Naturdarstellungen bei D.H. Lawrence "Sons and Lovers"


Seminararbeit, 2000
17 Seiten, Note: 2,5

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Naturbegriffe
2.1. Lawrences Naturbegriff
2.2. Diskussion der Natur zu Beginn des 20. Jahrhunderts

3. Textanalyse
3.1. Handlung/Plot
3.2. Charaktere
3.3. Handlungsort
3.4. Handlungszeit
3.5. Erzählperspektive
3.6. Thema

4. Naturmotive
4.1. Naturformen
4.2. Naturbilder
4.3. Perspektive
4.4. Motivsyntax
4.5. Motivpragmatik

5. Pauls Beziehung zu Miriam

6. Der biographische Aspekt

7. Schlußbetrachtung

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Als ich mir Gedanken machte, welches Thema ich als Hausarbeit für das Proseminar Literaturwissenschaften gerne behandeln würde, war mir klar, daß ich gerne die Textstelle aus D. H. (David Herbert) Lawrence Sons and Lovers (1913, Söhne und Liebhaber) bearbeiten möchte, die ich bereits in einer Seminarstunde vorgestellt hatte. Der Roman bietet sich an, möchte man einmal Naturdarstellungen innerhalb eines literarischen Werkes genauer analysieren. Da dieser im Gesamten zu umfangreich gewesen wäre, versuche ich, alle wichtigen Aspekte auf diesen einen konkreten Auszug anzuwenden, in dem die Natur eine sehr bedeutende Rolle spielt.

Naturbilder können mehr bewirken und eine bedeutsamere Funktion haben, als vielen bewußt ist. Abhängig von der Situation können sie unterschiedliche Bedeutungen haben. Einmal dienen sie lediglich der Veranschaulichung des Handlungsraumes, ein anderes Mal erfährt der Leser über sie, was die Personen des Romans gerade fühlen, ohne daß diese Gefühle explizit genannt werden. Daher ist es auch Ziel dieser Hausarbeit, verschiedene Möglichkeiten der Naturdarstellungen in der Literatur aufzuzeigen und deren beabsichtigten und/oder unbeabsichtigten Effekte zu diskutieren.

Die Literatur zu diesem Thema ist sehr zahlreich und umfassend. Sowohl zu dem theoretischen Aspekt der Natur als auch zu dem Werk Sons and Lovers und dem Autoren selbst gibt es interessante Quellen. Daher denke ich, daß meine Darstellung der Natur bei D. H. Law-rence eine gute Übersicht bietet.

Um einen ausreichenden Überblick über das Thema zu geben, werde ich zuerst über die Theorie der Naturbegriffe referieren. Danach wird die gewählte Textstelle analysiert und dargestellt werden. Auf die Naturmotive, die in dieser Szene enthalten sind, wird besonders eingegangen. Um den Bezug zwischen Natur und Personen herzustellen, wird die Situation der wichtigen Charaktere anschließend noch einmal genauer konkretisiert. Zu guter Letzt werden ein paar Anmerkungen über den Autor und den Hintergrund des Romans folgen, die dem besseren Verständnis dienen sollen.

2. Naturbegriffe

Bevor die Textstelle ausführlich dargelegt wird, soll jetzt erst einmal die Zeit betrachtet werden, in welcher der Roman spielt, in der er geschrieben wurde. Für beide Fälle ist es das frühe 20. Jahrhundert. Wie war damals das Verhältnis der Menschen zur Natur? Welchen Stellenwert hatte sie? Welche Symbolik wurde ihr zugeordnet? Und wie wirkt sich das alles auf unser Beispiel aus?

Zuerst jedoch ist es notwendig, sich über die Bedeutung klar zu werden, die Lawrence selbst der Natur zuschrieb.

2.1. Lawrences Naturbegriff

Es fällt auf, daß das Wort „Natur“ eher selten explizit genannt wird. Lawrence verwendet in seinen Werken vorzugsweise lebensphilosophische Begriffe wie „Instinkt“, „Leben“, „Organismus“, emotionale Begriffe für primäre Natursubstanzen wie „Feuer“, „Wasser“, „Blut“, Begriffe, die Bewegungen beschreiben wie „strömen“, „pulsieren“, „fließen“ und Begriffe, die das Weltganze benennen wie „Universum“, „Kosmos“ und „Chaos“.[1] Mit der eigentlichen naturwissenschaftlichen Bedeutung von „Natur“ kann Lawrence sich nicht anfreunden. Vielmehr prägt er den Dualismus. Hiermit ist gemeint, daß „implizit dem kreativen, freiheitsbewußten Individuum die Natur als Hemmnis und Beschränkung entgegengesetzt wird“.[2] Ein weiterer Bestandteil dieses Dualismus sind die Antagonismen: Körper und Geist, Liebe und Macht, Schoß und Wissen, Schöpfung und Zerstörung und Lebens- und Todestrieb. Wobei weder eines der gegensätzlichen Prinzipien je gewinnen noch ein Ausgleich stattfinden kann, ohne den Zusammenbruch der Welt zu bewirken.

