Die soziologische, sozialpolitische und sozialrechtliche Dimension psychisch kranker Menschen in Deutschland


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013
20 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1) Einleitung
1.1) Aktuelle Relevanz des Themas „Psychische Erkrankungen“
1.2) Ziel der Arbeit
1.3) Aufbau der Arbeit

2) Begriffsannäherung „Psychische Erkrankungen“

3) Psychisch Kranke im Fokus der Soziologie und der sozialen Ungleichheit
3.1) Psychische Erkrankungen im gesellschaftlichen Wandel
3.2) Stigmatisierung und Diskriminierung psychisch kranker Menschen

4) Psychisch Kranke als Zielgruppe der Gesundheitspolitik
4.1) Akteure, Steuerungsebenen und Prinzipien der Gesundheitspolitik
4.2) Zielbereiche der Gesundheitspolitik im Hinblick auf das psychiatrische Versorgungspanorama

5) Rechtliche Grundlagen
5.1) Das neunte Sozialgesetzbuch (SGB IX) - Rehabilitation und Teilhabe (psychisch) behinderter Menschen
5.2) Auszüge des Betreuungsrechts psychisch kranker Menschen im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB)
5.3) Die Neuregelung des Betreuungsrechts bei Zwangsbehandlungen

6) Fazit

Literaturverzeichnis

1.) Einleitung

1.1) Aktuelle Relevanz des Themas „Psychische Erkrankungen“

Derzeit wird psychischen Erkrankungen eine hohe Aufmerksamkeit in den Medien gewidmet, wie es in einer solchen Dimension bislang nicht üblich war. Grund dafür ist die Zunahme an psychischen Krankheitsbildern und die oft daraus resultierende, meist längerfristige Arbeitsunfähigkeit bis hin zur Frühberentung. Eine Studie1 ergab, dass mehr als ein Drittel aller EU-Bürger im Laufe eines Jahres mindestens an einer Diagnose erkranken. Ähnliche Entwicklungen zeigen sich, näher betrachtet, in Deutschland: Psychische Erkrankungen nehmen stets zu und münden oft in die Erwerbsminderungsrente. Der Anteil stieg innerhalb von zehn Jahren von 24,2 auf 39,3 Prozent. (Vgl. Blech 2013, S. 112) Auch die Krankenkassenreporte verzeichneten einen Aufwärtstrend von psychischen Erkrankungen, selbst wenn diese Daten nur für die dort Versicherten repräsentativ sind. Dem Faktenspiegel der Betriebskrankenkasse BKK zufolge, nehmen psychische Krankheiten den dritten Platz der Krankheitsgruppen ein, die am häufigsten Fehlzeiten verursachen. Ganz vorne liegen dabei Depressionen und Angststörungen. Die BKK konstatierte, dass sich die Krankheitstage ihrer Pflichtmitglieder aufgrund von psychischen Krankheiten von 1976 bis 2011 verfünffacht haben. Arbeitslose waren dabei ebenso berücksichtigt. (Vgl. BKK 2012, S. 2) Angesichts dieser Tendenzen bestehen jedoch auch Kontroversen. Das von Ärztinnen und Ärzten weltweit angewandte Statistische Diagnosemanual DSM- IV, welches psychische Störungen definiert, befindet sich seit 14 Jahren in der Überarbeitung und wird durch die Veröffentlichung des neuen DSM- 52 im Mai 2013 aktualisiert. Kritiker warnen hier vor einer Inflation der psychischen Störungen, da bisherige Krankheitskriterien erweitert und somit aufgeweicht werden. Auch neue Krankheitsbilder wurden dabei hinzugefügt. Folglich könnte mit einer Zunahme von neuen Patienten zu rechnen sein, einer Entwicklung von der die Pharmaindustrie möglicherweise profitieren kann. (Vgl. Paulus 2012, S. 38) Die psychische Gesundheit respektive Krankheit tangiert also nicht nur den einzelnen Menschen in seiner Lebens- und Arbeitsqualität, sondern steht auch immer im politischen, gesellschaftlichen und rechtlichen Kontext. Dies hat mich dazu inspiriert, über psychisch Kranke zu schreiben.

1.2) Ziel der Arbeit:

