Fremde und Andere. Der Umgang mit dem Anderen als Gratwanderung zwischen Ausgrenzung und Vereinnahmung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

14 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhalt

1. Unhintergehbarkeit des Anderen

2. Nichtidentität des Individuums

3. Der Andere als Fremder

4. Kulturelle Vielfalt Europas
4.1. Akzeptanz und Vernichtung
4.2. Differenzen und Gemeinsamkeiten

5. Versuche der Überwindung der Andersheit
5.1. Selbstaufgabe
5.2. Unterwerfung des Anderen
5.3. „Gegenseitige Erhellung“

6. Überwindung der Andersheit am Beispiel der Eroberung Amerikas

7. Dialog der Kulturen

8. Literaturverzeichnis

1. Unhintergehbarkeit des Anderen

„Ohne ihn gibt es kein Ich, er hat mich immer schon heimgesucht, bevor ich die Szene betrete.“ (Schütze, 2000, S. 70) Die Rede ist vom Anderen, der, obwohl und gerade weil er ein Anderer ist, aus meinem Leben nicht wegzudenken ist.

Jeder Mensch, ganz gleich wie zurückgezogen er lebt, ist auf den Anderen angewiesen. Diese Abhängigkeit beginnt bei der Erzeugung, die ohne Andere nicht möglich wäre, und setzt sich bei der Erhaltung und Vergesellschaftung fort. Nach Rousseau ist „unser süßestes Dasein relativ und kollektiv, und das wahre Ich ist nicht ganz in uns. Kurz, der Mensch in diesem Leben ist so eingerichtet, daß man nie zum rechten Genuß seiner selbst ohne Zutun anderer gelangen kann.“ (zit. nach Wulf, 1999, S. 13) Der Andere lebt nicht nur neben uns. Wir brauchen ihn, denn er ermöglicht uns erst das Gefühl der eigenen Existenz. Wie jedes Kind von klein auf auf Andere (normalerweise die Eltern) angewiesen ist, um im Austausch mit ihnen sein Selbstbild und seine Persönlichkeit zu entwickeln und sich zum sozialen Wesen zu entfalten, so braucht auch jeder Erwachsene den Anderen. Denn nur die Gemeinschaft schützt den Einzelnen vor Isolierung und Verbitterung, in ihr erhält der Einzelne die Möglichkeit, sich zu entfalten. „Für mich allein bin ich kein Mensch, die Bezeichnung ist sinnlos, leer. Der Mensch erwächst aus der Kluft zum Anderen. Mein Menschsein ist eine Schnittmenge, es entspricht restlos dem, was ich mit Anderen teile, so daß sie es sind, die mich zum Menschen machen.“ (Schütze 2000, S. 76) Der Andere, der uns hilft, uns selbst zu sehen, ist damit zum Eigenen komplementär. Man kann weder das Eigene ohne das Andere noch das Andere ohne das Eigene fassen und begreifen. Durch Grenzziehungen und Ordnungsmuster werden die Differenzen geschaffen, die es uns erst ermöglichen, den Anderen vom Ich zu unterscheiden.

Das Eigene und das Andere sind jedoch keineswegs natürliche Konstanten, die von jedem gleichermaßen gesehen und anerkannt werden. Vielmehr unterliegt die Gleichsetzung des Eigenen mit normal und natürlich nur einer kulturellen Wertung, die vom Standpunkt des Anderen her betrachtet, wahrscheinlich genau umgekehrt beschrieben werden würde.

Wie der Andere jeweils empfunden wird, hängt ganz davon ab, wie man selbst sich mit ihm in Beziehung setzt. So fallen die Figurationen des Anderen natürlich höchst unterschiedlich aus: Er kann als Fremder, als Feind, als das Unheimliche oder Böse oder auch das Heilige angesehen werden.

2. Nichtidentität des Individuums

Den Anderen in seiner Verschiedenheit erleben zu können, ist nur möglich, wenn man bereit ist, auch den Anderen in sich kennen lernen zu wollen. So verwirrend das klingt, aber „kein Individuum ist eine Einheit; jeder Einzelne besteht aus widersprüchlichen Teilen mit eigenen Handlungswünschen.“ (Wulf, 1999, S. 18) Dies bedeutet nun keineswegs, dass ein jeder mit einer gespaltenen Persönlichkeit leben muss. Es ist vielmehr so zu verstehen, dass zum Beispiel den Triebimpulsen normative Gebote gegenüber stehen, die diese einzudämmen versuchen.

Nur wer sich im Klaren darüber ist, dass sich der Andere auch innerhalb eines jeden Individuums befindet, auch in mir selbst, und diese ausgesperrten Teile des Ichs in die Selbstwahrnehmung mit einbezieht, nur der bringt die nötige Offenheit mit, den Anderen außerhalb kennen zu lernen. Kurz gesagt, erst wenn man sich selbst gegenüber die nötige Toleranz aufbringt, kann man auch dem Anderen tolerant begegnen.

„In der Auseinandersetzung mit fremden Kulturen, mit dem Anderen in der eigenen Kultur und dem Fremden in der eigenen Person soll die Fähigkeit entwickelt werden, vom Fremden bzw. vom Anderen her wahrzunehmen und zu denken.“ (Wulf, 1999, S. 20) Dieser Perspektivenwechsel ist notwendig, um zu vermeiden, dass das Andere lediglich auf das Eigene reduziert wird, wodurch man ihm seine Verschiedenheit nehmen würde. So kann man dem Anderen aber keineswegs gerecht werden.

3. Der Andere als Fremder

Wie in 1. angedeutet, sind die Figurationen des Anderen vielfältig, je nachdem wie man sich selbst mit ihm in Beziehung setzt. Doch wovon ist es abhängig, dass der eine als „Anderer“, der nächste aber gar als „Fremder“ betrachtet wird? Was unterscheidet den Anderen vom Fremden?

[...]

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Fremde und Andere. Der Umgang mit dem Anderen als Gratwanderung zwischen Ausgrenzung und Vereinnahmung
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Veranstaltung
Soziologie des Fremden
Note
2
Autor
Jahr
2007
Seiten
14
Katalognummer
V264324
ISBN (eBook)
9783656534952
ISBN (Buch)
9783656538530
Dateigröße
457 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
fremde, andere, umgang, anderen, gratwanderung, ausgrenzung, vereinnahmung
Arbeit zitieren
Sabrina Werber (Autor), 2007, Fremde und Andere. Der Umgang mit dem Anderen als Gratwanderung zwischen Ausgrenzung und Vereinnahmung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/264324

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