- det, wie etwa je t'aiiiime!!!!!. Gelegentlich werden einige Wörter sogar be- wusst falsch geschrieben oder ausgelassen, unter anderem um "die Zugehö- rigkeit zur Gruppe der versierten SMS-Schreiber signalisieren"7 zu können. So werden zum Beispiel Akzente, Buchstaben oder Wörter einfach ausge- lassen: Pas eu mon exam. Ein weiteres Merkmal der SMS-Sprache ist die Verwendung von Anglizismen und anderen Entlehnungen wie kiss, hello oder ciao. Dies sind zumindest die Eigenschaften, die der SMS-Sprache im Allgemeinen zugeordnet werden und die einen Einblick in das breite Spekt- rum an sprachwissenschaftlichen Phänomenen, die sie bietet, erlauben.

Bleibt die Frage nach den Motiven, nach dem Reiz der SMS- Kommunikation. Klar ist, dass es anders als beim Telefonieren nicht zu ei- nem direkten Kontakt kommt, aber dennoch in etwa die gleichen Bedingun- gen gelten. So ist die unmittelbare Erreichbarkeit des Adressaten genauso gegeben, da die SMS-Kommunikation ebenso über das Mobiltelefon statt- findet. Der Adressat kann also unmittelbar angesprochen werden, anders als bei schriftlichen Kommunikationswegen wie E-Mail oder Brief. Es besteht aber weniger die Gefahr den Adressaten zu stören, da davon ausgegangen werden kann, dass dieser die SMS nach Belieben lesen und beantworten kann. Das Versenden von SMS ermöglicht somit auch dem Anderen weni- ger wichtige Dinge mitzuteilen und ihm das Gefühl zu vermitteln, dass man an ihn denkt. Ohne dass dabei die Gefahr wie beim Telefonieren besteht, dass eine unangenehme Pause des Schweigens entsteht. Bei Gaglio (2004:3) findet man die Beweggründe für die SMS-Nutzung wie folgt zusammenge- fasst:

En regroupant les différentes "motivations sociales" qui poussent à l'usage des SMS, A.-C. Rivière 2002 distingue quant à elle cinq catégories: éviter une conversation téléphonique, ne pas déranger son environnement et celui de l'autre, continuer à communiquer lorsqu'une conversation téléphonique devient difficile ou impossible, extérioriser et exprimer ses émotions, passer le temps, se distraire.

Nun kommt es bei den Diskussionen zur SMS-Sprache immer wieder zur Gleichsetzung von SMS-Sprache mit Jugendsprache. Zwar ist es unbestritten, dass SMS insbesondere von Jugendlichen genutzt werden, unter anderem wegen des Preisvorteils gegenüber dem Telefonieren mit dem Handy, daraus lässt sich aber keinesfalls schließen, dass die so vielfältige SMSSprache nur von ihnen genutzt wird:

"On réduit souvent le SMS à un message envoyé entre ados" explique Cédrick Fairon, responsable du Centre de traitement automatique du langage de l'UCL, "Mais il s'utilise aussi pour rappeler une date de réunion ou pour répondre à une petite annonce. Du coup, ses particularités linguistiques se coulent dans d'autres, plus administratives, et inversement."8

