Das qualitative Interview in den Sozialwissenschaften

Das studentische Subjekt der Gegenwart


Forschungsarbeit, 2013

52 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Instrument der Untersuchung: Leitfadeninterview (halbstrukturiertes- Interview)

3. Interviewanalyse: Mohammed
3.1 Studienentscheidung und Studienerwartung
3.2 Wohnsituation
3.3 Studienbeginn
3.4 Entwicklung während des Studiums
3.5 Identifikation als Studierender
3.6 Studienalltag / Unileben
3.7 Uni als Raum
3.8 Verändertes Selbstverständnis und Habitus
3.9 Zukunftserwartungen

4. Zusammenfassung und Ausblick.

5. Literaturverzeichnis.
5.1 Print-Bibliograpfie
5.2 Webbibliografie

6. Anhang
6.1 Leitfaden
6.2 Transkribiertes Einzelinterview: "Mohammed".

1. Einleitung

Die Auseinandersetzung in der vorliegenden Arbeit zum Thema Das studentische Subjekt der Gegenwart zielt auf das heutige Studentenleben ab. Mit der Untersuchung soll herausgefunden werden, in welchen Relationalen Dimensionen[1] Studierende ihr Studium bewältigen und unter welchen Umständen sie das heute (subjektiv) erleben. Wie sie allerdings ihr Studium gestalten und meistern, erfolgt unterschiedlich. Darauf richtet sich maßgeblich der Fokus der vorliegenden Untersuchung.

Die vergleichende Auswertung zweier Interviews erfolgte im Rahmen des im Sommersemester 2011 an der Johann Wolfgang – Goethe Universität Frankfurt von Dr. Peter Gostmann geleiteten Seminars Das Qualitative Interview in den Sozialwissenschaften. Ziel des Seminars war es, theoretische Grundlagen und (erste) praktische Erfahrungen in der Vorbereitung, Durchführung und Analyse von qualitativen Interviews an Studierende zu vermitteln. In der vorliegenden Arbeit sollten methodische Erklärungsansätze an einem Beispiel praktisch angewendet werden.

Bei meinem Interview habe ich mich auf einen jungen Studenten (Mohammed)[2] konzentriert, der sich per definitionem als „Deutscher mit nem‘ türkischen Migrationshintergrund“ versteht undden größten Teil seiner Sozialisation hier in Deutschland erfahren hat. Er studiert im dritten Semester Soziologie mit dem Nebenfach Religionswissenschaften.

Bevor es zum inhaltlichen Kernstück der vorliegenden Arbeit ab Kapitel 3 kommt, wird ein Abschnitt über die Methodik der von mir durchgeführten Untersuchung vorangestellt. Hier wird das Instrument der Datenerhebung, das sich als Gesprächsleitfaden im Anhang der Arbeit befindet (6.2), in methodischer Hinsicht erläutert (Kap.2). Abschließend (Kap. 4) werden die wichtigsten Erkenntnisse der vorliegenden Arbeit zusammengefasst und durch einen knappen Forschungsausblick ergänzt. Im Anhang (Kap. 6) wird das transkribierte Einzelinterview dokumentiert.

Noch eine Bemerkung zum Sprachgebrauch: Bei dieser Arbeit verwende ich zwar die maskuline Ausdrucksweise, was jedoch nicht heißt, dass meine Ausführungen nur auf männliche Akteure rekurrieren werden. Sie beziehen sich sowohl auf weibliche als auch auf männliche Akteure.

