Ich kann nicht anders! Wie Zwangsstörungen das Leben beeinflussen


Fachbuch, 2013

101 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Zwanghafte Persönlichkeitsstörung und Zwangsstörung. Zu den Gemeinsamkeiten und Unterschieden beider Störungen von Alice Herwig 2010
Einleitung
Die zwanghafte Persönlichkeit
Die Zwangsstörung
Gemeinsamkeiten und Unterschiede beider Krankheitsbilder
Zusammenfassung und Ausblick
Literaturverzeichnis

Die Zwangsstörung - Eine psychische Erkrankung von Sascha Krüger 2011
Einleitung
Definition einer Zwangsstörung
Ursachen einer Zwangsstörung
Behandlungsmöglichkeiten einer Zwangsstörungen
Zusammenfassung und Fazit
Literaturverzeichnis:

Zwangsstörung – Erklärungsmodelle und Darstellung des verhaltenstherapeutischen Behandlungsablaufes von Undine Thiemeier 2009
Einleitung
Zwangsstörungen – Symptomatik, Epidemiologie und Verlauf
Psychologische Ursachen für Zwangsstörungen
Der Ablauf verhaltenstherapeutischer Behandlung
Schlussbetrachtung
Literaturverzeichnis
Internetquelle

Phänomen Messie: Eine neue Form der Zwangserkrankung? von Silke Bachert 2008
Einleitung
Vergleiche mit ähnlichen Erkrankungen
Zuordnungsversuche zu anderen Erkrankungen
Komorbidität beim Messie-Phänomen
Therapieansätze
Fazit
Quellenverzeichnis

Zwanghafte Persönlichkeitsstörung und Zwangsstörung. Zu den Gemeinsamkeiten und Unterschieden beider Störungen von Alice Herwig 2010

Einleitung

Die zwanghafte Persönlichkeitsstörung ist in der Bevölkerung im Gegensatz zu anderen Persönlichkeitsstörungen (wie z. B. Borderline) relativ unbekannt. Die Störung kann zunächst recht unauffällig bleiben. Laien verwechseln den Begriff der zwanghaften Persönlichkeit daher nur zu häufig mit der Zwangsstörung. Außerdem ist auch die Literatur zur zwanghaften Persönlichkeit recht schmal gefächert, was ihrem Bekanntheitsgrad nicht förderlich ist.

In dieser Arbeit geht es darum, zum einen die zwanghafte Persönlichkeitsstörung und die Zwangsstörung vorzustellen und zum anderen, beide zu vergleichen – mit dem Ziel, sie eindeutig von einander abzugrenzen. Dabei werden zunächst die Krankheitsbilder und deren Ätiologie und Epidemiologie vorgestellt. Weiterhin werden diagnostische Leitlinien und Instrumente vorgestellt und Beispiele für die therapeutische Behandlung gegeben.

Die zwanghafte Persönlichkeit

Krankheitsbild, Ätiologie und Diagnosekriterien

Wie bei allen Persönlichkeitsstörungen handelt es sich auch bei der zwanghaften Persönlichkeit um ein Krankheitsbild mit tief verwurzelten, anhaltenden Verhaltensmustern. Sie zeichnen sich durch ihre Stabilität aus und beziehen sich auf verschiedene Bereiche des Verhaltens und der psychischen Funktionen. Persönlichkeitsstörungen basieren nicht auf anderen psychischen Störungen, sie haben ihren Ursprung in der Kindheit und Adoleszenz, denn dies sind die Lebensphasen, in denen sich die Persönlichkeit eines Menschen entwickelt und an deren Ende sie vermutlich ausgereift ist. Störungen der Persönlichkeit sind aus diesem Grund auch abzugrenzen von Änderungen der Persönlichkeit zu einem späteren Zeitpunkt im Leben.

Persönlichkeitsstörungen sind klassifizierte Krankheiten. Zur zwanghaften Persönlichkeitsstörung findet man in der ICD-10 (WHO, 2005) die anankastische (zwanghafte) Persönlichkeitsstörung (F60.5). Diese ist typischerweise gekennzeichnet durch

1. übermäßigen Zweifel und Vorsicht,
2. ständige Beschäftigung mit Details, Regeln, Listen, Ordnung, Organisation und Plänen
3. Perfektionismus, der die Fertigstellung von Aufgaben behindert
4. übermäßige Gewissenhaftigkeit, Skrupelhaftigkeit und unverhältnismäßige Leistungsbezogenheit unter Vernachlässigung von Vergnügen und zwischenmenschlichen Beziehungen
5. übermäßige Pedanterie und Befolgung von Konventionen
6. Rigidität und Eigensinn
7. unbegründetes Bestehen auf der Unterordnung anderer unter eigene Gewohnheiten oder unbegründetes Zögern, Aufgaben zu delegieren
8. Andrängen beharrlicher und unerwünschter Gedanken oder Impulse.

