Die ideologische Bedeutung vom Alter der Muttersprache bei Philologen des 17. Jahrhunderts


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013

28 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 die Wurzeln des Sprach- oder Kulturpatriotismus
1.2 nationale Sprachpflege
1.3 Sprachpflege im 17. Jahrhundert

2. Sprachgeschichtsschreibung im 17. Jahrhundert
2.1 das zeitgenössische Sprachgeschichtskonzept
2.2 Alter, Verwandtschaft und Bedeutung der einzelnen Sprachen
2.3 die Besonderheit des Alters der Teutschen HaubtSprache
2.4 Sprachwandel

3. Ausblick
3.1 Kritik
3.2 weiterführende Sprachgeschichtsschreibung
3.3 Zusammenfassung

Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

In der vorliegenden Arbeit soll die ideologische Bedeutung des Sprachalters für die Ar­gumentation der Sprachpfleger des 17. Jahrhunderts im deutschen Sprachraum er­örtert werden. Dazu wird zunächst auf die kulturpatriotische Strömung der damaligen Zeit eingegangen, um die Grundlagen für eine tiefer gehende Analyse zu schaffen. Wir be­trachten also im folgenden Kapitel die Entstehung, Verbreitung und Etablie­rung des Sprach- oder Kulturpatriotismus in Europa, später im deutschsprachigen Raum, sowie deren bedeutendste Vertreter und ihre Ideen.[1] Im weiteren Verlauf der Arbeit wird das zeitgenössische Sprachgeschichtskonzept des 17. Jahrhunderts dar­gelegt. Dazu wird insbesondere Schottelius’ Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache ge­nutzt, welche „die umfassendste und fundierteste Einbeziehung sprachhistorischer Fra­ge­stel­lungen in ein grammatikographisches Werk vor Ade­lung[2] bietet“ (Rössing-Hager 1985, S. 1566). Dabei wird der Fokus der Betrachtung auf der Betonung und Begrün­dung des hohen Alters der deutschen Sprache liegen. Abschließend werden die weiteren sprach­philosophischen und -wissenschaftlichen Auswirkungen der Sprachpfle­ger des 17. Jahr­hunderts betrachtet.

1.1 die Wurzeln des Sprach- oder Kulturpatriotismus

Entgegen dem weit verbreiteten, stammesgeschichtlichen, lokalen oder regionalen Patri­otismus bezeichnet Kulturpatriotismus eine größere, umfassendere Denkweise. Der Bo­gen wird hier auf eine Kulturgemeinschaft gespannt, die überregional und länder­über­greifend sein kann. Er bezeichnet in Deutschland[3] eine späthumanistisch-aufklärerische Sozietätenbewegung des 17. Jahrhunderts (vgl. Polenz 1994, S. 116). Betrachtet man Kultur als die Gesamtheit der geistigen und künstlerischen Äußerun­gen der Gemein­schaft eines Vol­kes, sowie Patriotismus als begeisterte Liebe zum Vaterland, als emo­tionale Bindung an die Werte, Traditionen und kulturhistorischen Leistungen dieses Volkes, dann ergibt sich eine mögliche Definition. Kulturpatrio­tismus ist die „Liebe zum Vaterland ob der Kultur­güter, die es besitzt“ (Robert Michels, zitiert in Polenz 1994, S. 108). Aufgrund der kulturell und politisch mehr als angeschlagenen Situation Deutsch­lands nach dem Dreißig­jähri­gen Krieg mussten diese Kulturgüter erst wieder oder neu erschaffen werden. Hu­ber (1984, S. 16) defi­niert Kulturpatriotismus also als eine Liebe zum Vaterland ob der Kulturgüter, die „noch geschaffen bzw. zu kulturell wertvollen erst erhoben werden müssen“ (vgl. auch Polenz 1994, S. 108).

Der deutsche Sprachraum bietet dafür mit seiner Lage in Mitteleuropa und dem re­gen Austausch und Einfluss mit anderen Kulturnationen ein großes Potential. Proble­matisch ist jedoch bereits die Bezeichnung deutsch, was auf althochdeutsch diutisc oder mittel­lateinisch theodiscus soviel wie volkssprachlich oder zum Volk gehörig bedeutet. „In der Geschichte des Wortes >deutsch< spiegelt sich die Herausbildung des deutschen Sprach- und Volksbewusstsein gegenüber den romanischen und roma­nisierten Teilen der Bevölkerung im Frankenreich und gegenüber dem Lateinischen“ (Duden 2007, S. 142), sowie von außerhalb als Abgrenzung der überregionalen sprachlichen Zusammen­gehörigkeit der kontinental-südgermanischen Stammesdia­lekte gegenüber dem Latein, den slawischen, romanischen und nordgermanischen Sprachen (vgl. Polenz 1991, S. 81). Die Fremdbezeichnung deutsch ist „kein primär ethnischer Volksname, sondern ist als ‚übergreifender Sprachname’ verwendet wor­den“ (ebd.). Die bestehenden Ähnlich­keiten und Gemeinsamkeiten dürfen aber nicht den Eindruck einer politischen oder kulturellen Einheit erwecken.