2. Das Instrument der Untersuchung:
Leitfadengespräc h (halbstrukturiertes Interview)

Nach Bortz (1995) ist das Leitfadengespräch (Leitfadeninterview) die gängigste Form qualitativer Befragung, und da es teilstandardisiert ist, weist es im Vergleich zum narrativen Interview mehr Struktur auf. Das Interview ist nicht auf einem vorgegebenen Fragebogen angelegt, sondern zeichnet sich durch eine Teilstandardisierung vermittels eines Interviewleitfadens aus, in dem die einzelnen Themen des Interviews definiert und Fragen ohne Antwortalternativen vorformuliert sind.[3] Mit einer Problemanalyse beginnen die Leitfadengespräche, die sich auf Literaturrecherchen und methodische Festlegungen stützen. Hierauf gründet die Konstruktion und Erprobung des Leitfadens. Zwar werden den Befragten mit diesem Leitfaden bestimmte Fragestellungen vermittelt, jedoch durch Verzicht auf Antwortvorgaben haben die Befragten die Möglichkeit, frei darauf zu reagieren. Als nächstes werden die Gespräche geführt. Hierbei enthält der Leitfaden Gesprächseinstiegsfragen, allgemeine und spezifische Sondierungsfragen und ebenso Ad-hoc-Fragen.[4]

Die letzte Arbeitsphase der Untersuchung liegt in der Aufzeichnung bzw. Transkription des Gesprächstextes und in der Auswertung. Die Reihenfolge im Leitfaden entspricht nicht der Reihenfolge des Gesprächs, sondern er wird an die jeweilige Interviewsituation angepasst. Der Leitfaden dient somit gleichsam als ein Merkzettel für wesentliche Aspekte im Interview. Darüber hinaus hat er den Vorteil der Verzahnung von Strukturierung, Fokussierung und Offenheit, wodurch eine höhere und forschungspraktisch einfachere Vergleichbarkeit mit anderen Interviewten gewährleistet ist. In der Regel nimmt der Interviewer eine passive Haltung ein. Da er darum bemüht ist, den Gesprächsverlauf entlang des Leitfadens zu halten, wird er nur bei Bedarf aktiv. Hierbei muss er darauf achten, dass er nicht allzu sehr in den Gesprächsfluss des Befragten eingreift, da sonst die Gefahr der Beeinflussung besteht. Damit der Interviewpartner bzw. die Interviewpartnerin bei seiner bzw. ihrer Darstellung individuell frei erzählen kann, muss man ihm / ihr reichlich Raum bieten, was durch diese Interviewart gewährleistet ist.[5]

3. Interviewanalyse: Mohammed

- „ich will zunächst mal eine akademische Laufbahn erreichen“[7] -[6]

3.1 Studienentscheidung und Studienerwartung

In der ersten Kategorie Studienentscheidung und Studienerwartung habe ich Mohammed zunächst eine biographische Eingangsfrage gestellt. Der Fokus richtete sich auf einen Schlüsselmoment, der maßgeblich dazu geführt hat, dass Mohammed sich für seinen Studium entschied. Mich interessierte insbesondere der Prozess, was ihm dazu bewogen hatte, gerade den Studiengang Soziologie mit dem Nebenfach Religionswissenschaften zu wählen.

Auf dieser Basis führt Mohammed zunächst einmal eine Hintergrundkonstruktion „Orientierungsprobleme“ ein: Damit versucht er offenbar den schwierigen Weg zur Entscheidungsfindung zu verdeutlichen. Er gibt zu verstehen, dass er nach dem Abitur nicht gleich wusste, was er studieren möchte.

„(…) zunächst kam Architektur in Frage, danach kam Medizin in Frage und hab mich wieder zu Architektur umgewandt (…)“ (Segment 1, 35-36).

Nach langem Überlegen und, nachdem er sich offenbar einen Rat von „älteren Personen“ hinsichtlich seiner akademischen Laufbahn geholt hat, wird ihm seine Orientierung in Bezug auf das Pragmatische sichtbarer. Der hier gewählte Ausdruck „ irgendwas zu finden, was meinem Leben äh ähnelt“ erweckt den Eindruck, als ob er seine eigene Lebensführung als ein Kriterium zur Entscheidungsfindung hinsichtlich seines Studiums heranziehen würde. Das ausschlaggebende Moment für seine endgültige Entscheidung, Soziologie zu studieren, bietet letztlich seine eigene Herkunft. Es ist offensichtlich, dass Mohammed durch sein Studium einen Beitrag zum besseren Verständigung von Orient und Okzident leisten möchte.[8] Seine ethnische Herkunft „aus einer türkischen Familie“ sieht Mohammed offenbar als eine Ressource an.[9]

„(…) das Paralelle leben oder das ineinander leben mit der deutschen Gesellschaft, ich bin selber ääh ein Tü‘ Tü‘ aus der aus einer türkischen Familie stammender äh Junge und äh ich hab versucht mein Leben in mein Studium zu einen und dazu kam Soziologie in Frage im Hauptfach.(…)“ (Segment 1, 39-43).

