Henry James‘ "Daisy Miller". Realismus oder Sittenroman?

Amerikanischer Realismus


Hausarbeit, 2012
14 Seiten, Note: 11

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zum Buch

3. Definitionen
3.1. Realismus
3.2. Der Sittenroman
3.3. Gilded Age

4. Henry James‘ „Daisy Miller: Ein Sittenroman?
4.1. Amerikanischer Realismus in Daisy Miller
4.2. Daisy Miller als Sittenroman

5. James und die Emanzipation

6. Resümee

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die hier vorliegende Arbeit mit dem Titel: „Henry James´ Daisy Miller als Sittenroman“ wurde im Rahmen des Literatur Seminares „Amerikanischer Realismus“ unter der Leitung des Dozenten im Sommersemester 2012 an der Justus-Liebig-Universität zu Giessen angefertigt.

Ziel dieser Arbeit ist die Klärung des Genres der Novelle „Daisy Miller“ von dem amerikanischen Schriftsteller Henry James aus dem Jahre 1878, welches ihn berühmt machte. Ist „Daisy Miller“ eher dem Realismus oder dem Sittenroman zuzuordnen oder kreiert er mit dieser Art von Novelle gar ein ganz neues Genre? Zudem wird gleichermaßen die Frage aufgeworfen, ob James mit diesem Werk die fortschreitende Emanzipation der Frauenwelt aufzuhalten versuchte.

Zu diesem Zweck sollen in Kapitel 3 zunächst einmal die Begriffe „Realismus“, „Sittenroman“ und „Gilded Age“ geklärt werden. Im darauf folgenden Kapitel 4 werde ich diese Begriffe in Bezug zum Roman setzen und die Anteile von Sittenroman und amerikanischem Realismus in James Novelle herauszuarbeiten. Abschließend wird in Kapitel 5 die Frage nach der Emanzipationskritik der Novelle „Daisy Miller“ untersucht werden. Die Arbeit endet mit einem Resümee.

2. Zum Buch

Henry James` Daisy Miller spielt 1889 in Europa. Zu der damaligen Zeit war es üblich, dass sich die reiche Gesellschaft auf Reisen begab. So treffen sich in der Novelle die junge neureiche Amerikanerin Daisy Miller und der seit vielen Jahren in Genf lebende Amerikaner Frederick Winterbourne, welcher streng nach englisch-viktorianischen Sitten lebt. Winterbourne verliebt sich in Daisy, kann sich jedoch nicht durchringen, ihr seine Gefühle zu gestehen. Sein innerer Konflikt entsteht vor allem aufgrund der Tatsache, dass Daisy wegen ihrer freien und vulgären Art von der feinen Gesellschaft ausgestoßen wurde. Ebenso wegen seiner Sittenhaftigkeit, aber auch getrieben durch den Rat seiner Tante und anderer Gesellschaftsmitglieder, handelt Winterbourne also entgegen seiner Gefühle, um seine gesellschaftliche Anerkennung nicht zu gefährden. Als er von einer angeblichen Affäre Daisy’s mit dem Italiener Giovanelli erfährt, fühlt er sich in seinem Handeln bestätigt und entfernt sich scheinbar endgültig von ihr. Jedoch hat Daisy diese Affäre lediglich inszeniert, um Winterbourne eifersüchtig zu machen. Bei einem Treffen mit Giovanelli im verruchten Kolloseum wird Daisy mit dem römischen Fieber infiziert, an dem sie schlussendlich stirbt. Winterbourne erfährt die wahre Geschichte erst, als Daisy bereits im Sterben liegt. Erst jetzt wird ihm bewusst, dass er von vornerein auf sein Herz, und nicht auf das Urteil anderer hätte hören sollen. Er bereut sein Handeln zutiefst und erkennt seinen begangenen Fehler an.

3. Definitionen

3.1. Realismus

Den Realismusbegriff gab es schon lange Zeit in der Philosophie, er bezeichnete den „Glauben an die Wirklichkeit der Ideen“ […]. Realismus in der Literatur bedeutete zunächst eine genaue, detailgetreue Schilderung zeitgenössischer Sitten.

(Wellek 1969: 404)

Nach den von der Realität entfernten Werken der Romantik und der sentimental fiction hatten viele Autoren das Bedürfnis nach einem neuen Genre. Die Literatur sollte die Wirklichkeit darstellen, so wie sie ist -„Higginson deplored the sentimental dream world of romantic fiction and urged that American literature concern itself with the actual, commonplace world of today, and depict experience as it is rather than as we might wish it to be” (Day 1975: 158). So verschrieben sich Autoren wie Howells und James dem Amerikanischen Realismus. Auch Howells definiert den Realismusbegriff 1889 ähnlich: „Realism is nothing more and nothing less than the truthful treatment of material“. Dies zeigt sich auch auf der inhaltlichen Ebene. Realistische Romane handelten häufig von Themen des amerikanischen Gilded Age wie “Sklaverei” “soziale Missstände“ und „Ausbeutung der Arbeiter“. Oftmals sollen den höheren Klassen die Missstände und Probleme der Unterschichten deutlich vorgeführt werden um somit ein Umdenken in der Gesellschaft herbeizuführen. Darüber hinaus ist für realistische Romane charakteristisch, dass in der Regel selbst dramatische Momente sprachlich nüchtern dargestellt werden. Diese sprachliche Nüchternheit resultiert aus der Fokussierung auf moralische Aspekte, welche stärker in den Vordergrund gestellt werden als die Handlung an sich. „American literary realism had as a key goal to uncover the interest, the suspense, the drama in moments that others might think of as uneventful or boring - those times when it only appears to those looking for obviously spectacular events, that >nothing happens<” (Barrish 2011, 47).

