Der Untertagblues und die Wilden Männer


Essay, 2012
2 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Der Untertagblues und die Wilden Männer

Ein kleiner Essay

Der Wilde Mann schreit sich seine Wut, Enttäuschung und Verachtung gegenüber den Mitfahrenden in der U-Bahn, seine Last, seine aufgestauten Gefühle von der Seele. Er beschimpft sie alle. Ist er wirklich wütend auf die, die er anschreit oder auf sich selbst? Was macht ihn tatsächlich wild? Andere Menschen, sein Schicksal oder sein eigenes Unvermögen, mit dem Leben fertig zu werden, seine eigenen Fehler? Sucht er nicht einen Schuldigen oder besser noch eine Menge Schuldiger, um von sich und seinen Fehlern abzulenken und sich im Endeffekt von diesen zu entlasten? Warum scheinen diese wüsten Ausdrücke aus ihm hervorzubrechen, was treibt ihn an? Ist er wirklich einfach nur von den anderen gereizt und genervt, in seinem natürlichen Freiraum begrenzt, bedrängt, bedroht? Ist er wirklich ein Individualist mit einem kranken Ego, welches sich durch die Ablehnung seiner Umwelt und durch die Abgrenzung von dieser definiert?

Und noch eins: er schreit und schimpft und klagt an, aber nur innerlich, niemand bekommt sein Toben mit. Er wagt keine reale Konfrontation. Er ist nicht nur ein wilder Mann, sondern auch ein stummer und feiger Mann. Warum spricht er seine Gedanken nicht aus? Nun, möglicherweise ist er auch ein kluger Mann. Solch eine Konfrontation mit anderen hätte sicher sehr unangenehme Konsequenzen, bis hin zu einer Schlägerei. Sicher aber denken seine Mitreisende genauso über ihn und die anderen. Vielleicht käme es zu einem Konsens zwischen den Fahrgästen und gegenseitigem Verständnis. Doch der Wilde Mann hält seine Gedanken unter der Oberfläche, „unter Tage“, keiner bekommt sie mit, ahnt sie höchstens durch seine körperliche Unruhe. Es ist wie mit der U-Bahn: der nicht eingeweihte fremde Passant oben auf der Straße weiß nichts von den Zügen und dem Treiben unter der Straßenoberfläche, nur kann er es erahnen anhand von U-Bahn-Eingängen und durch Windzüge und Rattergeräusche, die durch Schächte nach oben dringen. Gibt es nicht in jedem von uns solch eine Untertagewelt, von denen Fremde nichts wissen, welche sie nur erahnen können durch unsere Aussagen und Verhaltensweisen? Geistert nicht auch in jedem von uns dieser Zug voller Menschen, die wir verachten, beschimpfen und anschreien, herum? Sind wir nicht auch wilde Männer und Frauen? Wir sehen uns den Wilden Mann und sein Schreien an und verachten ihn dafür: „mehr Contenance!“ wollen wir ihm zurufen oder auch einmal lauter werden: „Sei endlich still, du Idiot!“ Doch tun wir es? Nein. Wir sehen uns das Stück an, werden innerlich wild, bleiben aber stumm. Wie der Wilde Mann. Also: der Wilde Mann weckt in uns den Wilden Mann und dient uns als Spiegel. Ein Spiegel, welcher das gespiegelte Objekt nach dem Vorbild des Spiegelbildes formt. Nicht wir formen unser Spiegelbild, sondern dieses uns und damit sich selbst? Verrückt, erinnert an den Horrorfilm Mirrors. Doch das sei nur am Rande bemerkt.

[...]

Ende der Leseprobe aus 2 Seiten

Details

Titel
Der Untertagblues und die Wilden Männer
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Theaterwissenschaft)
Veranstaltung
Szenisches Praktikum
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
2
Katalognummer
V263761
ISBN (eBook)
9783656527732
Dateigröße
396 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Untertagblues, Ein Stationendrama, Peter Handke, Handke, Theatertexte, Theateranalyse
Arbeit zitieren
B.A. Manuel Kröger (Autor), 2012, Der Untertagblues und die Wilden Männer, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/263761

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