Durch Bildung an die Spitze?

Zur Elitenrekrutierung in Deutschland


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011
19 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Elite – Begriffsbestimmung

3. Meritokratie

3.1 Meritokratische Prinizpien der Leistungsgesellschaft
3.2 Leistungsgesellschaft und Chancenverteilung

4. Zur Rekrutierung von Eliten
4.1 Durch Bildung an die Spitze?
4.2 Die soziale Herkunft zählt!
4.2.1 Familiale Ressourcen
4.2.2 Habitus

5. Fazit

Literatur

1. Einleitung

Die Elite – von den Einen bewundert, von den Anderen mit Misstrauen beäugt. Kaum eine soziale Gruppe polarisiert so stark wie die Spitze der Gesellschaft. In Zusammenhang mit Eliten thematisiert die öffentliche Diskussion zwei eher gegensätzliche Aspekte. Während auf der einen Seite das Versagen der Eliten, besonders im Zuge der zyklisch auftretenden Wirtschaftskrisen betont und die Notwendigkeit einer führenden Elite in Wirtschaft und Politik in Frage gestellt wird, lässt sich auf der anderen Seite das dringliche Bestreben, der Ruf nach einer neuen Elitenrekrutierung vernehmen. Dabei ist das Verständnis von Elite alles andere als homogen. Man spricht von elitären Kreisen, die die obersten Positionen und Ämter bekleiden, die an den Schalthebeln der Macht sitzen. Man spricht von Wirtschafts-, Bildungs-, Politik-, und Militäreliten. Man spricht von Sport- und Medieneliten und könnte das Feld, wie Michael Naumann, polemisch weiter auffächern in „Skiflug-, Torwart- und Talkshow-Eliten“[1]. Gemäß der Definition Günter Endruweits setzt sich die Elite aus „allen Mitgliedern eines sozialen Systems [zusammen], die aus einem Selektionsprozess als den übrigen Mitgliedern überlegen hervorgehen“[2]. Eine solche Überlegenheit drückt sich nach heutigem Verständnis im Faktor Leistung aus und knüpft sich eng an Qualifikationen, welche im Rahmen institutionell organisierter Bildungsprozesse erworben werden. Die individuelle Schulkarriere legt den Grundstein für anschließende Ausbildungswege und Arbeitsmarktchancen. Formiert sich die gesellschaftliche Spitze, laut Definition, aus den leistungsfähigsten Vertretern unterschiedlichster Bereiche, so suggeriert diese Annahme, dass prinzipiell jeder Bürger die Chance hat, durch entsprechende (intellektuelle) Anstrengungen in die obersten Ränge der Gesellschaft aufzusteigen. Bildung gilt als Schlüssel zum Erfolg. Für eine wissenschaftliche Karriere lässt sich diese Formel zweifelsohne dokumentieren. Doch öffnet der „Schlüssel“ Bildung auch die Pforten in die elitären Kreise von Wirtschaft, Politik und Justiz? Ist die elitäre Klasse Deutschlands tatsächlich so durchlässig, dass sie jedem, fernab von seiner sozialen Herkunft, die Chance gewährt, in ihrer Mitte zu weilen?

Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, bedarf es zum ersten einer Auseinandersetzung mit der Definition des Begriffes „Elite“ und seiner historisch-semantischen Entwicklung. Da Elite, wie bereits angemerkt, eng mit dem Terminus „Leistung“ verknüpft ist, wird sich die Arbeit in einem zweiten Schritt mit den meritokratischen Prinzipien moderner Gesellschaften befassen. Insbesondere fokussiert dieser Abschnitt auf die Frage, inwieweit das deutsche Bildungssystem dem meritokratischen Grundsatz der herkunftsunabhängigen Chancengleichheit entspricht .

Im dritten Abschnitt der Arbeit erfolgt eine Zusammenführung des bis dahin herausgearbeiteten Verständnisses von Elite und Leistung, bzw. Leistungsgerechtigkeit, indem Faktoren beleuchtet werden sollen, die für den sozialen Aufstieg, insbesondere den Aufstieg in die elitäre Klasse, von Bedeutung sind. Zusammenfassend sieht die Arbeit eine Diskussion der Bedeutung von Bildung als deklarierte Chance, in eine Spitzenposition aufzusteigen, vor.

2. Elite – Begriffsbestimmung

Obwohl der Begriff „Elite“ heutzutage beinahe inflationäre Verwendung findet und kaum einen gesellschaftlichen Bereich ausblendet, herrscht, wie einleitend erwähnt, kein homogenes Verständnis über dessen Bedeutung. Die breite Interpretation des Begriffes verdeutlicht sich mit Blick auf seine oftmals populären Verwendungen. So zielen Eliteuniversitäten auf die Rekrutierung und Ausbildung fachlich hervorragender Studenten ab, während das online-Portal „Elitepartner“, zwar dem Bedürfnis der Bevölkerung nach Zugehörigkeit zu dieser exklusiven Schicht Ausdruck verleiht, „Elite“ jedoch mit einer akademischen Ausbildung und dem entsprechenden „Niveau“ im Sinne eines aparten Lebensgefühls gleichsetzt. Der folgende Abschnitt der Arbeit zielt sowohl auf eine soziologische Bestimmung des Elitebegriffes als auch auf dessen Wandel im historischen Kontext.

