Teilhard de Chardin - Ein Brückenbauer zwischen Wissenschaft und Glauben, Mensch und Materie


Magisterarbeit, 2001
132 Seiten, Note: sehr gut

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Prolog

II. Leben und Wirken Pierre Teilhards de Chardin

III. Das Denken Pierre Teilhards de Chardin
1 Die Beweggründe eines theologischen Neuansatzes bei Teilhard de Chardin
2 Teilhards Abkehr von der neuscholastischen Metaphysik
3 „Die Schöpfung ist Einigung aus der Vielheit“
4 Die Liebe als Krönung der kosmischen Kraft
5 Teilhards Schlußfolgerungen aus der Unio Creatrix
6 Die Frage nach der Unsterblichkeit des Geistes
7 Teilhards christologische Schau
8 Teilhards Weltdeutung

IV. Die zwei Hauptwerke Pierre Teilhards de Chardin
1 Der Mensch im Kosmos (Le Phénomène humain)
1.1 „Die Innenseite der Dinge“
1.2 „Die Schwelle der Reflexion“
1.3 „Die Persönlichkeit in und durch die Personalisierung“
1.4 „Die Mutation in der Evolution“
1.5 „Die Schicht des menschlichen Geistes“
1.6 „Die Entdeckung der Evolution“
1.7 Die Bedeutung der Naturwissenschaften
1.8 „Die Konvergenz des Persönlichen und der Punkt Omega“
1.9 „Die Organisation der Forschung“
1.10 „Das Phänomen des Christentums“
2 Das göttliche Milieu (Le Milieu divin) - Ein Entwurf des inneren Lebens
2.1 „Die Vergöttlichung des Tuns“
2.2 „Die Vergöttlichung des Erleidens“
2.3 „Die christliche Askese“
2.4 „Das göttliche Milieu“

V. Epilog

Bibliographie

Bildnachweis

Im Herzen der Materie

Ein Herz der Welt Das Herz eines Gottes

Pierre Teilhard de Chardin

I. Prolog

Das Herz der Materie (Le coeur de la mati è re) 1, Teilhards autobiographische Skizze, ist auch das Herzstück seiner Schriften. Nach seiner Auffassung resul- tierten die gegenwärtigen Krisen der Menschheit aus einem zutiefst gestörten Verhältnis der Menschen zur Natur. Diese würde aus materialistischen und spiritualistischen Motiven ausgebeutet, ja selbst der Mensch als Teil der Natur würde sich dadurch selbst zugrunde richten. Die einzige Rettung der Mensch- heit bestünde in der Rückbesinnung auf die Ehrfurcht vor den Geheimnissen der Natur, die ja auch den Menschen hervorgebracht habe. Aus der Überzeu- gung, im Herzen der Materie schlage das Herz eines Gottes, baute Teilhard eine Brücke zwischen Wissenschaft und Glauben, Mensch und Materie. Diese Einheit war ihm zeitlebens ein Herzensbedürfnis. Deshalb war er bestrebt, alle Erfahrungen, die er als Naturwissenschaftler, Philosoph und Theologe ge- wonnen hatte, kraft seines Herzens und Denkens als Elemente zu vereinen. Vor allem die beiden konkurrierenden Weltentwürfe der Naturwissenschaft und des Christentums wollte Teilhard zur Deckung bringen. Die Synthese der wissenschaftlichen Erkenntnisse und der Inhalte des Glaubens schien ihm von höchster Wichtigkeit. Es ging ihm um die Harmonie zwischen der natürlichen und der übernatürlichen Ordnung, die für den Menschen des Mittelalters noch eine Selbstverständlichkeit war, für den heutigen Menschen aber schwer nachvollziehbar ist. In Teilhards Weltanschauung ist das Christentum Krö- nung und Abschluß jeder kosmischen Evolution, und Christus ist die Achse und das Ziel des ganzen Weltgeschehens; er ist der geheimnisvolle Punkt, das A und O, in dem alle aufstrebenden Kräfte zusammenlaufen, so daß die ge- samte Schöpfung als Funktion des fleischgewordenen Wortes verstanden werden muß.2

Da es dem heutigen Menschen unmöglich geworden sei, eine Harmonie zwischen den modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen und dem Christentum wahrzunehmen, ist im Sehen für Teilhard das ganze Leben in seinem Wesen beinhaltet. Dem Menschen sei ein höheres Sein bestimmt, das er aber nur durch ein umfassendes Vereintsein erreichen könne. Dieses setze wachsendes Bewußtsein voraus, das aber wiederum bedeute „Schau“. In der Evolution wurden die denkenden Wesen mit immer vollkommeneren Augen ausgestattet, was ihnen die Möglichkeit eines schärferen Unterscheidungsvermögens bot. Dieses Geschenk der Natur, „die Fassungskraft des Blickes“, sei die Daseinsberechtigung des Menschen. Es bedeute keinen Luxus, sondern es stelle ihn vor die Wahl: „Sehen oder zugrunde gehen“.3

Anfänglich wollten die Wissenschaften die Erscheinungen „an sich“ betrach- ten, so daß sie selbst nicht von ihnen beeinflußt würden, doch bald bemerkten sie, daß ihre Beobachtungen von althergebrachten Denkmustern verfälscht waren. Erst wenn sich der subjektive Gesichtspunkt mit der objektiven Schau der Dinge verbindet, dann nimmt der Mensch wahr. Die Wahrnehmung ist ein Merkmal des menschlichen Erkenntnisvermögens. Deshalb nimmt der Mensch eine Vorzugsstellung ein. Er steht an einem Knotenpunkt, von dem aus er aufgrund seiner Erfahrung Zugang zum Kosmos findet. Schau ist höhe- res Sein. Den Menschen zu betrachten bereichert unser Leben. Zu seiner ei- genen Entdeckung durchlief der Mensch eine Reihe von Epochen, die sich in stufenweise erworbenen Sinnen widerspiegeln. Es sind dies „der Sinn für den in seiner Kleinheit unermeßlichen Raum“, der die vielen Dinge, die uns um- drängen, entwirrt, „der Sinn für die Tiefe der Zeit“, der uns befähigt, Ereig- nisse in unmeßbare Zeiträume zurückzuverlegen, „der Sinn für die Zahl“, der zur Einschätzung der Menge der Elemente des Universums von Bedeutung ist, „der Sinn für die Proportion“, der das unendlich Kleine vom unendlich Großen unterscheidet, „der Sinn für die Qualität oder Neuheit“, der uns abso- lute Stufen von Vollkommenheit erkennen läßt, „der Sinn für die Bewegung“, durch den das Neue, das trotz der scheinbaren Wiederholung des Gleichen heimlich Platz greift, entdeckt werden kann und „der Sinn für das Organi- sche“, der es uns ermöglicht, die Vielfalt der belebten Erde nach ihrer struktu- rellen Zusammengehörigkeit zu differenzieren. Die Schau des Menschen vollzieht sich deshalb innerhalb der Menschheit, innerhalb des Lebens, inner- halb des Universums. Es sind die Ereignisse, die die Kurve des Phänomens Mensch in der Vergangenheit gezeichnet haben und weiter für die Zukunft vorausbestimmen: die Vorstufe des Lebens und das Denken. Für Teilhard war der Augenblick gekommen, der eine positivistische Erklärung des Univer- sums notwendig machte, die sowohl die Innenseite der Dinge wie auch ihre Außenseite betrachten mußte, wenn man dem Geist ebenso wie der Materie gerecht werden wollte.4

Teilhard interessierte sich als Geologe für die Bildung der Erde und verfolgte das Wachstum des Lebens darauf. In Südafrika wurde er Zeuge der Ausgra- bung des Australopithecus, einer Vorstufe des Menschen, der bereits vor drei Millionen Jahren aufrecht ging. In Peking beteiligte er sich an der Ausgra- bung des Sinanthropus, eines Homo erectus, der vor ca. einer Million Jahren Steinwerkzeug verwendete und Feuer machte. In einer Konvergenzbewegung begannen die Menschen zu einer Menschheit zusammenzuwachsen. Das Sinnziel der Bewegung ist für Teilhard das Zentrum, das er mit Christus iden- tifiziert, der von den Menschen als innerstes Prinzip erreicht werden sollte. Er versuchte, den üblichen Bruch zwischen Christus und der Welt in eine Kon- junktion zu verwandeln, so daß Christus den Menschen im Herzen der Mate- rie den Weg weise.5

