Die ersten Teile der Arbeit beabsichtigen, ein Verständnis für die „Theaterwelt“ Sondheims zu gewinnen. Einerseits wird so deutlich, welche Einflüsse für seine Kompositionsweise prägend waren und sind, andererseits hat er sich in Interviews häufig sehr widersprüchlich über Musiktheater im Allgemeinen und seine Werke im Speziellen geäußert, sodass hier auch der Versuch unternommen werden soll, ein möglichst konsistentes, von etwaigen Selbstinszenierungsversuchen befreites Bild von Sondheims Theaterideal zu zeichnen.
Ein Überblick über die Geschichte des Sweeney Todd-Stoffes und den Weg vom Melodram zur Musicalfassung fällt eher knapp aus, da Sondheims Version die erste Musiktheaterbearbeitung darstellt.
Im Anschluss geht es um eine ähnliche Problematik in Bezug auf verschiedene, für die Analyse dringend benötigte Begriffe wie „Leitmotiv“, „Zitat“, „Collage“ und einige mehr. Dabei handelt es sich in den meisten Fällen um Termini, bei denen keine klare, eindeutige Definition gegeben werden kann1. Es existieren vielmehr mehrere Erklärungsmodelle nebeneinander, weswegen es die Zielsetzung dieses Abschnitts sein wird, jeweils eine „Arbeitsfassung“ der Begriffe zu definieren, sodass klar wird, mit welchem Instrumentarium im später folgenden Analyseteil gearbeitet wird. Im Kontext dieser Definitionen wird auch zu klären sein, was im Umfeld des Musicals bzw. allgemein der musikwissenschaftlichen Untersuchung mit der Bezeichnung „Intertextualität“ gemeint ist und inwiefern sich deren Bedeutung von ihrer ursprünglichen, d.h. literaturwissenschaftlichen Form unterscheidet. Das vierte Kapitel gibt eine Zusammenfassung der in der Literatur schon lebhaft geführten Diskussion, womit wir es in Sweeney Todd formal zu tun haben – Oper, Operette, Musical, „Movie for the Stage“ sind nur eine kleine Auswahl von Einordnungen, die bisher vorgenommen wurden. Das Ziel des Kapitels ist es, die verschiedenen Gattungen und ihrn jeweiligen Anteil bzw. Einfluss (und damit mögliches Intertext-Potential) kurz darzustellen, um sich im fünften Abschnitt mit der Analyse einzelner Szenen befassen zu können. Es ist weder möglich noch beabsichtigt, eine vollständige Detailbetrachtung des kompletten Musicals zu leisten; stattdessen beschränkt sich die Analyse unter Einbeziehung der vorhergehenden Begriffsklärungen und Gattungsmerkmale auf einige sehr charakteristische Szenen, sodass ein möglichst großes Spektrum der von Sondheim verwendeten Techniken nachvollziehbar wird.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Sweeney Todd und sein Komponist
2.1 Stephen Sondheims Theaterbiographie vor Sweeney Todd
2.2 Das „ideale Musiktheater“
2.3 Sweeney Todd – eine kurze Werkgeschichte
3 Begriffsklärungen
3.1 Intertextualität
3.2 Zitat, Collage, Pastiche, Parodie – Formen der Intertextualität
3.3 Leit- und Erinnerungsmotiv
3.3.1 Versuch einer Abgrenzung der Begriffe
3.3.2 Sondheims Konzeption motivischer Arbeit
4 Oper, Operette oder „Movie for the Stage“?
5 Analyse ausgewählter Szenen
5.1 Sweeney als Rächer, der Chor als Erzähler
– Die „Ballad of Sweeney Todd“
5.2 Mrs Lovett und die Music Hall
– „By the sea“ und „Parlor Songs“
5.3 Tobys (Kinder-)lieder
– „Pirelli's Miracle Elixir“ und „Not while I'm around“
5.4 Johanna, Pirelli und die Belcanto-Oper
– „Green Finch and Linnet Bird“ und „The Contest“
5.5. Die „Final Sequence“ als „Konfrontation der Motive“
5.5.1 „City on Fire!“
5.5.2 „Searching“ (Part I & II)
5.5.3 „The Judges Return“
5.5.4 „Final Scene“
6 Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Diese Arbeit untersucht die Kompositionstechnik von Stephen Sondheim am Beispiel seines Musicals „Sweeney Todd“ unter besonderer Berücksichtigung intertextueller Strategien. Ziel ist es, Entwicklungslinien und Einflüsse auf Sondheims Musiktheater-Konzeption zu analysieren und zu erklären, warum sein Werk in der Musikwissenschaft kontrovers diskutiert wird, während er gleichzeitig als einer der bedeutendsten Musical-Komponisten gilt.
- Analyse von Intertextualität als kompositorisches Prinzip bei Stephen Sondheim.
- Untersuchung der Gattungseinordnung von „Sweeney Todd“ zwischen Oper, Operette und „Movie for the Stage“.
