Kindesmisshandlung im Kontext der Theorie von Albert Bandura


Vordiplomarbeit, 2009
29 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Was heißt Gewalt gegen Kinder? – Definition des Begriffes Kindesmisshandlung

3. Entstehung aggressiver Verhaltensweisen unter Betrachtung der sozial-kognitiven Lerntheorie von Albert Bandura
3.1 Phasen des Modellernens
3.1.1 Aneignungsphase
3.1.2 Ausführungsphase:
3.2 Lerneffekte
3.2.1 Modellierender Effekt
3.2.2 Enthemmender/ hemmender Effekt
3.2.3 Auslösender Effekt
3.3 Faktoren der Festigung aggressiven Verhaltens
3.3.1 Externe Verstärkung
3.3.2 Stellvertretende Verstärkung
3.4 Weitere diverse Prozesse beim Erlernen aggressiver Verhaltensmuster
3.4.1 Lernen durch kognitive Verarbeitung eigener Erfahrungen
3.4.2 Lernen aggressiver Verhaltensweisen in der Familie
3.4.3 Subkulturelle Vermittlung aggressiver Verhaltensweisen
3.4.4 Massenmedien
3.5 Kognitive Prozesse bei der aktuellen Steuerung von Aggressionen
3.5.1 Stimulus- und Reaktions – kontigente Erfahrungen
3.6 Aversive Ereignisse als Auslösebedingungen von Aggressionen
3.7 Auslösung aggressiven Verhaltens durch Instruktionen
3.8 Zusammenfassung der Theorie von Albert Bandura und dessen Bedeutung in der Erziehung:

4. Misshandlungsfolgen und deren Auswirkungen
4.1 Körperliche Symptome
4.2 Psychische und emotionale Misshandlung
4.3 Soziale Auswirkungen
4.4 Schlussfolgerung in sozial-soziologischer Perspektive

5. Früherkennung und Prävention
5.1 Primäre Prävention
5.3 Tertiäre Prävention
5.4 Aktuelle Maßnahmen zur Bekämpfung von Kindesmisshandlung durch das BMFSFJ

6. Schlussbetrachtung

Literaturliste:

1. Einleitung

Kindesmisshandlung ist nicht erst in unserer Zeit ein Problem geworden. Man erinnere sich nur an dem im 19. Jahrhundert verfassten Roman von Charles Dickens (1837) „Oliver Twist“ (Hervorhebung d.V.)‚ die das Schicksal verwahrloster und vernachlässigter Kinder im englischen Frühkapitalismus beschreiben. Während aber das historische Gedächtnis in unserer Gesellschaft eher kurz ist‚ wurde die letzte Dekade Zeugin einer wahren Explosion an den verschiedenen Formen von Gewalt‚ die zwischen Familienmitgliedern stattfinden können und stattfinden. Es vergeht kaum ein Tag ohne dass man in Zeitungen‚ im Fernsehen oder im Radio auf einen Betrag stößt‚ der sich entweder direkt oder indirekt auf solche Themen wie die Misshandlung von Kindern und Frauen‚ das Verprügeln oder die Gewalttätigkeit und Kriminalität von Teenagern bezieht. Zudem ist in den letzten Jahren das Forschungsinteresse an und die Gewinnung von Wissen über die verschiedenen Aspekte der familiären Gewalt expotentiell gewachsen. Wie viele Kinder jedoch in Deutschland von Kindesmisshandlung betroffen sind‚ lässt sich nur schwer ermitteln. Nach den Zahlen des Bundeskriminalamts in Wiesbaden wurden in Deutschland im Jahr 2006 12.765 Fälle wegen Kindesmisshandlungen registriert. Die Dunkelziffer dieser Vorkommnisse liegt nach Experten wesentlich höher (vgl. BMFSFJ 2008‚ S.4).