Ein allgemeines, vages Bewusstsein der sprachlichen Gemeinsamkeit (nicht ‚Einheit’!) hat also bereits Jahrhunderte vor der Entwicklung der National­sprache (16.-18. Jh.) und des Nationalstaates (19./20. Jh.) existiert. Es war aber bis ins 17. oder 18. Jh. verbunden mit einem starken Bewusstsein der (mündlichen und schriftlichen) Eigenständigkeit der Landschaftssprachen (Po­lenz 1991, S. 81).

Durch die Kleinstaaterei Mitte des 17. Jahrhunderts war man von einer politischen Ein­heit weit entfernt. Betrachten wir die Unterschiede zwischen den Städten der Hanse und der Sprache am Wiener Hof, werden die bereits um 1300 von Hugo von Trimberg so bezeichneten lantsprâchen deutlich (vgl. Polenz 1991, S. 82).

Zur Sprachgeschichte gehört die Entwicklung des Sprachgeschichtsbewusstseins, was sich in der Geschichte der Sprachnormierung und der Sprachenpolitik zeigt (vgl. Polenz 1991, S. 20). Diese hatten im deutschsprachigen Raum ihren Anfang im 15. und 16. Jahrhundert (ebd., S. 19). Seinen Ursprung hatte das Sprachgeschichtsbe­wusstsein je­doch in Italien.

Woolard/Schieffelin (1994) analysierten unter anderem den Zusammenhang zwi­schen Sprache und Ideologie.

Ideologies of languages are significant for social as well as linguistic analysis because they are not only about language. Rather, such ideologies envision and enact links of language to group and personal identity, to aesthetics, to mora­lity, and to epistemology. […] A definition of language is always, implicit­ly or ex­pli­citly, a definition of human beings in the world (Woolard/Schieffelin 1994, S. 56).

Sie definieren Sprachideologien als “set of beliefs about language articulated by users as a rationalizion or justification of perceived language structure and use” (ebd., S. 57). Im Verlauf der Arbeit wird der enorme Einfluss der eben genannten Aspekte von Sprachideologie – Gruppen- und Persönlichkeitsidentität, Ästhetik, Moral und Erkennt­nistheorie – auf die Spracharbeit im 17. Jahrhundert heraus­gear­beitet.

1.2 nationale Sprachpflege

Der Trend hin zur Pflege der Muttersprache und einem verstärkten Interesse in die Kulturgeschichte des Vaterlandes geht mit dem Aufkommen der Renaissance, bzw. des Frühhumanismus im Italien des späten 13. und frühen 14. Jahrhunderts einher. In dieser vor- oder frühhumanistischen Zeit waren es Schriftsteller und Philosophen wie Gio­van­ni Boccaccio, Dante Alighieri, Cola di Rienzo und Petrarca, die vor allem ihre Mutter­sprache Italienisch unterstützten, gebrauchten und ausbauten (Rössing-Hager 1985, S. 1564). Sie schufen gleichzeitig kulturelle Werte und wirkten damit identi­tätsstiftend. In den Zentren Padua, Bologna und später auch Florenz kam es zu Zu­sammenkünften humanistischer Denker, die sich unter anderem für die Volkssprache engagierten. Durch kulturellen Austausch gelangten diese Ideen mit einem gewissen zeitlichen Abstand nach Frankreich, England, die Niederlande und schließlich über den Prager Hof auch nach Deutschland. Der „übergreifende Gedanke vom Wert der Mutter­sprache […] hat zu Beginn des 16. Jhs. auch in Deutschland die bewusste Hinwendung der Gelehrten zur Muttersprache gefördert“ (Rössing-Hager 1985, S. 1564). Neben Versuchen, frühere Sprachstufen zu identifizieren und Stilepochen zu bestimmen, fand seit 1512/13 mit Vadians Vorlesungen in Wien zu alter deutscher Dichtung auch eine Hinwendung zur deutschen Literaturgeschichte statt (vgl. ebd., S. 1565).