In seinen Werken benutzt Lawrence Begriffe der Natur, um einerseits auf kosmische Zusammenhänge hinzuweisen und andererseits das Unterbewußte von Personen darzustellen. Neben Affinität und Parallelen verwendet er „vermehrt Natursymbole, wie etwa Sonne und Mond, die bei ihm im Sinn von Sigmund Freud und Carl Gustav Jung auf das Unterbewußte verweisen“.[3] Außerdem stellt der Mond ein weibliches Sexualsymbol dar, welches der männlichen Sonne gegenübersteht. Behalten wir diesen Hinweis im Hinterkopf in Hinsicht auf die Textstelle, in der ein Sonnenuntergang beschrieben wird.

2.2. Diskussion der Natur zu Beginn des 20. Jahrhunderts

Diese Epoche prägen Autoren wie Thomas Hardy, bei dem die Menschen im Mittelpunkt seiner Werke stehen, obwohl das Individuum nur noch mit dem Verhängnis der Naturprozesse eingebunden verstanden werden kann. Aber auch Namen wie Virginia Woolf, Emily Jane, Charlotte und Anne Brontë prägen diese Zeit. Typisch ist, daß Naturschilderungen verwandt wurden, um konventionelle Motive zu parodieren. Es wurde ein unpersönliches Bewußtsein geschaffen. Die Wahrnehmung der Natur ist subjektiv und geht auf Geschehnisse zurück, die mit ihr selber nichts zu tun haben. Es muß nicht unbedingt ein Mensch anwesend sein, „mit dessen Emotionen die Natur ‚sympathisieren‘ könnte“.[4] Besonders deutlich wird dies bei Woolf, die das unpersönliche Bewußtsein nutzt, um die ersten Jahre des Ersten Weltkriegs zu beschreiben. Obwohl das Wetter vor, während und nach dem Krieg im großen und ganzen das gleiche gewesen sein wird, empfindet das unpersönliche Bewußtsein sehr subjektiv. So ist ein Sturm nicht unbedingt immer eine Qual. Manchmal aber eben schon.

Schilderungen von Landschaften und Wetter sind weitestgehend mit dem Romangeschehen eng verbunden. Sie treten mit den Stimmungen und Befindlichkeiten der Figuren in Beziehung. Zum Beispiel können sie dem Autor dazu dienen, indirekt einen Erzählerkommentar abzugeben. Außerdem bietet sich ihnen so die Möglichkeit, selbst emotionale Zustände zu schildern, die sich nicht direkt beschreiben lassen.

Die Frage ist jedoch, wie man darauf kam, Naturschilderungen mit menschlichem Verhalten zu verknüpfen. Der eigentliche Grund ist wohl, daß Menschen fast täglich mit Naturphänomenen konfrontiert und von ihnen beeinflußt werden.

Eine der ursprünglichsten Bedeutungen der Natur geht weit in die Vergangenheit zurück. So war man im antiken Griechenland der Meinung, daß sich durch das Erscheinungsbild der Natur das Wirken einer Gottheit äußert. War Zeus über Vorkommnisse auf der Erde verärgert, schleuderte er Blitze.

Um den Ursprung genauer herauszufinden, müssen noch zwei anthropologische Zusammenhänge betrachtet werden:

Erstens ist und war das Überleben stets von der Natur abhängig. Das zeigt sich extrem in der Landwirtschaft. Hier ist vieles von der Jahreszeit und dem Wetter beeinflußt.

Zweitens hat das Wetter ebenso einen Einfluß auf Physis und Psyche der Menschen. Gut bekannt unter der sogenannten „Wetterfühligkeit“. Veränderungen der Wetters ändern zum Teil das Wohlbefinden. Da bis heute unklar ist, welche Wetterlagen zu welchem Befinden führen, kann ein Autor dieses ideal zur Darstellung der emotionalen Verfassung nutzen. Er hat unendlich viele Möglichkeiten.[5]

Einmal der Nutzung der Naturmotivik verfallen, verwenden einige Schriftsteller diese auch, um soziale Bedingungen auszudrücken. Dieser Aspekt ist bei Lawrence zu beachten, da er in seinen Werken gerne Kritik an der damaligen Gesellschaft übte.

