"Ist dies nun meine ganze Macht?" Machtdynamik in Arthur Schnitzlers Novelle "Casanovas Heimfahrt".


Seminararbeit, 2013
20 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Macht – Ein Definitionsangebot
1.1 Instruktive und destruktive Macht
1.2 Schnitzlers Machtwelt
1.2.1 Leutnant Gustl
1.2.2 Casanovas Heimfahrt

2 Machtdynamik in den Figurenbeziehungen
2.1 Casanova und Amalia
2.2 Casanova und Lorenzi
2.3 Casanova und Marcolina

Der ohnmächtige Casanova – Schlussbetrachtun

A Bibliografie

B Erklärung

Einleitung

Mit Casanova setzt Arthur Schnitzler in seiner Novelle Casanovas Heimfahrt eine für ihn interessante[1] mythische Figur ins Zentrum seiner Erzählung, die ihren Zenit des erotischen Abenteuertums bereits überschritten hat und seiner Vergangenheit als Libertin hinterhertrauert. Mit seinem Besuch bei Olivo, einem alten Freund, dem er Geld für dessen Hochzeit mit Amalia geliehen hat, trifft er dessen Nichte Marcolina, die Casanova, getrieben von seiner Alterskrise, als krönenden Abschluss seiner zahlreichen Liebschaften für eine Nacht besitzen will, es jedoch nur durch eine Erpressung des Leutnants Lorenzi erreicht, der bereits kurz nach seiner Ankunft eine Liaison mit Marcolina eingeht. In seiner Ehre gekränkt duelliert sich Lorenzi mit Casanova, was die Novelle mit Lorenzis Tod und Casanovas Heimkehr nach Venedig beendet, wo er nun als Spion der Republik Freidenker verrät.

Gesa Dane führt in ihrem Aufsatz Im Spiegel der Luft aus, dass die „Verhältnisse der Figuren zueinander [...] fast durchgängig als Machtbeziehungen lesbar [sind], ohne dass es je zu eindeutigen Machtpositionen oder einem Ausgleich“[2] kommt. Inwiefern sich diese These halten lässt, oder ob sich die Figuren doch in variablen Machtpositionen definieren lassen und sich sogar ausgleichen, will ich in meiner Seminararbeit unter dem Titel , „Ist dies nun meine ganze Macht?“. Machtdynamik in Arthur Schnitzlers Novelle Casanovas Heimfahrt‘ diskutieren. Andere Forscherstimmen wie Klaus Mönig sehen in Casanova einen von der Alterskrise gesteuerten erotischen Abenteurer, wobei das Alter als Interpretationsalternative eine Variable darstellt, die ebenfalls eine Form von Machtstruktur aufmacht. Auch Ulrich Dronske macht mit seiner Vermutung, dass Casanova durch seine Sehnsucht nach Heimat Ruhelosigkeit ausgleichen will, eine als Machtdynamik lesbare Interpretationsmöglichkeit auf.

Die Motivation zu diesem Thema entstand aus der ambivalenten Qualität zwischen der Begrüßung und dem Abschied von Amalia und Casanova. Während Amalia Casanova zu Beginn der Novelle noch leidenschaftlich begrüßt und ihm sogar im Verlauf demütig die Hand küsst, ist ihr Abschied äußerst reserviert und von Casanovas ehrbürtigem Handkuss unterlegt. Ähnlichen Machtverschiebungen unterliegt auch Casanovas Beziehung zu Lorenzi, der ihn zwar an Jugendlichkeit und sexueller Erotik überragt, ihm jedoch nach seinem horrenden Verlust beim Kartenspielen an Macht unterlegen ist. Auch Marcolina, die Casanova an Jugendlichkeit, Intellekt und Schlagfertigkeit weit überlegen ist, unterliegt in der Machthierarchie Casanova in der durch List gewonnenen Nacht mit ihm.

Gestützt auf Max Webers wohl bekannteste Machtdefinition „jede[r] Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht“[3], differenziert Björn Kraus diese Definition in die der instruktiven Macht, welche die Chance beschreibt, das Verhalten oder Denken eines anderen zu determinieren, und analog die destruktive Macht, also der Chance, die Möglichkeiten eines anderen zu reduzieren[4]. Darauf aufbauend lassen sich die machtdynamischen Verschiebungen innerhalb der zu untersuchenden Figurenbeziehungen analysieren und im Hinblick auf die dabei entstehende hierarchische Machtposition beurteilen. Im Folgenden werde ich zunächst den Machtbegriff für meine spätere Analyse definieren, Schnitzlers Machtwelt innertextlich aufzeigen und schließlich im Kern meiner Seminararbeit die Dynamik der Machtverhältnisse in der Novelle Casanovas Heimfahrt analysieren.