Im Anschluss daran nennt er den zweiten Grund für sein Soziologiestudium: In diesem Zusammenhang zieht er eine weitere Komponente, seine religiöse Lebensführung als Entscheidungskriterium heran, um „ Religionswissenschaften“, als Nebenfach zu studieren: In pragmatischer Weise konstruiert Mohammed ein Lebensziel, das er wiederholt hervorhebt. Die Grundlage hierfür bieten seine eigene Ressourcen: Seine Pragmatik wird in diesem Zusammenhang deutlich:

„(…) nebenbei wollte ich auch äh Religionswissenschaften studieren, weil ich auch sehr se‘ selber sehr religiös religiös ge‘ geprägt bin und ähm wollte dementsprechend auch Migrations-Integrationsarbeit machen(…)“ (Segment 1, 44-46).

In der Kombination Soziologie und Religionswissenschaft sieht Mohammed offen- bar eine gute berufliche Perspektive, da er durch sein Studium befähigt ist, anschließend „ Migrations-intergrationsarbeit “ leisten zu können. Sein kulturell-religiöser Hintergrund kann daher im Hinblick auf die Integrationsarbeit von klarem Vorteil sein, da es viele (soziale-)Einrichtungen gibt, die Beschäftigte mit einem Migrationshintergrund rekrutieren, um so eine adäquate Interaktion mit Klienten aus den verschiedensten Herkunftskontexten gewährleisten zu können.

In diesem Zusammenhang nennt Mohammed einen weiteren Grund, weshalb er angefangen hat, Soziologie zu studieren „deswegen kam auch diese Gesellschaftswissenschaften nach vielen Beratungen zustande“, jedoch konkretisiert er nicht, welche Personen ihm explizit eine Beratung gaben. Möglich wäre, dass er sich erneut auf seine vorangegangene Aussage (S.7) bezieht.

Was die Erwartungshaltung an seinem gewählten Bachelor-Studium mit dem Nebenfach Religionswissenschaften anbelangt, so sieht Mohammed diese insgesamt erfüllt, d.h. er ist mit seinem Studium sehr zufrieden Die gewählte Kombination, welche einen relativ langen Evaluationsprozess voraussetzte, hat sich gegenwärtig als lohnend erwiesen, da dieser Studiengang Mohammeds „Bedürfnisse“ sehr zufrieden stellt.

Das folgende Segment ist insofern von Bedeutung, als es die Sinnhaftigkeit zum Ausdruck bringt, welche das Studium für Mohammed hat: Er richtet Grundlegende Erwartungen und normative Ansprüche an seinem Studiengang, die im weiteren Verlaufe des Interviews charakteristisch sind. Aufgrund der Tatsache, dass er Soziologie studieren will, verweist er während seiner Erzählung nicht selten auf den gesellschaftlichen Diskurs um Migranten und nimmt dabei eine evaluative Stellungnahme ein. Seine klare Studienerwartung und Zielsetzung „ich will zunächst mal eine akademische Laufbahn erreichen“ und Pragmatik „der Gesellschaft nützlich zu sein!“ bringt Mohammed endgültig auf eine Formel:

„Ip: (Holt tief Luft ein) ähm ich hab, ich will zunächst mal eine akademische Laufbahn erreichen oder eeh vollziehen ehm… ich habe zuerst mal Ziele gesetzt: Was, wie kann ich meine Gesellschaft nu‘ nutzen?“ oder „wie kann ich meine Gesellschaft beitragen?“ und ehm ich seh‘ das Problem darin, dass wir hier in Deutschland als diejenigen die Migrationshintergrund haben äh sehr viele Schwierigkeiten haben. Dementsprechend wollte ich auch ehm…habe ich mich auch danach gerichtet bei meinem Studiumwahl Studienwahl. (Segment 1, 56-62).