In der vorliegenden Hausarbeit fokussiere ich mich auf psychisch kranke Menschen. Ziel ist es, die soziologische, sozialpolitische und sozialrechtliche Dimension dieser Klientel zu betrachten. Vor dem Hintergrund des Schwerpunkts erscheint die Thematik besonders interessant: Inwiefern sind psychisch kranke Menschen, von der intensiveren Auseinandersetzung mit ihren spezifischen Krankheitsbildern einmal abgesehen, von sozialer Ungleichheit und Diskriminierung betroffen? Welche Stellung haben sie im Sozialrecht und wie geht die Sozial- bzw. Gesundheitspolitik mit genannter Zielgruppe um? Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass psychische Krankheiten ganz unterschiedlich in Ausprägung, Umfang und Tragweite sein können und es lediglich um die Beleuchtung dieser Fragen geht. Demzufolge bin ich in den Kapiteln nicht auf die Auswirkungen einzelner Diagnosen eingegangen, sondern möchte einen allgemeinen Überblick geben. Die nachfolgenden Kapitel und auch der Arbeitstitel entsprechen gleichnamigen Modulen, für die die Hausarbeit angefertigt wurde. Wohl wissend, dass Menschen unabhängig ihres Alters psychisch erkranken können, möchte ich darauf hinweisen, dass ich mich im weiteren Verlauf auf Erwachsene (frühes bis mittleres Erwachsenenalter) spezialisiert habe. Als Arbeitsgrundlage zog ich gesundheits- und sozialpolitische, soziologische, rechtliche und medizinische Fachliteratur, einschlägige Fachzeitschriften und vereinzelte Studien heran. In der Vorbereitung auf diese Arbeit, führte ich ein Gespräch mit einer Kliniksozialarbeiterin der Psychiatrie des Klinikum Stuttgarts, um einen Einblick in die Lebenswelten von psychisch kranken Menschen zu bekommen. Einige Internetquellen und ein Zeitungsartikel vervollständigen das Spektrum meines verwendeten Materials.

1.3) Aufbau der Arbeit

Wie auch aus dem Inhaltsverzeichnis hervorgeht, beinhaltet die Hausarbeit drei große Kernbereiche: Soziologie bzw. soziale Ungleichheit, Sozial- bzw. Gesundheitspolitik und Sozialrecht. Bevor darauf näher eingegangen wird, erfolgt zunächst eine Begriffsklärung über psychische Krankheiten aus medizinischer, psychologischer und rechtlicher Perspektive. Nach der Annäherung des Gegenstands, wird zum ersten Kapitel übergegangen, das psychische Erkrankungen im Fokus der Soziologie beleuchtet. Hier wird ihre Entwicklung in Korrelation mit den gesellschaftlichen Veränderungen im Transfer zu Max Weber, Pierre Bourdieu und anderen Wissenschaftlern untersucht. Im Anschluss wird die Stigmatisierung und Diskriminierung psychisch kranker Menschen thematisiert. Des Weiteren behandelt das darauf folgende Kapitel den sozial- und gesundheitspolitischen Rahmen insbesondere im Hinblick auf das psychiatrische Versorgungspanorama. Die sozialrechtlichen Grundlagen psychisch Kranker kommen dann im letzten Kapitel zum Tragen. Hierbei werden auch andere rechtliche Bezüge wie das Bürgerliche Gesetzbuch berücksichtigt. Dies beinhaltet auch die Neuregelung des Betreuungsrechts seit Januar 2013. Abschließend werden im Rahmen eines Fazits zusammenfassende Gedanken dargestellt und ein kurzer Ausblick gegeben. Zunächst wird im Folgenden eine Begriffsannäherung vorgenommen.

2) Begriffsannäherung „Psychische Erkrankungen“:

Da psychische Erkrankungen multifaktoriell bedingt sind und unterschiedliche Erscheinungsbilder, sowie Auswirkungen auf das Leben der Betroffenen haben, ist eine allgemeingültige Definition nicht zulässig. Um sich dem Begriff zunächst medizinisch anzunähern, ist die Orientierung am Diagnosemanual der Weltgesundheitsorganisation WHO (International Classification of Diseases ICD 10) sinnvoll. Diese teilt die entsprechenden Erkrankungen in verschiedene Arten ein: Depressive Störungen, Angststörungen, Schizophrenie, Essstörungen, durch Substanzen bedingte psychische Störungen oder Intelligenzminderung. Das Diagnostische und Statistische Manual Psychischer Störungen (DSM-IV) der American Psychiatric Association ist das andere der beiden international angewandten und miteinander kompatiblen Diagnosesysteme für psychische Erkrankungen. Eingangskriterium für Störungen ist hier, dass das Störungsbild die betreffende Person in ihren sozialen Beziehungen, in der Ausübung einer Erwerbstätigkeit und anderen Funktionsbereichen klinisch bedeutsam beeinträchtigt. Im Unterschied dazu, gibt die WHO mit dem ICD den größten, gemeinsamen Nenner vor und fokussiert sich auf die weltweite Einsetzbarkeit. (Vgl. Saß, Wittchen, Zaudig 2001, S. XI- XII) Wie bereits in der Wortwahl auffällt, wird in beiden Klassifikationssystemen nicht von Erkrankung, sondern von Störung gesprochen. Dieser Terminus bringt allerdings auch eine Wertung mit sich, die eventuell als Diskriminierung gegenüber körperlich Erkrankten erlebt werden kann. (Vgl. Treichler 2007, S. 267) Daher wird im weiteren Verlauf der Hausarbeit der Ausdruck Erkrankung berücksichtigt, auch wenn das medizinische Modell und damit auch der Störungsbegriff in Psychiatrie und Psychosomatik dominieren. Der Begriff der seelischen Behinderung muss ebenso näher betrachtet werden. Dazu gehören nach Metzler & Wacker Psychosen, seelische Störungen als Folge von Krankheiten oder Verletzungen des Gehirns, Anfallsleiden, Neurosen und Persönlichkeitsstörungen. (Vgl. Metzler, Wacker 2005, S. 123) Die Feststellung dieser Art von Behinderung ist auch gesetzlich geregelt: Sobald seelische Erkrankungen, nach dem neunten Sozialgesetzbuch § 2 Abs. 1, die Dauer von sechs Monaten überschreiten, der Zustand vom typischen Lebensalter abweicht und dadurch die Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt ist, liegt eine Behinderung vor. Im Hinblick auf den Lebenslauf eines Menschen wird die seelische Krankheit einerseits als objektive Erkrankung beschrieben, andererseits aber auch immer als subjektive, individuelle Reaktion im Erleben und Verhalten eines Menschen auf gegenwärtige oder zurückliegende Ereignisse in seiner Biografie, betrachtet. (Vgl. Treichler 2007, S. 266)