Obwohl der etymologische Ursprung des Wortes „Elite“ im lateinischen „electus“ (auserlesen) zu finden ist, hält der Begriff erst mehrere Jahrhunderte nach dem Untergang des antiken römischen Reiches Einzug in die deutsche Sprachlandschaft. Im Zuge der Französischen Revolution, welche bekanntlich auch auf das Heilige Römische Reich deutscher Nationen ausstrahlte, entsteht ein Elitebegriff, „der gegen die Machtansprüche des Geburtsadels auf die bürgerlich-republikanische Legitimität der Ausgewählten und Erwählten […] abzielte“[3]. Die Vererbung von Herrschaftsrechten und eine „Auserwähltheit“ qua Geburt verloren zugunsten einer neu entstehenden bürgerlichen Elite an Bedeutung.

Eine differenzierte theoretische Betrachtung erfuhr der Begriff „Elite“ im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert mit den Werken von Gaetano Mosca und Vilfredo Pareto, welche sich ideengeschichtlich an Niccolò Machiavellis „Il principe“ aus dem Jahre 1513 anlehnten.[4] Befassten sich Enzyklopädien bis dato nur im Kontext militärischer Ränge mit „Elite“, so gelang es Mosca, den Terminus soziologisch zu fassen, indem er ihn auf „politische Klassen“ bezog.[5] In seinem 1896 erschienenen Werk „Elementi di scienza politica“ versuchte Mosca die Unabdingbarkeit einer, über die Mehrheit der Bevölkerung herrschenden privilegierten und fähigen Minderheit aufzuzeigen. Zwar könne der Status an sich nicht vererbt werden, doch hätte das Milieu, in welches ein Individuum hineingeboren wird, maßgeblichen Einfluss auf dessen spätere Zugehörigkeit zur Mehrheit oder Minderheit, zur „Masse oder Klasse“. Der milieuspezifische Habitus, welcher sich über die Erziehung auf die nachfolgende Generation „vererbt“ zählte demnach zu den wesentlichen Faktoren der Elitenreproduktion.[6]

Obwohl sich der Nationalsozialismus der klassischen Elitetheorien Moscas und Paretos bediente und diese für ideologische Zwecke ausnutzte, koppelte sich das faschistische Eliteverständnis eng an eine biologistische Sichtweise. Zur nationalsozialistischen Elite zählte nicht allein die Führungsriege, sondern die arische Rasse, welche in ihrer Gesamtheit als „auserwählt“ galt. Infolge dieses verheerenden Eliteverständnisses sah man sich nach dem Zweiten Weltkrieg zum einen gezwungen, den Elitebegriff einer erneuten Diskussion zu unterziehen, und ihn in den Kontext der sich neu entwickelnden Demokratie zu stellen.

Zur Herausbildung eines Eliteverständnisses im heutigen Sinne trugen im wesentlichen die Arbeiten von Otto Stammer (1951), Hans Peter Dreitzel (1962) und Ralf Dahrendorf (1965) bei.[7] So prägte Stammer den Begriff der „Funktionseliten“, welche sich „weniger durch herausragende Persönlichkeitsmerkmale […], sondern vor allem durch ihren Rekrutierungsmodus als Repräsentanten von Bevölkerungsgruppen (Muttergruppen) [auszeichnen], deren Interessen sie im politischen Willensbildungsprozess vertreten“[8].

Den Hintergrund dieser Überlegungen bildete dabei eine, aus der jüngsten deutschen Geschichte (dem Nationalsozialismus) resultierenden Angst vor der Unkontrollierbarkeit einer privilegierten herrschenden Klasse. Stammer zufolge ist der „Zugang zur Führung jedermann offen, soweit er fähig ist, eine bestimmte Funktion im gesellschaftlich-politischen Ordnungsgefüge zu übernehmen und die in dieser Funktion von ihm erwartete Leistung zu erbringen [9]. Die „Fähigkeit“ zu einer Funktionsübernahme findet sich in Dreitzels Theorie im Schlüsselbegriff „Leistung“ wieder, welchen er zum „zentralen Kriterium von Elite“[10] erhebt.