In seiner Schrift Mein Glaube (Comment je crois) 6 spricht Teilhard von seiner angeborenen Liebe zur Erde, die er als Ganzes versteht. Damit meint er die evolutionäre Entfaltung in verschiedenen Stufen bis hin zum Geist. Er setzt einen persönlichen Gott voraus, eine Über-Person, die mit Unsterblichkeit begabt ist und das menschliche Wesen personalisiert. Für ihn ist das Christentum die einzige Religion, die seinen Glauben definiert, nämlich die Liebe zur Erde als die Liebe zu Christus.7

II. Leben und Wirken Pierre Teilhards de Chardin

Teilhard de Chardin wurde in eine Zeit hineingeboren, die geprägt war von Darwins Evolutionslehre. Seine Lebensbahn war gekennzeichnet vom Wider- streit zwischen dem Grundsatz der Humananthropologie einerseits und der Emergenz andererseits, wonach die Welt nach schöpferischem Prinzip ge- ordnet ist. Geboren wurde Marie-Joseph Pierre Teilhard de Chardin als viertes von elf Kindern am 1. Mai 1881 (ein Jahr bevor Charles Darwin starb) auf dem Landschloß Sarcenat bei Orcines, in einer Ortschaft westlich von Cler- mont-Ferrand in der Auvergne. Dieser Stammsitz seiner Familie liegt an den Hängen des Puy de Dôme in etwa 800 m Höhe. Sein Vater, Emmanuel Teil- hard de Chardin, weckte in ihm frühzeitig die Beobachtungsgabe der Natur und den Sinn für Mineralien, Pflanzen, Insekten und die Vogelwelt. Ihm ver- dankte Teilhard auch eine gewisse Ausgeglichenheit und die Freude an den exakten Wissenschaften. Neben seinen Tätigkeiten als Landedelmann und Jäger arbeitete der Vater zeitweise als Bibliothekar in der Stadtbibliothek von Clermont-Ferrand.8 Wie so oft war es auch hier die Mutter, die mit ihrer reli- giösen Grundhaltung die aufrichtige Frömmigkeit des Familienlebens be- stimmte. Von ihr fiel der Funke auf Pierres kindliche Seele, um das Feuer zu entfachen und ihm den Zugang zur Mystik der Verehrung des Herzens Jesu zu eröffnen. Seiner Mutter verdankte er „den besten Teil seiner Seele“, wie Teil- hard einmal bemerkte. Er wurde angeleitet, das „Jesuskind“ zu lieben und das Herz Jesu zu verehren, dessen Bild im Salon von Sarcenat hing.9

Hierzu ein kleiner Exkurs: „Ein Wort oder Bild ist symbolisch, wenn es mehr enthält, als man auf den ersten Blick erkennt“ (C. G. Jung). In der Symbolik wird das Zentralorgan des Gefäßsystems als Sitz des Lebensprinzips und der Gemütsaffekte angesehen und bedeutet Zuneigung. In der Emblematik der Renaissance und des Barock symbolisiert das Herz die Kardinaltugend der Caritas. Herz-Jesu-Darstellungen sind Nachwirkungen der spätmittelalterli- chen Herz-Jesu-Mystik und Ausdruck der Ende des 19. Jahrhunderts zuneh- menden Herz-Jesu-Verehrung.10

Bereits mit sechs oder sieben Jahren fühlte sich Teilhard durch etwas angezo- gen, „das im Herzen der Materie aufleuchtete“, und obwohl seine Liebe zu Jesus groß war, verweilte in Wirklichkeit sein wahres „Ich“ anderswo. Das Kind suchte in der Zurückgezogenheit die Nähe seines „Eisengottes“. Im Ei- sen sah es die wunderbare Substanz der Härte, Schwere, Dauerhaftigkeit - die Konsistenz als grundlegendes Attribut allen Seins. Es wollte etwas Absolutes in Form eines eisernen Gegenstandes besitzen, war es nun ein Schrauben- schlüssel, ein Schraubenkopf oder die eingesammelten Granatsplitter von ei- nem Schießübungsplatz. Die große Leidenschaft für das Ewige, das Unverän- derliche wuchs in Teilhard heran. Seine erste Verzweiflung überkam ihn, als sein „göttliches Eisen“ erstmals Rostflecke zeigte. Die Konsistenz, die ihm vorschwebte, sollte in einer späteren Erkenntnis nicht eine Auswirkung der Substanz sondern der Konvergenz sein. Nun wandte er sich der Reinheit der Flamme zu, fühlte sich aber verletzt, als er seine abgeschnittenen Locken in der Glut verkohlen sah. Vor allem aber liebte er die Transparenz der Kristalle, die als „substance chérie“ sein Innerstes entzückten. Teilhard sah es im Rück- blick als eine Fügung an, daß der Ersatz des Eisens durch Quarz ihn beinahe unmerklich über die Gebilde des Planeten in das Universum lenkte.11 Später sollte Teilhard diese Erfahrungen in seiner Kindheit als den „Sinn für die Fül- le, Sinn für die Dauer, kosmischen Sinn, christlichen Sinn“ bezeichnen. Seine Kindheit war begleitet von einer elementaren Furcht vor der Vergänglichkeit und offenkundigen Zerbrechlichkeit der Organismen. Unter den Insekten be- vorzugte er die Käfer, jene, die er mit geharnischten Rittern verglich. „ In Er- mangelung eines besseren zog ich den wahrhaft allzu zarten Schmetterlingen die Käfer vor, - und das, je hörniger und robuster sie waren. “ 12 Für den Knaben Teilhard war das substantielle Sein der Inbegriff der Geborgenheit und Sicherheit, während ihn der Übergang des Seins in das Werden verunsi- cherte, denn durch das Werden war auch das eigene Sein dem Untergang ge- weiht. Als späterer Theoretiker der Evolutionslehre drang er über die Natur unseres Planeten bis in die Dimensionen des Universums vor.13 „Das Kind begann für das ewige Lächeln des Universums empfänglich zu werden.“14 Doch das „grüne Paradies“ seiner Kindheit konnte nicht endlos währen, mit elf Jahren verließ Teilhard die Geborgenheit seines Elternhauses und wurde in das Jesuitenkolleg Notre-Dame de Mongré in Villefranche-sur-Saône nördlich von Lyon aufgenommen. Am Himmelfahrtstag desselben Jahres empfing er in der dortigen Schulkirche in Gegenwart seiner Eltern die erste heilige Kom- munion. Sein schulischer Werdegang verlief ohne Probleme, er konnte ausge- zeichnete Erfolge in den humanistischen sowie in den naturwissenschaftlichen Fächern erzielen. Merkwürdigerweise waren die Zensuren in Religion weni- ger hervorragend, hier war offenbar ein Nonkonformismus gegenüber dem Katechismus feststellbar.15 denn die römische Kurie verkündigt in ihrem Ka- techismus16 eine Theologie, die sich von der Evolutionslehre distanziert. Vor allem das Kapitel über die Erbsünde hält noch an überholten Vorstellungen fest, die mit der modernen Wissenschaft, die die Schöpfung als Evolution er- fahrbar macht, nicht übereinstimmen. Heute ist es evident, daß die Paradie- sesgeschichte der Genesis nicht mehr als historische Tatsache gesehen werden kann, sondern als Mythos, denn die Erde beherbergte nie ein solches Paradies, auch besaß der Mensch zu keinem Zeitpunkt paradiesische Vollkommenheit. Der Tod war in den letzten Millionen Jahren das Schicksal aller Lebewesen einschließlich des Menschen. Über eine Zeitspanne von Milliarden Jahren bildeten sich Galaxien, Planeten, Sterne und auch Lebewesen über die ein- fachsten zu den komplexeren bis hin zum Menschen. Deshalb herrschte in dieser Welt kein Urzustand im Sinne der scholastischen Theologie, und somit kann es nach Teilhard auch keine Vorstellung von der Erbsünde mehr geben.