Auch sein Selbstverständnis hat sich sukzessive verändert: Da er jetzt studiert, gehört er jetzt „habituell“ dazu: „ Die anderen haben auch studiert etc.pp“ – er hat vorher nicht studiert, weil sein Selbstverständnis anders war – es war fragil, mit Selbstzweifel verknüpft usw. Seine Selbstzweifel expliziert er jedoch nicht aus. Diese könnte auch der Grund sein, weshalb er eine große Erwartung an seinem Studium hat. Schließlich strebt er eine akademische Laufbahn an.[10] Obwohl er einen Studium angefangen hat, begleitet ihm der Selbstzweifel, welcher er (anscheinend) nicht ganz überwunden hat.

„Ip: (Holt tief Luft ein) ähm ich hab, ich will zunächst mal eine akademische Laufbahn erreichen oder eeh vollziehen ehm… ich habe zuerst mal Ziele gesetzt: Was, wie kann ich meine Gesellschaft nu‘ nutzen?“ oder „wie kann ich meine Gesellschaft beitragen?“ und ehm ich seh‘ das Problem darin, dass wir hier in Deutschland als diejenigen die Migrationshintergrund haben äh sehr viele Schwierigkeiten haben. Dementsprechend wollte ich auch ehm…habe ich mich auch danach gerichtet bei meinem Studiumwahl Studienwahl. (Segment 1, 56-62).

Auf die Frage, welche Vorstellung Mohammed vom Uni-Leben hat, räumt er einige Zweifel ein. In der Retrospektive betrachtet er das Studium als etwas, das schwer zu erreichen ist “In meiner Abiturphase war es n‘ Traum :::ja::: ah zu studieren“.

Obwohl Mohammed aus einer „belesenen Familie“ stammt, gibt er zu, dass er anfangs nicht sicher war, ob er in der Lage ist, ein Studium zu beginnen beziehungsweise durchhalten zu können. Auch dazu hat offenbar das akademische „Umfeld“ beigetragen. Obwohl Mohammed aus einer Akademikerfamilie stammt[11], - der „Vater ist Maschinenbauingenieur “, die Mutter hat „soziologische Medizin studiert“ -, war er in Selbstzweifeln befangen, die er (offenbar) insofern versucht hat zu kompensieren, als er – schlussendlich – ein (Soziologie-)Studium angefangen hat. Aufgrund des Studiums der Mutter, liegt es nahe, dass sie bei der Entscheidungsfindung Mohammeds eine wesentliche Rolle gespielt hat. Damit spiegelt er den (Bildungs-)Habitus seiner Eltern. Es tritt eine Form der elterlichen Loyalitätsverpflichtung auf, in der Mohammed sich implizit dazu verpflichtet hat, sich in der Akademischen Sequenz seiner Eltern zu positionieren, so dass er schließlich diesen Status für sich selbst in Anspruch nehmen kann. Er hat, um es mit dem Soziologen Pierre Bourdieu zu formulieren, das kulturelle Kapital Inkorporiert.[12]

Auch sein Selbstverständnis hat sich sukzessive verändert: Da er jetzt studiert, gehört er jetzt „habituell“ dazu: „Die anderen haben auch studiert etc.pp“ – er hat vorher nicht studiert, weil sein Selbstverständnis anders war – es war fragil, und mit Selbstzweifeln verbunden. Diese expliziert er jedoch nicht. Dies könnte auch der Grund sein, weshalb er eine große Erwartung an seinem Studium hat. Schließlich strebt er eine akademische Laufbahn an.[13] Obwohl er einen Studium angefangen hat, begleitet ihm der Selbstzweifel, welcher er (anscheinend) nicht ganz überwunden hat.

