In der vorliegenden Arbeit soll die ideologische Bedeutung des Sprachalters für die Argumentation der Sprachpfleger des 17. Jahrhunderts im deutschen Sprachraum erörtert werden. Dazu wird zunächst auf die kulturpatriotische Strömung der damaligen Zeit eingegangen, um die Grundlagen für eine tiefer gehende Analyse zu schaffen. Wir betrachten also im Folgenden die Entstehung, Verbreitung und Etablierung des Sprach- oder Kulturpatriotismus in Europa, später im deutschsprachigen Raum, sowie deren bedeutendste Vertreter und ihre Ideen. Im weiteren Verlauf der Arbeit wird das zeitgenössische Sprachgeschichtskonzept des 17. Jahrhunderts dargelegt. Dazu wird insbesondere Schottelius' Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache diskutiert, welche "die umfassendste und fundierteste Einbeziehung sprachhistorischer Fragestellungen in ein grammatikographisches Werk vor Adelung bietet" (Rössing-Hager 1985, S. 1566). Dabei wird der Fokus der Betrachtung auf der Betonung und Begründung des hohen Alters der deutschen Sprache liegen. Abschließend werden die weiteren sprachphilosophischen und -wissenschaftlichen Auswirkungen der Sprachpfleger des 17. Jahrhunderts betrachtet. Die ideologisch belastete Grundhaltung der noch nicht wissenschaftlichen Arbeits- und Denkweise der frühen Philologen wird allseits deutlich.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 die Wurzeln des Sprach- oder Kulturpatriotismus
1.2 nationale Sprachpflege
1.3 Sprachpflege im 17. Jahrhundert
2. Sprachgeschichtsschreibung im 17. Jahrhundert
2.1 das zeitgenössische Sprachgeschichtskonzept
2.2 Alter, Verwandtschaft und Bedeutung der einzelnen Sprachen
2.3 die Besonderheit des Alters der Teutschen HaubtSprache
2.4 Sprachwandel
3. Ausblick
3.1 Kritik
3.2 weiterführende Sprachgeschichtsschreibung
3.3 Zusammenfassung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die ideologische Bedeutung, die Sprachgelehrte des 17. Jahrhunderts dem Alter der deutschen Sprache beimaßen, um sie als Kulturgut zu etablieren und gegenüber anderen Sprachen aufzuwerten.
- Die Entstehung und Etablierung des Sprach- und Kulturpatriotismus.
- Die Funktion von Sprachideologien als Identitätsstifter und Rechtfertigungsgrundlage.
- Die Rolle der Bibel und biblischer Herleitungen für das Sprachgeschichtsbewusstsein jener Zeit.
- Die Bedeutung von Schottelius’ Werk für die zeitgenössische Sprachbetrachtung.
- Der Zusammenhang zwischen Sprachwandel-Skepsis und politischen bzw. gesellschaftlichen Zielsetzungen.
Auszug aus dem Buch
2.4 Sprachwandel
Grundsätzlich ist Sprachwandel bei Schottelius, sofern er ungesteuert geschieht, immer als kulturpessimistisch zu betrachten, womit er nicht allein steht. „Die Klage über den ständigen ‚Sprachverfall’ ist noch heute ein beliebter Topos in der kulturpessimistischen Sprachkritik, nicht zuletzt, weil man als deutscher Bildungsbürger gewohnt ist, die Sprache der Gegenwart am Vorbild des ‚Klassischen’ oder des ‚Urtümlichen’ zu messen.“ (Polenz 1991, S. 11). „Die Überzeugung, dass die ‚Verausländerung’ einer Sprache einhergehe mit einer ‚Verausländerung’ der Sitten und des Denkens und Fühlens, ist im 17. Jahrhundert stereotyp und kein speziell schottelianischer Gedanke“ (Blume 1991, S. 613). Er hält sich im Grunde bis heute.
In aller Deutlichkeit trennt Schottelius die Alltagsrede, lingua vulgaris, von der Haubtsprache, welche er in der überregionalen hochdeutschen Mundart realisiert sieht (Rössing-Hager 1985, S. 1586f.). Ähnlich wie de Saussures antithetisches Paar Langue and Parole werden hier die von Nachlässigkeiten und regionaler Färbung geprägte Alltagssprache sowie das gegenüber Veränderungen stabile System der deutschen Sprache an sich gegenübergestellt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in die ideologische Rolle des Sprachalters ein und erläutert die Grundlagen des Kulturpatriotismus sowie das Ziel der Untersuchung.
2. Sprachgeschichtsschreibung im 17. Jahrhundert: Hier wird das zeitgenössische Konzept der Sprachgeschichte analysiert, insbesondere die Rolle biblischer Herleitungen und der Versuch, die deutsche Sprache durch ein hohes Alter und vermeintliche Ursprünglichkeit aufzuwerten.
3. Ausblick: Der letzte Abschnitt reflektiert kritisch die Methodik der damaligen Sprachgelehrten und vergleicht ihre Bestrebungen mit nachfolgenden Epochen sowie dem modernen Verständnis von Sprachgeschichte.
Schlüsselwörter
Sprachgeschichte, 17. Jahrhundert, Kulturpatriotismus, Schottelius, Sprachpflege, Sprachideologie, Sprachtheorie, Muttersprache, Sprachwandel, Sprachgesellschaften, Sprachursprung, Sprachpurismus, Sprachbewusstsein, Sprachverfall, Sprachvergleich.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die ideologische Rolle, die Gelehrte des 17. Jahrhunderts der deutschen Sprache zuschrieben, insbesondere im Hinblick auf ihr Alter und ihre Ursprünglichkeit.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Arbeit behandelt Themen wie Kulturpatriotismus, Sprachideologien, die Entstehung deutscher Sprachgesellschaften und das zeitgenössische Verständnis von Sprachwandel.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Sprachgelehrte (insbesondere Schottelius) das vermeintlich hohe Alter der deutschen Sprache nutzten, um sie als eigenständiges, wertvolles Kulturgut zu legitimieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine historisch-analytische Methode angewandt, die primäre Quellen der Zeit und neuere sprachhistorische Sekundärliteratur verknüpft, um ideologische Argumentationsmuster zu identifizieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit dem zeitgenössischen Sprachgeschichtskonzept, den biblischen Herleitungen, dem Wirken der Sprachgesellschaften und den Ursachen des Sprachwandels aus damaliger Sicht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Sprachgeschichte, Kulturpatriotismus, Sprachpflege, Sprachideologie und Sprachursprung charakterisiert.
Welche Rolle spielt Schottelius in der Argumentation der Sprachgelehrten?
Justus Georg Schottelius nimmt eine zentrale Rolle ein, da er als produktivster Sprachgelehrter seiner Zeit galt und mit seiner „Ausführlichen Arbeit“ das linguistische Weltbild des 17. Jahrhunderts entscheidend prägte.
Warum wurde das „Alter“ der Sprache als Argument genutzt?
Das Alter wurde im 17. Jahrhundert als ein Qualitätsmerkmal verstanden, das eine enge Nähe zum „göttlichen Original“ und somit eine übergeordnete Bedeutung der Sprache signalisierte.
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- M.Ed. Tobias Weber (Author), 2013, Die ideologische Bedeutung vom Alter der Muttersprache bei Philologen des 17. Jahrhunderts, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/264096