Die Leistungsfokussierung der heutigen Zeit setzt bereits in privaten und öffentlichen Einrichtungen der Kinderbetreuung an und wird im Rahmen der schulischen Ausbildung fortgeführt. Gerade das dreigliedrige Schulsystem Deutschlands wirkt mit seiner früh angesetzten Übergangsmöglichkeit in den gymnasialen Zweig nicht nur leistungs-, sondern in hohem Maße auch sozial selektivierend, wie der folgende Abschnitt dieser Arbeit aufzeigen soll. Stellt man die Frage nach der Offenheit elitärer Kreise, nach der meritokratisch begründeten herkunftsunabhängigen und leistungsbasierten Chance in eine Spitzenposition zu gelangen, ist die Beleuchtung der Chancengerechtigkeit, die bereits im Kindergarten und mehr noch in der schulischen Ausbildung postuliert wird, von äußerster Notwendigkeit.

3. Meritokratie

Die Auseinandersetzung mit der Relevanz von Leistung und Bildung als alleiniges Zugangskriterien zur elitären Schicht, erfordert eine Beleuchtung gesellschaftlicher Prinzipien, die sich sowohl auf die Wertigkeit von Bildung als auch auf die Chancenverteilung von Bildungs- und Berufszugängen (zwischen) verschiedener sozialer Schichten beziehen. Im Folgenden soll der meritokratische Ansatz moderner demokratischer Gesellschaften vorgestellt und kritisch hinterfragt werden.

3.1 Meritokratische Prinizpien der Leistungsgesellschaft

Die Soziologie definiert Gesellschaft als: „[...] existentiell notwendiges Gefüge des dauerhaften, strukturierten oder gar bewußt organisierten Zusammenwirkens von Menschen zur Erreichung bestimmter Ziele oder Zwecke, insbesondere zur Erarbeitung von Mitteln für die Befriedigung individueller und gemeinsamer Bedürfnisse“[11].

Je nach Blickrichtung lässt sich die postmoderne Gesellschaft mit einer Vielzahl von Attributen versehen, die zu zeitdiagnostischen Beschreibungen gesellschaftlicher Phänomene beitragen. Aufgrund dieses konzeptionellen Pluralismus erweist sich der Versuch, die heutige Gesellschaft eindeutig zu kennzeichnen, als problematisch.[12] So unterstreicht z.B der Blick auf den sektoralen Strukturwandel den Übergang von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft, welche sich durch eine Bedeutungszunahme des tertiären Sektors auszeichnet. So fokussiert z.B. die Charakteristik „Wissensgesellschaft“ auf die unabdingbare Notwendigkeit theoretischen Wissens für die Weiterentwicklung postmoderner Staaten.

[…]


[1] Naumann, Michael 2004: Elite gibt es in Deutschland massenhaft. Zeit 04/2004.

[2] Endruweit, Günter 1979, zit. nach Geißler, Rainer 2008: Die Sozialstruktur Deutschlands. Zur gesellschaftlichen Entwicklung mit einer Tendenz zur Vereinigung. 5., durchgesehene Auflage, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, S. 121.

[3] Münkler, Herfried/ Bohlender, Matthias/ Straßenberger, Grit (Hrsg.) 2006: Deutschlands Eliten im Wandel. Campus Verlag, Frankfurt a. M., S. 12.

[4] Vgl. Hartmann, Michael 2002: Der Mythos von den Leistungseliten. Spitzenkarrieren und soziale Herkunft in Wirtschaft, Politik, Justiz und Wissenschaft. Campus, Frankfurt/ New York, S. 10.

[5] Vgl. Schäfers, Bernhard 2004: Elite. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 10/2004, S. 3.

[6] Vgl. Hartmann, Michael 2004: Elitesoziologie. Eine Einführung. Campus, Frankfurt a. M., S. 22.

[7] Vgl. Schäfers 2004, S. 4.

[8] Hoffmann-Lange, Ursula: Elitenrekrutierung in Deutschland: Meritokratie oder Mediokrität? In: Heller, Kurt A./ Ziegler, Albert (Hrsg.) 2007: Begabt sein in Deutschland. LIT Verlag, Berlin, S. 299.

[9] Stammer, Otto 1969, zit. nach Hartmann, Michael 2002, S. 12.

[10] Münkler, Herfried et al. 2006, S. 14.

[11] Hillmann, Karl-Heinz 1994: Wörterbuch der Soziologie. 4., überarbeitete und ergänzte Auflage, Alfred Körner Verlag, Stuttgart, S. 285.

[12] Vgl. Kübler, Hans-Dieter 2009: Mythos Wissensgesellschaft. Gesellschaftlicher Wandel zwischen Information, Medien und Wissen. Eine Einführung. 2., durchgesehene und erweiterte Auflage, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, S. 14.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Durch Bildung an die Spitze?
Untertitel
Zur Elitenrekrutierung in Deutschland
Hochschule
Universität Potsdam  (Institut für Erziehungswissenschaften)
Veranstaltung
Meritokratie, Bildung und Reichtum
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
19
Katalognummer
V263848
ISBN (eBook)
9783656528630
ISBN (Buch)
9783656534198
Dateigröße
507 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
durch, bildung, spitze, elitenrekrutierung, deutschland
Arbeit zitieren
Iwa Juschak (Autor), 2011, Durch Bildung an die Spitze?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/263848

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