3.2. Der Sittenroman

Der Begriff Sittenroman (novel of manners) lässt sich nicht auf Merkmalen begründet definieren. Es gibt viele unterschiedliche Definitionen, aber keine inhaltlichen und stichfesten Merkmale, anhand derer man einen Sittenroman anschaulich definieren könnte. Im Folgenden soll der Versuch unternommen werden, Merkmale des Sittenromans aus verschiedenen Definitionen zusammenzutragen um so ein trennschärferes Bild entwickeln zu können.

Der Sittenroman veranschaulicht, kritisiert und stellt auf moralisch-sentimentale Weise die herrschenden Sitten einer Gesellschaftsschicht dar. Auch die daraus resultierenden Probleme zwischen einzelnen Gesellschaftsschichten werden thematisiert. „In der novel of manners werden eine Gesellschaftsschicht und die in ihr herrschenden Konventionen in realistischer Weise und detailliert dargestellt. […] Die novell of manners ist zeit- und ortsgebunden: die Autoren konzentrieren sich auf die Beschreibung eines kleinen Ausschnitts aus dem zeitgenössischen Gesellschaftsleben“ (Beck 2007: 230). Der Sittenroman befasst sich dabei besonders mit den vorherrschenden Moralvorstellungen in verschiedenen Gesellschaftsschichten und fordert deren Mitglieder zum Umdenken auf.

In der Literatur werden dem Sittenroman vor allem die Romane Jane Austens (1775-1817) zugeschrieben „in denen die Lebensformen der Bürgerschicht und des niederen Adels (gentry) in der englischen Provinz im Mittelpunkt der Handlung stehen. In der amerikanischen Literatur wird der Begriff gelegentlich auf die Romane von Henry James (1843-1916) und Edith Wharton (1862-1937) angewendet“ (Beck 2007: 230). Ebenso zählt Theodor Fontanes „Effi Briest“ als Beispiel zu den Sittenromanen sowie die Werke vieler anderer Autoren, deren Titel beiläufig den Untertitel „Sittenroman“ mittragen.

Deswegen sollte die Literatur genau auf die Herkunft und die Zeitgenössisch herrschenden Sitten überprüft werden, da sich dort große Unterschiede bemerkbar machen. In welcher Form der Roman geschrieben ist, steht frei. Somit wäre der Sittenroman als eine Unterkategorie zu verstehen.

Man könnte den Sittenroman auch als ein „Sittengemälde“ betrachten, denn es spiegelt die herrschenden Sitten und Moralvorstellungen der jeweiligen Zeit und Gesellschaftsform. Somit würde der Sittenroman kein eigenes Genre in der Literatur darstellen, lediglich eine Begleitform der in der jeweiligen geschriebenen Art und wäre schon fast an das Genre „historisch“ anzuknüpfen. „Manche Literaturkritiker übertragen diese Bezeichnung (novel of manners) sogar auf die historischen Romane […] die sie aufgrund der detaillierten Darstellung einer Gesellschaft als „historische Sittengemälde“ sehen“. (Beck 2007: 230)

3.3. Gilded Age

Im Folgenden soll kurz der Begriff des Gilded Age erläutert werden, welcher im vorigen Kapitel bereits kurz umrissen wurde.

Der Begriff Gilded Age hat statt einem historischen einen literarischen Ursprung: „Mark Twain called the late 19th century the „Gilded Age“. By this, he meant that the period was glittering on the surface but corrupt underneath” (Mintz 2012). Zwischen 1865 und 1914 wuchs die Einwohnerzahl der USA durch Masseneinwanderungen auf das Dreifache an. Durch die Industrialisierung lebten die meisten dieser Einwanderer in urbanen und armen Verhältnissen in der Großstadt. Es war die Zeit der technologischen Erfindungen, des Goldrauschs, der Korruption und Ausbeutung. “The vast majority of citizens, of course, enjoyed only the crumbs from the table of the mighty. […] By 1890 over a million human beings in New York City dwelt in tenements almost devoid of air, light, and minimal sanitation” (Day 1975: 141).

Day fasst die Zeit in folgenden Worten erklärend zusammen: “[…] audacious swindles, brazen corruption, illusionary riches, and naked greed characterize the times, but all is gilded over with high-sounding phrases, pseudopiety, and hypocritical gentility. The early nineteenth century had looked ahead to the Golden Age, but what actually blazed forth was the Gilded Age, a subverting of American ideals to the worship of Mammon” (Day 1975: 143).

[...]

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Henry James‘ "Daisy Miller". Realismus oder Sittenroman?
Untertitel
Amerikanischer Realismus
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Anglistik)
Veranstaltung
Amerikanischer Realismus
Note
11
Autor
Jahr
2012
Seiten
14
Katalognummer
V263871
ISBN (eBook)
9783656528388
ISBN (Buch)
9783656540557
Dateigröße
602 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
henry, james‘, daisy, miller, realismus, sittenroman, amerikanischer
Arbeit zitieren
Nadine Custer (Autor), 2012, Henry James‘ "Daisy Miller". Realismus oder Sittenroman?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/263871

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