Das Rezeptionsverhalten in Theater und Kino im Deutschland des 20. Jahrhunderts


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012

12 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ein Exkurs in das 18. und 19. Jahrhundert: die Entmündigung des Publikums

3. Welches Publikum geht heute ins Theater und warum?

4. Welches Publikum geht heute ins Kino und warum?

5. Fazit

6. Quellen

Das Rezeptionsverhalten in Theater und Kino im Deutschland des 20. Jahrhunderts

1. Einleitung

Es soll in dieser Arbeit das Verhalten des Publikums im Sprechtheater mit dem Kinopublikum in Deutschland verglichen werden. Wer geht ins Theater, wer ins Kino? Aus welcher Motivation und mit welcher Erwartungshaltung geht der Zuschauer in das Theater oder das Kino? Wie verhält sich der Theaterzuschauer im Theater, wie verhält sich der Kinozuschauer im Kino? Was sind also die Unterschiede im Rezeptionsverhalten in beiden Anstalten und warum gibt es diese Unterschiede? Und wie hat sich dieses Rezeptionsverhalten im 20. Jahrhundert verändert? Wie ist, im Falle des Theaters, aus dem „städtischen Unterhaltungslokal allmählich die Abenduniversität des Bürgers“[1] geworden?

Unter anderem beschäftigt sich mit diesen Fragen die empirisch-soziologische Publikums- und Rezeptionsforschung. Um das Verhalten der Zuschauer zu beschreiben und zu erklären, greift sie hier auf die Rahmentheorie des Soziologen Erving Goffman zurück, welche von Henri Schoenmakers für die Theaterwissenschaft weiterentwickelt wurde. Schoenmakers formuliert vier allgemeine Annahmen: Rahmenkompetenz muss entwickelt werden, Rahmen sind kontingent, Kontingenz bezieht sich auf kulturelle Unterschiede und der Theaterrahmen bestimmt die kognitiven und emotionalen Reaktionen der Zuschauer.[2] Hier interessiert uns die dritte Annahme nicht, da sich hier nur auf den Raum Deutschland bezogen werden soll. Jedoch ist noch anzumerken, dass sich die Theorie Schoenmakers auch auf die Rezeption im Kino übertragen lässt.

Folgende Hypothese soll im Folgenden nachgewiesen werden: das Rezeptionsverhalten im Theater unterscheidet sich in der Regel von dem Rezeptionsverhalten des Publikums im Kino. Es gibt sicher auch Beispiele, welche ähnliche Rezeptionsverhaltensweisen in Theater und Kino aufweisen, jedoch werden diese Ausnahmen sein. Doch welche Unterschiede gibt es und worin liegen diese begründet?

2. Ein Exkurs in das 18. und 19. Jahrhundert: die Entmündigung des Publikums

Um einen Vergleich zu anderen Rezeptionsweisen im Theater herzustellen, gehe ich in das 18. Jahrhundert zurück, dem Beginn des Nationaltheaters in Deutschland, dem Theater, das jedem Bürger zugänglich war. Damals herrschten noch andere Theatersitten als heutzutage (obwohl es auch heute Ausnahmen gibt, beispielweise die Uraufführung der Publikumsbeschimpfung von Peter Handtke, wobei hier eine heftige Zuschauerreaktion vom Autoren intendiert war, wobei solche Ausnahmen bekanntlich die Regel bestätigen; heute muss aber stark provoziert werden, um das Publikum dazu zu bringen, überhaupt oder gar heftig zu reagieren). Ganz ungeniert wurde der Akteur auf der Bühne ausgebuht, wenn er dem Publikum nicht gefiel, wogegen nicht einmal der Monarch etwas tun konnte.

Die Zuschauer haben schon die ersten zwei Actricen ausgepfiffen, und es war so ein Lärm, daß sich der Kurfürst selbst über die Loge neigte und „sch---“ machte […]. So war der Theateralltag in deutschen Landen.[3]

Und dies war noch harmlos. Normalerweise wurde in Theatervorstellungen im Zuschauerraum geredet, Karten gespielt, Bier ausgeschenkt, geraucht und Prostituierte gemietet. Wenn dem Publikum die Vorstellung gar nicht gefiel, wurden die Akteure gerne aufs Schlimmste beschimpft und ausgepfiffen und sogar das Theaterhaus übel zugerichtet.[4]

Solche Zustände sind heutzutage im Theater undenkbar. Das Publikum wurde über ein Jahrhundert hinweg sittsam, es wurde diszipliniert, durch Regelkataloge, welche die Theaterbetreiber festlegten.[5]

Die wichtigsten Regeln und Änderungen der Rezeptionsbedingungen, welche zu der Disziplinierung des heutigen Theaterbesuchers führten, sind folgende:

Erstens wurde es den Zuschauern verboten, die Bühne während der Aufführung zu betreten. Dieses Verbot wurde seit 1766 auf Theaterzettel gedruckt und dem Publikum zu lesen gegeben. Diese Praxis reichte bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts hinein, da sich das Publikum nur schwer an dieses Verbot gewöhnen konnte.[6]

[...]


[1] Dreßler, Roland: Von der Schaubühne zur Sittenschule. Berlin: Henschel Verlag GmbH, 1993. S. 9.

[2] Balme, Christopher: Einführung in die Theaterwissenschaft. 4., durchgesehene Auflage. Berlin: Erich Schmidt Verlag GmbH & Co., 2008. S. 136 f.

[3] Dreßler: S. 7.

[4] Dreßler: S. 8.

[5] Dreßler: S. 8 f.

[6] Dreßler: S. 135 ff.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Das Rezeptionsverhalten in Theater und Kino im Deutschland des 20. Jahrhunderts
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Theaterwissenschaft)
Veranstaltung
Rezeption und Wirkung des Theaters
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
12
Katalognummer
V263762
ISBN (eBook)
9783656527688
ISBN (Buch)
9783656530855
Dateigröße
489 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Theater, Kino, Rezeptionsverhalten, Rezeption, Publikum, Publikumsverhalten
Arbeit zitieren
B.A. Manuel Kröger (Autor), 2012, Das Rezeptionsverhalten in Theater und Kino im Deutschland des 20. Jahrhunderts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/263762

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