Die diagnostischen Kriterien gemäß DSM-IV sind beinahe identisch. Sie enthalten allerdings noch einige Nebenaspekte der Störung, wie z. B. das häufige Einhergehen depressiver Verstimmungen und Ärger über Kritik (Fiedler, 2001).

Dadurch, dass die stärksten Eigenschaften der zwanghaften Persönlichkeit – Ordnungsliebe und Ausdauer – in der Gesellschaft als positive Charaktereigenschaften anerkannt sind, auf die man stolz sein kann und denen man entgegenstrebt, suchen Betroffene eher selten allein deswegen therapeutische Hilfe auf (Fiedler, 2001). Erst, wenn sich durch die Persönlichkeitseigenschaften Schwierigkeiten und Einschränkungen im Alltag und vor allem in den zwischenmenschlichen Beziehungen einstellen und ein Leidensdruck entsteht, wird Hilfe aufgesucht. Beispielsweise kann die übertriebene Ordnungsliebe mit erheblichem Zeitaufwand einhergehen, der betrieben wird, um aufzuräumen, zu putzen, usw. So kann es passieren, dass Betroffene ihren anderen Aufgaben und Beziehungen nicht mehr ausreichend nachkommen können, da sie sich zu unwohl fühlen, wenn sie ihren selbst auferlegten Pflichten nicht ausreichend nachkommen. Sie verlieren Freunde, machen kaum neue Bekanntschaften und verlassen immer seltener ihre Wohnungen. Ihre Gedanken kreisen fast ausschließlich um Pläne, Abläufe, Ordnung, Sauberkeit, usw. Somit herrscht ein schmaler Grad zwischen einer akzentuierten Persönlichkeit, z. B. eines sehr ordentlichen Menschen, und einem krankhaft ausgeprägten Zwangscharakter, dessen Ordnungssinn und Perfektionismus sein gesamtes Leben bestimmen und ihn im Endeffekt unglücklich machen. Die eigentlichen Probleme entstehen also erst aus der Zwanghaftigkeit.

Ein relativ spätes Aufsuchen von professioneller Hilfe ist vielleicht auch auf die weitgehende Unbekanntheit der zwanghaften Persönlichkeitsstörung in der Bevölkerung zurückzuführen. Viele Betroffene kommen möglicherweise nicht auf den Gedanken, ihr Leiden sei tatsächlich als psychische Störung definierbar, da die Handlungen von den weitaus bekannteren Zwangsstörungen noch weit entfernt scheinen – also sieht man sich auch nicht als krank an.

Wie es zu einer zwanghaften Persönlichkeitsstörung kommt, ist unklar. Es gibt allerdings einige unterschiedliche Erklärungsansätze (siehe Abbildung 1), von denen an dieser Stelle auf drei eingegangen werden soll, die von Fiedler (2001) beschrieben werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Erklärungsansätze zur Entstehung der zwanghaften Persönlichkeitsstörung (ZPS); erstellt v. Verf.

Die Psychoanalyse ging lange Zeit davon aus, dass zwanghafte Charaktereigenarten aus den sogenannten „analen Konflikten“ entstehen. Bis in die 60er Jahre hinein galt eine falsche oder zu frühe Sauberkeitserziehung als der Hauptgrund für Zwanghaftigkeit. Dies konnte empirisch allerdings nicht bestätigt werden. Viel auffälliger ist, dass die Eltern betroffener Kinder selbst überzufällig häufig über ähnliche Eigenarten und Symptome verfügten.

Die kognitive Perspektive des Psychoanalytikers Shapiro geht davon aus, dass das Hauptproblem bei der Störung eher eine Intentionsstörung sei – die Betroffenen versuchen sich vor externalen Einflüssen zu schützen und eine scheinbar autonome Handlungsfreiheit aufrecht zu erhalten, die aber sei leider wiederum getrieben von moralischen oder sozial angemessenen Regeln.

Weiterhin gibt es Sullivans interpersonelle Perspektive, die eine grundlegende interaktionelle Unsicherheit oder auch Hilflosigkeit des betroffenen Menschen voraussetzt. Der Wunsch, diese zwischenmenschliche Barriere zu überwinden, bringe die Person dazu, so gut es geht allgemeinen Regeln und Normen zu entsprechen – so könne übertriebene Ordnung usw. entstehen.