Nachdem Papst Pius X. 1907 den Modernismus als Summe aller Glaubens- irrtümer verurteilte und 1910 von allen Klerikern den Antimodernisteneid forderte, löste Teilhards Entwurf über die Erbsünde17 römische Sanktionen aus.18

Die Enzyklika Pius XII. „Humani Generis“ von 1950 verpflichtet die Theologen nochmals auf eine wörtliche Schriftauslegung der Bibel und wendet sich gegen die „evolutionis systema“. Sie bestätigt auch erneut die Lehre des Konzils von Trient (1545 - 1563) von der Herkunft des Menschen durch die Erschaffung des ersten Menschenpaares und der Erbsündentheorie.19

Zum heutigen Stand der Forschung sei hier die Botschaft von Johannes Paul II., die er an die Mitglieder der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften an- läßlich ihrer Vollversammlung am 22. Oktober 1996 richtete, erwähnt. Er nimmt Bezug auf die Humani Generis: „ Heute, beinahe ein halbes Jahrhun- dert nach dem Erscheinen der Enzyklika, geben neue Erkenntnisse dazu An- la ß , in der Evolutionstheorie mehr als eine Hypothese zu sehen. Es ist in der Tat bemerkenswert, da ß diese Theorie nach einer Reihe von Entdeckungen in unterschiedlichen Wissensgebieten immer mehr von der Forschung akzeptiert wurde. Ein solches unbeabsichtigtes und nicht gesteuertes Übereinstimmen von Forschungsergebnissen stellt schon an sich ein bedeutsames Argument zugunsten dieser Theorien dar. “ 20

Im Jahre 1897 verließ Teilhard Mongré und studierte auf Wunsch seines Va- ters ein Jahr lang Mathematik in Clermont-Ferrand, was ihm den Zugang zu den Concours der Grandes Ecoles eröffnete. Um seinen Lebensplan durchfüh- ren zu können, trat Teilhard in die Compagnie de Jésus, den Jesuitenorden, ein. Nach einer unbeschwerten Kindheit wurde er am 20. Mai 1899 in das Noviziat von Aix-en-Provence aufgenommen. Hier lebte sich der Achtzehn- jährige in die Geistigkeit des Ignatius ein. In den Regeln des hl. Ignatius von Loyola (1491 - 1556) findet man den kämpferischen spanischen Offizier wie- der, der von seinen Soldaten unbedingten Gehorsam verlangt. Alle, die nach den Regeln dieses Ordensgründers leben, sollten in einer Art blinden Gehor- sams ihre eigenen Ansichten vor dem Befehl des Ordens zurückstellen. Sie hätten sich durch die Vermittlung Oberer von der göttlichen Vorsehung leiten zu lassen, als wären sie Leichname (perinde ac cadaver).21 Die Fähigkeit zu gehorchen, Gott als Erstem zu dienen, war in Teilhards Familie Tradition. Trotz der starken Divergenzen, die es zwischen Teilhard und seinen Oberen in seinem Leben geben mochte, folgte er dennoch lebenslang den Weisungen, die er von „oben“ empfing. Das Verlangen nach dem Vollkommenen be- stimmte vermutlich seine Berufung zum Jesuiten; er muß die Ordensdiziplin als das Dauerhafte empfunden haben. Jede weitere Deutung verbietet die Achtung vor dem Priesterstand.22

Nach dem Jahr des „Noviziats“ in Aix-en-Provence absolvierte Teilhard in Laval sur-Mayenne den ersten Teil des „Juvenats“, das vor allem der literari- schen Bildung gewidmet war. Dort legte er am 25. März 1901 seine ersten Gelübde ab. Da im Jahr 1902 mit der Wahl Combes zum Ministerpräsidenten der Antiklerikalismus seinen Höhepunkt erreichte, wurde der Jesuitenorden aus Frankreich verbannt. Zum Zentrum der Ordensausbildung wurde die Ka- nalinsel Jersey; dort setzte Teilhard seine Ausbildung fort. An das Juvenat schlossen sich von 1902 bis 1905 seine philosophischen Studien an. Auf Jer- sey interessierte sich Teilhard besonders für die Geologie der Insel. Anschlie- ßend wurde er für drei Jahre als Lektor für Physik und Chemie an das Collège de la Sainte-Famille in Kairo berufen. Wieder nutzte Teilhard seine Freizeit, um Mineralien und Fossilien zu suchen. Seltsame Funde und Beobachtungen ließen das Herz des Geologen, Paläontologen und Naturwissenschaftlers hö- her schlagen. Hier betrachtete er die Wesen bereits als durch die Materie ver- bunden und suchte in der Ausgewogenheit des Elementaren das Prinzip des Universums zu erkunden. Die Wüste mit ihren Mineralien offenbarte ihm die Unermeßlichkeit der Materie und die Größe des Schöpfergottes. Zwischen den beiden Universen, dem Orient und dem so gegensätzlichen Okzident, wollte Teilhard eine Synthese schaffen. Der Dialog mit dem Osten sollte sein lebenslanges Anliegen sein.

Nach dem ägyptischen Zwischenspiel folgte das Theologiat in “Ore Place“, in einem neuen Gebäudekomplex in Hastings in der englischen Grafschaft Sus- sex, das vier Jahre, von 1908 bis 1912, dauerte. Hier wurde Teilhard am 24. August 1911 zum Priester geweiht.23 In Hastings gelangte Teilhards geologi- sches Studium über den Amateurstatus hinaus. Hier wurden zwei schicksalbe- stimmende Intentionen deutlich, die Beschäftigung mit der naturwissenschaft- lichen Paläontologie und die Aufgabe des christlichen Priesters. Doch die neue Evolutionslehre erwies sich als unvereinbar mit der christlichen Lehre von der Schöpfung der Welt durch eine Gottheit. Teilhard versuchte zeitle- bens seine beiden Berufungen, die des Paläontologen und die des katholi- schen Priesters, in Einklang zu bringen. Er sah den Menschen als Anfang, Mitte und Ende der schöpferischen Entwicklung. Es war dies der zentrale Ge- danke des Philosophen Henri Bergson (1851 - 1941), den Teilhard übernom- men hatte. Demnach stand der Mensch am Ende einer von mehreren divergie- renden Linien, auf denen sich die Entwicklung vollzogen hatte. Alle Vorgän- ge hatten sich in das Erbmaterial der Lebewesen eingeschrieben. Etwas wurde dominant, es kam zum Evolutionsausbruch, zur Explosion. So ging aus der Gesamtentwicklung der Mensch hervor. Seine Einzigartigkeit zeigt sich dar- an, daß er im Gegensatz zu allen anderen Lebewesen frei entscheiden kann und in ein personales Verhältnis zu Gott treten kann. Es lag in Teilhards We- sen, diese beiden Bereiche, Religion und Naturforschung, nicht zu trennen, sondern sie zu einer Schau zu vereinen. Die Gefahr, als Häretiker angesehen zu werden, war groß. Das Verhältnis von Christentum und Naturwissenschaft wurde zum Streitthema ersten Ranges.

Nach Paris zurückgekehrt, vervollkommnete Teilhard seine bisher als Lieb- haberei betriebenen Forschungen durch gezieltes Fachstudium. Er wurde Theoretiker der Evolutionslehre. Er vollzog den Schritt vom Verständnis des Daseins der Lebewesen zum Verstehen des Wechsels und Wandels der Krea- tur.24 Teilhard war in erster Linie Wissenschaftler, weniger Exeget, und in bezug auf die biblischen Studien bemühte er sich um einen Konsens zwischen der Theologie und den Gelehrten. Vor allem müßte die Theologie einen Schritt in Richtung Wissenschaft tun. Der belgische Pater Pierre Charles, Pro- fessor für Theologie am Scholastikat zu Löwen, ermunterte Teilhard, sich den Wissenschaften der Vorgeschichte zu widmen und stimmte mit Teilhards I- deen in den Werken Der Göttliche Bereich und Das menschliche Phänomen überein.25 Vor allem die Darlegung des Übels in der Welt im Anhang des Menschlichen Phänomens wurde von Pater Charles beeinflußt. Den Vorwurf, das Böse nicht zur Struktur der Welt zu zählen, weist Teilhard zurück mit der Bemerkung, den Blick nicht eigens in die Abgründe zwischen den Wipfeln lenken zu wollen, denn das Böse lauere ohnehin schon in allen Fugen des von ihm erstellten Gedankengebäudes. Vier Aspekte des Übels in der Schöpfung zählt Teilhard auf. Mit dem Übel der Unordnung und des Mißerfolges meint er die vielen verfehlten Versuche und zahlreichen Fehlschläge, die die Entfal- tung des Menschen begleiten. Es gäbe viel Unglück gegenüber einem einzi- gen Glück, und viele Sünder stünden einem einzigen Heiligen gegenüber. Die zahlreichen physischen Schmerzen würden durch die Qualen des Geistes noch überboten. „Das Spiel der großen Zahlen innerhalb einer sich organisierenden Menge“ schreite voran um den Preis zahlloser Mißerfolge und verfehlter Ver- suche. Ein weiteres Übel sei der Zerfall, eine Form des vorigen, denn Krank- heit und Siechtum seien die Folge von unglücklichen Zufällen. Der Tod ist für Teilhard ein „notwendiges Rad im Mechanismus und Aufstieg des Lebens“, denn dieses fände seinen Ziel- und Gipfelpunkt im Jenseits. Der Tod sei der bedeutsamste Augenblick, da in ihm das reflektierende Bewußtsein den kriti- schen Punkt erreiche, der in einer Wiedergeburt und in einem Überleben jen- seits von Raum und Zeit bestehe. Daneben unterscheidet Teilhard noch das Übel der Einsamkeit und der Angst angesichts des Universums, von dem der Mensch nicht weiß, was es mit ihm vorhat. Weniger tragisch scheine dem Menschen das Übel oder Leid des Wachstums, da in ihm noch das geheim- nisvolle Gesetz der Geburtswehen wirke, nachdem jeder Fortschritt zu größe- rer Einheit emporführe. Der Preis dafür seien aber täglich neue Mühen, ver- bunden mit den Regeln der Moral, die schließlich die Menschheit auf der E- bene des Geistes vereinen würden. Alle diese Übel zusammengenommen,