Sieht man sich die Altersverteilung der Teilnehmer bei dem vorliegenden Korpus an, so stellt man zwar fest, dass der Hauptteil der Teilnehmer, näm- lich 76 %, unter 25 Jahre alt ist, aber immerhin 14 % der Teilnehmer sind zwischen 25 und 35 Jahre alt. Der Anteil der über 35-jährigen liegt bei 10 %.9 Dabei muss bedacht werden, dass sich diese Zahlen auf 2.773 Teilneh- mer beschränken, die entsprechende Angaben gemacht haben, und dass die Anzahl der Teilnehmer nicht gleichmäßig auf die Altersgruppen verteilt ist.10 Auch die Tatsache, dass die SMS-Funktion erst seit einigen Jahren po- pulär ist, und sich bekanntlich ältere Menschen seltener auf neue Technolo- gien und Kommunikationsmöglichkeiten einlassen als jüngere, könnte eine Rolle spielen. Trotzdem gibt es Teilnehmer aus den verschiedensten Berufs- sparten, was beweist, dass SMS-Sprache eben nicht gleich Jugendsprache ist. So zitiert Bourguignon (2004) in ihrem Artikel Projektteilnehmer aus den Bereichen Universität und Wissenschaft, Sport, Journalismus sowie Kunst und Management. Bei der SMS-Sprache kann also nicht von einer Variante der Jugendsprache und somit auch nicht von einer diastratischen Variation gesprochen werden. Dazu müsste man genaue Untersuchungen zu den verschiedenen Altersgruppen hinsichtlich der Unterschiede im Sprach- gebrauch der SMS-Sprache hinzuziehen. Daher wird in dieser Arbeit die SMS-Sprache unabhängig vom Alter der Nutzer betrachtet, zumal dies für diese Untersuchung auch von geringer Relevanz ist. Um sie dennoch ein- zuordnen, sind die Besonderheiten der Schriftsprache zu erwähnen, da es sich bei der SMS-Sprache um eine solche handelt, wenn ihr auch eine ge- wisse Verwandtschaft mit der mündlichen Sprache nachgesagt wird:

[...], on observe la formation d'un nouveau phénomène langagier, que l'on pourrait définir comme "l'oral écrit", ou d'après le linguiste français Jacques Anis, le "parlécrit" (Anis, 1999, 74)11

Vorsichtiger drückt es Françoise Gadet aus: "La norme s'affaiblit, on est dans l'immédiateté comme à l'oral."12 Sicherlich liegt eine gewisse Unmit- telbarkeit vor, aber dennoch ist es nicht vorstellbar, dass die SMS-Sprache außerhalb der schriftlichen Kommunikation via Handy auch in den mündli- chen Gebrauch übergeht. Es handelt sich definitiv um eine geschriebene Sprache mit einem der mündlichen Sprache ähnlichen Charakter. Merkmal der geschriebenen Sprache ist es, dass sie im Gegensatz zur mündlichen Sprache dauerhaft und wiederabrufbar ist: "Das akustische Zeichen ist un- widerruflich verschwunden, sobald es geäußert wurde. Geschriebenes hin- gegen kann aufbewahrt, weitergegeben, verschickt werden (...)."13 Zudem erfordert die geschriebene Sprache mehr Präzision in ihrer Formulierung, da sie zunächst monologisch ausgerichtet ist und der Rezipient nicht beliebig intervenieren kann. Dazu Dürscheid (2004:29):

Kommunikation in gesprochener Sprache verläuft synchron, in geschriebener Sprache asynchron. Produktion und Rezeption der Äußerung sind im Geschriebenen zeitlich entkoppelt. Der Leser hat - anderes als der Hörer - nicht die Möglichkeit, direkt zu intervenieren.

Gerade diese Präzision stellt bei der SMS-Sprache ein Problem dar, da sie ja gleichzeitig darauf ausgerichtet ist möglichst kurz zu sein. Hier besteht häu- fig die Gefahr einer Überkodierung, die die SMS dann unleserlich und un- verständlich macht. Genau hier setzen die Kritiker der SMS-Sprache des 'Comité de lutte contre le langage sms et les fautes volontaires sur Internet' an:

Le SMS est difficile à lire, à la fois pour ceux qui n’en font pas usage, pour ceux qui utilisent des raccourcis différents, et pour ceux dont le français ne serait pas la langue maternelle. Utiliser le langage SMS, c’est donc exiger des autres qu’ils fassent la démarche de vous déchiffrer, au lieu d’utiliser le lan- gage commun - le français. La démarche nous paraît donc impolie, voire ir- respectueuse.14