Epidemiologie

Nach Fiedler (2001) liegen bisher epidemiologische Studien zu Persönlichkeitsstörungen nur sehr begrenzt vor. Allerdings könne man davon ausgehen, dass Persönlichkeitsstörungen allgemein eine der am häufigsten auftretenden psychischen Krankheiten sind (Dittmann & Stieglitz, 2001). Aufgrund der wenigen Studien und der geringen Stichprobengrößen in den vorhandenen, lassen sich Zahlen nur schätzen. Schwankungen ergeben sich durch die unterschiedlichen Kriterien der Studien, wie Ein- und Ausschlusskriterien hinsichtlich der Krankheitsdefinition oder der Betrachtung von Einzelphasen oder des Gesamtverlaufs der Störung. Die Häufigkeit des Auftretens einer anankastischen Persönlichkeitsstörung liegt unter Berücksichtigung dieser Unterschiede bei etwa 1,7 bis 6,4 % der deutschen Bevölkerung (Engels, 2010). Die Borderline-Störung kommt seltener vor (schätzungsweise 1,1 bis 4,6 % der Bevölkerung), ist aber dennoch in der Bevölkerung viel bekannter, wahrscheinlich aufgrund ihres auffälligeren und bedrohlicheren Erscheinungsbildes.

Die Zwangsstörung

Krankheitsbild, Ätiologie und Diagnosekriterien

Die Zwangsstörung ist eine Krankheit mit sehr hohem Leidensdruck. Sie ist laut ICD-10 gekennzeichnet durch zwei unterschiedlichen Symptomgruppen: Zum einen gibt es die Zwangsgedanken, die aus wiederkehrenden Ideen, Vorstellungen und Impulsen bestehen, die den Betroffenen stereotyp und quälend beschäftigen (Fiedler, 2001). Dies kann z. B. die Vorstellung sein, dass alle Gegenstände mit Bakterien übersät sind. Vor allem bei Kindern drehen diese Vorstellungen sich häufig um Verunreinigung und Kontamination, aber auch um Symmetrie und Genauigkeit (Simons, 2009). Zum anderen gibt es Zwangshandlungen. Dies sind Rituale und Handlungswiederholungen, die meist sinnlos erscheinen. Trotz eines großen Leidensdrucks gelingt es den Betroffenen nicht, die Handlungen zu unterlassen. Beispielsweise fühlen einige Betroffene den Zwang, ständig zählen zu müssen, Lichtschalter wieder und wieder zu betätigen, oder auch sich die Hände wieder und wieder zu waschen. Aus solchen Zwängen können auch körperliche Schädigungen entstehen, z. B. wenn durch das extrem häufige Händewaschen die Haut wund und entzündlich wird.

Es gibt zahlreiche Störungstheorien und Ätiologiemodelle zu Zwangsstörungen. Einzuteilen sind diese in kognitive, lerntheoretische, neuropsychologische und familiäre bzw. soziokulturelle Modelle. Die neuropsychologische oder auch biologische Perspektive ist relativ neu und verweist auf einen genetischen Aspekt (Vererbung) bei der Wahrscheinlichkeit, an einer Zwangsstörung zu erkranken. Zwangserkrankungen treten familiär gehäuft auf, es ist also möglich, dass diese Krankheit erblich ist – das Risiko für Kinder zwangserkrankter Eltern schwankt zwischen 5 und 25 % (Benkert & Lenzen-Schulte, zit. n. Niemierza, 2003). Auch bei getrennt aufwachsenden eineiigen Zwillingen weist ein Zwilling signifikant häufig eine Zwangsstörung auf, wenn sein Zwilling an einer erkrankt ist (Geller, 2006).

An dieser Stelle soll zur Veranschaulichung kurz auf ein lerntheoretisches und ein kognitives Modell eingegangen werden. In erstere Kategorie fällt das lang etablierte Zwei-Faktoren-Modell von Mowrer (1947). Es wurde ursprünglich zur Erklärung von Phobien entwickelt, aber auf Zwänge ausgeweitet. Demnach ist die Entstehung und die Aufrechterhaltung von Zwängen auf einen zweistufigen Lernprozess zurückzuführen, bei welchem durch klassische Konditionierung eine Angstreaktion auf einen normalerweise neutralen Stimulus ausgelöst wird (z. B. Schmutz) (Lakatos & Reinecker, 2007). Dies geschieht normalerweise durch ein traumatisches Erlebnis. Die zweite Stufe des Lernprozesses ist dann die operante Konditionierung: Die Ausführung bestimmter Verhaltensweisen (also die Zwangshandlung) reduziert die Angst, was das Verhalten wiederum negativ verstärkt. Der Realitätsbezug des Modells wird durch den Erfolg des gängigen Therapiemodells der Exposition mit Reaktionsverhinderung bestätigt.