Um die Problematik der Kindesmisshandlung besser begreifen zu können‚ ist es notwendig‚ die Hindergründe genau zu erforschen. Hierbei ist es zu wenig‚ lediglich die Lebensgeschichte der Täter zu ergründen‚ um damit mögliche Rückschlüsse auf die Tat ziehen zu können. Vielmehr müssen gesellschaftliche Bedingungen‚ Lebensbelastungen wie Armut und Arbeitslosigkeit mit einbezogen werden und somit der Zusammenhang zwischen persönlicher und gesellschaftlicher Gewalt deutlich gemacht werden (vgl. Wolff 1982‚ S.70f). Ferner ist es wichtig‚ sich den Ursachen und den misshandlungsbegünstigten Faktoren bewusst zu werden‚ um geeignete präventive Maßnahmen einleiten zu können.

Kindesmisshandlung ist ein sehr komplexer Bereich und ein differenziertes Thema. Von daher habe ich mich in dieser Arbeit nur auf bestimmte Felder beschränkt‚ welche ich nachfolgend nennen werde.

In der vorliegenden Arbeit definiere ich zuerst den Begriff der Kindesmisshandlung‚ um eine Vertiefung der Thematik zu schaffen. Im nächsten Schritt gehe ich auf die verschiedenen Misshandlungsformen familiärer Gewalt gegen Kinder ein. Um die Ursachen für familiäre Gewalt zu erklären‚ werde ich den Erklärungsansatz von Albert Bandura „Die sozial-kognitive Lerntheorie der Aggression“ (Hervorhebung d.V.) und in der Zusammenfassung dessen Bedeutung in der Erziehung erläutern. Anknüpfend daran‚ folgt das Kapitel über Misshandlungsfolgen familiärer Gewalt gegen Kinder. Zum einen werden typische körperliche Symptome‚ zum anderen psychosoziale Auswirkungen von Misshandlungen dargstellt. Abschließend werde ich die Primäre‚ die Sekundäre und die Tertiäre Prävention sowie aktuelle Maßnahmen zur Bekämpfung von Kindesmisshandlung von der Regierung deskriptiv darstellen.

2. Was heißt Gewalt gegen Kinder? – Definition des Begriffes Kindesmisshandlung

Aufgrund der Vielschichtigkeit des Begriffes Kindesmisshandlung existieren demnach weit gefasste und engere Definitionen dazu (vgl. Bange/Körner 2002‚ S.49).

Eng gefasste Definitionen beziehen sich lediglich auf Fälle‚ in denen bei Kindern körperliche Schäden oder eine lebensgefährliche Bedrohung festzustellen sind. Dabei ist es irrelevant‚ ob diese Verletzungen durch Ausüben elterlicher Gewalt oder durch Vernachlässigung‚ zum Beispiel durch Unterernährung verursacht wurden (ebd.).

So gilt nach C.H. Kempe:

„Jedes Kind‚ dem eine nicht zufällige körperliche Verletzung oder Verletzungen als Resultat von Handlungen oder

Versäumnissen seitens seiner Eltern oder zu seiner Erziehung Berechtigten zugefügt wird[…]“ als misshandelt

(Kempe‚ zit. n. Mues 1982‚ S.16).

Diese beschränkte Definition ist meiner Meinung nach unzureichend‚ da sie sich nur auf die körperliche Beeinträchtigung des Kindes beschränken und somit den psychischen Aspekt nicht berücksichtigen.

„Kindesmisshandlung ist jede Form einer das Kind bedrohende und gewalttätige Maßnahme körperlicher‚ psychischer oder sexueller Art‚ die die Erzieher dem Kind in Abhängigkeitsverhältnis aktiv oder passiv – aufzwingen und wodurch das Kind ernsthaft in Form von körperlicher Verletzungen und – oder psychischen Störungen Schaden nimmt“

(Jugendschutzrat‚ zit. n. Rensen 1992‚ S.26f).

Diese Definition des Jugendschutzrates beinhaltet sämtliche Formen der Kindesmisshandlung und berücksichtigt auch die möglichen Folgen‚ die daraus resultieren können.