3) Psychisch Kranke im Fokus der Soziologie und der sozialen Ungleichheit

3.1) Psychische Erkrankungen im gesellschaftlichen Wandel

Die Gesellschaft hat sich in einer Weise gewandelt, in der die voranschreitende Individualisierung des Menschen im Mittelpunkt steht, die mit der Modernisierung einherging. Es ist nun im Vergleich zu früheren Jahrhunderten möglich, sich aus traditionellen, formellen und informellen sozialen Zusammenhängen herauszulösen. Hierfür bieten sich dem Individuum eine Vielzahl von Optionen, für alle Bereiche seiner Lebensgestaltung und seinem Lebenslauf, an. Gleichzeitig ist der Mensch durch diese Flexibilität gezwungen, die Planung seines Werdegangs stetig zu reflektieren oder ggf. zu verändern und sich bei Scheitern zu legitimieren. (Vgl. Bartjes 2012, S. 10) Letzteres ist nach der Ideologie der Maxime „Jeder ist seines Glückes Schmied“, auf persönliches Verschulden zurückzuführen. Die daraus folgende Lebenslaufoptimierung und fehlende Orientierung kann dazu führen, dass der Bedarf an professioneller Hilfe steigt. Doch was bedeutet das für die Zielgruppe der psychisch kranken Menschen, wenn sie in ihrer Selbstfürsorge erheblich eingeschränkt sind und sich nicht eigenverantwortlich um entsprechende Hilfen bemühen können? Angesichts der gegenwärtigen medialen Präsenz von seelischen Erkrankungen, insbesondere Depressionen, Altersdemenzen und Burn-out3, gibt von Kardorff zu bedenken, dass dadurch noch kein Abbau von Vorurteilen gegenüber Betroffenen bewirkt wurde. Schließlich erzeugen immer höher werdende Leistungsanforderungen in Bildungs- und Arbeitswelt, sowie die permanente Angst vor dem sozialen Abstieg einen erheblichen Druck auf die Menschen, was die Zunahme insbesondere von Depressionen und Angststörungen begünstigt. Inzwischen sind somit psychische Erkrankungen in der gesellschaftlichen Mitte angekommen und daher eben nicht nur eine häufig anzutreffende Erscheinung in der Unterschicht, wie es z.B. im 2. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung so formuliert wurde. (Vgl. v. Kardorff 2010, S. 5) (Vgl. Deutscher Bundestag 2005, S. 116) Dem gegenüber zu stellen ist allerdings, dass nach Richter nur wenige soziologische Studien letztlich einen Kausalzusammenhang zwischen der gesellschaftlichen Entwicklung der Moderne und der Entstehung von psychischen Krankheiten fundieren konnten. Grund dafür ist vor allem die Schwierigkeit bei der Erhebung, die Charakteristika der Sozialstruktur mit individuellen Merkmalen von Individuen in Zusammenhang zu bringen.

[...]


1 Der Name der Studie, sowie ihre Autorinnen waren im verwendeten Artikel unbekannt.

2 Nur die vorherigen Versionen des DSM tragen römische Ziffern.

3 Das Bum-Out-Syndrom ist keine eigenständige Diagnose in den Klassifikationssystemen und somit wissenschaftlich umstritten.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die soziologische, sozialpolitische und sozialrechtliche Dimension psychisch kranker Menschen in Deutschland
Hochschule
Hochschule Esslingen
Veranstaltung
Sozialpolitik
Note
1,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
20
Katalognummer
V263339
ISBN (eBook)
9783656524519
ISBN (Buch)
9783656533436
Dateigröße
434 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Psychisch kranke Menschen, Sozialpolitik, Sozialrecht, Soziale Ungleichheit, Soziologie, Betreuungsrecht, Psychiatrisches Versorgungspanorama, Gesundheitspolitik, Diskriminierung
Arbeit zitieren
Nicole Frank (Autor), 2013, Die soziologische, sozialpolitische und sozialrechtliche Dimension psychisch kranker Menschen in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/263339

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