Personalisierung der Kanzlerkandidaten im Wahlkampf zum Deutschen Bundestag


Seminararbeit, 2013

15 Seiten, Note: 3,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Diversifikationsstrategien

3. Kandidateneigenschaften

4. Wahlkampf

5. Medienberichterstattung

6. Fazit

1. Einleitung

Erst seit einigen Jahren wird die Rolle der Personalisierung von politischen Spitzenkandidatenin Deutschland von der Politikwissenschaft eingehender Betrachtet. Die zur Verfügung stehenDaten zu dieser Thematik sind allerdings noch sehr lückenhaft und Untersuchungen habengezeigt, dass es gerade bei der Personalisierungsdebatte auch große Unterschiede bei denerhobenen Daten zwischen Ost- und Westdeutschland gibt. Hinterfragt werden im Bereich derPersonalisierung von Spitzenkandidaten vor allem die Auswirkungen politischerEigenschaften von Kandidaten auf das Wahlverhalten der Wähler. Inwieweit spielenKandidatendimensionen wie rollennahe, auf die Politik bezogene Eigenschaften wieKompetenz und Führungsqualität und rollenferne, unpolitische Eigenschaften, wie Sympathie,Aussehen, Privatleben oder Integrität in der Vorwahlzeit und im Entscheidungsprozess derWähler eine Rolle.

In vielen Forschungstexten zum Thema Personalisierung politischer Spitzenkandidaten, aufmeine Arbeit bezogen, der deutschen Kanzlerkandidaten, geht es um die Frage, ob diePersonalisierung in den letzten Jahren zugenommen hat, und das deutsche System in Hinblickauf die Spitzenkandidaten immer mehr in Richtung einer „Amerikanisierung“ zuläuft.Amerikanisierung soll hier bedeuten, dass sich die Personalisierung immer mehr demamerikanischen Wahlkampf angleicht und die Kanzlerkandidaten fast losgelöst von ihrerPartei präsentiert werden. Die Frage ist, ob sich die Wähler nicht mehr vordergründig für einePartei entscheiden sollen, sondern für den präsentierten Kanzlerkandidaten und somit,zweitrangig, auch für die dazugehörige Partei. Des weiteren geht es um die Frage, ob eineverstärkte Personalisierung der politischen Spitzenkandidaten sich nachweisbar auf dasWahlverhalten der Bürger auswirkt und es den Parteien dadurch gelingt mehr Wähler für sichzu gewinnen. Untersuchungen zu diesem Punkt haben mehr oder weniger eindeutig gezeigt,dass Kandidateneffekte und die Personalisierung von Kanzlerkandidaten bei denWahlentscheidungen in den letzten Jahren nicht zugenommen haben, wenn sie denn überhauptbemerkbar vorhanden sind (Brettschneider 2002, S.207 ff.). Somit geht man davon aus, dasses in Deutschland in den letzten Jahren nicht zu einer erhöhten Personalisierung derKanzlerkandidaten oder auch zu einer Amerikanisierung gekommen ist. Festzuhalten istallerdings, dass es Personalisierung in der Politik gibt und dass dies kein neues Phänomen ist.Schon mit Deutschlands erstem Bundeskanzler Konrad Adenauer rückte die Kanzlerfigur inden Mittelpunkt des Wahlkampfs und der Öffentlichkeit, und häufig wird die Bundesrepublik

Deutschland als Kanzlerdemokratie bezeichnet. Natürlich entspricht dies wörtlich genommen, wie wir alle wissen, nicht der Realität, da wir in einer parlamentarischen Demokratie lebenund der Bundeskanzler nicht direkt vom Volk gewählt wird. Trotzdem zeigt sich in derdeutschen Politikgeschichte durchgehend, welche wichtige Rolle der amtierende Kanzler undseine Herausforderer im Vorfeld von Bundestagswahlen einnehmen. Aussagen wie „Auf denKanzler kommt es an“ (Brettschneider2002, 15), bezogen auf die Wahl Konrad Adenauersoder „Willy-Wahl“ (Brettschneider2002, 15), bezogen auf die Wahl Willy Brandts, sindbezeichnend für die Hervorhebung der Kanzlerkandidaten schon seit Beginn derBundesrepublik.