Verschie­dene Einflüsse wie die extreme Kleinstaaterei, welche im späten 17. Jahr­hun­dert ihren Höhepunkt fand, der vorherrschende Feudalabsolutismus, sowie die fremd­sprachlichen Einflüsse in verschiedenen Lebensbereichen verzögerten den Kulturpatrio­tismus in Deutschland verglichen mit den benachbarten Kulturnationen. Während das Französische am Hof zur ersten Sprache wurde und Kirche und Wissenschaft vom Latein dominiert wurden, war ein Einfluss des Spanischen auf das Militärwesen zu verzeichnen. Der Einfluss des Italienischen und Englischen be­schränkte sich auf das Bankwesen, die Kunst oder spielte eine unter­geordnete Rolle. Durch diese Gründe also wurde das Phänomen des Sprach- oder Kulturpatriotismus in Deutschland gehemmt, kam jedoch um etwa 50 bis 100 Jahre retardiert doch noch zur vollen Entfaltung.

Kulturpatriotische Bestrebungen hatten ihre Impulse von Vertretern der Mystik, religiö­sen Laienbewegungen, von Reformatoren und Humanisten erhalten.

Bei einigen von diesen, z. B. Luther und Ikkelsamer, verschmolzen humanis­ti­sches und tradiertes heimisches Gedankengut so stark, dass in ihren sprach­bezogenen Äußerungen die beiden Komponenten oft untrennbar erscheinen. […] Eine Be­schäftigung mit der Geschichte der dt. Sprache war daher not­wendig verbunden mit dem genaueren Kennenlernen der dt. Sprache auch der eigenen Zeit (Rössing-Hager 1985, S. 1564).

Sprachgeschichte ist also immer mit Kulturgeschichte verbunden, Spracharbeit im­mer mit Kulturarbeit. Im Zeitraum des 16. bis 18. Jahrhunderts umfasst das For­schungs­ge­biet der Geschichte der deutschen Sprache unter anderem die Geschichte der Völker, die die deutsche Sprache sprechen oder gesprochen haben, die Unter­suchung von Her­kunft und Alter der (deutschen) Sprache, ihre Verwandtschaft mit den übrigen Spra­chen, sowie ihren Rang unter ihnen. Ferner auch die Geschichte des Schicksals der deutschen Sprache in Bezug auf die Auseinandersetzung mit fremden Sprachen und die Heraus­stellung ihrer Leistungsfähigkeit oder -schwäche (vgl. Rös­sing-Hager 1985, S. 1567 f.).

Besonders durch niederländischen Einfluss und italienische Vorbilder entstanden im 17. Jahrhundert diverse Sprachgesellschaften. Diese waren eine mehr oder minder lose An­sammlung von an der Muttersprache Interessierten aus der Adelsschicht oder dem ge­hobenen Bürgertum. Besonders viele später aktive Sprachpfleger haben ihre Prägung der protestantischen Universität Leiden zu verdanken (vgl. ebd., S. 1565). Hier studierten Lyriker und Sprachphilosophen wie Justus Georg Schottelius, Paul Fle­ming, Andreas Gryphius, Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau, Martin Opitz und Philipp von Zesen, also fast alle noch heute bekannten Barockautoren. Die in den Nie­derlanden seit dem 15. Jahrhundert tätigen rederijkers, also Rhetoriker, sind Angehörige von Dichter­gilden und nutzen die Volkssprache. Sie und die nieder­ländischen Univer­si­täten galten als besonders progressiv wegen der Erforschung der germanischen Sprachen. Ein „Einfluss der niederländischen rederijkers -Kammern ist nicht direkt nachzuweisen, aber aufgrund vieler persönlicher Beziehungen und sach­licher Parallelen anzunehmen“ (Polenz 1994, S. 115). Auch Rössing-Hager (1985, S. 1565) spricht von verstärkten „internationalen Bezie­hungen zwischen den Huma­nisten.“

Niederländische Städte galten als beliebte Aufenthaltsorte für Studienreisen, so auch für Ludwig I., Fürst von Anhalt-Köthen, der später unter anderem auch nach Italien reiste. In Florenz wurde er als erster Deutscher Mitglied der 1582 gegründeten Acca­demia della Crusca, welche als älteste Sprachgesellschaft gilt und zum Ziel hatte, die italienische Sprache zu be­wahren und zu fördern. Nach ihrem Vorbild wurde 1617 in Weimar die Frucht­brin­gen­de Gesellschaft als deutschsprachiges Pendant gegründet, mit Ludwig I. als Oberhaupt (vgl. Polenz 1994, S. 115). Ihre Aufgabe war neben der Förderung der Tugenden[4] auch die Reinhaltung, Verbesserung und Säuberung der deutschen Sprache.[5] Die Sprach­patrioten gingen von einer engen Rückkopplung zwi­schen Sprache und Verhaltens­normen aus (vgl. Hundt 2000, S. 405). In der Satzung der Fruchtbringenden Gesellschaft (Neumark 1668, S. 25 f.) ist geschrieben:

[...]