3.2 Wohnsituation

Was die Wohnsituation und die räumliche Trennung von Familie und Freunden des Studierenden anbelangt, so erlebt Mohammed einen relativ tiefen Einschnitt in seinem Leben, da der in Köln geborene und aufgewachsene Student seine Familie und Freunde mit Anbeginn seines Studiums verlassen „musste“ : Die räumliche Trennung von seiner Familie empfindet Mohammed als nicht belastend. Als Begründung nennt er die berufliche Situation seiner Eltern „ mein Vater selbst äh ist geschäftlich viel unterwegs, meine Mutter ebenso, so dass er diese Situation offenbar in seiner Familie schon vor seinem Studium erfolgreich erprobt hatte. Sich selbst zu organisieren - „es ist schon, schon anders wenn man alleine lebt äh alleine seine eigenen Erfahrungen macht, wenn das Essen zuhause nicht steht“ -, bedeutet für ihn dennoch eine große Umstellung in seiner Lebensführung, die er in seinem neuen Umfeld in Frankfurt neu erproben muss.

I: Musstest Du umziehen?

Ip: Ich musst ja äh ich musste umziehen ähm ich bin in…äh in Köln groß geworden in Raum Köln groß geworden, deswegen mussten äh hier nach Frankfurt umziehen und ähm bin ja auch hier in der Gegend jetzt.

I: Ähm, wie hast Du die räumliche Trennung von Familie und Freunden erlebt?

Ip: (Holt tief Luft ein) Ähm in unsere (lacht) mein, mein Vater selbst äh ist geschäftlich viel unterwegs, meine Mutter ebenso ähm und deswegen habe ich schon die Trennung ss‘…ich bin schon dran gewöhnt sag ich mal ja äh und äh deswegen hatt‘ ich bei dieser Trennung nicht…nicht so viel ähm…bedauern müssen oder äh nicht so viel leiden oder darunter :::leiden::: müssen sag ich mal so, :::aber:::es ist schon, schon anders wenn man alleine lebt äh alleine seine eigenen Erfahrungen macht, wenn das Essen zuhause nicht steht äh ist es schon (Lacht) äh anders wo man selber äh… :::ja::: das ganze durch machen muss.(Segment 2, 63-75).

3.3 Studienbeginn

„Das Studium im ersten Semester ist (allgemein) in den Geistes- und Sozialwissenschaften für die Studierenden zunächst einmal mit einer Umstellung verbunden, verlangt es doch im Gegensatz zum vorangehenden Schulleben einen größeren Grad an eigenverantwortlichem Lernen und an Orientierung in einer bislang fremden Welt des Wissens, das sich häufig als Widersprüchlich darstellt und kaum überschaubar ist. Soziologie-Studierende fragen sich etwa: „ Was sind Grundlagen des Fachs? Welche Bücher muss ich unbedingt lesen? Welche wissenschaftlichen Positionen sind anerkannt und welche nicht?“ Sie müssen zunächst einmal – oft mit Erstaunen – zur Kenntnis nehmen, dass die Lehrenden am Institut durchaus unterschiedliche Antworten auf diese Fragen geben.[14]

Den Beschreibungen zur Kategorie „Studienbeginn“ ist als Reaktion auf die Frage, wie Mohammed seine „ersten Tage, ersten Wochen“ seines Studiums erlebt hatte, zu entnehmen, dass er‚ zunächst einmal tief Luft holen‘ musste. Diese paraverbale Äußerung signalisiert offenbar seine „Undefiniertheit und Unvorbereitetheit“ in der Anfangszeit seines Studiums, welche er als „pure Orientierungslosigkeit“ beschreibt. Es ist offensichtlich, dass das Studium für ihn noch schwer zu überschauen ist und er in diese Phase Aufbau und Ziel für sich erst einmal strukturieren muss.