„Schmerz und Schuld, Tränen und Blut“, seien Nebenprodukte der in Gang befindlichen „Noogenese“ (Entwicklung des Geistes). Sicher könnte das Leid den Menschen im ersten Moment zu Rebellion gegen die Anschläge auf sein Dasein treiben, oder ihn in den Abgrund der Verzweiflung stürzen, doch könnte nicht auch aus dieser Absurdidät heraus Hoffnung aufsteigen aus der Erkenntnis, daß es eine übernatürliche Wirklichkeit gibt? Teilhard meint, wenn wir wüßten, aus welchen Gründen der abenteuerliche Weg der Mensch- heit einem Passionsweg gleicht, so hätten wir das Geheimnis der Welt um uns bereits gelüftet.26

Teilhard war lange Zeit von der Scholastik durchdrungen, seine ersten Schrif- ten enthielten thomistische Synthesen, doch bald fühlte er Unbehagen bei de- ren Argumentationen, und seine Theologie wurde bald Gegenstand von Aus- einandersetzungen. Teilhard ist oft aus Liebe und Eifer zur Sache zu weit ge- gangen, erst durch die Wissenschaften des 20. Jahrhunderts wird seine Welt- deutung vom Sinn der Schöpfung und vom Ende des Universums beurteilt werden können. Wenn Teilhards Vorbild auch die Theologie des hl. Ignatius bleiben sollte, so wollte er doch die Exerzitien (geistliche Übungen) aus dem statischen Kosmos in die Kosmogenese (Entwicklung des Kosmos), zu der das Universum für unser modernes Denken geworden ist, transponieren.27

In Teilhards Denken lassen sich drei Grundkomponenten erkennen: Diese sind das „Kosmische“, das „Christische“ und das „Menschliche“. Mit dem „Kosmischen“ verband er die persönliche Teilhabe des Menschen am Univer- sum als die Fortsetzung seiner Liebe zum Beständigen, das er auf Erden ver- geblich gesucht hatte. Nach Teilhards intimen Aussagen wurden seine auf- steigenden Lebenskräfte in der Zeit der Pubertät von dieser Leidenschaft für das Ewige sublimiert. Teilhard stammte aus einer Familie mit „sittlicher Ge- sundheit“. Man gehörte Gott, dem alles geopfert wurde. Die Hingabe an das heiligste Herz Jesu nahm die zentrale Stellung ein. Das Christentum bestand für ihn im Dialog von Person zu Person, und Christus wurde seine einzige große Leidenschaft. Damit ist das „Christische“ gemeint. Mit dem dritten E- lement, dem Sinn für das „Menschliche“, erkannte Teilhard das „Einmütige“, das dem menschlichen Kollektiv zu eigen ist. Das Ziel für Teilhard lag in ei- ner Synthese, in der die „Kinder der Erde" mit den „Kindern des Himmels“ fraternisieren. (Die Kinder der Erde sind die Menschen, die des Himmels die Engel und die Heiligen). Teilhard wird in seiner Mystik durch seinen Kampf mit der Materie bis zum Ende des menschlichen Bemühens gehen. Der Lohn dieses gelungenen Lebens der Synthese wird „die Messe über die Welt“ sein.28 Die Unmöglichkeit, anläßlich einer wissenschaftlichen Expedition in der Ordos-Wüste die heilige Messe zu feiern, veranlaßte Teilhard zu jener Meditation im Jahre 1923. Sein starker Glaube an das eucharistische Geheim- nis ließ ihn die „Verlängerungen“ (Folgerungen) desselben entdecken. In die- sem Jahr schrieb er: „ Wenn Christus sakramental in jeden seiner Gläubigen hinuntersteigt, so nicht nur, um mit diesem zu sprechen [...]. Wenn er, durch den Priester, sagt: Hoc est corpus meum, gehen diese Worteüber das Stück Brot hinaus,über dem sie ausgesprochen werden: sie lassen den ganzen Mys- tischen Leib entstehen. Über die konsekrierte Hostie hinaus dehnt sich das priesterliche Wirken auf den Kosmos selbst aus [...]. Die ganze Materie er- fährt, langsam und unwiderstehlich, die gro ß e Weihe. “ 29 Teilhard stimmt der Ausstrahlung der eucharistischen Gegenwart im Universum zu und schreibt im Kapitel „Kommunion“: „ Ohne zu zaudern werde ich zunächst meine Hand nach dem brennenden Brot ausstrecken, das Du mir anbietest. In diesem Brot, in das Du den Keim der ganzen Entwicklung eingeschlossen hast, erkenne ich das Prinzip und das Geheimnis der Zukunft, die Du mir bereithältst. “ 30

Teilhards Briefe aus der Zeit des Ersten Weltkrieges wurden unter dem Titel Entwurf und Entfaltung (Gen è se d ’ une pens é e. Lettres 1914 - 1919) 31 veröffentlicht. Sie wurden unter wechselvollen Umständen an der Front geschrieben und sind ausnahmslos an seine Cousine Marguerite Teillard-Chambon gerichtet, die sich als Schriftstellerin Claude Aragonnès nannte. Sie alle entsprangen seinem brennenden Herzen und beinhalten keine wissenschaftlichen und religiösen Rechtfertigungen, sondern christliche Mystik. Sie enthalten bereits alles, was Teilhard später deutlicher sagte, indem er seinen Werken die Prägung wissenschaftlicher Abstraktion gab.32

Teilhard wurde im Alter von 32 Jahren ohne körperliche oder geistige Übung als einfacher Sanitätssoldat im Dezember 1914 zum Militärdienst geholt. Für ihn galt dies als unumstößliche Pflicht. Er hoffte, an der Front etwas leisten zu können, und begrüßte die Ereignisse als Offenbarung, ja selbst den möglichen Tod als das größte Mysterium des Lebens. So urteilte Claude Aragonnès im Juli 1950 in ihrer Einleitung zu Entwurf und Entfaltung. 33

Als Priester fühlte sich Teilhard berufen, die Probleme der Menschheit durch seine Mitwirkung einer Lösung zuzuführen: „ Meinen Kräften gem äß , da ich Priester bin, will ich hinfort der erste sein, der sich Klarheit darüber ver- schafft, was die Welt liebt, erjagt, leidet; - der erste, der sucht, mitfühlt, sich plagt; [...]. “ 34

Teilhard blieb nichts an Kriegserfahrung erspart. Bereits im Mai 1915 wurde er zum Gefreiten ernannt und blieb auf dieser Stufe der Militär-Hierarchie (auf dem Ärmel trug er die wollenen Borten des Sanitätskorporals) bis zum Kriegsende.35 Alle mochten ihn gern, sowohl die Mannschaften als auch die Offiziere. Man schätzte seinen Mut, seine Güte, seine Einfachheit. Pater Teil- hard übte die Funktion des Feldgeistlichen aus. Oft ging er aus eigener Ent- scheidung an die Brennpunkte der Schlacht, um die Verwundeten aus dem „Stahlgewitter“ zu bergen, und kehrte von dort ohne einen Kratzer zurück. Er war überzeugt, daß der Tod nur ein Zustandswechsel sei, und tat seine sich selbst auferlegte Pflicht mit Gelassenheit. Dennoch rechnete er am Vorabend von Douaumont damit, in „wilder Erde“ ruhen zu müssen. Eine Episode von vielen aus der Schlacht von Verdun im August 1916 im Abschnitt Fleury- Ravin de Vignes sei hier erwähnt. Teilhards Kamerad Courtiaux war offenbar von einem deutschen Maschinengewehr getötet worden. Teilhard erbat von seinem Vorgesetzten, Oberstleutnant Vernois, die Erlaubnis, auf die Suche nach dem Leichnam zu gehen. Er verbrachte die Nacht über den Boden rob- bend und in Granattrichtern Deckung suchend und kehrte im Morgengrauen mit Courtiaux‘ Leiche auf dem Rücken zu seinen Linien zurück. Als Mensch und als Priester glaubte er, nicht anders handeln zu können. Teilhard hatte Beförderungen immer abgelehnt, er wollte Nützliches in der Truppe tun, den- noch waren Erwähnungen, das Kriegskreuz und die Militärmedaille Ehrun- gen, die er nicht ablehnen konnte. Ein Jahr nach seiner Rückkehr in das Zivil- leben wurde er zum Ritter der Ehrenlegion ernannt.36

