Die Raumsymbolik im lyrischen Werk A. A. Bloks


Seminararbeit, 2000
23 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt:

1. Einleitung

2. Methoden zur Beschreibung der Raumsprache A. A. Bloks
2.1.1. Die ‚These einer sich steigernden Dimensionalität‘ bei Minc
2.1.2. Bowlts ‚Raummodell des leeren Zwischenraums‘
2.1.3. Feinbergs Opposition ‚linear vs. nichtlinear‘
2.2. Gembas ‚Methode der systematischen Erfassung von Bedeutsamkeiten‘
2.2.1. Gembas Symbolbegriff – Symbolfunktionen und Lesarten
2.2.2. Semantische Raumkategorien
2.2.3. Ebenen der Interpretation
2.2.4. Ergebnisse

3. Die Raumkonfiguration des Poems Dvenadcat´
3.1. 'Hinten'
3.2. 'Mitte'
3.3. 'Vorne'
3.4 Vollständige Analyse nach Symbolfunktionen und Lesarten

4. Zusammenfassung

Verwendete Literatur

1. Einleitung

In der vorliegenden Arbeit sollen unterschiedliche Thesen zur Raumsprache der Lyrik A. A. Bloks vorgestellt werden. Als Grundlage wurden Holger Gembas ‚Untersuchungen der Raumsprache im lyrischen Werk A. A. Bloks‘[1] gewählt, da in ihnen sowohl der Forschungsstand zu diesem Thema reflektiert, als auch eine eigene ‚Methode der systematischen Erfassung von „Bedeutsamkeiten“‘[2] vorgeschlagen wird.

Nach einer Einführung in die Terminologie Gembas soll diese erweitert und anschließend auf Bloks Poem Dvenadcat` angewendet werden.

2. Methoden zur Beschreibung der Raumsprache A. A. Bloks

Gembas ‚Untersuchungen der Raumsprache im lyrischen Werk A. A. Bloks‘ gliedern sich in die Darstellung der vorhandenen Forschungsergebnisse in den Arbeiten Mincs, Bowlts und Feinbergs und die Etablierung einer eigenen ‚Methode der systematischen Erfassung von „Bedeutsamkeiten“‘, die anschließend auf die Gedichtzyklen ‚Gorod‘ und ‚Stichi o Prekrasnoj Damie‘ sowie auf das Poem ‚Dvenadcat´‘ angewandt wird. Die vorliegende Arbeit versucht, diesen Weg nachzuzeichnen, um die Methodik Gembas auch über seine Auseinandersetzung mit den genannten Ansätzen zu explizieren.

2.1.1. Die ‚These einer sich steigernden Dimensionalität‘ bei Minc

Minc unterstreicht die Bedeutung der Raumsprache für das lyrische[3] Gesamtwerk Bloks und weist auf die Bezüge zwischen der Figurendarstellung und der Funktion des Raumes hin. Sie konstatiert eine zunehmende Komplexität der Raumdarstellungs-verfahren in der Lyrik Bloks. Diese als Reifungsprozeß interpretierte Entwicklung des Dichters wird an drei Phasen (die sich fast deckungsgleich auf die drei Lyrikbände Bloks zurückführen lassen) festgemacht und mit drei unterschiedlichen, biographisch motivierten Raumerlebnissen verbunden.

Kennzeichnend für die erste Phase der Lyrik Bloks (u.a. Ante Lucem, Stichi o Prekrasnoj Damie), die nach Minc auf die Raumerfahrung der ‚mittelrussichen Landschaft von Šachmatovo‘ zurückgeht, ist das eindimensionale Raummodell eines horizontal begrenzten, jedoch nach oben offenen Raumes. Die grundlegende Raumopposition dieses Modells ist die Opposition ‚ verch - niz ‘, auch die Oppositionen ‚ dal´ - blizka ‘ und ‚ vperedi - szadi ‘ würden von Blok lediglich als Synonym für diese vertikale Raumopposition verwendet.

Das Raumerlebnis der ‚Sumpflandschaft um Petersburg‘ löst nach Minc die Hinwendung Bloks zu einem zweidimensionalen Raummodell aus, welches typisch für die die zweite Phase der Lytik Bloks (u.a. Puzyri Semli, Gorod) ist. Die Kategorie des Raumes wird hierbei als horizontal unbegrenzt, jedoch nach oben geschlossen erfahren.

Erst in der dritten Phase (u.a. Rodina, Karmen) wird der Aspekt der Dreidimensionalität festgemacht. Das dreidimensionale Raummodell eines horizontal und vertikal offenen Raumes geht hierbei nach Minc auf das Raumerlebnis der ‚Steppen der Heimat‘ zurück.

Mincs These einer sich steigernden Dimensionalität in der Lyrik Bloks kann graphisch über das folgende Schaubild dargestellt werden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.1.2. Bowlts ‚Raummodell des leeren Zwischenraums‘

Bowlt sieht in der Gegenüberstellung von ‚hier‘ und ‚[4] dort‘ die grundlegende Opposition der frühen und mittleren Phase im Schaffen Bloks. Diese Opposition teilt den lyrischen Kosmos Bloks in die zwei Seinsbereiche einer konkret erfahrbaren Umgebung des Irdischen und einer traumhaften, abstrakten, transzendenten Sphäre. Zwischen diesen beiden Bereichen lokalisiert Bowlt die Kategorie des Zwischenraums, der bei Blok als leer bzw. unüberwindbar dargestellt wird. Hierdurch erscheinen die Raumkategorien des ‚hier‘ und ‚dort‘ als disparate Ebenen, das ‚dort‘ ist lediglich durch Visionen oder auditive Wahrnehmungen erfahrbar. Ähnlich wie Minc verbindet Bowlt die Gegenüberstellung ‚hier‘ vs. ‚dort‘ mit einer vertikalen Raumopposition ‚unten‘ vs. ‚oben‘, was schließlich zur Bezeichnung Bloks als ‚poet of the vertical‘ führt.

2.1.3. Feinbergs Opposition ‚linear vs. nichtlinear‘

Auch Feinberg interpretiert das lyrische Schaffen Bloks[5] als Entwicklungsprozeß, der in dieser mentalistischen Analyse an den Opposition ‚lineare Strukturen‘ vs. ‚nichtlineare Strukturen‘ festgemacht wird. Die Kategorien ‚linear‘ und ‚nichtlinear‘ stellen nach Feinberg generelle Formen des Denkens und Wahrnehmens dar, die über die Begriffspaare ‚analytisch‘ vs ‚holistisch‘, ‚rational‘ vs. ‚intuitiv‘ und ‚rezeptiv‘ vs. ‚aktiv‘ gekennzeichnet werden.

In der ersten Schaffensperiode Blok (ca. 1900-1904), die als Phase der These gekennzeichnet wird, überwiegt das lineare Prinzip der Welterfahrung. Ihr gegenübergestellt wird die zweite Phase der Antithese (bis ca. 1908), in der eine Trennung linearer und nichtlinearer Strukturen beobachtbar wird. Die dritte Schaffensperiode wird schließlich als Phase einer differenzierten Synthese bezeichnet, in der lineare und nichtlineare Strukturen miteinander verbunden werden.

2.2. Gembas ‚Methode der systematischen Erfassung von Bedeutsamkeiten‘

2.2.1. Gembas Symbolbegriff – Symbolfunktionen und Lesarten

Die Kritik Gembas an den vorgestellten Forschungsansätzen richtet sich vor allem gegen das Prinzip der Gleichsetzung symbolischer Bedeutsamkeiten mit referentiell ableitbaren Raumvorstellungen. Die Forderung nach einer getrennten Betrachtung dieser beiden Ebenen scheint bereits in Gembas Definition des Symbolbegriffs durch:

‘Der in dieser Arbeit zugrundegelegte Symbolbegriff geht von einer Polysemie semantischer Bezüge aus, die nur aus einer möglichst vollständigen, systematischen Übersicht der Einzelverwendungen eines jeweiligen Lexems und dessen Interpretation im jeweiligen Kontext zu rekonstruieren ist. Symbole werden nicht als semantische Entitäten betrachtet, sondern beruhen auf einer Vielzahl aktualisierbarer semantischer Bezüge, die sich nicht eindeutig auf bestimmte Deutungsbereiche festlegen lassen. Sie sind von Metaphern durch eine extreme Weiterentwicklung in der Vagheit des jeweilig herstellbaren semantischen Vergleichsbezuges unterschieden.’[6]

Aus dieser Haltung heraus macht Gemba seine Kritik an Mincs (und indirekt auch Bowlts) These der Eindimensionalität fest: die Rückführung der Raumoppositionen auf die Opposition ‚verch‘-‚niz‘ ist unzulässig, da sie aus einer Vermischung der genannten Analyseebenen resultiert.

‘Statt der von Minc propagierten Synonymie zugunsten der vertikalen Betrachtungsweise ist somit eine semantische Analogie diskreter Raumbegriffe im Sinne einer partiellen funktionalen Äquivalenz anzusetzen. Der Oberbegriff dieser Analogie ist dabei nicht eine aus der Referenz abzuleitende Raumvorstellung, wie etwa „oben”, sondern die Lesart: Unerreichbarkeit als die in der Interpretation erschlossene symbolische Bedeutsamkeit der Raumbegriffe.‘[7]

Das Analysemodell Gembas faßt die herausgearbeiteten Ebenen mit den Begriffen ‚Symbolfunktion‘ und ‚Lesart‘:

‘Symbolfunktionen identifizieren die zunächst funktionale, abstrakte „Bedeutsamkeit” der jeweilig interpretierten Raumsymbole im spezifischen Kontext ihrer Verwendung. Sie dokumentieren auf einer relativ „groben” Ebene der Interpretation die verschiedenen herausgearbeiteten Haupttypen innerhalb der Verwendung der erfaßten Raumsymbole und definieren unterschiedliche semantische Funktionen.’[8]

‘Lesarten stellen in dieser Arbeit elementare Kurzinterpretationen zu spezifischen Lexemen in konkreten Kontexten dar. Sie stehen in der hier zugrundeliegenden Hierarchie der Interpretationsebenen an unterster Stelle. Lesarten sind Schlüsselbegriffe, die wesentliche Bedeutungsoppositionen eines zugehörigen Raumsymbols im konkreten Kontext wiedergeben. Sie veranschaulichen auf einer „feinen” Ebene der Interpretation die eher abstrakten Aussagen zum Symbol, die auf der zuvor beschriebenen „groben” Ebene der Symbolfunktionen getroffen werden. Durch die enge Anbindung der Lesarten als Einzelinterpretationen an den Text wird ein Vergleich identischer und unterschiedlicher Lexeme möglich, der sowohl die Einzelverwendung im konkreten Kontext, als auch die abstrakteren Symbolfunktionen berücksichtigt.’[9]

Die möglichen Symbolfunktionen unterteilt Gemba nach ihrer ‚Betonung der symbolischen Funktion‘ (Opposition, Parallelisierung) bzw. ‚Betonung des symbolischen Inhalts‘ (Lokalisierung, Deutung). Die folgenden Tabelle gibt die Klassifikation Gembas wieder und illustriert sie anhand einiger Beispiele:

[...]


[1] Gemba, Holger: Untersuchungen der Raumsprache im lyrischen Werk A. A. Bloks. München 1990

[2] ibd. S. 1

[3] vgl.: ibd. S. 10-24 (unter Bezug auf: Minc, Z. G.: Struktura „chudožestvennogo prostranstva” v lirike A. Bloka. In: Trudy po russkoj i slavjanskoj filologii, XV: Literaturovedenie. Tartu 1970. S. 203-293)

[4] vgl.: ibd. S. 25-32 (unter Bezug auf: Bowlt, J. E.: Here and There: The Question of Space in Blok´s Poetry. In: Vickery, W. N./ Sagatov, B. B. (Hrsg.): Aleksandr Blok Centennial Conference. Columbus/Ohio 1984. S. 61-72)

[5] vgl.: ibd. S. 33-35 (unter Bezug auf: Feinberg, L. E.: Of Two Minds: Linear vs. Non-Linear in Blok. In: In: Vickery, W. N./ Sagatov, B. B. (Hrsg.): Aleksandr Blok Centennial Conference. Columbus/Ohio 1984. S. 141-158)

[6] ibd. S. 3

[7] ibd. S. 21

[8] ibd. S. 66 (Hervorhebungen von mir, H.R.)

[9] ibd. S. 72 (Hervorhebungen von mir, H.R.)

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Die Raumsymbolik im lyrischen Werk A. A. Bloks
Hochschule
Universität Potsdam
Note
2,0
Autor
Jahr
2000
Seiten
23
Katalognummer
V264690
ISBN (eBook)
9783656540205
ISBN (Buch)
9783656542186
Dateigröße
592 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
raumsymbolik, werk, bloks
Arbeit zitieren
Heinz Rosenau (Autor), 2000, Die Raumsymbolik im lyrischen Werk A. A. Bloks, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/264690

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