Eine Theorie des kognitiven Erklärungsansatzes ist das kognitiv-behaviorale Modell von Salkovski et al (1988). Es besagt, dass bei Zwängen die Gedanken einen Stimulus-Charakter haben. Sie drängen sich dem Betroffenen unfreiwillig auf. Daneben existieren die Zwangshandlungen, die einen Reaktions-Charakter haben und absichtlich ausgeführt werden (Lakatos & Reinecker, 2007). Es besteht also eine Reiz-Reaktions-Beziehung zwischen beiden Komponenten und dies sollte der Ausgangspunkt für eine Intervention sein.

Untersuchungen zum Zusammenhang von Zwangsstörungen, Ängsten und Phobien haben gezeigt, dass Ängste eine weniger große Rolle als Steuerungsimpuls für Zwänge spielen als Erregung und Unruhe (Fiedler, 2001).

Epidemiologie

Meist liegt der Krankheitsbeginn einer Zwangsstörung zwischen dem 20. und 25. Lebensjahr, in beinah allen Fällen jedoch vor dem 40. Lebensjahr (Gumpert, 2010). Im Kindes- und Jugendalter liegt der Krankheitsbeginn im Mittel bei 10,4 Jahren, gut dokumentierte Fälle gibt es bereits für dreijährige Kinder. (Simons, 2009). Etwa 2 % der deutschen Bevölkerung sind momentan aufgrund einer Zwangsstörung in Behandlung, unabhängig von der Altersgruppe.

Gemeinsamkeiten und Unterschiede beider Krankheitsbilder

Epidemiologie, Verlauf und Prognose

Sowohl für Zwangsstörungen als auch für zwanghafte Persönlichkeiten gilt: Sobald der Betroffene durch seine Gedanken und Handlungen große Einschränkungen in seinem Leben und einen Leidensdruck erhält, kann man von Krankhaftigkeit sprechen und therapeutische Maßnahmen sind angezeigt. Beide Krankheitsbilder stehen für sich und müssen bei der Diagnostik gegenseitig ausgeschlossen werden, das heißt, eine Zwangsstörung wird in aller Regel nicht diagnostiziert, wenn eine zwanghafte Persönlichkeitsstörung diagnostiziert wurde und umgekehrt. An dieser Stelle sei aber noch erwähnt, dass hier die Meinungen auseinandergehen und z. B. Weitbrecht (1963, in Fiedler, 2001) und Scharfetter (1976, in Fiedler, 2001) für möglich halten, dass Zwangsstörungen das Produkt einer zwanghaften Persönlichkeit sind. Schneider (1923, in Fiedler, 2001) vertritt die Auffassung, dass zwanghafte Persönlichkeiten nur eine Unterform der ängstlich-vermeidenden Persönlichkeitsstörung sind. Im Folgenden werden die Kriterien der ICD-10 als Grundlage verwendet.

Eine zwanghafte Persönlichkeitsstörung kann erst mit dem Eintritt in das Erwachsenenalter diagnostiziert werden, da vorher noch nicht von einer reifen Persönlichkeit ausgegangen wird – sie befindet sich noch zu stark in der Entwicklung. Dagegen können Zwangsstörungen bereits im Alter von 3 Jahren auftreten, obgleich dies selten geschieht. Die Zwangsstörung entwickelt sich meist nicht schleichend aus einer vormals angenehmen Eigenschaft, sondern setzt gleich als auffälliges und behinderndes Merkmal ein.