- Studium der motivischen Arbeit und Charakterisierungstechniken in ausgewählten Schlüsselszenen.
- Kritische Auseinandersetzung mit der Rezeptionsgeschichte und der Rolle des Komponisten im modernen Musiktheater.
Auszug aus dem Buch
1 Einleitung
„»Trivialität« ist als Stichwort im Umgang mit dem Musical unvermeidlich.“1
Diese These, die Armin Geraths in seinem Text „Das Musical als unterhaltendes Genus“ aufstellt, kann durchaus als stereotypisch für den Umgang mit der Gattung Musical in der wissenschaftlichen Literatur der letzten Jahrzehnte gelten. Das Musical als ernsthafte Theatergattung wird im Vergleich zu den „klassischen“ Musiktheaterformen (die verschiedenen Opernrichtungen, Operette) von der Forschung – insbesondere der musikwissenschaftlichen – so gut wie nicht wahrgenommen. Vor allem im deutschsprachigen Raum scheint es ein ungeschriebenes Gesetz zu sein, das Musical von vornherein in die „Unterhaltungsschublade“ zu stecken und mit entsprechend niedrigen bzw. keinen Erwartungen an Buch und Partitur heranzutreten.
Geraths verwendet viel Energie auf dieses Argument und legt großen Wert darauf, dem Musical in der „Hierarchie der Gattungen“ einen Platz im (unteren) Mittelfeld zuzuweisen. Das Musical soll nicht in Konkurrenz mit "höheren" Kunstformen treten, sondern seinen Platz „näher an der Banalität“ akzeptieren und „in jedem Falle aber dafür Sorge tragen, dass die Register des Versöhnlichen und der Harmonie obsiegen, um die Eigenständigkeit der Erfolgsgattung auf mittlerer Höhe zu erhalten.“2
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung thematisiert die wissenschaftliche Unterbewertung des Musicals als ernsthafte Theatergattung und führt in die Fragestellung der Arbeit ein.
2 Sweeney Todd und sein Komponist: Dieses Kapitel zeichnet den biografischen Weg Sondheims nach und beleuchtet die frühen Einflüsse, die sein Theaterideal geprägt haben.
3 Begriffsklärungen: Hier werden theoretische Grundlagen wie Intertextualität, Zitat, Collage und Leitmotiv definiert, um das methodische Rüstzeug für die spätere Analyse zu schaffen.
4 Oper, Operette oder „Movie for the Stage“?: Das Kapitel erörtert die komplexe Gattungseinordnung des Stücks „Sweeney Todd“ und beleuchtet Einflüsse aus verschiedenen musikalischen und theatralen Traditionen.
5 Analyse ausgewählter Szenen: Der Hauptteil bietet eine detaillierte Untersuchung der intertextuellen und motivischen Arbeitsweise Sondheims an verschiedenen Schlüsselszenen des Musicals.
6 Zusammenfassung: Die Zusammenfassung fasst die Ergebnisse der Arbeit zusammen und reflektiert die Erkenntnisse über Sondheims Kompositionstechnik in „Sweeney Todd“.
Schlüsselwörter
Stephen Sondheim, Sweeney Todd, Musical, Intertextualität, Kompositionstechnik, Leitmotiv, Zitat, Oper, Filmmusik, Theaterideal, Motivik, Analyse, Musiktheater, Dramaturgie, Rachemotivik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die intertextuellen Strategien und Kompositionstechniken in Stephen Sondheims Musical „Sweeney Todd“.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der motivischen Arbeit, dem Gattungsverständnis zwischen Oper und Musical sowie der Bedeutung des „Dies Irae“-Zitats für die Struktur des Stückes.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, Sondheims Arbeitsweise frei von ideologischen Vorurteilen zu untersuchen und zu verstehen, wie er verschiedene musikalische Einflüsse zu einer konsistenten Charakterisierung nutzt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin verwendet eine musikwissenschaftliche Analyse, die theoretische Begriffe der Intertextualität auf die Partitur und das Libretto anwendet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert ausgewählte Szenen, wie die „Ballad of Sweeney Todd“, die Rollen von Mrs. Lovett und Toby sowie die große „Final Sequence“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe umfassen Stephen Sondheim, Sweeney Todd, Intertextualität, Leitmotivik und Musiktheater.
Warum gilt „Sweeney Todd“ als ein für diese Untersuchung besonders geeignetes Werk?
Es ist ein Musterbeispiel für Sondheims Pastiche-Technik und verfügt über eine außergewöhnlich gute Quellenlage, was eine detaillierte musiktheoretische Analyse ermöglicht.
Wie bewertet der Autor Sondheims Verhältnis zur Oper?
Sondheim äußert sich in Interviews kritisch und teils widersprüchlich zur Oper, nutzt jedoch in „Sweeney Todd“ Techniken, die eine Nähe zur Opernästhetik aufweisen.
- Citar trabajo
- Thomas Wagner (Autor), 2013, Untersuchungen zur Intertextualität in Stephen Sondheims "Sweeney Todd", Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/263497