Durch die Kinderschutzbewegung hat sich der Kindesmisshandlungsbegriff wesentlich verändert und erweitert. Das liegt auf der einen Seite daran‚ dass nicht mehr länger ausschließlich Ärzte mit Gewaltfällen gegen Kinder konfrontiert sind‚ sondern ebenfalls andere Berufsgruppen wie zum Beispiel Sozialpädagogen‚ Lehrer und Psychologen sich mit der Problematik auseinandersetzen müssen. Auf der anderen Seite ist die Ausdehnung des Misshandlungsbegriffes als eine Folge der Theorieentwicklung über die Ursachen von Kindesmisshandlung zu sehen (vgl. Engfer 1986‚ S.1). Ferner lassen sich unter dem Misshandlungsbegriff gesamt-gesellschaftliche Bedingungen subsumieren‚ die eine Beeinträchtigung beziehungsweise Behinderung der Lebenschancen und Entwicklungsmöglichkeiten von Kindern darstellen (vgl. Engfer 1986‚ S.2).

„[…] alle gewaltförmigen elterlichen Erziehungshandlungen‚ und zwar unabhängig davon‚ ob sie beim Kind diagnostizierbare körperliche oder psychische Beeinträchtigung zur Folge haben oder nicht“

(Engfer 1986‚ S.2).

Meines Erachtens hat das Kinderschutzzentrum Berlin eine sehr treffende Definition des Misshandlungsbegriffes entwickelt‚ den ich abschließend dieses Kapitels noch zitieren möchte.

„Kindesmisshandlung ist nicht allein die isolierte gewaltsame Beeinträchtigung eines Kindes. Die Misshandlung von Kindern umfasst vielmehr die Gesamtheit der Lebensbedingungen‚ der Handlungen und Unterlassungen‚ die dazu führen‚ dass das Recht der Kinder auf Leben‚ Erziehung und wirkliche Förderung beschnitten wird. Das Defizit zwischen diesen ihren Rechten und ihrer tatsächlichen Lebenssituation macht die Gesamtheit der Kindesmisshandlung aus“ (Kinderschutzzentrum Berlin 1989‚ S.7f).

In diesem kritisch-politischen Ansatz werden die Rechte und Belange des Kindes deutlich hervorgehoben‚ gesellschaftliche und soziale Zustände ins Blickfeld gerückt und alle möglichen Aspekte gesellschaftlicher Kinderfeindlichkeit als Misshandlung beschrieben. Damit werden Misshandlungen überall präsent und auf beinahe alle Kinder bezogen dargestellt und nicht nur auf individuelle‚ familiäre Einzelschicksale begrenzt. Die Vielzahl der verschiedenen Kategorierungen des Begriffes Kindesmisshandlung wird in dieser Definition vereint und damit treffend deskribiert.

3. Entstehung aggressiver Verhaltensweisen unter Betrachtung der sozial-kognitiven Lerntheorie von Albert Bandura

Die sozial-kognitive Lerntheorie von Albert Bandura berücksichtigt einerseits die Faktoren der Außensteuerung (sozial) und die Innensteuerung (kognitiv) andererseits. Die Theorie des sozialen Lernens aggressiven Verhaltens unterscheidet demnach zwischen dem Erwerb von Verhaltensweisen‚ die ein schädigendes und destruktives Potential haben und Faktoren‚ die bestimmen‚ ob eine Person das‚ was sie gelernt hat auch ausführen wird. Diese Unterscheidung ist deshalb wichtig‚ weil Menschen nicht alles was sie lernen auch in ihrem Handlungsweisen zeigen (vgl. Bandura 1979‚ S.82).

Menschen werden nicht mit einem vorgeformten Repertoire aggressiven Verhaltens geboren‚ folglich müssen diese auf irgendeine Art und Weise erlernt‚ verfestigt und anschließend im Zusammenspiel mit äußeren Reizen ausgeführt werden.

Nachfolgend möchte ich die verschiedenen von Albert Bandura beleuchteten Aspekte aufführen‚ welche hier als Ursache aggressiver Verhaltensweise analysiert werden soll.