Der wahrscheinlich größte Unterschied zwischen einer Zwangsstörung und einer zwanghaften Persönlichkeitsstörung liegt wohl in der Sinnlosigkeit und Absurdität der Zwangshandlungen eines zwangsgestörten Menschen im Gegensatz zu den scheinbar sinnvollen und auf den ersten Blick vielleicht sogar bewundernswerten Eigenschaften eines Menschen mit einer zwanghaften Persönlichkeitsstörung. Einem zwanghaften Menschen selbst und auch den Personen in seinem Umfeld ist die Sinnlosigkeit und Krankhaftigkeit seiner Handlungen meist sehr bewusst. Eine Person jedoch, die die meiste Zeit des Tages mit bestimmten Arbeiten wie Aufräumen oder Putzen verbringt und alles andere diesen Tätigkeiten unterordnet, bis sie sich völlig von ihrem Umfeld isoliert hat, wird den Zeitpunkt ihres Übergangs von gesundem zu krankem Verhalten kaum definieren können. Auch sind die Handlungen, die sie tätigt, an und für sich weder unnormal noch auffällig oder sinnlos. Hierbei ist vielmehr die Quantität ausschlaggebend. Trotz der meist positiven Assoziationen mit den grundlegenden Eigenschaften und Handlungen einer zwanghaften Persönlichkeit wird häufig berichtet, dass Betroffene Scham empfinden und soweit wie möglich ihre Eigenartigkeit vor anderen zu verbergen versuchen (Simons, 2009). Von starken Schamgefühlen betroffen sind Patienten mit Zwangsstörungen. Diese stoßen durch die häufige Offensichtlichkeit ihrer Zwangshandlungen natürlich schneller und öfter auf Unverständnis in ihrer Umgebung als Menschen mit zwanghafter Persönlichkeit. Außerdem schämen sie sich oft sehr für ihre aggressiven oder sexuellen Zwangsgedanken, gerade, wenn sie diese jemandem mitteilen sollen (den Eltern, dem Therapeuten, o.ä.).

Eine weitere Gemeinsamkeit stellt die Komorbidität mit depressiven Störungen dar, die durch die soziale Isolation und die große Einschränkung im alltäglichen Leben begründbar sein könnte.

Was den Therapieerfolg und die Prognose angeht, zeigt eine Metastudie von Stewart et al. 2004, dass etwa 40 % der therapeutisch behandelten Patienten mit Zwangsstörungen nach einem bis 15,6 Jahren eine vollständige Remission erreichen, es sind 59 %, wenn man Patienten mit subklinischen Auffälligkeiten mit einbezieht (Simons, 2009). Die Zwangsstörung hat bei Behandlung also recht gute Prognosen. Zwar sind auch hier vollständige Heilungen selten, jedoch kommt es häufig zu einer stabilen Remission. Eine kombinierte Behandlung sowohl mit kognitiver Verhaltenstherapie als auch mit Pharmakotherapie hat gute Erfolge gezeigt, allerdings zeigt auch die VT allein meist sehr gute Ergebnisse. Im Gegensatz dazu ist eine reine Pharmakotherapie meist nicht erfolgreich. (Fiedler, 2001 und Lakatos & Reinecker, 2007).

Was die zwanghafte Persönlichkeitsstörung angeht, gibt es nur sehr dürftige Veröffentlichungen über Therapieerfolge und Prognosen. Es gibt nur für zwei Arten von Persönlichkeitsstörungen echte Langzeitstudien, dies sind die Borderline und die antisoziale Persönlichkeitsstörung (Engels, 2010). Für Persönlichkeitsstörungen allgemein behauptet jedoch Tölle (1986, zitiert nach Engels, 2010), dass ein Drittel der Betroffenen an rezidiven Krisen leide, ein Drittel anhand von Kompromissen das Leben meistere und ein Drittel einen günstigen Verlauf mit teilweise guter Lebensbewältigung nimmt. Dies sind allerdings Zahlen über alle Persönlichkeitsstörungen und erlauben keinen Rückschluss auf die Prognose einer spezifischen Persönlichkeitsstörung wie der zwanghaften Persönlichkeit.

Eine zwanghafte Persönlichkeitsstörung ist also in der Regel nicht vollständig heilbar. Es ist zwar durchaus möglich, dem Patienten zu einem Stadium zu verhelfen, in dem er wieder alltagsfähig wird und es schafft, seine sozialen Kontakte zu pflegen. Allerdings macht es die tiefe Verwurzelung der Störung in der Persönlichkeit schwer, von einer vollständigen Heilung zu sprechen.

Diagnostik von Zwangsstörungen

Wie bereits erwähnt, schließen sich die Diagnose einer Zwangsstörung und einer zwanghaften Persönlichkeitsstörung in aller Regel gegenseitig aus. In beiden Fällen umfasst eine klinisch-psychologische Diagnostik einen psychopathologischen Befund, eine Anamnese und einen testpsychologischen Befund (Simons, 2007). Zur Abklärung von Zwangsstörungen im Kindesalter empfehlen sich das Breitband- und Screeningverfahren CBCL (Child Behavior Checklist), welches eine Subskala mit acht Items zu Zwangsstörungen beinhaltet und die speziell für die Diagnostik von Zwangsstörungen entwickelte CYBOCS (Children´s Yale-Brown Obsessive Compulsive Scale) von Goodman et al. Diese misst Zwangsgedanken, Zeitaufwand, Beeinträchtigung und Leidensdruck und den Grad der Kontrolle über den Zwang. Es wird eine Schweregradzuordnung von einer leichten, mittelgradigen oder schweren Zwangsstörung vorgenommen. Im Erwachsenenalter werden Zwangserkrankungen vorwiegend diagnostiziert mit der Y-BOCS (Yale-Brown Obsessive Compulsive Scale) von Goodman et al., 1989. Außerdem gibt es unter anderem noch das Hamburger Zwangsinventar (HZI) von Zaworka , Hand, Jauernig und Lünenschloß. Dies ist ein Fragebogen zur Erfassung von Zwangsgedanken und Zwangsverhalten. Er ist gut geeignet, um die Diagnostik anhand des Y-BOCS Interviews zu ergänzen (Emmelkamp & van Oppen, 2000).