Ein weiteres Merkmal geschriebener Sprache ist es, dass sie nicht ohne Hilfsmittel auskommt. Im Fall der SMS-Sprache benötigt man ein Handy und dessen Tastatur.15 Zudem müssen die Kommunizierenden ohne Mimik und Gestik auskommen. Bei einer dialogisch ausgerichteten schriftlichen Kommunikation wie sie im Fall der SMS-Sprache teilweise vorliegt, muss auch der Faktor Zeit bedacht werden. So erreicht die Nachricht erst nach einer gewissen Zeit den Rezipienten und dieser kann nach einem beliebig langen Zeitraum antworten, sodass ein schriftlicher Dialog via SMS über mehrere Tage stattfinden kann. Bei SMS-Chats dagegen geht es natürlich um einen möglichst direkten Dialog, der dann wieder einen sprechsprachli- chen Charakter annimmt. Um noch einmal auf die Ähnlichkeit von SMS- Sprache und mündlicher Sprache einzugehen, sollte der Aspekt der Nähe betrachtet werden. Dazu lässt sich die Differenzierung von konzeptioneller Mündlichkeit und Schriftlichkeit heranziehen, die sich darauf bezieht, dass eine Äußerung, egal ob sie mündlich oder schriftlich produziert wurde, eine Nähe bzw. Distanz der Kommunizierenden repräsentiert. So Dürscheid (2004:50):

Dem konzeptionellen Mündlichkeitspol ordnen Koch/Oesterreicher (1994:588) den Begriff ‚Nähe’, dem Schriftlichkeitspol den Begriff ‚Distanz’ zu. Nähe und Distanz beziehen sich auf die situativen Bedingungen der Kommunikation.

So ist eine SMS zwar schriftlich realisiert, aber doch meistens eher konzep- tionell mündlich angeordnet. Den Kritikpunkt des 'Comité de lutte' wieder aufgreifend, soll nun auch der Aspekt des Lesens kurz betrachtet werden, da die logographischen Schreibungen im folgenden auch auf ihre Verständ- lichkeit hin überprüft werden müssen. Zunächst einmal befinden wir uns im Bereich des stummen Lesens, da SMS meist nicht vorgelesen werden. Um aber zu klären, was das Lesen an sich bedeutet, hier eine Erklärung von Günther (1988:122):

Die Formel omne verbum sonat (»jedes Wort tönt«), die ich diesem Abschnitt vorangestellt habe, kennzeichnet die Allerweltstheorie der Schrift. Danach repräsentiert der Buchstabe den Laut, und Lautfolgen bezeichnen Objekte der Wirklichkeit. Daraus abgeleitet ist die einfachste psychologische Lesetheorie. Nach ihr ist Lesen nichts anderes als das Übersetzen von Buchstaben in Lau- te.[...]. Dem gegenwärtigen Sprachgebrauch in der Leseforschung folgend möchte ich einen solchen Übersetzungsvorgang als phonologisches Rekodie- ren bezeichnen.

Wenn man also von einem phonologischen Rekodieren beim Lesen ausgeht, dann spielt die Beziehung zwischen Graphemen und Phonemen eine beson- dere Rolle, auf die im folgenden Abschnitt zur Logographie noch genauer eingegangen wird. Um bereits einige Beispiele zur Veranschaulichung zu nennen, sei etwa die Verwendung von <k> in Wörtern wie ‚quand‘, also kand und ke für ‚que‘ erwähnt. Oder komplexer: chaispas statt ‚je ne sais pas‘ und pograve für ‚pas grave‘.16 Nun gilt es die sprachlichen Phänomene anhand des vorliegenden Korpus zu untersuchen, doch müssen auch hier einige Probleme, die bei der Arbeit an einem Korpus auftreten können, be- trachtet werden.