Teilhard erwähnte diese „harten und gleichzeitig außerordentlichen Stunden, in deren Verlauf er zur Maschine geworden war“, in einem Brief an Marguerite Teillard-Chambon aus Nant-le-Grand vom 23. August 1916: „ Ich wei ß nicht, was für ein Denkmal das Land später einmal zur Erinnerung an den gro ß en Kampf auf dem Höhenzug von Froideterre errichten wird. Nur eines wäre angebracht: ein gro ß er Christus. Nur die Gestalt des Gekreuzigten vermag zusammenzunehmen, auszudrücken und zu trösten, was in einer sol chen Entfesselung von Kampf und Schmerz an Schrecken, Schönheit, Hoff nung und tiefem Mysterium wohnt. “ 37

Das, was Teilhard in den Ruhepausen zwischen den Bombardements, den Sperrfeuern und den Angriffen durch Maschinengewehre ergriffenen Herzens notiert hatte, sollte später in seinem Standardwerk Der Mensch im Kosmos in faszinierender Weise zu Papier gebracht werden. Der letzte der drei Sätze, die Teilhard seinem Essay Das kosmische Leben (La vie cosmique) vorausstellt, lassen die Grundrichtung seines Herzensanliegens erkennen:

„ Es gibt eine Vereinigung mit Gott,

und eine Vereinigung mit der Erde,

und eine Vereinigung mit Gott durch die Erde. “ 38

Als Teilhard diese Schrift 1916 als ersten seiner Essays an seine Cousine Marguerite Teillard-Chambon sandte, kündigte er sie als sein Testament an („Mon testament d´intellectuel“). Er fürchtete, dieses sein erstes Werk könnte sein letztes bleiben, und er wollte, daß es bewahrt würde. Der Tod könnte je- derzeit an ihn herantreten. Er verband darin christliche Wahrheiten mit Ge- danken, von denen er wußte, daß man ihn darob der Häresie bezichtigen könnte, doch das kümmerte ihn wenig. Er meinte, in diesem Krieg hätten schon so viele Menschen ihr Leben für das Vaterland verloren, und stellte die Frage, welchen Einsatz müsse dann erst der Glaube an Christus erfordern.

Aus dem gleichen Geiste geschrieben, schickte er alle vier Kriegsjahre hindurch seine Schriften in die Heimat.39

Aus dem Jahre 1916 stammt auch die mystische Erzählung Christus in der Materie (Le Christ dans la mati è re). 40 Teilhard wurde dazu von dem engli- schen Schriftsteller R.H. Benson angeregt. In diesen Drei Geschichten nach Benson gibt Teilhard sein intimstes Geheimnis preis, eine Vision Christi und das Erlebnis der Transsubstantiation, und er versucht, die Präsenz Christi auf Erden zu beschreiben als Das Bild, Die Monstranz und Die Pyxis. Er befürch- tete, daß sein Essay theologisch mißverstanden würde, da er von seiner „na- türlich pantheistischen Seele“ sprach.41 Er wollte nicht bloß ein „Handelnder im Sakramentsvollzug“ sein, sondern er wollte seinen Mitmenschen „einen bewußteren Anschluß an das Altargeschehen der Transsubstantiation und Kommunion“ übermitteln. Alle seine Schriften, sofern sie nicht rein theologi- schen oder paläontologischen Inhalts waren, erhielten zu seinen Lebzeiten keine Druckerlaubnis seitens seines Ordens.42 In diesem Spannungsfeld, ei- nerseits an der Versöhnung von Gott und der Welt mitzuwirken, andererseits Gehorsam seinem Orden gegenüber zu wahren, sollte Teilhard nun bis zu sei- nem Tode verbleiben. In dem Brief vom 23. Dezember 1916 schrieb er an Marguerite Teillard-Chambon: „ Ich bin entschlossen, meinen Weg geradeaus weiterzugehen, weil ich mir selbst treu sein mu ß - um wahr zu sein [...]. Und dann glaube ich absolut daran, da ß der Herr die Opfer, die ich vielleicht dem Gehorsam zu bringen habe, dem spontanen Erfolg dessen zugute kommen las- sen wird, was an meinen Bestrebungen Gutes gewesen sein mag. “ 43

Während eines Kurzurlaubes legte Teilhard am 26. Mai 1918 in Sainte-Foy- lès-Lyon, wo der Orden nach dem Exil in England Fuß gefaßt hatte, seine „großen Ordensgelübde“ ab. Einer seiner Oberen hatte Bedenken geäußert, doch ein anderer bürgte für Teilhard als Glaubensmann und als Soldat. Auf die Frage einer zuverlässigen Persönlichkeit, ob Teilhard seine Gelübde mit einer gewissen Unsicherheit abgelegt hatte, antwortete er etwa dies: „ Nein, ich habe keinen Augenblick der Unruhe gekannt. Ich habe auf Gott vertraut in der Gewi ß heit, da ß er mir gewähren würde, Seinen Willen in meinem Ordens- leben und die Treue meinen Gelübden gegenüber zu verwirklichen. “ 44

Der Krieg neigte sich dem Ende zu. Für Teilhard bedeuteten diese viereinhalb Jahre Kriegserlebnisse eine Art Einkehr, aus der er mit einer klaren Gotteser- kenntnis hervorging. Er verteidigte das Gedankengut der Gnostiker, denen zu Zeiten des Kirchenvaters Irenäus (2. Jahrhundert n. Chr.) vielfach Unrecht geschehen war. Auch sie waren für die Weltsicht einer christlichen Kosmo- gonie (mythische Lehre von der Entstehung der Welt) eingetreten. Die Gnos- tiker sollten auch nicht von den Philosophen und Theologen, sondern von den Mystikern beurteilt werden.45

Exkurs: In der Entwicklung der christlichen Religion im ersten und zweiten Jahrhundert nach Christus spielte die christliche Gnosis eine bedeutende Rol- le. Die Gnostiker brauchten keine Kirche, um ihr Seelenheil zu erreichen. Ihre Lehrer leiteten ihre Autorität von der Tradition ab, die über einen Apostel unmittelbar zu Jesus führte. Sie wollten ihre Schüler aus ihrem inneren Wis- sen heraus unterweisen, wie Jesus es getan hatte. Das Ziel der gnostischen Lehre lag darin, ihre Anhänger zur Selbsterkenntnis und schließlich zur Selbsterlösung zu führen. Damit gerieten die Gnostiker aber in den stärksten Widerspruch zur offiziellen christlichen Kirche, denn diese sah das Heil der Menschen in Jesu Opfertod und Auferstehung begründet.46

Für Teilhard war sie eine Art Interregnum, die Zeit zwischen dem Krieg und der Rückkehr in das Ordensleben. Angst zermürbte ihn, da er sich von keinem seiner Freunde verstanden wußte, einzig der Gedankenaustausch mit Margue- rite war vollkommen.47 So endet Teilhards Brief aus Goldscheuer vom 5. März 1919 mit folgenden Worten: „ Du hast mir in diesen Jahren viel bedeu- tet - mehr vielleicht, als Du Dir vorstellst. Ich rechne mehr denn je darauf, da ß uns der Herr in irgendeiner Form in einem gemeinsamen Bemühen ver- bindet, das uns ihm näherbringt. “ 48

Auch für die zwei kleinen Schriften Verhei ß ene Erde (Terre promise) und Das „ All-Element “ (L ‘ É l é ment universel), die ebenfalls in den bereits er- wähnten frühen Schriften enthalten sind und die Teilhard noch „im Waffen- rock“ verfaßt hatte, erhielt er vom Jesuitenpater Léonce de Grandmaison „lie- bevoll höfliche“ Absage. Nach Paris zurückgekehrt, nahm Teilhard seine Stu- dien in Geologie, Botanik und Zoologie wieder auf, obwohl er des schuli- schen Arbeitens bereits müde geworden war, und er erwarb in den Jahren 1919/20 die Prüfungs-Zertifikate. Im März 1922 promovierte er zum Doktor der Naturwissenschaften. Neben dem emsigen Studium entstand die Hymne Die geistige Potenz der Materie (La Puissance spirituelle de la mati è re), de- ren Veröffentlichung Teilhard im Jahre 1950 noch erleben durfte. Diese evo- lutionistische Arbeit ist die Geschichte des Elias aus dem „zweiten Buch der Könige“.49 Teilhard wünschte sich, daß dieses Werk anonym erscheinen mö- ge, denn es sei nicht sein persönlicher Einfall, sondern das Erkennen einer Wahrheit. Er fühlte sich als Vorläufer eines neuen Menschentums. „ Vox cla mantis in deserto “ (die Stimme des Rufers in der Einsamkeit), wenn ich so sagen darf... “ , schrieb Teilhard an seine Cousine am 17. September 1919 aus dem Maison Saint-Louis in Jersey, wo er seine Ferien verbrachte.50