Weiterhin sollten auch komorbide Störungen erfasst und die Entstehung und der Verlauf der Beschwerden nachverfolgt werden. Hierzu gehören z. B. belastende Lebensereignisse und Konflikte.

Die Probleme, die während der Diagnostik einer Zwangsstörung auftreten können, sind altersunabhängig. Der Diagnostiker sollte sich stets bewusst machen, dass sich viele Zwangspatienten für ihre Zwangsgedanken und Handlungen schämen. Vor allem, wenn es sich um aggressive oder sexuelle Gedanken handelt oder um Rituale, die mit Stuhlgang zu tun haben (Emmelkamp & van Oppen, 2000). Außerdem kann es unter Umständen sehr zeitaufwendig für den Patienten sein, den Fragebogen auszufüllen, wenn er sich vor Ansteckungen oder Schmutz fürchtet, wenn er den Stift oder den Fragebogen anfassen muss. Die Antworten der Zwangspatienten sind meist sehr weitschweifig, da sie nicht recht zwischen wichtigen und unwichtigen Informationen in Bezug auf ihre Erkrankung unterscheiden können.

Diagnostik von Persönlichkeitsstörungen

Die Schwierigkeit bei der Diagnostik von Persönlichkeitsstörungen allgemein ist es, die Kriterien der einzelnen Störungskategorien angemessen in Items umzusetzen (Dittmann, Ermer & Stieglitz, 2001). Es fehlt ein Standard zur Validierung von Persönlichkeitsstörungen, es gibt kein „Außenkriterium“, so dass eine externe Validierung einer Persönlichkeitsstörung kaum möglich ist (Bronisch, zit. N. Leibing & Doering, 2006). Eine Validierung neuer Messinstrumente erfolgt über die Überprüfung der konvergenten und diskriminanten Validität.

Es lässt sich heute zwischen zwei Formen der Diagnostik bei Persönlichkeitsstörungen unterscheiden: Auf der einen Seite stehen die Fremdbeurteilungsverfahren, dies sind meist standardisierte Interviews und Checklisten. Auf der anderen Seite stehen die Selbstbeurteilungsverfahren in Form von Fragebögen. Diese weisen allerdings das Problem auf, dass sie nicht ausreichend an die Diagnosesysteme angebunden sind. Hohe Werte auf einzelnen Skalen weisen somit nicht zwangsläufig auf eine Persönlichkeitsstörung hin, was die Fragebögen allein als Diagnoseinstrument nicht empfehlenswert macht (Dittmer, Ermer & Stieglitz, 2001). Außerdem muss auch hier, wie bei allen psychologischen Fragebögen, auf die Störfaktoren geachtet werden, die von der Person ausgehen (soziale Erwünschtheit usw.). Genau wie bei Zwangspatienten, wenn auch nicht in derselben Ausprägung, kann auch bei Patienten mit zwanghafter Persönlichkeitsstörung eine Scham vor der eigenen Störung bestehen. Mit Selbstbeurteilungsinstrumenten läuft man als Diagnostiker also Gefahr, selbstwertdienliche Antworten zu provozieren.

Die Frage zu klären, welche Instrumente am besten geeignet sind, um eine zwanghafte Persönlichkeitsstörung zu diagnostizieren, würde im Rahmen dieser Arbeit zu weit führen. Daher folgen an dieser Stelle einige Beispiele für standardisierte Interviews auf Basis der DSM-Kriterien:

- Strukturiertes Klinisches Interview für DSM-IV Achse II: Persönlichkeitsstörungen (SKID-II) (Fydrich et al., 1997)
- Diagnostic Interview for Personality Disorders (DIPD) (Zanarini et al., zit. n. Fiedler, 2001).
- Personality Disorder Examination (PDE) (Loranger et al., zit. n. Fiedler, 2001).
- International Personality Disorder Examination(IPDE) (Loranger et al., 1996).

Diese Interviews können mit Screeningverfahren und Checklisten ergänzt werden. Laut Fiedler (2001) ist ein erfahrener Diagnostiker in der Lage, anhand von Checklisten eine sehr zuverlässige Bestimmung von Persönlichkeitsstörungen zu erreichen. Solche Screenings und Checklisten sind beispielsweise

- Internationale Diagnosen Checkliste für die DSM-IV / ICD-10 Persönlichkeitsstörungen (IDCL-P) (Bronisch et al., zit. n. Fiedler, 2001).
- ICD-10 Merkmalsliste (ICDML) (Dittmann et al., zit. n. Fiedler, 2001).
- Aachener integrierte Merkmalsliste zur Erfassung von Persönlichkeitsstörungen (AMPS) (Saß et al., zit. n. Fiedler, 2001).
- Iowa Personality Disorder Screen (IPDS) (Langbehn et al., zit. n. Fiedler, 2001).
Folgende Selbstbeurteilungsinstrumente (Fragebögen) finden Anwendung in der Praxis:
- Personality Disorder Questionnaire (PDQ [-R]) (Hyler at al., zit. n. Fiedler, 2001).
- Persönlichkeits-Stil und Störungsinventar (PSSI) (Kuhl & Kázen, 1997).
- Schedule for Normal and Abnormal Personality (SNAP) (Clark, zit. n. Fiedler, 2001).
- MMPI Scales for DSM-III Personality Disorders (MMPI-PD) (Morey et al., zit. n. Fiedler, 2001).
- Millon Clinical Multiaxial Inventory – III (MCMI-III) (Millon et al., zit. n. Clark & Harrison, 2001).
- Coolidge Axis II Inventory (CATI) (Coolidge & Mervin, zit. n. Clark & Harrison, 2001).

Therapie einer Zwangsstörung

Jahrzehntelang galten Zwänge als unbehandelbar. In den 60er Jahren jedoch kam die Technik der Exposition und Reaktionsverhinderung auf und brachte den Fortschritt (Lakatos & Reinecker, 2007). Bis heute wurde deren Wirksamkeit in vielen Studien klar belegt und zwar für jede Art von Zwang.

Was die Pharmakotherapie angeht, sprechen Zwänge interessanterweise nur auf Antidepressiva aus der Gruppe der Serotonin-Wiederaufnahmehemmer an und nicht auf Anxiolytika, wie man vermuten könnte. Die medikamentöse Behandlung empfiehlt sich außerdem, wie bereits an früherer Stelle erwähnt, nur in Kombination mit einer Verhaltenstherapie. Im Zweifel zeigt eine reine Verhaltenstherapie bessere Erfolge, als eine kombinierte Therapie (Lakatos & Reinecker, 2007).

Als Therapiebeispiel folgt nun eine kurze Beschreibung der kognitiven Verhaltenstherapie bei Zwangserkrankungen von Lakatos & Reinecker. Diese hat sich in den letzten Jahren als wirksam erwiesen und wurde bereits mehrfach evaluiert. Tabelle 1 zeigt einen Überblick über die verschiedenen Schritte innerhalb der Therapie.

Tabelle 1: Therapieschritte der kognitiven Verhaltenstherapie (erst. v. Verf.)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1 soll lediglich einen Eindruck des Aufbaus der Therapie vermitteln. Eine ausführlichere Darstellung würde den Rahmen dieser Hausarbeit überschreiten. Da allerdings der Punkt der „Durchführung spezieller Techniken“ besonders interessant für das Verstehen des Unterschiedes der Therapien von zwanghafter Persönlichkeit und Zwangsstörung ist, sollen an dieser Stelle einige Beispiele dafür genannt werden.

Der Dreh- und Angelpunkt einer Zwangsstörung sind die Zwangsgedanken und -handlungen. Diese zum Abklingen zu bringen, ist das Hauptanliegen der Therapie. Da wären beispielsweise die so genannten „katastrophisierenden Fehlbewertungen“ eines Patienten in Form bestimmter Gedanken:

- „Ich darf so etwas nicht denken, sonst passiert es auch/sonst tue ich es auch.
- Ich bin nicht normal, ich werde verrückt.
- Ich verliere die Kontrolle über meine Gedanken und das heißt evtl. auch über mich.
- Solche Gedanken zeigen, dass ich gefährlich bin.

Es ist besonders wichtig, die subjektive Bedeutung zu reduzieren, die diese aufdringlichen Gedanken für die Klientinnen haben (Lakatos & Reinecker, 2007). Es muss klar werden, dass diese Gedanken nicht der Wahrheit entsprechen. Dies lässt sich glücklicherweise oft relativ einfach bewerkstelligen, indem Gedanken ausgesprochen oder absichtlich gedacht werden und dann das Ausbleiben des Unglücks thematisiert wird.