Repräsentativität des Korpus

Zunächst soll darauf hingewiesen werden, dass es sich bei den Daten, die aus diesem Korpus stammen um Momentaufnahmen, also um synchrone Sprachdaten handelt, die während eines bestimmten Zeitraumes, nämlich von Oktober 2004 bis Dezember 2004 gesammelt wurden. Eine Untersu- chung basierend auf diesem Korpus lässt demnach keine Ergebnisse auf diachroner Ebene, also in Hinblick auf Sprachwandel zu. Hinzu kommt eine diatopische Eingrenzung, da die SMS im frankophonen Belgien gesammelt wurden. Es muss daher darauf hingewiesen werden, dass es sich nicht um SMS in Standardfranzösisch handelt. Genauer gesagt, es handelt sich um eine diatopische Varietät des Französischen. Die SMS wurden überwiegend in Wallonien und zum Teil in Luxembourg gesammelt. 20,8 % der SMS stammen aus der Region um Liège, 19,3 % aus dem Gebiet Hainaut, 16,6 % aus Brabant Wallon, 11,3 % aus Namur, 4,8 % aus Brabant Flamand und 7,5 % aus Luxembourg.17 Außerdem stammen insgesamt 18,8 % aus der Hauptstadt Brüssel, die offiziell zwar zweisprachig ist und im flämischspra- chigen Gebiet liegt, de facto aber überwiegend frankophon ist.18 Zu den Unterschieden und Besonderheiten des belgischen Französisch in Bezug auf die Korpusanalyse lässt sich festhalten, dass bei der Transkription der SMS so genannte «belgicismes» aus dem Korpus entfernt und in einer Liste zu- sammengefasst wurden.19 Für die folgende Korpusanalyse werden nun aber vor allem phonetische Unterschiede von Bedeutung sein. Daher sollte be- achtet werden, dass aufgrund der belgischen Varietät möglicherweise andere Graphien benutzt werden, da dem belgischen Französisch eine andere Pho- nologie bzw. Aussprache und Betonung der Wörter zugrunde liegt. Diese Problematik schränkt die Repräsentativität des Korpus ein, die hier noch genauer betrachtet werden soll. Dazu Lemnitzer / Zinsmeister (2006:40):

Wenn wir von linguistischen Korpora sprechen, dann handelt es sich um Textsammlungen mit kompletten Texten oder zumindest sehr großen Textausschnitten. Außerdem sollten linguistische Korpora meist repräsentativ, durch Metadaten erschlossen und linguistisch annotiert sein.

Das Korpus "SMS pour la science" ist durch Metadaten, nämlich Daten über die Autoren der SMS, die anhand von Fragebögen gesammelt wurden, er- schlossen und linguistisch annotiert. Dies bedeutet, dass die verwendeten Wörter nach ihren grammatikalischen Funktionen eingeordnet wurden. Der Anspruch an ein Korpus, repräsentativ zu sein, bedeutet, dass die Korpusda- ten möglichst so angelegt sein sollten, dass sie allgemeingültige Rück- schlüsse zulassen. Das vorliegende Korpus lässt beispielsweise, wie bereits gesehen, keine Rückschlüsse auf französische SMS-Sprache im Allgemei- nen zu, sondern ist auf das Französisch Belgiens begrenzt. Dadurch ist die Repräsentativität des Korpus eingeschränkt. Eine andere Einschränkung kann dadurch gegeben sein, dass möglicherweise hauptsächlich junge Leute zwischen 18 und 25 Jahre durch die Verlosung der, gerade für diese Gruppe, attraktiven Preise motiviert waren, an dem Projekt teilzunehmen. Dazu die Herausgeber des Korpus Fairon / Klein / Paumier (2006a:12):

En effet, pour encourager la participation du public, un certain nombre de «cadeaux» étaient distribués (téléphones et cartes d'appel prépayées) et il n'est pas exclu que cet encouragement ait plus touché cette tranche d'âge que la tranche plus âgée, par exemple.

