„Ohne ihn gibt es kein Ich, er hat mich immer schon heimgesucht, bevor ich die Szene betrete.“ (Schütze, 2000, S. 70) Die Rede ist vom Anderen, der, obwohl und gerade weil er ein Anderer ist, aus meinem Leben nicht wegzudenken ist.
Jeder Mensch, ganz gleich wie zurückgezogen er lebt, ist auf den Anderen angewiesen. Diese Abhängigkeit beginnt bei der Erzeugung, die ohne Andere nicht möglich wäre, und setzt sich bei der Erhaltung und Vergesellschaftung fort. Nach Rousseau ist „unser süßestes Dasein ... relativ und kollektiv, und das wahre Ich ist nicht ganz in uns. Kurz, der Mensch in diesem Leben ist so eingerichtet, daß man nie zum rechten Genuß seiner selbst ohne Zutun anderer gelangen kann.“ (zit. nach Wulf, 1999, S. 13) Der Andere lebt nicht nur neben uns. Wir brauchen ihn, denn er ermöglicht uns erst das Gefühl der eigenen Existenz. Wie jedes Kind von klein auf auf Andere (normalerweise die Eltern) angewiesen ist, um im Austausch mit ihnen sein Selbstbild und seine Persönlichkeit zu entwickeln und sich zum sozialen Wesen zu entfalten, so braucht auch jeder Erwachsene den Anderen. Denn nur die Gemeinschaft schützt den Einzelnen vor Isolierung und Verbitterung, in ihr erhält der Einzelne die Möglichkeit, sich zu entfalten. „Für mich allein bin ich kein Mensch, die Bezeichnung ist sinnlos, leer. Der Mensch erwächst aus der Kluft zum Anderen. Mein Menschsein ist eine Schnittmenge, es entspricht restlos dem, was ich mit Anderen teile, so daß sie es sind, die mich zum Menschen machen.“ (Schütze 2000, S. 76) Der Andere, der uns hilft, uns selbst zu sehen, ist damit zum Eigenen komplementär. Man kann weder das Eigene ohne das Andere noch das Andere ohne das Eigene fassen und begreifen. Durch Grenzziehungen und Ordnungsmuster werden die Differenzen geschaffen, die es uns erst ermöglichen, den Anderen vom Ich zu unterscheiden.
Das Eigene und das Andere sind jedoch keineswegs natürliche Konstanten, die von jedem gleichermaßen gesehen und anerkannt werden. Vielmehr unterliegt die Gleichsetzung des Eigenen mit normal und natürlich nur einer kulturellen Wertung, die vom Standpunkt des Anderen her betrachtet, wahrscheinlich genau umgekehrt beschrieben werden würde.
Wie der Andere jeweils empfunden wird, hängt ganz davon ab, wie man selbst sich mit ihm in Beziehung setzt. So fallen die Figurationen des Anderen natürlich höchst unterschiedlich aus. ...
Inhaltsverzeichnis
1. Unhintergehbarkeit des Anderen
2. Nichtidentität des Individuums
3. Der Andere als Fremder
4. Kulturelle Vielfalt Europas
4.1. Akzeptanz und Vernichtung
4.2. Differenzen und Gemeinsamkeiten
5. Versuche der Überwindung der Andersheit
5.1. Selbstaufgabe
5.2. Unterwerfung des Anderen
5.3. „Gegenseitige Erhellung“
6. Überwindung der Andersheit am Beispiel der Eroberung Amerikas
7. Dialog der Kulturen
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die soziologische Dynamik im Umgang mit dem „Anderen“ und beleuchtet die Gratwanderung zwischen der Gefahr der Ausgrenzung und der Vereinnahmung. Ziel ist es, ein Verständnis für die Notwendigkeit eines dialogischen Umgangs zu schaffen, der die Andersheit respektiert, anstatt sie durch Assimilation oder Unterwerfung aufzuheben.
- Die Unhintergehbarkeit und Notwendigkeit des Anderen für die Identitätsbildung.
- Differenzierung zwischen dem Anderen und dem Fremden.
- Die historische und kulturelle Problematik der Assimilationsbestrebungen.
- Strategien zur Überwindung der Andersheit: Selbstaufgabe, Unterwerfung und der Dialog der Kulturen.
- Die kritische Analyse der Eroberung Amerikas als abschreckendes Beispiel kolonialer Vereinnahmung.
Auszug aus dem Buch
5.2. Unterwerfung des Anderen
Die Rechtfertigung für die Unterwerfung des Anderen aufgrund der eigenen Überlegenheit kann nach Wulf auf drei verschiedenen Auffassungen beruhen, nämlich dem Egozentrismus, dem Logozentrismus und dem Ethnozentrismus. Diese Strategien der Transformation des Anderen können jedoch nicht streng voneinander getrennt gesehen werden. Vielmehr greifen sie ineinander und verstärken sich wechselseitig.