Ein anderes Beispiel sind Schuldgefühle. Sie haben einen großen Stellenwert innerhalb der emotionsfokussierenden Arbeit, denn sie stehen in vielen Fällen in unmittelbarer Beziehung zu der Zwangsstörung, z. B. der Kontrollzwang beim Autofahren: „Wenn ich ein Kind überfahren hätte, könnte ich mit dieser Schuld nicht mehr weiterleben…“. Was bei Schuldgefühlen häufig hilft, ist eine Umwälzung der Perspektiven. Hierzu gehört auch die Analyse der Selbstwirksamkeitserwartung und der Macht, die man anderen Menschen zuschreibt.

Therapie einer zwanghaften Persönlichkeitsstörung

Zwar gilt die Behandlung von zwanghaften Persönlichkeitsstörungen als schwierig, jedoch zeigen die Patienten oft eine hohe Bereitschaft, die Behandlung erfolgreich abschließen zu wollen. Ihr Durchhaltevermögen, welches ebenfalls Teil ihrer auffälligen Persönlichkeit ist, zeigt sich als prospektiv günstig in Langzeittherapien (Gumpert, 2010). Insgesamt kann man nicht erwarten, dass eine Therapie bei anankastischen Persönlichkeiten eine grundlegende Veränderung des persönlichen Stils erwirkt. Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit, also die positiven Seiten dieses Stils, haben in westlichen Kulturen eine zu große Wertigkeit und gelten als gelungene Anpassungsleistung. Eher effektiv ist ein Konflikt-Management, vor allem wegen der Beziehungsprobleme der Patienten. Ein spezielles Therapiemodell für die Behandlung der anankastischen Persönlichkeitsstörung gibt es nicht, allerdings bietet Fiedler (2000) einen differenzierten Überblick über die Therapiekonzepte, die zur Behandlung von Patienten mit Persönlichkeitsstörungen entwickelt worden sind. Das sind vor allem die Weiterentwicklungen der traditionellen Therapieschulen:

Tabelle 2: Therapiekonzepte bei Persönlichkeitsstörungen (erst. v. Verf.)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Aufgrund der ungenügenden bis fehlenden speziellen Therapiemodelle für die einzelnen Störungen empfehlen Verhaltenstherapeuten ein stark hypothesengeleitetes, am Einzelfall orientiertes Vorgehen (Turkat, 1990, zit. n. Ritz-Schulte, 2001).

Als konkretes Beispiel für eine Therapie bei Persönlichkeitsstörungen bietet sich die Psychotherapie dysfunktionaler Interaktionsstile nach Sachse (1997) an. Es basiert auf dem Konzept der Zielorientierten Gesprächspsychotherapie (ZGT), welche eine Weiterentwicklung der Gesprächspsychotherapie ist. Die ZGT ist eine klärungsorientierte Therapie. D. h., die Klärung internaler Problemdeterminanten steht im Mittelpunkt. Solche sind beispielsweise die situativen und überdauernden Verarbeitungsstrukturen einer Person oder auch ihre Überzeugungen, Werte, Motive, etc (Sachse, 1997). Der Patient soll also Eigenanteile an seinem Problem erkennen und so Schritt für Schritt das Problem definieren. Ohne ein definiertes Problem sieht Sachse keinen Weg zur Lösung. Dies stellt allerdings bei vorhandener Ich-Syntonie ein besonderes Problem dar.

Im weiteren Therapieverlauf sollen dann die Ziele und Motive des Patienten explizit bezeichnet werden. Dabei geht es nicht so sehr um die Gedanken und Gefühle selbst, sondern um deren Bedeutung für den Patienten (Beispiel Prüfungsangst: Nicht die Angst an sich ist entscheidend, sondern der Grund für die Angst).

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Ende der Leseprobe aus 101 Seiten

Details

Titel
Ich kann nicht anders! Wie Zwangsstörungen das Leben beeinflussen
Autoren
Jahr
2013
Seiten
101
Katalognummer
V264815
ISBN (eBook)
9783656539988
ISBN (Buch)
9783956871122
Dateigröße
1211 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
zwangsstörungen, leben
Arbeit zitieren
Alice Herwig (Autor)Sascha Krüger (Autor)Undine Thiemeier (Autor)Silke Bachert (Autor), 2013, Ich kann nicht anders! Wie Zwangsstörungen das Leben beeinflussen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/264815

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