Dies bedeutet, dass die Repräsentativität des Korpus insofern eingeschränkt ist, als keine genauen Rückschlüsse auf die Nutzung von SMS hinsichtlich der verschiedenen Altersgruppen möglich sind. Eine weitere Beeinträchti- gung der Repräsentativität kann durch die besonders häufige Teilnahme von Einzelpersonen auftreten. So besteht prinzipiell die Möglichkeit, dass ein Teilnehmer hundert SMS an das Projekt schickt und ein anderer nur eine. Hierzu wurde eine Strategie entwickelt: Nur die Teilnehmer konnten an der Verlosung teilnehmen, die mindestens fünf SMS an das Projekt gesendet haben und die Preise wurden wöchentlich und zufällig verlost. Eine weitere Problematik tritt aber bei der Datengewinnung auf. So wissen wir, dass es schwierig ist unverfälschte Daten zu gewinnen, wenn Menschen dafür unter Beobachtung stehen. "Le risque le plus prégnant étant lié au «paradoxe de l'observateur»: To obtain the data most important for linguistic theory, we have to observe how people speak when they are not being observed (Labov 1973, cité par Gadet)."20 Man kann also nicht ausschließen, dass einige SMS in diesem Korpus von den Autoren vorher absichtlich verändert wurden, da sie sich bewusst waren, dass die SMS von Fremden unter einem wissen- schaftlichen Aspekt gelesen und somit womöglich auch bewertet würden. Zudem kann man annehmen, dass einige Teilnehmer die SMS, die sie an das Projekt gesendet haben, genau ausgewählt haben, auch wenn ihnen eine Anonymisierung der Daten zugesichert wurde. Ähnlich verhält es sich bei den Fragebögen: Auch hier könnten Teilnehmer aus Angst vor Datenmiss- brauch unkorrekte Angaben gemacht haben, was auch erklären würde, war- um einige SMS nicht mit den Angaben der Autoren im Fragebogen über- einstimmen.21 Für die folgende Untersuchung ist dies allerdings nicht von großer Bedeutung, da hier die Konzentration nicht auf die Inhalte der SMS und deren Autoren, sondern auf die Graphie der SMS gerichtet ist.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass für den weiteren Verlauf dieser Arbeit die Differenzierung von SMS- und Jugendsprache, die Unterscheidung von Schrift- und Sprechsprache sowie die korpusspezifische Problematik der Repräsentativität von Bedeutung sind und beachtet werden müssen. Zunächst wird allerdings die Logographie, die ja Gegenstand der Untersuchung sein soll, behandelt.

[...]


1 "Étude basé sur un corpus des éléments logographiques dans le langage sms", Quelle: http://www.ftplanet.net/langage-sms.php

2 http://www.profsms.fr

3 Nowoselsky (2008)

4 Anis (2001:25)

5 Gaglio (2004:1)

6 Gaglio (2004:2)

7 Dürscheid (2002:13)

8 Mundschau (2004)

9 Fairon / Klein / Paumier (2006a:16f)

10 Fairon / Klein / Paumier (2006b:2)

11 Daugmaudytë / Këdikaitë (2006:39)

12 Anis (2001:57)

13 Burger / Imhalsy (1978:100)

14 http://sms.informatiquefrance.com/faq.htm

15 Selbstverständlich gibt es auch die Möglichkeit SMS aus dem Internet zu verschicken, allerdings kann dort keine Antwort empfangen werden.

16 Vgl. Anis (2001:39)

17 Fairon / Klein / Paumier (2006a:18)

18 Vgl. Geckeler / Dietrich (2003:25)

19 Fairon / Klein / Paumier (2006a:112)

20 Fairon / Klein / Paumier (2006a:12)

21 Fairon / Klein / Paumier (2006a:111)

Ende der Leseprobe aus 46 Seiten

Details

Titel
Korpuslinguistische Untersuchung zur Logographie in der französischen SMS-Sprache
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
1,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
46
Katalognummer
V263307
ISBN (eBook)
9783668156043
ISBN (Buch)
9783668156050
Dateigröße
16715 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
SMS, Logographie, Korpuslinguistik
Arbeit zitieren
Christina Stracke (Autor:in), 2009, Korpuslinguistische Untersuchung zur Logographie in der französischen SMS-Sprache, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/263307

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