Die eingeführte Bezeichnung „Modelllernen“ (Hervorhebung d.V.) von Albert Bandura konzeptioniert den kognitiven Lernprozess als ein Prinzip‚ indem eine Person als Folge der Beobachtung des Verhaltens andere Personen und sich daraus ergebende Konsequenzen sich neue Verhaltensweisen aneignet oder bereits bestehende Verhaltensmuster weitgehend verändert. Dabei fungiert der Lehrende als Beobachter und der Beobachtete als Modell (vgl. Bandura 1979‚ S.85f). Nach Bandura führen bestimmte emotional motivierende und kognitive Prozesse zu diesem Lernvorgang. Differenziert müssen diese Ergebnisse jedoch betrachtet werden (vgl. Bandura 1979‚ S.86).

3.1 Phasen des Modellernens

Vom Erlebten bis zur Ausführung eines Verhaltens durchläuft der Beobachter die im Folgenden beschriebenen zwei Phasen.

3.1.1 Aneignungsphase

Aufmerksamkeitsprozesse:

Ohne die Aufmerksamkeitsprozesse kommt es gar nicht erst zur Beachtung der modellierten Ereignisse. Hierbei sind sowohl die Eigenschaften des Beobachteten als auch die des Beobachters relevant.

Unter den zahlreichen Faktoren‚ welche die beobachtungsmäßigen Erfahrungen bestimmen‚ sind die Freundschaftspräferenzen einer Person zweifellos von größter Wichtigkeit. Die Menschen‚ mit denen eine Person regelmäßig verkehrt‚ grenzen die Verhaltensvorbilder ab‚ die sie wiederholt beobachtet und daher um gründlichsten lernt (vgl. Bandura 1979‚ S.86). Der funktionale Wert der Verhaltensweise‚ die von verschiedenen Modellen gezeigt werden‚ bestimmt wesentlich‚ welche Modelle nun eingehend beobachtet werden und welche ignoriert werden.

Das Verhalten von Modellen‚ die einen hohen Status an Prestige‚ Macht und Kompetenzhierachien besitzen‚ ist mit größter Wahrscheinlichkeit erfolgreich. Von daher kann man ausgehen‚ dass es mehr Aufmerksamkeit bei anderen hervorruft als das Verhalten von Modellen‚ die sozial‚ beruflich und intellektuell nur schlecht zu recht kommen. Modelle‚ die interessante und gewinnbringende Eigenschaften besitzen‚ werden aktiv aufgesucht (vgl. Bandura 1979‚ S.87).

Die zum Beispiel über das Fernsehen dargebotenen Modelle fesseln die Aufmerksamkeit so stark‚ dass die Zuschauer die dargestellten Verhaltensweisen lernen‚ auch wenn ihnen keine zusätzlichen Anreize gegeben werden (ebd.).

Damit lässt sich feststellen: Je mehr Dramatik und Aggressivität das Verhalten beinhaltet‚ umso mehr zieht es die Aufmerksamkeit des Beobachters auf sich.

Gedächtnisprozesse:

Ein weiterer notwendiger Prozess‚ der zum Beobachtungslernen gehört‚ betrifft das Langzeitgedächtnis für Verhaltensweisen. Vergangene Ereignisse können eine beachtliche Beständigkeit erlangen‚ indem sie in Form von Bildern oder in Form von beschreibenden Symbolen für eine spätere Aktualisierung repräsentiert werden. Nachdem modelliertes Verhalten auf diese Weise transformiert wurde‚ fungieren diese Gedächtniskodes als innere Richtschnur für imitatives Verhalten. Beobachter‚ die sich diese modellierten Verhaltensweisen zusätzlich durch Verbalisierung oder in Form von Symbolsprachen vor Augen führen‚ lernen und behalten die Handlungsweisen besser als diejenigen‚ die lediglich passiv beobachten (vgl. Bandura 1979‚ S.88).

[...]

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Kindesmisshandlung im Kontext der Theorie von Albert Bandura
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Note
2
Autor
Jahr
2009
Seiten
29
Katalognummer
V264317
ISBN (eBook)
9783656536871
ISBN (Buch)
9783656537755
Dateigröße
500 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kindesmisshandlung, kontext, theorie, albert, bandura
Arbeit zitieren
Sabrina Werber (Autor), 2009, Kindesmisshandlung im Kontext der Theorie von Albert Bandura, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/264317

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Kindesmisshandlung im Kontext der Theorie von Albert Bandura


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden