Ein wesentliches auslösendes Moment der Staatsschuldenkrise in Europa war die
Ankündigung der damals neu gewählten griechischen Regierung am 16.09.2009, dass
das Haushaltsdefizit des griechischen Staatshaushalts für 2009 abweichend vom
verabschiedeten Haushalt doppelt so hoch ausfallen werde. In den folgenden Monaten
und Jahren folgte dann die kontinuierliche Abwertung der Kreditwürdigkeit
Griechenlandes. Im folgenden Zeitraum gerieten auch europäische Peripherieländer wie
Irland, Spanien, Portugal und Italien in finanzielle Schwierigkeiten. Folge für diese
Länder war, dass Marktteilnehmer deren Anleihen als immer risikobehafteter ansahen
und sich somit die Emission neuer Staatsanleihen stark verteuerte. Trotz Versuche der
EU und des IWF durch Kreditgarantie, Rettungsfonds und der Sparanstrengungen der
betroffenen Länder, die Lage auf den Finanzmärkten zu beruhigen, kam es am
26.10.2011 zum Schuldenschnitt für Griechenland. Das heißt, dass private Gläubiger
auf 50 Prozent ihrer Forderungen gegenüber dem griechischen Staat verzichten
mussten.
Bis zu diesem Ereignis herrschte bei den großen privaten Gläubigern Griechenlands, vor
allem bei Banken und Versicherung, eine unterschiedliche Auffassung vor, wie sie das
Risiko und die zu erwartenden Verluste aus ihren Investitionen in den IFRS-Konzernbilanzen
abzubilden haben.
Im ersten Teil der Arbeit werden die verschiedenen Komponenten des Kreditrisikos
untersucht und erläutert, welche Faktoren die Renditeaufschläge auf Staatsanleihen
beeinflussen können und welche insbesondere in der aktuellen Krise die
Risikoaufschläge von Staatsanleihen beeinflusst haben. Des Weiteren wird die
Entwicklung vom IAS 39 bis zum IFRS 9 zusammenfassend dargestellt und erläutert,
welche Veränderungen insbesondere durch die Finanzmarktkrise 2008 sowie der
europäischen Staatsschuldenkrise die Entwickelung beeinflusst haben.
Der zweite Teil der Arbeit, befasst sich mit dem zentralen Informationsinstrument der
Rechnungslegung, den Geschäftsbericht nach IFRS. Vor allem werden die Kriterien
aufgezeigt, wie nach dem aktuellen IAS das Ausfallrisiko einer Staatsanleihe in einer
IFRS-Abschluss zu erfassen ist. Es wird dabei kritisch Bezug genommen, inwiefern die
Anwendung der Vorschriften durch europäische Kreditinstitute erfolgte. Dazu werden
die Zwischen- und Jahresabschlüsse der Commerzbank AG, der BNP Paribas, der Deutschen Bank AG und der National Bank of Greece untersucht.[...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung und Vorgehensweise bei der Untersuchung
2. Einflussfaktoren, die den Kurs einer Staatsanleihe beeinflussen können
2.1 Überblick
2.2 Kreditrisiko
2.3 Bestimmung des Kreditrisikos
2.3.1 Länderspezifische Faktoren
2.3.2 Einfluss externer Ratings
2.4 Globalwirkende Faktoren (Risikoprämie)
2.5 Nachfrage- und angebotsbezogene Faktoren (Liquiditätsprämie)
2.6 Zusammenfassung und Zusammenhang zur Bewertung von Finanzinstrumenten nach IAS/IFRS
3. Ziele und Rahmenbedingungen bei der Bilanzierung von Staatsanleihen
3.1 Überblick
3.2 Vom Inkrafttreten des IAS 39 bis zum aktuellen Exposure Draft ED/2013/3
3.3 Politische Beschlüsse, Stabilisierungsmaßnahmen – Verlustereignisse nach IAS 39
4. Bilanzierung von Staatsanleihen nach IAS 39
4.1 Definition eines Finanzinstruments
4.2 Erstmaliger Ansatz eines Finanzinstruments
4.3 Kategorisierung von Finanzinstrumenten nach IAS 39
4.3.1 Finanzielle Vermögenswerte und Schulden, die erfolgswirksam zum beizulegenden Zeitwert bewertet werden (at fair value through profit or loss)
4.3.2 Bis zur Endfälligkeit gehaltene Finanzinvestitionen (HtM)
4.3.3 Kredite und Forderungen (LaR)
4.3.4 Zur Veräußerung verfügbarer finanzieller Vermögenswerte (AfS)
4.4 Folgebewertung der Finanzinstrumente nach IAS 39
4.4.1 Bewertung zu fortgeführten Anschaffungskosten
4.4.2 Bewertung zum fair value
4.5 Umwidmung zwischen den Kategorien
4.5.1 Umgliederungsmöglichkeiten nach IAS 39
4.5.1.1 Umwidmungen aus bzw. in HtM
4.5.1.2 Umwidmungen aus bzw. in AfS
4.5.2 Klassifizierung von Staatsanleihen im Zuge der europäischen Staatsschuldenkrise
4.6 Wertminderung von finanziellen Vermögenswerten – das incurred loss model
4.6.1 Ermittlung des Wertminderungsbedarfs von finanziellen Vermögenswerten, die zu fortgeführten Anschaffungskosten (LaR und HtM) bewertet werden
4.6.2 Ermittlung des Wertminderungsbedarfs von finanziellen Vermögenswerten der Kategorie AfS
4.7 Hierarchie bei der fair value Ermittlung
4.7.1 Überblick
4.7.2 Aktuelle Anwendungsbeispiele und Kritik an der fair value Bewertungshierarchie
4.8 Kritik am incurred loss model im Zusammenhang mit der europäischen Staatsschuldenkrise
4.8.1 Wertminderungen von Staatsanleihen im Zuge der europäischen Staatsschuldenkrise auf der Grundlage des incurred loss model
5. Ausblick - IFRS 9
5.1 Überblick
5.2 Erstmaliger Ansatz eines Finanzinstruments nach IFRS 9
5.3 Zugangs- und Folgebewertung nach IFRS 9
5.4 Wertminderungen von finanziellen Vermögenswerten nach IFRS 9 – das expected loss model
5.4.1 Kritik am expected-loss model
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Bilanzierung von Staatsanleihen unter den Rechnungslegungsstandards IAS 39 und IFRS 9 vor dem Hintergrund der europäischen Staatsschuldenkrise. Ein zentrales Ziel ist es, kritisch zu beleuchten, wie europäische Kreditinstitute das Ausfallrisiko in ihren IFRS-Abschlüssen erfasst haben und inwieweit die bestehenden Regelungen zur Wertminderung die Krise möglicherweise verschärft haben.
- Analyse der Einflussfaktoren auf Staatsanleihekurse und deren Kreditrisiko
- Bilanzielle Kategorisierung und Bewertung von Staatsanleihen nach IAS 39
- Kritische Würdigung des Incurred Loss Models im Kontext der Staatsschuldenkrise
- Gegenüberstellung des aktuellen Incurred Loss Models mit dem geplanten Expected Loss Model nach IFRS 9
- Empirische Einblicke in die Bilanzierungspraxis ausgewählter europäischer Großbanken
Auszug aus dem Buch
4.6 Wertminderung von finanziellen Vermögenswerten – das incurred loss model
Das bilanzierende Unternehmen ist gem. IAS 39.8 f. dazu verpflichtet, an jedem Bilanzstichtag die von ihm gehaltenen finanziellen Vermögenswerte auf das Vorliegen objektiver Hinweise einer Wertminderung (Impairment) zu untersuchen.
Für die Finanzinstrumente der Kategorie „at fair value through profit or loss“, also HfT und FVO, ist dieses per Definition nicht notwendig, da sich der erfolgswirksame Ansatz implizit aus der fair value Bewertung ergibt. Alle anderen finanziellen Vermögenswerte, die nicht GuV-wirksam zum fair value bewertet wurden, sind auf Wertminderung aufgrund von teilweiser bzw. auch vollständiger fehlender Einbringlichkeit der Forderungen zu überprüfen. Die Vorgehensweise und die Höhe der Wertminderung sind dabei davon abhängig, in welche Kategorie der finanzielle Vermögenswert zugeordnet wurde.
Die Ermittlung einer möglichen Wertminderung erfolgt im incurred loss model in einem zweistufigen Test. Im ersten Schritt wird untersucht, ob ein objektiver Hinweis vorliegt, der eine Wertminderung begründet. In einem zweiten Schritt wird geprüft, ob und in welcher Höhe eine Wertminderung vorliegt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung und Vorgehensweise bei der Untersuchung: Einführung in die Staatsschuldenkrise und die daraus resultierende Problematik der Bilanzierung von Staatsanleihen in IFRS-Abschlüssen.
2. Einflussfaktoren, die den Kurs einer Staatsanleihe beeinflussen können: Untersuchung der ökonomischen Determinanten wie Kreditrisiko, Risikoaversion und Liquidität, die zu den gestiegenen Renditeaufschlägen der Krisenstaaten führten.
3. Ziele und Rahmenbedingungen bei der Bilanzierung von Staatsanleihen: Erörterung der regulatorischen Anforderungen des IAS 39 und der politischen Einflüsse auf die Bilanzierung sowie Einführung in das IAS 39 Replacement Project.
4. Bilanzierung von Staatsanleihen nach IAS 39: Detaillierte Analyse der Kategorisierung, Folgebewertung und der Anwendung des Incurred Loss Models sowie kritische Diskussion der Bankenpraxis während der Krise.
5. Ausblick - IFRS 9: Vorstellung des zukünftigen Expected Loss Models als Reaktion auf die Mängel des Incurred Loss Models und dessen Auswirkungen auf die Risikovorsorge.
6. Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Herausforderungen, die die Staatsschuldenkrise an die Rechnungslegungsstandards gestellt hat, und Ausblick auf die Wirksamkeit zukünftiger Regelungen.
Schlüsselwörter
Staatsanleihen, Staatsschuldenkrise, IAS 39, IFRS 9, Incurred Loss Model, Expected Loss Model, Kreditrisiko, Fair Value, Wertminderung, Finanzinstrumente, Bilanzierung, Banken, Renditeaufschläge, Risikovorsorge, Rechnungslegung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die bilanzielle Behandlung von Staatsanleihen durch europäische Banken während der europäischen Staatsschuldenkrise unter Anwendung der IFRS-Standards.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen umfassen die Einflussfaktoren auf Renditeaufschläge, die Klassifizierung von Finanzinstrumenten nach IAS 39 sowie die kritische Analyse der Wertminderungsmodelle (Incurred Loss vs. Expected Loss).
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist zu klären, wie europäische Banken das Ausfallrisiko bei Staatsanleihen bilanziell abgebildet haben und ob die gewählten Rechnungslegungsmethoden die Wahrnehmung der Krise beeinflusst haben.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit kombiniert theoretische Analysen der Rechnungslegungsstandards mit einer empirischen Auswertung von Geschäftsberichten ausgewählter europäischer Großbanken (z.B. Commerzbank, BNP Paribas).
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der Bilanzierung nach IAS 39, der Kategorisierung von Staatsanleihen, der Problematik der Fair-Value-Ermittlung bei inaktiven Märkten und der Kritik am Incurred Loss Model.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Schlüsselwörter wie Staatsanleihen, Incurred Loss Model, Fair Value, IFRS 9 und Finanzinstrumente bilden den inhaltlichen Kern der Arbeit.
Welche Rolle spielen Ratingagenturen bei der Bilanzierung?
Die Arbeit erläutert, dass Ratingagenturen als wesentlicher Indikator für Investoren dienen und dass die Verschlechterung der Ratings von Krisenstaaten maßgeblich zu den gestiegenen Renditeaufschlägen beigetragen hat.
Warum wird das Incurred Loss Model des IAS 39 kritisiert?
Das Modell wird kritisiert, weil es Verluste oft erst zu spät („too little, too late“) und in zu geringer Höhe erkennt, da ein spezifisches Verlustereignis eingetreten sein muss, bevor eine Wertminderung gebucht werden darf.
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- Malte Krömker (Author), 2013, Die Bilanzierung von Staatsanleihen vor dem Hintergrund der europäischen Staatsschuldenkrise, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/264654