Im Fortgang seiner Erzählung kontrastiert Mohammed die Universität mit seiner Schulzeit, die ihm nach wie vor (erwartungsgemäß) vertrauter erscheint. In diesem Zusammenhang nennt er einige wenige kategoriale Unterschiede: das Vorlesungsverzeichnisempfindet er als eine Art kognitive Zumutung, welche er nicht richtig greifen kann. Des Weiteren erweisen sich bei ihm Schwierigkeiten in Bezug auf das selbstständige Konzipieren des Stundenplans. Die Modulescheinen ihm noch fremd und abstrakt zu sein. Das Studium umschreibt er als „ so’n kribbliges Gefühl“. In diesem Segment erscheint die UniversitätinMohammeds Darstellung als ein unüberschaubarer, amorphen Ort:

„(…) ich wusste nicht äh wie das Studium ablaufen sollte oder äh wie das System hier läuft ja, in einer Schule hast du, äh wenn du auf nem‘ Gymnasium gehst hast du ein :::Sekretariat::: dort gehst du hin, du wirst, dort wirst du direkt beraten und ende is es, aber hier in einem Studium, hier war, hier in einer Universität da, da ist es nicht so, da musst du dich selber darauf für kümmern, darum kümmern, dass du ’ne so Beratungsperson findest und äh dementsprechend handelst und die Studien äh Verlaufspläne verfolgst etc.,(…)“ (Segment 3, 89-95).

Die Probleme , die er anfangs mit dem Studium hatte, konnte er jedoch insofern bewältigen, als ihn Freunde , die er schon zuvor in Frankfurt hatte, aufgefangen und unterstützt haben.

3.4 Entwicklung während des Studiums

In diesem Segment wird Mohammeds Entwicklung während des Studiums deutlich. Seine normativen Ansprüche, welche er an sein Studium gerichtet hat, möchte er anscheinend im Verlauf seines Studiums sukzessive umsetzen, wie schon in Segment„Studienentscheidung und Studienerwartung“ zu sehen war. Dabei konstruiert er in Bezug auf Studierende zunächst einmal zwei Typen beziehungsweise Grundhaltungen, die er offensichtlich im Laufe seines Studiums erfahren beziehungsweise kennengelernt hat. In diesem Zusammenhang macht er den Scheinerwerb als eine logische Schlussfolgerung dieser Verhalten (offenbar) fest.[15] „Ob man sie ähm qualifiziert erwerben kann oder ob man sie äh einfach so mit’n :::Schlenker::: kriegt“, um sich dann schließlich erfolgreich einem Typus zu verorten. Demnach zeichnet sich die erste Grundhaltung dadurch aus, dass die Studierenden den Wunsch hegen, trotz geringer Anstrengungen nicht an der Klausur zu scheitern und somit die Klausur nicht wiederholen zu müssen. Studenten, die der zweiten Grundhaltung zugeordnet werden können, zeichnen sich durch den Anspruch aus, die Veranstaltungen möglichst gut zu absolvieren. Sie sind bereit, hierfür Zeit und Arbeit außerhalb der angebotenen Veranstaltungen zu investieren und auch weitere Literatur hinzuzuziehen.

In diesem Zusammenhang ordnet sich Mohammed dem letztgenannten Typus zu. Mit dieser Aussage markiert er gleichzeitig sein persönliches Verhältnis zum Studium: Damit teilt er implizit mit, dass er seinen Studium ernst nimmt und dementsprechend auch versucht, soviel persönlichen Gewinn wie möglich daraus zu ziehen. Auf diese Weise ordnet er sich den zielstrebigen, also: den ambitionierten Studierenden zu, welche in ihrem Studium nichts dem Zufall überlassen.

„(…) aber ich bin Gott sei Dank, derjenige oder äh ich bin der Meinung, der, dass man, wenn man schon mal studiert, des anständig durchzieht und dementsprechend auch handelt, dementsprechend auch sich äh die :::Texte::: durchliest z.B., ja und das äh mit rein holt ähm (…)“ (Segment 4, 158-162).