Mit meiner Arbeit möchte ich aufzeigen, dass die Personalisierung von Kanzlerkandidaten in Deutschland zwar noch nicht, in Bezug auf ihren Einfluss auf die Wahlentscheidung, zugenommen hat, aber dass ein positiver Effekt vorhanden ist, und dass es doch Tendenzen in diese Richtung gibt. Diese finden sich besonders in den Bereichen der Kandidateneigenschaften, der Wahlkampfführung und der Medienberichterstattung. Hier ist die Rolle der Kanzlerkandidaten eine immer wichtiger werdende Entscheidungsgröße. Für die Zukunft betrachtet könnte die Personalisierung von politischen Spitzenkandidaten eine immer wichtigere Rolle einnehmen und sich letzten Endes vielleicht doch auf die zukünftigen Wahlentscheidungen der deutschen Bundesbürger auswirken.

2. Diversifikationsstrategien

In den letzten Jahren konnte durch zahlreiche Untersuchungen und Auswertungen vonDatenerhebungen nachgewiesen werden, dass die Parteiidentifikation (Dealignment) bei dendeutschen Wählern zurückgeht. Gründe hierfür sind relativ offensichtlich undnachvollziehbar. Durch einen höheren Bildungsstandard und eine größere soziale Mobilität,fühlen sich die deutschen Wähler oftmals nicht mehr an familiäre- oder gruppenabhängigeVorstellungen und Ideologien gebunden und nutzen ihre Freiheit, gerade im Bereich derInformationsgewinnung, um sich ihr eigenes, individuelles Bild von der aktuellen Politik undder Parteienlandschaft zu machen. Durch die gewachsene Medialisierung von Politik undKanzlerkandidaten sind die Kosten zur Informationsgewinnung für die Wähler heutzutagerelativ gering. Dies vereinfacht es den Wählern, sich ihr eigenes Urteil, unter anderem auchabhängig von der aktuellen politischen und wirtschaftlichen Situation zu bilden. Dieser Trend,sowie die Tatsache, dass es generell auch Wechselwähler oder kurzfristig entscheidende

Wähler gibt, ist in den letzten Jahren auch an den deutschen politischen Parteien nicht unbemerkt vorübergegangen. Die vorgestellten Parteiprogramme sowie die Parteistrukturenwerden in der deutschen Öffentlichkeit oftmals als unverständlich und zu kompliziertwahrgenommen. Der Wähler fühlt sich durch die zur Verfügung gestellten Informationen derParteien verwirrt und verliert häufig schnell das Interesse, sich genauer mit den kompliziertenund detaillierten Parteiprogrammen zu beschäftigen, da der Zeitaufwand zu groß ist. Daher istes für Parteien eine oftmals lohnende Strategie, Wahlkämpfe auf einenSpitzenkandidaten/Kanzlerkandidaten auszurichten. Der Wähler hat so die Möglichkeit, sichauf eine Person mehr oder weniger zu konzentrieren. Politische Sachfragen werden durch denKanzlerkandidaten oftmals verständlicher in der Öffentlichkeit präsentiert und diskutiert, alsdies durch einen Parteiapparat möglich ist. Ist der Kanzlerkandidat einer Partei zudem nochsympathisch und kommt bei dem Wählervolk gut an, hat die jeweilige Partei so dieMöglichkeit, neue Wähler für sich zu gewinnen. Kaum eine Partei hat die Möglichkeit ihrepolitische Position und ihre Links, Rechts oder Mitte Gesinnung kurzfristig neu zuorientieren, ohne an Glaubwürdigkeit und an Stammwählerschaft zu verlieren (Rosar/Ohr2005, 105). Allerdings hat sie mit der Positionierung ihres Kanzlerkandidaten dieMöglichkeit, ihre politische Position auszuweiten. Ein Kanzlerkandidat muss nicht in allenpolitischen Punkten und Sachfragen, mit denen er sich in der Öffentlichkeit präsentiert, mitseiner Partei übereinstimmen. Somit erreicht die Partei über ihren Kanzlerkandidaten zum Teilauch die Wähler, die der Partei vielleicht nicht zugeneigt sind, aber mit den Einstellungen desKanzlerkandidaten übereinstimmen. Rosar und Ohr haben diese Diversifikationsstrategie inForm einer Befragung von Wählern zum Links-Rechts-Kontinuum untersucht (Rosar/Ohr2005, 105). Hierzu sollten die Befragten die Spitzenkandidaten von Grüne, SPD, FDP undCDU/CSU auf einer Links-Rechts-Achse von 1 für links bis 10 für rechts bewerten. Zudemsollten die Befragten ihre Selbstwahrnehmung in diesem Kontinuum einschätzen. Diese lagungefähr in der Mitte der Skala, bei 5. Ergebnis der Studie war, dass die Spitzenkandidatenvon Grüne und SPD, Joschka Fischer und Gerhard Schröder, von den Wählern imDurchschnitt weiter rechts eingeordnet werden, als ihre Partei. Dies ist ein Zeichen dafür, dassdie Parteien mit ihren Spitzenkandidaten auch die Wähler erreichen, die eventuell eher inRichtung Mitte, oder weiter rechts, also FDP und CDU/CSU wählen würden. Für die CDUergibt die Studie, dass die Wähler den Spitzenkandidaten der CDU, Edmund Stoiber eherweiter rechts ansiedeln, als die Partei. Das heißt, Edmund Stoiber wird von den Wählern nicht in Richtung Mitte, oder SPD und Grüne eingestuft. Somit ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass der Spitzenkandidat Edmund Stoiber für die CDU kaum neue Wähler aus der Mitte oder gar von den Grünen oder der SPD erreicht hat, und die Partei bei den Wählern keinen erkennbaren Zugewinn aus ihrem Spitzenkandidat ziehen kann.