[1] Zitate aus den Originaltexten werden entweder original belassen und kursiv gesetzt oder behutsam der neuen deutschen Rechtschreibung in Orthografie und Interpunktion angepasst.

[2] Mit seiner Deutschen Sprachlehre von 1781 hat Adelung den bis dato erreichten Stand der Wissenschaft so exzellent zusammengefasst und weiterentwickelt, dass sich die weitere Forschung im 19. Jahrhundert auf ihn und kaum mehr auf seine Vorgänger berief (vgl. Polenz 1994, S. 164).

[3] Wenn von Deutschland die Rede ist, sind damit die deutschsprachigen Kleinstaaten des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation gemeint. Das umfasst sowohl Kurfürstentümer wie Bayern, Herzogtümer wie Württemberg als auch Fürstentümer wie Anhalt-Köthen oder freie Reichsstädte wie Heilbronn. Dazu kommen noch zahlreiche geistliche Gebiete.

[4] Es steht fest, „dass die Fruchtbringende Gesellschaft noch vor der Sprachreinigung oder Sprach­pflege die Ausbildung und Pflege der ‚Tugend’ (bzw. ‚Tugenden’) sich zum Ziel gesetzt hatte. Auch andere Sprachgesellschaften verlangten von ihren Mitgliedern beides: Pflege der Tugenden und der Sprache. Was mit ‚Tugend’ jeweils gemeint war und in welchem gegenseitigen Verhältnis man sich Tugendpflege und Sprachpflege dachte, ist allerdings für das 17. Jahrhundert nicht einheitlich zu be­antworten“ (Blume 1991, S. 612). Die Verbindung von Sprache, Sitte und Tugend wird hier deutlich.

[5] In der Gründungssatzung (Neumark 1668, S. 12 f.) steht unter Berufung auf Caspar von Teutleben, der den Vorschlag zur Gründung einer Sprachgesellschaft nach italienischen Vorbild aussprach, dass „ bei dem bluttriefenden Kriegsjammer unsere edle Muttersprache, welche so wohl an Alter, schönen und zierlichen Reden als auch an Überfluss eigentlicher und wohlbedeutlicher Wörter, so jede Sachen besser als die Fremde recht zu verstehen geben können, einen nicht geringen Vorzug hat, welche, sag ich, uns ganz rein in der ersten Milch gleichsam eingeträufelt, nachmals aber durch fremdes Wortgepräng wässerig und versalzen worden, hinwieder in ihre uralte gewöhnliche und angeborne Teutsche Reinheit, Zierde und Aufnehmen eingeführet, einträchtig fortgesetzet, von dem fremd-druckenden Sprachenjoch befreiet, durch alte und neue Kunstwörter befestiget und also endlich in den glorwürdigsten Ehrenthron versetzet werden möchte “ (Neumark 1668, S. 13).

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Die ideologische Bedeutung vom Alter der Muttersprache bei Philologen des 17. Jahrhunderts
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Germanistik)
Veranstaltung
Hauptseminar Sprachgeschichte des 17. Jahrhunderts
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
28
Katalognummer
V264096
ISBN (eBook)
9783656533344
ISBN (Buch)
9783656536697
Dateigröße
470 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Germanistik, Schottelius, Sprachgeschichte, Sprachgeschichtsschreibung, 17. Jahrhundert, Philologie, Alter der Sprache, Geschichte der deutschen Sprache, Sprachgesellschaften, Sprachpflege, Kulturpatriotismus, Sprachpatriotismus, Polenz, Sprachwissenschaft, Sprachideologie, Humanismus, Fruchtbringende Gesellschaft, Universität Leiden, Gryphius, Hoffmannswaldau, Fleming, von Zesen, Accademia della Crusca
Arbeit zitieren
M.Ed. Tobias Weber (Autor), 2013, Die ideologische Bedeutung vom Alter der Muttersprache bei Philologen des 17. Jahrhunderts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/264096

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