In dieser Allegorie setzt Teilhard den Sturm, mit dem Elias in den Himmel emporgestiegen war, der Materie gleich, die denjenigen befreie, der ihre spiri- tuelle Macht zu erfassen vermag. Trotz des Denkens dürfe nicht auf die Mate- rie verzichtet werden. Den Leib zu fliehen sei unmöglich, der Mensch brau- che „Öl für seine Glieder - Blut für seine Adern - Wasser für seine Seele - Wirkliches für seine Erkenntniskraft“. Die Materie würde jung und strahlend und neu sein bis zum letzten Augenblick für den, der wolle, und sie würde ihn schließlich zu Gott hinauftragen.51 Teilhard nahm den gefährlichen Kampf wider die Materie auf. Er wurde von Kindheit an darauf vorbereitet, dem christlichen Ideal treu zu sein, später begleitet von der Askese als Antwort auf die Forderungen, die er als Ordensmann zu erfüllen hatte. Und er wußte, daß er von nun an den Weg, der zur Vollkommenheit führen sollte, einsam gehen mußte. Vor allem erkannte er die Gefahr egoistischen Genießens. So schreibt er in der Hymne an die Materie: „ In dem Glauben, deinem unwiderstehlichen Ruf zu gehorchen, stürzen sich die Menschen häufig aus Liebe zu dir in denäu ß eren Abgrund egoistischen Genie ß ens. - Ein Widerschein täuscht sie, oder ein Echo. Das sehe ich jetzt. “ 52

Im Jahre 1923 verließ Teilhard das Institut Catholique in Paris, wo er eine Professur innehatte. Auf Einladung seines Ordensbruders, des Paters Emile Licent, begab er sich auf seine erste China-Reise. Die Phase der Forschungs- arbeit in Ostasien begann. Am 6. April bestieg er in Marseille ein Schiff. Sei- ne Reiseeindrücke hielt er von einer Zwischenlandung zur anderen fest. Sie wurden in dem Band Geheimnis und Verhei ß ung der Erde - Reisebriefe 1923 - 1939 (Lettres de voyage 1923 - 1939) 53 veröffentlicht.

Eine unbekannte, seltsame Welt tat sich ihm auf, in der er bemüht war, die Zusammenhänge der Evolution neu zu erfassen. Beeindruckt von der malerischen Landschaft, vor allem aber von ihrem Zauber, der Teilhards Religiosität neue Dimensionen verlieh, berichtete er am 15. April 1923 während der Schiffsreise durch den Golf von Suez: „ Das Geheimnis der Welt liegtüberall dort, wo es uns gelingt, das Universum transparent zu sehen. “ 54

Obwohl Teilhard vom Tropenzauber Asiens betäubt war, gelang es ihm nur mühsam, sich an die Menschen dort zu gewöhnen. Bei den Chinesen konnte er keine geistige Wärme finden. Er sprach von veraltetem kindhaftem Denken dieser Menschen, die nicht den geringsten Keim für künftiges Leben in sich trügen, wie den Reisebriefen zu entnehmen ist.55

In Teilhards Denken ist die Erde eine biologische und geistige Einheit, und er meinte, daß die Zukunft nur von allen Völkern gemeinsam getragen werden könne. Er wollte den „Schleier“, der das menschliche Bewußtsein einhüllte, lüften, um dem Gefangensein in einer gegenständlichen Welt zu entkommen. Er wollte das „Ding an sich“ (Immanuel Kant) durch das Transparentmachen „erscheinen“ lassen. Seiner Überzeugnung nach sei auf Erden nichts an menschlicher Mühe umsonst und sinnlos, denn abgestorbene Substanz bilde den Humus, aus dem neues Leben hervorgehe. Wer dies nicht durchschaue, der würde von Angst gequält.56 Dennoch schrieb er im Oktober 1923: „ Wenn man den Fernen Osten verstehen will, darf man ihn nicht beim Morgengrauen betrachten, auch nicht am hellen Mittag; man mu ß ihn zur Zeit der Dämme- rung anschauen, wenn die Sonne das Erbe Asiens in ihren Glanz mitnimmt und sich in vollem Triumph in Europas Himmel erhebt. “ 57 In Teilhards Vor- ausschau wurde das Abendland zum Morgenland der Zukunft. Den Gedanken christlicher Missionare, den Osten zu bekehren und für europäische Religi- onsformen zu gewinnen, lehnte er ab. Für ihn waren die Probleme der Menschheit wichtig und nicht die Bekehrung der Chinesen zum Christentum. Er sehnte die Zeit herbei, in der sich die Menschen nicht als Geschichtswesen deklarierten, sondern als Gattungswesen, als Erdenbewohner schlechthin.58

Im Herbst 1924 kehrte Teilhard von seiner ersten Chinareise nach Paris zu- rück. Er wirkte an zwei Instituten, am Museum, das ihm den Zugang zum eu- ropäischen Zentrum der paläontologischen Forschung ermöglichte, und am Institut Catholique, wo ihm der Lehrstuhl erhalten geblieben war. Innerhalb der Pariser Gesellschaft bildeten sich Kreise, in denen Teilhards Gedankengut verbreitet wurde. Da seine Darstellung des „kosmischen Christus“, sowie das Nichtbeachten der kirchlichen Lehre von der Erbsünde, aber auch seine Be- merkungen über die Rolle des Bösen in einer evolutionären Welt von der tra- ditionellen Lehre der Orthodoxie abwichen, wurde ihm von seinen Oberen jede Lehrtätigkeit untersagt. Teilhard unterwarf sich der Anordnung seines Ordens und reiste wieder nach China zurück, dieses Mal für eine lange Stre- cke seines Lebensweges. So bemerkte Claude Aragonnès: „ Pater Teilhard beugt sich in Gehorsam [...]. Indem er die unbegrenzte Verbannung annahm (die nur von einigen Rückreisen nach Frankreich unterbrochen wird), bewies Pater Teilhard dem Orden seine Treue. “ 59

Am 26. April 1926 befand sich Teilhard an Bord der „Angkor“. Das Schiff durchkreuzte ostwärts das Mittelmeer; am 10. Juni traf Teilhard in Tientsin ein. Doch der Sommer 1926 brachte seinen geologischen Expeditionen wenig Erfolg. Sie mußten vorzeitig abgebrochen werden, da ganz China damals von kriegerischen Auseinandersetzungen heimgesucht wurde. Die geologischen und paläontologischen Funde wurden geordnet und verarbeitet. In seinem In- neren aber reiften die Ideen um die drei zentralen Themen: Erde, Menschheit und Christus.60 Teilhard plante während einer ruhigen Periode in Tientsin eine andere Arbeit: Er wollte in seinem „Andachtsbuch“ seine asketischen und mystischen Lehren zusammenfassen. Sein erstes grundlegendes Werk Das göttliche Milieu (Le Milieu divin) 61 entstand von 1926 bis 1927. Als den „göttlichen Bereich“ bezeichnet Teilhard sich selbst. Er will als christlicher Mystiker seinen Mitchristen beistehen in dem Zwiespalt zwischen der Liebe zu Gott und der Liebe zur diesseitigen materiellen Welt, zwischen „Welt- flucht“ und „Weltsucht“. Teilhard widerspricht damit der These des evangeli- schen Theologen Dibelius (1880 - 1967): „Der Mensch ist nichts, Gott ist al- les“ und räumt dem Menschlichen eine wichtige Rolle bei der Vollendung des Reiches Gottes ein. Somit verpflichtet er aber auch jeden einzelnen, sich selbst zu vervollkommnen.62 Im Tun des Menschen sieht Teilhard eine wich- tige Komponente bei der Entstehung einer zukünftigen Erde: „ Durch unsere Mitarbeit, die Christus weckt, vollendet er sich, erreicht er seine Fülle im Ausgang von aller Kreatur. Der heilige Paulus sagt uns das. Wir glaubten vielleicht, die Schöpfung sei seit langem beendet. Irrtum, sie geht mit vollem Schwung weiter, und zwar in den höchsten Bereichen der Welt. [...]. Und im Dienste ihrer Vollendung stehen wir, selbst durch die demütigste Arbeit unse- rer Hände. “ 63 Teilhard kritisierte die Sonderbestrebungen der Kirche, die Loslösung von der Welt, die Prachtentfaltung der Riten, die Missionen, die Betrachtung und meinte, ob nicht jedes Bemühen der Menschen, das zur Ei- nigung der Gesellschaft beiträgt, geheiligt werden sollte.64 Die Christen müß- ten in gemeinsamer Eintracht das Weltende mit der Parusie (Wiederkunft Christi) erwarten: „ Um die Parusie zu ersehnen, brauchen wir nur in uns, es verchristlichend, das Herz selbst der Erde schlagen zu lassen. “ 65