Ihnen gemeinsam ist das Ziel, das Andere ans Eigene assimilieren und es dadurch auslöschen zu wollen. Man macht es sich sehr leicht, indem vom Anderen gefordert wird, seine Identität aufzugeben und wie wir zu werden, was allerdings nicht gelingen kann und darf, da dadurch die eigene Superiorität aufgehoben wäre. Durch diese brutale Vorgehensweise zerstört man jedoch nicht nur die Vielfalt der Kulturen, sondern auch das Leben vieler Menschen, die den starken Veränderungs- und Anpassungszwängen nicht gewachsen sind.
Der Egozentrismus geht von einem „in sich geschlossenen Selbst (aus), das als subjekthaftes Handlungszentrum unter dem Anspruch steht, ein eigenes Leben zu führen und eine eigene Biographie zu entwickeln.“ (Wulf, 1999, S. 23) Um die eigenen Vorstellungen durchsetzen zu können, werden die Bedürfnisse des Anderen vernachlässigt. Das einzige, das zählt, ist, den eigenen Kopf durchzusetzen. Ist jedoch der Andere genau der gleichen Ansicht, kann es passieren, dass sich die Bedürfnisse überschneiden und gegenseitig blockieren.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Unhintergehbarkeit des Anderen: Dieses Kapitel erläutert, dass der Mensch auf den Anderen angewiesen ist, um ein Selbstbild zu entwickeln und menschlich zu existieren.
2. Nichtidentität des Individuums: Es wird dargelegt, dass kein Individuum eine einfache Einheit ist, sondern dass erst die Anerkennung innerer Widersprüche Toleranz gegenüber dem äußeren Anderen ermöglicht.
3. Der Andere als Fremder: Hier erfolgt eine Differenzierung zwischen dem Anderen innerhalb der eigenen Gruppe und dem Fremden, der durch eine schwer fassbare Alterität charakterisiert ist.
4. Kulturelle Vielfalt Europas: Das Kapitel analysiert den historischen Wandel von der gewaltsamen Assimilation hin zur Wertschätzung kultureller Differenzen in einem geeinten Europa.
5. Versuche der Überwindung der Andersheit: Es werden drei destruktive Umgangsformen (Selbstaufgabe, Unterwerfung, Ethnozentrismus) dem Modell der „gegenseitigen Erhellung“ gegenübergestellt.
6. Überwindung der Andersheit am Beispiel der Eroberung Amerikas: Die historische Darstellung der Eroberung Amerikas dient als Beispiel für eine gescheiterte Kommunikation, die in Ausbeutung und Völkermord mündete.
7. Dialog der Kulturen: Abschließend wird gefordert, dass ein gelungener Dialog der Kulturen den Anderen als Subjekt anerkennt, ohne ihn zu einem Objekt zu reduzieren.
Schlüsselwörter
Andersheit, Fremdheit, Identität, Soziologie, Assimilation, Unterwerfung, Dialog der Kulturen, Ethnozentrismus, Egozentrismus, Logozentrismus, Subjekt, Kolonialismus, Eroberung Amerikas, Toleranz, kulturelle Vielfalt.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die soziologische Perspektive auf den Umgang mit dem „Anderen“ und analysiert, warum Menschen Schwierigkeiten haben, diesem in seiner Verschiedenheit zu begegnen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Identitätsbildung durch den Austausch mit Anderen, die Gefahr von Machtstrukturen im zwischenmenschlichen Bereich sowie die historische Aufarbeitung kolonialer Begegnungen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, Strategien aufzuzeigen, wie eine respektvolle Begegnung mit dem Anderen möglich ist, anstatt diesen durch Ausgrenzung oder Vereinnahmung zu unterdrücken.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die soziologische Begriffe und Konzepte anhand von Fachliteratur analysiert und am historischen Beispiel der Eroberung Amerikas illustriert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung zum Begriff des Anderen und des Fremden sowie eine kritische Untersuchung verschiedener Umgangsformen, von der Selbstaufgabe bis hin zum idealen Dialog.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Begriffe wie Identität, Andersheit, Fremdheit, Assimilation und Dialog der Kulturen beschreiben den Kern der Untersuchung am treffendsten.
Wie unterscheidet die Autorin zwischen „dem Anderen“ und „dem Fremden“?
Das Andere ist ein komplementärer Teil, der unsere Existenz ermöglicht, während das Fremde durch eine Distanz gekennzeichnet ist, die bei Annäherung an ihre Grenze stößt und sich oft der Kategorisierung entzieht.
Welche Rolle spielt die Eroberung Amerikas in der Argumentation?
Das Ereignis dient als drastisches Beispiel dafür, wie der Mangel an Anerkennung des Anderen als Subjekt zu verheerenden Folgen wie Ausbeutung und Völkermord führt.
Was bedeutet das Konzept der „gegenseitigen Erhellung“?
Es beschreibt einen Dialog, in dem beide Seiten ihre eigene Kultur durch die Brille des jeweils anderen reflektieren, ohne dabei ihre eigene Identität aufzugeben.
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- Sabrina Werber (Autor), 2007, Fremde und Andere. Der Umgang mit dem Anderen als Gratwanderung zwischen Ausgrenzung und Vereinnahmung, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/264324