Nach der Feststellung von zwei Ausgangstatsachen in seinem jetzigen Leben - „in meinem Leben hat sich äh nichts, :::ja:::, nicht viel geändert“ und „dass die Schule von einem, von einer Universität ersetzt wurde“ - spricht Mohammed erneut über seine sportliche Aktivität, welcher er in Köln nachgegangen war. Die räumliche Trennung von seinen Freunden aus Köln taucht erstmals in diesem Segment auf, so scheint Mohammed sich mit dieser Situation positiv arrangiert zu haben „am Wochenende bin ich wieder in Köln oder äh im, im, im Raum Köln, so dass ich wieder zu meinen Freunden zu, zurück gehen kann“. Der sportliche Ausgleich jedoch, z.B. die Aktivität in einem Verein, scheint ihm in Frankfurt zu fehlen, da diese offenbar einen elementaren Bestandteil seiner Lebensführung darstellte. In Köln hatte er fast zehn Jahre Basketball gespielt. Seine ehrenamtliche Betätigung in der Jugendarbeit hingegen scheint für ihn eher eine marginale Rolle zu spielen, da er deren Signifikanz in Bezug auf seine alltägliche Lebensführung in Frankfurt nicht weiter qualitativ bewertet „Ich kann’s auch hier machen, ich kann’s auch in Köln machen.“

„(…) aber das was ich vemisse hier, ich hab‘, ich hab‘ z.B.; hier keine äh Vereine, sportliche Vereine gefunden, auch wenn ich sie gefunden habe konnte ich mich nicht darum kümmern irgendwie in ein Sportverein anmelden zu können irgendwie ähm dies fiel mir :::schwer:::, erstens, zweitens die, me in Stundenplan ist so ähm…so bescheuert konzipiert worden, ja, weil ich musste mein Stundenplan so umändern, so dass ich kein Sport mehr betreiben kann, spät nachmittags habe ich Vorlesung z.B., oder äh Seminare, Pro-Seminare, die ich dann belegen :::muss:::, deswegen, was mir heutzutage oder zur Zeit fehlt ist das, ist die sportliche :::Aktivität::: die ich brauche, ich habe früher acht Jahre lang Basketball gespielt äh seit dem ich hier in Frankfurt bin äh sch‘ spiele ich kein Basketball mehr(…)“ (Segment 4, 169-178).

Im Nachfrageteil äußert sich Mohammed in Bezug auf das relativ neue Bachelorsystem[16], welches er allgemein kritisiert, und bringt in diesem Zusammenhang seine Besorgtheit in Bezug auf das „ Lesen“ der „ Literatur“ zum Ausdruck: Hierbei macht sich beim ihm das Gefühl latenter Überforderung bemerkbar “ dann muss ich vier verschiedene Literatur lesen und dies, dies äh … dies stört mich“. Das Lesen der Literatur, so zeigt es sich in dieser Aussage, wird von Mohammed als angstbesetzte Hürde erlebt, als fachfremdes, wenn auch notwendiges Übel. Sein Studium scheint offensichtlich ein wenig darunter zu leiden, weil sein Stundenplan für die Soziologie mit vielen verschiedenen Veranstaltungen überhäuft ist, so dass ihm auch die Zeit fehlt sich um sein Nebenfach Religionswissenschaften zu kümmern. In beidemFächern scheint er mit dem Lesen der Literatur nicht ausreichend nachzukommen. Fraglich bleibt jedoch, ob Mohammed letztendlich unter einer Kompetenzkrise leidet oder ob die Schwierigkeiten einfach nur seiner Unorganisiertheit in der Anfangsphase eines Studiums geschuldet sind.

„(…)wenn ich jetzt vier Veranstaltungen in der Woche habe, ja, dann muss ich vier verschiedene Literatur lesen und dies, dies äh … dies stört mich während meiner, meinem äh Erwerben von äh Erwerbes <<<äh>>> von Wissen , ja. Ich lese z.B., auf der einen Seite…sag ich mal, weberani’sche Texte, die Texte von Weber, und auf der anderen Seite lese ich dann auf einmal solche Texte, wie äh von…wat‘ weiß ich, von islamischen Theologen und ähm dies bringt mich schon bisschen durcheinander(…)“ (Segment 4,188-194).

[...]


[1] Relationale Dimensionen wären z.B.: Familie, Freundeskreis, Studiengang (hochschul-)politische Gruppierung usw.

[2] Der Name wurde anonymisiert.

[3] Vgl. Bortz, J./Döring,N. Forschungsmethoden und Evaluation (2.Auflage). 1995. Berlin. S. 289.

[4] Vgl. Kuckartz, U.: Methoden erziehungswissenschaftlicher Forschung 2: Empirische Methoden (S. 543-567). In: Lenzen, Dieter (Hrsg.): Erziehungswissenschaft. Ein Grundkurs. Reinbek (Rowohlt).1994 S. 559 ff.

[5] Vgl. Ebd.

[6] Ich habe vor, während und nach den Gesprächen meinen Interviewpartner geduzt, da er aus dem Umfeld meines Studiums kommt. Aus Datenschutzgründen wird der Interviewte im folgenden Auswertungsverfahren mit dem Pseudonym „Mohammed“ benannt.

[7] Segment: „Studienentscheidung und Studienerwartung“.

[8] Wie sich jedoch Mohammed sich seine spätere Arbeit vorstellt, konkretisiert er nicht. Klar ist jedoch, dass sie praktisch ausgerichtet sein soll.

[9] In diesem Erzählsegment, mit der er sich räumlich, sozial und ethnographisch verortet, gibt Mohammed einen kurzen Einblick in seine Gründe, Soziologie zu studieren.

[10] Siehe Segment 1, 56-62.

[12] Verinnerlichtes Kulturkapital präsentiert sich in Form von dauerhaften Dispositionen des Organismus. Die meisten Eigenschaften des kulturellen Kapitals lassen sich auf diese Körpergebundenheit zurückführen. Die erworbene Bildung, also die Akkumulation von Kultur durch die familiäre Primärerziehung sowie die anschließende Sekundärerziehung, wird als inkorporiertes Kapital demnach Bestandteil der Person. Diese Art von Kapital kann daher nicht durch Geschenk, Vererbung, Kauf oder Tausch kurzfristig weitergegeben werden. Vgl. Bourdieu, P : Die feinen Unterschiede . Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft . Frankfurt a.M. 1982. S. 89-105.

[13] Siehe Segment 1, 56-62.

[14] Vgl. Kuckartz,U., Dresing T., Rädiker, S., Stefer C,.: Qualitative Evaluation. Einstieg in die Praxis. Wiesbaden. 2008. S. 94.

[15] Mohammed spricht) darüber,, in welcher Art und Weise aus seiner Sicht die Studierenden ihre Scheine in der Universität holen.

[16] Laut Mohammed ist seine Kompetenzkrise bezüglich der Lektüre von Literatur dem neuen Bachelorsystem geschuldet.

Ende der Leseprobe aus 52 Seiten

Details

Titel
Das qualitative Interview in den Sozialwissenschaften
Untertitel
Das studentische Subjekt der Gegenwart
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Veranstaltung
Das qualitative Interview in den Sozialwissenschaften
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
52
Katalognummer
V263470
ISBN (eBook)
9783656522645
ISBN (Buch)
9783656524144
Dateigröße
574 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Das qualitative Interview in den Sozialwissenschaften, Das studentische Subjekt der Gegenwart, Student, qualitative Interview, Interview, Sozialwissenschaft, Subjekt, Gegenwart, Soziologie, Methoden, Transkribieren, Leitfadeninterview, Leitfaden, Instrument der Untersuchung, halbstrukturiertes Interview, Leitfadengespräch, Interviewanalyse, Analyse, Studienentscheidung und Studienerwartung, Wohnsituation, Studienbeginn, Entwicklung während des Studiums, Identifikation als Studierender, Studienalltag, Uni-Leben, Uni als Raum, Verändertes Selbstverständnis und Habitus, Zukunftserwartungen, Forschungsarbeit
Arbeit zitieren
Abdussalam Meziani (Autor), 2013, Das qualitative Interview in den Sozialwissenschaften, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/263470

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