Wie sind Landschaft und Wetter denn nun aber konkret zu interpretieren, wenn sie an einer bestimmten Textstelle auftreten? Welche symbolische Bedeutung haben sie?

Um es vorwegzunehmen: Diese Fragen lassen sich nicht von jedem gleich beantworten. „Naturwahrnehmungen können in verschiedenen kulturellen Zusammenhängen zu sehr vielfältigen Deutungen führen.“[6] Sie sind subjektiv. „Die aus den Kontexten zu ermittelnden Bedeutungs- und Funktionsverschiebungen liefern wesentliche Hinweise auf kultur- und mentalitätsgeschichtliche Prozesse.“[7] Das heißt, daß die Kultur entscheidend sein kann bei der Darstellung des Wetters oder der Landschaft. Nicht immer fand man Sonnenuntergänge ‚schön‘. Und erst recht nicht jeder. Ebenso weist der Wald in verschiedenen kulturellen Zusammenhängen unterschiedliche Assoziationen auf; wie etwa ‚Bedrohung‘, ‚Verirrung‘, aber auch ‚Ruhe‘, ‚Kühle‘ oder ‚Einsamkeit‘.[8]

Obwohl Landschaft also fast unbegrenzt interpretierbar ist, gibt es doch einige Motive, denen immer wieder die gleiche Bedeutung zukommt. Schon bei Shakespeare bilden die Nacht und der Mondschein den Hintergrund von Liebesszenen.

3. Textanalyse

In diesem Kapitel soll die Textstelle aus Sons and Lovers werkimmanent betrachtet werden. Es handelt sich um einen Abschnitt aus dem Kapitel „Lad-and-girl love“, in dem Miriam und Paul auf dem Weg von der Bibliothek nach Hause sind, als Miriam Paul unbedingt eine Heckenrose im nahegelegenen Wald zeigen möchte.

3.1. Handlung/Plot

Paul gibt Miriam seit einiger Zeit Nachhilfe in Algebra. Deshalb suchen sie öfter die Bibliothek auf. Genau wie an diesem Tag. Abends treten sie gemeinsam den Heimweg an. Es ist Sommer und ihr Weg führt sie über Felder, Flächen mit gemähten Gras entlang der Highlands und einer Straße, die im Glanz der untergehenden Sonne strahlt. Obwohl Paul pünktlich zu Hause sein möchte, läßt er sich von Miriam noch einen Heckenrosenstrauch im nahen Wald zeigen, den sie kürzlich entdeckt hatte. Nach einigem Suchen stehen sie davor und schauen sich ihn genau an, ohne ein Wort zu sagen. Jeder ist beschäftigt mit seinen Gefühlen, welche die Naturerscheinung vor ihnen auslöste und mit denen, welche der jeweils andere in ihnen hervorrief. Etwas später gehen sie schweigend zurück. Nachdem sie sich verabschiedet haben, rennt Paul, den Wald bereits hinter sich gelassen, über die Wiesen schnell nach Hause.

[...]


[1] vgl.: Ahrends/Seeber: Engl. und amerik. Naturdichtungen im 20. Jahrhundert (Tübingen, 1985), S. 73

[2] aus: Ahrends/Seeber : Engl. und amerik. Naturdichtungen im 20 Jahrhundert (Tübingen, 1985), S. 72

[3] aus: Kullmann, Th.: Vermenschlichte Natur (Tübingen, 1995), S. 461

[4] aus: Kullmann, Th.: Vermenschlichte Natur (Tübingen, 1995), S. 464

[5] vgl. Kullmann, Th.: Vermenschlichte Natur (Tübingen, 1995), S. 6 f.

[6] aus: Kullmann, Th.: Vermenschlichte Natur (Tübingen, 1995), S. 16

[7] aus: Kullmann, Th.: Vermenschlichte Natur (Tübingen, 1995), S. 17

[8] vgl. Kullmann, Th.: Vermenschlichte Natur (Tübingen, 1995), S. 9

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Naturdarstellungen bei D.H. Lawrence "Sons and Lovers"
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (Englisches Seminar)
Note
2,5
Autor
Jahr
2000
Seiten
17
Katalognummer
V26459
ISBN (eBook)
9783638287852
Dateigröße
535 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Naturdarstellungen, Lawrence, Sons, Lovers, Englisch, Literatur
Arbeit zitieren
Magister Artium (M.A.) Silvia Alpers (Autor), 2000, Naturdarstellungen bei D.H. Lawrence "Sons and Lovers", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/26459

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