Teilhard wünschte sich sehr, daß sein Werk gedruckt würde, damit seine I- deen Verbreitung fänden, und hoffte auf Zustimmung seines Ordens. Doch die Kirche war ob der ekstatischen Darstellung besorgt um ihre Tradition und gab keine Druckerlaubnis. Erst 1957, zwei Jahre nach Teilhards Tod, wurde das Buch unter dem „Hohen Patronat Ihrer Majestät der Königin Marie José“ und einem wissenschaftlichen Komitee der französischen Öffentlichkeit vor- gestellt.66

Bisher war Teilhards Auftraggeber das Muséum d‘ Histoire in Paris, und die finanziellen Mittel, die er von dort erhielt, erlaubten nicht, große Projekte in Angriff zu nehmen. Vom Februar 1927 an trat eine neue Wendung in Teil- hards Leben ein. Chinesische, schwedische und amerikanische Spezialisten trieben die paläontologische Forschung in China voran. Teilhard wurde die Oberaufsicht der wissenschaftlichen Arbeiten, soweit sie die Wirbeltier - und Menschenfossilien betrafen, von der Carnegie-Stiftung angeboten. Von dieser internationalen Zusammenarbeit war er sehr angetan. Die Ergebnisse sollten beachtlich sein.67 Am 12. März 1927 notierte Teilhard: „ Was mich da ver- führt, ist keineswegs die Idee, konfessionell oder national zu wirken an einem Ort, der bisher verschlossen war, sondern der Gedanke,über viele falsche Scheidewände zu triumphieren und mich auf dem Gebiet einer wahren Menschlichkeit, die in der gemeinsamen Verfolgung der Wahrheit gesucht wird, mit ganz verschiedenartigen Menschen zu verbünden [...]. Natürlich würde ich weitaus lieber versuchen, einen Funken auf den Pariser Dornbusch springen zu lassen, aber man mu ß dem Leben treu bleiben, und au ß erdem: vielleicht wird das eine das andere fördern. “ 68

Von nun an wechselten Teilhards Aufenthalte zwischen Frankreich und Chi- na. Die Seefahrten wurden für ihn Zeiten der „äußeren und inneren Ruhe“, er nutzte sie zum Reflektieren. Je älter Teilhard wurde, umso stärker nahm er in seinen Reflexionen wahr, daß der Geist von den Hüllen der Materie umgeben war. Die Materie war also die den Geist umgebende Substanz: Kein Geist oh- ne Körper, kein Körper ohne Geist. Im Jahre 1929 erwartete Teilhard eine ungewöhnliche Aufgabe in China. Die Höhlen von Choukoutien (Chow-Kow- Tien) hatten Knochenreste freigegeben, aus denen der Peking-Mensch (Si- nanthropus pekinensis) im chinesisch- amerikanischen Laboratorium für Paläontologie rekonstruiert wurde. Somit war ein bedeutender Baustein für Teilhards kosmisches Evolutionsgebäude gefunden worden.69 Seiner Freude darüber gab Pater Teilhard in dem Brief vom 17. März 1929 aus Tientsin Ausdruck: „ Jetzt komme ich mir wie ein alter Kämpfer vor, keineswegs skeptisch, aber nicht wenig hart geworden, wie einer, der sich fast nur mehr freuen kannüber die Tat - undüber die Freundschaft - und dann auch nochüber die Wissen- schaft, soweit sie mir erlaubt, zu handeln. “ 70

Zugleich mit der Evolutionslehre erhob sich die Frage nach den Übergängen eines Reiches der Natur in das andere, beginnend mit dem Mineral, endend mit dem Menschengeschlecht. Für den ernsthaften Forscher ist es evident, daß es an der Grenze zwischen Mensch und Tier ein Zwischenglied geben müsse (missing link). Dabei handelt es sich nicht um ein Mittelglied zwischen dem heutigen Affen und dem heutigen Menschen, sondern um den Übergang von einer inzwischen ausgestorbenen Lebensform in eine spätere. Die Forschung legte und legt ihr Augenmerk auf die Suche nach dem gemeinsamen Vorfah- ren der heute lebenden Menschen und Menschenaffen.71 Dennoch vertraute Teilhard nicht in blindem Glauben der Wissenschaft und schrieb über die Ausgrabungen in Peking den Satz: „ Die von der Wissenschaft entdeckten Spuren der Vergangenheit sind nur ein Schatten dessen, was wirklich existiert hat. “ 72

Rast- und ruhelos entdeckte Teilhard die Erde in seinen zahlreichen Reisen nach Asien und um den ganzen Erdball. Noch vor dem Zeitalter des Flugzeu- ges erkundete er die Weite Asiens. Erwähnt sei „Die Gelbe Kreuzfahrt“ (1931/32), die von der Automobilfirma Citroen zur Erprobung von Raupen- fahrzeugen im unwegsamen Gelände organisiert und gesponsert wurde. Mit dem Geologen George Brown Barbour, einem gebürtigen Schotten in ameri- kanischen Diensten, unternahm er zwei Forschungsreisen in den Süden Chi- nas. Die Pausen während der Expeditionen nutzte Teilhard zu schriftstelleri- scher Betätigung. Es entstand ein wichtiger Essay, sein persönliches Credo Mein Glaube. Der Rektor des Instituts Catholique in Toulouse, Monsignore Bruno de Solages, hatte aus apostolischer Sorge Pater Teilhard zur Formulie- rung dieser Schrift aufgefordert.73 Teilhard versucht darin, die Nuancen, aber auch die Grenzen seines christlichen Glaubens darzulegen:

„ Ich glaube, das Universum ist eine Evolution.

Ich glaube, die Evolution geht in Richtung des Geistes.

Ich glaube, der Geist vollendet sich im Personalen.

Ich glaube, das höchste Personale ist der Christus-Universalis. “ 74

Teilhards Mitbruder, Pater Auguste Valensien S. J., fand den Essay „meisterhaft“, dennoch durfte er nicht gedruckt werden.75

Im März des Jahres 1937 nahm Teilhard an einem paläontologischen Kongreß in Philadelphia teil. Man ehrte ihn durch die Verleihung der Gregor-Mendel- Medaille. Teilhard sprach in seiner Dankesrede über das Werden des Menschengeschlechtes. Doch in christlichen Kreisen in Amerika regte sich Widerstand gegen die Evolutionslehre, und die Universität Boston nahm von der geplanten Verleihung eines Doctors honoris causa an Teilhard de Chardin Abstand.

Bei seiner Rückkehr nach Peking fand Teilhard infolge der Kriegswirren ein Chaos vor. Dennoch arbeitete er zielstrebig an der Analyse seiner Ideen; es entstand der Essay Die menschliche Energie (L ’É nergie humaine) 76, ein Ver- such, das Phänomen des Christlichen aus seiner Perspektive dazustellen.77

[...]


1 Pierre Teilhard de Chardin, Das Herz der Materie. Kernstück einer genialen Weltsicht, Zürich/Düsseldorf 1999.

2 Vgl. N.M.Wildiers, Aus dem Vorwort der französischen Ausgabe. In: Pierre Teilhard de Chardin, Der Mensch im Kosmos (Le Phénomène humain), München 1994, unveränderter Nachdruck der deutschen Ausgabe von 1959, S. 13, 14.

3 Vgl. ebd., S. 17.

4 Vgl. ebd., S. 19 - 22.

5 Vgl. Richard Brüchsel, Einführung. In: Teilhard de Chardin, Das Herz der Materie, S. 13, 14.

6 Pierre Teilhard de Chardin, Mein Glaube, Olten und Freiburg im Breisgau 1972.

7 Vgl. Teilhard de Chardin, das Herz der Materie. Einführung von Richard Brüchsel, S. 14, 15.

8 Vgl. Johannes Hemleben, Teilhard de Chardin, Reinbek bei Hamburg 1991, S. 10; vgl. Claude Cuénot, Pierre Teilhard de Chardin. Leben und Werk, Olten und Freiburg im Breisgau 1966, S. 16.