1 Macht – Ein Definitionsangebot

1.1 Instruktive und destruktive Macht

Der Machtbegriff ist ein unheimlich weit gefasster und in den verschiedenen Wissenschaften unterschiedlich interpretierter Begriff. In und vor der Zeit der Décadence existieren zahlreiche und weitgehend auch breit wahrgenommene Machtdefinitionen, wie in Anathon Aalls 1902 entstandenes Werk Macht und Pflicht, in dem er Macht als eine „pflichtmäßige Beziehung zu menschlichen Verhältnissen“[5] bezeichnet. Da aber der Machtbegriff wohl als überzeitlicher Begriff bezeichnet werden kann und Arthur Schnitzler sich bezüglich dieses allgemeinen Begriffs in seinem Schreiben wohl nicht beeinflusst gefühlt hat, will ich mich im Folgenden auf zwei ausgewählte soziologische Unterscheidungen in der Machtdefinition beschränken.

In seinem Werk Wirtschaft und Gesellschaft legte Max Weber 1921 mit seiner Machtdefinition den Grundstein für zahlreiche weitere Differenzierung dieses Begriffs[6]. Weber definiert Macht wie folgt:

Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht.[7]

Darauf aufbauend differenziert Björn Kraus genau diesen standardisierten Machtbegriff in den der instruktiven und der destruktiven Macht[8]. Kraus treibt ein typisch Weber‘sches Beispiel auf die Spitze, um ihn im Folgenden differenzieren zu können. Sein Beispiel, bezieht sich auf eine Person A, die mit einer geladenen Pistole auf eine unbewaffnete Person B zielt und damit nach Webers Definition selbstredend über die notwendige Macht verfügt, seinen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen[9]. Nun folgt seine Differenzierung, indem er sagt, dass Person A das Verhalten insofern determinieren kann, als dass sich Person B in ihren Möglichkeiten deutlich reduziert fühlt, falls er gegen den Willen von Person A den Ort verlassen will, was destruktive Macht bezeichnen würde, sein Verhalten jedoch nicht determiniert, wenn es um den Zwang zu einem bestimmten Denken oder Verhalten geht, da hierzu Unterwerfung notwendig wäre. Hat Person B ohnehin einen Freitod im Sinn, stößt die Androhung des Erschossenwerdens auf wenig Erfolg[10]. Person A hätte damit keine instruktive Macht auf Person B.

[...]


[1] Bereits 1914 beginnt Schnitzler mit der Lektüre von Casanovas Memoiren und damit sein Interesse um die Figur (vgl. Schnitzler, Tagebuch 04.11.1914), bevor er beginnt, neben dem Lustspiel Die Schwestern oder Casanova in Spa (vgl. Schnitzler, Tagebuch 22.04.1915) auch die im Seminar behandelten Novelle Casanovas Heimfahrt (vgl. Schnitzler, Tagebuch 02.06.1915) zu schreiben.

[2] Dane, Gesa: „Im Spiegel der Luft“. Trugbilder und Verjüngungsstrategien in Arthur Schnitzlers Erzählung „Casanovas Heimfahrt“. In: Text + Kritik 138/139 (1998). S. 66.

[3] Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie. 5. Auflage. Tübingen: Faksimile 1980. S. 28.

[4] Vgl. Kraus, Björn: Soziale Arbeit – Macht – Hilfe und Kontrolle. Die Entwicklung und Anwendung eines systemisch-konstruktivistischen Machtmodells. In: Macht in der Sozialen Arbeit. Interaktionsverhältnisse zwischen Kontrolle, Partizipation und Freisetzung. Hrsg. von Wolfgang Krieger. Lage: Jacobs 2011. S. 106.

[5] Aall, Anathon: Macht und Pflicht. Eine natur- und rechtsphilosophische Untersuchung. Leipzig: O. R. Reisland 1902. S. 163.

[6] John French und Bertram Raven entwickelten in Studien, ausgehend von Webers Eröffnung des Machtbegriffs, die heute ebenfalls standardisierten Machtdefinitionen, indem sie Macht in die fünf kaum erklärungsbedürftigen Basen von Macht durch Belohnung, Bestrafung, Identifikation, Legitimation und Wissen aufteilten (vgl. French und Raven 1959). Gerade die Macht durch Wissen lässt sich zum Beispiel an Marcolinas Macht auf Casanova durch ihr erkennbar größeres Fachwissen und ihr höheres Maß an Intellekt aufzeigen.

[7] Weber 1980: S. 28.

[8] Vgl. Kraus 2011: S. 106.

[9] Vgl. ebd. S. 104.

[10] Vgl. ebd.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
"Ist dies nun meine ganze Macht?" Machtdynamik in Arthur Schnitzlers Novelle "Casanovas Heimfahrt".
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
20
Katalognummer
V263673
ISBN (eBook)
9783656525929
ISBN (Buch)
9783656528197
Dateigröße
475 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Arthur Schnitzler, Arthur, Schnitzler, Macht, Amalia, Lorenzi, Marcolina, Casanova, machtdynamik
Arbeit zitieren
Lukas Baumanns (Autor), 2013, "Ist dies nun meine ganze Macht?" Machtdynamik in Arthur Schnitzlers Novelle "Casanovas Heimfahrt"., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/263673

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