Die Vorteile für die Parteien aus dieser Diversifikation sind offensichtlich. Allerdings dürfendie politische Meinung und Einstellung von Partei und Spitzenkandidat nicht zu sehrvoneinander abweichen, da sonst der Eindruck entstehen könnte, es fehle an innerer,parteilicher Geschlossenheit (Rosar/Ohr 2005, 105). Diversifikation macht also deutlich,welch wichtige Funktion ein Kanzlerkandidat für die jeweilige Partei hat. Und je mehrWähler ein Kanzlerkandidat durch seine persönlichen Eigenschaften überzeugen kann, destohöher ist die Wahrscheinlichkeit für die Partei, mehr Wählerstimmen dazuzugewinnen. Daherist es nachvollziehbar, dass Parteien so viel wie möglich daran setzen werden, zum einen,einen eigenen geeigneten Kanzlerkandidaten ins Rennen zu schicken und zum anderen, diesenso gut es geht in der Öffentlichkeit zu präsentieren.

3. Kandidateneigenschaften

Natürlich spielen neben den politischen Einstellungen der Spitzenkandidaten auch diepersönlichen Eigenschaften eine wichtige Rolle. Aussehen, Privatleben Sympathie, Integritätund Führungsqualitäten sind Eigenschaften, auf die die Wähler achten und bei denen sieprüfen, ob der Kandidat mit den eigenen Werten und Vorstellungen übereinstimmt. Geradedurch die angewachsene Medialisierung des Wahlkampfs werden den Wählern dieseKandidateneigenschaften in der Wahlkampfzeit täglich präsentiert. Vor allem Wähler ohnefeste Parteiidentifikation und Wechselwähler nutzen Kandidateneigenschaften, politische, wieauch unpolitische als „information shortcuts“ (Klein/Ohr 2001, S.97), um zu entscheiden, werin ihren Augen am Besten fähig ist, die eigenen Vorstellungen und Erwartungen an Politik undRegieren umzusetzen. Auch für politisch uninformierte Wähler sind Kandidateneigenschafteneine gute Möglichkeit, sich eine Meinung zu einem Kandidaten und seiner Partei zu bilden.Durch die Medienpräsenz der Spitzenkandidaten ist dies, gerade für uninformierte Wählereine kostengünstige Informationsmöglichkeit. Außerdem sind sie dadurch nicht gezwungen,sich mit komplizierten politischen Sachfragen auseinanderzusetzen und fühlen sich eher dazumotiviert, ihre Stimmer bei der Wahl abzugeben.

[...]

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Personalisierung der Kanzlerkandidaten im Wahlkampf zum Deutschen Bundestag
Hochschule
Universität Mannheim
Note
3,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
15
Katalognummer
V263947
ISBN (eBook)
9783656530022
ISBN (Buch)
9783656531296
Dateigröße
403 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
personalisierung, kanzlerkandidaten, wahlkampf, deutschen, bundestag
Arbeit zitieren
Sandra Martel (Autor), 2013, Personalisierung der Kanzlerkandidaten im Wahlkampf zum Deutschen Bundestag, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/263947

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