9 Vgl. Hemleben, Teilhard de Chardin, S. 10; vgl. Cuénot, Pierre Teilhard de Chardin, S. 15, 16; S. 20.

10 Vgl. Gerd Heinz-Mohr, Lexikon der Symbole. Bilder und Zeichen der christlichen Kunst (Diederichs Gelbe Reihe; 150: Christentum), München 1998, S. 9; S. 138.

11 Vgl. Teilhard de Chardin, Das Herz der Materie, S. 31 - 33; vgl. Cuénot, Pierre Teilhard de Chardin, S. 16.

12 Teilhard de Chardin, Das Herz der Materie, S. 143, Anm. 5.

13 Vgl. ebd., S. 15, 16.

14 Cuénot, Pierre Teilhard de Chardin, S. 16.

15 Vgl. ebd., S. 23; S. 26, 27.

16 Siehe: Katechismus der Katholischen Kirche, München - Wien - Leipzig - Freiburg - Linz 1993.

17 Vgl. Notes sur quelques Représentations historiques possibles du Péché originel. In: Oeuvre de Teilhard de Chardin, Paris 1955 - 1976, T. 10, 59 - 70.

18 Vgl. Karl Schmitz-Moormann, Pierre Teilhard de Chardin. Evolution - die Schöpfung Gottes, Mainz 1996, S. 16; S. 100.

19 Vgl. Thomas Broch, Denker der Krise - Vermittler von Hoffnung. Pierre Teilhard de Chardin, Würzburg 2000, S. 95.

20 http//www.schule.de/schulen/fesber/berichte/pojekt2000/darwin/papst1.htm vom 27.08.00

21 Vgl. Schmitz-Moormann, Pierre Teilhard de Chardin, S. 12; vgl. Hemleben, Teilhard de Chardin, S. 20; S. 83, 84.

22 Vgl. Hemleben, Teilhard de Chardin, S. 20; vgl. Cuénot, Pierre Teilhard de Chardin, S. 29.

23 Vgl. Cuénot, Pierre Teilhard de Chardin, S. 30; S. 35; S. 38, 39; vgl. Hemleben, Teilhard de Chardin, S. 23.

24 Vgl. Hemleben, Teilhard de Chardin, S. 36 - 39.

25 Vgl. Cuénot, Pierre Teilhard de Chardin, S. 41 - 43.

26 Vgl. Teilhard de Chardin, Der Mensch im Kosmos, S. 323 - 326.

27 Vgl. Cuénot, Pierre Teilhard de Chardin, S. 43 - 46.

28 Vgl. Cuénot, Pierre Teilhard de Chardin, S. 49 - 51.

29 Zitiert nach N. M. Williers. In: Pierre Teilhard de Chardin, die Messe über die Welt (La messe sur le monde), in: Lobgesang des Alls, Olten und Freiburg im Breisgau 1964, S. 9, 10.

30 Ebd., S. 30.

31 Pierre Teilhard de Chardin, Entwurf und Entfaltung. Briefe aus den Jahren 1914 - 1919, hrsg. von AliceTeillard-Chambon und Max Henri Bégouen, Freiburg/München 1963.

32 Vgl. Hemleben, Teilhard de Chardin, S. 45; S. 48.

33 Vgl. Teilhard de Chardin, Entwurf und Entfaltung, S. 29; S. 31.

34 Pierre Teilhard de Chardin, Der Priester (Le Prêtre). In: Frühe Schriften (Écrits du temps de la guerre 1916 - 1919), Freiburg/München 1968, S. 249 - 273, hier S. 271.

35 Vgl. Hemleben, Teilhard de Chardin, S. 47; vgl. Teilhard de Chardin, Entwurf und Entfaltung, S. 31.

36 Vgl. Cuénot, Pierre Teilhard de Chardin, S. 67 - 69.

37 Teilhard de Chardin, Entwurf und Entfaltung, S. 142, 143.

38 Pierre Teilhard de Chardin, Das kosmische Leben. In: Frühe Schriften, S. 9 - 82, hier S. 10.

39 Vgl. Teilhard de Chardin, Entwurf und Entfaltung, S. 43; vgl. Hemleben, Teilhard de Chardin, S. 50, 51.

40 Pierre Teilhard de Chardin, Christus in der Materie. In: Lobgesang des Alls, S. 45 - 69.

41 Vgl. ebd., S. 66.

42 Vgl. Hemleben, Teilhard de Chardin, S. 55 - 57.

43 Teilhard de Chardin, Entwurf und Entfaltung, S. 187, 188.

44 Cuénot, Pierre Teilhard de Chardin, S. 71.

45 Vgl. Hemleben, Teilhard de Chardin, S. 61, 62.

46 Vgl. Christoph Greiner (Hrsg.), Das Evangelium nach Thomas, Oberstaufen 1998 S. IV, V.

47 Vgl. Hemleben, Teilhard de Chardin, S. 63.

48 Teilhard de Chardin, Entwurf und Entfaltung, S. 350.

49 Vgl. Hemleben, Teilhard de Chardin, S. 65 - 68.

50 Vgl. Teilhard de Chardin, Entwurf und Entfaltung, S. 372, 373.

51 Vgl. Pierre Teilhard de Chardin, Die geistige Potenz der Materie. In: Lobgesang des Alls, S. 73 - 91, hier S. 79 - 82.

52 Ebd., S. 89, 90.

53 Pierre Teilhard de Chardin, Geheimnis und Verheißung der Erde. Reisebriefe 1923 - 1939, gesammelt und dargeboten von Claude Aragonnès, Freiburg im Breisgau 1968, S. 92.

54 Ebd., S. 20.

55 Vgl. ebd., S. 30; S. 62.

56 Vgl. Hemleben, Teilhard de Chardin, S. 75; S. 77.

57 Teilhard de Chardin, Geheimnis und Verheißung der Erde, S. 65.

58 Vgl. Hemleben, Teilhard de Chardin, S. 88.

59 Claude Aragonnès. In: Teilhard de Chardin, Geheimnis und Verheißung der Erde, S. 92.

60 Vgl. Cuénot, Pierre Teilhard de Chardin, S. 131; vgl. Hemleben, Teilhard de Chardin, S. 88, 89.

61 Pierre Teilhard de Chardin, Das göttliche Milieu. Ein Entwurf des inneren Lebens, Düsseldorf/Zürich 1990, 11. Auflage.

62 Vgl. Hemleben, Teilhard de Chardin, S. 90, 91.

63 Teilhard de Chardin, Das göttliche Milieu, S. 45.

64 Vgl. ebd., S. 53.

65 Ebd., S. 194, 195.

66 Vgl. Teilhard de Chardin, Geheimnis und Verheißung der Erde, S. 107; vgl. Hemleben, Teilhard de Chardin, S. 90; S. 94.

67 Vgl. Teilhard de Chardin, Geheimnis und Verheißung der Erde, S. 111; S. 113.

68 Ebd., S. 114.

69 Vgl. Hemleben, Teilhard de Chardin, S. 98.

70 Teilhard de Chardin, Geheimnis und Verheißung der Erde, S. 132.

71 Vgl. Hemleben, Teilhard de Chardin, S. 99, 100.

72 Zitiert nach Hemleben, Teilhard de Chardin, S. 105.

73 Vgl. ebd., S. 106; S. 109; S. 111, 112.

74 Teilhard de Chardin, Mein Glaube, S. 116.

75 Vgl. Hemleben, Teilhard de Chardin, S. 112.

76 Pierre Teilhard de Chardin, Die menschliche Energie, Olten und Freiburg im Breisgau 1966.

77 Vgl. Hemleben, Teilhard de Chardin, S. 119, 120.

Ende der Leseprobe aus 132 Seiten

Details

Titel
Teilhard de Chardin - Ein Brückenbauer zwischen Wissenschaft und Glauben, Mensch und Materie
Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck  (Geisteswissenschaftliche Fakultät)
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2001
Seiten
132
Katalognummer
V26438
ISBN (eBook)
9783638287722
Dateigröße
2003 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Teilhard, Chardin, Brückenbauer, Wissenschaft, Glauben, Mensch, Materie
Arbeit zitieren
Mag.phil. Isolde Pock, Mag.phil. (Autor), 2001, Teilhard de Chardin - Ein Brückenbauer zwischen Wissenschaft und Glauben, Mensch und Materie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/26438

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